HÄNDEL: Samson HWV 57

Agravain (01.02.2013, 14:24):
"Die Oratorienaufführen gedeihen in Hülle und Fülle - mir vermitteln sie ein Bild vom Himmel, wo jeder singen darf, ob er nun eine Stimme hat oder nicht."

Horace Walpole war nicht eben ein Freund Händels und hat dies bei jeder sich bietenden Gelegenheit deutlich gemacht. Auch diese Bemerkung ist natürlich bissig gemeint und bezieht sich auf die bisweilen nicht wirklich glücklichen Erstaufführungsumstände der Oratorien Händels.

Zwar stammt Walpoles obige Aussage aus dem Kontext der der ersten Aufführungen des "Samson" in der Fastenzeit des Jahres 1743, sie darf jedoch nicht "at face value" verstanden werden, wissen wir doch, dass Händel für die Aufführungen dieses Werkes ein exzellentes Aufgebot an Sängern zur Verfügung hatte (vgl. Marx, S. 189), was dann auch zum Teil für den erheblichen Erfolg des Werkes beim Publikum verantwortlich gewesen sein dürfte. Richtig an Walpoles Worten ist also, dass Händels Oratorienprojekt wunderbar lief.

Tatsächlich sprudelte die Musik nur so aus Händel heraus. Für Dublin hatte Händel 1741 zunächst in kürzester Zeit den "Messiah" komponiert, wo er im Folgejahr während seiner Irlandreise mit größtmöglichem Erfolg aufgeführt wurde.

Die schnelle Komposition des "Messiah" nun veranlasste viele spätere Biographen Händels, eine "Romantisierung" (Hogwood, S. 211) der Entstehungsgeschichte dieses einen um Christus kreisenden Oratoriums vozunehmen, und zwar auf der Basis eines anekdotischen Beweis, der anscheinend dafür sprach, dass der Komponist des "Messiah" sich während der Komposition selbst als Werkzeug Gottes empfunden hatte, sagte er doch später (angeblich) über dieses Phase seines Lebens: "Ob ich im Leibe gewesen bin oder aus dem Leibe, ich weiß es nicht, Gott weiß es." (vgl. Friedenthal, S. 138). Eine raunende Aussage dieser Art bot sich natürlich für eine Mythifizierung der Kompositionsumständer bestens an. Tatsache ist aber, dass Händel nach Fertigstellung des "Messiah" sofort erneut zum Federkiel griff und - wieder in kürzester Zeit - ein neues Oratorium, den "Samson" komponierte. Wir müssen also schlicht von einer ausgesprochen fruchtbaren Phase in Händels Leben - das musikalisch ja ohnehin immer sehr fruchtbar war - ausgehen. Man stelle sich einmal den immensen Arbeitsplan vor, der sich aus den Eintragungen der Kompositionspartitur ergibt. Am 14. September 1741 war der "Messiah" fertig. deann geht es erneut Schlag auf Schlag:

15./16. September 1741 - Beginn der Arbeit am "Samson"
20. September 1741 - Fertigstellung des I. Aktes
11. Oktober 1741 - Fertigstellung des II. Aktes
29. Oktober 1741 - Fertigstellung des gesamten Entwurfes des "Samson"
(vgl. Marx, S. 188)

In letzterem Entwurf fehlten noch alle Rezitative und Accompagnati. Händel schrieb zunächst nur die Texte zwischen die Notenzeilen. Zudem war hier noch ein anderes Ende vorgesehen. Das jubelnde Finale hat Händel erst später - vermutlich, weil er den Geschmack seines Londoner Publikums nun doch berücksichtigen wollte - hinzugefügt. Eine seiner berühmtesten Arien, das "Let the bright Seraphim", fehlte also, desgleichen auch der festliche Schlusschor "Let their celestial concerts all unite" und noch eine Reihe anderer Arien und Chorsätze. Zunächst hatte Händel vorgesehen, das Werk mit der Klage um "Samson" enden zu lassen ("Glorious hero, my thy grave"). Seit 2011 liegt auch die (deutlich kürzere) Urversion (1741) in kritischer Ausgabe vor (Hallische Händel-Ausgabe) und könnte eingespielt werden.

Die Aufnahme des "Samson" bei den Zeitgenossen hätte besser nicht sein können. Charles Jennens - der als Librettist mehrfach mit Händel zusammenarbeitete - schrieb von einem "most exquisit entertainment" und Lady Hertford schrieb: "Das Oratorium hat viel mehr Anklang gefunden, sämtliche Personen von Stand und Adel dieser Stadt drängen sich dort... Es heißt, Händel habe den Ehrgeiz gehabt, mit diesem Stück das beste zu bieten, was er jemals an Musik komponiert hat, und es heißt, es sei ihm gelungen." (zit. n. Hogwood, S. 228)

Insgesamt kam es bis 1752 zu 31 Aufführungen des Werkes unter Händels Leitung, was es zu einem seiner größten Erfolge zu seinen Lebezeiten machte. Bald wurde es auch schon an anderen Orten in England gespielt. Bereits 1783 kam es zu einer Aufführung in Moskau, ab 1776 war der "Samson" auch in Deutschland bekannt. In Wien erklang das Werk seit dem Wiener Kongress regelmäßig (allerdings in einer Bearbeitung von Ignaz Franz von Mosel im Stil Mozarts). Auch Berlin griff das Werk auf (Zelter dirigierte das Werk mehrmals), Mendelssohn hörte es dort und studierte es später in Düsseldorf ein. 1845 ging das Werk "overseas" und war erstmals in Boston zu hören. Auch in den USA verbreitete es sich schnell. Selbst im Dritten Reich wurde es aufgeführt (vgl. hierzu Marx, S. 194-97).

