Agravain (04.12.2012, 14:55):
In London war Krieg ausgebrochen. Nicht irgendein gewöhnlicher Krieg, sondern der Krieg um die Oper. Händel spielte eine nicht ganz unbedeutende Rolle in dieser Fehde, rankte sich dieser „Krieg“ doch um seine Person, seine Musik und vor allem darum, was sie repräsentierte: den ungeliebten deutschen König. Wie glücklich erschien es da wahrscheinlich, dass man ihm im royalistischen Oxford die Ehrendoktorwürde verleihen und ihn gleichzeitig dafür gewinnen wollte, die feierliche Verleihung der akademischen Würden, dem traditionell im Sheldonian Theatre stattfindenden „Publick Act“ musikalisch zu umrahmen.
Händel machte sich wohl nach Beendigung der in der Fastenzeit stattfindenden Oratoriensaison an die Arbeit für ein neues Oratorium, das er in Oxford dem Publikum präsentieren wollte.
Das Aufsehen, das um Händels Ankunft und die bevorstehenden Konzerte gemacht wurde, schmeckte nicht alles Oxforder Honoratioren. Der Altertumsforscher Doctor Thomas Hearne beispielsweise freute sich mitnichten auf Händel „und auf seinen lausigen Haufen, eine große Zahl fremder Fiedler.“ Doch dies änderte wenig an dem Eindruck, den die Aufführungen der „Deborah“, des „Utrechter Te Deums“, der Masque „Acis and Galatea“ und schließlich die Uraufführung der „Athalia“ auf das zahlreich erschienene Publikum hatten. So berichtete das Oxforder Blatt „The Bee“ im Anschluss, das neue Werk sei „with the utmost Applause“ bedacht worden und es sei „esteemed equal to the most celebrated of that Gentleman’s Performances: there were 3700 Persons present.“
Händel hatte einen neuen Erfolg erzielt – nicht nur beim Publikum, sondern auch finanziell, brachten ihm die Oxforder Konzerte immerhin mehr als 2000 Pfund Sterling ein, eine Summe die er zu Vorbereitung der neuen Opernsaison im Herbst dringlich benötigte.
Trotz des großen Erfolges, den das Werk in Oxford hatte, führte es Händel erst zwei Jahre später in London auf. Danach gab es noch sporadische Aufführungen in Worcester, in Dublin und kurz vor Händels Tod noch einmal in London. Dann versank das Werk in einen Dornröschenschlaf, aus dem es im Grunde noch nicht erwacht ist. Es wird auch heute nur sehr selten aufgeführt. Warum das so ist, kann man, hat man das Werk erst einmal gehört, wohl nicht so recht verstehen, denn bereits in diesem frühen Oratorium begegnen wir jenem genialischen Meister dieser Form, der uns auch im „Saul“, im „Solomon“, im „Belshazzar“ und natürlich auch im „Messiah“ entgegentritt.
Das nach Racines Tragödie geformte Libretto war eine echte Fundgrube für Händels Imagination. Es gibt Arien jeden Affektes, die in ihrem Einfallsreichtum (z.B. der geschickte Einsatz eines Solocellos in Mathans Arie „Gentle airs, melodious strains!“) kaum hinter jenen der späteren Werke zurücktreten. Dann der Chor: Er ist fast ständig in unterschiedlichen Rollen präsent, den Fortgang des Dramas um die grausame „Athalia“ stets unterstreichend, sei es als Gruppe von Baalspriestern, isrealitischen Priestern oder als Kommentator des Geschehens.
Einspielungen gibt es dann aber immerhin vier Stück:
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Von diesen möchte ich besonders Peter Neumanns Einspielung empfehlen, da sie mir – von Goodwin abgesehen, der allerdings die Londoner Fassung von 1735 spielt – als ausgesprochen gelungen erscheint, gelungener wenigstens als Hogwoods Aufnahme mit der fehlbesetzten Dame Joan Sutherland und Martinis Frankfurter Aufnahme, die einen wenig durchschlagkräftigen Chor und mit englischer Diktion überforderte Solisten präsentiert.
Neumanns Aufnahme entstand im November 2003 in der Kölner Trinitatiskirche und gefällt mir besonders aufgrund ihrer sehr direkten, zupackenden und höchst dramatischen Herangehensweise. Das Drama um Athalia drängt bei Neumann mit hohem Druck nach vorne. Da geht es dann im Dienst der Sache auch schon einmal mit dem Dirigenten durch und er wählt sehr flotte Tempi, die den ein oder anderen Solisten an seine Grenzen führen. Dennoch macht das in sich Sinn und wirkt nicht aufgesetzt, sondern durchaus organisch. Die Partien sind ordentlich besetzt. Simone Kermes gestaltet die Titelpartie höchst eindrucksvoll und zeichnet ein facettenreiches Bild von der von finsteren Vorahnungen gequälten („What scenes of horror round me rise!“), listigen („Tis my intention, lovely youth“) und schließlich irrsinnig rasenden („To darkness eternal / And horros infernal / Undaunted I’ll hasten away.“) Königin. Olga Pasichnyks sphärisch leichter Sopran gefällt mir für Rolle der Josabeth ebenso gut wie Trine Wilsberg Lunds knabenhafte Stimme für den jungen Joacs/Eliakim. Die Partie des zu Athalia und den Anhängern Baals übergelaufenen Methan ist bei Thomas Cooley in guten Händen und Matrin Oró in der Rolle des Joad ist ein interpretatorisch sicherer und stimmlich nicht unattraktiver Altus. Lediglich Wolf Matthias Friedrich in der Rolle des Abner will mir nicht so recht behagen. Sicher, er hat am meisten mit Neumanns sehr flotten Tempi zu kämpfen; was mir aber viel weniger gefällt ist sein baritonales Timbre und sein schwaches tiefes Register. Ich bevorzuge eher macht- und kraftvolle Händel-Bässe. Aber das ist Geschmackssache. Der Kölner Kammerchor singt sehr diszipliniert, kultiviert und klangschön, wenngleich manchmal etwas weniger Klangkultur und etwas mehr Biss schön wäre. Das mag aber auch an der MDG-Aufnahme liegen. Das Collegium Cartusianum spielt glänzend.
:hello Agravain