HÄNDEL: Joshua HWV 64

Agravain (04.10.2014, 08:54):
Die Tinte der notierten Abschlussfermate des „Alexander Balus“ war noch nicht ganz trocken, als Georg Friedrich Händel am 19. Juli des Jahres 1747 die Feder erneut eintunkte, um das nächste Oratorium – den „Joshua“ – in Angriff zu nehmen. Es dauerte keinen Monat und das Werk war abgeschlossen, sodass für die kommende Oratoriensaison des Jahres 1748 erneut zwei neue oratorische Werke zur Aufführung vorlagen. Im Gegensatz zu manch einem anderen Werk gibt es allerdings nur wenige Zeugnisse, die über die genauere Entstehung und vor allem darüber berichten, wie das Londoner Publikum das Werk schließlich aufgenommen hat.

In den von einer gewissen Eliza Heywood 1749 veröffentlichten „Epistles for the Ladies“ findet sich immerhin deren Reaktion auf eine der Aufführungen des „Joshua“ im Londoner Theatre Royal:

„Diese Gedanken wurden durch meinen Besuch bei der Aufführung von Mr Händels schönem Oratorium Joshua am gestrigen Abend ausgelöst, wo ich, obgleich die Worte weder so elegante noch so gut an die Musik angepasst waren, wie ich es mir gewünscht hätte, in einen Zustand göttlichster Ekstase entrückt wurde. Ich schloss meine Augen und stellte mir vor, wie ich im Chor der Engel in den hellen Gefilden des ewigen Morgens stehe und das Lob meines großen Schöpfers und seines unbeschreibbaren Messias singe. Es schien mir, als sei alles von dieser elenden Welt von mir abgefallen und ich nur noch Seele, nur Geist!“ (zit n. Zywietz, S. 407.)

Es scheint, Miss Haywood war begeistert. Wohlgemerkt: Es war die Musik, die sie in einen so verzückten Zustand gebracht hat, nicht der Text – den empfand sie als einigermaßen medioker. Mit diesem Urteil steht sie bis zum heutigen Tage nicht alleine da. Und leider färbt bis in die Gegenwart die Mittelmäßigkeit des Librettos, das eventuell von Thomas Morell stammt (Anthony Hicks bezweifelt dies allerdings), auf die Rezeption des Werkes ab.

Schon Romain Rolland urteilt nicht eben schmeichelhaft, wenn er schreibt: „Joshua ist eine etwas verwässerte Wiederholung von ‚Judas Maccabaeus’, in der zwischen Chorepen eine Liebesidylle blüht.“ (Rolland, S. 72)

Der bedeutende Händel-Forscher Winford Dean kommt in seiner großen Abhandlung zu Händels Oratorien zu folgendem Schluss: „Joshua enthält einige schöne Sachen und wird wegen der wunderbaren Orchestrierung des zweiten Aktes immer Interesse auf sich ziehen, doch gab es wenig ‚brennbares Material’ im Libretto und so gehört das Werk zu den schwachen Oratorien.“ (Dean, S. 498)

Christopher Hogwood schließlich sieht die Schwäche des Werkes darin, dass es „mehr eine Aneinanderreihung von Ereignissen als eine zusammenhängende Handlung“ (Hogwood, S. 256) präsentiert.

Doch das Libretto macht noch nicht das Oratorium. Wie kommt es also zu eine so einhelligen negativen Beurteilung des Stückes? Eventuell – diesen Vorschlag macht Hans Joachim Marx – liegt es daran, dass man das Werk fälschlicherweise an den dramatischen Oratorien Händels misst, obwohl es gar kein dramatisches Oratorium sein wolle:

„Wahr ist, daß es in ‚Joshua’ kaum dramatische Konflikte gibt; aber wollte Händel überhaupt ein dramatisches Oratorium nach dem Muster ‚Belshazzar’ schreiben? Könnte es nicht sein, daß er eher im Stil des Anthems zeigen wollte, daß sich das auserwählte Volk Israels im Kriege gegen seine Feinde behaupten konnte?“ (Marx, S. 130)

