Händel: Israel in Egypt HWV 54

Agravain (06.12.2012, 16:46):
Hintergrund

Als der gebildete Londoner am Morgen des 4. April 1739 seine „London Daily Post“ aufschlug, konnte er im unter anderem folgende Anzeige lesen:

HAY-MARKET.
AT the KING’S THEATRE in the
HAY-MARKET, this Day, April 4, will beperform’d a New Oratorio, call’d
ISRAEL in EGYPT.
With several Concerto’s on the Organ, and particularly a new one.
Pit and Boxes to be put together, and no Persons to be
Admitted without Tickets which will be deliver’d this
Day, at the Office in the Hay-Market, at Half a Guinea
Each. Gallery 5 s.
The Gallery will be open’d at Five, and Pit and BoxesAt six.
To begin at Seven o’clock.

Händel brachte nach einer für ihn höchst unerquicklichen Opernsaison ein neues Oratorium heraus. Er hatte es im Vorjahr innerhalb von vier Wochen komponiert, wobei er bei der Komposition durchaus auf eigene Werke zurückgriff und sich auch das ein oder andere Stück aus der Feder von Zunftkollegen „auslieh“. Und obwohl es für ihn weder ungewöhnlich war, eigene oder auch fremde Federn wiederzuverwerten, so war doch seine Arbeitsweise bei der Komposition von „Israel in Egypt“ eine für ihn untypische: Er zäumte das Pferd von hinten auf.
Zunächst entstand der spätere III. Teil „Moses’ Song“. Es scheint so, als hätte Händel erst im Zuge des Komponierens festgestellt, dass die angeschnittene Thematik größeres Potenzial hatte. Wäre „Moses’ Song“ als Einzelkomposition stehen geblieben, so hätte Händel, der sich ja schon in Cannons und anlässlich der Krönung seines Königs George II. mit Anthem-Vertonungen beschäftigt hatte, neuerlich ein festliches Anthem geschaffen. Doch eröffneten sich dem Dramatiker Händel bei der Beschäftigung mit den Texten für den „Moses’ Song“ wohl schnell die musikalischen Möglichkeiten, die sich durch die Hinzunahme der Vorgeschichte ergeben würden, sodass er seine ursprüngliche Konzeption erweiterte. Statt eines einzelnen Anthems sollte es nun drei Akte geben. Deren letzter sollte der „Moses’ Song“ sein, davor würde der zweite Akt den Auszug der Israeliten aus Ägypten (mitsamt der ägyptischen Plagen) schildern und Händel eine Spielwiese für seine an der Oper geschulten Kompositionskünste liefern. Ganz zu Beginn (als Akt I) würde ebenfalls ein Anthem stehen, das die Klage der Israeliten über den Tod Josephs zum Inhalt hat. Dieses Anthem lag schon vor, und zwar in der Gestalt des „Funeral Anthem for Queen Caroline“, das er 1737 komponiert hatte und das für eine Wiederverwertung nur textlich leicht verändert werden musste.
Es ergab sich für das gesamte Oratorium also der Aufbau „Anthem-Drama -Anthem“, wobei der mittlere Akt das inhaltlich logische Verbindungsstück zwischen den beiden Anthems darstellt.

In dieser Form stellte Händel das neue Werk seinem Publikum am 4. April 1739 vor. Doch es kam – wie es Harry Christophers im Beiheft zu seiner Aufnahme wohl lapidar, dabei aber völlig richtig schreibt – zu einem Flop.

Wie groß der Misserfolg war, lässt sich anhand eines Briefes nachvollziehen, den der Kaufmann Giambattista Gestaldi an einen russischen Prinzen nach der Erstaufführung geschreiben hatte:

"Handel performed his second oratorio for the first time, but he did not have twenty people in the pit." (zit. n. Marx, S. 100)
(Händel führte erstmalig sein zweites Oratorium auf, hatte aber noch nicht einmal zwanzig Personen im hinteren Pakett.")

