Giacinto Scelsi

satie (25.02.2008, 19:57):
Meine Lieben, da ich momentan so sehr in der Arbeit stecke und hier entsprechend wenig bis gar nicht schreibe, könnte der Eindruck entstehen, ich sei gestorben. Um das zu widerlegen, starte ich mal einen neuen Beitrag zu einem zeitegenössischen Komponisten der besonderen Art, der hier so weit ich mich erinnere noch überhaupt gar nie genannt wurde.


http://www.sequenza21.com/uploaded_images/Giaconti_Scelsi500750-763239.jpg
(So unterschrieb Scelsi immer)

Ich eröffne diesen Thread deshalb, weil Scelsi eine der kontroversesten Figuren der zeitgenössischen Musik war und vor allem auch, weil er einen völlig eigenen Stil hatte, der weder mit Serialismus noch mit Neoromantik oder Klassizismus etwas zu tun hatte. Scelsi könnte man am ehesten in eine Reihe mit Komponisten wie Scriabin und vielleicht auch Wagner (in gewissem Sinne) stellen. Dennoch: zeitgenössische Musik, zweifellos eine, die erhört werden will, die offene Ohren benötigt. Doch zunächst mal der übliche Smalltalk über den Prominenten:
(* 8. Januar 1905 auf dem Familienschloss der Familie Scelsi bei La Spezia, Italien; † 9. August 1988 in Rom; vollständiger Titel und Name: Conte Giacinto Francesco Maria Scelsi d’Ayala Valva)
(aus Wikipedia übernommen)
Scelsi war also ein Adliger, was ihm bereits extrem viele Nachteile einbrachte, so etwa den Hass eines Luigi Nono, auch verfügte Scelsi über ein gewisses Vermögen, was ihm eine ganz besondere Arbeitsweise ermöglichte:
Scelsi komponierte nicht wie andere auf dem Papier, sondern er komponierte seine Stücke aus dem Moment heraus auf einer "Onduline" (irgend ein elektronisches Instrument), diese Improvisationen wurden dabei auf Band aufgezeichnetund von einem Assistenten anschließend instrumentiert und notiert. Leider fällt mir der Name seines bekanntesten Assistenten nicht mehr ein, der in der Folge an die Öffentlichkeit ging und behauptete, Scelsi selber hätte gar nichts beigetragen zu den Stücken, die seien alle von ihm (dem Assistenten). Ganz so scheint es nicht gewesen zu sein, allerdings kann man bei Scelsi tatsächlich nicht sagen, wieviel nun von ihm ist und wieviel als Verdienst des Assistenten betrachtet werden kann. Wollen wir es mal so betrachten: der Name Scelsi steht für eine Symbiose von ihm und seinem Assistenten, die als Ergebnis beeindruckend ist, Urheberschaft hin oder her: die Musik ist Prozesshaft, extrem konzentriert und klingt mitunter wie etwas nie da gewesenes. Lange Klangbänder verformen sich kontinuierlich, mal sind sie wie ein enger mikrotonaler Cluster, mal hört man gar einen Durakkord heraus, der sich sogleich wieder verformt etc. Stücke wie "Okanagon" (die Darstellung des Herzschlags der Erde) gehen einem unglaublich unter die Haut, wenn man sich auf sie einlässt. Oder das geradezu verblüffend einfache Prinzip eines Stücks wie "Ko tha", die einfach fesselnd ist, wenn man nur offen genug hinhört (bei diesem Stück wird praktisch nur auf eine Gitarre geschlagen, die auf den Knien des Interpreten liegt; dabei entsteht neben dem interessanten Klang eine Vielfalt von komplexen Rhythmen - hier lässt meine Beschreibung keine adäquate Wiedergabe zu, es klingt blöd, ist es aber gar nicht... einfach anhören!).
Ein so eigenwilliger Stil gehört natürlich zu einem sehr eigenwilligen Menschen. So weiß man von Scelsi relativ wenig, er wollte nichts preisgeben von sich. So existiert etwa kein einziges Foto von ihm (kein bekanntes jedenfalls). Mein Lehrere Walter Zimmermann wollte Scelsi damals auflauern und ihn heimlich fotografieren. Jedes Bild auf dem Film war entweder durch einen seltsamen Lichteinfall unkenntlich oder so stark unter- bzw. überbelichtet, dass keins der Bilder Scelsi erkennen ließ. Spooky, was?
Auch glaubte Scelsi wohl fest daran, schon früher gelebt zu haben, zur Zeit der Assyrer z. B.
Dann wollte Scelsi unbedingt am 8.8.1988 sterben (wirklich wahr!). Er legte sich draußen im größten Mistwetter hin und hoffte, zu sterben. Es hat nicht funktioniert, er wurde nicht krank und ging enttäuscht ins Bett. Am Tag darauf starb er dann.....