Das würde den „Joshua“ in einem gewissen Maße mit dem ungleich erfolgreicheren „Judas Maccabaeus“ verbinden. Tatsächlich mag es Händels Wunsch gewesen sein, den Erfolg des „Judas“ zu wiederholen, indem er ein ähnliches Konzept nutzte und dieses - in Hinblick auf sein Publikum, das in der Regel eine kleine Liebesgeschichte gerne sah - sogar noch verbesserte:

„Es scheint klar, daß Händel und sein Librettist Thomas Morell nach ‚Judas Makkabäus’ bemüht waren, das Erfolgsrezept eines jüdischen Helden und triumphaler Chöre zu wiederholen, jedoch diesmal unter Einbeziehung der romantischen Nebenhandlung, die in ‚Judas’ gefehlt hatte.“ (King, S. 33)

Doch ging diese Rechnung nicht zur Gänze auf. Sicher, der „Joshua“ war – allein die Kontoauszüge Händels belegen das (vgl. King S. 32) – erfolgreich, aber er war bei Weitem kein Kassenschlager vom Format der „Judas“. Ein Grund dafür mag dann auch nicht nur das Libretto gewesen sein, sondern auch der Umstand, dass der „Judas“ so hell glänzte, dass er nicht nur den „Joshua“, sondern seine gesamte musikalische Umgebung in den Schatten fallen ließ.

Der „Joshua“ gehört wie die drei vorangegangenen Oratorien „An Occasional Oratorio“ (HWV 61), „Judas Maccabaeus“ (HWV 63) und „Alexander Balus“ (HWV 65) zu einer „imaginären Tetralogie“ (Zywietz, S. 407) militaristischen Sujets, die heute auch unter dem Begriff „victory oratorios“ firmiert und deren "Teile" allesamt unter dem Eindruck des Jakobitenaufstandes entstanden. „Judas Maccabaeus“, erstmals aufgeführt am 1. April 1747, schoss unter den Vieren den Vogel ab. Er wurde allein zu Händels Lebzeiten noch fünfzig Mal in England aufgeführt. Auch nach Händels Tod war das Werk in London jährlich zu hören. Schon 1772 kam es nach Deutschland, wo es erstmals in Braunschweig zur Aufführung kam (in Johann Joachim Eschenburgs Übersetzung). (vg. Marx, S. 141)

Der Verdrängungseffekt, den die Popularität des „Judas“ auf die in seiner unmittelbaren Umgebung komponierten Oratorien hatte, betrifft – wie gesagt - nicht nur den „Joshua“, sondern auch die beiden anderen Werke. Von der „Tetralogie“ wird neben dem „Judas“ der „Joshua“ heute sogar rezipiert (zuletzt im Rahmen der Göttinger Händel-Festspiele 2014). „Alexander Balus“ und das „Occasional Oratorio“ hingegen sind bis heute fast vollkommen unbekannt geblieben (es gibt auch nur zwei Aufnahmen des „Alexander Balus“ und nur eine des „Occasional Oratorio“).

Zywietz fasst die Situation wie folgt zusammen:

„Es dürfte so gewesen sein, dass die in direkter Nachbarschaft zu ‚Judas Maccabaeus’ entstandenen Oratorien von Anbeginn im Schatten des Schwesterwerks standen und es schwer hatten, nicht nur gegen dessen Popularität aufzukommen, sondern überhaupt als eigenständige Werkgestalt und Variation desselben Themas wahrgenommen zu werden.“ (S. 408)

Fazit ist: Der „Joshua“ genießt bis heute keine wirkliche Popularität. Gerechtfertigt scheint mir das nicht zu sein, denn die Musik selbst ist über weite Strecken ausgesprochen hinreißend. Es mag tatsächlich hilfreich sein, beim Hören Marx’ „Anthem“-These im Hinterkopf zu haben und das Werk als großen Hymnus auf Joshua und das Volk Israel zu verstehen und damit – wenn man Ruth Smiths’ politischer Deutung der Händel’schen Oratorien folgen will - gleichzeitig als Hymnus auf das auserwählte Volk der Briten und ihren Monarchen (vgl. Smith, S. 233 ff.).

Dies in aller Kürze. Möge sich der interessierte Leser bei Bedarf selbst weiter einlesen.


