Fairy Queen (09.01.2010, 23:54): Hat zufällig jemand Gounods "Romeo et Juliette" von den Salzburger Festspielen 2008 gesehen und erinnert sich noch daran?
Ich hatte heute abend die Wahl zwischen dem Rosenkavalier aus der Met(hat den jemand gesehen? habe ein paar Takte im Radio gehört) und Gounod und habe meine Wahl für Letzteren nicht bereut! Allein der Genuss, Villazon als Romeo leiden und lieben zu sehen und dazu eine hervorragende Juliette, Nino Machaidze, die als Vertretung für Anna Netrebko diese m.E. bei weitem überflügelt hat . Ich liebe diese Oper von allen Gounod-Opern am meisten, weil sie die herrlichsten Liebesduette hat, die man sich nur wünschen an und weil das Libretto ganz eng an der Geschichte bleibt. Nur noch zu toppen durch Bellinis Vertonung des Stoffs, die ich am 31.1. in der Opéra de la Wallonie Liège mit Patricia Ciofi als Giulietta geniessen werde. Kann es kaum erwarten!!!!!
Non ce n'est pas le jour, ce n'est pas l'allouette, c'est le doux rossignol- bonne nuit!
Fairy Queen (10.01.2010, 08:17): Hier die DVD der Salzburger Aufführung und eine von mir sehr empfohlene Cd-Aufnahme mit einem wirklich überragenden Domingo als Romeo. Dessen Qualitätsmassstab kann Villazon leider nicht errecihen, er hat einige hörbare Probleme, aber macht wie so oft durch die Emphase seines Timbres und den leidenschaftlichen Total-Einsatz in der Rolle fast Alles wieder wett.
Severina (10.01.2010, 21:15): Liebe Euphonia, diesmal ticken wir gar nicht siamesisch, denn an meiner Enttäuschung über diese Produktion hat sich seit der PR-Übertragung 2008 nichts geändert und ich konnte mich bisher nicht dazu aufraffen, mir die DVD zuzulegen. Und das sagt ein bekennender Villazónfan! Ich finde die Regie über weite Strecken nur langweilig, besonders die Chorführung mehr als unbeholfen, und das auf dieser Riesenbühne, wo ein Regisseur endlich einmal die Gelegenheit für wirkungsvolle Massenszenen hätte. Aber diese Chance vergibt Bartlett Sher völlig. Nino Machaidze singt zwar recht gut, wenn mir auch ihre Höhen etwas zu hart klingen, überzeugt mich aber schauspielerisch nicht. Besonders nervt sie mich als völlig überdrehte Tussie im ersten Bild, wo ich schon glaubte in der falschen Oper zu sein, so sehr erinnerten mich ihre abgezirkelten, affektierten Bewegungen an die Puppe Olympia. Im Verlaufe der Vorstellung verliert sich das Unnatürliche in ihrem Spiel zwar etwas, aber den Vergleich mit Anna Netrebko gewinnt Nino Machaidze in keiner einzigen Szene. Dass sie auch weniger jung und mädchenhaft wirkt als die 10 Jahre Ältere, kann man ihr nicht vorwerfen, nur hätten da Maske und Kostüm etwas retten können. Speziell die Frisur lässt die Machaidze noch viel älter erscheinen. Auch Rolando Villazón ist in der Salzburger Produktion um mindestens eine Klasse schlechter als in Wien, was stimmlich nicht weiter erstaunt, denn Stimmkrise 1 lag noch nicht weit zurück und 2 kündigte sich bereits leise an. Aber auch schauspielerisch vermisse ich hier bei ihm vieles, und das erstaunt mich nun doch. Diese ganz spezielle Magie, die zwischen Villazón und Netrebko geherrscht hat, stellt sich hier in keinem Augenblick ein. Das beginnt schon beim ersten Kennenlernen, wo ich vergeblich auf den Blitz warte, der in Wien auch jeden einzelnen Opernbesucher getroffen hat. Nie werde ich den ersten Blick vergessen, den Romeo auf seine Juliette warf, dieses ungläubige Staunen, das allmählich einer Verzauberung Platz machte, die von der gesamten Person Besitz ergriff und ihn völlig neben sich durch die nächsten Szenen taumelte ließ, nichts als Juliette und wieder Juliette im Kopf und im Herzen...... Netrebko & Villazón waren Romeo et Juliette, Machiadze & Villazón spielten Romeo et Juliette - so einfach ist dieser Unterschied zu erklären. Nie habe ich bei letzteren den Eindruck, dass sie von ihren Gefühlen einfach überwältigt und hinweggefegt werden. Wien war prickelnder Champagner, Salzburger abgestandenes Mineralwasser, in dem noch einige Bläschen aufsteigen. Ich weiß, dass es unfair