ab (27.01.2007, 00:09): In der Popmusik werden oft Platten produziert, die womöglich mehrere Hits enthalten, die dann ausgekoppelt werden. Der Rest der Platte muss dann mit irgendwelchen Liedern gefüllt werden. Oft schon ist es gut, wenn sich auf eine Platte mit 10 Tracks 3 gute Lieder befinden, manchmals sind es sogar 6, ganz selten sind sogar alle Lieder gut. Aber auch dann, wenn alle Lieder gut sein sollten, heißt das noch lange nicht, dass die Platte als gesamtes in einem durch so zu hören ist, dass keines der Lieder heraufällt, sodass also der Gesamteindruck gestört ist. So könnte man (willkürliche terminologisch Festlegung) unterscheiden zwischen einer guten Platte, die nämlich zahlreiche gute Tracks enthält, und einem guten Album, nämlich dann, wenn die Platte als gesamtes geschlossen wirkt (und das womöglich selbst dann, wenn einzelen Stücke nicht ganz so gut sind, aber im Gesamten stimmig sind.).
Alexei Lubimovs "Bote" ist beispielsweise deshalb ein gutes Album, weil es so geschlossen wirkt und in einem Zug stimmig durchgehört werden kann, ohne das etwas herausfallen würde (wobei die einzelnen Kompostionen selbst unterschiedlich gut sind, was aber für den Gesamteindruck ziemlich unerheblich ist). http://images.ciao.com/ide/images/products/normal/410/Der_Bote_Alexei_Lubimov__1671410.jpg
Von einem Konzeptalbum spreche ich dann, wenn es nicht einem Komponisten und dessen Werke gewidmet ist, sondern unter einem Titel, einen Programm wie "schwarze Messen" oder eben "der Bote" steht.
Valéry Afanassievs Homages & Ecstasies hingegen (um eine anderes Beispiel einer Konzeptzusammenstellung zu wählen) wirkt eher - trotz des Konzepts, Piansiten zu gedenken - wie aneinandergereiht ohne eine Einheitlichkeit zu erreichen (wie das Ecstasies suggerieren mag). Sozusagen (um in dieser Terminologie zu bleiben) eine gute Konzeptplatte, aber kein gutes Konzeptalbum. http://content.answers.com/main/content/img/amg/classical_albums/cov200/cl300/l310/l3100808390.jpg
Gute Alben sind sowohl in Pop, Jazz und Klassik äußerst rar gesäht.
Daher die Frage: Wer kennt von euch gute Konzeptalben in der Klassischen Musik?
Cetay (inaktiv) (10.11.2007, 10:07): Hallo ab,
das ist ein hochinteressantes Thema. Die fehlende Resonanz dürfte wohl hauptsächlich damit zu erklären sein, dass es echte Konzeptalben, wie sie von dir sehr treffend definiert sind, im Bereich der Klassischen Musik so gut wie nicht gibt. Das liegt vielleicht daran, dass es Produktionen, die mehrere Komponisten - womöglich noch aus verschiedenen Epochen - auf einer Platte vereinen, auf dem Klassikmarkt schwer haben. Ich denke auch, dass es sehr schwierig ist, bereits vorhandenes Material so anzuordnen, dass sich eine übergeordnete Dramaturgie ergibt, die dann auch noch zu einem Konzept passt. Da haben es Rockmusiker, die mit einem weißen Blatt beginnen, doch deutlich leichter. (Als Liebhaber von guten Konzeptalben wirst du Ayreon wahrscheinlich kennen. Falls nicht, will ich dir eine Beschäftigung mit ihm an Herz legen.)
Es gibt bei ECM New Series einige Aufnahmen, die deiner Definition eines klassischen Konzeptalbums nahe kommen. Die Alben zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr ungewöhnliche Werkkopplungen bieten und deren verborgene Gemeinsamkeiten (also das verbindende Konzept) herausarbeiten, was oft eine radikal neue Sicht auf scheinbar Bekanntes ermöglicht. Drei Beispiele aus meiner Sammlung:
Gorecki/Satie/Milhaud/Bryars
Henryk Górecki: O Domina Nostra * Eric Satie: Messe de Pauvres Darius Milhaud: Preludes I & II Gavin Bryars: The Black River *
Sara Leonard, Sopran * Christopher Bowers-Broadbent, Orgel
Die beiden Rahmenweke von Gorecki über Schwarze Madonna von Jasnagora und von Bryars über die Fahrt auf dem schwarzen Fluss aus Jule Vernes Roman "20.000 Meilen ünter dem Meer", könnten von der Thematik her kaum unterschiedlicher sein, dennoch macht Symbolik und die sakrale Aura der Orgel begreiflich, dass es hier wie dort um "die letzten Dinge" geht. Es existieren so viele weitere unterirdische Verbindungen zwischen den Werken auf dieser CD, dass ich wohl den ausführlichen Booklet-Text abschreiben müsste, um das herauszuarbeiten. Hörbar ist es allemal, die CD hört sich wie aus einem Guss.
