Gustav Leonhardt wird 80

Tranquillo (12.05.2008, 21:10):
Liebe Forianer,

am 30. Mai 2008 feiert ein Musiker seinen 80. Geburtstag, der besonders denen ein Begriff sein dürfte, die sich mit Renaissance- und Barockmusik beschäftigen: der niederländische Cembalist, Organist und Dirigent Gustav Leonhardt.

1928 geboren, entdeckte er im Alter von 15 Jahren das Cembalo für sich. Gleichzeitig begann er sich für die zahlreichen historischen Orgeln in den Niederlanden zu interessieren. Nach dem Abitur studierte er von 1947 bis 1950 in der Schweiz an der Schola Cantorum Basiliensis bei Eduard Müller und schloss das Studium mit dem Solistendiplom summa cum laude ab. Danach führte er in Wien musikwissenschaftliche Studien durch und war dort von 1952 bis 1954 Professor an der Staatlichen Musikakademie. In diese Zeit fallen auch die ersten Begegnungen mit Nikolaus Harnoncourt, mit dem er im privaten Kreis musizierte. 1954 wurde Leonhardt zum Professor für Cembalo am Amsterdamer Konservatorium ernannt, wo er im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Cembalisten ausbildete (u. a. waren Ton Koopman und Bob van Asperen seine Schüler). Zusätzlich wurde er Organist an der Amsterdamer Waalsekerk. 1967 spielte Leonhardt in dem experimentellen Schwarzweiss-Film "Die Chronik der Anna Magdalena Bach" von Jean-Marie Straub die Rolle von Johann Sebastian Bach. 1969 hatte Leonhardt eine Gastprofessur an der Harvard University.

Neben Harnoncourt gilt Gustav Leonhardt als der bedeutendste Pionier der historischen Aufführungspraxis. Als Cembalist hat er in den 1960er und 1970er Jahren alle bedeutenden Cembalowerke Bachs in Aufnahmen eingespielt, die auch heute noch ohne weiteres gegen die Cembalistenkonkurrenz bestehen können. Aber auch mit der Musik vor Bach hat sich Leonhardt intensiv auseinandergesetzt und u. a. Werke von Buxtehude, Weckmann, Böhm, Froberger und Frescobaldi aufgenommen. In zahlreichen Aufnahmen wirkte er als Continuo-Cembalist mit. Leonhardt war einer der ersten Cembalisten, die nicht mehr die damals üblichen industriell gefertigten Cembali (z. B. von Ammer oder Neupert) verwendeten, sondern stattdessen Nachbauten historischer Cembali, die einen ganz anderen Klang haben. Für die Telefunken-Reihe "Das alte Werk" spielte Leonhardt in den 1960er Jahren Bachs Goldberg-Variationen auf einem Cembalo ein, das der Bremer Instrumentenbauer Martin Skowroneck nach einem historischen Cembalo von Dulcken gebaut hatte. Nicht nur in seiner Spielweise, sondern auch im Klang des verwendeten Instruments unterschieden sich seine Aufnahmen erheblich von den Aufnahmen anderer damals bekannter Cembalisten wie Helmut Walcha, Ralph Kirkpatrick oder Karl Richter. Charakteristisch für Leonhardts Spielweise ist u. a. eine sehr präzise und ausserordentlich differenzierte Artikulation, Zurückhaltung bei der Registrierung sowie ein "atmendes" Musizieren, das trotz strikter Einhaltung des Grundtempos durch kleine Tempoverschiebungen die Musik zum "Sprechen" bringt.

Als Dirigent widmete sich Leonhardt besonders den geistlichen Werken Johann Sebastian Bachs. Er führte mit Harnoncourt die erste Gesamtaufnahme der Bachschen Kantaten auf historischen Instrumenten durch, daneben entstanden Aufnahmen der Messe h-moll und der Matthäus-Passion (mit Knabensolisten für die Sopran- und Altpartien).

Im Gegensatz zu Harnoncourt ist Gustav Leonhardt der einmal eingeschlagenen Richtung treugeblieben und hat sich neben Renaissance und Barock, wo er als Cembalist ein reiches Betätigungsfeld fand, nur mit der Musik der Bach-Söhne beschäftigt.

