Händel: Acis and Galatea HWV 49

Agravain (04.12.2012, 14:43):
"Wir indes, was einzig zu tun vergönnte das Schicksal,
Taten wir: daß dem Symäthus an Macht sich geselle der Enkel.
Purpurn strömte das Blut aus der Felsenmasse; doch wenig
Dau'rte die Frist, da begann die Röt' allmählich zu schwinden;
Nun ward erst die Farbe des Bachs, den der Regen getrübet;
Sie auch klärte sich bald. Dann lechzte der Fels auseinander;
Frisch nun drang aus den Spalten ein hochgeschossenes Röhricht;
Und dem gehöhleten Schlund' entrauscht' aufhüpfendes Wasser.
Plötzlich, o Wunder! erschien, bis zur Mitte des Bauchs in dem Strudel,
Schön der Jüngling mit Rohr die keimenden Hörner umgürtet:
Der, nur daß er größer und blau im ganzen Gesicht ist,
Acis war. Doch was auch; er blieb, auch zum Strome verwandelt,
Acis; und noch behauptet den vorigen Namen der Sprudel."

So erzählt uns Ovid (in Vossens Übertragung) vom Ende des jungen Schäfers Acis, der vom vor enttäuschter Liebe zur schönen Nymphe Galatea rasenden Zyklopen Polyphem zerschmettert und von ihr zum Quell verwandelt wird.

Georg Friedrich Händel ist bereits als junger aufstrebender Komponist mit diesem Stoff in Berührung gekommen. Während er sich 1708 für zwei Monate in Neapel aufhielt, nahm er einen Kompositionsauftrag der Donna Aurora Sanseverino für eine „serenata“, an die den Titel „Aci, Galatea e Polifemo“ haben sollte. Händel stellte die von ihm als „Cantata a tre“ bezeichnete Komposition am 16. Juni 1708 fertig, einen guten Monat später wurde sie – wahrscheinlich ohne seine Beteiligung – erstmals aufgeführt.

Zehn Jahre später befand sich Händel schon lange nicht mehr im Land wo die Zitronen blühen, sondern dort, wo die avalonischen Nebel wallen. Hier hatte er nach einigem Hin und Her eine Berufung zum Hauskomponisten des Earl of Carnarvon und späterem Duke of Chandos angenommen, der in seinem in Middlexes gelegenen neuen Palast Cannons fast besser lebt als der König. Händel komponierte unter des Earls Patronat allerhand: 11 Anthems (die sogenannten Chandos-Anthems), die „Suites de Pièces pour le Clavecin“, sein erstes englisches Oratorium „Esther“ und ein kleines Schäferspiel, das im Laufe der Zeit zu einem seiner populärsten Werke überhaupt avancierte: die Masque „Acis and Galatea“. Bei der Komposition griff der große Zweitverwerter Händel musikalisch überraschenderweise überhaupt nicht auf seine ältere Umsetzung des Stoffes zurück, sondern schuf während dieser „Zeit der Besinnung und des Atemholens“ (Richard Friedenthal) voll Inspiration ein gänzlich neues Werk, nun auf ein Libretto von John Gay, der wiederum auf Texte von Alexander Pope und John Hughes zurückgegriffen hatte. Im Frühsommer 1718 fand in Cannons die aller Wahrscheinlichkeit nach halbszenische Uraufführung statt. Es folgte eine weitere Aufführung in Wells (Händel war nicht involviert), dann verschwindet das Werk in der Schublade.

Plötzlich am 26. März 1731 – Händel ist schon lange in London ansässig – gibt es dort ein Benefizkonzert für den Tenor Philip Rocchetti. Auf dem Programm: „a Pastoral“ von Händel, wobei dieser nicht an der Produktion beteiligt war. Wiederum ein Jahr später brachte das Londoner „Daily Journal“ folgende Ankündigung:

„We hear that the Proprietors of the English Opera, will very shortly perform a celebrated Pastoral Opera call’d, Acis and Galatea compos’d by Mr Handell with all the Grand Chorusses and other Decorations as it was perform’d before his Grace the Duke of Chandos in Cannons. ‘Tis now in Rehearsal.” (The Daily Journal, 3. Mai 1732)

Die English Opera war eine Gruppierung von Musikern um Thomas Augustine Arne, die die englische Oper, die seit Purcells Tod einigermaßen friedlich schlummerte, zu neuem Leben erwecken wollte. Als einzige dramatische Komposition Händels in englischer Sprache bot sich „Acis und Galatea“ für eine Aufführung wunderbar an, wobei es allerdings einen Haken gab: Händel, der unentwegte Champion der italienischen Oper, wusste davon nichts. Händel musste nun reagieren und tat es auch. Er stellte ein Pasticcio zusammen, bestehend aus Sätzen der italienischen „Aci, Galatea e Polifemo“-Serenata, der Chandos-Masque und allerhand anderen Quellen. Die Besetzung ist größer, das Libretto ein Mischmasch aus englischen und italienischen Abschnitten. Auch dieses Werk hatte zunächst Erfolg, der Viscount Percival konnte nicht umhin, in seinem Diary von der „very fine masque of Acis and Galatea“ zu sprechen.