ist, zwei Produktionen gegeneinander auszuspielen, aber in diesem Fall kann ich einfach nicht anders. Bei jeder Szene steht ihr Pendant in der Flimminszenierung vor meinem inneren Auge und lässt sie wie einen schwachen Abklatsch wirken. (Alleine das hinreißende Spiel von N&V bei der Hochzeit - hach, warum hat man das nie aufgezeichnet????) Sternstunden haben leider die unangenehme Nebenwirkung, dass sie einen auf ewige Zeiten für eine bestimmte Oper verderben :( Ich will Dir jetzt natürlich die DVD nicht vermiesen, vielleicht wäre ich ohne Vergleichsmöglichkeiten ja ähnlich begeistert wie Du, aber Du hast nun einmal die verhängnisvolle Frage gestellt, wie es anderen gefallen hat :ignore (Hier gibt's leider keinen "Unter-dem-Stuhl-sitz-Smily) lg Severina :hello
Fairy Queen (10.01.2010, 22:39): Liebe Sevi, was Rolando angeht,den ich ja als wiener Romeo nciht gesehen habe: selbst wenn er nicht in bester Form ist, ist er für mich arme Nicht-Wiener Tenorunverwöhnte immer noch mit das Beste, was man derzeit kriegen kann. Ich sehe leider fast nur Provinztenöre und da ist Villazon auch bei den hörbaren Stimmproblemen, die ich ja zugestehe immer noch ein glänzender Stern. Was Machaidze angeht: ich kenne wiederum A.N. nciht als Juliette. Mich hat auch die "Reife"(das meine ich jetzt im Sinne von älter) einer 25jähirigen etwas erstaunt , aber mir gefiel sie besser als fast Alles (ausser Adina) was ich bisher von Netrebko gesehen habe. Auch an nciht-stimmlicher Schönheit steht sie ihr für meinen Geschmack nicht nach, auch wenn sie weniger aufdringlich sexy spielt. Aber ich dachte, die Inszenierung mit dem überdrehten Huhn am Anfang sei absichtlich so gewesen, um die Wandlung der juliette vom verwöhnten unreifen Töchterchen zur erwachsenen an der Liebe gereiften Frau zu zeigen und ihre Arie "Je veux vivre" in den richtigen Kontext zu bringen. Das Kennenlern Duett hat mich auch nciht überzeugt, da gebe ich Dir Recht- aber ich schiebe das auch aufs Lampenfieber. Gounods Juliette ist ja eine erstaunlich starke Person, die das Heft in die Hand nimmt und ihrem Romeo sogar selbst den Heiratsantrag macht. Ganz anders als die Bellini Giulietta, die sehnsüchtig vor sich hin leidet. Besonders beeindruckend fand ich Machaidze in der Giftbecher-Szene und die grosse Arie "Quel frisson" war einfach toll gesungen. Dass Villazon sichtlich nciht so richtig wusste wie und wo er sie bei den Liebesszenen anfassen durfte, fand ich irgendwie auch passend- schliesslich machen die beiden ihre erste grosse Liebeserfahrung innerhalb kürzester Zeit und sind blutjung und Scheu und Unbeholfenheit passen dazu eher als eine Übereinstimmung die man eigentlich nur nach jahrelanger Ehe hat. (damit will ich jetzt nichts über die Gründe der grossen Übereinstimmung von A.N und R.V. gesagt haben....... :engel :ignore)
Was Sher angeht, finde ich den weder gut noch schlecht- genau wie beim Hoffmann im Dezember an der Met: seine Inszenierung stört nciht weiter, bringt aber auch keine Highlights. Sein Kostümtick für die CHôre und Statisten ist allerdings auffallend aufwändig.
Du brauchst keinen Stuhl, Dir würde ich auch dann nichts tun, wenn du Bellini als miesesten Opernkomponisten aller Zeiten und Reynaldo Hahn als Dilettanten beschimpfen würdest. Manche Leute haben einfach carte blanche- bis auf Widerruf! :D :hello
(den Knuddelsmilie bräuchten wir auch!)
Severina (11.01.2010, 00:18): Liebe Euphonia, sehr unvorsichtig, mir eine carte blanche auszustellen, wer weiß, wozu ich noch fähig bin :wink :D Zugegeben, die Schlussszene ist sehr gelungen, da gefällt mir auch der Regieeinfall, dass Juliette Romeo auffordert, ihr den tödlichen Stich zu versetzen. Ich habe ja auch überhaupt nichts gegen Nino Machaidze und war z.B. beim "Turco" im Juli hellauf begeistert von ihr - da passte einfach alles und sie spielte ganz hinreißend. Aber sie ist eben nicht "meine" Juliette, ebenso wie Villazón wahrscheinlich nie "mein" Nemorino werden wird, auch wenn ich mich schon sehr auf den 23. März freue! :) lg Sevi :hello