Johann Sebastian Bach Elliot Carter
Johann Sebastian Bach: Suite Nr. 3 in C-Dur für Violoncello solo, BWV 1009 Elliott Carter: Esprit rude, Esprit doux für Föte und Klarinette Enchanted preludes für Flöte und Violoncello Riconoscenza per Goffredo Petrassi für Voiline Triple Duo
Thomas Demenga, Cello Hansheinz Schneeberger, Violine Philippe Racine, Flöte Ernesto Molinari, Klarinette Paul Cleemann, Piano Gerhard Huber, Percussion Jürg Wyttenbach, Dirigent
Die Verräumlichung der Klanglinien durch das mehrschichtige, perspektivische musikalische Denken sind das verbindende Konzept und nach den freitonalen Klanglandschaften von Elliot Carter verwandelt sich der Ausgangspunkt - Bachs blauer Klanghimmel - in einen vielstimmigen Klangraum und wir erkennen "eine unendliche Vielfalt von Formen, Farbschattierungen, Gesten, Gestalten, schwebenden Tanzschritten, perspektivischen Räumen, …" (Booklet)
Mozart/Scelsi/Pärt/Bärtschi/Busoni
Wolfgang Amadeus Mozart: Fantasie c-moll KV 475 Giacinto Scelsi: Vier Illustrationen zu den Verwandlungen Vishnus Arvo Pärt: Für Alina Wolfgang Amadeus Mozart: Adagio h-moll KV 540 Werner Bärtschi: Frühmorgens am Daubensee Ferruccio Busoni: Toccata Wolfgang Amadeus Mozart: Sonate B-Dur KV 333
Werner Bärtschi, Piano
"Erzählstrom mit beglücktem Innerhalten. Von Mozart weg zu Mozart und vor." War Mozart ein Prophet, der die neue Musik vorausgeahnt hat oder komponierten die Neutöner einfach Mozart weiter? Es ist verblüffend und überzeugend, wie Bärtschi das vermeintlich Ferne nah aneinanderrückt und Mozart als Anfang und Ende der Musik vermittelt und dabei sogar Beziehung durch Nicht-Beziehung zu schaffen vermag. Puristen seien gewarnt, dass er dies unter anderem durch einen recht ungewöhnlichen Interpretationsansatz – ich würde ihn impressionistisch nennen – erreicht, der bei vielen Mozart-Anhängern gnadenlos durchgefallen ist.
Viele Grüße Jochen
ab (11.11.2007, 14:11): Original von Dox Orkh Hallo ab, Es gibt bei ECM New Series einige Aufnahmen, die deiner Definition eines klassischen Konzeptalbums nahe kommen. Die Alben zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr ungewöhnliche Werkkopplungen bieten und deren verborgene Gemeinsamkeiten (also das verbindende Konzept) herausarbeiten, was oft eine radikal neue Sicht auf scheinbar Bekanntes ermöglicht.
Sind dies nun gute Platten oder gute Alben im intendierten Sinne, dass sie bloß interesante Gegenüberstellungen bringen oder aber auch eine Einheitlichkeit zeigen, ohne dass eine Komposition irgendwie herausfällt oder alles aneinandergereiht wirkt? Zeigen sie Geschlossenheit?
nikolaus (11.11.2007, 21:46): Hier kann ich eine meiner Neuerwerbungen nennen:
http://www.jpc.de/image/w300/front/0/8841670.jpg
Christine Schäfer hat diese Aufnahme selber produziert. Sie stellt Lieder von Henry Purcell (1659-1695) und George Crumb (*1929) nebeneinander und verknüpft diese mit von einem Kind gesprochenen Ausschnitten aus Shakespeares Sonetten.