Doch genug der Kuriositäten. Scelsis Musik ist eine Entdeckung wert, vielleicht ist nicht alles so der Brüller, aber ich empfehle ihn durchaus all jenen, die z.B. mit dem Serialismus nichts anfangen können. Scelsi ist völlig eigen.

Wer kennt Stücke von ihm? Gute Aufnahmen?

Mehr zu Scelsi:
http://www.classical.net/music/comp.lst/acc/scelsi.html
(Ha, gibt es doch ein Bild! Aber ein Jugendfoto...) In English

Oder auf deutsch:
http://www.komponisten.at/komponisten/251.html

Herzliche Grüße,
S A T I E
Cetay (inaktiv) (25.02.2008, 21:54):
Original von Satie

Wer kennt Stücke von ihm? Gute Aufnahmen?



Zunächst:
Maknogan. Das "Instrument Grave Ou Voix De Bas" ist hier ein Baritonsaxophon
Tre Pezzi in der Version für Sporansaxophon
Ixor (für Klarinette) mit Sopransaxophon

Alles findet sich auf der BIS-CD:

http://www.euravent.co.uk/acatalog/SL079A.jpg Hörproben:

Dann:
Vier Illustrationen zu den Verwandlungen Vishnus auf dem ECM-Recital von Werner Bärtschi.

http://www.ecmrecords.com/Images/cover/New_Series/1300/N1377g.jpg

Ich finde Scelsi ist eine absolut faszinierende Erscheinung.

Original von http://www.scelsi.de/scelsi.html
Über Musik erfährt der Mensch eine intuitive Verbindung zum Tanszendenten, was nach östlicher Religion und Philosophie gleichzusetzen ist mit dem Ausklammern der eigenen schöpferischen Persönlichkeit.
Wegen solcher Aussagen wird Scelsi oft in die Ecke der Scharlatane gestellt. Ich kann SATIE nur beipflichten: Ohren öffen und die Wirkung dieser Musik erleben! Was dabei auch dabei heraus kommt, an der Einzigartigkeit von Scelsi ändert sich dadurch nichts. Warum ich nur so ein bescheidenes Hörprepertoire habe, erklärt sich wie immer: Es gibt einfach viel zu viel gute Musik da draussen.
uhlmann (26.02.2008, 10:40):
danke satie (nils) für diesen thread!

noch einige informationen:

scelsis kunst hat sich völlig abseits der üblichen zentren der neuen musik (darmstadt, donaueschingen,…) entwickelt. sein werk wurde erst in den 1980ern, gegen ende seines lebens, einer breiteren öffentlichkeit bekannt.

scelsis musik beruht auf dem phänomen "klang". er begreift den klang jedoch nicht als einfache bezeichnung für tonhöhe oder frequenz, sondern in viel komplexerer form als energetische quelle, als quelle für das leben an sich. er ist auf der suche nach der "inneren tiefe des klangs".

bedenkt man diesen ansatz, ist es natürlich kein zufall, dass scelsi sich niemals dem serialismus, der avantgarde der 50er und 60er, zuwandte, sondern eher außereuropäische einflüsse auf sein werk suchte. diese tatsache ist wohl einer der gründe, warum scelsi heute ein relativ populärer komponist ist. serialismus ist out, man besinnt sich wieder mehr auf klanglich geprägte als auf mathematisch geprägte musik. so gesehen paßt scelsi gut in unsere zeit.

dass scelsi heute populär ist, zeigt auch ein blick auf die für einen modernen komponisten sehr umfangreiche diskographie. eine suche bei jpc ergab immerhin 24 treffer, zum vergleich dallapicolla nur 10, lachenmann 14, stockhausen 20.


für "einsteiger" gut geeignet ist diese cd:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/4010228667226.jpg

kammermusik, die eher die rhythmische seite in scelsis musik betont. einige der stücke klingen fast jazz-artig, andere eher spirituell, sehr interessant jedenfalls.



