Agravain (16.03.2013, 21:40): „Verstummt sind Pauken, Posaunen und Zinken.“ Heinrich Heines Gedicht „Salomo“ (Heine, S. 111) beginnt dort, wo Händels Oratorium „Solomon“ aufhört. Händels 1749 in London uraufgeführtes Oratorium ist – in den Worten von Romain Rolland – „ein musikalisches Fest, das von Poesie und Freude strahlt.“ (Rolland, S. 72)
Um dieses musikalische Fest auszuarbeiten, brauchte Händel – wie üblich – nicht sehr lange, wenngleich er früher mit der Komposition begann, als er es sonst getan hatte (05. Mai 1748), vielleicht weil er – wie Hogwood vermutet – spürte, dass seine Schaffenskraft nicht mehr dafür ausreichen würde in kürzester Zeit zwei Oratorien zu komponieren. (vgl.Hogwood, S. 260)
In jedem Fall schien es Händels Absicht gewesen zu sein, den „Solomon“ so prächtig wie möglich auf das Konzertpodium zu bringen. Das Orchester war ungewöhnlich groß besetzt und wurde aller Wahrscheinlichkeit „um ein Trompeten- und Oboenensemble des königlichen Heeres verstärkt“, hinzu treten auch zwei Hörner. Darüber hinaus scheint es eine Absicht Händels gewesen zu sein, das Oratorium mit Hilfe seiner Expertise in Sachen Chorkomposition besonders kunstvoll auszustatten, denn alle Chöre sind „auf eine andere Weise komponiert; zusammen genommen ergeben sie eine Summe dessen, was an chorischem Musizieren in dieser Zeit möglich war.“ (Marx, S. 221)
Am 17. März 1749 wurde die Aufführung des „Solomon“ im „General Advertiser“ für denselben Abend angekündigt. Marx vermutet, die Uraufführung müsse „ein voller Erfolg gewesen sein, denn Händel zahlte am Tag darauf 300 Pfund Sterling auf seinem Konto bei der Bank of England ein.“ (Marx, S. 218)
Tatsache bleibt jedoch: Mag die erste Aufführung wohl gut besucht gewesen sein, so war sie anscheinend doch mitnichten ein „voller Erfolg“, denn zu Händels Lebzeiten wurde das Werk nur noch viermal gegeben, das letzte Mal 1759. Auch im Anschluss konnte sich der „Solomon“ in England nicht etablieren. Nach einer Aufführung um 1850 in London versank das Werk endgültig im Dornröschenschlaf, bis es schließlich von Thomas Beecham rund 100 Jahre später wiederentdeckt wurde.
Wie der „Solomon“ zu verstehen sei, wird durchaus unterschiedlich bewertet. Lange hielt man sich an die Einschätzung des großen Händel-Forschers Winton Dean“: „Es ist Händels Bild des Goldenen Zeitalters, in dem sich der höhere Geist in ästhetischer Erfüllung und weltlichem Erfolg widerspiegelt.“ (Dean, S. 36) Joachim Carlos Martini schießt sich an Dean an und kommt zu dem Schluss:
„Die Mehrzahl aller einschlägigen musikhistorischen Darstellungen geht davon aus, das Georg Friedrich Händel das Werk als Huldigung an das England seines königlichen Gönners, Georg II., komponiert hatte also als Huldigung an das Land, in dem er sich endgültig niedergelassen, an die Gesellschaft, die ihn so gastlich aufgenommen hatte. Nach dieser Einschätzung spiegelt die Welt des ‚Solomon’ die Welt Englands, seine Landschaft, seine Gesellschaft, seine Kultur so wieder, wie der Komponist sie erfahren hatte, zwar idealtypische verklärt, aber gleichzeitig doch als eine reale Begegnung mit der verwirklichten Utopie einer bürgerlich-aristokratischen, humanistisch orientierten und toleranten Gesellschaft, die unter der Herrschaft eines gottesfürchtigen Königs zur höchsten Form möglicher Vollendung aufgestiegen ist.“ (Martini, S.2)
Dem gegenüber steht die Interpretation Ruth Smiths, die Händels Oratorien insgesamt aus einer konkreten politischen Perspektive deutet. Smith glaubt zwar auch, dass die „Bilder und Szenen des Librettos (…) das Ideal einer erfolgreichen Regierung“ entwerfen (Smith, S. 20) zeigt aber auch auf, dass „Solomon (….) dezidiert auf die damaligen politischen Tagesdiskussionen“ (Smith, S. 21) zielt. Daraus schließt sie auf die Wirkung des Librettos beim Publikum: „Wenn es das Königreich des Librettos mit dem realen Großbritannien verglich, mussten Händels Publikum jedoch einige beunruhigende Diskrepanzen auffallen.“ (Smith . 22) Dies geschehe nicht zufällig, sondern sei eine (politische) Intention.
Anthony Hicks wiederum, der wohl bedeutendste Händel-Gelehrte nach Dean, nimmt von einer konkreten Politisierung des Werkes wieder Abstand und versteht die Aussage „Solomon“ wieder überzeitlich:
„‚Solomon’ schildert zweifellos eine ideale Gesellschaft, daher brechen Parallelen mit dem Hannoveranischen England rasch zusammen: Solomon herrscht als ein gottbegnadeter und absoluter Monarch, mit keinerlei demokratischen Einschränkungen, er tritt persönlich als Richter in Rechtsstreitigkeiten auf und er unterhält eine ihn besuchen mit einer Form der höfischen Masque (eines musikalisch-theatralischen Spektakels), in der die Extravaganz der abgesetzten Stuart-Dynastie in hohem Maß kritisiert wird. In jedem Fall lässt sich die Aussage des Werks nicht auf die Periode seiner Entstehung festlegen. ‚Solomon’ ist die Vision eines goldenen Zeitalters.“ (Hicks S. 4)
Wolfgang Goertz offeriert in der „Zeit“ eine vollkommen andere Sicht auf die Dinge: „Händel erweist sich hier als seelenkundig und als subtiler Ironiker. Er lässt Solomon als Machtmenschen erscheinen, der gleichsam die Scheinwerfer auf seine Güte lenkt in Priester Zadok einen Liebediener installiert und seine Israeliten zum Huldigungsvolk erzogen hat.“
Dies in aller Kürze. Möge sich der interessierte Leser bei Bedarf selbst weiter einlesen.