Zur Deutung des "Samson" gibt es eine Reihe von Ansätzen, die ich hier nicht in aller Breite darlegen will. Hans Werner Gabler kommt in einem kurzen Text beispielsweise zu dem Schluss, der "Samson" repräsentiere einen Identifikationsmythos für das erstarkende englische Bürgertum; Hans Dieter Clausen wiederum macht deutlich, dass es im "Samson" auch um einen Streit der Religionen geht, der in einem Selbstmordattentat endet und stellt darum die Frage: "Welche Chancen hat ein Oratorium wie Samson im 21. Jahrhundert, das uns gleich zu Beginn durch einen gewaltigen Schrecken lehrt, jeden Selbstmordattentäter zu verabscheuen?" Ruth Smith weist auf die historischen Hintergründe der Komposition hin, auf die politische Situation England im Jahre 1741 hin, auf den Umstand, dass sich George II. im Dunstkreis des Österreichischen Erbfolgekrieges mehr um sein heimatliches Hannover zu sorgen schien, denn um das militärisch nicht eben starke England und auf die Tatsache, dass die Partitur seinem Sohn, dem gegen die Politik seines Vater opponierenden Prince of Wales, gewidmet worden war.
Möge sich der interessierte Leser hier selbst weiter einlesen.

:hello Agravain

Benutzte Literatur
Clausen, Hans Dieter: Selbstmordattentäter als Oratorienheld. Händels Oratorium Samson. In: akte 1/2012.Friedenthal, Richard: Georg Friedrich Händel. Hamburg 1959Gabler, Hans Werner: Händel, England und Milton. 2001. Handel Reference Database. "http://ichriss.ccarh.org/HRD/"Hogwood, Christopher: Georg Friedrich Händel. Stuttgart 1992.Marx, Hans Joachim: Händels Oratorien, Oden und Serenaten. Göttingen 1998.Smith, Ruth: Handel's Oratorios and Eighteenth-Century Thought. Cambridge 1995. S. 292-299Der Spiegel. Nr. 52/1969.
Agravain (01.02.2013, 14:26):
Es folgen einige persönliche Eindrücke zu den mir vorliegenden Aufnahmen des Werkes.

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Leppard (03.01.1959, live; London: Covent Garden) - John Vickers, Joan Carlyle, Joseph Rouleau, Lauris Elms, Joan Sutherland, James Pease, Orchestra and Chorus of the Royal Opera House Covent Garden

Blickt man in das Beiheft zu dieser ersten aller Aufnahmen des Werkes, so kann man lesen, Leppards Aufführung des "Samson" anlässlich des Händeljahres 1959 sei eine Art Pioniertat gewesen. Doch das stimmt ganz so pauschal gesagt nicht, da gerade der "Samson" seit seiner Erstaufführung auf eine Aufführungstradition von geradezu weltweitem Ausmaß zurückblicken konnte (s.o.). René Seghers' Enthusiasmus in allen Ehren, doch vor diesem Hintergrund ist die Aussage, "Händel, after more than a century of oblivion, was just beginning to be rediscovered" (S. 9 des Booklets zur Aufnahme) schlicht unrichtig. In der Tat kannte man viele von Händels Opern kaum, man kannte viele der Oratorien nicht wirklich - doch der "Samson" gehörte nicht wirklich in diese Reihe. Was indes einigermaßen revolutionär war, war der Umstand, dass das Oratorium hier in szenischer Aufführung gegeben wurde.

Der Mitschnitt dieses Konzertes ist - ich muss es gleich voarsusschicken - qualitativ wirklich nicht gut. Und doch ist er nicht so schlecht, dass eine Einschätzung gänzlich unmöglich wäre. Was also ist zu sagen?