http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203948529.jpg

ein must-have, zumal zu einem sehr günstigen preis (5,99), ist zenders aufnahme des klassikers "quattro pezzi su una nota sola".



http://www.jpc.de/image/w600/front/0/4010228612721.jpg

interessant, wenn auch etwas schwer verdaulich, sind die "canti del capricorno". angeregt durch die bekanntschaft mit der sängerin michiko hirayama setzte sich scelsi mit den möglichkeiten der menschlichen stimme auseinander.
Cetay (inaktiv) (26.02.2008, 20:27):
Original von uhlmann
serialismus ist out, man besinnt sich wieder mehr auf klanglich geprägte als auf mathematisch geprägte musik. so gesehen paßt scelsi gut in unsere zeit.


Die Ironie dabei ist, dass Ohoi, das Auftaktstück der u.a. CD, frappierend nach Xenakis klingt - dem "mathematischten" Komponisten überhaupt.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/610SZ94G45L._AA240_.jpg
Sarastro (17.06.2008, 23:43):
Original von Satie

Ein so eigenwilliger Stil gehört natürlich zu einem sehr eigenwilligen Menschen. So weiß man von Scelsi relativ wenig, er wollte nichts preisgeben von sich. So existiert etwa kein einziges Foto von ihm (kein bekanntes jedenfalls). Mein Lehrere Walter Zimmermann wollte Scelsi damals auflauern und ihn heimlich fotografieren. Jedes Bild auf dem Film war entweder durch einen seltsamen Lichteinfall unkenntlich oder so stark unter- bzw. überbelichtet, dass keins der Bilder Scelsi erkennen ließ. Spooky, was?
Auch glaubte Scelsi wohl fest daran, schon früher gelebt zu haben, zur Zeit der Assyrer z. B.
Dann wollte Scelsi unbedingt am 8.8.1988 sterben (wirklich wahr!). Er legte sich draußen im größten Mistwetter hin und hoffte, zu sterben. Es hat nicht funktioniert, er wurde nicht krank und ging enttäuscht ins Bett. Am Tag darauf starb er dann.....



Lieber Satie,
hatte er sich gewisse japanische Zenmeister zum Vorbild genommen, die an vorherbestimmten Tagen freiwillig (und ohne Gewaltanwendung) aus dem Leben schieden?
Daß Versuche, ihn zu photographieren, gescheitert sind, erinnert mich spontan an eine Episode, die Lama Anagarika Govinda, ein Buddhist deutschen Ursprungs (1898-1985), in seinem Buch "Der Weg der weißen Wolken" (viele Auflagen, ich zitierte nach der achten von 1983), S. 65 schildert. Hier beschreibt er genau das Phänomen, das Du von Scelsi berichtest, in bezug auf seinen tibetischen Lehrer Tomo Gesche Rimpotsche:

"Sonderbarerweise ist es niemandem je gelungen, eine photographische Aufnahme von Tomo Gésché Rimpotsché zu machen, obwohl (...) viele es heimlich zu tun versuchten, da sie wußten, daß der Guru nicht damit einverstanden war. Das Resultat war jedoch immer dasselbe: entweder stellte sich heraus, daß der Film nichts registriert hatte oder bis zur Unkenntlichkeit verschwommen war, oder daß sonst irgend etwas damit passiert war. Was immer die Ursache sein mochte, das Gesicht des Guru wurde auf keinem Film sichtbar."

Govinda berichtet übrigens in seinem Buch auch von Leuten, die sich an frühere Existenzen erinnern konnten. Da Dox ein Werk "Vier Illustrationen zu den Verwandlungen Vishnus" genannt hat, würde mich von daher eine gewisse indisch und fernöstlich angehauchte Spiritualität nicht wundern.

Herzliche Grüße,
Sarastro
satie (18.06.2008, 07:23):
Lieber Sarastro,
das ist ja wirklich eine schon unheimliche Parallele. Indisches Denken ist bei Scelsi ein sehr wichtiger Einfluss, wenn auch nicht nur dieses. Er selber sah ja auch eine gewisse Nähe seines Werks zu dem von Wagner und Skriabin, und ich finde, dass man das schon verstehen kann. Diese synkretistische Mystik ist irgendwie bei allen dreien vorhanden.

Herzlich,
S A T I E
Nordolf (18.06.2008, 23:15):
Hallo!