Auch im hohen Alter gibt Leonhardt noch rund 100 Konzerte pro Jahr - eine beachtenswerte und bewunderungswürdige Leistung. Auch an seinem 80. Geburtstag gibt er ein Konzert - sein Kommentar dazu in einem Interview: "Ich muss ja schliesslich noch etwas tun."

Zu Leonhardts Geburtstag gibt es von Sony Classical eine Box mit 15 CD's zum Sonderpreis:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0886973189726.jpg

Viele Grüsse
Andreas
daniel5993 (12.05.2008, 22:17):
Abend Tranquillo,

Ich hatte mehrere Schallplatten mit Gustav Leonard (Harmonia Mundi).
Jetzt auf CD hab ich jedoch nichts. Und da ich das Cembalo nicht in großen Massen vertrage, hab ich mich auch gegen diese Monster-Leonard-Box (15 CD'S für 24,99 € -Supergünstig) entschieden, sondern für die Englischen Suiten BWV 806-811 (hab sie meiner laufenden Bestellung hinzugefügt). Schließlich ist der Achzigste Geburtstag ein guter Grund sich mit dienem Künstler und seinen "Lebenswerken" neu zu beschäftigen!

Danke, dass du G.Leonard mit einem eigenen Thread würdigst, er hat einen großen Teil für die Klassik, insbesondere für die Klassik auf Historischen Instrumenten beigetragen.

Gruß
Daniel
Zelenka (13.05.2008, 09:10):
Lieber Andreas:

Ganz herzlichen Dank für Deine schöne Fadeneröffnung! Mir lag Leonhardts bevorstehender runder Geburtstag auch ein wenig auf der Seele, besonders nachdem ihn das Mai-Heft des "Diapason" auf 12 (!) Seiten gewürdigt hat und der Künstler auf dem Titel prangt. (Unser deutsches "FonoForum" bevorzugt dagegen die "Teufelsgeigerin" Hilary Hahn und scheint sich auch im redaktionellen Teil nicht weiter mit unserem Jubilar auseinandersetzen zu wollen.)

Zwei kleine Korrekturen zu Deinem Text: Das Cembalo hat Leonhardt schon im Alter von 10 Jahren entdeckt, als seine Eltern ihm 1938 ein kleines Instrument kauften. Und er ist, was das Répertoire angeht, bis zu Mozart vorgedrungen.

Bei den allein mehr als 200 Solo-Einspielungen Leonhardts wird es nicht ganz einfach sein, seine Leistung genauer zu würdigen. Mir fehlen u.a. seine sämtlichen Einspielungen von geistlichen Kantaten Bachs. Aufgenommen hat er in einem Zeitraum von über 50 Jahren u.a. für Vanguard (u.a. zusammen mit Deller!), Telefunken Das alte Werk, DHM, SEON, Sony Vivarte, Virgin, Philips und aktuell Alpha.

Wenigstens ein Ausschnitt aus dem Straub-Film ist auf YouTube zu bestaunen, Leonhardt (mit Perücke natürlich) ist von hinten am Cembalo aufgenommen. Im gleichen Film hat übrigens Harnoncourt den Fürsten von Anhalt-Köthen gegeben.

Den Inhalt der abgebildeten "Jubilee Edition"-Box von Sony habe ich noch nicht genau ermitteln können, u.a. scheint Mozart (ex-SEON) enthalten zu sein.

Gruß, Zelenka
HenningKolf (13.05.2008, 09:24):
Original von Zelenka
(Unser deutsches "FonoForum" bevorzugt dagegen die "Teufelsgeigerin" Hilary Hahn und scheint sich auch im redaktionellen Teil nicht weiter mit unserem Jubilar auseinandersetzen zu wollen.)




im aktuellen Heft - hatte ich am Freitag im Briefkasten - gibt es ein dreiseitiges Interview mit Leonhardt....

Gruß
Henning
Zelenka (13.05.2008, 09:28):
Original von HenningKolf
Original von Zelenka
(Unser deutsches "FonoForum" bevorzugt dagegen die "Teufelsgeigerin" Hilary Hahn und scheint sich auch im redaktionellen Teil nicht weiter mit unserem Jubilar auseinandersetzen zu wollen.)




im aktuellen Heft - hatte ich am Freitag im Briefkasten - gibt es ein dreiseitiges Interview mit Leonhardt....

Gruß
Henning

Das ist immerhin erfreulich! Ich gehe aber davon aus, daß Leonhardt nicht auf der Titelseite des Juni-Hefts abgebildet ist.