Benutze Literatur
Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Bd. 6/I. Hg. v. Klaus Briegleb. München 1985. Rolland, Romain: Georg Friedrich Händel. München 1985. Hogwood, Christopher: Georg Friedrich Händel. Stuttgart 1992. Marx, Hans Joachim: Händels Oratorien, Oden und Serenaten. Göttingen 1998. Dean, Winton: Solomo – Festlichkeit und Prunk. Im Booklet zur Gardiner-Aufnahme, Philips 1985. Martini, Joachim Carlos: Solomon. Printerfreundliche Version des Booklettextes zu seiner Aufnahme, Naxos 2006. Smith, Ruth: Ideal und Wirklichkeit – Das Libretto zu Solomon. Im Booklet zur McCreesh-Aufnahme, Archiv 1999. Hicks Anthony: Solomon – Vision eines goldenen Zeitalters. Im Booklet zur McGegan-Aufnahme Carus 2007. Goertz, Wolfgang: Alle Scheinwerfer auf die Güte. In: „Die Zeit“ 06.12.2007.
Beecham (11/1955 & 05/1956) – James Cameron, Alexander Young, Elsie Morison, Lois Marshall, Beecham Choral Society Royal Philharmonic Orchestra - massive Kürzungen und strukturelle Veränderungen
Wenn diese Einspielung von Händels Oratorium “Solomon” überhaupt irgendwo besprochen wird, so ist es am ehesten in englischen Magazinen oder auf englischsprachigen Internet-Präsenzen. Und wenn sie denn besprochen wird, so mit einer rechtfertigenden Haltung, deren anscheinende Notwendigkeit mich – gelinde gesagt – abstößt. Sicher, einen solchen Händel, wie ihn Beecham spielen lässt, ist dem heutigen Hörer fremd – und am meisten sicher jenen Zeloten, die meinen, es müsse alles vermeintlich „richtig“ musiziert werden, damit „man“ es „ertragen“ kann. Gehört der werte Leser dieser Zeilen dazu, so möge er sich nun einem anderen Artikel zuwenden.
Ich weigere mich Beechams Eingriffe in die Partitur zu rechtfertigen oder seine strukturellen Freiheiten zu loben. Denn vom philologischen Standpunk betrachtet ist das tatsächlich alles Murks. Aus einem Werk, das sich mit „Solomon“ befasst, das von Händel nicht umsonst ins Zentrum gesetzte „salomonische Urteil“ herauszustreichen, ist eine Verhunzung, der man argumentativ nicht ernstlich begegnen kann. Dergleichen mag für den ein oder anderen Nachgeborenen auf den ersten Blick sogar die Vermutung nahe legen, Beecham habe Händels Musik – bei all seiner Liebe zu ihr – nicht verstanden. Auch hier würde ich Zweifel anmelden. Denn um all das ging es Beecham überhaupt nicht.
Vielmehr muss man auf den zweiten Blick bedenken, dass Beechams Einspielung der erste Versuch nach 100 Jahren war, für jenes Werk, das schon bei seiner Erstaufführung und auch im darauf folgenden Säkulum kein Bein an die Erde bekam, eine Lanze zu brechen. Darum ging es. Um dies musikalisch außerordentlich reichhaltige Tableau, dem es insgesamt – Winton Dean macht es ganz klar – an der gewohnten Händelschen Dramatik mangelt, ans Publikum bringen zu können, waren aus Beechams Perspektive (man lese hierzu Protcter-Greggs „Beecham Remembered“) Entscheidungen nötig. Eine davon war es beispielsweise, etwaige Längen zu kürzen (noch Gardiner rechtfertigt das wortreich). Aber wie? Beecham entschied sich dafür, die einzige dramatische Szene, nämlich den Streit der beiden Frauen, komplett herauszunehmen und das aus dem Werk zu machen, was Romain Rolland „ein musikalisches Fest“ nennt. Heraus kommt etwas, was ein Publikum durchaus gnädig stimmen kann: schöne Stimmen singen schöne Arien und große Chöre üben sich in Prachtentfaltung, wobei Beecham letztere von seiner Seite als Arrangeur mit ein wenig mehr Blech hier und einem schicken Paukenwirbel dort sicherstellt. Ein musikalisches Seelenbad für alle. Und was soll man sagen: Beecham ist es gelungen, den Solomon wieder ins Bewusstsein der Hörerschaft zu bringen. Dafür gebührt ihm – die ist meine unerschütterliche Meinung - ein gewisser Respekt, der nicht davon abhängt, ob „man“ das heute noch so machen oder hören kann.
Sein Konzept geht – wenn man die Ohren nicht allzu voll mit Prinzipien hat - mE auch noch heute auf. Die Titelrolle ist mit einem Bariton besetzt – so war es lange Tradition. Und James Cameron macht das durchaus gut. Er hat seinen dunkel timbrierten Bariton gut im Griff, die Stimme hört sich schwer an, ist jedoch leicht geführt, seine Gestaltung ist immer textnah und mE geschmackvoll, wie die außerordentlich schön gesungene Arie „What though I trace each herb and flower“ eindruckvoll belegt. Sowohl Elsie Morison als auch Lois Marshall, zwei sehr ähnlich klingende Soprane, glänzen als die beiden Solomon anhimmelnden Königinnen, wobei Elsie Morison als Solomos Frau mE schöner gestaltet („With thee th’unshelter’d moor I’d tread“). Lois Marshalls Queen of Sheba dürfte für meinen Geschmack etwas weniger bieder und dafür deutlich verführerischer sein. Will sagen: Keine Königin Luise à la Ruth Leuwerik, mehr Cleopatra à la Liz Taylor. Alexander Youngs Zadok ist – es ist bald ein Markenzeichen dieses Sängers – ein echter „country gentleman“. Elegant, stimmschön und dabei mE etwas belanglos. Auch wollen die Koloraturen der Arie „Sacred ruptures“ nicht so recht klingen. Mir scheint, dass seine Stimme für diese Partie nicht beweglich genug ist. Die Beecham Choral Society ist ein Massenensemble jener Tage (ähnlich der von Sargent bevorzugten Huddersfield Choral Society“). Und obwohl hier viele Sängerinnen und Sänger am Werk sind so fehlt mir doch – neben vielen schönen Momenten („May no rash intruder“ – übrigens in einem der Szene angemessenen Tempo) bisweilen die Klangkraft („Your harps and cymbals sound“), die Farbigkeit und Fähigkeit zur Gestaltung („With pious heart“ oder die Chöre der „Masque“). Aber da mag auch die Aufnahmequalität eine Rolle spiele, die nicht durchweg ideal ist. Das Royal Philharmonic Orchestra spielt einen zeitgemäßen symphonischen Händel mit sattem Klang.
