Cosima (23.03.2006, 16:48): György (oder: Georges) Cziffra (1921-1994)
Geboren am 5. November 1921 in Budapest, erste Konzerte als Fünfjähriger. 1941 in Kriegsgefangenschaft geraten, Fortsetzung seiner Ausbildung erst 1947 möglich. 1950 wegen seiner politischen Gesinnung verhaftet, Entlassung aus dem Gefängnis 1953. Zwei Jahre später Gewinner des Franz-Liszt-Preises, seitdem als Reinkarnation Liszts gefeiert, der ja auch - wie bekannt - ein Tastengenie war. Dann Ausweitung seines Kernrepertoires unter seinem Lehrer Ferencsik auf Werke von Chopin, seinen zweiten Lieblingskomponisten.
Kennen gelernt habe ich Cziffra mit den Ungarischen Rhapsodien von Liszt (EMI 1973-75). Die ganze Scheibe ist ein wahnwitziger Hammer, die muss man gehört haben! Überhaupt liebe ich diesen Pianisten sehr. Cziffra war nicht der Typ Virtuose, der sich und sein Können in den Vordergrund stellte. Er hatte eine so schöne feinsinnige und kraftvoll-leidenschaftliche Art des Klavierspiels, die mich sehr berührt. Die schweren Passagen spielte er mit einer tänzerischen Leichtigkeit und Hingabe, die auf mich ganz natürlich und anmutig wirkt.
Was haltet Ihr von Cziffra? Zum Beispiel von seiner Interpretation der h-moll Sonate von Liszt?
Gruß, Cosima
Moritz (01.05.2006, 03:08): Hallo,
ich bin gerade durch einen anderen Thread auf diesen aufmerksam geworden und oute mich gerne als bekennenden Cziffra-Fan.
Auch wenn viele ihn als Nur-Virtuosen und Stuntman abtun, ich habe meine helle Freude an seinen Platten. Allein gegen die von Cosima genannten Ungarischen Rhapsodien können alle anderen 'Super-Virtuosen' einpacken. Ich höre die Cd (die wirklich Spottpreis zu haben ist, allerdings nicht mit den vollständigen Rhapsodien) oft und gerne. Wie der Flügel den Fortissimo-Ausbruch in der sechsten Rhapsodie unbeschadet überstanden hat, wird mir immer ein Rätsel bleiben... :D
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/3443534.jpg
Auch die h-moll Sonate gefällt mir ausgezeichnet. Wer eine 'schulmässige' Interpretation der Sonate sucht, ist wohl eher nicht so gut beraten, ich würde sie aber jederzeit in meinen Top 5 nennen, vor beispielsweise Pollini oder Pogorelich. Auch die (oft belächelten) Klavierkonzerte, der Totentanz und natürlich die transzendenten Etuden sind erste Wahl.
Abseits von Liszt ist natürlich nicht alles Gold, was glänzt, aber viele der Aufnahmen sind mit Sicherheit viel besser als ihr Ruf. Schade, dass es immer noch so weit verbreitet ist, große Virtuosen so oft als reine Techniker und Selbstdarsteller zu zeihen, aber das ist ein anderes Thema...
Liebe Grüsse, Moritz
Cosima (01.05.2006, 08:28): Hallo Moritz!
Original von Moritz ich bin gerade durch einen anderen Thread auf diesen aufmerksam geworden und oute mich gerne als bekennenden Cziffra-Fan.
Das freut mich! Ich dachte schon, ich wäre der einzige Cziffra-Fan hier. Seltsam, dass dieser Pianist so wenig Anklang findet. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sein Repertoire sehr klein war und die Liszt-Fans sowieso etwas rarer gesät sind. Oder/und es besteht das Vorurteil, dass ein solcher – zugegeben manchmal etwas extremer – Virtuose wie Cziffra lediglich ein oberflächlicher, gelackter Techniker à la Earl Wild sein müsse. (Wilds späten Liszt mag ich nicht sonderlich, auf seine 1940-er Aufnahme der h-moll-Sonate habe ich bereits mehrfach lobend hingewiesen. Auch so ein „special case“.)
Ich empfinde Cziffra als Künstler mit famoser Technik und Seele (verbinde seinen Namen aber auch ausschließlich mit Liszt-Interpretationen). Aus diesem Grund weise ich gerne noch einmal auf die DVD aus der Classic-Archive-Reihe hin:
Wie er hier, auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Entwicklung stehend, die „Ungarische Rhapsodie Nr. 6“ und den „Gnomenreigen“ von Liszt spielt, ließ mich glatt sprachlos werden! Ein feingliedriger, vornehm und feinsinnig anmutender Mann, der die schweren Passagen fast mit übermenschlich erscheinender Leichtigkeit spielt. Voller Hingabe, so als wäre er in Trance. Sein Spiel wirkt tänzerisch, irgendwie schwebend, ganz selbstverständlich und natürlich. Ich fand das sehr beeindruckend und berührend.
Seine Liszt-Sonate hatte ich auch schon einmal angesprochen. Ein dolles Ding! Bizarr, morbide, extravagant, traumverloren – sehr subjektiv ausgelegt! Das ist natürlich anfechtbar, hat etwas von selbstverliebtem Tastenlöwenstil mit Seele – für mich sehr faszinierend.
Na ja, und dann das Paradepferdchen: La Campanella. Zugegebenermaßen kein großes Werk, aber er spielt es wunderschön perlend, prickelnd und anmutig. So kann man nicht spielen, wenn man Nur-Virtuose ist.
Cziffra trifft irgendeinen Nerv in mir, ich mag ihn sehr.
Gruß, Cosima
Ganong (01.05.2006, 15:02): Liebe Cosima ,
Danke für Deinen Einsatz für Cziffra .
Der L I V E - Mischnitt von La Campanella ( EMI ) ist doch d i e Supervirtuosenzugabe überhaupt . Ahnliches kenne ich nur von Barre "Islamey" , Paderewsky "2. Ungarische Rhapsodie" .
Die Liszt - Sonate ist doch alleine deswegen unter den 100 Interpretationen , die es auf Tonträger gibt , herauszuheben , weil Cziffra s e i n e n Liszt interpretiert und nicht irgendweinem Zeitgeist der Interpretation hinterhergespielt hat .
Ausdrücklich möcht eich auf seine Schumann hinweisen , Études symphoniques" , die ebenfalls eine hochinteressante Deutung des Werkes sind . Absolute Empfehlung ! ich werde darauf in meiner Besprechung des Werkes zurückkommen .
ich bin mal so frei und kopiere einen Teil Deines Beitrages als Aufhänger hier rüber:
Und die Soanten 2 & 3 von Chopin haben eine ganz sltene Faszination ( vgl.: Rubinstein ; Horowitz Nr. 2 ; Weissenebrg 2 &3 EMI & RCA ) , Gilels ( Edition Great Pianists of the century ) , Vlado Perlemuter , Sokolv mit der h-Moll-Sonate und natürlich "meine" Martha mit der h-Moll-Sonate ( EMI ! , nicht DGG )
Inzwischen habe ich mich ein bisschen schlau gemacht. Es existiert eine 5-CD-Box von EMI mit Chopin-Werken. Ich las tatsächlich positive Kritiken darüber. Aber ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass Cziffra und Chopin gut zusammen passen könnten. Kennt sonst noch jemand diese Aufnahmen?
Ich meine, dass Siamak sich mal sehr negativ über Cziffras Chopin geäußert hätte.
Gruß, Cosima
Ganong (02.05.2006, 18:25): Liebe Cosima ,
ich werde gesondert auf Chopin und Cziffra eingehen. Die von Dir vorgestellte Box ist ausgezeichnet . Versuche bitte den Livemitschnit aus 1963 bei Aura / Ermitage zu bekommen .
Beste Grüsse , Frank
PS.: Die Editon "Great Pianists of the Century" ist bezüglich Cziffra ( besonders CD 1 mit den Liszt-Aufnahmen bei Philips ! und dem schwachen Booklet von Peter Cossé ) nicht repräasentativ für sein können. e sgab in Frankreich ( EMI France 9 einmal eine 6 CD Box , dei Cziffras Sektrum hervorragnd vermittelt . F.
Zelenka (02.05.2006, 18:47): Original von Ganong Liebe Cosima ,
ich werde gesondert auf Chopin und Cziffra eingehen. Die von Dir vorgestellte Box ist ausgezeichnet . Versuche bitte den Livemitschnit aus 1963 bei Aura / Ermitage zu bekommen .
Beste Grüsse , Frank
PS.: Die Editon "Great Pianists of the Century" ist bezüglich Cziffra ( besonders CD 1 mit den Liszt-Aufnahmen bei Philips ! und dem schwachen Booklet von Peter Cossé ) nicht repräasentativ für sein können. e sgab in Frankreich ( EMI France 9 einmal eine 6 CD Box , dei Cziffras Sektrum hervorragnd vermittelt . F.
Die Chopin-Aufnahmen in der "Great Pianists of the Century"-Edition sind leider auch Philips-Aufnahmen, nicht die berühmteren von EMI. Cossés Booklet-Text ist putzig. Wenn überhaupt hätte er wohl eine ganz andere Auswahl für die Cziffra-Folge der Edition getroffen ...
Gruß,
Zelenka
Cosima (02.05.2006, 21:11): Original von Zelenka Cossés Booklet-Text ist putzig. Wenn überhaupt hätte er wohl eine ganz andere Auswahl für die Cziffra-Folge der Edition getroffen ...