Gruß, Zelenka
HenningKolf (13.05.2008, 09:35):
Original von Zelenka
Original von HenningKolf
Original von Zelenka
(Unser deutsches "FonoForum" bevorzugt dagegen die "Teufelsgeigerin" Hilary Hahn und scheint sich auch im redaktionellen Teil nicht weiter mit unserem Jubilar auseinandersetzen zu wollen.)




im aktuellen Heft - hatte ich am Freitag im Briefkasten - gibt es ein dreiseitiges Interview mit Leonhardt....

Gruß
Henning

Das ist immerhin erfreulich! Ich gehe aber davon aus, daß Leonhardt nicht auf der Titelseite des Juni-Hefts abgebildet ist.

Gruß, Zelenka

Elke Heidenreich..................................
Tranquillo (13.05.2008, 12:47):
Original von Zelenka
Zwei kleine Korrekturen zu Deinem Text: Das Cembalo hat Leonhardt schon im Alter von 10 Jahren entdeckt, als seine Eltern ihm 1938 ein kleines Instrument kauften. Und er ist, was das Répertoire angeht, bis zu Mozart vorgedrungen.
Lieber Zelenka,

offenbar gibt es unterschiedliche Angaben über den "Entdeckungszeitpunkt", was aber letztlich auch nicht so wesentlich ist. Ich kenne keine einzige Mozart-Aufnahme mit Leonhardt, obwohl ich sehr viele Leonhardt-Aufnahmen in meiner Sammlung habe - wahrscheinlich gibt es Einspielungen, die ich nicht kenne, oder er hat Werke von Mozart in Konzerten gespielt.

Bei den allein mehr als 200 Solo-Einspielungen Leonhardts wird es nicht ganz einfach sein, seine Leistung genauer zu würdigen. Mir fehlen u.a. seine sämtlichen Einspielungen von geistlichen Kantaten Bachs. Aufgenommen hat er in einem Zeitraum von über 50 Jahren u.a. für Vanguard (u.a. zusammen mit Deller!), Telefunken Das alte Werk, DHM, SEON, Sony Vivarte, Virgin, Philips und aktuell Alpha.
Wobei durch diverse Übernahmen zwischenzeitlich Seon von Sony Classical und Sony Classical sowie DHM von BMG übernommen wurden. Die Telefunken-Aufnahmen sind teilweise noch bei Warner Classics verfügbar, Virgin gehört mittlerweile zu EMI und Philips zu Universal. Eine Liste der bei BMG aktuell verfügbaren Aufnahmen findet sich hier.

Wenigstens ein Ausschnitt aus dem Straub-Film ist auf YouTube zu bestaunen, Leonhardt (mit Perücke natürlich) ist von hinten am Cembalo aufgenommen. Im gleichen Film hat übrigens Harnoncourt den Fürsten von Anhalt-Köthen gegeben.
Diesen Film gab es vor etlichen Jahren im Fernsehen - er ist in der Tat experimentell, weil es keine Handlung und keine Dialoge gibt; entweder wird musiziert oder aus Briefen Bachs vorgelesen - kein Spielfilm im herkömmlichen Sinn, aber hochinteressant. Vielleicht wird der Film zu Leonhardts 80. Geburtstag nochmals gesendet. Liest hier vielleicht jemand von arte mit? :D

Den Inhalt der abgebildeten "Jubilee Edition"-Box von Sony habe ich noch nicht genau ermitteln können, u.a. scheint Mozart (ex-SEON) enthalten zu sein.
Hier gibt es nähere Informationen zu dieser Box mit Trackliste (leider ohne Komponistenangaben). Ziel bei der Zusammenstellung war offensichtlich, ein möglichst breites Spektrum abzudecken: Neben Solowerken (Goldberg-Variationen, Werke von Froberger, Böhm, Scarlatti, Couperin u. a.) finden sich auch Aufnahmen mit Leonhardt als Continuo-Cembalist (Corelli-Sonaten mit Brüggen, Telemann Pariser Quartette mit den Kuijkens), als Solist in Konzerten, als Organist und als Dirigent.

Viele Grüsse
Andreas
Zelenka (13.05.2008, 14:18):
Lieber Andreas:

Der frühere Entdeckungszeitpunkt im Falle des Cembalo ist wohl der zutreffende.