Will man eine einzige Aufnahme des „Solomon“ in seinen heimischen Musikschrank stellen, so würde ich - fragte mich denn jemand - Beecham nicht unbedingt empfehlen. Interessiert man sich indes auch für Händel-Rezeption so kommt man um diese Aufnahme nicht herum.
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Somary (1975) - Justino Diaz, Sheila Armstrong, Felicity Palmer, Robert Tear, Michael Rippon, Amor Artis Chorale, English Chamber Orchestra - gekürzt
Die nächste mir vorliegende, leicht gekürzte Aufnahme von Händels "Solomon" entstand Mitte der siebziger Jahre unter der Leitung des 2011 verstorbenen Dirigenten und Komponisten Johannes Somary. Somary hat in jenen Jahren eine ganze Reihe der Händelschen Oratorien eingespielt. So richtig populär wurden sie hier allerdings spät, und zwar nachdem Brilliant sie aufgekauft und in allerhand Ausgaben zum Billigpreis verhökert hat. Dabei sind das keinesfalls billig produzierte Einspielungen. Der Blick auf die Besetzungliste hier und in anderen Aufnahmen zeigt, dass Somary mit den großen Händelsängern jener Jahren zusammenarbeitet, hinzu treten das renommierte English Chamber Orchestra und der von Somary 1961 gegründete Amor Artis Chorale - eine New Yorker Institution in Sachen Chormusik. Vergleicht man Somarys Einspielungen mit jenen, die unter der Leitung anderer namhafter Dirigenten jener Zeit entstanden, so sind sie auf einem ähnlich hohen Niveau.
Auch in dieser Aufnahme wird die Titelrolle erneut nicht - wie von Händel vorgesehen - von einem Mezzosopran gesungen (später wurde zwar behauptet, Händel hätte eigentlich einen Counter gewollt, aber keine guten gehabt, dich der Beleg hierfür fehlt), sondern von einem Bass. Im Gegensatz zu James Cameron bei Beecham überzeugt mich Justino Diaz, der in Zefferellis "Otello"-Film als Iago durchaus eine gute Fugur macht, nicht sonderlich. Er verfügt über eine große und schwere Stimme, sein Timbre ist sehr dunkel, ja etwas muffig. Tatsächlich klingt er in meinem Ohren eher wie der Komtur als wie ein poetischer, weiser und lebenslustiger König. Man muss darüberhinaus bedenken, dass die dem Solomon zugewiesenen Arien mE vollkommen untypisch für eine Basspartie bei Händel sind. Sie ist leicht, pastoral, bisweilen so schlicht, dass es überzeugend nach edler Einfalt und stiller Größe klingt. Schon dies spricht nach meinem Dafürhalten mit der Besetzung mit einem Bass. Wenn dann ein seriöser Bass wie Diaz daherkommt, mit mächtigem wotanesken Organ, dann klingt das in meinen Ohren irgendwie falsch. Hinzu kommt, dass Diaz mE die Partie nicht sonderlich inspiriert gestaltet. So missfällt mir - und die folgenden Worte sind als Pars pro toto zu verstehen - seine Wiedergabe der herrlichen Arie "What thou I trace each herb and flower" aufgrund des beständigen Dauerforte, der fehlenden Pharsierung, der Prosaik in der Interpretation eines höchst poetischen Textes.
Ein echter Gewinn hingegen ist mE Sheila Armstrong, die beide Königinnen und die "First Harlot" singt. Ich höre ihre herrlich helle Stimme, ihren ganz speziellen Glanz einfach gerne und finde es immer wieder erstaunlich, wie sicher sie den Text ausdeutet und den richtigen Affekt trifft. Hätte jemand zu jener Zeit das "Blest the day when first my eyes", das "With thee th'unshelter'd moor I'd tread" oder das "Can I see my infant gored" trefflicher, ja schöner singen als sie? I don't think so. Tatsächlich würde ich so weit gehen, Sheila Armstrong zu den besten Händel-Sopranen überhaupt zu zählen. Erfreulich ist auch Felicity Palmer als "Second Harlot": zänkisch, hart, unsympathisch. Schade, dass Somary so wenig Exaltiertheit aus ihrer Arie "Thy sentence, great King" - es ist mE eines der hysterischsten Stücke Händels - herausholt. Robert Tear gibt keinen eleganten Zadok (wie Alexander Young), sondern einen eher repräsentativen. Seine gewohnt klare, metallische, bisweilen stark vibrierende Stimme hat zwar einen heroischen Ton, gebraucht wird der hier mE jedoch nicht so sehr wie Leichtigkeit, gute Führung, durchdachte Phrasierung. So gelingt seine Wiedergabe der Arie "Sacred raptures", die Somary schon recht marschmäßig angeht, nach meinem Dafürhalten nicht sonderlich gut. Da sitzt war jeder Ton, die Koloraturen aber klingen in meinen Ohren sehr nach einer gut geölten Nähmaschine. Sein "All is pious", eine Arie die mehr Klang als Virtuosität verlangt, hingegen gefällt mir recht gut. Michael Rippon ist ein gewichtiger Levit, seine schwarze und wuchtige Stimme ist für seine einzige Arie (die andere fiel in dieser Aufnahme dem Bleistift zum Opfer) bestens geeignet.