Kurz off-topic, weil ich mich gerade über Cossés Text im Booklet zur Essential-Richter-CD ärgere. Er schreibt:
„Nur beiläufig und überraschend angekündigte Auftritte – oft in kleinen Sälen vor einem interessierten Publikum – lenkten seine musikalischen Reisen in den letzten Jahren quer durch Europa… „
Das klingt so, als ob Richter nur noch kleine Säle füllen konnte, weil es mehr interessiertes Publikum nicht gab. X(
Gruß, Cosima
P.S. an Frank: Ich warte dann erst einmal ab, was Du (oder die anderen Mitglieder vielleicht) detaillierter zu den Cziffra/Chopin-Aufnahmen schreiben wirst.
fohlenfanatiker (02.05.2006, 22:46): Von Cziffra besitze ich nur eine CD, es sind die Walzer von Chopin – EMI – Aufgenommen 1977/78 in Paris. Die habe ich mal sehr günstig bei ebay erworben. Zunächst war ich etwas enttäuscht über die etwas dünne Klangqualität. Sie klingt sehr hell und mit wenig Tiefen, was bei einer Aufnahme aus diesen Jahren eigentlich nicht sein müsste. So stellte ich sie zunächst ins Regal und suchte weiter nach meiner Lieblingseinspielung dieser schönen Stücke. Kürzlich hörte ich sie noch mal und muss jetzt sagen, dass ich sie in der Interpretation wirklich toll finde. Die schnellen Stücke spielt er sehr temperamentvoll und erwartungsgemäß recht virtuos, was ich für angebracht halte, sodass ich sie durchaus empfehlen kann. Also bezüglich der Walzer passen Cziffra und Chopin für mich gut zusammen. Gruß :beer
AcomA (03.05.2006, 00:56): hallo Jan Dismas und Cosima,
diese doppel-cd cziffras aus der 'great pianists'-reihe hatte ich auch. IMO werden die chopinschen etüdes derart unmusikalisch, ja pervers abgespult, dass ich diese cds wieder verkaufte ! mir ist richtig schlecht geworden ! meiner meinung ist es eben auch eine art technisches defizit, so die etudes zu spielen. es wäre so, als wollte ich ein hirnarterienaneurysma operieren und ohne rücksicht auf verluste alle zu- und abführenden gefäße vernichten ! ich mache normalerweise soetwas nicht, aber hier kann ich nur jeden musikliebhaber warnen, 'der patient wird definitiv zu tode operiert !'
tut mir leid
gruß, siamak :)
Zelenka (03.05.2006, 15:39): Original von AcomA hallo Jan Dismas und Cosima,
diese doppel-cd cziffras aus der 'great pianists'-reihe hatte ich auch. IMO werden die chopinschen etüdes derart unmusikalisch, ja pervers abgespult, dass ich diese cds wieder verkaufte ! mir ist richtig schlecht geworden ! meiner meinung ist es eben auch eine art technisches defizit, so die etudes zu spielen. es wäre so, als wollte ich ein hirnarterienaneurysma operieren und ohne rücksicht auf verluste alle zu- und abführenden gefäße vernichten ! ich mache normalerweise soetwas nicht, aber hier kann ich nur jeden musikliebhaber warnen, 'der patient wird definitiv zu tode operiert !'
tut mir leid
gruß, siamak :)
Lieber Siamak:
Du hast natürlich einerseits völlig recht, Cziffras Chopin ist hier abwegig, pervers, überakzentuiert und manisch. Es haut einen stellenweise gewiß vom Hocker. Wenn es langsamer und poetisch zugehen soll bei Cziffra, dann dümpelt es andererseits eher nur dahin ohne Bewegung nach vorn. Trotzdem sollte man zumindest einmal diese andere Sichtweise "genossen" haben, vielleicht nur um den "Pfad der Tugend" oder manchmal etwas langweiligen Mittelweg wieder richtig schätzen zu lernen. Ich hatte gestern zum Vergleich auch Etüden mit Sokolov aufgelegt, den ich auch besitze und der mir bisher angezeigt hat, wie man eher vielleicht doch nicht spielen sollte. So extrem wie Cziffra ist er dann aber doch nicht.
Gruß,
Zelenka
Ganong (03.05.2006, 16:11): Lieber Günter ,
ich habe die "Valses" von Chopin in meinem in den nächsten Tagen hier erscheinden Beitrag zu den ganz herausragenden Leistungen Czifras gezeählt . Chopins Valses sind eben keine Walzer ! den "Minutenwalzer" versteht Ciffra nicht als Stück für schnellste Hände , sondern er entlockt dem Flügel und dem Notentext ganz aussergewöhnliche Tonfolgen ; der "Abschiedswalzer " , wo "man" bei den kursierednen Vor-Urteilen über Cziffra befürchten müsste , das er die tiefe Melancholie , etwa im Sinne von Hubertus Tellenbach - um eine Definition zu haben - , deutet er als einen fast tranceartigen , schwebenden innerseelischen Zustand Chopins ( und umm ihn geht es ! ) . Grüsse , Frank
Cosima (03.05.2006, 18:49): Hallo allerseits,
es ist merkwürdig, dass die Meinungen hier so weit auseinanderdriften. Der ansonsten so spitzzüngige Kornemann sprach Cziffra immerhin unbedingten Ausdruckswillen zu. Ein anderer Rezensent, der eine Übersicht über sehr viele Chopin-Interpreten aufstellte, bescheinigte Cziffra, dass sein Chopin „essentiell“ sei.
Frank ist begeistert, Siamak wird übel, Zelenka findet die Etüden pervers, Günter lobt immerhin die Walzer. Nun bin ich fast geneigt, gerade wegen dieser divergierenden Meinungen mir die EMI-Box zuzulegen.
Gruß, Cosima
Zelenka (03.05.2006, 19:26): Siehe unten!
Zelenka
Zelenka (03.05.2006, 19:27): Original von Cosima Hallo allerseits,
es ist merkwürdig, dass die Meinungen hier so weit auseinanderdriften. Der ansonsten so spitzzüngige Kornemann sprach Cziffra immerhin unbedingten Ausdruckswillen zu. Ein anderer Rezensent, der eine Übersicht über sehr viele Chopin-Interpreten aufstellte, bescheinigte Cziffra, dass sein Chopin „essentiell“ sei.
Frank ist begeistert, Siamak wird übel, Zelenka findet die Etüden pervers, Günter lobt immerhin die Walzer. Nun bin ich fast geneigt, gerade wegen dieser divergierenden Meinungen mir die EMI-Box zuzulegen.
Gruß, Cosima
Pervers in dem Sinne, daß wohl gegen die Intentionen Chopins gespielt wird. Aber der Interpret hat das letzte Wort. Ich habe andererseits dafür plädiert, Cziffra eine Chance zu geben. Da ist sehr viel großartiges Klavierspiel! Allein deswegen hörenswert.
Gruß,
Zelenka
Cosima (03.05.2006, 19:42): Hallo Zelenka,
siehst Du, da haben wir es wieder: Du redest von großartigem Klavierspiel, Siamak redet von technischen Defiziten. Aber ich sehe gerade, dass auf der DVD auch etwas Chopin enthalten ist:
Die werde ich mir nachher anhören und dann entscheiden. Früher war ich übrigens spontaner in meinem Einkaufsverhalten, aber die mageren Verkaufserlöse bei ebay haben mich zögerlicher werden lassen.
Gruß, Cosima
Cosima (03.05.2006, 21:10): Original von Cosima Die werde ich mir nachher anhören und dann entscheiden.
Gesagt, getan...
Zumindest in diesen drei Interpretationen höre ich nichts, was mir unangenehm wäre. Im Gegenteil: Ich höre sehr schönen, ganz natürlichen Chopin, gewürzt mit dieser Prise ungestümer Eigenwilligkeit, wie ich sie auch bei Samson Francois mag. Übrigens kam mir diese Parallele nicht selber gleich in den Sinn, der Autor des Booklet-Textes brachte mich darauf. Er spricht bei beiden Künstlern von ihrer „Vorliebe für eine harmonische Ornamentik“ als Grundlage einer Improvisationskunst, die nur selten unter klassischen Pianisten zu finden sei.
Wie dem auch sei, ich bin sehr angetan, und die Box ist nun doch geordert. Sie ist derzeit günstig (knapp 14,00 Euro) erhältlich, der Verlust wird also zu verschmerzen sein. Die „Heroische“ ist auf der Box übrigens enthalten, die Scherzi leider nicht. Später hier oder in den von Frank geplanten Chopin-Threads dann mehr zum Thema.
Gruß, Cosima
AcomA (03.05.2006, 23:10): liebe Cosima,
zur cziffra-box kann ich nichts sagen. aber die doppel-cd aus den great pianists ist IMO wirklich 'grottenschlecht', sowohl interpretatorisch als auch aufnahmetechnisch. bei aller sympathie für den pianisten :), sollte irgendetwas faszinierendes an seiner etüden-interpretation sein, dann hätte man noch besser einen computer oder ein player-piano spielen lassen können. sie würden es noch schneller machen können !
seinen ermitage-livemitschnitt aus lugano, 1963, halte ich für gut. am besten finde ich den bach-busoni. er kommt nicht zu dick aber doch mit entsprechender dynamik. beim carnaval als auch bei beethovens waldsteinsonate und einigen chopin-piecen (heroische polonaise) ergibt sich IMO ein grundproblem cziffras: er hat eine sehr leichte hand, der anschlag ist nicht sonor, also klingend. nimm doch mal bitte chopins heroische polonaise und höre sie mit arthur rubinstein, dem jungen maurizio pollini oder pjotr anderszewski ! wir haben das z.b. auch in der neurochirurgie. es gibt operatuere mit leichten händen. sie agieren ziemlich flink und teilweise hastig. aber die hände haben keinen 'drehmomentschlüssel'. sie 'rutschen' schon mal aus, eine flüchtige bewegung mit dem häkchen, und die kleine zarte arterie ist abgerissen ! :) eine schwere hand verbraucht sehr viel energie und kraft, aber sie hat diese 'hypersensivität', sie rutscht niemals aus. sehnig und stark innerviert. ich, und dazu stehe ich, habe schwere hände. ich kenne aus meinem umfeld noch vier weitere neurochirurgen, die schwere hände haben, aber ungleich mehr mit leichten händen !
gruß, siamak :)
Cosima (04.05.2006, 07:17): Lieber Siamak,
allein schon aus dem Grund, weil Du so vehement gegen Cziffra argumentierst, hätte ich mir spätestens jetzt diese Box bestellt. :) Ich bekomme nämlich das Gefühl, dass ich diesen Pianisten verteidigen muss. Nach den gestrigen kurzen Eindrücken glaube ich, dass Chopin seiner Art des Klavierspiels doch entgegenkommen könnte. Die Etüden machen ja nur einen Teil der Aufnahmen aus. Wir werden sehen…
Gruß, Cosima
Ganong (05.05.2006, 16:17): Liebe Freunde der Kunst von Georges Cziffra , liebe Skeptiker seines Klavierspieles u n d liebe Verächter von Monsieur Cziffra !