Sie schreibt dazu: ...Weil ich nicht so viel erklären, sondern das Hören an sich wirken lassen möchte, habe ich Ausschnitte aus den Shakespeare-Sonetten ausgesucht - sie verbinden die Lieder perfekt. Und sie erlassen mir die Aufgabe, die Geschichte, die mit der Musik von Crumb und Purcell erzählt wird, weitläufig erklären zu müssen...
...Die Geschichte beginnt mit Musik - "Music for a while" und dem schönen Bild, dass die Musik die "Nahrung der Liebe" sein könnte. Es folgt die Beschreibung einer Hochzeit. Dann ein Liebeslied, und dann geht es in Richtung Eifersucht, Verlassenwerden, Sterben. In diesen Aufbau hinein passen sehr schön die Texte der frühen Crumb-Lieder. Crumbs Apparition handelt dann von der Schönheit des Sterbens - mit Vogelstimmen, der Vogel der stirbt und freut sich auf den Tod!
Ergänzend sei noch erwähnt, dass sie auf einem modernen Klavier begleitet wird und auch einzelne elektronische Klänge einstreut.
Das Cover ist allerdings gewöhnungsbedürftig (sie steht im Muséum national d'Histoire naturelle (Paris) zwischen Tierskeletten... Aber auch dazu hat sie sich Gedanken gemacht.
Ich höre die CD gerade zum zweiten Mal und mein Eindruck ist: Die Rechnung geht auf! Das ganze ist sehr spannend und atemberaubend interpretiert.
Ich bin sicher kein Lied-Fan, aber das hier ist grösste Kunst!!
Nikolaus.
Cetay (inaktiv) (11.11.2007, 23:30): Original von ab Original von Dox Orkh Hallo ab, Es gibt bei ECM New Series einige Aufnahmen, die deiner Definition eines klassischen Konzeptalbums nahe kommen. Die Alben zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr ungewöhnliche Werkkopplungen bieten und deren verborgene Gemeinsamkeiten (also das verbindende Konzept) herausarbeiten, was oft eine radikal neue Sicht auf scheinbar Bekanntes ermöglicht.
Sind dies nun gute Platten oder gute Alben im intendierten Sinne, dass sie bloß interesante Gegenüberstellungen bringen oder aber auch eine Einheitlichkeit zeigen, ohne dass eine Komposition irgendwie herausfällt oder alles aneinandergereiht wirkt? Zeigen sie Geschlossenheit?
Für das Klavierrecital von Bärtschi kann ich das so unterschreiben.
Ein weiterer Tip wären noch einige Alben aus der Audio-Film Reihe von Winter & Winter, die ich allerdings nur vom Hörensagen kenne: http://www.winterandwinter.com/index.php?id=11
ab (11.02.2008, 10:11): Kennt jemand von euch die neue CD von David Greilsammer, die hier sehr gelobt wird? Ist dies mit dem interssanten Konzept mit Werken von Mozart, Cage, Janacek, Ligeti, Schönberg, Brahms und Keren sowie Bach ein eine gute Platte oder oder gar ein gutes Album im erläuterten Sinne?
Zelenka (11.02.2008, 16:26): Original von ab Kennt jemand von euch die neue CD von David Greilsammer, die hier sehr gelobt wird? Ist dies mit dem interssanten Konzept mit Werken von Mozart, Cage, Janacek, Ligeti, Schönberg, Brahms und Keren sowie Bach ein eine gute Platte oder oder gar ein gutes Album im erläuterten Sinne?
Ist bekannt, was die drei Damen auf dem Cover mit der CD zu tun haben, auf der ja offenbar Werke für Klavier solo zu Gehör gebracht werden? Vokalisieren sie im Hintergrund?
Gruß, Zelenka
ab (11.02.2008, 18:45): (Wohin blicken die eingentlich? Auf die Partitur?)
Die sollen wohl die Phantasie (männlicher?) potentieller Käufer anregen :D
ab (27.01.2007, 00:09): In der Popmusik werden oft Platten produziert, die womöglich mehrere Hits enthalten, die dann ausgekoppelt werden. Der Rest der Platte muss dann mit irgendwelchen Liedern gefüllt werden. Oft schon ist es gut, wenn sich auf eine Platte mit 10 Tracks 3 gute Lieder befinden, manchmals sind es sogar 6, ganz selten sind sogar alle Lieder gut. Aber auch dann, wenn alle Lieder gut sein sollten, heißt das noch lange nicht, dass die Platte als gesamtes in einem durch so zu hören ist, dass keines der Lieder heraufällt, sodass also der Gesamteindruck gestört ist. So könnte man (willkürliche terminologisch Festlegung) unterscheiden zwischen einer guten Platte, die nämlich zahlreiche gute Tracks enthält, und einem guten Album, nämlich dann, wenn die Platte als gesamtes geschlossen wirkt (und das womöglich selbst dann, wenn einzelen Stücke nicht ganz so gut sind, aber im Gesamten stimmig sind.).