Wenig glücklich bin ich - wie immer - mit dem Amor Artis Chorale. Das klingt mir einfach zu dick, besonders die Soprane klingen oft sehr nach Grand opéra und nicht nach Händel. Da gibt es einfach in hohen Lage immer nur Anstrengung, Kraft, Schrillheit und ein deutliches Wobble. Aber auch der Gesamtklang spricht mich nicht an. Dick, wenig gestaltet, bisweilen mulmig, laut, irgendwie - ich nehme jetzt ein böses Wort in den Mund - unkultiviert. Hinzu kommt die Tendenz massiv vertikal zu singen, zackig Ton neben Ton zu setzen, sodass keine Linie zustande kommt ("With pious herat"/"Til distant nations cath the song"). Selbst der liebliche, ja idyllische "Nachtigallenchor" ("May no rash intruder") wird mE eher durchexzerziert denn gesungen. Nun mag das nicht unbedingt an Chorleiter John McCarthy liegen, denn hört man das ganze Stück in einem durch, so scheint die Überbetonung der Vertikalen von Somary zu kommen, findet sich das doch auch immer wieder in der Art, wie das English Chamber Orchester den Orchestersatz interpretiert. Da klingt es mE immer wieder, auch in jenen Momenten, die durch und durch lyrisch sind, so lieblich, als würde gerade eine Sektion durchgeführt. Und so haben wir hier eine Aufnahme, die sich vorallem wegen der wunderbaren Sheila Armstrong lohnt, auf die man aber mE angesichts der Konkurrenz durchaus verzichten kann.
Ich höre Gardiners 1984 entstandene Aufnahme des "Solomon" immer mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge. Ich weine, weil sich Gardiner hat dazu hinreißen lassen, nicht den gesamten "Solomon" aufzuzeichnen und weil er am Ende die von Händel vorgesehene dramatische Struktur ganz traditionell verändert hat. Ich lache, weil ich mich bei jedem Hören darüber freue, was für eine rundum gelungene Aufnahme das dennoch ist. Wenn man Händel musizieren will, dann sollte es meines Erachtens genau so geschehen, wie Gardiner das hier (und an vielen anderen Stellen) macht. Wie viel Sinn beweist er doch für den Klang dieser Musik, mit welcher schlafwandlerischer Sicherheit bewegt er sich gerade durch diese vor Sinnlichkeit strotzende Partitur. Nur im "Nachtigallenchor" ("May no rash intruder") kann sich Gardiner nicht ganz der Lieblichkeit des Satzes hingeben und nimmt ihn für meinen Geschmack um einiges zu zügig. Aber das ist eine Kleinigkeit. Insgesamt gibt es ein mE durch und durch organisches Dirigat zu bewundern und ich gerate geradezu ins Staunen über die hochgradig gelungene Tempodramaturgie, die mich vollkommen vergessen lässt, wie oft er nach meinem Empfinden bespielsweise in seinen älteren Bach-Einspielungen in diesem Bereich daneben liegt. Sein Händel, speziell jedoch diese Aufnahme, versöhnt mich da immer wieder. Überhaupt scheint das im Juni des Jahres 1984 ein Zusammentreffen vieler günstiger Umstände gewesen zu sein, denn auch die Solisten - da gibt es ja häufiger gebetsmühlenartiges Gemäkel - singen durchweg ohne Fehl und Tadel. Die Titelrolle (auch bei der Erstaufführung mit einer Frauenstimme besetzt) wird gesungen - besser: verkörpert von Carolyn Watkinson. Mit ihr bin ich nicht immer ganz glücklich (bspw. finde ich ihren "Serse " in Händels gleichnamige Oper nicht sonderlich gelungen), ihre Darstellung des "Solomon" jedoch möchte ich eine Sternstunde ihrer Karriere nennen. Sie präsentiert ein umwerfend differenziertes Rollenportrait, mit kaum zu verbessernder Textdurchleuchtung, stimmlich immer vorzüglich. Man höre einmal, wie hervorragend sie unterschiedliche Affekte herausarbeitet: Demut im ersten Rezitativ ("Almighty power"), verinnerlichter Dank im vorbildlich musizierten "What though I trace", kaum noch zu bremsende Lüsternheit in "Haste, haste to the cedar grove". Eine bessere Interpretation dieser Rolle gibt es mE bislang nicht. Auch zu Nancy Argentas Darstellung von Solomons Gemahlin kann ich nichts denn loben. Auch hier scheint mir die Rolle ideal besetzt, hört man doch eine an allen Ecken glänzende Stimme in Verbindung mit tadelloser, bisweilen einfach anrührender Gestaltung ("With thee th'unsherlter'd moor I'd tread"). Schön ist auch, wie gut sich die Stimmen des Paares im Liebesduett "Welcome as the dawn of day" mischen. Es geht so weiter. Anthony Rolfe Johnson singt die nicht ganz leichte erste Arie das Zadok ("Sacred raptures") mit einer schier atemberaubenden Leichtgkeit, in den anderen Stimmen echte Probleme bereitenden Koloraturen locker swingend und doch nicht ohne Kern. Hinzu kommt in der Textbehandlung die exquisite Arbeit am Detail (Affekte). Joan Rodgers' "First Harlot" ist geradezu herzerweichend. Ihr heller, leicht hauchiger Ton passt ideal zur Rolle, ihr "Words are weak to paint my fears" zöge mich - wäre ich der salomonische Richter - sofort auf ihre Seite. Della Jones könnte als "Second Harlot" im Terzett zwar etwas zickiger sein ("False is all her melting tale"), ihre Arie "Thy sentence, great king" indes gestaltet sie als ein beständiges Changieren zwischen Anbiederung und hysterischer Agitiertheit, was mich rundum überzeugt. Schließlich wurde mit Barbara Hendricks auch die Ideale besetzung für die "Queen of Sheba" gefunden. Ihre Stimme klingt im Kontext der Aufnahme, obwohl sie sich ausgesprochen gut einfügt, doch exotisch, hell zwar, aber voller und sinnlicher als die anderen Damen. Es ist, als besuche die Operndiva das Land der alten Musik - gerade so wie die Königin von weit her Jerusalem besucht. Voll des Lobes bin ich auch den Monteverdi Choir betreffend. Besser kann man das mE nicht singen. Die Ausdruckspalette reicht von sanft säuselnd ("May no rash intruder") bis zu einer fulminanten Prachtentfaltung in einem Chor wie "From the censer". Wenn man im Schnellverfahren erleben möchte, was dieser Chor alles kann, dann muss man im Grunde nur die "Masque" des dritten Aktes hören. Hier folgen innerhalb von 11 Minuten vier Chorsätze wie sie in ihrem Charakter unterschiedlichicher nicht sein könnten, wobei die Palette vom Heiter-Idyllischen (wie herrlich spielt der Chor hier mit dem zentralen Begriff "lulling") bis zum Schlachtengesang ("Shake the dome and pierce the sky.") reicht. Was für ein gefundenes Fressen für diesen Chor. Fantastisch.