Erstmal herzlichen Dank an Satie dafür, das er mich auf diesen interessanten Komponisten aufmerksam gemacht hat! Besonders der erste Teil der Scelsi-Collection des Labels Stradivarius mit Interpreten aus Italien ist mir ans Herz gewachsen:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/8011570338013.jpg
(auch jpc scheint vom "Scelsi'schen Unschärfe-Fluch" getroffen zu sein - das Cover ist merkwürdig verschwommen... :ignore)

Maknongan (1976)
Bassflöte: Roberto Fabbriciani

Quartetto N. 2 (1961)
Streichquartett Turin

Riti: I Funerali D'Achille (1962)
Percussion: Pietro Bertelli, Luca Carrara, Davide Michieletto, Gianfranco Tedeschi

Quattro Illustrazioni Sulle Metamorfosi Di Vishnu (1953)
Piano: Fabrizio Ottaviucci

Riti: I Funerali Di Carlo Magno A. D. 814 (1976)
Cello: Francesco Ricevuto
Percussion: Pietro Bertelli, Luca Carrara, Davide Michieletto, Gianfranco Tedeschi

Aufnahmejahr: 2005


Die fünf Kompositionen auf der CD wurden unter dem Motto "Ritus und Klang" zusammengestellt - eine Verbindung, die für Scelsi sehr bedeutsam gewesen ist. Die Äußerungen Scelsis dazu zeigen exemplarisch die mystisch-okkulte Seite seiner Kunst. Er spricht davon, das materielle Gaben immer nur an kleine Götter geopfert werden können, während ein Opfer an die großen Götter allein musikalisch, nur die Musik selbst sein kann. Der Interpret opfert sich quasi selbst, indem er die Musik realisiert - er soll das Edelste und Verborgenste in seiner Natur hingeben. Scelsi führt die Upanischaden als Beispiel an, in denen es heißt, die Götter würden verschwinden, wenn ihnen nicht die richtigen Gesänge dargeboten würden.

Das Wort "Maknongan" stammt aus dem Phillipinischen und bedeutet so etwas wie "schöpferische Gottheit". Das Stück ist für ein Bassinstrument oder eine Basstimme geschrieben. Auf dieser CD erklingt eine Bassflöte, die einen durchgehenden, ruhig wabbernden Teppich erzeugt - eine musikalische Struktur ist für mich nicht sofort erkennbar. Es wirkt eher wie eine Ahnung von Musik - letztlich also sehr archaisch. Die Töne erheben sich noch zaghaft aus dem Urschlamm.

Völlig fasziniert bin ich von dem Streichquartett Nr. 2, in dem diese langen intervallartigen Klangschleifen erzeugt werden, die ständige Umformungen erleben und so typisch für Scelsi sind. Teilweise habe ich den Eindruck Anklänge an östliche Ritualmusiken oder gar Sitarklänge zu vernehmen. Es wirkt fast, als würden die vier Streicher in einer Art Trance oder Meditation miteinander vibrieren, summen, chanten. Dieses seltsame Werk hat mich gleich in seinen Bann gezogen.

Der "Begräbnisritus für Achilleus" ist ebenfalls Trancemusik par excellence - die vier Schlagwerker spielen einen langsamen repetativen Rhythmus, der eine hypnothische Wirkung entfaltet. Hohe ritualglockenartige und prägnante tiefe Schlagtöne wechseln in einem stetigen Aufundab. Auf der Bühne sollte nach den Anweisungen Scelsis einer der Musiker die Maske des Führers der Begräbnisprozession tragen.

Die "Vier Bilder von den Verwandlungen des Gottes Vishnu" beziehen sich natürlich auf die indische Mythologie. Vergrübelt, weitgehend introvertiert, versunken - so wirken diese Klaviertöne auf mich. Auch hier soll wieder eine versenkende, hypnothische Stimmung induziert werden.

Im "Trauermarsch für Karl den Großen im Jahre 814" erzeugt allein das Cello einen Rhythmus, während die Perkussionsinstrumente diesen Streicher mit grollenden, gewittrigen Begleittönen illustrieren. Diese Komposition erscheint mir wie ein steinernen Relikt aus dem frühen Mittelalter: - statisch, archaisch und in gewisser Weise durchaus monumental. Der ritualistische Charakter liegt hier ebenfalls offen zu Tage.