Alexei Lubimovs "Bote" ist beispielsweise deshalb ein gutes Album, weil es so geschlossen wirkt und in einem Zug stimmig durchgehört werden kann, ohne das etwas herausfallen würde (wobei die einzelnen Kompostionen selbst unterschiedlich gut sind, was aber für den Gesamteindruck ziemlich unerheblich ist). http://images.ciao.com/ide/images/products/normal/410/Der_Bote_Alexei_Lubimov__1671410.jpg
Von einem Konzeptalbum spreche ich dann, wenn es nicht einem Komponisten und dessen Werke gewidmet ist, sondern unter einem Titel, einen Programm wie "schwarze Messen" oder eben "der Bote" steht.
Valéry Afanassievs Homages & Ecstasies hingegen (um eine anderes Beispiel einer Konzeptzusammenstellung zu wählen) wirkt eher - trotz des Konzepts, Piansiten zu gedenken - wie aneinandergereiht ohne eine Einheitlichkeit zu erreichen (wie das Ecstasies suggerieren mag). Sozusagen (um in dieser Terminologie zu bleiben) eine gute Konzeptplatte, aber kein gutes Konzeptalbum. http://content.answers.com/main/content/img/amg/classical_albums/cov200/cl300/l310/l3100808390.jpg
Gute Alben sind sowohl in Pop, Jazz und Klassik äußerst rar gesäht.
Daher die Frage: Wer kennt von euch gute Konzeptalben in der Klassischen Musik?
Cetay (inaktiv) (10.11.2007, 10:07): Hallo ab,
das ist ein hochinteressantes Thema. Die fehlende Resonanz dürfte wohl hauptsächlich damit zu erklären sein, dass es echte Konzeptalben, wie sie von dir sehr treffend definiert sind, im Bereich der Klassischen Musik so gut wie nicht gibt. Das liegt vielleicht daran, dass es Produktionen, die mehrere Komponisten - womöglich noch aus verschiedenen Epochen - auf einer Platte vereinen, auf dem Klassikmarkt schwer haben. Ich denke auch, dass es sehr schwierig ist, bereits vorhandenes Material so anzuordnen, dass sich eine übergeordnete Dramaturgie ergibt, die dann auch noch zu einem Konzept passt. Da haben es Rockmusiker, die mit einem weißen Blatt beginnen, doch deutlich leichter. (Als Liebhaber von guten Konzeptalben wirst du Ayreon wahrscheinlich kennen. Falls nicht, will ich dir eine Beschäftigung mit ihm an Herz legen.)
Es gibt bei ECM New Series einige Aufnahmen, die deiner Definition eines klassischen Konzeptalbums nahe kommen. Die Alben zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr ungewöhnliche Werkkopplungen bieten und deren verborgene Gemeinsamkeiten (also das verbindende Konzept) herausarbeiten, was oft eine radikal neue Sicht auf scheinbar Bekanntes ermöglicht. Drei Beispiele aus meiner Sammlung:
Gorecki/Satie/Milhaud/Bryars
Henryk Górecki: O Domina Nostra * Eric Satie: Messe de Pauvres Darius Milhaud: Preludes I & II Gavin Bryars: The Black River *
Sara Leonard, Sopran * Christopher Bowers-Broadbent, Orgel
Die beiden Rahmenweke von Gorecki über Schwarze Madonna von Jasnagora und von Bryars über die Fahrt auf dem schwarzen Fluss aus Jule Vernes Roman "20.000 Meilen ünter dem Meer", könnten von der Thematik her kaum unterschiedlicher sein, dennoch macht Symbolik und die sakrale Aura der Orgel begreiflich, dass es hier wie dort um "die letzten Dinge" geht. Es existieren so viele weitere unterirdische Verbindungen zwischen den Werken auf dieser CD, dass ich wohl den ausführlichen Booklet-Text abschreiben müsste, um das herauszuarbeiten. Hörbar ist es allemal, die CD hört sich wie aus einem Guss.