Noch zwei Jahre später schreibt Händels Bewunderin Mrs. Delany in einem Brief, dass das Oratorium nicht ankam, weil "es zu feierlich für gewöhnliche Ohren" gewesen sei. Infolge des Misserfolgs baut Händel das Oratorium - speziell den ersten Teil - für die nächsten Aufführungen der Saison, aber auch in den Jahren 1756-58 immer wieder um, wobei dies nicht den gewünschten Effekt zeitigt. Das Werk bleibt beim großen Publikum zunächst unbeliebt, wenngleich sich auch eine Zahl an Bewunderern zusammenschart, die ihre Bewunderung nach der zweiten - ebenfalls schlecht besuchten - Aufführung des Werkes auch öffentlich kund tun.

So findet sich am 13. April folgender Leserbrief in der "London Daily Post":

"Sir,
als ich vor drei Tagen in der Stadt eintraf, war ich nicht wenig überrascht davon, die letzte Vorstellung von Händels neuem Oratorium, welches erst einmal aufgeführt worden ist, bereits für den Mittwoch angekündigt zu sehen. Ich war beinahe versucht zu denken, dass ihn sein Genie im Stich gelassen hätte, muss aber zugeben, angenehm enttäuscht worden zu sein. Ich war nicht nur erfreut, sondern auch tief berührt, denn nie zuvor hatte ich eine musikalische Darbietung erlebt, in der Text und Empfindung so durchdacht, und so verständnisvoll umgesetzt worden sind;" (zit. n. Hogwood, S. 191)

Ein anderer Leserbrief erscheint in derselben Zeitung nach einer dritten Aufführung am 18. April 1739, die nun endlich besser besucht war, nicht zuletzt deshalb, weil der Prince of Wales seine Anwesenheit angekündigt hatte, der lange Zeit mit seinem Vater überkreuz gelegen, sich nun aber mit ihm versöhnt hatte, was in hohem Maße die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zog. Ein Korrespondent des "Scots Magazine" konnte berichten: "das Oratorium wurde zu meiner und vieler Überraschung vor einem großen Publikum gegeben." (vgl. Chrissochoidis, S. 69)

Der Leserbrief lässt Rückschlüsse darauf zu, warum Händels Oratorium zunächst durchfiel.

"Das Theater sollte bei diesem Anlass mit größerer Feierlichkeit betreten werden als eine Kirche, da die Unterhaltung, zu der man geht, in sich wirklich die edelste Anbetung und Verehrung der Gottheit ist, die es je in einer solchen gab. Es ist die Handlung, die stattfindet, die den Ort heiligt, und nicht der Ort die Handlung." (zit. n. Georg Friedrich Händel in Briefen, Selbstzeugnissen und zeitgenössischen Dokumenten. Zusammengestellt und herausgegeben von Dieter Schickling. Zürich 1985. S. 158 f.)

Sofort nach der Erstaufführung des Werkes gab es Diskussionen darüber, ob ein Werk geistlichen Inhalts, das Texte aus der Heiligen Schrift vertont, überhaupt im Theater zur Aufführung gelangen dürfe. Die englische Geistlichkeit stand dem ablehnend gegenüber und machte daraus wohl auch keinen Hehl, was der Popularität des Werkes von vornherein abträglich war.

Ein weiteres Problem spricht der Schreiber des Briefes wenig später an:

"Ich kann nicht schließen, Sir, ohne große Sorge über die Nachteile, unter denen ein so großer Meister leiden muss, nämlich hinsichtlich vieler seiner Sänger, die so weit hinter dem Anspruch dessen zurückbleiben, was sie aufführen sollen, das, wenn es in einer seiner würdigen Art aufgeführt würde, so vorteilhaft wirken würde." (Schickling, S. 158)

Eine Erläuterung erübrigt sich.

Schließlich ist Händels Oratorium ein, wenn nicht das Chororatorium überhaupt. Es ist der Chor, der im Mittelpunkt des Ganzen steht, den zahlreichen großen Chorsätzen stehen nur wenige solistisch besetzte Sätze gegenüber. Händel komponierte, das ist kaum zu übersehen, damit gegen den in London herrschenden Geschmack des Publikums, das es liebte, möglichst viele Arien zu hören.

Und dennoch: Bereits im Mai 1739 führte die bereits 1726 in London gegründete "Academy for Ancient Music" - wohl unter Pepuschs Leitung - Händels "neues Oratorium" auf, wobei der erste Teil weggelassen wurde. In dieser Fassung ging das Werk 1771 bei Randall in den Druck, was dazu führte, dass das Werk lange Zeit (und bis in die Gegenwart hinein) in dieser verkrüppelten Gestalt aufgeführt wurde.

