Gluck in London oder Händels Koch

Peter Brixius (12.04.2011, 09:09):
Nach den großen Erfolgen als Opernkomponist in Italien erhielt der junge Gluck - wohl durch die Vermittlung der Familie Lobkowitz - eine Stelle als Hauskomponist an dem Londoner Kings Theatre in the Haymarket für die Spielzeit 1745/46. Er reiste in eine unruhige Zeit hinein, denn England führte einen Seekrieg gegen Frankreich, die Lage hatte sich durch den Aufstand eines schottischen Thronprätendenten, Charles Edward, 1745 verschärft, was u.a. zu einer zeitweisen Schließung der Theater führte.

Glucks erste Oper für London war denn auch eine Komposition, die sich auf die schottische Revolte bezog. Er vertonte Vanneschis Librettto La caduta de' giganti. La ribellione punita, das den Aufstand der Giganten gegen die olympischen Götter behandelt, ein Aufstand, der gewaltsam niedergeschlagen wird und mit der Vernichtung der Giganten endet. Am Ende steht ein Chor mit einer Bitte an die Freiheit, England in großer Not beizustehen. Die Aufführungen fanden zu Ehren des Herzogs von Cumberland statt, dem Befehlshaber des englischen Heeres und späteren Sieger in der Schlacht bei Culloden. Im Publikum saß der junge Charles Burney, der Musikschriftsteller, der 25 Jahre später bei Gluck zu Gast sein wird. Burney urteilte:

Von dem jungen Komponisten dieser Oper ist noch etwas zu erwartenm so unvollkommen sie ist.

Bei dem Treffen 25 Jahre später sprach man auch über diese Oper und Burney notierte, Gluck habe dieses Stück mit Furcht und Zittern komponiert, nicht bloß deswegen, weil er so wenige Freunde in England hatte, sondern aus Furcht vor einem Auflaufe des Pöbels, wenn es gespielt würde, weil lauter Fremde und Papisten darin zu thun hatten, man habe in der aktuellen Situation alle Fremden dem Staate für gefährlich gehalten.

Es war also ein ernüchternder Start für den jungen Komponisten, dessen Rücken später durch die Sensation eines gemeinsamen Konzerts mit Händel gestärkt werden sollte. Aber bevor ich zu der Begegnung von Händel und Gluck komme (und zu der sinnreichen Anekdote, die Händels Koch, den Sänger Waltz, mit einbezieht), zu der zweiten Londoner Oper, dem Artamene.

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (13.04.2011, 10:39):
Den Gesprächen mit Charles Burney im Jahr 1772 können wir entnehmen, was Gluck bewog, seinen Stil an die Londoner Verhältnisse anzupassen. Gluck hatte festgestellt, dass die Opernbesucher in London damals nichts anderes hören wollten als die Musik Händels, so dass er diese darauf abklopfte, welche Elemente den Erfolg Händels ausmachten. Dabei habe er festgestellt, dass

die planen und simplen Stellen die meiste Wirkung

hätten und sich daraufhin

bei seinen dramatischen Kompositionen auf das Studium der Natur

verlegt. Er habe sich seither bemüht

für die Singstimme mehr in den natürlichen Tönen zu schreiben, als den Liebhabern tiefer Wissenschaft oder großer Schwierigkeiten zu schmeicheln.

(Zitate aus Burneys "Tagebuch einer musikalischen Reise" nach Croll 2010)

Hier haben wir den Ursprung der "Koch Waltz"-Anekdote. Wie Gluck schon in Italien durch Bruch von Konventionen Furore gemacht hatte, so verhielt er sich auch hier. Um Wahrhaftigkeit des Ausdrucks ging es, nicht um die Erfüllung von kontrapunktischen Regeln, um Ausdruck und nicht um "Wissenschaft". Dabei war gerade die Kenntnis von kontrapunktischen Traditionen und Regeln der beste Ansatzpunkt, den Hörer mit Neuem zu überraschen und einen gewünschten Affekt zu erreichen..

Neben den Triosonaten veröffentlichte Gluck in London 6 Favorite Songs. Vier davon hatte Gluck für Artamene neu komponiert. Sie weisen eben diese "plane und simple", liedhafte Melodik (Cromm) auf. Der musikalische Instinkt gab Gluck Recht. Rasseno il mesto ciglio wurde ein erfolgreiches Stück, eine Lieblingsarie der Londoner.

Es empfiehlt sich mE immer, statt mit "überzeitlichen" Maßstäben einen Komponisten zu maßregeln, erst einmal zu schauen (und zu hören), was dieser Komponist mit den eingesetzten, "fehlerhaften" Mitteln zu erreichen versuchte. Wenn der Konsens eines musikalischen Mittels, das im Barock seinen Platz hatte, von einer neuen musikalischen Anschauung gekündigt wird, entsteht an diesem Punkt mE nichts Fehlerhaftes, sondern Neues.