Gleiches gilt für die grandios aufgestellten English Baroque Soloists, die unter Gardiners Leitung auch hier zu Hochform auflaufen. Der Klang ist durchweg ausgezeichnet, da sitzt jede Phrasierung, ebenso die Affekte und die Fülle an beglückender Detailarbeit macht es schwierig, einzelne Stellen als besonders gelungen herauszuheben.
Wer mit Gardiners Kürzungen und dem veränderten Schluss leben kann, kann mit dieser Aufnahme mE durchaus glücklich werden. ***
McCreesh (07&08/1998) - Andreas Scholl, Inger Dam-Jensen, Alison Hagley, Susan Bickley, Susan Gritton, Paul Agnew, Peter Harvey, Gabrieli Consort, Gabrieli Players -
Ich habe das Phänomen schon des Öfteren erlebt: Im Direktvergleich gewinnen manche Werkeinspielungen und manche verlieren- selbst wenn man damit nicht gerechnet hat. Hört man Paul McCreeshs Einspielung von Händels „Solomon“ direkt zwischen denen von John Eliot Gardiner und Nicholas McGegan, so gehört sie zur zweiten Kategorie. Um dem entsetzten Aufschrei de McCreesh-Fangemeinde zuvorzukommen möchte ich vorausschicken, dass ich nicht grundsätzlich der Meinung bin, dass es sich hier um eine schlechte Aufnahme handelt. Ich höre sie von Zeit zu Zeit sogar recht gern und finde vieles auch ausgesprochen gelungen. Tatsächlich bin ich mir vollkommen bewusst, dass ich in den folgenden Zeilen auf hohem Niveau jammere. Alles in allem ist diese Aufnahme für mich jedoch nicht – da hat die englische Sprache das rechte Wort – „magisterial“. Es ist die Art, wie Paul McCreesh insgesamt an diese Musik herangeht, die mich nicht so richtig glücklich stimmt, nimmt sie mich doch für Händel nicht wirklich ein. Es besteht hier für mich eine gewisse Diskrepanz zwischen dem Wollen und dem Tun. McCreesh weiß natürlich, wie kunstvoll Händel gerade diese Partitur geformt hat. In dem im Booklet abgedruckten Interview kann man lesen, was er musikalisch in der Partitur findet: „zutiefst erotische Musik“ (1. Akt), „packendes Ereignis“ (2. Akt), „Huldigung an die Musik, an die miliärische Stärke, die Macht der Liebe und die Kraft der Natur“ (3. Akt). Sein Fazit: „Händels Musik (ist) so von Emotion und Wehmut durchdrungen, dass sie uns auch fast 250 Jahre nach ihrer Entstehung noch zutiefst berühren kann.“ Der vollkommen richtigen Erkenntnis, dass Händel mit allen ihm zu Verfügung stehenden musikalischen Ausdruckmitteln ein Bild größtmöglicher Ausdruckbreite entworfen hat, begegnet McCreesh in seiner Interpretation allerdings – dies mein persönliches Empfinden – mit einer einigermaßen eingeschränkten Art der Darstellung. Da klingt das Orchester immer gleich, nämlich tupfend, durchsichtig, luftig. Hinzu tritt die grundsätzliche Eigentümlichkeit sowohl Orchester als auch Chor als auch Solisten so kurz wie möglich artikulieren zu lassen, sodass streckenweise einfach wenig Klang entsteht. Dass kann den Hörer - oder zumindest mich - auf Dauer schon anstrengen. Ich möchte McCreesh am liebsten zurufen: „Variatio delectat, repetitio non placet.“ Ein emotionales, sinnlich aufgeladenes musikalisches Fest à la Gardiner hört man hier mE nicht. Tatsächlich liegt über weiten Strecken der Aufnahme eine sonderbare Kühle, die sich mir tatsächlich besonders im direkten Vergleich offenbart hat. Hört man McCreesh in einem Zug und ohne Vergleich durch, so mag sich das zunächst anders darstellen.
Die ausführenden Solisten singen alle auf hohem Niveau, erreichen in ihrer Darstellung aber mE nicht den Grad an Intensität wie diejenigen Gardiners oder McGegans.
Andreas Scholl höre ich in der Regel recht gern und war auch schon hier und dort des Lobes voll. Sein „Solomon“ indes stimmt mich nicht so richtig glücklich. Das ist – ich kann noch will ich es leugnen - schön gesungen, delikat, ja: erlesen. Gleichzeitig höre ich da aber auch nicht viel mehr als Schönheit und Deikatesse. Schon im ersten Rezitativ („Almighty power“) erreicht er mE nicht die Ausdruckstiefe einer Watkinson, in „Haste, haste to the cedar grove“ ist kein bisschen Lüsternheit zu hören, seine Arie „What though I trace“ – McCreesh nimmt sie im Übrigen recht eilig – singt er brillant, aber auch (Brillanz bringt es oft mit sich) eher kühl. Man hört eine Lehrstunde in Schöngesang, den man natürlich als solchen auch problemlos goutieren kann. Mich erreicht das hier indes nicht, ein Rollenportrait will sich mir nicht offenbaren.