COSIMA gebührt ein grosser Verdienst : Sie hat sich mit einer beeindruckenden Ehrlichkeit einem "ebenso radikalen wie ernsthaften Interpreten" ( Klaus Bennert , 1997 ) gewidmet :
Georges Cziffra ( 1921 - 1994 ) .
Wenn je ein Pianist bei seinen in Deutschland und Österreich - vor allem unter Führung Joachim Kaisers und Peter Cossés -von zahlreichen niedermachenden Kritikern mit Klischees etikettiert wurde , dann war es , neben Sergey Rachmaninov , nach seinen triumphalen Erfolgen in der Musikwelt der 1950er und 1960er Jahre , ja bis Mitte der 1970er Jahre dieser Extremvirtuose im Sinne der alten Pianistentradition des jungen Franz Liszt , Kalkbrenner , Thalberg oder Ignaz Moscheles .
Cziffra hatte eines dieser von Flucht , Gefangennahme , Umherziehenmüssen , Verfolgtsein geprägtes Leben , die einen refelexartig fragen lassen : Wie hält ein Mensch das überhaupt aus ? Wir erinnern uns an das fast irreale Leben und Schaffen einer Anja Dorfman ( Grove's ; vorletzte Ausgabe ) , das von lebenslangen Schicksalsschlägen und ständigen Bedrohungen geprägte Leben S. Richters oder Lazar Bermans , die Verfolgung und vieljährige Odysee von Alexis Weissenberg und seinen Eltern , die Martyrien eines Emil Gilels in der UdSSR .
Cziffra hat dann nach seiner Flucht mit Frau und Sohn György ( (Georges ) in Paris nicht nur eine neue tatsächliche Heimat gefunden , sondern sein schier grenzenloses , immenses Naturpotential in der neuen künstlerischen Heimat Paris ( ähnlich Julius Katchen oder Alexis Weissenberg ; auch Vladimir Horowitz überlegte sich eine Zeitlang , dorthin überzusiedeln wegen der sehr viel lieberaleren Lebensbedingungen als in den sehr "konservativen" USA . Die Gründe hier auszuführen würde zu weit führen . Sie sind aber cum grano salis bekannt ) in seinen Recitals mit geradezu zirzensischer Intensität ( etwa wenn er "La Campanella" , wovon es einen echten KLivemitschnitt bei EMI gibt , aus den Handgelenken schleuderte ) , mit entfesselten Wiedergaben einer Ungarischen Rhasodie ( etwa der Des - Dur - Rhapsodie ; Nr. 6 ) , des Mephisto-Walzers Nr. 1 , oder die im vergleich zu F. R. Duchable oder selbst Lazar Berman geradezu hynotisierend wirkenden "Études d'exécution transscendante" von Franz Liszt spielte . Das Es - Dur - Klavierkonzert von Liszt wird zu einem entfesselten Erleben und Erlebnis unter Cziffras Händen ohne jemals Flitterblenwerk zu sein . Selbst Liszt - Verächter wie der berühmte Pianist Rudolf Serkin , der als eine seiner ersten Amtshandlungen im Curtis - Institute in Philadelphia ein grosses Bild von Franz Liszt erst einmal kurzerhand einfach umdrehte, wäre von solchem künstlerischen und nicht künstlichen Können beeindruckt gewesen . Kein Selbstzweck eines Supervirtuosen waren dann hörbar ; auch die Interpretationen dess b - Moll - Klavierkonzertes von Tschaikowsky oder die keineswegs überladene Wiedergabe des c - Moll -Konzertes von Sergey Rachmaninov ( hier ist sein Sohn ein sehr präziser Dirigent ) sind Zeugnisse grossen Könnens .
Cziffras tief melancholischen Affekt können wir aus dem a - Moll - walzer , op. 34 Nr. 2 , von Chopin heraushören . Und diese Sublimierung seiner oft entfesselt wirkenden Emotionalität , jene manchmal fast provozierende Morbidität hören wir auch aus anderen Valses von Chopin ( die eben keine Walzer sind ! ) . Und die Wehmut seines Inneren wird selbst im sog. Abschiedwalzer , opus 69 Nr. 1 , nie weinerlich oder süsslich , was Arthur Rubinstein nur Dank seines goldenen Tones vermeiden kann . Cziffras Abschiednehmen in dem Werk ist das eines Menschen , der weiss , um was es hierbei im menschlichen Leben geht . So könnte Chopin selbst das Werk verstanden und gespielt haben . . Und selbst den "Minutenwalzer" , opus 64 Nr. 1 ) durchrast Cziffra keineswegs ; er gestaltet diese kurze Stück mit einer Delikatesse , die grösste Bewunderung verdient .
Seine Livewiedergabe 1963 des Scherzos Nr. 2 , Opus 31 , gehört dann verglichen mit den Aufnahmen von Ivo Pogorelich ebenso zu den höchst subjektiven Deutungen . Aber : Wer hätt ein der heutigen Pianistenszene den Mut , auch nur ansatzweise so zu spielen ? Es muss festgehalten werden , dass Pogorlelich wie auch der sicherlich pianisztisch - künstlerisch völlig andere Cyprien Katsaris sich oft in Cziffras Musikstiftung und seine Kursen aufgehalten hat .
Die Fantasie in f - moll , Opus 49 , spielt Cziffra mit der grossen Geste der erstarrten Trauer , einer verlorengegangenen , sich auflösenden und zerfallenden Tragödie , Nur, aus meiner Sicht , Benedetti - Michelangeli hat dieses Werk so zu deuten vermocht .
Die b - Moll - Sonat e von Frédéric Chopin mit ihrem berühmten Grave - Beginn zerfällt Cziffra dann seltsamerweise , wenn wir die Aufnahmen von Horowitz (RCA ) , Weissenberg ( RCA und EMI ) oder Arthur Rubinstein ( RCA ) ihm Ohr haben .Dieser eigentlich dramtischste Satz der Sonate klingt bei Cziffra wie ein ziellos dahinhuschnder Wind , der über die Felder streicht . Das Presto - Finale wirkt unter Cziffras Händen fast surrealistisch ! Und ich kenne keine einzige Aufnahme nur annähernd , in der ein Pianist ( rein zeitlich gemessen ) so schnell durch den Notentext huscht ( 1:13 Minuten ) . Obwohl wir beim Hinhören keineswegs diesen Eindruck haben . Eines der sicherlich eigenwilligsten Sonatenenden , das ich kenne ( wie harmlos , bieder spielt dagegen Pogorlich in seiner späteren Studioaufnahme für die DGG ! ) . Schon der 3. Satz "Marche funèbre" ist bei Cziffra von einer seltenen Unruhe . Es fehlt die Grösse des in Noten ausgedrückten Vorganges , den wir bei Rubinstein oder Weissenberg ( EMI ) einzigartig hören , ja selbst bei Martha Argerich finden ( DGG ) . Wenn wir das oben Gesagte zusammenfassen , so ergibt sich in Georges Cziffras Wiedergabe ( Studio ; EMI ) doch ein durchkonstruiertes Konzept ! Interessant ist Cziffras kommentar zu der sehr frei gestalteteten Interpretation der Sonate durch Rachmaninov :" Kein Gefühl ! " .
Die Études opp. 10 und 25 von Chopin ( in dem Cziffra - Band der Edition "Great Pianists of the Century" , 1998 / 1999 ) stammt aus den wenigen von Philips aufgenommen Werken , die die niederländische Firma aufgenommen hat . Dies dürfte wahrscheinlich aus urheberrechtlichen Gründen die Ursache gewesen sein , dass keine EMI- oder Hungaroton - Aufnahme vorkommt . Somit ensteht auch leider ein völlig verzerrtes Liszt - Bild Czifras , das durch den widersprüchlichen , ja zum Teil unsinnigen Text von Peter Cossé - er ist einer der Meinungsführer und Stimmungsmacher - in der Rezensentenszene seit leider zu vielen Jahren ( s. ORFEO-Produktionen mit Gottfried Kraus ) - noch eine groteske "Krönung" findet . Diese Études sind mehr als ein Prüfstein für Pianisten und deren zugang zu Chopion und ihr ästhetisch - interpretatorisches Verständnis ( F. Bechyna; 1998 / 1999 an Matthias Kornemann , RONDO ) . Es gibt geradezu harmlose , völlig belanglose Interpretationen . Wir erinnern uns aber dann an die interprettaorische Sensation Mitte der 1970er Jahre als Maurizio Pollini die Refernzaufnahme des Werkes bis heute einspielte ( DGG ) . Nach und nach öffneten sich die Platten - Archive , und es waren ausgerechnet der junge Wilhelm Backhaus und der ebengfalls junge Claudio Arrau ( EMI ) , die zu Pollinis Interpretatation vergleichbare Aufnahmen schon früh in ihren langen Karrieren aufegnommen hatten . Später gelang es meine Meinung nach nur noch Francois - René Duchable ( ERATO ) eine im Vergleich zu diesen drei gleichwertige Aufnahme zu machen .
Matthias Kornemann ( RONDO ) hat die durch Georges Cziffra interpretierten Études in seiner umfangreichen und im Ergebnis guten Besprechung der Pianistenedition bei Philips über diese 1962 entstandene Aufnahme folgendes geschrieben ( Wer Matthias Kornemann kennt wie ich , der weiss, dass MK da sein Liszt - Bild im Interesse der Sache zur Seite geschoben haben muss und sich fast weltmännisch einer anderen Interprettaionssicht geöffnet hat ) : "...die auf ein fast pyrotecnisches Spektakel hinausliefen..." ist dies hier ein "extremer Erkundungsgang manueller Grenzsituationen"..."...dies geht nicht auf Kosten der Musik , denn die Wildheit , die Cziffra den Etüden enthört ist ein unbändiges Zeugnis ehrlichen Ausdruckwillens" ( RONDO , Heft 5 ; 1999 ).
Diese Deutung ist sicherlich weit entfernt von der Schule eines Emil von Sauers und seiner wichtigsten Schüler ubd hat kaum etwas mit der Klangverfeinerung eines Ignaz Friedmann zu tun .