Benutze Literatur / Quellen

Dean, Winton: Handel’s Dramatic Oratorios and Masques. London 1959.
Handel Reference Database. "http://ichriss.ccarh.org/HRD/"
Hicks, Anthony: Joshua. Begleittext zur Cummings-Aufnahme, Somm 2008.
Hogwood, Christopher: Georg Friedrich Händel. Stuttgart 1992.
Marx, Hans Joachim: Händels Oratorien, Oden und Serenaten. Göttingen 1998.
Rolland, Romain: Georg Friedrich Händel. München 1985.
Smith, Ruth: Handel's Oratorios and Eighteenth-Century Thought. Cambridge 1995.
Zywietz, Michael: Joshua. In: Händels Oratorien, Oden und Serenaten. Das Handbuch. Hg. v. Michael Zywietz. Laaber 2010. S. 407-417.

Übersetzungen vom Verfasser.

:hello Agravain
Agravain (04.10.2014, 08:59):
Folgende Aufnahmen des „Joshua“ sind gegenwärtig erhältlich. Ich selbst besitze davon Palmer, King und Cummings. In nächster Zeit werde ich versuchen, Besprechungen dieser Aufnahmen hier unterzubringen.

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:hello Agravain
Agravain (05.10.2014, 17:26):
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Palmer (198X) – John Aler, Julianne Baird, D’Anna Fortunato, John Ostendorf, The Palmer Singers, Brewer Chamber Orchestra

Die erste CD-Aufnahme des „Joshua“ stammt nicht, wie man vielleicht denken mag, aus dem Vereinigten Königreich, sondern aus den Vereinigten Staaten. Dirigent, Professor und Komponist Rudolph Palmer hat am Ende der 0er Jahre ein All-Amercian-Cast um sich geschart, um dieses von allen möglichen zu diesem Zeitpunkt arrivierteren europäischen Händel-Exegeten bis dahin stiefmütterlich vernachlässigte Werk einzuspielen. Herausgekommen ist eine Aufnahme, die man auch heute noch recht gut hören kann. Sie ist keine Spitzenaufnahme, die beispielsweise mit einer Gardiner’schen Händel-Einspielung auf Augenhöhe steht – aber das tut keine der mir bekannten Aufnahmen. Tatsächlich glaube ich, dass es bislang noch keine rundum befriedigende Aufnahme des „Joshua“ gibt.

An Rudolph Palmers Darstellung ist vieles gelungen, einiges wurde aber auch recht stereotyp gehandhabt, was im Verlauf der Aufnahme schnell dazu führen kann – jedenfalls war es bei mir so -, dass der Hörer glaubt, er hätte das, was er gerade hört, vor ein paar Minuten exakt schon einmal vernommen. Im Grunde ist es auch so, denn Palmers Herangehensweise an die Chorsätze ist einigermaßen einfallslos. „Festliches schnell, alles andere getragen“ – so könnte man es wohl zusammenfassen. Während mich die straffen bis sehr straffen Tempi und die sehr kurze Artikulation bei gleichzeitiger Abwesenheit eines Sinns für Linie in Sätzen wie „The Lord commands“ „Glory to God“ oder „With redoubled rage return“ mich nach einer gewissen Zeit eher stören, so geht das Konzept bei ruhigen Chorsätzen auf. Sehr schön gelingen beispielsweise „Thy mercy did with Israel dwell“ und „Father of mercy“, dessen wunderbarer Beginn im Pianissimo wirklich ganz entrückt klingt. Dennoch sind die Chöre auch insgesamt nicht die Höhepunkte, die sie sein könnten. Dazu wurde auch zu wenig mit dem Text und von ihm aus gearbeitet. Da hätte man mE mehr strukturieren und akzentuieren können. Wenn beispielsweise Worte wie „rage“ oder „fury“ in „With redoubled rage return“ nicht hervorgehoben werden, wenn man sich für die schöne Phrasierung bei Stellen wie „backward to the fountain roll’d his flood“ nicht die Zeit nimmt oder sie sich lässt, wenn man durch „The nations tremble“ hetzt und so den Affekt nicht so recht trifft (anstatt sich auf das Orchester zu verlassen, dass ja das Donnern und Stürmen so wunderbar malt), dann ist das einfach nicht herausragend. Der Chorklang selbst ist etwas aus der Mode gekommen. Mich erinnert er stark an den von Johannes Somarys „Amor Artis Chorale“.