Das Werk wurde für diese Aufführung stark gekürzt, was durchaus gängige Praxis war und heute bisweilen auch noch so gehandhabt wird. Schließlich ist der "Samson" Händels längstes Oratorium. Interessant wird die Aufnahme aber nicht so sehr durch Leppards mich bisweilen eher verwirrende Eingriffe, sondern vornehmlich durch die für diese Aufführung engagierten Sängerinnen und Sänger.
Jon Vickers in der Titelrolle gefällt mir - ich schäme mich der Aussage nicht - ziemlich gut. Sicher, ich kann ihn oft nicht ertragen und er würde für diese Patie heutzutage wohl auch nicht mehr besetzt werden. Aber: Was für ein eindringliches "Total eclipse!" Da wagt der Mann einfach eine Menge Oper, ein Bekenntnis zur massiven Affektivität dieser Arie und zieht den Zuhörer ohne Wenn und Aber in seinen Bann. Sein Pendeln zwischen Resignation und dem Herausschreien des Leides berührt, auch wenn das insgesamt mehr Sigmund als Samson sein mag. Gut ist, dass das Problem seiner bisweilen unerträglichen Vokalausgleiche aufgrund seiner Muttersprache nicht so sehr in den Vordergund drängen wie sonst (ich höre tinnitusartig immer sein "Isoldäääääää" im Hintergrund). Zwischendurch gibt es auch immer mal wieder Aussetzer (die Koloraturen in "Go baffled coward, go" sind einigermaßen gruselig), aber dann ist seine durchweg in zartestem Piano vorgetragene Abschiedsdarie "Thus when the sun" wieder ein Highlight der Charakterzeichnung (auch wenn wenn er - im Gegensatz zu Leppard - bei jedem Zeilen- bzw. Phrasenende ritardiert... Wackel, wackel.). Die anderen Solisten sind von ordentlicher Qualität. Joan Carlyles Darstellung der Delilah empfinde ich als weitgehend gelungen, wenngleich sie insgesamt schon etwas mehr Verführungskunst aufbieten könnte, um Samsons Gunst zurückzuerobern. James Peases Harapha ist ein ganz wunderbarer Unsympath, Joseph Roule als Manoa und Lauris Elms als Micah sind ordentlich, bleiben aber nicht wirklich im Gedächtnis. Ganz anders die junge Joan Sutherland, die hier nur eine Arie zu singen hatte: die berühmte Jubelarie "Let the bright Seraphim". Und auch wenn die Aufzeichnung wirklich nur einen Abglanz dessen bietet, was man damals im Covent Garden zu hören bekam, so kann man doch erahnen, warum es das Publikum nicht auf den Sitzen hielt. Altistin Laurie Elmas erinnert sich: "The audience rose to its feet abnd gave her the ovation of the night, . There was no doubt in my mind that this was the most ravishing singing I had ever heard." (Booklet zur Aufnahme, S. 9)

Raymond Leppard, der es sich ab den 50ger Jahren zur Aufgabe gemacht hatte, allerhand barocke Perlen auszugraben und dem die Musikwelt demnach entsprechend zu Dank verpflichtet ist, liefert indes eine eher unausgegorene Interpretation des Werkes, die zeigt, dass er - und mit ihm viele andere - noch nicht so recht wussten, wohin die Reise mit Händel in Zukunft gehen sollte. Tatsächlich finde ich Leppards Herangehensweise an das Werk streckenweise nicht unproblematisch. Zum eine empfinde ich manche Kürzung nicht wirklich gelungen (z.B. was den Konflikt Samson-Dalilah betrifft). Zum anderen zeigt sich hier bereits, was sich für meine Geschmack in seiner späteren, vollständigen Aufnahme erneut betätigt: Leppard hat keine Sinn, aber auch wirklich keinen Sinn für die Bedeutung des Chors und die Gestaltung der Chorsätze bei Händel. Selten habe ich (außer seiner zweiten) eine Aufnahme eines Händelschen Oratoriums gehört, in dem so unsinnig an den Chören vorbei musiziert wird (höchst eigentümlich bspw. der Schlusschor des I. Aktes "The round about the starry throne" oder der entsetzlich zerdehnte "Save us, Lord".) Man spürt das Bemühen, es nicht wie Sargent oder Beecham machen zu wollen, obwohl beide mE wussten, wie sich ein Händelscher Chorsatz anhören muss. Ich verstehe im Grunde nicht wie das geht. Kaum ein Chor bei Händel, der kein Selbstläufer ist, da brauchten auch die beiden genanten Dirigenten doch kaum mehr als den Taktstock heben und den Takt zu schlagen. Schon war da Musik. Leppard trifft allerdings in einer Tour bemühte Entscheidungen - gegen die Tradition? - , die mE vollkommen fehl gehen und der Musik treffsicher ihre Kraft, Ausdrucksstärke und ihren Fluss nehmen. Schon seltsam.

Insgesamt vielleicht keine wirkliche Konkurrenzaufnahme mehr, dafür aber ein interessantes Dokument für den Interessierten.

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Richter (10-11/1968) - Alexander Young, Martina Arroyo, Norma Procter, Thomas Stewart, Ezio Flagello, Helen Donath, Sheila Armstrong, Jerry J. Jennings, Münchner-Bach-Chor, Münchner Bach-Orchester