Georges Cziffras Interpretationen mehrer Schumann - Werke gehören sicherlich zum Eindinglichsten , das die Schumanndeutung angeht : Sein "Carnaval" oder seine "Études symphoniques" ( EMI ) sind und bleiben bis heute Meilensteine einer freien Notentextexegese im Sinne von Sergey Rachmaninov oder von Vladimir Horowitz in manchen Werken seiner frühen wie späten Pianistenlaufbahn .
Dieser nur äusserlich in seinen Konzerten scheinbar so extrovertierte Virtuose spielteBeethoven - Sonaten mit einer gebändigten Leidenschaft ein , dass die "Waldstein-Sonate" zu den besten Aufnahmen gehört , die wir kennen . Leider wird auch Cziffras Mozartdeutung vergessen .
Herausragend bleiben seine Wiedergaben von Werken von Daquin , Lully , Rameau odr Couperin . Und Ravels "Jeux d' eaux " wird mit einer impressionistischen Delikattes gespielt , die diese "Wasserspiele" zu einem Höhepunkt werdenlassen , den ein Vlado Perlemuter oder Alfred Cortot nicht intensiver vermitteln konnten !
Cziffras Furor , seine stupende Technik , seine paganinieske Wildheit mögen provozieren , aber die Ehrlichkeit , die natürliche erdige Kraft , die intellektuelle Freiheit im Zugang zu einem Komponisten und seinen Werken machen sein überragendes Klavierspiel aus .
Und es gilt der Grundsatz von Norman Lebrecht ( 2. September 2004 ) : Das Urteil ist : Ihr Geschmack gegen meinen !" .
Beste Grüsse , F r a n k
Zelenka (05.05.2006, 16:31): Lieber Frank:
Gut gebrüllt, Löwe! Ich habe Dein engagiertes Plaidoyer für Cziffra mit großem Vergnügen gelesen. Ich weiß nicht, ob ich mich zur mittleren Kategorie der Angeredeten (Skeptiker) zählen darf, aber als lauer Liberaler habe ich zumindest eine Menge Hochachtung vor Cziffras Spiel. Im übrigen natürlich behält Dein oder Lebrechts Bonmot wie immer seine volle Gültigkeit!
Mit bestem Dank,
Zelenka
Ganong (05.05.2006, 16:50): Lieber Zelenak ,
Danke für Deine Sätze !
ich habe ganz bewusst vemieden , nur die Chopin-edition(en) der EMI heranzuziehen . Cziffras können war tatsächlich viel breiter . Die EMI - Edition ( Vol 1 bis 6 ) enthält das Wesentliche ausser dem "Carnavall" und der "Waldstein" - Sonate .
Ich halte persönlcih nicht viel davon , einen Künstler auf einen Komponisten festzulegen .
Und Cziffra hatte ein breites Repertoire .
Anders als Joachim Kaiser , Peter Cossé ( dann hätte er besser auf seinen Textbeitrag verzichtet . Aber wie kann solch eine Äusserlichkeit einen Menschen seltsam verbiegen ! Schrecklich ) , Ingo Harden 8 FonoForum Ende der 1960er undin den 1970er Jahren , Gottfired Kraus u.a. es seit Jahrzehnten machen , in dem sie jemanden geradezu künstlich , aber wirkungsvoll "künstlerisch exekutieren" oder unter dem Motto verfahren "aliquid haeret" , meine ich , dass j e d e r das recht haben muss ( nicht sollte ; dies ist zuwenig ) , s e i n e bevorzugten Werke , Komponisten und Interpretn zu haben .
ein ander mag anderer Meinung sein . Aber wie sagte Schiller schon zu recht :"Sire , geben Sie Gedankenfreiheit!" Oder war es doch : Meinungsfreiheit ?!
Matthias Kornemann hat hier bei Cziffra eine Sternstunde in seinem Kopf und in seiner Feder gehabt !
Norman Lebrecht hat sicherlich Recht ( die prinzipiellen Vorwürfe gegen ihn , sind allerdings nicht immer von der Hand zu weisen ) . NL ist übrigens einer der ganz wenigen wirklich bedeutenden , die einem antworten . Seine Anmerkungen und Hinweis e sind kurz , präzise und - nie verletztend !
Mit besten Grüssen , F r a n k
Cosima (05.05.2006, 22:13): Lieber Frank,
ich habe Deinen langen Beitrag zu Cziffra mit großer Freude gelesen! Vielen Dank! :)
Ich kann gar nicht genau benennen, was mich an diesem Pianisten so fesselt. Es geschah irgendetwas mit mir, als ich ihn in diesen Mitschnitten auf der DVD spielen sah! Es ist eine Faszination, die sich einerseits auf den Menschen Cziffra bezieht, der da so sehr verinnerlicht spielt – andererseits mag ich seine Art des Klavierspiels (wenn auch nicht dauernd). Siamak bezeichnet sie – aus seiner Perspektive sicher richtig – als Spiel mit „leichter Hand“. Ich bezeichnete sie weiter oben als „schwebend und tänzerisch“.
Man sieht Cziffra äußerlich die Anstrengung gar nicht an, er wirkt ungemein beherrscht und ästhetisch. Aber man spürt, welche Kämpfe in ihm toben und welcher Gestaltungswille da nach außen drängt. Trotzdem ist nie etwas Gekünsteltes in seinem Spiel, es scheint ganz natürlich aus ihm heraus zu fließen. Ich habe einfach das Gefühl, als wenn hier ein Künstler wirklich ein Stück von sich selber gibt. Dazu gehört viel Mut. Für mich ist er ein Mensch, der innere Größe besaß und diese nach außen zu transportieren in der Lage war, eben jemand, der sich wirklich mitteilen wollte (so sehe ich Richter übrigens auch). Das verdient höchste Anerkennung, auch wenn das klingende Ergebnis anfechtbar sein sollte. In diesem Falle bewerte ich eben nicht nur nach dem hörbaren Resultat.
Viele Grüße, Cosima
AcomA (06.05.2006, 21:07): liebe Cosima,
ich hatte nun auch die gelegenheit, cziffras interpretation der lisztschen h-moll sonate und seiner campanella-etüde zu hören. la campanella gefiel mir in cziffras interpretation außerordentlich gut. er hat etwas nervöses in seinem spiel, er bringt hier eine 'priese' zigeunerathmosphäre in das spiel. man meint, ein richtiges ungarisches cymbal zu hören. vorzüglich.
die sonate wird in seiner art außergewöhnlich gespielt. er offenbart eine 'wildheit' des ausdrucks, eine art 'freiheitsdrang'. das ist etwas besonderes und hebt in aus der menge heraus. besonders beeindruckend finde ich den pedal-effekt gerade zu beginn des werkes, wo die 'keinzelle' vorgestellt wird. dadurch bekommt diese harmonie etwas 'exotisches'. aber in den grandioso-teilen und auch bei den kompakten anteilen der reprise fehlt es ihm an großer voluminöser entfaltung, die hände sind zu leicht ! es klingt dann wie eine vergebliche hatz. ein interessanter mensch und künstler.
gruß, siamak :engel
Cosima (06.05.2006, 21:22): Original von AcomA die hände sind zu leicht !
Lieber Siamak,
ich drücke es lieber positiv aus: Sein Spiel hat etwas Schwebendes und Entrücktes. Ja, und ein freiheitsliebender und unbändiger Mensch war er sicherlich. Frank und ich werden Dich schon noch aus der Kategorie „Verächter“ zumindest in die Kategorie „Skeptiker“ befördern. (Kleiner Scherz! :rofl )
Aber es freut mich sehr, dass Dir sein La Campanelle auch zusagt.
Gruß, Cosima :)
AcomA (06.05.2006, 21:36): liebe Cosima,
ich muss es jetzt öffentlich bekunden, ich bin kein cziffra-verächter ! nein, und den live-mitschnitt aus lugano werde ich niemals aus der hand geben, aber ich kann ihn, da ich durch die russische schule 'verdorben' und geprägt wurde, nicht vorziehen. aber du und Frank, ihr werdet mir diese geschichte mit der schweren hand und der leichten hand wohl wirklich noch austreiben. :rofl
gruß, siamak :)
Ganong (08.05.2006, 18:14): Lieber Siamak ,
das mit der leichten und der schweren Hand ist möglicherwesie dehalb in dem Zusammenhang verwirrend , weil Du einne Beitrag geschrieben hast , der sich auf Dein Fachgebiet Neurochirurgie bezogen hat . Das kann ausser Dir niemand beurteilen , denke ich , weil niemand von uns operative Erfahrung in der Neurochirurgie hat .
Die "leichte Hand" bei Georges Cziffra ist beim Grandioso - Thema meiner Meinung nach ( als ich die Interpretaion das erste Mal hörte , war ich zugegebenrmassen sogar verwirrt angesichts der zig Besprechungen von approximativen Idealaufnahmen des Werkes und Cziffras geradezu "ängstlich-behutsamen)" Spiel . Von "pqackendem virtusoen Zugriff" alter "Russischer Schule" mit der "Pranke" keine Spur , besser kein Ton .) ist dies bei Cziffra ein Stilmittel des Interpretierens , Deutens .
Leider kenne ich keine seiner tatsächlich zeitlich "späten Interpretationen" . Die ihn persönlich nach dem Tode seines Sohnes noch erlebt haben , sprechen von einem zerbrechliche und zerbrochenen Spiel , das praktisch nicht smehr von der ungeheuren Wucht , der exzessiven Leidenschaft seiner grossen Zeiten mehr hatte .
Ohne sentimental zu sein : ich meine , dass es oft , nicht manchmal , gut ist , wenn jemand aus welchengründen auch immer , nicht seine eigenen künstlerischen Werdegang als "zerfallende Ruine" miterleben muss .
Beste Grüsse , Frank
Ganong (20.05.2006, 18:35): Lieber Zelenka ,
ich muss gestehen , dass ich bei der Durchsicht des super klein gedruckten Testes auf den 5 CDs der EMI ( "Chopin . Oeuvres pour piano . Georges Cziffra " (P) &(C) 2003 ; EMI France überlesen habe , dass die EMI France sich tatsächlich entschlossen hat , die Études von der Philips - Editon zu übernehmen ! Der Wortlaut." Enregistrement Philips Franc e. Avec L'aimable autorrisation de Universal Classics." .