Ich habe den Eindruck, das Scelsi eine Art postmoderne Ritualmusik geschrieben hat. Das Mythologisch-Mystisch-Okkulte ist wie kaum bei einem anderen Komponisten ganz direkt in die Kompositionen eingeflossen. Die Intentionen von Wagner und Scriabin liegen tatsächlich nicht weit von Scelsi entfernt.

Herzliche Grüsse!
Jörg
uhlmann (19.06.2008, 12:16):
zum thema indien passt eine komposition scelsis, die ich in den letzten tagen und wochen immer wieder gehört habe: aion, komponiert 1961 für orchester. das stück trägt den untertitel "vier episonden aus einem tag brahmas" (laut beiheft meiner aufnahme ist ein tag brahmas aber ca. 90.000 jahre).

das werk ist in 4 sätzen angelegt und obwohl es nur ca. 20 minuten lang ist, trägt es wahrhaft epische züge. scelsi schafft es in dieser kurzen zeit ein ganzes leben vorbeiziehen zu lassen. verantwortlich dafür ist die ungeheuer suggestive musik, die in ihrer dichte geradezu erstaunlich ist. von beginn weg zieht es dich da richtig rein, für mich ist das immer wieder ein ganz intensives erlebnis.

ich habe eine aufnahme des rso krakau unter jürg wyttenbach, die aber wohl momentan nicht erhältlich ist (und ich weis nicht, ob es sonst aufnahmen des stücks gibt):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/31FVEEE9THL._SL500_AA240_.jpg
Cetay (inaktiv) (14.12.2008, 16:54):
Original von Satie
So weiß man von Scelsi relativ wenig, er wollte nichts preisgeben von sich. So existiert etwa kein einziges Foto von ihm (kein bekanntes jedenfalls).

Hier behauptet jemand, ein Photo zu haben. Ob es echt ist, weiß ich nicht, aber die irren Augen würden ganz gut zu Scelsi passen. :cool
Der Artikel enthält auch viele interessante Links für eine weitere Beschäftigung mit dem Komponisten.
thwinter12 (21.03.2009, 23:32):
Original von Dox Orkh
aber die irren Augen würden ganz gut zu Scelsi passen. :cool
Diese hier sicher auch:


Servas,
Thomas
satie (21.03.2009, 23:42):
Aus jungen Jahren gibt es schon Bilder von ihm, aber keines aus der Zeit, als er wirklich bekannt war. Entscheidend ist, dass er auf keinen Fall fotografiert werden wollte. Was dahinter steckt, weiß ich nicht. Entweder glaubte er an die Gefangennahme seiner Seele oder aber er fand sich einfach nur unfotogen, was zu einem aristokratischen Herrn von kleiner Gestalt ja auch passen kann.
Nordolf (10.11.2011, 17:14):
Original von uhlmann
zum thema indien passt eine komposition scelsis, die ich in den letzten tagen und wochen immer wieder gehört habe: aion, komponiert 1961 für orchester. das stück trägt den untertitel "vier episonden aus einem tag brahmas" (laut beiheft meiner aufnahme ist ein tag brahmas aber ca. 90.000 jahre).

das werk ist in 4 sätzen angelegt und obwohl es nur ca. 20 minuten lang ist, trägt es wahrhaft epische züge. scelsi schafft es in dieser kurzen zeit ein ganzes leben vorbeiziehen zu lassen. verantwortlich dafür ist die ungeheuer suggestive musik, die in ihrer dichte geradezu erstaunlich ist. von beginn weg zieht es dich da richtig rein, für mich ist das immer wieder ein ganz intensives erlebnis.

ich habe eine aufnahme des rso krakau unter jürg wyttenbach, die aber wohl momentan nicht erhältlich ist (und ich weis nicht, ob es sonst aufnahmen des stücks gibt):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/31FVEEE9THL._SL500_AA240_.jpg


Ich höre gerade das Stück "Aion". Es ist wirklich grandiose, hypnothische Musik. Uhlmann hat sie sehr gut beschrieben: - das Suggestive würde ich der gesamten Musik Scelsis attestieren. Diese lange Intervalle geben den Klängen einen hineinziehenden, ja anrufenden Charakter. Die bei "Aion" groß besetzten Blechbläser erinnern mich stark an buddhistische Ritualmusik.

