Peter Brixius (11.04.2011, 17:55):
Ein wesentliches Kriterium in der Beurteilung von Operneinspielungen Glucks sind für mich immer die Ballette. Da trennt sich sehr schnell Spreu von Weizen, denn eine Armida oder eine Iphigenie in Aulis ohne zT entstellende Kürzungen im Bereich der Ballettmusik zu finden, ist keine leichte Aufgabe. Von vielen Produzenten werden die Musikstücke als ein zu vernachlässigendes Beiwerk angesehen, mit dem man wenig oder gar nichts anzufangen weiß. Ein Trauerspiel ist dabei "Orfeo ed Euridice", wo das Schlussballett oft genug erheblich gekürzt, manchmal gar ganz gestrichen oder sinnwidrig durch die Wiederaufnahme des Eingangschores mit einer Begräbnisszene beendet wird.
Dabei ist das Ballett ein integraler Teil der Opernreform, einer der Treibsätze, die die Opernrevolution vorangetrieben haben. Das gilt schon für die Tanzdramen, die Gluck vor dem Orfeo geschrieben hat, in dem er Tanzdrama, Chorblöcke und Operngesang zu einer neuen, weit disponierten Einheit zusammen führt. Denn nicht die viel herangezogene "edle Einfalt, stille Größe" ist das Kennzeichen der Revolution (die Armide ist das Gegenteil von dem allen), sondern die Neuerschöpfung der Oper aus Wort, Musik, Tanz und Chorszenen, in denen alle Teile an der Handlung teilhaben.
Entscheidend dabei ist die Ballettreform, die von Angiolini und von Noverre (mit beiden hat Gluck zusammen gearbeitet) theoretisch begründet und praktisch umgesetzt wurde, das Handlungsballett, das auch für die Oper das Ballett als retardierendes Moment zurück nimmt. So wie Chor und Arie nicht mehr einen Stillstand der Handlung bedeuten, gilt das auch für den Tanz - die Trennung von Musik und Handlung wird aufgehoben. Angelioni hat seinem Libretto-Szenar zum Steinernen Gastmahl vorangesetzt
Was man nur höret, macht weniger Eindruck in das Gemüth, als was man siehet.
Im Don Juan findet sich die Revolution, bevor sie mit dem Orfeo auf die Opernbühne springt, in reifer Form. Es handelt sich um eine enge Verzahnung von getanzter Handlung und Musik. Noverre schreibt im achten Brief seiner Lettres
Die Musik ist beim Tanz, was Worte bey der Musik sind; diese Vergleichung will nichts weiteres sagen, als daß die Tanzmusik das geschriebene Gedicht ist und mithin die Bewegungen und Handlungen des Tänzers festsetzen und bestimmen sollte.]
Ballettmusik also ist Teil des Dramatischen, gehört zu dem Neuen der Musik Glucks. Das Ballett "Don Juan" war so beliebt, dass es über Jahrzehnte lief und einen Verbreitungsraum weit über Wien hatte. Ohne Glucks Musik ist Mozarts "Don Giovanni" nicht denkbar. Don Juan ou Le Festin de Pierre von 1761 ist nicht nur ein Meilenstein der Ballettgeschichte, das Tanzdrama ist auch der entscheidende Schritt in Richtung Reformoper. Zinzendorf, schrieb damals in sein Tagebuch:
Man gab Le Joueur und dann ein Ballett in Pantomime Le Festin de Pierre. Das Sujet ist extrem triste, schauerlich und grauenvoll.
Edle Einfalt, stille Größe eben - ein lupenreiner Vertreter der Frühklassik, wie ich irgendwo zu meiner Überraschung las.
Ich werde in der Folge versuchen, einiges zu Ballettreform, den Tanzdramen Glucks und die Rolle der Ballette in seinen "Reformopern" hier zusammen zu tragen.
Liebe Grüße Peter