Gluck war ein Praktiker, dem immer mehr Erfahrung zuwuchs. Er setzte sich nicht auf den italienischen Erfolgen zur Ruhe, was er aus früheren Werken in seine Londoner Produktionen übernahm, überarbeitete und veränderte er. Womit ich wieder zum Artamene komme.

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (17.04.2011, 09:39):
Am 4. März (weniger als zwei Monate nach La caduta de' giganti) fand die Uraufführung von Artame statt, bis zum 12. April wurde die Oper neunmal wiederholt. Von einem Misserfolg kann man wohl nicht sprechen, aus einem zeitgenössischen Brief entnimmt man (zit. nach Croll 2010)

Die Oper floriert mehr als in den letzten Jahren, der Komponist ist Gluck, ein Deutscher.

Vor allem die Arie Rasserena il mesto ciglio fand das Gefallen des Publikums. Charles Burney berichtete, ihr Thema schmeichele jedem Ohr, sie sei so beliebt gewesen, dass sie jedes Mal habe wiederholt werden müssen.

London war ein bevorzugter Ort des Notendrucks und die Verleger nutzten gerne die Gelegenheit, eine erfolgreiche Opernproduktion für sich zu verwerten, so durch Favourite Songs mit Angabe der Gesangssolisten. So kam es zu einem umgehenden Angebot und in der Folge zu der Veröffentlichung von je sechs Arien aus La caduta de' giganti und aus Artame. Ein anderes Londoner Verlagshaus, das auf Instrumentalmusik spezialisiert war, nutzte die Beliebtheit des Komponisten, indem es sechs Triosonaten publizierte

compos'd by Sigr. Gluck Composer to the Opera

Das Titelblatt erwähnt auch weitere Drucke von Triosonaten von Sammartini und Lampugnani. Croll sieht darin die Absicht, Gluck in eine lokale Tradition einzubinden.

Zu den Triosonaten Weiteres im Kammermusikthread.

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (18.04.2011, 10:12):
Die beiden Londoner Opern weisen eine Produktionsform auf, die in England üblich war, die des Pasticcio. Darunter versteht man die Übernahme und Umarbeitung von Stücken aus früheren Opern. Das konnten auch Stücke eines anderen Komponisten sein. Oft brachten Sängerstars auch Stücke mit, die der Komponist als ihre Glanzstücke dann in die Oper einzubauen hatte.

Das im letzten Beitrag erwähnte "Rasserena il mesto ciglio" ist ein Beispiel dafür. Neu komponiert für den Artamene, benutzte Gluck die Arie 1747 für die Serenata Le nozze d'Ercole e d'Ebe, benutzte dort allerdings nur den ersten Teil der Arie, den Mittelteil komponierte er neu. Bis zur Iphigénie en Tauride, in der es eine größere Anzahl von Übernahmen gab, wird Gluck sich bei sich selbst bedienen - allerdings in der Regel auch das benutzte Stück weiter kompositorisch bearbeiten, oft genug so, dass die ursprüngliche Version kaum noch erkennbar ist. Es wurde in das veränderte Umfeld der neuen Oper eingepasst. Er machte es auch nur mit Arien, die an dem Ort der Aufführung nicht bekannt sein konnten. Das erklärt, dass er in der Bearbeitung seines Prage "Ezio" für Wien ein Hauptstück neu komponierte - er hatte die Melodie im Orfeo benutzt. Nicht zuletzt nahm er Arien auch wieder auf, weil er sie als sehr gelungen ansah und die Stücke liebte. So auch die Arie aus Artamene. Als Burney Gluck 25 Jahre später in Wien besucht, singt der Komponist ihm die Arie sich am Klavier selbst begleitend vor - gut gelaunt in der Erinnerung an den Erfolg des Stückes in London.

Bei den Londoner Opern sind wohl etwa zwei Drittel der 43 Gesangsnummern aus den italienischen Opern übernommen worden. Das Wissen um die Stärken seiner Sänger war ein wichtiger Faktor beim Komponieren von Arien. Gluck hatte in London Sänger, auf die er sich verlassen konnte, deren Stimmen und Fähigkeiten er kannte, eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Oper. Auch studierte er die Vorlieben des Publikums und berücksichtigte sie bei der Komposition.

Die Begegnung mit dem 60jährigen Händel ist sicher für den jungen Komponisten eines der wichtigsten Geschehnisse des Londonaufenthaltes. Dazu im nächsten Beitrag

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (28.04.2011, 09:55):
Leider ist die Begegnung von Händel und Gluck von einer Anzahl von Legenden reichlich verzerrt worden. Von der kolportierten Meinung Händels über Glucks kontrapunktische Künste kenne ich drei Textfassungen - eine Quelle wird selbstverständlich nicht angegeben. Erstaunlich sollte doch für die Kolporteure sein, dass weder in der Monographie von Gerber (2.Aufl.1950) noch in der rororo-Monographie von de Palézieux die Koch-Anekdote überhaupt erwähnt wird.