Doch setzte sich diese Fassung nicht durch. Es war die 1718er Version des Werkes die schnell sowohl in England als auch in Irland (und auch in Schweden) begeisterte Anhänger fand. Ab 1739/40 führte auch Händel die ursprüngliche Version – immer mit leichten Veränderungen – während der Oratoriensaison auf. 1743 wurde das Werk als einzige dramatische Komposition Händels vollständig im Druck veröffentlicht. Die Popularität des Werkes erstreckte sich bald auf ganz Europa. Van Suiten beauftragte Mozart 1788 mit einer Bearbeitung. 1829 instrumentierte Mendelssohn das Werk ebenfalls neu. 1858 beschäftigt sich Meyerbeer mit einer Bühnenfassung für Berlin, die aber nie aufgeführt wird.

Bis heute ist das Werk ausgesprochen beliebt und ist neben „Messiah“ das - wenn ich nicht irre - bisher am häufigsten eingespielte. Von Walter Goehr über Sir Adrian Boult und Alfred Deller zu Marriner, Gardiner, Hogwood (1718er Fassung (?) als DVD & Mozart-Fassung), Pinnock (Mozart-Fassung), van Asch, Christie, Haselböck, Butt und McGegan (Mendelssohn-Fassung) haben sich viele Interpreten an das kleine, aber in seiner Art einzigartige Werk gewagt, ein Werk, das sich nicht nur aufgrund seines Reichtums an außergewöhnlich gelungenen melodischen Einfällen von manch anderen Schöpfungen der Zeit abhebt, sondern auch aufgrund seines klaren strukturellen Aufbaus, dem Richard Friedenthal nicht ganz zu unrecht „Einfachheit und Würde“ bescheinigt hat.

Keine der mir bekannten Einspielungen des Werkes aus der obigen Aufzählung (Boult, Marriner Gardiner, Pinnock, van Asch, Christie, Haselböck) ist völlig misslungen. Die meisten haben – wie eigentlich immer – ihre Meriten und Schwächen. Doch nur eine Aufnahme ist nach meinem Dafürhalten völlig gelungen. Es ist die 1989 unter der Leitung von Robert King entstandene, die ich jedem, der sie noch nicht kennt, wärmstens empfehlen möchte:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/515h3pu1EUL._SL500_AA300_.jpg

Claron McFadden, John Mark Ainsley
Rogers Covey-Crump, Michael George, Robert Harre-Jones
The King's Consort
Robert King

An der Aufnahme scheint mir alles ideal. Kings Zugriff ist farbig, bukolisch, warm, heiter, komisch (aber nie überzogen) und in allen Rollen bestens besetzt. Claron McFaddens Galatea ist höchst liebreizend, Ainsley ist ihr als verträumter Acis ("Love in her eyes sits playing") ein ideales Pendant, Michael George macht sein Auftritt als „monster Polypheme“ sichtlich Spaß, ohne dass seine Darstellung des ohnehin schon durch die Komposition selbst karikierten Polyphemus („I rage, I melt, I burn“) in irgendeinem Moment überzeichnet wirken würde. Eine der schönsten Arien des Stückes, nämlich Damons „Consider, fond shepherd“ ist bei Rogers Covey-Crump bestens aufgehoben. Hinzu kommen die von den Solisten gesungenen Chorsätze, die tadellos gestaltet werden, wobei der schönste Satz des gesamtes Werkes („Wretched lovers!“) schlicht makellos gelingt. Kings Tempi sind fließend unaufgeregt, stets angemessen, nie langweilig. Das King’s Consort musiziert so bestechend wie eigentlich immer.

:hello Agravain
Fairy Queen (04.12.2012, 18:04):
Lieber Agravain, schön, dass du dieses Werk hier vorstellst! Ich warte schon sehnsüchtig darauf, dass Emmanuelle Haïm, die Händel-Spezialistin an unserer Oper, diese Mischung zwischen Oper und Oratorio auf die bühne und die Cd bringt.
Ich habe bei meiner Hochzeit einen Chor daraus singen lassen "Happy we" und scho nallein deshalb wird es stets etwas Besonderes bleiben. Aber auch die wunderhübsche Arie " As when the dove"(bei Youtube mit einer Joan sutherland, die sogar ich mit diesem Repertoire gerne höre :D) und einige andere Nummern sind mir in bester Erinnerung.

http://www.youtube.com/watch?v=IQVhaJbHgww
Leider habe ich das Werk noch nie live gehört und gesehen.
händelige Grüsse von F.Q.
Agravain (06.12.2012, 07:38):
Original von Fairy Queen
Aber auch die wunderhübsche Arie " As when the dove"(bei Youtube mit einer Joan sutherland, die sogar ich mit diesem Repertoire gerne höre :D) und einige andere Nummern sind mir in bester Erinnerung..

Liebe Fairy,

die bei youtube zu hörende Aufnahme gibt es natürlich auch auf CD:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51o9KCq9D4L._SL500_AA300_.jpg

Den "Happy-we"-Chor bei seiner Hochzeit singen zu lassen, ist ja auch eine schöne Idee. Bei meiner Hochzeit gab es - ganz protestantisch - Bach. BWV 100: "Was Gott tut, das ist wohlgetan"...

:hello Agravain