Zu den Solisten.

Grammy-Gewinner John Aler gestaltet die Rolle des Joshua. Sein Tenor ist zwar nicht ganz frei und vibriert deutlich, aber dennoch gibt es hier jenen metallisch-kraftvollen Kern, der mir heute bei vielen Händel-Tenören fehlt. Das klingt es meist geschmeidig und irgendwie balsamisch und nicht annäherungsweise nach Held. Insgesamt gefällt mir seine Darstellung der Rezitative und Arien gut. Letztere haben ja oft einen recht forschen Gestus und Palmer lässt sich dann auch nicht lumpen und gibt bisweilen sehr flotte Tempi vor. Am besten gefällt mir sein packender Aufruf zum Kampf „Haste, Israel, haste!“ Das ist jeder Zoll ein Heerführer.

Othniel, der zum einen der zweite Held und zum anderen der jugendliche Liebhaber der Achsah ist, wird von der Mezzosopranistin D’Anna Fortunato gesungen. Sie bringt eine ziemlich schwere, aber dennoch nicht unflexible Stimme mit und gestaltet ihre Rolle ausgesprochen routiniert, immer vom Text her kommend und mit viel Sinn für szenische Gestaltung. Ob im ehrfurchtsvollen „Awful, pleasing being“ (das an einen Engel gerichtet ist), in der etwas gestelzten Gavotte „Heroes, when with glory burning“ oder dem kraftvoll entschlossenen „Nations, who in future story“ – eigentlich passt da alles. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich nicht jeder mit ihrem Timbre anfreunden kann. So geht es leider mir.

Julianne Baird obliegt die Gestaltung der Achsah, die die Angebetete des jungen Othniel ist. Baird hat ein für die Rolle mE ideales mädchenhaftes Timbre, hell, unverbraucht, unangestrengt, jedoch mit einem ziemlich schnell flackernden Vibrato. Leider vermag sie es nicht so recht, der Figur Leben einzuhauchen. Das klingt zwar alles schön, aber doch auch ein wenig unbeteiligt. So dürften, nein: müssten Arien wie „Hark, hark! ’tis the linnet and the thrush“ oder „As cheers the sun the tender flow’r“ doch deutlich lieblicher, deutlich verliebter klingen. Das die berühmte Arie „O had I Jubal’s lyre“ nicht so wirkt, wie sie wirken könnte, liegt wieder einmal an Palmers hastigem Tempo, das dafür sorgt, dass der Solistin die Leichtigkeit in der Gestaltung (besonders in den Koloraturen) etwas abgeht.

Achsahs Vater Caleb ist bei John Ostendorf in guten Händen. Der Mann bringt eine sehr üppige, schwer wirkende Stimme mit, die er aber vollkommen im Griff hat. zunächst mag man denken, dass das ziemlich langsame Tempo der ersten Arie („O first in wisdom“) der wuchtigen Stimme geschuldet ist, doch ist es dann doch nicht an dem. Denn spätestens im rasant genommenen „See, the raging flames arise!“ zeigt Ostendorf, wenn er so durch die Koloraturen brettert, geradezu tomlinsoneske Qualitäten. Sehr gelungen, ja berührend auch seine Wiedergabe der abschließenden Arie „Shall I in Mamre’s furtile plain“.

Das Brewer Chamber Orchester erweist sich unter Rudolph Palmers Leitung als stilsicher spielendes Ensemble. Ich empfinde den Streicherklang als etwas körperlos, aber das mag auch – wie die zu sehr in den Hintergrund tretenden Blechbläser (Hörner, Trompeten) – an dem etwas muffigen Raumklang liegen.

:hello Agravain
Agravain (07.10.2014, 19:08):
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King (1990) – John Mark Ainsley, Emma Kirkby, James Bowman, Michael George, Choir of New College Oxford, The King’s Consort

Robert Kings Einspielungen wird ja oft – ähnlich wie auch Hary Christophers – eine gewissen noble Blässe und eine damit einhergehende Tendenz zur Langweiligkeit nachgesagt. Auch wenn ich selbst Kings Händel in den meisten Fällen recht gerne höre, so bin ich im Falle des „Joshua“ geneigt, zumindest teilweise in diesen Chorus einzustimmen, auch wenn die Aufnahme meinem Empfinden nach der einäugige König unter den (mir bekannten) Blinden ist.