Die sist schon deswegen unglücklich , weil unterschiedeliche Aufnahmeperioden "zusammengewürfelt" werden . Die EMI wäre dann besser beraten gewesen , wenn dies urheberrrechtlich möglich gewesen wäree , Livemitschnitte von Cziffra zu nehmen .
Die b - Moll - Sonate in dieser Studio - Aufnahme ist jedenfalls wesentlich logischer in der Interpretation als der Livemitschnitt bei ERMITAGE / Aura .
Wenn eben möglich , so sollte man , meiner Meinung nach , immer versuchen Livemitschnitte ( so es sich um echte handelt und nicht um zusammengeschnittene !!! ) mit einzubeziehn , wenn wir einen Künstler beurteilen .
Grüsse , Frank
Moritz (01.05.2006, 03:08): Hallo,
ich bin gerade durch einen anderen Thread auf diesen aufmerksam geworden und oute mich gerne als bekennenden Cziffra-Fan.
Auch wenn viele ihn als Nur-Virtuosen und Stuntman abtun, ich habe meine helle Freude an seinen Platten. Allein gegen die von Cosima genannten Ungarischen Rhapsodien können alle anderen 'Super-Virtuosen' einpacken. Ich höre die Cd (die wirklich Spottpreis zu haben ist, allerdings nicht mit den vollständigen Rhapsodien) oft und gerne. Wie der Flügel den Fortissimo-Ausbruch in der sechsten Rhapsodie unbeschadet überstanden hat, wird mir immer ein Rätsel bleiben... :D
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/3443534.jpg
Auch die h-moll Sonate gefällt mir ausgezeichnet. Wer eine 'schulmässige' Interpretation der Sonate sucht, ist wohl eher nicht so gut beraten, ich würde sie aber jederzeit in meinen Top 5 nennen, vor beispielsweise Pollini oder Pogorelich. Auch die (oft belächelten) Klavierkonzerte, der Totentanz und natürlich die transzendenten Etuden sind erste Wahl.
Abseits von Liszt ist natürlich nicht alles Gold, was glänzt, aber viele der Aufnahmen sind mit Sicherheit viel besser als ihr Ruf. Schade, dass es immer noch so weit verbreitet ist, große Virtuosen so oft als reine Techniker und Selbstdarsteller zu zeihen, aber das ist ein anderes Thema...
Liebe Grüsse, Moritz
Cosima (01.05.2006, 08:28): Hallo Moritz!
Original von Moritz ich bin gerade durch einen anderen Thread auf diesen aufmerksam geworden und oute mich gerne als bekennenden Cziffra-Fan.
Das freut mich! Ich dachte schon, ich wäre der einzige Cziffra-Fan hier. Seltsam, dass dieser Pianist so wenig Anklang findet. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sein Repertoire sehr klein war und die Liszt-Fans sowieso etwas rarer gesät sind. Oder/und es besteht das Vorurteil, dass ein solcher – zugegeben manchmal etwas extremer – Virtuose wie Cziffra lediglich ein oberflächlicher, gelackter Techniker à la Earl Wild sein müsse. (Wilds späten Liszt mag ich nicht sonderlich, auf seine 1940-er Aufnahme der h-moll-Sonate habe ich bereits mehrfach lobend hingewiesen. Auch so ein „special case“.)
Ich empfinde Cziffra als Künstler mit famoser Technik und Seele (verbinde seinen Namen aber auch ausschließlich mit Liszt-Interpretationen). Aus diesem Grund weise ich gerne noch einmal auf die DVD aus der Classic-Archive-Reihe hin:
Wie er hier, auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Entwicklung stehend, die „Ungarische Rhapsodie Nr. 6“ und den „Gnomenreigen“ von Liszt spielt, ließ mich glatt sprachlos werden! Ein feingliedriger, vornehm und feinsinnig anmutender Mann, der die schweren Passagen fast mit übermenschlich erscheinender Leichtigkeit spielt. Voller Hingabe, so als wäre er in Trance. Sein Spiel wirkt tänzerisch, irgendwie schwebend, ganz selbstverständlich und natürlich. Ich fand das sehr beeindruckend und berührend.
Seine Liszt-Sonate hatte ich auch schon einmal angesprochen. Ein dolles Ding! Bizarr, morbide, extravagant, traumverloren – sehr subjektiv ausgelegt! Das ist natürlich anfechtbar, hat etwas von selbstverliebtem Tastenlöwenstil mit Seele – für mich sehr faszinierend.
Na ja, und dann das Paradepferdchen: La Campanella. Zugegebenermaßen kein großes Werk, aber er spielt es wunderschön perlend, prickelnd und anmutig. So kann man nicht spielen, wenn man Nur-Virtuose ist.
Cziffra trifft irgendeinen Nerv in mir, ich mag ihn sehr.
Gruß, Cosima
Ganong (01.05.2006, 15:02): Liebe Cosima ,
Danke für Deinen Einsatz für Cziffra .
Der L I V E - Mischnitt von La Campanella ( EMI ) ist doch d i e Supervirtuosenzugabe überhaupt . Ahnliches kenne ich nur von Barre "Islamey" , Paderewsky "2. Ungarische Rhapsodie" .
Die Liszt - Sonate ist doch alleine deswegen unter den 100 Interpretationen , die es auf Tonträger gibt , herauszuheben , weil Cziffra s e i n e n Liszt interpretiert und nicht irgendweinem Zeitgeist der Interpretation hinterhergespielt hat .
Ausdrücklich möcht eich auf seine Schumann hinweisen , Études symphoniques" , die ebenfalls eine hochinteressante Deutung des Werkes sind . Absolute Empfehlung ! ich werde darauf in meiner Besprechung des Werkes zurückkommen .
ich bin mal so frei und kopiere einen Teil Deines Beitrages als Aufhänger hier rüber:
Und die Soanten 2 & 3 von Chopin haben eine ganz sltene Faszination ( vgl.: Rubinstein ; Horowitz Nr. 2 ; Weissenebrg 2 &3 EMI & RCA ) , Gilels ( Edition Great Pianists of the century ) , Vlado Perlemuter , Sokolv mit der h-Moll-Sonate und natürlich "meine" Martha mit der h-Moll-Sonate ( EMI ! , nicht DGG )
Inzwischen habe ich mich ein bisschen schlau gemacht. Es existiert eine 5-CD-Box von EMI mit Chopin-Werken. Ich las tatsächlich positive Kritiken darüber. Aber ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass Cziffra und Chopin gut zusammen passen könnten. Kennt sonst noch jemand diese Aufnahmen?
Ich meine, dass Siamak sich mal sehr negativ über Cziffras Chopin geäußert hätte.
Gruß, Cosima
Ganong (02.05.2006, 18:25): Liebe Cosima ,
ich werde gesondert auf Chopin und Cziffra eingehen. Die von Dir vorgestellte Box ist ausgezeichnet . Versuche bitte den Livemitschnit aus 1963 bei Aura / Ermitage zu bekommen .
Beste Grüsse , Frank
PS.: Die Editon "Great Pianists of the Century" ist bezüglich Cziffra ( besonders CD 1 mit den Liszt-Aufnahmen bei Philips ! und dem schwachen Booklet von Peter Cossé ) nicht repräasentativ für sein können. e sgab in Frankreich ( EMI France 9 einmal eine 6 CD Box , dei Cziffras Sektrum hervorragnd vermittelt . F.
Zelenka (02.05.2006, 18:47): Original von Ganong Liebe Cosima ,
ich werde gesondert auf Chopin und Cziffra eingehen. Die von Dir vorgestellte Box ist ausgezeichnet . Versuche bitte den Livemitschnit aus 1963 bei Aura / Ermitage zu bekommen .
Beste Grüsse , Frank
PS.: Die Editon "Great Pianists of the Century" ist bezüglich Cziffra ( besonders CD 1 mit den Liszt-Aufnahmen bei Philips ! und dem schwachen Booklet von Peter Cossé ) nicht repräasentativ für sein können. e sgab in Frankreich ( EMI France 9 einmal eine 6 CD Box , dei Cziffras Sektrum hervorragnd vermittelt . F.
Die Chopin-Aufnahmen in der "Great Pianists of the Century"-Edition sind leider auch Philips-Aufnahmen, nicht die berühmteren von EMI. Cossés Booklet-Text ist putzig. Wenn überhaupt hätte er wohl eine ganz andere Auswahl für die Cziffra-Folge der Edition getroffen ...
Gruß,
Zelenka
Cosima (02.05.2006, 21:11): Original von Zelenka Cossés Booklet-Text ist putzig. Wenn überhaupt hätte er wohl eine ganz andere Auswahl für die Cziffra-Folge der Edition getroffen ...