Johann Sebastian Bach Elliot Carter
Johann Sebastian Bach: Suite Nr. 3 in C-Dur für Violoncello solo, BWV 1009 Elliott Carter: Esprit rude, Esprit doux für Föte und Klarinette Enchanted preludes für Flöte und Violoncello Riconoscenza per Goffredo Petrassi für Voiline Triple Duo
Thomas Demenga, Cello Hansheinz Schneeberger, Violine Philippe Racine, Flöte Ernesto Molinari, Klarinette Paul Cleemann, Piano Gerhard Huber, Percussion Jürg Wyttenbach, Dirigent
Die Verräumlichung der Klanglinien durch das mehrschichtige, perspektivische musikalische Denken sind das verbindende Konzept und nach den freitonalen Klanglandschaften von Elliot Carter verwandelt sich der Ausgangspunkt - Bachs blauer Klanghimmel - in einen vielstimmigen Klangraum und wir erkennen "eine unendliche Vielfalt von Formen, Farbschattierungen, Gesten, Gestalten, schwebenden Tanzschritten, perspektivischen Räumen, …" (Booklet)
Mozart/Scelsi/Pärt/Bärtschi/Busoni
Wolfgang Amadeus Mozart: Fantasie c-moll KV 475 Giacinto Scelsi: Vier Illustrationen zu den Verwandlungen Vishnus Arvo Pärt: Für Alina Wolfgang Amadeus Mozart: Adagio h-moll KV 540 Werner Bärtschi: Frühmorgens am Daubensee Ferruccio Busoni: Toccata Wolfgang Amadeus Mozart: Sonate B-Dur KV 333
Werner Bärtschi, Piano
"Erzählstrom mit beglücktem Innerhalten. Von Mozart weg zu Mozart und vor." War Mozart ein Prophet, der die neue Musik vorausgeahnt hat oder komponierten die Neutöner einfach Mozart weiter? Es ist verblüffend und überzeugend, wie Bärtschi das vermeintlich Ferne nah aneinanderrückt und Mozart als Anfang und Ende der Musik vermittelt und dabei sogar Beziehung durch Nicht-Beziehung zu schaffen vermag. Puristen seien gewarnt, dass er dies unter anderem durch einen recht ungewöhnlichen Interpretationsansatz – ich würde ihn impressionistisch nennen – erreicht, der bei vielen Mozart-Anhängern gnadenlos durchgefallen ist.
Viele Grüße Jochen
ab (11.11.2007, 14:11): Original von Dox Orkh Hallo ab, Es gibt bei ECM New Series einige Aufnahmen, die deiner Definition eines klassischen Konzeptalbums nahe kommen. Die Alben zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr ungewöhnliche Werkkopplungen bieten und deren verborgene Gemeinsamkeiten (also das verbindende Konzept) herausarbeiten, was oft eine radikal neue Sicht auf scheinbar Bekanntes ermöglicht.
Sind dies nun gute Platten oder gute Alben im intendierten Sinne, dass sie bloß interesante Gegenüberstellungen bringen oder aber auch eine Einheitlichkeit zeigen, ohne dass eine Komposition irgendwie herausfällt oder alles aneinandergereiht wirkt? Zeigen sie Geschlossenheit?
nikolaus (11.11.2007, 21:46): Hier kann ich eine meiner Neuerwerbungen nennen:
http://www.jpc.de/image/w300/front/0/8841670.jpg
Christine Schäfer hat diese Aufnahme selber produziert. Sie stellt Lieder von Henry Purcell (1659-1695) und George Crumb (*1929) nebeneinander und verknüpft diese mit von einem Kind gesprochenen Ausschnitten aus Shakespeares Sonetten.
Sie schreibt dazu: ...Weil ich nicht so viel erklären, sondern das Hören an sich wirken lassen möchte, habe ich Ausschnitte aus den Shakespeare-Sonetten ausgesucht - sie verbinden die Lieder perfekt. Und sie erlassen mir die Aufgabe, die Geschichte, die mit der Musik von Crumb und Purcell erzählt wird, weitläufig erklären zu müssen...
...Die Geschichte beginnt mit Musik - "Music for a while" und dem schönen Bild, dass die Musik die "Nahrung der Liebe" sein könnte. Es folgt die Beschreibung einer Hochzeit. Dann ein Liebeslied, und dann geht es in Richtung Eifersucht, Verlassenwerden, Sterben. In diesen Aufbau hinein passen sehr schön die Texte der frühen Crumb-Lieder. Crumbs Apparition handelt dann von der Schönheit des Sterbens - mit Vogelstimmen, der Vogel der stirbt und freut sich auf den Tod!