Leonhardt ist in Mozartwerken hier anzutreffen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/412RR8AWJXL._SL500_AA240_.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41HCMNGX3KL._SL500_AA240_.jpg

Derzeit sind diese SEON-Einspielungen offenbar vergriffen.

Die Label habe ich so aufgeführt, wie sie zur Zeit von Leonhardts Aufnahmen hießen - ohne Rücksicht auf irgendwelche Konzernzugehörigkeiten. Im Falle von SEON weiß ich noch nicht einmal, ob das Label von Sony übernommen wurde oder ob Wolf Erichson, der Leonhardt seit 1961 (Telefunken Das alte Werk, SEON , Sony Vivarte) lange als Aufnahmeleiter begleitet hat, die Aufnahmen nur lizensiert hat. (RCA hatte sie in den 80ern auch einmal im Programm.) Sony wurde nicht von BMG übernommen, es handelt sich vielmehr um ein "joint venture" im Verhältnis 50:50.

Und eine Selbstkorrektur: Die "Jubilee Edition"-Box von Sony enthält keinen Mozart. Heute morgen habe ich leider nur erwas flüchtig auf die Trackliste geschaut und K-Nummern gesehen, die natürlich für Kirkpatrick (Scarlatti) und nicht für Köchel stehen.

Gruß, Zelenka
Tranquillo (13.05.2008, 19:49):
Original von HenningKolf
Original von Zelenka
Original von HenningKolf
Original von Zelenka
(Unser deutsches "FonoForum" bevorzugt dagegen die "Teufelsgeigerin" Hilary Hahn und scheint sich auch im redaktionellen Teil nicht weiter mit unserem Jubilar auseinandersetzen zu wollen.)




im aktuellen Heft - hatte ich am Freitag im Briefkasten - gibt es ein dreiseitiges Interview mit Leonhardt....

Gruß
Henning

Das ist immerhin erfreulich! Ich gehe aber davon aus, daß Leonhardt nicht auf der Titelseite des Juni-Hefts abgebildet ist.

Gruß, Zelenka

Elke Heidenreich..................................
Da war mir die Teufelsgeigerin auf der Titelseite des letzten Hefts aber lieber :ignore

Leider ist mein Französisch so mager, dass mir der umfangreiche Artikel aus der "Diapason" entgehen wird. Der Beitrag in "FonoForum" ist nett geschrieben, aber nicht sonderlich tiefgehend - auf drei Seiten war wohl nicht mehr möglich.

Übrigens gibt es beim nach eigener Aussage "führenden deutschsprachigen Klassikforum" noch keinen Thread zu Leonhardt - diesmal sind sie offensichtlich nicht führend :haha

Viele Grüsse
Andreas
Tranquillo (13.05.2008, 20:10):
Original von Zelenka
Leonhardt ist in Mozartwerken hier anzutreffen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/412RR8AWJXL._SL500_AA240_.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41HCMNGX3KL._SL500_AA240_.jpg

Derzeit sind diese SEON-Einspielungen offenbar vergriffen.

Diese Aufnahmen sind mir völlig unbekannt - wieder etwas dazugelernt. Ich vermute, dass Leonhardt hier Fortepiano und nicht Cembalo spielt.

Sony wurde nicht von BMG übernommen, es handelt sich vielmehr um ein "joint venture" im Verhältnis 50:50.
Aha - bei den vielen Fusionen und Übernahmen blickt man da langsam nicht mehr durch. Bleibt abzuwarten, ob EMI (Virgin) bzw. Warner (Teldec) ebenfalls spezielle Boxen zu Leonhardts Geburtstag zusammengestellt haben - momentan sieht es eher nicht danach aus. Insbesondere bei Warner wäre das wegen der vielen Telefunken-Aufnahmen aus der Reihe "Das alte Werk" unbedingt lohnenswert. Von DHM würde ich mir eine Wiederveröffentlichung von Leonhardts Einspielung der "Kunst der Fuge" wünschen...

Viele Grüsse
Andreas
Zelenka (13.05.2008, 20:17):
Original von Tranquillo
Da war mir die Teufelsgeigerin auf der Titelseite des letzten Hefts aber lieber :ignore

Übrigens gibt es beim nach eigener Aussage "führenden deutschsprachigen Klassikforum" noch keinen Thread zu Leonhardt - diesmal sind sie offensichtlich nicht führend :haha

Viele Grüsse
Andreas

Ich weiß leider immer noch nicht, warum Frau Heidenreich auf dem Titel eines Klassikmagazins erscheint.

