Gilbert Kaplan und Mahlers 2.

Rolf Scheiwiller (01.04.2006, 18:42):
Guten Abend.
In meinem Regal befinden sich zwei Einspielungen von Mahlers 2. Sinfonie die etwas haben was allen andern Aufnahmen fehlt.
Sie werden von einem Mann dirigiert, der etwas macht, das noch nie gesehen wurde.
Dieser Gilbert Kaplan dirigiert ausschliesslich NUR dieses Werk.
NICHTS anderes!
Kaplan ist ein amerikanischer Multimillionär, der früher an der Wall Street als Banker arbeitete.
Eines Tages besuchte er eine Aufführung eben dieser Sinfonie.
Ab diesem Tag war alles anders. Diese Musik hat ihn dermassen gefangengenommen, dass er seinen Job aufgab,und sich ausschliesslich diesem Werk widmete.
Er las alles was er über die 2. fand. Studierte Schriften und Partituren, hörte alle verfügbaren Aufnahmen und verfiel diesem Komponisten total.

Dank seiner enormen Mittel, konnte er diese Sinfonie mit über 50 Orchester auf der ganzen Welt aufführen. Sogar in Peking.

1988 erstellte er mit dem London Symph. O. seine erste Einspielung.
Diese wurde weltweit ein ungeheurer Bestseller.
Sie blieb bis heute die meistverkaufte Mahler - Aufnahme überhaupt !

In Kaplans Besitz befindet sich die Originalpartitur, sowie der Taktstock des Komponisten und grossen Dirigenten Mahler.

Ein amerikanischer Selfmademan, dem seine Liebe zu einer einzigen Sinfonie zur Obsession wurde.

Wie denkt Ihr darüber ?
Kennt oder besitzt jemand unter Euch eine seiner beiden Aufnahmen ?

Gruss.
Rolf.
sune_manninen (05.04.2006, 17:51):
Als ich im Mai 1986 in der Londoner Royal Albert Hall ein Konzert Gilbert Kaplans und des London Symphony Orchestra mit Mahlers Zweiter angekündigt sah, ging ich mit einer gehörigen Portion Vorurteil hinein. Ein Amateur, und dann mit dieser Sinfonie? Das konnte doch nicht gut sein!

Doch ich sah mich eines Besseren belehrt. Zwar hatte ich einen sog. sichtbehinderten Platz, konnte also Kaplans Dirigat nicht beobachten, doch was beim reinen Hören herüberkam, war beachtlich, sogar außerordentlich beeindruckend. Man konnte den Eindruck gewinnen, daß der Dirigent eine persönliche Sichtweise auf das Werk hatte (also nicht die Interpretation eines "Kollegen" kopierte") und daß er in der Lage war, seine Sicht auf die Musiker zu übertragen.

Danach hörte ich Kaplan mit dieser Sinfonie noch drei Mal : in der CD-Einspielung (ebenfalls mit dem LSO) sowie Rundfunkübertragungen mit dem NDR-Sinfonieorchester (Hamburg 1995) und dem Philharmonia Orchestra London (Salzburg 1996) - der Eindruck war immer derselbe : eine ernst zu nehmende Interpretation.

Seitdem habe ich kein Dirigat mehr von Kaplan erlebt, habe jedoch gehört, daß er sein Mahler-Repertoire erweitert haben soll und jetzt auch noch das Adagio aus der 10. Sinfonie dirigiert.

Mein Eindruck : Professioneller als das, was von Justus Frantz zu hören ist.

Beste Grüße

Sune
Rachmaninov (06.04.2006, 12:25):
Original von Rolf Scheiwiller

Wie denkt Ihr darüber ?
Kennt oder besitzt jemand unter Euch eine seiner beiden Aufnahmen ?


Eine grandiose Geschichte.
Dieser Mann verwirklicht doch etwas wovon viele Menschen trümen.
Er hat die Möglichkeiten seinen Lebenstraum zu verwirklichen.

Seine Aufnahmen kennen ich zwar nicht, aber die Beschreibungen zeigen doch das sie Qualitäten aufweisen.
Telramund (06.04.2006, 13:47):
Original von Rolf Scheiwiller
Wie denkt Ihr darüber ?
Kennt oder besitzt jemand unter Euch eine seiner beiden Aufnahmen ?