Na, das hört sich schon ein wenig nach einer linken spätsechziger Kritik an, was der ungenannte Spiegel-Rezensent da über Karl Richters Einspielung des "Samson" schreibt. Nicht nur, dass das Werk dem Kritikus nicht gefällt ("John Milton vielversige(s) Gedicht"; "langatmige(r) 'Samson'), auch die Aufnahme selbst kommt nicht gut weg, schließlich "meidet die Deutsche Grammophon den der historischen Musizierstil auf alten Instrumenten; sie lässt stattdessen Karl Richters Münchner Bach-Chor und Bach-Orchester mit publikumswirksamer Halbromantik gefühlvoll trauern und bombastisch jubilieren." (Der Spiegel, Nr. 52/1969, S. 130). "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren" und "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" go Musikkritik. Nun, man mag das, was "Der Spiegel" hier einst drucken ließ, ausschließlich aus damaliger Perspektive verstehen. Beim Hören der Aufnahme muss ich jedoch feststellen, dass der der Schreiber dieser Kritik immerhin in einem Punkt nicht völlig falsch falsch liegt.
Die Einspielung ist, wenn man den Freuden eines traditionellen Händel-Stils (wie ich) nicht vollkommen abhold ist, schön. Verdienstvoll ist sie allemal, bringt sie doch erstmals eine nahezu komplette Aufnahme des Werkes, wovon beispielsweise Harnoncourt in seiner später entstandenen historisch geradezu überinformierten Aufnahme zurückschreckt. In meiner englischen Ausgabe der Richter-Box findet sich dann auch der folgende Hinweis: "This recording presents a version of the first performance, with refernce to the cuts made by Handel in early performances, edited by Hans-Dieter Clausen, from Handel's conducting score (in Hamburg, State and University Library) and the libretti published for Handel's performances." (Booklet zur Aufnahme, S. 5)
Aber steht es nun mit der Aufführung und dem Vorwuf des Halbromantischen?
Nun, ich finde, Richters Aufnahme ist in ihrer Gesamtheit tatsächlich außergewöhnlich gut gelungen, wobei es eine entscheidende Einschränkung gibt. Wenn der Begriff des Halbromantischen hier überhaupt als Vorwurf zur Anmwendung kommen darf, dann in Bezug auf die Interpretation der Titelpartie durch Alexander Young. Spricht der "Spiegel"-Rezensent von einem "lyrischen Schwärmer und zarten Schöngeist", so kann ich nicht ganz umhin, ihm Recht zu geben. Ein fanatischer Selbstmordattentäter (Clausen) ist Youngs Samson ebensowenig wie eine waschechte alttestamentarische Präfiguration des Erlösers Israel (Gabler). Youngs Samson ist elegant, ganz Held, stets edel, nie wirklich aufgebracht, nie wirklich erschüttert, nie wahrhaftig leidend. Youngs Samson ist "calm, cool and collected", ein britischer Gent vom Scheitel bis zur Sohle, man riecht förmlich den Duft von "Penhaglion's 'Blenheim Bouquet'. Und derlei kann man schon - da beißt die Maus keinen Faden ab - als völlig verfehlte Interpretation der Titelrolle einstufen. Auf der anderen Seite singt Young eben die ganze Zeit über sehr geschmackvoll, hat einen ganz wunderbaren Ton, die Diktion ist bestes Queen's English. Schöner als Young kann man mE das "Thus when the sun" nicht singen: schlicht und vorallem ohne zuviel an Verzierungsschnickschnack, der mir in vielen jüngeren Händel-Aufnahmen - historisch korrekt oder nicht - zunehmend auf den Geist geht. Was Young dabei dann in der Tat in einem gewissen Maße abgeht, ist die Fähigkeit, die fundamentale , ja existenzielle, Verzweiflung des Samson in einer Arie wie eben "Total exclipse!" auch nur im Ansatz zu transportieren. Da ist Vickers eine vollkommen andere Preisklasse.
Doch sieht man hiervon ab, so ist die Aufnahme mE bis heute eine der besten am Markt. Martina Arroyos eher dunkler Sopran passt gut zur Delilah. Ein Vollweib, möchte man sagen, wobei ihr an Lieblichkeit der Rang nur von Sheila Armstrong in "My faith and truth" abgelaufen wird. Helen Donath glänzt in den den kleineren Rollen für Sopran, wobei ihr besonders die Arie "Ye men of Gaza" und das (ohne da capo gespielte) "Let the bright Seraphim gut gelingen. Dass die hier ihr (und nicht Delilah) zugeordnete Arie "With plaintive notes" nicht so recht zu reizen vermag, liegt weniger an ihr, als vielmehr an Richters etwas nassforscher Gangart. Mit dem "am'rous moan" der turtelnden Tauben hatte es Richter wohl nicht so. Norma Procters sehr maskuliner und ausdrucksstarker Alt eignet sich hervorragend für den Micah (ausgesprochen eindringlich gelingt ihr beispielsweise die Arie mit Chor "Return, return, o God of Hosts / "To dust his glory they would tread"). Schlicht begeistert bin ich von Thomas Stewarts Ehrfurcht gebietender und ausgesprochen würdiger Zeichnung des greisen Manoa (hervorragend in allen Arien) und der geradezu fantastischen Charakterisierung des prahlerischen und Harapha durch Ezio Flagello. Überhaupt hat Flagello einen Händel-Bass nach meinem Geschmack: schwarze Färbung, flexibel, auch in hoher Lage satt und ohne Anstregung und dabei von großer Ausdruckskraft. Lediglich Jerry J. Jennings, der die kleinen Tenor-Partien gestaltet, erscheint mir als einigermaßen durchnittlich.

Zum Münchner Bach-Chor und -Orchester kann man nicht viel sagen. Beide Ensembles präsentieren satten und kraftvollen Klang, haben einen unnachahmlich glänzenden Ton, zeigen eine hohe gestalterischer Bandbreite, musizieren intonationssicher und - im Chor -textverständlich. Sicher, es ist ein Massenensemble - aber was für eines. Ich behaupte: Händel hätte wahrscheinlich seine Freude gehabt, wenn er diesen Chor und dieses Orchester mit "Awake, the trumpet's lofty sound" hätte hören können. Gleiches gilt für das herrlich aufspielende Münchner Bach-Orchester, das an allen Pulten (also nicht nur an denen Manfred Clements, Herbert Segels, Maurice Andrés und Peter Lachenmeiers) Höchstleistungen präsentiert.

Verwundert stellte der Rezensent des "Spiegel" als Höhepunkt seiner Kritik fest: "Die Jury des Deutschen Schallplattenpreises fand diese Verzeichnung einer Auszeichnung wert." (Der Spiegel, Nr. 52/1969, S. 131) Mich wundert es auch heute nicht.