Ansonsten: Es ist schön, auch mal ein wenig führend zu sein!

Gruß, Zelenka
Zelenka (13.05.2008, 20:24):
Original von Tranquillo
Original von Zelenka
Leonhardt ist in Mozartwerken hier anzutreffen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/412RR8AWJXL._SL500_AA240_.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41HCMNGX3KL._SL500_AA240_.jpg

Derzeit sind diese SEON-Einspielungen offenbar vergriffen.

Diese Aufnahmen sind mir völlig unbekannt - wieder etwas dazugelernt. Ich vermute, dass Leonhardt hier Fortepiano und nicht Cembalo spielt.

Sony wurde nicht von BMG übernommen, es handelt sich vielmehr um ein "joint venture" im Verhältnis 50:50.
Aha - bei den vielen Fusionen und Übernahmen blickt man da langsam nicht mehr durch. Bleibt abzuwarten, ob EMI (Virgin) bzw. Warner (Teldec) ebenfalls spezielle Boxen zu Leonhardts Geburtstag zusammengestellt haben - momentan sieht es eher nicht danach aus. Insbesondere bei Warner wäre das wegen der vielen Telefunken-Aufnahmen aus der Reihe "Das alte Werk" unbedingt lohnenswert. Von DHM würde ich mir eine Wiederveröffentlichung von Leonhardts Einspielung der "Kunst der Fuge" wünschen...

Viele Grüsse
Andreas

Ja, Leonhardt spielt auf dem Hammerklavier!

Besonders bei Warner ist wohl derzeit einiges vergriffen! - Kunst der Fuge (DHM): Für viel Geld kann man wohl noch eine japanische Ausgabe bekommen ...

Gruß, Zelenka
Tranquillo (13.05.2008, 20:58):
Liebe Forianer,

eine vollständige labelübergreifende Diskographie Gustav Leonhardts zusammenzustellen, wäre sehr schwierig und zeitaufwendig - ich möchte deshalb nach und nach bestimmte Schwerpunkte herausgreifen und Aufnahmen mit knappen persönlichen Anmerkungen vorstellen. Erster Schwerpunkt: Werke für Cembalo solo von J. S. Bach.

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/0035627701122.jpg
https://www.jpc.de/image/w600/front/0/0035627701221.jpg

Das "Wohltemperierte Klavier" nahm Leonhardt 1968 (Teil 2) und 1972 (Teil 1) für DHM auf. Diese Aufnahme, die ich schon auf LP hatte, gehört zu den besten, die ich kenne, und überzeugt mich in jeglicher Hinsicht. Wie Leonhardt beispielsweise die Tempoproportionen im dreiteiligen Es-dur-Präludium des ersten Teils wählt, wie er das Problem des Taktwechsels im D-dur-Präludium des zweiten Teils löst oder wie er die reizvollen Klangunterschiede zwischen erstem und zweitem Manual im f-moll-Präludium des zweiten Teils ausnutzt - das ist für mich höchste Interpretationskunst, die trotz diverser "Moden" bei der historischen Interpretation auch heute noch gültig ist und nichts von ihrer Faszination verloren hat.

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/0035627714924.jpg
https://www.jpc.de/image/w600/front/0/0825646985326.jpg

1977 entstand Leonhardts Einspielung der "Goldberg-Variationen" für DHM. 13 Jahre vorher hatte er dieses Werk bereits für die Telefunken-Reihe "Das alte Werk" aufgenommen. Diese Aufnahme, die ich bereits eingangs erwähnt hatte, löste vor über 30 Jahren bei mir als Klassikhörer die Faszination für das Cembalo und für die Cembalowerke Bachs aus. Aus diesem Grund habe ich eine besondere persönliche Beziehung zu dieser Aufnahme, die mich mehr überzeugt als die spätere Aufnahme von 1977.

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/5099751948629.jpg
https://www.jpc.de/image/w600/front/0/5099751948421.jpg

Die sechs "Englischen Suiten" und die sechs "Französischen Suiten" nahm Leonhardt 1973 bzw. 1975 für Seon auf; die Aufnahmen sind jetzt bei Sony Classical erhältlich. Von den "Englischen Suiten" gibt es noch eine spätere Aufnahme aus dem Jahr 1984 (ursprünglich EMI, jetzt bei Virgin), die ich jedoch weniger überzeugend als die frühere finde.