Gruss.
Rolf.


Hallo Rolf,

ich habe beide Aufnahmen (die ich allerdings lange nicht mehr gehört habe).

Mein Eindruck war der, daß Kaplan sehr viel auszusagen hatte, aber daß man die neuere Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern nicht unbedingt brauchte, wenn man die mit dem LSO schon besaß.
Zwar gibt es bei der neueren Aufnahme einige kleine Änderungen in der Instrumentierung (da sie Mahlers letzten Instrumentierungswillen wiedergibt), aber die Änderungen sind marginal.
Rachmaninov (30.03.2007, 08:17):
Diese Aufnahme von G. Kaplan's Mahler #2 besitze ich mittlerweile auch.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/8844075.jpg

IMO kann man durchaus hören, dass Kaplan hier mit großem Eifer und viel Liebe zu Detail arbeitet und dennoch einen großen Bogen spannt.

Zum großen Mahlerjünger hat mich aber auch diese Aufnahme bzw. diese Sinfonie nicht gemacht!

Wie Jürgen schrieb findet er deutlich mehr gefallen an anderen Aufnahmen dieser Sinfonie.

Was sagt uns nun das alles? Eventuell kann man sich noch so intensiv mit dem vorhandenen Material befassen, irgendwo sind Grenzen dessen was man daraus und der Partitur machen kann! oder?
Rolf Scheiwiller (01.04.2006, 18:42):
Guten Abend.
In meinem Regal befinden sich zwei Einspielungen von Mahlers 2. Sinfonie die etwas haben was allen andern Aufnahmen fehlt.
Sie werden von einem Mann dirigiert, der etwas macht, das noch nie gesehen wurde.
Dieser Gilbert Kaplan dirigiert ausschliesslich NUR dieses Werk.
NICHTS anderes!
Kaplan ist ein amerikanischer Multimillionär, der früher an der Wall Street als Banker arbeitete.
Eines Tages besuchte er eine Aufführung eben dieser Sinfonie.
Ab diesem Tag war alles anders. Diese Musik hat ihn dermassen gefangengenommen, dass er seinen Job aufgab,und sich ausschliesslich diesem Werk widmete.
Er las alles was er über die 2. fand. Studierte Schriften und Partituren, hörte alle verfügbaren Aufnahmen und verfiel diesem Komponisten total.

Dank seiner enormen Mittel, konnte er diese Sinfonie mit über 50 Orchester auf der ganzen Welt aufführen. Sogar in Peking.

1988 erstellte er mit dem London Symph. O. seine erste Einspielung.
Diese wurde weltweit ein ungeheurer Bestseller.
Sie blieb bis heute die meistverkaufte Mahler - Aufnahme überhaupt !

In Kaplans Besitz befindet sich die Originalpartitur, sowie der Taktstock des Komponisten und grossen Dirigenten Mahler.

Ein amerikanischer Selfmademan, dem seine Liebe zu einer einzigen Sinfonie zur Obsession wurde.

Wie denkt Ihr darüber ?
Kennt oder besitzt jemand unter Euch eine seiner beiden Aufnahmen ?

Gruss.
Rolf.
sune_manninen (05.04.2006, 17:51):
Als ich im Mai 1986 in der Londoner Royal Albert Hall ein Konzert Gilbert Kaplans und des London Symphony Orchestra mit Mahlers Zweiter angekündigt sah, ging ich mit einer gehörigen Portion Vorurteil hinein. Ein Amateur, und dann mit dieser Sinfonie? Das konnte doch nicht gut sein!

Doch ich sah mich eines Besseren belehrt. Zwar hatte ich einen sog. sichtbehinderten Platz, konnte also Kaplans Dirigat nicht beobachten, doch was beim reinen Hören herüberkam, war beachtlich, sogar außerordentlich beeindruckend. Man konnte den Eindruck gewinnen, daß der Dirigent eine persönliche Sichtweise auf das Werk hatte (also nicht die Interpretation eines "Kollegen" kopierte") und daß er in der Lage war, seine Sicht auf die Musiker zu übertragen.