Inger Dam-Jensen als Solomons Gemahlin verfügt zwar nicht über das typisch helle HIP-Timbre, ihr eher dunkel getönter Sopran ist dennoch leicht und glänzend geführt – was ihr in der von McCreesh geradezu rasend schnellen genommenen Arie „Bless’d the day“ bestens zugute kommt. Ausgesprochen schön gelingt ihr (und Scholl) das Duett „Welcome as the dawn of day“. In der herrlich liedhaft gesetzten Arie „With thee th’unshelter’d moor I tread“ hingegen bleibt sie mE verhalten, blass, kühl. Paul Agnews Zadok ist technisch und musikalisch überzeugend (die Koloraturen in „Sacred raptues“ stellen für ihn keine große Herausforderung dar), allerdings ist seine Stimme klanglich nicht so bezaubernd wie diejenige Rolfe-Johnson. Das sehr hohe Tempo, das McCreesh anschlägt, lässt ihm nicht so viel Gelegenheit zur Detailgestaltung und seine Verzierungen wollen mir nicht so recht gefallen. Wenig überzeugend finde ich Alison Hagley als First Harlot. Händel hat dieser Figur einige der schönsten Momente des Werkes zugedacht. Die Arien „Word are weak to paint my fears“ oder „Can I see my infant gored“ gehören zu den intensivsten Momenten des Werkes. Alison Hagley jedoch präsentiert eine kaum zerknirschte Mutter, sondern eine selbstbewusste, irgendwie zu laute, ja aufdringliche Frau, die meine Sympathien nicht auf sich lenken und mich nicht einen Takt lang berühren kann. Hinzu kommt, dass Hagley Mühe mit dem Herausarbeiten der Affekte hat. Das klingt mir alles zu aufgesetzt. Susan Bickley hätte im Terzett noch etwas griffiger sein dürfen. In ihrer Arie „Thy sentence great king“ dreht sie jedoch ordentlich auf und stellt den diesem Stück innewohnenden Furor höchst plastisch dar. Susan Grittons Queen of Sheba gefällt mir gut. Das ist eine ausgesprochen verführerische Darstellung, textlich schön gestaltet („Every sight these eyes behold“) und durchweg klangschön und spannungsvoll gesungen. Peter Harvey gibt einen noblen Leviten.
Das Gabrieli Consort singt insgesamt ausgesprochen gut, hat keinerlei Probleme mit den bisweilen ausgesprochen rasanten Tempi die McCreesh anschlägt („Til distant nations catch that song“), hat eine breite Ausdruckspalette, klingt aber in meinen Ohren deutlich härter (kühler?) als manch anderes britisches Chorensemble. Und doch: Insgesamt gefällt mir der Renaissanceton in „Throughout the land“ ebenso wie das festliche Metall in „From the censer“ oder das liebliche Säuseln in „May no rash intruder“, wobei eben dieser Chorsatz in seiner Gestaltung ohnedies heraussticht, weil McCreesh es hier tatsächlich einmal schafft, die Sinnlichkeit dieser Musik wie an keiner anderen Stelle dieser Aufnahme unmittelbar erfahrbar zu machen. Insgesamt eine Aufnahme auf hohem Niveau, die nicht nur überzeugen kann, weil sie den vollständigen „Solomon“ präsentiert, sondern weil sie aus einem Guss gearbeitet ist. Wer zudem ein Freund von McCreeshs Klangvorstellung ist, ist mE mit dieser Einspielung sicher bestens bedient.
McGegan (live, 26.05.2007, Frauenkirche Dresden) - Tim Mead, Dominique Labelle, Claron McFadden, William Kendall, Michael Slattery, Roderick Williams, Winchester Cathedral Choir, FestspielOrchester Göttingen -
Ich vergesse es deutlich häufiger als im Falle Bachs, aber auch Händel führte seine Oratorien in der Regel mit einem Chor aus Knaben- und Männerstimmen auf. So geht aus einer Rechnungsliste für eine Londoner Aufführung des „Messiah“ im Jahre 1754 hervor, auf was für einen Chor Händel in etwa zurückgreifen konnte: 6 Knaben- und 13 Männerstimmen groß war das Ensemble; in Dublin waren es bei der Erstaufführung des „Messiah“ wohl immerhin 16 Knaben- und 16 Männerstimmen. Erst die britischen Chorals Societies vergrößerten die Besetzung des Chores regelmäßig um ein Vielfaches, was sich dann – ich sage nur Beecham – als Tradition etablierte. Es ist anzunehmen, dass zum Zeitpunkt der Erstaufführung des „Solomon“ die Besetzung ähnlich groß (bzw. klein) war, wie es die Rechnungsliste zum 1754er „Messiah“ nahe legt.