Im Gerade-hören-Faden habe ich diese 3-CD-Box schon mehrfach empfohlen, in der sich auch die oben von Uhlmann gehörte Aufnahme befindet:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51iTOz6yPkL._SS500_.jpg

Aion / Pfhat / Konx-Om-Pax / Quattro Pezzi Per Orchestra / Anahit (Poeme Lyrique Dedie A Venus) / Uaxuctum / Hurqualia / Hymnos / Chukrum

Jürg Wyttenbach / Orchestre de la Radio-Television polonaise de Cracovie
Choeur de la Philharmonie de Cracovie
1988 - 1990

Es handelt sich um hervorragend aufgenommene, klare, deutlich umrissene Interpretationen, die eine große räumliche Wirkung entfalten. Ich kann mir die Musik von Scelsi gar nicht besser vorstellen. Diese ganz eigenen ritualistischen, mystisch-surrealen und entrückten Stimmungen seiner Werke kommen hier perfekt zur Geltung. Die Box ist auf Amazon für um die 20 Euro erhältlich.

Herzliche Grüße!
Jörg
Cetay (inaktiv) (10.08.2014, 13:16):
Original von Nordolf
Original von uhlmann
zum thema indien passt eine komposition scelsis, die ich in den letzten tagen und wochen immer wieder gehört habe: aion, komponiert 1961 für orchester. das stück trägt den untertitel "vier episonden aus einem tag brahmas" (laut beiheft meiner aufnahme ist ein tag brahmas aber ca. 90.000 jahre).

das werk ist in 4 sätzen angelegt und obwohl es nur ca. 20 minuten lang ist, trägt es wahrhaft epische züge. scelsi schafft es in dieser kurzen zeit ein ganzes leben vorbeiziehen zu lassen. verantwortlich dafür ist die ungeheuer suggestive musik, die in ihrer dichte geradezu erstaunlich ist. von beginn weg zieht es dich da richtig rein, für mich ist das immer wieder ein ganz intensives erlebnis.

ich habe eine aufnahme des rso krakau unter jürg wyttenbach, die aber wohl momentan nicht erhältlich ist (und ich weis nicht, ob es sonst aufnahmen des stücks gibt):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/31FVEEE9THL._SL500_AA270_.jpg


Ich höre gerade das Stück "Aion". Es ist wirklich grandiose, hypnothische Musik. Uhlmann hat sie sehr gut beschrieben: - das Suggestive würde ich der gesamten Musik Scelsis attestieren. Diese lange Intervalle geben den Klängen einen hineinziehenden, ja anrufenden Charakter. Die bei "Aion" groß besetzten Blechbläser erinnern mich stark an buddhistische Ritualmusik.

Im Gerade-hören-Faden habe ich diese 3-CD-Box schon mehrfach empfohlen, in der sich auch die oben von Uhlmann gehörte Aufnahme befindet:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51iTOz6yPkL._SL500_AA270_.jpg



Es exitiert noch eine Aufnahme mit dem Ensemble Di Percussioni Naqqara und dem Orchestra Sinfonica Nazionale Della RAI unter der Stabführung von Tito Ceccherini. Die hörte ich gerade und muss das zum Anlass nehmen, diesen Faden wieder hochzuspülen. Uhlmann hat das Stück schon bestmöglich beschrieben, da gibt es nichts zu ergänzen - mit dem üblichen Rezensionslatein kommt man auch nicht annähernd an die suggestive Urkraft dieser Musik heran. Ich ziitiere mich selbst: Irgendwie ist die Erfahrung mit Scelsi fast immer die gleiche. Ich lege irgendeine CD ein (oder ströme eine Datei), frage mich noch kurz, ob das eigentlich Kunst ist, bevor ich völlig eingetaucht bin -und gebannt bis zum Ende bleibe- in eine Art klangliche Parallelwelt, die mit ihren eigenartigen Harmonien auf Sphären jenseits der normalen Wahrnehmung verweist. Ich ergänze: Bei manchen Stücken ist diese Erfahrung ganz besonders ausgeprägt. Aion gehört zweifellos dazu. Ich stimme zu, dass das für Wagnerianer etwas sein könnte.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/415vLCmBKdL._SL500_AA270_.jpg
Collection Vol. 3 - Aion / Hymnos / Quattro pezzi per orchestra / Ballata
Cetay (inaktiv) (06.12.2016, 19:16):
Als ich vor bald 9 Jahren erstmalig auf diesem Brett geschrieben habe, konnte ich nicht mal eine Hand voll Werke nennen. Heute ist Scelsi einer der wichtigsten Eckpfeiler meiner musikalischen Passion.