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Agravain (01.02.2013, 14:28):
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Leppard (10/1978) - Robert Tear, Janet Baker, Helen Watts, John Shirley-Quirk, Benjamin Luxon, Norma Burrows, Felicity Lott, Philip Langridge, Alexander Oliver, London Voices, English Chamber Orchestra

Schaut man sich an, wer in dieser 1978 entstandenen Aufnahme gemeinsam Händel musiziert, dann liegt der Schluss nahe, dass es sich um eine ganz hervorragende Aufnahme handeln miss. I beg to differ. eEin amerikanischer Amazon-Rezensent drückt es etwas drastisch aus: "This particular version is painful to say the least, sounding as though it is performed by residents of a rest-home on their last legs!!" (Diese spezielle Version ist - vorsichtig gesagt - peinlich und klingt, als wäre sie von Bewohnern eines Altersheims kurz vor ihrem Ableben aufgeführt worden.") Und doch kann ich ihm in der Sache zustimmen: Ich habe mich selten mehr bei einer Händel-Einspielung mehr gelangweilt. Geärgert, den Kopf geschüttelt, gefreut, gejauchzt: ja. Gelangweilt: nein. Aber was Leppard hier aus dem "Samson" macht, ist ein 3-1/2- Stunden Lindwurm, eine schon fast zusammenhanglose Nebeneinanderstellung der einzelnen Nummern, ein biederes, betuliches, schlecht gezeichnetes starres Tableau. Ich habe oben schon anklingen lassen, dass Leppard nichts mit Händels Nutzung des Chores anfangen konnte. War das in seiner alten Live-Aufnahme schon hörbar, so wird es hier noch deutlicher. Mal davon abgesehen davon, dass die von Terry Edwards vorbereiteten London Voices nicht eben eine Spitzenensemble sind, so hätte es Lappards ödes Dirigat wahrscheinlich auch geschafft, den besten Chor seiner Zeit klingen zu lassen, als würden er unbedingt wieder aus dem Aufnahmestudio heraus wollen. Viel dröger kann man Händel mE nicht singen lassen. Auch zu den namhaften Solisten ist kein Funke übergesprungen. Robert Tear gibt den Samson als ewig lauten Helden. Darin erschöpft sich seine Darstellung dann auch, die er zudem auch noch mit einer viel zu großen großen Schippe an Pathos würzt. Was man bei Vickers gut erträgt, das kauft man Tear nicht ab. Er versucht innere Dramatik hörbar zu machen, fühlt aber nichts, sondern wirft - wie meine Mutter zu sagen pflegte - lediglich mit der Wurst nach der Speckseite. Weniger wäre für seine Darstellung oft mehr gewesen. Dame Janet Baker ist als Delilah etwa so verfüherisch wie Mutter Beimer. Kein Wunder, dass Samson dieser "Verlockung" widersteht. Außerdem klingt sie in diesem Oktober des Jahres 1978 einigermaßen abgesungen. Auch der stimmlich gut zum Manoa passende John Shirley-Quirk arbeitet sich eher ab. Da ist kaum ein Moment mehr als solide Gestaltung, nach Beteiligung hört sich das nicht sonderlich an. Auch er neigt bisweilen zum dicken Auftragen ("Thy glorious deeds"). Helen Watts eignet sich von ihrem Timbre her gut für den Micah, wobei sie streckenweise etwas kratzig klingt und ihre Darstellung insgesamt blass bleibt. Benjamin Luxons Harapha ist ein netter Bursche, wo er ein überheblicher Prahlhans sein sollte. Auch hier das schon erwähnte Phänomen: brav und ohne jegliche Beteiligung gesungen. Wie anders kennt man alle dieser Sängerinnen und Sänger. Philip Langridge, Alexander Oliver, Norma Burrows und Felicity Lott (die ein recht erfreuliches "Let the bright Seraphim" präsentiert) fügen sich nahtlos in das durchschnittliche Bild ein.

Eine Aufnahme, auf die man mE ohne schlechtes Gewissen und irgendeinen Verlust verzichten kann.

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Harnoncourt (05/1982, live; Musikverein Wien) - Anthony Rolfe Johnson, Roberta Alexander, Jochen Kowalski, Anton Scharinger, Alastair Miles, Maria Venuti, Angela Maria Blasi, Chrisophe Prégardien, Arnold Schoenberg Chor, Concentus musicus Wien