Insofern ist Nicholas McGegans Aufnahme des „Solomon“ diejenige, die die Ergebnisse der Forschung wohl am konsequentesten umsetzt, denn hier singt kein Massenensemble und auch kein professioneller Chor von ausgebildeten erwachsenen Choristen beiderlei Geschlechts, sondern einer der renommiertesten Knabenchöre, die das Vereinigte Königreich zu bieten hat: der Winchester Cathedral Choir. Wer nun eine andere Art Chor zu hören gewöhnt ist, der wird mit dieser Aufnahme wohl nicht unbedingt glücklich werden, obwohl das Ensemble über weite Strecken sehr schön singt. So gelingen der zarte „Nachtigallenchor“, obwohl für meinen Geschmack zu flott musiziert, aber auch das festlich-pompöse „From the censer“ mE wirklich gut. Auf der anderen Seite muss ich aber auch feststellen, dass der Chor auf die Dauer nicht der Ausdrucksvielfalt der stilistisch vollkommen unterschiedlichen Chorsätze gerecht wird. Da fehlt mir zu sehr die dramatisch-szenische Durchdringung, was mE dazu führt, dass sich eine gewisse Eintönigkeit im Ausdruck einschleicht (man höre bspw. „Draw the tear from hopeless love“), was – so meine ich ganz frech – kaum Händels Intentionen entsprechen dürfte. Hinzu tritt der Umstand, dass der Chor zwar schön klingt, aber gerade in den Knabenstimmen bei Weitem nicht so auf eine Schlagkraft und Klangmächtigkeit zurückgreifen kann, wie beispielsweise der Monteverdi Choir. Da fehlt bisweilen einfach (noch) das „Metall in der Stimme“, was sich gut bei den jeweiligen Einsätzen der Oberstimmen und im Wechselgesang der beiden Chöre in „Praise the Lord“ hören lässt.
Die Solisten gefallen mir insgesamt recht gut. Tim Mead zeichnet ein nicht ganz so glattes Bild von Solomon wie Andreas Scholl. Er klingt – besonders zu Beginn des Livemitschnittes – ausgesprochen gut, glasklar, aber mit einem etwas brustigen Hintergrund. Bei Kraftaufwand (Randbereiche der Tessitur) stellt sich ein deutliches, aber mich nicht störendes Vibrato ein. Sehr eindruckvoll finde ich sein erstes Rezitativ („Almighty power“), das er mit echtem Sinn für die Szene gestaltet. Dominique Labelle übernimmt die Partien der Gattin Solomons sowie die First Harlot. Ihre nicht ganz leichte, durchaus voluminöse Stimme spricht mich nicht so recht an. Mir klingt das durchgehend etwas zu drall. Auch ihr schnell flackerndes Vibrato ist meine Sache nicht. Das soll jedoch nicht davon ablenken, dass sie beide Rollen intelligent und in sich stimmig zeichnet. Auch mich persönlich wirkt sie als First Harlot jedoch nicht zerknirscht genug. Claron McFadden übernimmt die Rollen der Second Harlot und der Queen of Sheba. Als keifende Harlot gefällt sie mir sowohl im Terzett als auch in ihrer Arie „Thy sentence, great king“, in der sie gekonnt ihr Gift verspritzt. Als Queen of Sheba hätte ich mir von ihr eine etwas süffigere Interpretation gewünscht. Michael Flatterys Zadok ist mE nicht unproblematisch. Die erste Arie „Sacread raptures“ ist ausgesprochen schwer zu gestalten und technisch einigermaßen anspruchsvoll. Leider hat Flattery deutliche Schwierigkeiten, die Koloraturen sauber geführt zu singen, einiges ist da sowohl Intonation als auch Rhythmik betreffend sehr am Rande dessen, was Händel notiert hat. Dafür gestaltet er die herrliche Arie „Golden columns fair and bright“ im dritten Akt ausgesprochen klangschön. Roderick Williams (Levite) ist einer jener englischen Bässe die ich wirklich gerne höre: dunkle Färbung, dabei jedoch nicht polternd sondern samtweich und ausgesprochen elegant. Hier ist es nicht anders. Das FestspielOrchester Göttingen spielt ausgesprochen ausdrucksstark, mit vorbildlicher Phrasierung und Artikulation, aufs verlässlichste mit den Solisten und dem Chor interagierend. Viel besser kann man das – glaube ich – nicht machen.
Obwohl die Aufnahme – neben vielen höchst erfreulichen Momenten - durchaus Schwächen mitbringt (s.o.), so ziehe ich sie als komplette Einspielung des „Solomon“ derjenigen McCreeshs vor. Grund dafür ist, dass nach meinem Empfinden McGegan den Charakter dieses Werkes wesentlich sensibler trifft als McCreesh. Während dessen Aufnahme in meinen Ohren eine gewisse Kühle und Aggressivität auszeichnet, so zeichnet sich McGegans Einspielung - neben dem Umstand, dass er ein untrügliches Händchen für ideale Tempi an den Tag legt, sodass das Ganze Werk vollkommen organisch dahinfließt - durch eine freundliche Wärme, eine aus allen Löchern scheinende (Musizier)Freude aus, die ich ganz persönlich dem „musikalischen Fest“, das Händel dem Zuhörer hier bereitet, angemessener finde.
:hello Agravain
Agravain (05.05.2013, 17:53): OHNE COVER
Neumann (live: 21.03.1999, St. Maria im Kapitol Köln) – James Bowman, Monika Frimmer, Vasiljka Jesovšek, Stephan Hinssen, Stephan Schreckenberger, Kartäuserkantorei Köln, Collegium Cartusianum
Es freut mich besonders, diesen Aufführungsmitschnitt des „Solomon“ in meiner Sammlung zu haben, und zwar weil es von Peter Neumann, einem der vielleicht wichtigsten deutschen Händel-Dirgenten der Gegenwart, keine kommerzielle Aufnahme dieses Werkes gibt. Dies ist umso mehr zu bedauern, da dieser Aufführungsmitschnitt ganz deutlich macht, dass Neumanns Interpretation dieses Oratoriums, das mE zu den schönsten Werken Händels gerechnet werden darf, ohne Abstriche neben denen eines McCreesh oder McGegan bestehen kann. Da stört es mich nicht, dass Neumann bisweilen nach Gould'scher Manier mitgrummelt.