Kurz off-topic, weil ich mich gerade über Cossés Text im Booklet zur Essential-Richter-CD ärgere. Er schreibt:
„Nur beiläufig und überraschend angekündigte Auftritte – oft in kleinen Sälen vor einem interessierten Publikum – lenkten seine musikalischen Reisen in den letzten Jahren quer durch Europa… „
Das klingt so, als ob Richter nur noch kleine Säle füllen konnte, weil es mehr interessiertes Publikum nicht gab. X(
Gruß, Cosima
P.S. an Frank: Ich warte dann erst einmal ab, was Du (oder die anderen Mitglieder vielleicht) detaillierter zu den Cziffra/Chopin-Aufnahmen schreiben wirst.
fohlenfanatiker (02.05.2006, 22:46): Von Cziffra besitze ich nur eine CD, es sind die Walzer von Chopin – EMI – Aufgenommen 1977/78 in Paris. Die habe ich mal sehr günstig bei ebay erworben. Zunächst war ich etwas enttäuscht über die etwas dünne Klangqualität. Sie klingt sehr hell und mit wenig Tiefen, was bei einer Aufnahme aus diesen Jahren eigentlich nicht sein müsste. So stellte ich sie zunächst ins Regal und suchte weiter nach meiner Lieblingseinspielung dieser schönen Stücke. Kürzlich hörte ich sie noch mal und muss jetzt sagen, dass ich sie in der Interpretation wirklich toll finde. Die schnellen Stücke spielt er sehr temperamentvoll und erwartungsgemäß recht virtuos, was ich für angebracht halte, sodass ich sie durchaus empfehlen kann. Also bezüglich der Walzer passen Cziffra und Chopin für mich gut zusammen. Gruß :beer
AcomA (03.05.2006, 00:56): hallo Jan Dismas und Cosima,
diese doppel-cd cziffras aus der 'great pianists'-reihe hatte ich auch. IMO werden die chopinschen etüdes derart unmusikalisch, ja pervers abgespult, dass ich diese cds wieder verkaufte ! mir ist richtig schlecht geworden ! meiner meinung ist es eben auch eine art technisches defizit, so die etudes zu spielen. es wäre so, als wollte ich ein hirnarterienaneurysma operieren und ohne rücksicht auf verluste alle zu- und abführenden gefäße vernichten ! ich mache normalerweise soetwas nicht, aber hier kann ich nur jeden musikliebhaber warnen, 'der patient wird definitiv zu tode operiert !'
tut mir leid
gruß, siamak :)
Zelenka (03.05.2006, 15:39): Original von AcomA hallo Jan Dismas und Cosima,
diese doppel-cd cziffras aus der 'great pianists'-reihe hatte ich auch. IMO werden die chopinschen etüdes derart unmusikalisch, ja pervers abgespult, dass ich diese cds wieder verkaufte ! mir ist richtig schlecht geworden ! meiner meinung ist es eben auch eine art technisches defizit, so die etudes zu spielen. es wäre so, als wollte ich ein hirnarterienaneurysma operieren und ohne rücksicht auf verluste alle zu- und abführenden gefäße vernichten ! ich mache normalerweise soetwas nicht, aber hier kann ich nur jeden musikliebhaber warnen, 'der patient wird definitiv zu tode operiert !'
tut mir leid
gruß, siamak :)
Lieber Siamak:
Du hast natürlich einerseits völlig recht, Cziffras Chopin ist hier abwegig, pervers, überakzentuiert und manisch. Es haut einen stellenweise gewiß vom Hocker. Wenn es langsamer und poetisch zugehen soll bei Cziffra, dann dümpelt es andererseits eher nur dahin ohne Bewegung nach vorn. Trotzdem sollte man zumindest einmal diese andere Sichtweise "genossen" haben, vielleicht nur um den "Pfad der Tugend" oder manchmal etwas langweiligen Mittelweg wieder richtig schätzen zu lernen. Ich hatte gestern zum Vergleich auch Etüden mit Sokolov aufgelegt, den ich auch besitze und der mir bisher angezeigt hat, wie man eher vielleicht doch nicht spielen sollte. So extrem wie Cziffra ist er dann aber doch nicht.
Gruß,
Zelenka
Ganong (03.05.2006, 16:11): Lieber Günter ,
ich habe die "Valses" von Chopin in meinem in den nächsten Tagen hier erscheinden Beitrag zu den ganz herausragenden Leistungen Czifras gezeählt . Chopins Valses sind eben keine Walzer ! den "Minutenwalzer" versteht Ciffra nicht als Stück für schnellste Hände , sondern er entlockt dem Flügel und dem Notentext ganz aussergewöhnliche Tonfolgen ; der "Abschiedswalzer " , wo "man" bei den kursierednen Vor-Urteilen über Cziffra befürchten müsste , das er die tiefe Melancholie , etwa im Sinne von Hubertus Tellenbach - um eine Definition zu haben - , deutet er als einen fast tranceartigen , schwebenden innerseelischen Zustand Chopins ( und umm ihn geht es ! ) . Grüsse , Frank
Cosima (03.05.2006, 18:49): Hallo allerseits,
es ist merkwürdig, dass die Meinungen hier so weit auseinanderdriften. Der ansonsten so spitzzüngige Kornemann sprach Cziffra immerhin unbedingten Ausdruckswillen zu. Ein anderer Rezensent, der eine Übersicht über sehr viele Chopin-Interpreten aufstellte, bescheinigte Cziffra, dass sein Chopin „essentiell“ sei.
Frank ist begeistert, Siamak wird übel, Zelenka findet die Etüden pervers, Günter lobt immerhin die Walzer. Nun bin ich fast geneigt, gerade wegen dieser divergierenden Meinungen mir die EMI-Box zuzulegen.
Gruß, Cosima
Zelenka (03.05.2006, 19:26): Siehe unten!
Zelenka
Zelenka (03.05.2006, 19:27): Original von Cosima Hallo allerseits,
es ist merkwürdig, dass die Meinungen hier so weit auseinanderdriften. Der ansonsten so spitzzüngige Kornemann sprach Cziffra immerhin unbedingten Ausdruckswillen zu. Ein anderer Rezensent, der eine Übersicht über sehr viele Chopin-Interpreten aufstellte, bescheinigte Cziffra, dass sein Chopin „essentiell“ sei.
Frank ist begeistert, Siamak wird übel, Zelenka findet die Etüden pervers, Günter lobt immerhin die Walzer. Nun bin ich fast geneigt, gerade wegen dieser divergierenden Meinungen mir die EMI-Box zuzulegen.
Gruß, Cosima
Pervers in dem Sinne, daß wohl gegen die Intentionen Chopins gespielt wird. Aber der Interpret hat das letzte Wort. Ich habe andererseits dafür plädiert, Cziffra eine Chance zu geben. Da ist sehr viel großartiges Klavierspiel! Allein deswegen hörenswert.
Gruß,
Zelenka
Cosima (03.05.2006, 19:42): Hallo Zelenka,
siehst Du, da haben wir es wieder: Du redest von großartigem Klavierspiel, Siamak redet von technischen Defiziten. Aber ich sehe gerade, dass auf der DVD auch etwas Chopin enthalten ist:
Die werde ich mir nachher anhören und dann entscheiden. Früher war ich übrigens spontaner in meinem Einkaufsverhalten, aber die mageren Verkaufserlöse bei ebay haben mich zögerlicher werden lassen.
Gruß, Cosima
Cosima (03.05.2006, 21:10): Original von Cosima Die werde ich mir nachher anhören und dann entscheiden.
Gesagt, getan...
Zumindest in diesen drei Interpretationen höre ich nichts, was mir unangenehm wäre. Im Gegenteil: Ich höre sehr schönen, ganz natürlichen Chopin, gewürzt mit dieser Prise ungestümer Eigenwilligkeit, wie ich sie auch bei Samson Francois mag. Übrigens kam mir diese Parallele nicht selber gleich in den Sinn, der Autor des Booklet-Textes brachte mich darauf. Er spricht bei beiden Künstlern von ihrer „Vorliebe für eine harmonische Ornamentik“ als Grundlage einer Improvisationskunst, die nur selten unter klassischen Pianisten zu finden sei.
Wie dem auch sei, ich bin sehr angetan, und die Box ist nun doch geordert. Sie ist derzeit günstig (knapp 14,00 Euro) erhältlich, der Verlust wird also zu verschmerzen sein. Die „Heroische“ ist auf der Box übrigens enthalten, die Scherzi leider nicht. Später hier oder in den von Frank geplanten Chopin-Threads dann mehr zum Thema.
Gruß, Cosima
AcomA (03.05.2006, 23:10): liebe Cosima,
zur cziffra-box kann ich nichts sagen. aber die doppel-cd aus den great pianists ist IMO wirklich 'grottenschlecht', sowohl interpretatorisch als auch aufnahmetechnisch. bei aller sympathie für den pianisten :), sollte irgendetwas faszinierendes an seiner etüden-interpretation sein, dann hätte man noch besser einen computer oder ein player-piano spielen lassen können. sie würden es noch schneller machen können !
seinen ermitage-livemitschnitt aus lugano, 1963, halte ich für gut. am besten finde ich den bach-busoni. er kommt nicht zu dick aber doch mit entsprechender dynamik. beim carnaval als auch bei beethovens waldsteinsonate und einigen chopin-piecen (heroische polonaise) ergibt sich IMO ein grundproblem cziffras: er hat eine sehr leichte hand, der anschlag ist nicht sonor, also klingend. nimm doch mal bitte chopins heroische polonaise und höre sie mit arthur rubinstein, dem jungen maurizio pollini oder pjotr anderszewski ! wir haben das z.b. auch in der neurochirurgie. es gibt operatuere mit leichten händen. sie agieren ziemlich flink und teilweise hastig. aber die hände haben keinen 'drehmomentschlüssel'. sie 'rutschen' schon mal aus, eine flüchtige bewegung mit dem häkchen, und die kleine zarte arterie ist abgerissen ! :) eine schwere hand verbraucht sehr viel energie und kraft, aber sie hat diese 'hypersensivität', sie rutscht niemals aus. sehnig und stark innerviert. ich, und dazu stehe ich, habe schwere hände. ich kenne aus meinem umfeld noch vier weitere neurochirurgen, die schwere hände haben, aber ungleich mehr mit leichten händen !
gruß, siamak :)
Cosima (04.05.2006, 07:17): Lieber Siamak,
allein schon aus dem Grund, weil Du so vehement gegen Cziffra argumentierst, hätte ich mir spätestens jetzt diese Box bestellt. :) Ich bekomme nämlich das Gefühl, dass ich diesen Pianisten verteidigen muss. Nach den gestrigen kurzen Eindrücken glaube ich, dass Chopin seiner Art des Klavierspiels doch entgegenkommen könnte. Die Etüden machen ja nur einen Teil der Aufnahmen aus. Wir werden sehen…
Gruß, Cosima
Ganong (05.05.2006, 16:17): Liebe Freunde der Kunst von Georges Cziffra , liebe Skeptiker seines Klavierspieles u n d liebe Verächter von Monsieur Cziffra !
COSIMA gebührt ein grosser Verdienst : Sie hat sich mit einer beeindruckenden Ehrlichkeit einem "ebenso radikalen wie ernsthaften Interpreten" ( Klaus Bennert , 1997 ) gewidmet :
Georges Cziffra ( 1921 - 1994 ) .
Wenn je ein Pianist bei seinen in Deutschland und Österreich - vor allem unter Führung Joachim Kaisers und Peter Cossés -von zahlreichen niedermachenden Kritikern mit Klischees etikettiert wurde , dann war es , neben Sergey Rachmaninov , nach seinen triumphalen Erfolgen in der Musikwelt der 1950er und 1960er Jahre , ja bis Mitte der 1970er Jahre dieser Extremvirtuose im Sinne der alten Pianistentradition des jungen Franz Liszt , Kalkbrenner , Thalberg oder Ignaz Moscheles .