Die mE erste historisch informierte Einspielung des Werkes entstand im Mai 1982 unter Nikolaus Harnoncourts Leitung in Wien. So dankbar man Harnoncourt auch sein muss, ich habe heute häufig Schwierigkeiten mit seinen Händel-Aufnahmen aus jenen Jahren ("Saul", "Jephtha", "Belshazzar", "Theodora", "Alexander's Feast", "Ode for St Cecilia's Day", "Messiah"). Nichts ist so alt wie die Neuigkeit des vergangenen Tages. Ähnlich ist es hier. Harnoncourts "hipper" Händel - damals für viele Hörer ein ear-opener - klingt mir an vielen Stellen heute sehr angestaubt. Das ist zwar nicht ganz fair, aber so ist es nun mal. Mich begeistert, was (auch) Harnoncourt angestoßen hat und in welche Richtungen weitergearbeitet wurde, aber will man "hip", dann gibt es mittlerweile erquicklichere Aufnahmen als diese. Dabei ist es gar nicht so, dass das gesamte Endprodukt nicht zu ertragen wäre. Vieles gefällt mir, allen voran jedoch Anthony Rolfe Johnsons glanzvolle Charakterisierung des Samson. Da ist jeder Ton durchdacht, jede Wendung des Textes, jeder Wortsinn wird trefflich umgesetzt, ohne dass man das Gefühl bekommt, man höre eine ausschließlich verkopfte Darbietung. Rolfe Johnson singt nicht, er durchlebt. Man mag so weit gehen zu sagen: Er ist Samson. Dabei ist er stimmlich bestens disponiert, ausgesprochen gestaltungsfähig, die Stimme wird vorblidlich geführt, der Text ist durchweg gut verständlich. Leider fallen die meisten Solisten gegen diese Leistung doch recht deutlich ab. Roberta Alexanders Darstellung der Delilah bleibt belanglos, streckenweise zeichnet sie ein dermaßen devotes Bild der Figur, dass es ans Unglaubwürdige grenzt. Hinzu kommt ihr (mich) störendes schnelles Vibrato. Anton Scharingers Manoa reicht in keiner Weise an die Leistungen der (älteren) Konkurrenz heran. Seine etwas dickliche, kartoffelige und nicht immer gut geführte Stimme (Triolenläufe in "Thy glorius deeds"!) vermag mich nicht zu begeistern. Die Würde, die Thomas Stewart oder auch John Shirley-Quirk dem Charakter verleihen, hier sucht man sie vergebens. Auch Angela Maria Blasi und Maria Venuti, denen zwar kleine Rollen, aber doch wichtige Arien zugewiesen sind, gefallen mir nicht. Blasis Darbietung von "With plaintive notes" wirkt bemüht, nicht im Entferntesten erotisch, es fehlt das Arkadisch-Rokokohafte, das kaum verhüllte Laszive. Harnoncourt lässt ihr aber durch sein durchaus zu schnelles Tempo keinen Raum für Gestaltung. Maria Venutis "Let the bright Seraphim" darf man getrost vergessen. Es glänzen allerdings immerhin noch zwei der Herren, und zwar Christoph Prégardien in den kleine Rollen sowie der hervorragende Alastair Miles, der hier mE als einziger auf Augenhöhe mit Rolfe Johnson interpretiert. Was für eine wunderbare Gestaltung des Harapha! Und dann ist da noch Jochen Kowalski als Micah. Jochen Kowalski. Was soll ich sagen? Für mich eine vollkommen inakzeptable Stimme. Wie unglücklich ist es, dass er hier so viel zu tun hat.
Harnoncourts Gestaltung des Oratoriums ist durchweg eher straff, manchmal auch zu schnell, was dazu führt, dass manch eine Arie verliert (s.o.), da der Raum zur Gestaltung verschwindet. Seine Handhabung der Chorsätze finde ich insgesamt durchwachsen. So gelingen ihm viele Chöre des ersten Teils überhaupt nicht. Er nimmt an vielen Stellen den Druck, die Kraft heraus, experimentiert an mE wenig geeigneten Stellen ("Awake the trumpet's lofty sound") mit leichtem, tupfigem Chorklang, bleibt überhaupt oft sehr leichtgewichtig und liegt gestalterisch streckenweise krass daneben: Was soll beispielsweise der Pianissimo-Anfang beim festlichen Philister-Taumel "To song and dance"? Auf der anderen Seite gelingen Harnoncourt auch grandiose Chormomente, und zwar immer dann, wenn der Chor dramatisch und nicht betrachtend eingesetzt wird. Großartig beispielsweise bei der Anrufung der Götter, im rasend schnell genommenen "With thunder armed" und im sich wild steigernden "Great Dagon has subdued our foe".
Von musikalischen Schwächen abgesehen hat Harnoncout auch einigermaßen brachiale Kürzungen vorgenommen, ohne es dabei mit der historischen Korrektheit allzu genau genommen zu haben. Die unterschiedlichen Aufführungsversionen des "Samson" sind einigermaßen gut nachvollziehbar (mit sehr wenigen Aufnahmen einzelne Nummern betreffend). Insofern lesen sich Harnoncourts "Anmerkungen zur vorliegenden Einspielung" wie eine einigermaßen bemühte Rechtfertigung der reichhaltigen Striche.

Insgesamt eine nicht mehr so recht konkurrenzfähige Aufnahme, die sich allerdings durch eine außergewöhnlich stimmige Charakterisierung der Titelrolle durch einen fantatischen Anthony Rolfe Johnson auszeichnet.

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To be continued...

:hello Agravain
Agravain (02.02.2013, 08:06):
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Christophers (1996) - Thomas Randle, Lynda Russell, Catherine Wyn-Rogers, Michael George, Jonathan Best, Lynne Dawson, Mark Padmore, Matthew Vine, The Sixteen, The Symphony of Harmony and Invention

