Ich möchte hier meinen ersten Thread erstellen. Ich bin ein großer Verdi-Fan und besitze einen Großteil seiner Opern als Gesamtaufnahme. Es fehlen jedoch vor allem zwei elementar wichtige Werke des Maestro, die "forza" und Nabucco. Da zu letzterem noch kein Thread existiert (zumindest habe ich keinen gefunden), soll hier Abhilfe geschaffen werden. Ich würde vorschlagen, erst einmal die einzelnen Aufnahmen dieser Oper zu vergleichen. Die wichtigsten scheinen folgende zu sein:
Tito Gobbi, Elena Souliotis, Carlo Cava, Bruno Prevedi, Dora Carral unter Lamberto Gardelli Piero Cappuccilli, Ghena Dimitrova, Evgeny Nesterenko, Placido Domingo, Lucia Valentini-Terrani unter Giuseppe Sinopoli Matteo Manuguerra, Renata Scotto, Nicolai Ghiaurov, Veriano Lucchetti, Elena Obraztsova unter Riccardo Muti
Es wäre noch die Callas-Aufnahme zu erwähnen, die aber anscheinend in sehr schlechter Tonqualität vorliegt. Ich würde mich freuen, wenn ihr euch zu den Aufnahmen äußern könntet. Falls Interesse besteht, ließe sich bestimmt auch ein Thread zu der Oper im Allgemeinen erstellen.
PS: Dies ist mein erster Thread hier. Juhuu!
Rideamus (19.01.2013, 13:01): Vorab bitte ich C. Huth und Amonasr im Klassikforum um Nachsicht dafür, dass ich ihren eigenen Threads zu der Oper schon vorgreife, aber ich habe den Eindruck, dass die Verdi-Würdigung dieses Jubiläumsjahres sonst zu früh ins Stocken geriete. Ich beschränke mich da gerne zunächst auf das Wesentliche.
Jeder, der sich ein bisschen mit Verdis Biographie auskennt, weiß wohl um die von Verdi selbst erzählte Anekdote, dass er nach dem Tod seiner Frau und seiner beiden Kinder und dem Durchfall seiner komischen Oper UN GIORNO DI REGNO das KOmponieren aufgeben wollte und nur widerwillig ein Libretto Temistocle Soleras entgegen nahm, das ihm der Intendant der Scala, Giuseppe Merelli aufgedrängt hatte. Als er es auf dem Heimweg durchblätterte, fiel sein Auge auf den Chor der israelischen Gefangenen, die ihrer Heimatliebe Ausruck gaben:
Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln.
Die Melodie zu diesem unsterblichen Chor gehörte bis zum Schluss zu den berühmtesten und zu Recht beliebtesten Eingebungen des jungen Komponisten und ist selbst denen bekannt, die Oper sonst nur von Weghören kennen. Aber die Oper besteht natürlich nicht nur daraus, und ihr ERfolg geründetb sich nicht nur auf die nachgerade rasende Publikumsresonanz, die das Werk bei seiner Premiere 1862 unter den von Österreich besetzten Lombarden auslöste. Wäre das der Fall, rangierte NBUCCO heute etwa auf dem Popularitsgrad der LOMBARDI oder gar der BATTAGLIA DI LEGNANO, die ja durchaus auch ihre Meriten haben.
Zu diesem ersten Erfolgswerk Verdis, der das ihn endgültiug unter die führenden Tonsetzer seiner Zeit katapultierte, muss ich hier wohl nicht sehr viel sagen, wobei es überrascht, wie wenig präsent Details der Handlung, etwa das finale Schicksal der Baalpriesterin Abigaille zu sein scheinen. Jedenfalls haben das einman frühere Rätselfragen ergeben. Womöglich liegt das daran, dass sich keine Inszenierung traut, diese Regieanweisung des Librettos, nach der der Tempel über der Hohepriesterin des Baal zusammenbricht, auch konkret umzusetzen, und wahrscheinlich haben auch die Soprane etwas dagegen, der Gefahr einer technischen Panne ausgesetzt zu werden. Auch Styropor kann weh tun.
Was aber wohl jedem, der auch nur gelegentlich klassische Musik oder Wunschkonzerte hört, sofort in dem inneren Ohr aufklingt, ist eben doch der sogenannte Gefangenenchor, das „Va pensiero“, der die Oper unmittelbar nach seiner Premiere zu einem Riesenerfolg im nationalistischen Mailand und bald darauf in ganz Italien machte. Die Inspiration zu dem Text des Chores bezog der Librettist Temistocle Solera aus dem 137. Psalm, dessen lateinische Fassung „Super flumina Babylonis“ schon Orlando di Lasso inspirierte, und der vielen heute noch als Popsong mit dem Titel „By the Rivers of Babylon“ etwas sagen dürfte.
Niemand aber fasste die – übrigens ziemlich unhistorische – Trauer des jüdischen Volkes im Exil so machtvoll in Töne wie Giuseppe Verdi, dessen Chor sehr bald als Ausdruck der Hoffnung des italienischen Volkes nach einem eigenen Staat interpretiert wurde. Man darf bezweifeln, dass Verdi das schon in seinem NABUCCO beabsichtigte, aber der sehr verwandte Chor „O signore dal tetto natio“ in dem patriotischen Nachfolgewerk I LOMBARDI ALLA PRIMA CROCIATA gab dem patriotischen Affen ganz unmissverständlich denselben Zucker. Der Erfolg gab Verdi, dessen Namen man daraufhin gerne als Akronym für Vittorio Emmanuele Re d’Italia las, Recht, In einem späteren Rückblick konnte er mit gutem Grund den NABUCCO und insbesondere diesen Erfolgschor als das Werk betrachten, mit dem „meine künstlerische Karriere ernsthaft begann“.
Meine Lieblingsaufnahme dieser Oper ist diese hier, nicht zuletzt, weil ich Ghena Dimitrova auf dem Höhepunkt ihrer zu kurzen Karriere in dieser Rolle in Verona zu hören bekam (sehen ist auf der Arena ja nur sehr eingeschränkt möglich, wenn man auf den hinteren Plätzen sitzt) und bewundern konnte:
Dabei möchte ich aber mit meiner Reverenz vor Elena Suliotis in ihrer besten, vielleicht einzig guten Platteneinspielung nicht hinter dem Berg halten, zumal sie in Tito Gobbi einen optimalen Partner hat. Den entscheidenden Unterschied macht aber auch bei dieser Oper mit ihrer vermeintlich schlichten Begleitung der Dirigent aus.
Gardelli ist nicht schlechter als in seinen anderen Einspielungen früher Verdi-Opern, aber Sinopoli hat hier einen starken Beleg dafür vorgelegt, dass man auch die Aufgaben der Opern des frühen Verdi nicht unterschätzen darf. Mögen sie auch reich mit seinen berüchtigen "Leierkastenmelodien" gefüllt sein und ihr Orchester noch weitgehend mit der viel gescholtenen Rolle einer "großen Gitarre" abfinden, es blitzt doch immer wieder das heran wachsende musikalische Genie auf. Selbst der berühmt-berüchtigte Gefangenenchor ist das ja nicht von ungefähr geworden, denn das schaffen wirklich nur die großen melodischen Einfälle. Man sollte also ruhig mal wieder in diese Oper hinein hören und sich davon überzeugen, wie merklich schon hier die Weiterentwicklung der Belcanto-Opern Belinis, Donizettis und erst recht Mercadentes voran geht.