Dabei ist zu vermerken, dass der Aufstieg dieses Oratoriums, das heute zu den beliebtesten der Gattung zählt, zwar langsam, aber doch sehr stetig vonstatten ging. Zunächst verbreitete es sich in England (wo es Haydn und Mendelssohn hörten), ab den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts vermehren sich die Aufführungen im deutschsprachigen Raum (z.B. durch die Berliner Singakademie, Mendelssohn in Düsseldorf, Moseles in Wien, Schumann in Düsseldorf usw. usw.). Seit 1842 gehörte das Werk auch in den USA zum Repertoire.

Auch in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte wurde das Werk, das von der Befreiung des Volkes Israel singt, in Deutschland aufgeführt, beispielsweise 1936/37 durch den Jüdischen Kulturbund in Berlin unter Dr. Kurt Singer, der 1943 auch eine Aufführung im Konzentrationslager Theresienstadt durchsetzen wollte, was allerdings nicht gelang. Stattdessen sollte das Werk "arisiert" werden. So war in der Londoner "Times" des 16. Februar 1942 zu lesen:

"MUSIKALISCHES POGROM
Oratorien durch die Nazis arisiert
Von unserem Sonderkorrespondent
Deutsche Front, 15. Februar

Es wird berichtet, daß die Reinigung der deutschen Kunst von der jüdischen Verseuchung rasch voranschreitet, und es wird darauf hingewiesen, daß dies umso bemerkenswerter ist, als Deutschland sich in einem Kampf um Leben und Tod befindet, welcher die Konzentration der Kraft dieser ganzen Nation auf das Wesentliche erforderlich macht. Die Texte sämtlicher Oratorien von Händel werden neu geschrieben. Nachdem die Umwandlung des 'Judas Maccabäus' in 'Wilhelm von Nassau' durch Kloecking und Harfe ein allgemein anerkannter Erfolg wurde, ist dieses Team nun mit der noch schwierigeren Aufgabe betraut worden, 'Israel in Ägypten' in 'Mongolensturm' umzuschreiben, das Ende des Jahres erstmals in Hamburg aufgeführt werden soll. " (zit. n. Hogwood, S. 344)

Doch blieb es nicht dabei. Besagter Kloecking dichtete einen weiteren Text zum Werk mit dem Titel "Opfersieg und Walstatt" und die gleichgeschaltete Musikwissenschaft schloss sich dieser Praxis rechtfertigend an:

"Als Stoff für seine großen Oratorien wählte Händel zumeist die Sagen und Geschichten des Alten Testaments; als Beispiel für die Kraft des Volkstums erscheint also immer wieder das jüdische Volk. Kein vernünftiger Mensch wird daraus ableiten, Händel habe damit die Juden verherrlichen wollen. Und doch: ganz unwesentlich ist nichts bei einem Kunstwerk; auch der Rohstoff hat seine Bedeutung. Wenn daher Händels große Chorschöpfungen ihre seelenformende Macht wirklich entfalten und als Heldengesänge von ewiger Volkskraft auf das gesamte deutsche Volk wirken sollen, dann wird man sich entschließen müssen, ihnen andere Texte zu unterlegen. Geschichte und Sagenwelt un serer eigenen Vergangenheit sind überreich an Stoffen, in denen deutsch-nordisches Wesen bildhaft Gestalt angenommen hat. Erst wenn es gelungen ist, der urgermanischen Tonwelt Händels auch germanische Stoffe zu gesellen, werden seine Oratorien ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen vermögen, dem deutschen Volke in seiner Gesamtheit Weiser zu heldisch-volkhafter Tonübung zu sein." (Schumann, Otto: Geschichte der Deutschen Musik. Leipzig 1940. S. 144 f.)

Schließen will ich die kleine Einführung jedoch nicht mit dem nationalsozialitischen Blick auf Händel, sondern mit ungleich trefflicheren Worten, die Romain Rollands in seinem kleinen Händel-Buch gefunden hat:

"Aber das Meisterwerk der Gattung ist 'Israel in Egypt', das größte Chorepos, das existiert, ."