Mit Harry Christophers 1996er Einspielung des "Samson" komme ich nun zur ersten weitgehend vollständigen HIP-Aufnahme des Werkes. Die 14 Jahre, die zwischen ihm und Harnoncourt liegen, werden beim Hören unmittelbar deutlich. Die Phase des Experimentierens ist lange vorbei, es wird etwas weniger gewollt und einiges mehr gekonnt, die Ensembles sind kein bunter Haufen mehr, sondern Experten ihres Faches. Logische Konsequenz ist, dass man sich hier einer durch und durch homogenen Händel-Exegese gegenüber sieht, die mich in der Gesamtschau durchweg anspricht.
Man hat Christophers' Aufnahme bisweilen ein gewisses Phlegma vorgeworfen. Seine Tempi seien zu langsam, der musiklische Fluss sei nicht immer gewährleistet, es fehle bisweilen der dramatische Impetus. Gerade der letzte Vorwurf aber, auf dem die beiden anderen wiederum fußen, geht am Kern des Werkes, das gar kein äußeres dramatisches Geschenen, sondern das Seelendrama des Titelhelden schildern will, vorbei. Insofern ist eine übermäßig druckvolle Gangart für eine gelungene Interpretation dieses Oratoriums auch überhaupt nicht angezeigt. Ja, Christophers nimmt sich Zeit für die Kontemplation des Geschehens, für das Herausarbeiten des streckenweise deutlich zutage tretenden suizidalen Zustandes des Helden ("Why should I live? / Soon shall these orbs to double darkness yield." - "Nature in me seems weary of herself...."), für die reflektiven Momente der Partitur. Aber ist das ein Manko? Worin bestünde der Vorteil eines eiligen Ansatzes? Ich für meinen Teil kann keinen entdecken, zumal Christophers fast durchgehend in der Lage ist, die Spannung aufrechtzuerhalten. Dass es bei einem bald dreieinhalb Stunden währenden Werk auch mal einen Durchhänger gibt, ist mE kaum zu ändern. Und Durchhänger gibt es. Zwei. Zum einen ist der Chor "With thunder armed" im Vergleich mit der von Harnoncourt entfesselten Apokalypse schon etwas asthenisch. Zum anderen klingt der Festgesang der Philister "Great Dagon has subdued our foe" eher, als hätte sich Christophers die Szene kurz vor Ende der Feier vorgestellt. Ich hätte mir das etwas bacchantischer und etwas weniger somnolent gewünscht.
Alles andere empfinde ich tatsächlich als vorbildich musiziert. Der Chorklang der "Sixteen" ist nichts, was ich noch loben müsste. Das Ensemble gehört zu den besten Chören Großbritanniens und klingt (auch) hier fantastisch. Leicht, elegant, ausgewogen, weich, dennoch prägnant und passagenweise von einer himmlisch madrigalesken Klarheit. Es stimmt schon, der metallische Forte-Kern, auf den Gardiners Monteverdi Choir im Ernstfall zurückgreifen kann, fehlt ab und an. Hier herumzukritteln ist mE allerdings Gejammer auf sehr hohem Niveau. "The Symphony of Harmony and Invention" ist ein ebenso delikater Klangkörper, ausgesprochen virtuos, klanglich tadellos, immer pulsierend.
Und die Solisten? Nun, alle auf sehr hohem Niveau, wobei mir persönlich Thomas Randle in der Hauptrolle nicht ohne Einschränkung gefällt. Das liegt zum einen an seiner etwas brustigen Tenorstimme, der etwas das Klare fehlt, das ich hier gerne höre. Zum anderen erreicht mich sein Samson nicht, weil er wohl die Affektivität seiner Partie erkennt, sie aber gewissermaßen nur antippt, anstatt sie auszusingen. Da klingt alles wohlüberlegt und wohldurchdacht, die Qualen des Protagonisten werden aber eher aus sicherer Distanz besichtigt und lieber nicht durchlebt. Catherine Wyn-Rogers Darstellung des Micah ist tadellos und ein rechtes Antidot zu Kowalski. Man merkt auf einmal, was man aus der Partie alles machen kann. Sie klingt deutlich femininier als Procter oder Watts, was aber keinerlei Nachteil darstellt - schließlich wurde die Partie auch für eine Frau und somit eine Frauenstimme geschrieben. Ihr "Return, o God of Hosts" gehört mE zu den schönsten Momenten der Aufnahme. Lynda Russell ist eine Delilah nach meinem Geschmack. Sehr verführerischer Sopran, mit einem glockenhellen, lieblichen Ton, den sie nach Belieben und - rollengemäß - berechnend einsetzen kann. Das "With plaintive notes", das in ganz kleiner Besetzung mit Solovioline (David Woodcock), Theorbe (Robin Jeffery) und Continuo musiziert wird, ist von einer solchen Süße, dass man sich fragt, wie Samson sie daraufhin ernstlich abweisen konnte. Michael George gibt einen würdigen Manoa, der mich rundum überzeugt, wobei mich besonders seine Gestaltung des sehr langsam genommenen B-Teils der Arie "Thy glorious deeds" (also: "To sorrows now I tune my song") beindruckt hat. Jonathan Best singt den Harapha ebenfalls auf hohem Niveau, kommt aber mE nicht an die von Flagello präsentierte Charakterzeichnung heran. Aber vielleicht ist es auch seine etwas prosaische Stimme, die meinen Eindruck färbt. Mark Padmore gestaltet die kleinen Tenorpartien, speziell aber die Arie "Loud as the thunder's awful voice", hervorragend. Schließlich Lynne Dawson. Ihr schnell flackerndes Vibrato mag nicht jedermanns Sache sein. Wenn man sich daran aber nicht stört, dann hört man vorallem eines: zwei exemplarisch interpretierte Arien. Schon in "Ye men of Gaza" trifft sie den heiter-beschwingten Ton vorbildlich, eine Sternstunde ist aber schließlich das herrliche "Let the bright Seraphim", dessen intendierten Showstück-Charakter sie zwar aufgreift, in ihren Verzierungen aber niemals unangenehm "overboard" geht.

