Sfantu (07.08.2019, 00:05):
Sophia Gubaidulina - Konzert für Violine & Orchester "Offertorium"
Michaela Paetsch,
Berner Symphonieorchester - Dmitri Kitajenko
(Mitschnitt vom Februar 1990 aus dem Kulturcasino Bern)
(CD, BMG, 1991)
Spieldauer: 36'55
In den zurückliegenden Wochen liefen die beiden Violinkonzerte Sophia Gubaidulinas recht häufig bei mir. Da es das ältere Werk noch zu keinem eigenen Faden geschafft hat, sei dies hier & heute nachgeholt.
Hanspeter Renggli schrieb im Booklet-Text der Paetsch-Aufnahme:
Das 1980 komponierte, 1982 und 1987 berarbeitete und dem Geiger Gidon Kremer gewidmete Violinkonzert trägt den Titel "Offertorium". Die Bezeichnung ist in diesem Falle mehrdeutig: In der lateinischen Messliturgie ist das Offertorium der Gesang zur Darbringung der Opfergaben. Gubaidulina nimmt im Titel zudem Bezug auf das wesentlichste musikalische Material des Konzerts, das Thema zu Bachs "Musikalischem Opfer", das dem Komponisten bekanntlich von König Friedrich II. zur Improvisation vorgegeben worden war. Schliesslich ist der Titel auch wörtlich im Sinn einer "Opferung" zu verstehen und deutet eine kompositorische Absicht an: Bachs Thema wir im Verlaufe des ersten Teils allmählich "geopfert", das heisst aufgelöst um im dritten Teil als Krebs (notengetreuer rückläufiger Ablauf) wiederzuerscheinen.
Das Werk beginnt mit der Vorstellung des königlichen Themas, wobei jede Einzelnote von jeweils einem Holz- oder Blechbläser übernommen wird. Im Verlauf ist das Thema für einen "Normalhöhrer" wie mich praktisch nicht mehr zu identifizieren. Ein Großteil des Konzertes wird bestimmt von einem Neben- oder Gegeneinander der einzelnen Stimmen, ein echtes Zusammenspiel findet nur vereinzelt statt & zwar dann, wenn Klangballungen stattfinden, welche durchweg konfliktbeladen, ja bedrohlich wirken. Nachdem diese jedesmal abrupt verstummen, setzt das Soloinstrument mit Monologen ein, nur selten & immer recht spärlich von anderen Einzelstimmen kommentiert.
Eine spannende, geradezu packende Ausnahme stellt eine Passage dar, die sich etwa nach einem Drittel der Gesamtdauer ereignet & nicht mehr als etwa 1 min dauert: unterlegt von wellenartigen, drängenden Bewegungen der Streicher im 2 Halbe-Takt heulen die Hörner auf, in kurzen, heftigen Aufwärts-Glissandi, man meint Seeungeheuer oder andere Fabelwesen auf diesen Wellen reiten zu sehen. Der Abschnitt hat eine gefährliche & gleichzeitig faszinierende Sogwirkung, der ich mich nicht entziehen kann!
Erst nach einer knappen halben Stunde, nach der letzten Schlagwerk-Kanonade, kehrt so etwas wie Friede ein. Das Soloinstrument singt in ruhigem Zeitmaß versöhnliche, fast zärtliche Melodielinien, es kommen ganz allmählich andere Instrumente hinzu, beinahe wird eine hymnische Stimmung erreicht. Ein letztes Mal brandet eine Welle der Unruhe heran, es wird stetig lauter im Orchester, die Solistin wiederholt mehrmals einen gebundenen Sekundschritt nach oben (langer Zeitwert auf der ersten Note, die zweite nur kurz angeschliffen), das wirkt wie eine bange Frage. Sogleich wallen Holzbläser, Klavier & Xylophon in mächtigem Crescendo wie Hundertschaften von Zugvögeln über die Szenerie & sind plötzlich verschwunden. Allein zurück geblieben läßt die Geige die letzten Takte in fahlem Monolog im ppp verebben.
Mit dieser Gesamtanlage ist das erste Violinkonzert karger, schroffer, weitgehend von Innenschau & Vereinzelung geprägt im Unterschied zum zweiten: dort herrscht mehr Abwechslung, es kommt im Vergleich geradezu unterhaltsam daher (habe ebenfalls die famose Anne Sophie Mutter-Aufnahme} & ist von der Gesamtspiellänge her nur geringfügig kürzer
Diese einzige Aufnahme des ersten VK in meiner Sammlung dokumentiert eine tadellose & packende Darbietung des, allerdings muß man bei der Klangqualität der CD leider leichte Abstriche machen: es herrscht ein Manko an Stimmen-Balance & Natürlichkeit. Von Konzertbesuchen im Berner Casino (der Heimat-Spielstätte "unseres" Orchesters) & auch von Aufnahmen, die dort gemacht wurden, habe ich einen besseren Klang im Ohr.
Wer kennt diese Version ebenfalls?
Wer kennt die Kremer-Dutoit-Aufnahme?
Wer kennt eventuelle weitere Einspielungen?
Welche bevorzugt ihr?
Wie ist eure Meinung zu dieser Musik?
Herzliche Grüße von
Sfant