In vielen Abschnitten und Einzelnummern gefällt mir die Aufnahme gut. Der gesamte erste Akt und auch Teile des zweiten überzeugen mich, ohne dass ich wesentliche Abstriche machen müsste. Aber ab der Mitte von Akt II ist die Luft plötzlich vollkommen raus, und zwar sowohl beim Chor und beim Orchester als auch bei den Solisten. Ab diesem Zeitpunkt habe auch ich fast durchgehend den Eindruck einer noch nicht einmal mehr gepflegten Langeweile.

Doch der Anfang macht zunächst einiges her. Nach der kurzen Introduction ist sie sofort da, die typische Händel’sche Festlichkeit. So soll es klingen, wenn der Chor der Israeliten ausruft: „In Gilgal, and on Jordan’s banks proclaim one first, one great, one Lord Jehova’s name!“ Schön gelingen die Phrasierung, Akzentuierung und Artikulation wichtiger Worte. Musik und Text haben immer das rechte Ziel, beispielsweise wenn es ganz richtig heißt „in wat’ry heaps affrighted Jordan stood“. Insofern lässt der Eingangschor einige Hoffnung auf eine gelungene Aufnahme keimen. Diese Hoffnung wird auch weitgehend erfüllt – zumindest zunächst. Robert King hat „seinen“ Choir of New College aus Oxford gut präpariert und bestens im Griff. Mit angemessen kämpferischem Gestus kommt das „The Lord commands and Joshua leads“ daher; das „Glory to God“ zelebriert saftigsten Händel’schen Pomp. Im zweiten Abschnitt dieses Chorsatzes, der mit den Worten „the nations tremble at the dreadful sound“ beginnt, gelingt es dem Chor mustergültig die höchst bedrückende Atmosphäre vor jenem göttlichen Unwetter zu schildern, die der dann folgenden Auslöschung Jerichos vorausgehend. Und was entfesselt Händel dann für ein Klangszenario! Spätestens hier rückt dem Hörer Händel der Musikdramatiker wieder ins Gedächtnis. „Heav’n thunders, tempests roar and groans the ground“ heißt es da. Es donnern die Trompeten. Wilde Streicherkaskaden beherrschen die Szene, die ehedem extra aus dem Tower entliehenen Kesselpauken dröhnen. Gerade das King’s Consort gibt hier wirklich alles, auch wenn King das Ganze ziemlich gewichtig und ziemlich langsam spielen lässt. Diese Apokalypse hätte meines Erachtens durchaus ein bisschen mehr „on the wild side“ musiziert werden können. Eindrucksvoll ist’s dennoch. Doch diese Momente werden im weiteren Verlauf seltener. Gut, die getragenen, in Stile-antico-Nähe sich bewegenden Chorsätze gelingen ziemlich tadellos. Aber die szenischen (wie „With redoubled rage return“ oder – noch schlimmer – den Sonnenchor „Behold! the list’ning sun“) empfinde ich in Kings Anlage als einigermaßen verfehlt, und zwar weil sie die Dramatik der Szene in keiner Weise aufgreifen. Gerade der „Sonnenchor“ wird in meinen Ohren vollkommen verfehlt msuiziert, weil Kings sehr ruhige, fast durchweg im Piano oder Mezzopiano, kaum einmal im Mezzoforte verweilende Lesart quasi gegen den Satz selbst geht und so selbst den Effekt des an sich höchst eindrucksvollen descrecendierenden Endes („breathless they pant, they yield, they die“) verpuffen lässt. Erst der Schlusschor ist in meinen Ohren wieder stimmig.

Auch mit der Herangehensweise der Solisten bin ich nicht durchweg glücklich, auch wenn ich weiß, dass ich da sicher auf höchstem Niveau jammere, schließlich hat King mit Emma Kirkby, James Bowman, John Mark Ainsley und Michael George nur höchst renommierte „Handelians“ aufgefahren.

Probleme sehe ich besonders bei Ainsley und bei George.

