Agravain (04.12.2012, 14:51):
„Stille Zeit auf dem Lande und tiefes Atemholen“ – so beschreibt Richard Friedenthal in seinem Buch über Händel dessen Zeit auf Schloss Cannons. Händel zog im Jahre 1717 als Hauskomponist auf den bei Edgware gelegenen riesigen und nagelneuen Landsitz des James Brydges, Earl of Carnarvon (dem späteren Duke of Chandos), den Jonathan Swift in seiner „Tour thro’ the Whole Island of Great Britain“ folgendermaßen beschreibt:
„Der Palast ist so underschön, so erhaben, sein Anblick so majestätisch, dass die Feder es nur schlecht beschreiben kann, der Bleistift nicht viel besser. Man kann nur eben an dieser Stelle darüber sprechen, wenn man das Gebäude vor sich sieht und in allen Einzelheiten betrachten kann.“ (Zit. n. Hogwood, Christopher: Händel. Stuttgart 1992)
Ausgestattet war der Palast auch mit einem guten Instrumentenfundus, guten Sängern, einem guten Orchester sowie einem diesen Kräften vorstehenden Kapellmeister: Dr. Johann Heinrich Pepusch – jenem Pepusch, der später mit der „Beggar’s Opera“ in London Furuore machte.
Händel verließ Cannons erst wieder nach über einem Jahr. Doch war diese Zeit wohl so still nicht, entstanden hier doch in einer Reihe von oratorischen Werken (die elf Chandos-Anthems und die Masque „Acis and Galatea“) sowie die „Harpsichord Lessons“, die er – nachdem fehlerhafte Kopien der Werke an die Öffentlichkeit gelangt waren –1720 unter dem Titel „Suites de Pièces pour le Clavecin“ im Selbstverlag publizierte.
Ein weiteres der in Cannons entstandenen oratorischen Werke ist „The Story of Esther“, die aller Wahrscheinlichkeit 1718 komponiert wurde, wobei es keine Belege für eine Aufführung des Werkes in Cannons gibt.
Interessant ist das Werk, das nicht nur einiges an ausgesprochen schöner Musik vorweisen kann, besonders, weil es als das erste englische Oratorium Händels gilt, wobei es in den existierenden Kopien mal als „Oratorium“ mal als „Masque“ bezeichnet wird. Tatsächlich wird „Esther“ nicht durch die Bezeichnung, sondern durch eine Reihe von (neuen) Elementen zum ersten englischen Oratorium Händels:
„Zum einen ist der Stoff, , dem Alten Testament entnommen und erfordert deshalb einen erhabenen oder heroischen Stil; zum anderen spielt der Chor in der Gesamtkonzeption von ‚Esther’ eine bedeutende Rolle: er kommentiert nicht nur das Geschehen , sondern greift auch als handelndes Subjekt in das Geschehen ein .“ (Marx, S. 75)
Nach der (angenommenen) Uraufführung in Cannons wanderte die „Esther“ zunächst wieder in Händels Schublade. Erst 1732 kam es zu drei weiteren halböffentlichen Aufführungen, die anlässlich Händels Geburtstags unter der Leitung von dessen Freund Bernard Gates in der Londoner „Crown and Anchor Tavern“ stattfanden. Im Anschluss wurde eine weitere Aufführung durch einen anonymen Vernanstalter in den York Buildings angekündigt – anscheinend hatte sich jemand eine Kopie der Partitur beschafft. Händel unterband diese „feindliche Übernahme“, indem er im Daily Journal eine eigene Aufführung im King’s Theatre am Haymarket ankündigte, die nicht nur neues Material präsentieren sollte, sondern von königlicher Seite angeordnet worden war. In dieser Fassung wurde die „Esther“ dem großen Publikum bekannt und durchaus erfolgreich.
Überraschend ist es für mich darum, dass zu eben jener Fassung von 1732 bis vor nicht allzu langer Zeit keine Aufnahme zu haben war.
Auch in meinen Schrank hat diese Fassung noch keinen Einzug gehalten, war ich mit der meiner Einspielung der 1718 Version doch höchst zufrieden:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51fabvVUY2L._SL500_AA300_.jpg
Lynda Russell, Nancy Argenta, Michael Chance
Thomas Randle, Mark Padmore, Matthew Vine
Simon Berridge, Michael George, Robert Evans, Simon Birchall
The Choir and Orchestra of the Sixteen
Harry Christophers
(1995)
Da gibt es – wie mE so gut wie immer bei Aufnahmen der “Sixteen” – nichts zu meckern. Im Gegenteil. Tatsächlich wird hier nicht nur vorbildlich musiziert, es sind vielmehr alle Kräfte optimal besetzt: Man höre beispielsweise Mark Padmores wunderbare Darbietung der Arie „Tune your harps“, das von Lynda Russell und Thomas Randle herrlich gesungene Duette Esther/Ahasuerus, Michael Georges eindrucksvolle Darstellung der furiosen Arie des rasenden Haman „How art thou fallen from the height!“, den Chor der Israeliten „He comes, He comes to end our woes“ und natürlich das ausufernde, 11 Minuten währende Finale „The Lord our enemy has slain“.
Wahrscheinlich liegt es auch an der vorzüglichen Qualität, dass die Einspielung immer wieder neu aufgelegt worden ist, wobei in der neuesten Ausgabe das Orchester seinen neuen Namen „The Symphony of Harmony and Invention“ führt.
Die vor nicht allzu langer Zeit erschienene Einspielung der 1732er Version unter der Leitung von Laurence Cummings
http://ecx.images-amazon.com/images/I/515t-z6vdSL._SL500_AA300_.jpg
kenne ich leider (noch) nicht.
:hello Agravain