Cziffra hatte eines dieser von Flucht , Gefangennahme , Umherziehenmüssen , Verfolgtsein geprägtes Leben , die einen refelexartig fragen lassen : Wie hält ein Mensch das überhaupt aus ? Wir erinnern uns an das fast irreale Leben und Schaffen einer Anja Dorfman ( Grove's ; vorletzte Ausgabe ) , das von lebenslangen Schicksalsschlägen und ständigen Bedrohungen geprägte Leben S. Richters oder Lazar Bermans , die Verfolgung und vieljährige Odysee von Alexis Weissenberg und seinen Eltern , die Martyrien eines Emil Gilels in der UdSSR .
Cziffra hat dann nach seiner Flucht mit Frau und Sohn György ( (Georges ) in Paris nicht nur eine neue tatsächliche Heimat gefunden , sondern sein schier grenzenloses , immenses Naturpotential in der neuen künstlerischen Heimat Paris ( ähnlich Julius Katchen oder Alexis Weissenberg ; auch Vladimir Horowitz überlegte sich eine Zeitlang , dorthin überzusiedeln wegen der sehr viel lieberaleren Lebensbedingungen als in den sehr "konservativen" USA . Die Gründe hier auszuführen würde zu weit führen . Sie sind aber cum grano salis bekannt ) in seinen Recitals mit geradezu zirzensischer Intensität ( etwa wenn er "La Campanella" , wovon es einen echten KLivemitschnitt bei EMI gibt , aus den Handgelenken schleuderte ) , mit entfesselten Wiedergaben einer Ungarischen Rhasodie ( etwa der Des - Dur - Rhapsodie ; Nr. 6 ) , des Mephisto-Walzers Nr. 1 , oder die im vergleich zu F. R. Duchable oder selbst Lazar Berman geradezu hynotisierend wirkenden "Études d'exécution transscendante" von Franz Liszt spielte . Das Es - Dur - Klavierkonzert von Liszt wird zu einem entfesselten Erleben und Erlebnis unter Cziffras Händen ohne jemals Flitterblenwerk zu sein . Selbst Liszt - Verächter wie der berühmte Pianist Rudolf Serkin , der als eine seiner ersten Amtshandlungen im Curtis - Institute in Philadelphia ein grosses Bild von Franz Liszt erst einmal kurzerhand einfach umdrehte, wäre von solchem künstlerischen und nicht künstlichen Können beeindruckt gewesen . Kein Selbstzweck eines Supervirtuosen waren dann hörbar ; auch die Interpretationen dess b - Moll - Klavierkonzertes von Tschaikowsky oder die keineswegs überladene Wiedergabe des c - Moll -Konzertes von Sergey Rachmaninov ( hier ist sein Sohn ein sehr präziser Dirigent ) sind Zeugnisse grossen Könnens .
Cziffras tief melancholischen Affekt können wir aus dem a - Moll - walzer , op. 34 Nr. 2 , von Chopin heraushören . Und diese Sublimierung seiner oft entfesselt wirkenden Emotionalität , jene manchmal fast provozierende Morbidität hören wir auch aus anderen Valses von Chopin ( die eben keine Walzer sind ! ) . Und die Wehmut seines Inneren wird selbst im sog. Abschiedwalzer , opus 69 Nr. 1 , nie weinerlich oder süsslich , was Arthur Rubinstein nur Dank seines goldenen Tones vermeiden kann . Cziffras Abschiednehmen in dem Werk ist das eines Menschen , der weiss , um was es hierbei im menschlichen Leben geht . So könnte Chopin selbst das Werk verstanden und gespielt haben . . Und selbst den "Minutenwalzer" , opus 64 Nr. 1 ) durchrast Cziffra keineswegs ; er gestaltet diese kurze Stück mit einer Delikatesse , die grösste Bewunderung verdient .
Seine Livewiedergabe 1963 des Scherzos Nr. 2 , Opus 31 , gehört dann verglichen mit den Aufnahmen von Ivo Pogorelich ebenso zu den höchst subjektiven Deutungen . Aber : Wer hätt ein der heutigen Pianistenszene den Mut , auch nur ansatzweise so zu spielen ? Es muss festgehalten werden , dass Pogorlelich wie auch der sicherlich pianisztisch - künstlerisch völlig andere Cyprien Katsaris sich oft in Cziffras Musikstiftung und seine Kursen aufgehalten hat .
Die Fantasie in f - moll , Opus 49 , spielt Cziffra mit der grossen Geste der erstarrten Trauer , einer verlorengegangenen , sich auflösenden und zerfallenden Tragödie , Nur, aus meiner Sicht , Benedetti - Michelangeli hat dieses Werk so zu deuten vermocht .
Die b - Moll - Sonat e von Frédéric Chopin mit ihrem berühmten Grave - Beginn zerfällt Cziffra dann seltsamerweise , wenn wir die Aufnahmen von Horowitz (RCA ) , Weissenberg ( RCA und EMI ) oder Arthur Rubinstein ( RCA ) ihm Ohr haben .Dieser eigentlich dramtischste Satz der Sonate klingt bei Cziffra wie ein ziellos dahinhuschnder Wind , der über die Felder streicht . Das Presto - Finale wirkt unter Cziffras Händen fast surrealistisch ! Und ich kenne keine einzige Aufnahme nur annähernd , in der ein Pianist ( rein zeitlich gemessen ) so schnell durch den Notentext huscht ( 1:13 Minuten ) . Obwohl wir beim Hinhören keineswegs diesen Eindruck haben . Eines der sicherlich eigenwilligsten Sonatenenden , das ich kenne ( wie harmlos , bieder spielt dagegen Pogorlich in seiner späteren Studioaufnahme für die DGG ! ) . Schon der 3. Satz "Marche funèbre" ist bei Cziffra von einer seltenen Unruhe . Es fehlt die Grösse des in Noten ausgedrückten Vorganges , den wir bei Rubinstein oder Weissenberg ( EMI ) einzigartig hören , ja selbst bei Martha Argerich finden ( DGG ) . Wenn wir das oben Gesagte zusammenfassen , so ergibt sich in Georges Cziffras Wiedergabe ( Studio ; EMI ) doch ein durchkonstruiertes Konzept ! Interessant ist Cziffras kommentar zu der sehr frei gestalteteten Interpretation der Sonate durch Rachmaninov :" Kein Gefühl ! " .
Die Études opp. 10 und 25 von Chopin ( in dem Cziffra - Band der Edition "Great Pianists of the Century" , 1998 / 1999 ) stammt aus den wenigen von Philips aufgenommen Werken , die die niederländische Firma aufgenommen hat . Dies dürfte wahrscheinlich aus urheberrechtlichen Gründen die Ursache gewesen sein , dass keine EMI- oder Hungaroton - Aufnahme vorkommt . Somit ensteht auch leider ein völlig verzerrtes Liszt - Bild Czifras , das durch den widersprüchlichen , ja zum Teil unsinnigen Text von Peter Cossé - er ist einer der Meinungsführer und Stimmungsmacher - in der Rezensentenszene seit leider zu vielen Jahren ( s. ORFEO-Produktionen mit Gottfried Kraus ) - noch eine groteske "Krönung" findet . Diese Études sind mehr als ein Prüfstein für Pianisten und deren zugang zu Chopion und ihr ästhetisch - interpretatorisches Verständnis ( F. Bechyna; 1998 / 1999 an Matthias Kornemann , RONDO ) . Es gibt geradezu harmlose , völlig belanglose Interpretationen . Wir erinnern uns aber dann an die interprettaorische Sensation Mitte der 1970er Jahre als Maurizio Pollini die Refernzaufnahme des Werkes bis heute einspielte ( DGG ) . Nach und nach öffneten sich die Platten - Archive , und es waren ausgerechnet der junge Wilhelm Backhaus und der ebengfalls junge Claudio Arrau ( EMI ) , die zu Pollinis Interpretatation vergleichbare Aufnahmen schon früh in ihren langen Karrieren aufegnommen hatten . Später gelang es meine Meinung nach nur noch Francois - René Duchable ( ERATO ) eine im Vergleich zu diesen drei gleichwertige Aufnahme zu machen .
Matthias Kornemann ( RONDO ) hat die durch Georges Cziffra interpretierten Études in seiner umfangreichen und im Ergebnis guten Besprechung der Pianistenedition bei Philips über diese 1962 entstandene Aufnahme folgendes geschrieben ( Wer Matthias Kornemann kennt wie ich , der weiss, dass MK da sein Liszt - Bild im Interesse der Sache zur Seite geschoben haben muss und sich fast weltmännisch einer anderen Interprettaionssicht geöffnet hat ) : "...die auf ein fast pyrotecnisches Spektakel hinausliefen..." ist dies hier ein "extremer Erkundungsgang manueller Grenzsituationen"..."...dies geht nicht auf Kosten der Musik , denn die Wildheit , die Cziffra den Etüden enthört ist ein unbändiges Zeugnis ehrlichen Ausdruckwillens" ( RONDO , Heft 5 ; 1999 ).
Diese Deutung ist sicherlich weit entfernt von der Schule eines Emil von Sauers und seiner wichtigsten Schüler ubd hat kaum etwas mit der Klangverfeinerung eines Ignaz Friedmann zu tun .
Georges Cziffras Interpretationen mehrer Schumann - Werke gehören sicherlich zum Eindinglichsten , das die Schumanndeutung angeht : Sein "Carnaval" oder seine "Études symphoniques" ( EMI ) sind und bleiben bis heute Meilensteine einer freien Notentextexegese im Sinne von Sergey Rachmaninov oder von Vladimir Horowitz in manchen Werken seiner frühen wie späten Pianistenlaufbahn .
Dieser nur äusserlich in seinen Konzerten scheinbar so extrovertierte Virtuose spielteBeethoven - Sonaten mit einer gebändigten Leidenschaft ein , dass die "Waldstein-Sonate" zu den besten Aufnahmen gehört , die wir kennen . Leider wird auch Cziffras Mozartdeutung vergessen .