John Mark Ainsley verfügt über eine wundeschöne Tenorstimme. Lyrisch, leicht, elegant, fast weich. Da denke ich bei jedem Ton: „Was für ein Gent!“ Ein Hauch von „West Indian Lime“ hängt unweigerlich in der Luft. Das Problem ist nur, dass Joshua ein Held ist, ein Heerführer und kein geschniegeltes Mitglied des House of Lords. Blendet man aus, dass Ainsleys Vortrag nicht nur haarscharf an der Figur vorbeigeht, die er verkörpert, dann kann man besonders seinen Arien mit Begeisterung zuhören und diese genießen, als sei jede für sich genommen ein akustisches Praliné. Wie wunderschön perlt sein „While Kedron’s brook to Jordan tribute pays“ dahin, wie fluffig tupft er die Koloraturen in „Haste, Isreal, haste!“, wie delikat gelingt das „O thou bright orb“. Das ist alles rundherum schön. Schön, da gibt es nichts. Aber an der Sache vorbei.

Schwieriger finde ich Michael George in der Rolle des Caleb. Ich kann es nicht leugnen, dass mir Georges eher dunkles Timbre sehr gut gefällt. Ich mag ja baritonal klingende Bässe bei Händel nicht sonderlich. Dazu kommt, dass die Stimme ausgesprochen geschmeidig ist und in keiner Sekunde unkontrolliert wirkt (wie gelegentlich bei Tomlinson, leider). Aber leider – und das unterscheidet Georges Darbietung in dieser Einspielung von Ainsley – klingt aber auch jede seiner Arien gleich, und zwar durch und durch indifferent. Eine Herausarbeitung von Affekten findet im Grunde nicht statt. Man mag das euphemistisch als zurückhaltende Darstellung beschreiben. Tatsächlich finde ich das alles ziemlich öde. Besonders deutlich wird das in den dialogischen Rezitativen (z.B. Caleb vs. Othniel „Sure I’m deceiv’d!“), die keinerlei Sinn für eine spannende Ausgestaltung der Szene erkennen lassen. Dieses Problem allerdings liegt auch bei King, denn es fällt bei den meisten Rezitativen auf.

Nun jedoch genug der Mäkelei, dann da sind ja noch Emma Kirkby und James Bowman.

Emma Kirkby hat die ideale Stimme für die jugendliche Achsah. Timbre, Sitz, Stimmführung, Artikulation: Was soll ich sagen? Alles ziemlich einwandfrei, ja geradezu beglückend. Hinzu kommt, dass sie den Affektgehalt der Arien und Rezitative schlüssig herausschält. Insgesamt eine Lehrstunde in Barockgesang. Besonders gelungen ist in meinen Ohren ihre heiter-pastorale Arie „Hark, hark! 'tis the linnet“, die sowohl mustergültig gesungen als auch gespielt (Violine, Flöte) wird. Das sind wahrlich die im Text beschworenen „dulcet notes“. Schön gelingt auch die im Affekt zurückgenommene, von verinnerlichter Freude sprechende Arie „Happy, oh, thrice happy“. Gegen Ende indes lässt sie an Ausdrucksintensität – wie ja die ganze Aufnahme – deutlich nach. „O had I Jubals lyre“ ist dann – und wieder schiebe ich King die Schuld in die Schuhe – ein Schatten dessen, was da sein könnte.

James Bowman überzeugt mich als Othniel indes voll und ganz - und vor allem durchgehend. Angemessen andachts- und ehrfurchtsvoll gelingt ihm das „Awful pleasing being“, wobei ich hier seine deutliche Gegenüberstellung der Begriffe „friend“ und „foe“ besonders gelungen finde. Geradezu balsamisch (die Streicher das ihre dazu) klingt sein Einsatz im die Lovestory einleitenden Accompagnato „In these blest scenes“. Schön tänzerisch und angenehm bewegt gelingt das verliebt tändelnde „Heroes, when with glory burning“, kämpferisch zupackend das „Place danger around me“, das seiner Zerstörung der Stadt Ai vorangeht. Lediglich die Interpretation der Hymne auf die Freundschaft („Nations, who in future story“) empfinde ich hier etwas salbadernd.

Eine Aufnahme, die ihre Meriten hat. Leider geizt sie auch nicht mit Schwächen.

:hello Agravain