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/0724356233720.jpg

Bei Virgin gibt es eine Aufnahme der sechs Partiten, die 1986 entstand. Leonhardt hatte bereits in den 1960er Jahren die Partiten für DHM eingespielt; diese Aufnahmen scheinen aber nicht mehr verfügbar zu sein.

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/5099751948223.jpg

Die 15 Inventionen und 15 Sinfonien spielte Leonhardt 1974 für Seon ein (jetzt bei Sony erhältlich).

Leonhardts Aufnahme der "Kunst der Fuge" (mit Bob van Asperen am zweiten Cembalo in den Spiegelfugen) ist aktuell leider nicht mehr auf CD erhältlich. Mit dieser Aufnahme trat er übrigens den praktischen Beweis für seine These an, dass Bach dieses Werk für Cembalo geschrieben hatte.

Viele Grüsse
Andreas
HenningKolf (13.05.2008, 21:07):
Original von Zelenka

Ich weiß leider immer noch nicht, warum Frau Heidenreich auf dem Titel eines Klassikmagazins erscheint.


Gruß, Zelenka

"Bekenntnisse einer Opernfanatikerin"....nun denn (vor ein paar Monaten gab es ähnliche Bekenntnisse von Donna Leon, die gerne Händelopern hört und deren Aufführungen besucht)

Einmal mehr überlege ich, ob ich das FF-Abo zugunsten des BBC-Mag kündige..früher hatte das FF gute Qualität, ich habe auch Zugriff auf das Archiv, aber leider nicht mit effizienter Suchfunktion (der Archiv-Zugriff war der eigentliche Abonnementsgrund)

Gruß
Henning
Zelenka (30.05.2008, 15:21):
Heute genau ist Gustav Leonhardts Geburtstag, aus diesem Anlaß hier wenigstens die Hörempfehlungen aus seiner Diskographie, die sein jüngerer Kollege Pierre Hantaï im Maiheft des Diapason gibt:

J.S. Bach

Kantaten BWV 33, 46, 103 (1974, 1975, 1980, Teldec)
Cembalokonzerte BWV 1053, 1055, 1056 (zusammen mit dem Leonhardt Consort) /1966, Teldec)
Chromatische Fantasie und Fuge, Fantasie BWV 904, Suite BWV 996, Matthäus-Passion (zusammen mit dem Tölzer Knabenchor und La Petite Bande) (1989, DHM)
Sonaten BWV 954 und 968, Toccata BWV 916 (1968, 1970, Teldec)
Violinsonaten und -partiten transkribiert für das Cembalo 1975, 1985, DHM)
Sonaten für Violine und Cembalo BWV 1014-19 (Mit S. Kuijken) (1973, DHM)
Englische Suiten (1973, SEON)
Toccata und Fuge BWV 565 und andere Orgelwerke (1972, 1973 Sony)

C.P.E. Bach

Sonaten, Fantasien, Rondos etc. (1972, SEON)

L. Couperin

Cenbalosuiten (1963, 1978, DHM)

Fresobaldi

Cembalowerke (1990, Philips)

Froberger

Toccaten und Suiten für Cembalo (1962, DHM)

Rameau

Pygmalion (zusammen mit la Petite Bande) (1980, DHM)

Scarlatti

Sonaten (1978, SEON)

"English Consort & Keyboard Music" (Byrd, Gibbons etc.) (zusammen mit dem Leonhardt Consort) (1965-70, Teldec)


Gruß, Zelenka
Tranquillo (23.09.2008, 19:58):
Hallo zusammen,

nachdem ich mir heute nach einigem Überlegen doch noch die Jubiläums-Box

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0886973189726.jpg

gekauft habe, einige nähere Informationen dazu.

Die Box enthält ein Booklet mit Leonhardts Vita und einem Interview mit ihm sowie 15 CD's in Papphüllen, wobei die Vorder- und Rückseiten der Papphüllen von den Originalcovern übernommen sind.