Leider ist die Durchdringung von Scelsis Opus genau so dickichthaft verschlungen wie seine Musik. Bisher hat sich noch kein Hoboken oder Köchel erbarmt, das Gestrüpp zu lichten. Meist sieht man den kryptischen Werktiteln nicht an, ob es sich um ein Orchester- oder Vokal- oder Kammermusikwerke handelt. Wenn man es erkennen kann, dann wird man leicht in die Irre geführt und verortet das gedanklich in die falsche Schaffensperiode. Davon gibt es vier* (konventionell (1929-'48), improvisatorisch ('52-'59), charakteristisch ('60-'69) & asketisch ('70-'85)), deren Charakteristika und Hauptwerke bei Classical Net deliziös beschrieben sind - die Quelle für eine systematische Exploration dieses sonderbaren Parallel-Musikkosmos. Dass die Klaviersuite Nr. 11 in die zweite Periode gehört, während das 2. Streichquartett der dritten zugerechnet wird, ist freilich nicht unbedingt naheliegend. Mal sehen, vielleicht mache ich mir ein systematisches Werkverzeichnis (CetV) zur Lebensaufgabe, wenn ich zum Brötchenverdienen nicht mehr buckeln gehen muss. So schwer kann das ja nicht sein: Zuerst macht man wie weiland Hoboken eine Grobklassifizierung in Werkgruppen, etwa: Ia. Klaviersonaten, Ib. Klaviersuiten, Ic. Klavier (andere) II. Streichquartette, IIIa. Soloinstrument, IIIb. Kammermusik mit Bläsern, IIIc. Kammermusik (andere) VI. Orchester, Va. Chor & Instrumente, Vb. Vokalmusik mit Instrumenten, VIa. Chor (allein), VIb. Vokalensemble, VIc. Vokalsolo. Dann fügt man einen Buchstaben (A-D) für die Schaffensperiode dazu und dann eine chronologische Nummer.

Dann hätten wir beispielsweise: Poems, CetV Ic.A3 oder Piccola Suite, CetV IIIb.B1. Mist, jetzt bin ich fast schon fertig und muss mir was anderes für den Ruhestand suchen...

*mancherorts -wenn die letzte nochmals unterteilt wird- auch fünf
Vinding (06.12.2016, 21:35):
Nicht dass Du Dir umsonst Mühe machst und das Verzeichnis von Herrn Riehn womöglich brauchbar ist....ich kenn es nicht, habe mich nur erinnert dass ich seinerzeit mal überlegt hat das Buch/Heft zu kaufen, hab mir dann aber überlegt, dass bei mir nicht nur ein Berg Ungehörtes, sondern auch ein Berg Ungelesenes abzuarbeiten ist....
Nicolas_Aine (06.12.2016, 23:39):
Und bevor du anfängst: Geh an eine Uni, für so ein Verzeichnis kannst du afaik einen Doktortitel bekommen :D
Cetay (inaktiv) (07.12.2016, 08:45):
Oh Mist, ich hätte das nicht hier schreiben sollen, jetzt hat bestimmt schon jemand die Idee kopiert - so wie es für Doktorarbeiten üblich ist. :D
Nicolas_Aine (07.12.2016, 08:53):
ich kenn mich da ja nicht aus, aber kopiert man nicht erst fertige Doktorarbeiten? :D
Cetay (inaktiv) (16.01.2018, 16:24):
Ich bin bekennender Quartalsscelsianer. Auf Phasen langer Abstinenz folgen immer wieder exzessive Phasen, in denen ich kaum etwas anderes hören will. Im Laufe der Zeit hat sich herauskristallisiert, dass mir die kleinen Besetzungen, insbesondere die Solowerke mehr liegen. Weiter oben wurde konstatiert, dass bei den großen Orchesterwerken ein gewisses Borderlining in Richtung Wagner zu verzeichnen ist - in dieser Hinsicht sind instrumentale Alleingänge natürlich unverdächtig. Ganz besonders gefallen mir die Werke für Streicher, namentlich Violine solo, Viola solo und Kontrabass solo. Mode records hat das dankenswerterweise komplett und hochkarätig eingespielt. Wenn ich diese Platten allerdings jemandem schmackhaft machen sollte, indem ich sie beschreibe, dann müsste ich passen. Mit dem Vokabular, das westlich-harmonisch konditionierte Hirne verstehen, komme ich dem nicht bei:



Werke für Viola
Vincent Royer (Viola & Stimme)
Manto
Coelocanth
Elegia per Ty
+ Séverine Ballon (Violoncello)
Three Studies
Xnoybis



Werke für Kontrabass
Robert Black
Nuits
Et maintenant c'est à vous de jouer
Ko-Tha "Three Dances Of Shiva"
Dharana
+ Felix Fan (Violoncello)
Maknongon für tiefes Instrument oder Bassstimme
Kshara
+ John Eckhardt (Kontrabass)
Okanagon
+ June Han (Harfe) & Tom Kolor (Tamtam)
Mantram



Werke für Violine solo
Weiping Lin
Divertimento Nr. 4
L'âme ailée
L'âme ouverte
Divertimento Nr. 2
Xnoybis
Divertimento Nr. 3
Andréjo (10.03.2021, 18:04):
Diesen Faden - den ich soeben zügig durchgegangen bin - will ich mal aufwärmen:

Zur Zeit setze ich mich ein klein wenig mit Morton Feldman und Giacinto Scelsi auseinander. Da sehe ich Berührungspunkte.

Im anderen Forum - trotz seiner Größe bezüglich Scelsi eher sparsam :P :) - habe ich gestern eine noch unbeantwortete These in den Raum gestellt, die ich hier mal im Auszug zitieren will - ist natürlich ein wenig schroff und unrein:

Ich sehe ein eigenwilliges Pendant zu dem wohl weniger geheimnisvollen Morton Feldman. Scelsi, der dem einen Ton nachhört - vom Ein-Ton-Komponisten liest man des Öfteren -, Feldman, der nicht die vergehende Zeit in seiner Musik erfahren will, sondern die Zeit als räumlich darstellbare Größe per se abzubilden gedenkt. Zwei weitere moderne Minimalisten neben der "russischen Schule" und dem "Kreis um Steve Reich" - die Anführungszeichen mögen Präzision ersetzen ... Ich möchte diese vielleicht simplifzierenden Thesen mal in den Raum stellen

Gibt es Meinungen seitens der Liebhaber dahier?

:) Wolfgang
Joe Dvorak (10.08.2023, 12:25):
Scelsi komponierte nicht wie andere auf dem Papier, sondern er komponierte seine Stücke aus dem Moment heraus auf einer "Onduline" (irgend ein elektronisches Instrument), diese Improvisationen wurden dabei auf Band aufgezeichnetund von einem Assistenten anschließend instrumentiert und notiert. Leider fällt mir der Name seines bekanntesten Assistenten nicht mehr ein, der in der Folge an die Öffentlichkeit ging und behauptete, Scelsi selber hätte gar nichts beigetragen zu den Stücken, die seien alle von ihm (dem Assistenten). Ganz so scheint es nicht gewesen zu sein, allerdings kann man bei Scelsi tatsächlich nicht sagen, wieviel nun von ihm ist und wieviel als Verdienst des Assistenten betrachtet werden kann.
Mittlerweile weiss man mehr, nachdem im Jahr 2012 die Ondiola-Aufnahmen der bis dahin hermetisch abgeriegelten Fondazione Isabella Scelsi in Rom der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. "Der Komponist Uli Fussenegger hörte sich die gesamte bis dahin digitalisierte Sammlung von Tonbändern an – das sind über 600 Stunden Musik – und stieß, neben gänzlich unbekanntem Material, auch auf Tonbandquellen von Stücken, die wir in ihrer transkribierten, instrumentierten Form als Scelsis Kompositionen kennen. Zudem entdeckte er Tonbänder mit unterschiedlichen Varianten und Entwicklungsstadien dieser Stücke. Ging man in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch größtenteils von reinen Improvisationen aus, die dann von Assistenten verschriftlicht wurden, wiesen diese Bänder eindeutig auf kompositorische Vorgänge in Scelsis Arbeitsprozess hin. Eine Tatsache, die neues Licht auf den etablierten Scelsi-Mythos wirft." Quelle: 0015024KAI_fussenegger_webbooklet.pdf (kairos-music.com)