Danach hörte ich Kaplan mit dieser Sinfonie noch drei Mal : in der CD-Einspielung (ebenfalls mit dem LSO) sowie Rundfunkübertragungen mit dem NDR-Sinfonieorchester (Hamburg 1995) und dem Philharmonia Orchestra London (Salzburg 1996) - der Eindruck war immer derselbe : eine ernst zu nehmende Interpretation.

Seitdem habe ich kein Dirigat mehr von Kaplan erlebt, habe jedoch gehört, daß er sein Mahler-Repertoire erweitert haben soll und jetzt auch noch das Adagio aus der 10. Sinfonie dirigiert.

Mein Eindruck : Professioneller als das, was von Justus Frantz zu hören ist.

Beste Grüße

Sune
Rachmaninov (06.04.2006, 12:25):
Original von Rolf Scheiwiller

Wie denkt Ihr darüber ?
Kennt oder besitzt jemand unter Euch eine seiner beiden Aufnahmen ?


Eine grandiose Geschichte.
Dieser Mann verwirklicht doch etwas wovon viele Menschen trümen.
Er hat die Möglichkeiten seinen Lebenstraum zu verwirklichen.

Seine Aufnahmen kennen ich zwar nicht, aber die Beschreibungen zeigen doch das sie Qualitäten aufweisen.
Telramund (06.04.2006, 13:47):
Original von Rolf Scheiwiller
Wie denkt Ihr darüber ?
Kennt oder besitzt jemand unter Euch eine seiner beiden Aufnahmen ?

Gruss.
Rolf.


Hallo Rolf,

ich habe beide Aufnahmen (die ich allerdings lange nicht mehr gehört habe).

Mein Eindruck war der, daß Kaplan sehr viel auszusagen hatte, aber daß man die neuere Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern nicht unbedingt brauchte, wenn man die mit dem LSO schon besaß.
Zwar gibt es bei der neueren Aufnahme einige kleine Änderungen in der Instrumentierung (da sie Mahlers letzten Instrumentierungswillen wiedergibt), aber die Änderungen sind marginal.
Rachmaninov (30.03.2007, 08:17):
Diese Aufnahme von G. Kaplan's Mahler #2 besitze ich mittlerweile auch.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/8844075.jpg

IMO kann man durchaus hören, dass Kaplan hier mit großem Eifer und viel Liebe zu Detail arbeitet und dennoch einen großen Bogen spannt.

Zum großen Mahlerjünger hat mich aber auch diese Aufnahme bzw. diese Sinfonie nicht gemacht!

Wie Jürgen schrieb findet er deutlich mehr gefallen an anderen Aufnahmen dieser Sinfonie.

Was sagt uns nun das alles? Eventuell kann man sich noch so intensiv mit dem vorhandenen Material befassen, irgendwo sind Grenzen dessen was man daraus und der Partitur machen kann! oder?
Falstaff (13.07.2017, 00:50):
Ich habe damals (1995) Gilbert Kaplan mit der 2. Mahler im Hamburger 'Michel', also der Kirche, in der Mahler die Idee zum Schlusssatz fand, gehört. Zuvor hatte ich eine Werkeinführung mit ihm besucht.

Ich muss sagen, dass ich nach dieser Einführung zwar neugierig, aber in keiner Weise auf die Wirkung des Ergebnisses auf mich vorbereitet war. Das kam dermaßen überzeugend 'rüber, das war dermaßen überzeugend, dass ich alle nachfolgenden Live-Aufführungen (z.B. Eschenbach, Bychkov) nicht mehr goutieren konnte. Ähnlich erging es mir mit den Einspielungen, die ich damals besaß.

Das hat sich im Laufe der Jahre relativiert. Wohl auch 'dank' der Zeit, die verstrichen ist. Aber trotzdem ist mir weiterhin ein ganz außerordentliches, ernst zu nehmendes Konzert in Erinnerung, das weit entfernt von amateurhafter Spielerei war und an das ich mich dankbar erinnere.

:hello Falstaff