Aufnahmen

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Wer interessiert daran ist, wie man Händel in den ersten 50 Jahren des 20. Jahrhunderts in England musiziert hat, der kommt um zwei Namen nicht herum: Sir Thomas Beecham und Sir Malcolm Sargent. Letzterer hat 1955 eine Aufnahme von "Israel in Egypt" gemacht, die 1956 erschien. Eine Zeit lang sie bei Dutton als CD vorl, ist gegenwärtig aber (nur) als Download bei Naxos zu bekommen. Sargent hat, ganz gemäß der damals gängigen Praxis, in die Partitur des Werkes eingegriffen.
Diese Eingriffe betreffen nicht nur die Instrumentation, sondern auch die Anzahl der Nummern (Sargent musiziert die zweiteilige Fassung) und deren Besetzung. So ist das berühmte Bass-Duett bei ihm kein Stück für zwei Solisten, sondern für den geteilten Chorbass, der sich diesen Kriegsgesang lauthals zuschmettert, dem Sargent am Ende auch noch eine kurze Wiederholung der ersten Takte der Vokalpartie als Schlussformel anfügt. Wenn man schon von Anfügungen spricht, so muss man auch von den ersten Momenten der Einspielung sprechen. Spielt man die zweiteilige Fassung, so beginnt das Oratorium direkt mit einem Tenor-Rezitativ. Die übliche Ouvetüre fehlt, was Sargent dazu veranlasst hat, eine ganz knappe hinzuzukomponieren, die wie ein feierlicher Tusch klingt und vollkommen fehl am Platze wirkt. Überhaupt ist "Feierlichkeit" der Leitbegriff dieser Aufnahme, dem vielleicht noch "Größe" beizuordnen wäre. Entsprechend gemäßigt sind die Tempi, manchmal wirklich ungewöhnlich breit. Die Huddersfield Choral Society ist ein Massenensemble, das sich wie ein großer, prächtiger Lindwurm durch die Chorsätze windet, nicht immer schön, nicht immer sauber, aber immer machtvoll. Das Liverpool Philharmonic Orchestra ist in symphonischer Größe besetzt und liefert fetten Klang. Die Solisten Elsie Morrison, Monica Sinclair und Richard Lewis gehörten zu den Händel-Sängern ihrer Generation und gefallen mir durchweg gut.
Die Aufnahme ist keine Alternative zu jüngeren, wohl aber ein historisches Schmankerl für den Interessierten, die in Teilen durchaus Spaß machen kann, wenn man sich selbst nicht für einen Gralshüter der wahren Händel-Exegese hält.

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Wie machen einen Sprung in das Jahr 1989, in der die mE rundeste Aufnahme des Werkes entstand, die ich kenne. Es ist mittlerweile die Zeit der historisch informierten Aufführungspraxis und einer der profiliertesten Chordirigenten jener Praxis ist der englische Musikwissenschaftler Andrew Parrott. Für Parrott den Wissenschaftler ist es selbstverständlich das Werk in seiner dreiteiligen Form einzuspielen, ganz so wie es der ursprünglichen Konzeption Händels entsprach. Der Effekt ist, wie ich finde, noch immer ein großartiger. Das Werk wirkt deutlich austarierter als in der zweiteiligen Form, gewinnt an struktureller und logischer Klarheit. Anders mag ich es eigentlich auch nicht mehr wirklich hören. Parrott und „seine" Ensembles bescheren dem Hörer ein wahres Klangfest. Da ist nichts dürr oder klanglich skelettiert, Parrott hat ein untrügliches Verständnis dafür, dass diesem Werk ein ganz deutlicher zeremonieller Ton (Anthems!) eigen ist, ein Ton, den keine der anderen mir bekannten jüngeren Aufnahmen wirklich trifft. Die Wahl der Tempi ist sehr flexibel, ein grundsätzlich hohes Tempo, oft ein mich in seiner Einfallslosigkeit störendes Moment mancher hipper-Aufnahme, haben wir hier nicht. Da wird zwar immer flott und stringent musiziert (wobei Stringenz eben nicht von einem hohen Puls abhängt), doch nie gehetzt. Parrott arbeitet die diesem Werk innewohnende Dramatik und den musikalischen Facettenreichtum mit einem ganz erstaunlichen Sinn für biblische Theatralik exemplarisch heraus, sodass die gesamte Partitur aufs Beste ausgeleuchtet wird. Hinzu kommt, dass die beiden „Tavener"-Ensembles glänzend klingen und überhaupt der gesamte Klangapparat aufs Schönste aufeinander abgestimmt ist. Die Solisten agieren vorbildlich und die Partien sind in keiner der anderen mir bekannten Aufnahmen schlüssiger besetzt. Besonders drastisch finde ich immer, wie schwach die beiden Bass-Solisten besetzt werden. Baritonale, dünne Stimmchen, die das "The Lord is a man of war" wie geschniegelte Jungspunde heraussäuseln. Hier hingegen bringen Jeremy White und David Thomas einen kraftvollen Ton, der zwar nicht an Tomlinsons mächtiges Organ in Pinnocks "Messiah" heranreicht, aber nicht weit davon entfernt ist. So soll das sein. Doch genug des Lobes, der Leser versteht es auch so schon: Wenn man nur eine Aufnahme des Werkes im Schrank haben will, dann sollte es nach Auffassung des Verfassers diese sein.