Eigentlich ist Händels Situation zu dieser Zeit ganz anders charakterisiert. Händel ist der herkömmlichen Opernform gegenüber skeptisch geworden. Seit fünf Jahren hat er keine Oper mehr geschrieben. Sein Ratschlag an Gluck dürfte eben der Erkenntnis entsprochen haben, die Gluck rückblickend im Gespräch mit Burney erwähnt. Das Programm des gemeinsamen Konzertes mit Gluck ist da symptomatisch: Händel steuerte ein Orgelkonzert und drei Arien aus dem zukunftsweisenden Genre bei, aus dem Oratorium (zwei Arien aus "Samson" und eine aus "Alexander's Feast").

Das Konzert vom 25.März 1746 ist ein ausdrucksvolles Dokument, es ist im Unterschied zu der obskuren Anekdote nachweisbar. Dass der angesehene Komponist Händel mit dem angeblich erfolglosen und minderwertigen jungen Komponisten ein gemeinsames Konzert veranstaltet, ist ein klares Zeichen seiner Wertschätzung - die übrigens gegenseitig war.

Als er den jungen Sänger Kelly eines Tages sagte, dass er ihm jemanden vorstellen möchte, von dem er sein Leben lang gelernt habe und versucht habe, ihm nachzustreben, führte Gluck Kelly in sein Schlafzimmer und zeigte ihm ein lebensgroßes Bild Händels, das am Fußende des Bettes hing und fuhr fort:

Hier ist das Portrait des begnadeten Meisters unserer Kunst; wenn ich morgens die Augen aufschlage, schaue ich in Ehrfurcht und in Anerkennung seiner Meisterschaft zu ihm auf; höchstes Lob gebührt Ihrem Land, das seinen gewaltigen Genius ausgezeichnet und in hohen Ehren gehalten hat.

Das zeigt einen starken Charakter, der in dem Zeitgenossen das Genie erkennt und nicht versucht es herabzusetzen. Den gleichen starken Charakter hatte Händel auch. Damit kommen wir zu dem Konzert zurück ...

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (29.05.2011, 20:33):
Das Konzert vom 25.3.1746 war am Morgen desselben Tages mit dem Programm im General Adviser angekündigt worden. Es war ein Benefiz-Konzert zugunsten des Fonds zur Unterstützung für in Not geratenen Musiker oder deren Familien. Die Sänger des Konzertes waren auch Interpreten bei den Gluckopern.Das Konzert begann mit der Ouvertüre von Caduta de Giganti und endete mit einem Orgelkonzert Händels. Dazwischen wurden vier Arien Glucks aus der Caduta und vier Arien von Händel gesungen.

Seit der Uraufführung des Messiah (1742) war Händel als Oratorienkomponist eine Institution im englischen Musikleben geworden. Am 14.2.1746 war sein Occasional Oratorium uraufgeführt worden, es hatte denselben Anlass wie Caduta, den Sieg über die schottischen Rebellen - und war auch ein Pasticcio. Wahrscheinlich war es das einzige Oratorium, das Gluck unter Händels Leitung in London erleben konnte. Es hat bei ihm Eindrücke hinterlassen, die das ganze Leben fortwirkten. Der Einfluss ist schon bei den neu komponierten Arien beim Artamene zu hören. Croll (S. 46):

Diese Stücke sind deutlich "für die Singstimme mehr in den natürlichen Tönen" geschrieben als die aus den älteren Opern übernommenen Arien, sie weisen eine eher "plane und simple" liedhafte Melodik auf und lassen uns an vertraute Wendungen in Händels Kompositionen denken.

Sie werden sicherlich auch als eine Art Huldigung von Händel verstanden worden sein. Das Konzert wäre auch nicht zustande gekommen, wenn es nicht vorher eine persönliche Annäherung der beiden Komponisten gegeben hätte. Händel wird sich ein sicheres positives Urteil über Gluck gebildet haben, schon längere Zeit vor dem Konzert.

Alles weitere ist wohl Spekulation, gute oder üble Nachrede, nicht zu beweisen.

Mit der letzten Aufführung des Artamene hatte Gluck seinen Vertrag erfüllt. Warum der Vertrag nicht erneuert wurde, ist unbekannt. Vielleicht trieb es den Komponisten weiter, vielleicht ging dem Geldgeber das Geld aus. Am Ende seines London-Aufenthaltes standen zwei Konzerte, über die ich im Folgebeitrag berichten will.

Liebe Grüße Peter