Folgende CD's sind enthalten:

CD 1: J. S. Bach - Goldberg-Variationen (DHM, 1978)
CD 2: J. S. Bach - Orgelwerke (DHM, 1990)
CD 3: Orgeln der Renaissance- und Barockzeit (Seon, 1973)
CD 4: Niederländische Orgeln der Renaissance- und Barockzeit (Seon, 1984)
CD 5: Cembalowerke von Weckmann und Froberger (Sony, 1997)
CD 6: Cembalowerke von Georg Böhm (Sony, 1993)
CD 7: Scarlatti - Cembalosonaten (Seon, 1979)
CD 8: Louis Couperin - Cembalosuiten (DHM, 1980)
CD 9: Cembalowerke von Rameau, Le Roux, Royer und Duphly (DHM, 1991)
CD 10: J. S. Bach - Konzerte BWV 1060, 1044 und 1052 (DHM, 1965, mit Collegium Aureum)
CD 11: J. S. Bach - Kantaten BWV 27, 34 und 41 (Sony, 1996, mit Tölzer Knabenchor)
CD 12: Cembalokonzerte von J. S. Bach (BWV 1052) und C. P. E. Bach (Wq 23) (Seon, 1982, mit Leonhardt Consort)
CD 13: Blockflötensonaten von Corelli (Seon, 1980, mit Frans Brüggen und Anner Bylsma)
CD 14: Musik in Versailles (DHM, 1970, mit Sigiswald und Wieland Kuijken)
CD 15: Telemann - Pariser Quartette 1730 (Sony, 1997, mit Sigiswald, Barthold und Wieland Kuijken)

Die Auswahl zielt offenbar darauf ab, die Vielseitigkeit Leonhardts zu verdeutlichen - als Cembalist (sowohl solo und als Kammermusiker als auch in Cembalokonzerten), als Organist und als Dirigent. Dennoch hätte ich die Box anders zusammengestellt: die schon etwas angestaubten Aufnahmen der CD 10 halte ich für absolut entbehrlich, zumal das Konzert BWV 1052 auch noch auf CD 12 zu finden ist. Ebenfalls für entbehrlich halte ich die CD's 3 und 4, zumal es ohnehin nur wenige Orgelaufnahmen mit Leonhardt gibt. Stattdessen hätte ich mir unbedingt die CD mit Cembalowerken von Froberger (DHM, 1990) gewünscht sowie Bachs Französische Suiten (Seon, 1975) und das Musikalische Opfer mit den Kuijken-Brüdern (ebenfalls Seon), denn J. S. Bach war immer eindeutiger Schwerpunkt Leonhardts. Trotz dieser Einschränkungen halte ich die Box für unbedingt empfehlenswert, zumal die allermeisten enthaltenen CD's sonst nicht mehr erhältlich sind und der Preis der Box nur geringfügig über dem einer einzelnen Vollpreis-CD liegt.

Was mich im Nachhinein erstaunt, ist, dass Warner (als Käufer von Telefunken bzw. Teldec) nichts zu Leonhardts Geburtstag herausgebracht hat. Gerade für die Telefunken-Reihe "Das Alte Werk" hat Leonhardt sehr viel aufgenommen (u. a. eine Gesamtaufnahme der Cembalokonzerte von J. S. Bach und auch etliche Bach-Kantaten im Rahmen der Gesamtaufnahme mit Harnoncourt).

Viele Grüsse
Andreas
Tranquillo (25.09.2008, 20:16):
Original von Tranquillo
Was mich im Nachhinein erstaunt, ist, dass Warner (als Käufer von Telefunken bzw. Teldec) nichts zu Leonhardts Geburtstag herausgebracht hat. Gerade für die Telefunken-Reihe "Das Alte Werk" hat Leonhardt sehr viel aufgenommen (u. a. eine Gesamtaufnahme der Cembalokonzerte von J. S. Bach und auch etliche Bach-Kantaten im Rahmen der Gesamtaufnahme mit Harnoncourt).
Wie ich heute erst entdeckt habe, hat auch Warner eine Leonhardt-Box im Programm:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0825646961443.jpg

Die Box enthält insgesamt 21 CD's mit Aufnahmen aus den Jahren 1961 bis 1970, die für die Telefunken-Reihe "Das Alte Werk" gemacht wurden. Leider habe ich bisher noch keine detaillierten Angaben zum Inhalt der Box gefunden.

Viele Grüsse
Andreas
Carola (04.10.2008, 16:29):
Original von Tranquillo

Wie ich heute erst entdeckt habe, hat auch Warner eine Leonhardt-Box im Programm:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0825646961443.jpg

Die Box enthält insgesamt 21 CD's mit Aufnahmen aus den Jahren 1961 bis 1970, die für die Telefunken-Reihe "Das Alte Werk" gemacht wurden. Leider habe ich bisher noch keine detaillierten Angaben zum Inhalt der Box gefunden.