Ergänzend sei noch erwähnt, dass sie auf einem modernen Klavier begleitet wird und auch einzelne elektronische Klänge einstreut.
Das Cover ist allerdings gewöhnungsbedürftig (sie steht im Muséum national d'Histoire naturelle (Paris) zwischen Tierskeletten... Aber auch dazu hat sie sich Gedanken gemacht.
Ich höre die CD gerade zum zweiten Mal und mein Eindruck ist: Die Rechnung geht auf! Das ganze ist sehr spannend und atemberaubend interpretiert.
Ich bin sicher kein Lied-Fan, aber das hier ist grösste Kunst!!
Nikolaus.
Cetay (inaktiv) (11.11.2007, 23:30): Original von ab Original von Dox Orkh Hallo ab, Es gibt bei ECM New Series einige Aufnahmen, die deiner Definition eines klassischen Konzeptalbums nahe kommen. Die Alben zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr ungewöhnliche Werkkopplungen bieten und deren verborgene Gemeinsamkeiten (also das verbindende Konzept) herausarbeiten, was oft eine radikal neue Sicht auf scheinbar Bekanntes ermöglicht.
Sind dies nun gute Platten oder gute Alben im intendierten Sinne, dass sie bloß interesante Gegenüberstellungen bringen oder aber auch eine Einheitlichkeit zeigen, ohne dass eine Komposition irgendwie herausfällt oder alles aneinandergereiht wirkt? Zeigen sie Geschlossenheit?
Für das Klavierrecital von Bärtschi kann ich das so unterschreiben.
Ein weiterer Tip wären noch einige Alben aus der Audio-Film Reihe von Winter & Winter, die ich allerdings nur vom Hörensagen kenne: http://www.winterandwinter.com/index.php?id=11
ab (11.02.2008, 10:11): Kennt jemand von euch die neue CD von David Greilsammer, die hier sehr gelobt wird? Ist dies mit dem interssanten Konzept mit Werken von Mozart, Cage, Janacek, Ligeti, Schönberg, Brahms und Keren sowie Bach ein eine gute Platte oder oder gar ein gutes Album im erläuterten Sinne?
Zelenka (11.02.2008, 16:26): Original von ab Kennt jemand von euch die neue CD von David Greilsammer, die hier sehr gelobt wird? Ist dies mit dem interssanten Konzept mit Werken von Mozart, Cage, Janacek, Ligeti, Schönberg, Brahms und Keren sowie Bach ein eine gute Platte oder oder gar ein gutes Album im erläuterten Sinne?
Ist bekannt, was die drei Damen auf dem Cover mit der CD zu tun haben, auf der ja offenbar Werke für Klavier solo zu Gehör gebracht werden? Vokalisieren sie im Hintergrund?
Gruß, Zelenka
ab (11.02.2008, 18:45): (Wohin blicken die eingentlich? Auf die Partitur?)
Die sollen wohl die Phantasie (männlicher?) potentieller Käufer anregen :D
ab (09.06.2013, 18:57): Ein wirklich gutes Konzeptalbum:
Klavierstücke von Machaut, Stockhausen, Boulez, Mussorgksy, D. Scarlatti, Bach, Schubert, Bartok, Beethoven, Purcell, Janacek, Chopin, Schumann, Liszt
nikolaus (09.06.2013, 19:18): Das klingt interessant, aber wie lautet das Konzept genau?
Ich kenne Kurtag kaum. Weht der "Geist" der aufgeführten Komponisten durch sein Werk?
Nikolaus :thanks
ab (09.06.2013, 20:54): Original von nikolaus Das klingt interessant, aber wie lautet das Konzept genau?
Ich kenne Kurtag kaum. Weht der "Geist" der aufgeführten Komponisten durch sein Werk?
Nikolaus :thanks
Mit den "Geistern" sind die Komponisten der Musikgeschichten gemeint, die im Hintergrund der Kompositionen von Kurtág stehen.
Die Interpretation Formetis ist etwas ganz besonderes, weil er die "alten" Werke ganz aus dem Geist der "neuen" spielt: Bassbegleitungen werden zB zu eigenständigen Klangblöcken, die kontrapunktisch ganz gleichwertig der Melodie zur Seite gestellt wird. Das ist sehr eigen, sehr sugestiv, mit viel Pedal sehr subtil - und funktioniert! Schlüssige Exzentrik, sozusagen...