Herausragend bleiben seine Wiedergaben von Werken von Daquin , Lully , Rameau odr Couperin . Und Ravels "Jeux d' eaux " wird mit einer impressionistischen Delikattes gespielt , die diese "Wasserspiele" zu einem Höhepunkt werdenlassen , den ein Vlado Perlemuter oder Alfred Cortot nicht intensiver vermitteln konnten !
Cziffras Furor , seine stupende Technik , seine paganinieske Wildheit mögen provozieren , aber die Ehrlichkeit , die natürliche erdige Kraft , die intellektuelle Freiheit im Zugang zu einem Komponisten und seinen Werken machen sein überragendes Klavierspiel aus .
Und es gilt der Grundsatz von Norman Lebrecht ( 2. September 2004 ) : Das Urteil ist : Ihr Geschmack gegen meinen !" .
Beste Grüsse , F r a n k
Zelenka (05.05.2006, 16:31): Lieber Frank:
Gut gebrüllt, Löwe! Ich habe Dein engagiertes Plaidoyer für Cziffra mit großem Vergnügen gelesen. Ich weiß nicht, ob ich mich zur mittleren Kategorie der Angeredeten (Skeptiker) zählen darf, aber als lauer Liberaler habe ich zumindest eine Menge Hochachtung vor Cziffras Spiel. Im übrigen natürlich behält Dein oder Lebrechts Bonmot wie immer seine volle Gültigkeit!
Mit bestem Dank,
Zelenka
Ganong (05.05.2006, 16:50): Lieber Zelenak ,
Danke für Deine Sätze !
ich habe ganz bewusst vemieden , nur die Chopin-edition(en) der EMI heranzuziehen . Cziffras können war tatsächlich viel breiter . Die EMI - Edition ( Vol 1 bis 6 ) enthält das Wesentliche ausser dem "Carnavall" und der "Waldstein" - Sonate .
Ich halte persönlcih nicht viel davon , einen Künstler auf einen Komponisten festzulegen .
Und Cziffra hatte ein breites Repertoire .
Anders als Joachim Kaiser , Peter Cossé ( dann hätte er besser auf seinen Textbeitrag verzichtet . Aber wie kann solch eine Äusserlichkeit einen Menschen seltsam verbiegen ! Schrecklich ) , Ingo Harden 8 FonoForum Ende der 1960er undin den 1970er Jahren , Gottfired Kraus u.a. es seit Jahrzehnten machen , in dem sie jemanden geradezu künstlich , aber wirkungsvoll "künstlerisch exekutieren" oder unter dem Motto verfahren "aliquid haeret" , meine ich , dass j e d e r das recht haben muss ( nicht sollte ; dies ist zuwenig ) , s e i n e bevorzugten Werke , Komponisten und Interpretn zu haben .
ein ander mag anderer Meinung sein . Aber wie sagte Schiller schon zu recht :"Sire , geben Sie Gedankenfreiheit!" Oder war es doch : Meinungsfreiheit ?!
Matthias Kornemann hat hier bei Cziffra eine Sternstunde in seinem Kopf und in seiner Feder gehabt !
Norman Lebrecht hat sicherlich Recht ( die prinzipiellen Vorwürfe gegen ihn , sind allerdings nicht immer von der Hand zu weisen ) . NL ist übrigens einer der ganz wenigen wirklich bedeutenden , die einem antworten . Seine Anmerkungen und Hinweis e sind kurz , präzise und - nie verletztend !
Mit besten Grüssen , F r a n k
Cosima (05.05.2006, 22:13): Lieber Frank,
ich habe Deinen langen Beitrag zu Cziffra mit großer Freude gelesen! Vielen Dank! :)
Ich kann gar nicht genau benennen, was mich an diesem Pianisten so fesselt. Es geschah irgendetwas mit mir, als ich ihn in diesen Mitschnitten auf der DVD spielen sah! Es ist eine Faszination, die sich einerseits auf den Menschen Cziffra bezieht, der da so sehr verinnerlicht spielt – andererseits mag ich seine Art des Klavierspiels (wenn auch nicht dauernd). Siamak bezeichnet sie – aus seiner Perspektive sicher richtig – als Spiel mit „leichter Hand“. Ich bezeichnete sie weiter oben als „schwebend und tänzerisch“.
Man sieht Cziffra äußerlich die Anstrengung gar nicht an, er wirkt ungemein beherrscht und ästhetisch. Aber man spürt, welche Kämpfe in ihm toben und welcher Gestaltungswille da nach außen drängt. Trotzdem ist nie etwas Gekünsteltes in seinem Spiel, es scheint ganz natürlich aus ihm heraus zu fließen. Ich habe einfach das Gefühl, als wenn hier ein Künstler wirklich ein Stück von sich selber gibt. Dazu gehört viel Mut. Für mich ist er ein Mensch, der innere Größe besaß und diese nach außen zu transportieren in der Lage war, eben jemand, der sich wirklich mitteilen wollte (so sehe ich Richter übrigens auch). Das verdient höchste Anerkennung, auch wenn das klingende Ergebnis anfechtbar sein sollte. In diesem Falle bewerte ich eben nicht nur nach dem hörbaren Resultat.
Viele Grüße, Cosima
AcomA (06.05.2006, 21:07): liebe Cosima,
ich hatte nun auch die gelegenheit, cziffras interpretation der lisztschen h-moll sonate und seiner campanella-etüde zu hören. la campanella gefiel mir in cziffras interpretation außerordentlich gut. er hat etwas nervöses in seinem spiel, er bringt hier eine 'priese' zigeunerathmosphäre in das spiel. man meint, ein richtiges ungarisches cymbal zu hören. vorzüglich.
die sonate wird in seiner art außergewöhnlich gespielt. er offenbart eine 'wildheit' des ausdrucks, eine art 'freiheitsdrang'. das ist etwas besonderes und hebt in aus der menge heraus. besonders beeindruckend finde ich den pedal-effekt gerade zu beginn des werkes, wo die 'keinzelle' vorgestellt wird. dadurch bekommt diese harmonie etwas 'exotisches'. aber in den grandioso-teilen und auch bei den kompakten anteilen der reprise fehlt es ihm an großer voluminöser entfaltung, die hände sind zu leicht ! es klingt dann wie eine vergebliche hatz. ein interessanter mensch und künstler.
gruß, siamak :engel
Cosima (06.05.2006, 21:22): Original von AcomA die hände sind zu leicht !
Lieber Siamak,
ich drücke es lieber positiv aus: Sein Spiel hat etwas Schwebendes und Entrücktes. Ja, und ein freiheitsliebender und unbändiger Mensch war er sicherlich. Frank und ich werden Dich schon noch aus der Kategorie „Verächter“ zumindest in die Kategorie „Skeptiker“ befördern. (Kleiner Scherz! :rofl )
Aber es freut mich sehr, dass Dir sein La Campanelle auch zusagt.
Gruß, Cosima :)
AcomA (06.05.2006, 21:36): liebe Cosima,
ich muss es jetzt öffentlich bekunden, ich bin kein cziffra-verächter ! nein, und den live-mitschnitt aus lugano werde ich niemals aus der hand geben, aber ich kann ihn, da ich durch die russische schule 'verdorben' und geprägt wurde, nicht vorziehen. aber du und Frank, ihr werdet mir diese geschichte mit der schweren hand und der leichten hand wohl wirklich noch austreiben. :rofl
gruß, siamak :)
Ganong (08.05.2006, 18:14): Lieber Siamak ,
das mit der leichten und der schweren Hand ist möglicherwesie dehalb in dem Zusammenhang verwirrend , weil Du einne Beitrag geschrieben hast , der sich auf Dein Fachgebiet Neurochirurgie bezogen hat . Das kann ausser Dir niemand beurteilen , denke ich , weil niemand von uns operative Erfahrung in der Neurochirurgie hat .
Die "leichte Hand" bei Georges Cziffra ist beim Grandioso - Thema meiner Meinung nach ( als ich die Interpretaion das erste Mal hörte , war ich zugegebenrmassen sogar verwirrt angesichts der zig Besprechungen von approximativen Idealaufnahmen des Werkes und Cziffras geradezu "ängstlich-behutsamen)" Spiel . Von "pqackendem virtusoen Zugriff" alter "Russischer Schule" mit der "Pranke" keine Spur , besser kein Ton .) ist dies bei Cziffra ein Stilmittel des Interpretierens , Deutens .
Leider kenne ich keine seiner tatsächlich zeitlich "späten Interpretationen" . Die ihn persönlich nach dem Tode seines Sohnes noch erlebt haben , sprechen von einem zerbrechliche und zerbrochenen Spiel , das praktisch nicht smehr von der ungeheuren Wucht , der exzessiven Leidenschaft seiner grossen Zeiten mehr hatte .
Ohne sentimental zu sein : ich meine , dass es oft , nicht manchmal , gut ist , wenn jemand aus welchengründen auch immer , nicht seine eigenen künstlerischen Werdegang als "zerfallende Ruine" miterleben muss .
Beste Grüsse , Frank
Ganong (20.05.2006, 18:35): Lieber Zelenka ,
ich muss gestehen , dass ich bei der Durchsicht des super klein gedruckten Testes auf den 5 CDs der EMI ( "Chopin . Oeuvres pour piano . Georges Cziffra " (P) &(C) 2003 ; EMI France überlesen habe , dass die EMI France sich tatsächlich entschlossen hat , die Études von der Philips - Editon zu übernehmen ! Der Wortlaut." Enregistrement Philips Franc e. Avec L'aimable autorrisation de Universal Classics." .
Die sist schon deswegen unglücklich , weil unterschiedeliche Aufnahmeperioden "zusammengewürfelt" werden . Die EMI wäre dann besser beraten gewesen , wenn dies urheberrrechtlich möglich gewesen wäree , Livemitschnitte von Cziffra zu nehmen .
Die b - Moll - Sonate in dieser Studio - Aufnahme ist jedenfalls wesentlich logischer in der Interpretation als der Livemitschnitt bei ERMITAGE / Aura .
Wenn eben möglich , so sollte man , meiner Meinung nach , immer versuchen Livemitschnitte ( so es sich um echte handelt und nicht um zusammengeschnittene !!! ) mit einzubeziehn , wenn wir einen Künstler beurteilen .