Viele Grüsse
Andreas

Es ist wirklich zu blöd, dass auch jpc da nur sehr oberflächlich informiert.

Von den Goldbergvariationen gibt es noch eine dritte Aufnahme

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/0699675128128.jpg

von 1953, mono.

Aber nach Anhören der Hörproben bei jpc ich habe mir jetzt erst mal diese

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/0825646985326.jpg

auf den Merkzettel gesetzt.

Gruß, Carola
Tranquillo (04.10.2008, 16:38):
Original von Carola
Von den Goldbergvariationen gibt es noch eine dritte Aufnahme

https://www.jpc.de/image/w600/front/0/0699675128128.jpg

von 1953, mono.
Zu dieser Aufnahme hat Leonhardt in einem Interview (abgedruckt im Booklet der Jubiläumsbox von Sony) folgendes gesagt:

"Meine erste Aufnahme der Goldberg-Variationen aus dem Jahr 1953 habe ich zufällig im Radio in Österreich gehört, sehr nett gemeint, aber die war technisch viel zu pedantisch und deshalb viel zu langsam, mühsam."

Man sollte also besser zur zweiten (1964) oder dritten Aufnahme (1978) greifen.

Viele Grüsse
Andreas
Carola (07.10.2008, 19:40):
Original von Tranquillo

Wie ich heute erst entdeckt habe, hat auch Warner eine Leonhardt-Box im Programm:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0825646961443.jpg

Die Box enthält insgesamt 21 CD's mit Aufnahmen aus den Jahren 1961 bis 1970, die für die Telefunken-Reihe "Das Alte Werk" gemacht wurden. Leider habe ich bisher noch keine detaillierten Angaben zum Inhalt der Box gefunden.

Viele Grüsse
Andreas

Ich habe mir die Box heute bei Saturn angeschaut - der Preis ist dort noch fast 20 € höher als bei JPC (87 €). Sehr viel Bach ist auch hier nicht dabei, konkret habe ich mir nur die Cembalokonzerte und die Goldbergvariationen gemerkt (es war aber noch etwas mehr).

Die Aufnahme, die mich am meisten interessieren würde - die Kunst der Fuge - ist aber leider auch in dieser Box nicht enthalten.

Gruß, Carola
Tranquillo (07.10.2008, 20:29):
Original von Carola
Ich habe mir die Box heute bei Saturn angeschaut - der Preis ist dort noch fast 20 € höher als bei JPC (87 €). Sehr viel Bach ist auch hier nicht dabei, konkret habe ich mir nur die Cembalokonzerte und die Goldbergvariationen gemerkt (es war aber noch etwas mehr).
Liebe Carola,

vielen Dank für die Informationen zu dieser Box - ich habe leider immer noch keine Trackliste finden können. Deine Aussage deckt sich mit meiner Erinnerung, dass Leonhardt - wenn man einmal von der Kantaten-Gesamtaufnahme zusammen mit Harnoncourt absieht - für "Das alte Werk" hauptsächlich Konzerte und Kammermusik von Bach aufgenommen hat (u. a. sämtliche Cembalokonzerte sowie die sechs Sonaten für Violine und Cembalo mit Lars Fryden) und kaum Solowerke.

Die Aufnahme, die mich am meisten interessieren würde - die Kunst der Fuge - ist aber leider auch in dieser Box nicht enthalten.
Die Kunst der Fuge hat Leonhardt bei DHM aufgenommen (mit Bob van Asperen als zweitem Cembalisten bei den Spiegelfugen), sie ist meines Wissens nur als sehr teurer Japan-Import erhältlich.

Viele Grüsse
Andreas
Heike (17.01.2012, 20:44):
Wieder hat einer der ganz Großen diese Welt verlassen:
Gustav Leonhardt ist gestern im Alter von 83 Jahren in Amsterdam gestorben.

Er war einer der wenigen Cembalisten, von denen ich mir Aufnahmen zugelegt habe. Bei ihm klang das Cembalo irgendwie schöner als bei den meisten anderen.
Heike
Heike (22.01.2012, 12:31):
ein Nachruf in der FAZ: Händel war ihm zu barock