Eine mE in ihrer Gesamtheit ausgesprochen hochklassige Aufnahme.

:hello Agravain
Agravain (03.02.2013, 09:17):
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McGegan (live, 05.-06.06.2008; Frauenkirche Dresden) Thomas Cooley, Sophie Daneman, Franziska Gottwald, William Berger, Wolf Matthias Friedrich, Michael Slattery, NDR Chor, FestspielOrchester Göttingen

Wie ich schon an anderer Stelle gesagt habe, ist meiner Ansicht nach McGegans Aufnahme des "Samson" aus dem Jahre 2008 im Grundsatz gelungen. Ähnlich wie Christophers schafft er es, eine Interpretation aus einem Guss abzuliefern, eine Leistung, die bisweilen auch dem renommiertesten Interpreten nicht gelingen mag. Musikalisch hat alles, was McGegan macht Hand und Fuß. Das FestivalOrchester Göttingen spielt einen ausgesprochenn zugreifenden Händel, virtuos, spielfreudig, mit viel Spaß an der Sache, klanglich superb. Der NDR Chor mag nicht die silbrigen Qualität der "Sixteen" haben, klingt etwas profunder (ohne schwer oder behäbig zu wirken) und punktet mit einem schönen Gesamtklang. Dabei gestaltet er vorbildlich, die Textverständlichkeit ist hervorragend, die Vielfalt der darzustellenden Affekte wird zuverlässig ausmusiziert. Das klingt anders als ein britischer Chor, aber anders meint ja nicht zwangsläufig schlechter. Das ist die eine Seite der Medaille.
Zu der Frage der Solisten. Es gibt ja sowohl in der Kritik als auch in der musikalisch ausgerichteten Forenwelt immer wieder Criticos, die es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht haben, die Interpretationen bestimmter Händel-Dirigenten oder die Besetzung der Solopartien in neueren Aufnahmen geradezu gebetsmühlenartig als mittelmäßig zu beweinen, in der Hoffnung die ewige Wiederholung möge dem sehr subjektiven Argument (= "Ich mag's nicht") irgendein Gewicht verleihen. Man hat oft den Eindruck, ein Rezensent jener Güte erwarte grundsätzlich die Quadratur des Kreises und sei jedes Mal aufs neue überrascht, dass sie nicht gelingt.
Auch wenn ich dergleichen in der Regel eher amüsiert verfolge, zumal man ja bei dem einen oder anderen diese Klage schon vorhersagen kann und versucht ist, das virtuelle Riechfläschchen anzubieten, so muss ich, was die Solistenfrage angeht, im Falle dieser "Samson"-Einspielung eine ganz ähnliche Position beziehen.
Höre ich hier beispielsweise Sophie Daneman als Dalila (sowie als Philisterin und Israel), dann kann ich nicht umhin mich zu fragen, was diese Interpretation soll. Nicht nur, dass es sich anhört, als hätte die Stimme in jenem Juni nicht gesessen. Das kann passieren. Was mir an ihrem Gesang missfällt ist das unerhört Manirierte (man höre das unsäglichen Übermaß an mehr offenbarenden denn verschleiernden Verzierungen in "Ye men of Gaza"), das übertrieben Süßliche und dabei doch nicht Aussagekräftige. Und dass das "Let the bright Seraphim" nicht vom Hocker hauen kann, wurde ja schon ganz richtig bemerkt.
Über den Manoa William Bergers möchte ich höflich schweigen. Sein heller Bass, etwas nasal und substanzlos im Ton eignet sich mE für diese Rolle nicht im Entferntesten. Franziska Gottwald gibt sich redlich Mühe, hat durchaus schöne Momente, aber auch hier finde ich das Timbre nicht wirklich ansprechend: sehr dicklich, leicht matronenhaft. Wenn man Catherine Wyn-Rogers gehört hat, dann kann das mE nicht mehr überzeugen. Michael Slatterys Tenor (Philister, Israelit) fehlt leider auch etwas die Substanz, seinen etwas meckernden Ton könte ich wohl noch verschmerzen, aber seine Stimme klingt in den Koloraturen der Arie "Loud as the thunder's voice" nicht wirklich schön und ist hier auch nicht unbedingt gut geführt (Spitzentöne!). Wolf Matthias Friedrich als Harapha indes gibt einen stark gezeichneten, sehr dickhosigen Harapha. Das ist schon nahe an der Karikatur - was ich durchaus nicht ohne Reiz finde. Thomas Cooley in der Titelpartie gefällt mir durchweg gut. Er hat einen ähnlich hellen Ton wie Rolfe Johnson und positioniert seine Gestaltung der Titelrolle irgendwo zwischen dessen Expressivität und der (zu) großen Distanz Randles. Stimmlich ist das alles sehr gut, wobei mir hier und da - es zieht sich durch diese Besetzung wie ein roter Faden - etwas die Substanz, die Möglichkeit die Stimme aufzuziehen fehlt. Aber auch hier: Gejammer auf hohem Niveau.
Fazit: Meine Karten wären insgesamt anders gemischt, wäre hier ein anderes Sängerensemble am Werke. McGegans Ansatz sowie die chorische und orchestrale Umsetzung gefallen mir außerordentlich.

:hello Agravain