Schon die ersten Takte der Ouvertüre zeigen, dass hier zupackend musiziert werden wird. Naumanns Darstellung geht dann auch wirklich durchweg zügig voran, selten gibt es ein wirklich gemessenes, niemals ein verschlepptes Tempo. Tatsächlich gibt es die ein oder andere Stelle, an der ich mir beim Hören gewünscht habe, dass Neumann dem Solisten etwas mehr Zeit gelassen hätte, sei es aus Gründen der sich Gestaltung (bspw. im Fall von Solomons großer Arie „What thou I trace“) sei es auf Rücksichtname der technischen Möglichkeiten des Interpreten (im Falle der Tenor-Arie „Sacred raptures“). Aber: Drosselt Neumann den Puls, dann hat das seine inhaltlichen und musikalischen Gründe und so wirkt die Tempodisposition durchweg schlüssig und dramaturgisch gut durchdacht. Es ist weniger ein barockes Weihfestspiel auf die Größe und Güte Solomons, dem der Hörer hier beigewohnt hat, sondern ein abwechslungsreiches, vielfarbiges, mit Emphase gestaltetes Fest.
Die Solisten machen auf mich einen insgesamt ausgesprochen guten Eindruck. Allen voran der zum Aufnahmedatum fast sechzigjährig James Bowman, der die Partie des Solomon ausgesprochen überzeugend gestaltet. Die Stimme ist trotz seines Alters noch sehr geschmeidig, hat einen sicheren Ton, eine Fülle ohne Druck und wackelt nicht einmal. Hinzu kommt, dass Bowman jede Textzeile ohne Fehl und Tadel durchleuchtet und die Affekte sehr differenziert gestaltet. Tatsächlich wusste der Mann mit seiner Stimme hauszuhalten, denn bisweilen schafft er sich Entlastung, ohne dass sie störend auffallen würde. Er neigt ab und zu dazu, hohe Töne nicht voll auszusingen, sondern kurz anzutupfen (z.B. in „Now a different measure try“). Am überzeugendsten gelingt für mich seine Darstellung der Arie „When the sun o’er yonder hills“, da hier das Zusammenspiel mit Neumann am besten klappt, der hier ein treffliches, ruhiges Tempo wählt.
Ganz hinreißend singt auch Vasiljka Jesovšek, die die Rollen der Königin Nicaule und die First Harlot gestaltet. Das ist so ziemlich genau die Stimme, die ich mir für diese Rollen vorstelle. Ganz frischer Ton, mit der Helligkeit der jungen Frau, die den mädchenhaften Ton noch nicht verloren hat. Ihre Gestaltung der wundervollen Arie der Königin „With thee th’unshelter’d moor I tread“ ist ebenso herrlich wie die Arie der First Harlot „Can I see my infant gored“. Für mich ein echter Ohrenschmaus.
Das ist nicht anders, wenn Monika Frimmer singt, der die Gestaltung der Second Harlot sowie der Queen of Sheba obliegt. Sie hat nun die – ich sage vorsichtig – reifere Sopranstimme, die zwar nicht im Entferntesten alt klingt, dafür aber ausgesprochen weiblich. Das macht sich für die eine gewisse Exotik ausstrahlenden Arien der Queen of Sheba (wunderbar: „Will the sun forget to streak“) natürlich ausgesprochen gut und stellt einen überzeugenden stimmlichen Kontrast zu Vasiljka Jesovšek dar. Ausgesprochen gelungen finde auch ihre Interpretation der Second Harlot, die sie bei Weitem nicht so zickig zeichnet wie es oft der Fall ist, sondern eher als sich hinterrücks einschmeichelnde Megäre.
Stephan Hinssen (Tenor) gestaltet die Rolle des Hohepriesters Zadok. Seine Stimme will mir nicht so recht gefallen. Sie hat zwar ein schönes Timbre, ist aber insgesamt etwas körperlos, was zu einer gewissen Flachheit in der Tongebung führt. Dies mag aber auch der Tontechnik geschuldet sein. Er hat durchaus so seine Schwierigkeiten mit der klangschönen und vor allem sicheren Gestaltung der Koloraturen in der von Neumann vielleicht einen Tuck zu brüsk musizierten Arie „Sacred raptures“, die mE zu den unbequemsten und problematischsten Tenor-Arien Händel überhaupt zählt. Es gibt kaum jemand, der das so richtig schön singt und auch Hinssen gehört nicht dazu. Leider wiegt seine Darstellung der schönen Arie „Golden columns, fair and bright“ den zuvor entstandenen Eindruck auch nicht auf.
Stephan Schreckenberger gestaltet die Partie des Leviten mit warmem Bass, wobei er (Aufnahmetechnik) im tiefen Register nicht mehr sonderlich gut zu hören ist. Seine geschmeidige Stimme ist jedoch ausgesprochen ansprechend und immer elegant geführt.
Die Kartäuserkantorei steht aufnahmetechnisch recht weit hinten und erreicht darum manchmal nicht ganz die Durchschlagskraft, die man sich von einer Aufnahme wünschen würde („From the censer“), die aber im Konzert wohl da gewesen sein dürfte. Der Chorklang gefällt mir gut, vielleicht könnte der Chorbass ein paar schwärzere Bässe gebrauchen. Insgesamt fällt mir jedoch das ausgesprochen schöne Mischungsverhältnis auf. Die Frauen dominieren nie, die Männer sind stets präsent. Hinzu kommt, dass das Ensemble bis auf ganz wenige Stellen vollkommen sicher agiert und ausgesprochen präzise und textverständlich singt. Für einen nicht professionellen Chor ist das wirklich sehr hochklassig, was da geboten wird. Mein persönliches Highlight ist das begeisternd gesungene „Shake the dome“. Nur Kleinigkeiten sprechen mich nicht so sehr an. Der Schlusschor des ersten Aktes („May no rash intruder“) wird mir zu schnell und zu vertikal musiziert, was aber nicht am Chor liegt, sondern an Neumanns hier vielleicht zu nüchternem Dirigat. Und dann hier und da mal eine Stelle wo man noch etwas mehr hätte herauskitzeln können (Das Spiel mit dem Wort „lulling“ in „Music, spread thy voice around“). Aber all das ist Gejammer auf hohem Niveau.
Das Collegium Cartusianum ist klanglich sehr weit vorne und spielt einen echten Vollblut-Händel.
Vielleicht schiebt Neumann ja noch mal eine kommerzielle „Solomon“-Aufnahme nach. Die Händel-Gemeinde würde es ihm sicher danken.