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1993 enteht dann wieder eine zweiteilige Aufnahme unter der Leitung von Harry Christophers, wobei sich Christophers nicht einfach in die althergebrachte Aufführungstradition einreiht, sondern die Fassung des Erstdruckes von 1771 (Randall) bringt, in der einige Soli und zwei Chöre fehlen. Dafür fügt er zwei Sätze aus Händels Orgelkonzert HWV 295 ("The Cuckoo and the Nightingale") ein, welches vermutlich während der Erstaufführung von Händel an der Orgel gespielt wurde (s.o.).
An der Aufnahme selbst gibt es wenig auszusetzen. "The Sixteen" und "The Symphony of Harmony and Invention" sind zwei aufeinander eingespielte Ensembles, die unter Harry Christophers zu klanglicher und dramatischer Hochform auflaufen. Der Chor ist etwas kleiner als bei Parrott, was man bisweilen allerdings auch hört, ist er doch nicht immer so klangmächtig und durchschlagskräftig, wie der Tavener Choir. Allerdings mag man einschränkend dazu sagen, dass der Chor sehr weit "hinten" zu stehen scheint und tontechnisch anscheinend nicht wirklich gut eingefangen wurde. Eigentlicher Schwachpunkt der Aufnahme sind vielmehr die Solisten, die Christophers aus dem Ensemble rekrutiert hat. Ein guter Chorist ist nicht grundsätzlich ein guter Solist - und dies wird hier recht deutlich. Nicht, dass sie wirklich schlecht sängen. Aber es fehlt doch insgesamt an Ausdruckskraft, Tragfähigkeit und dem Quentchen an besonderer Stimme, und zwar nicht nur bei Caroline Trevor (Alt), sondern auch bei Tenor Neil McKenzie, der die berühmte Arie "The enemy said" dankenswerterweise nicht singen muss, da sie in dieser Fassung entfällt. Die beiden Bässe Simon Birchall und Robert Evans empfinde ich mangels stimmlicher Potenz (s.o.) als ausgesprochen unglückliche Besetzung.

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John Eliot Gardiners zweite Aufnahme des Werkes (1995) ist zusammengebaut aus Mitschnitten aus London und Göttingen. Gardiners Monteverdi Choir gilt vielen Musikliebhabern als der beste Chor der Welt und ich bin bisweilen geneigt, mich dieser Ansicht anzuschließen. Auch diese Aufnahme ist vom Chorischen her tadellos. Klangkraft, Expressivität, Homogenität, Flexibilität - alles vereint sich (auch) hier auf herrliche Art und Weise. Gleiches gilt für die - wie immer - grandios aufspielenden English Baroque Soloists. Allerdings habe ich beim Hören dieser Aufnahme oft das Gefühl, dass bestimmte interpretatorische Elemente von Gardiner überstrapaziert werden (überdeutlich vorgeführte dynamische Gegensätze; insgesamt gezwungen "zackige" Rhythmik usw.). Das hat dann - ich kann mir nicht helfen - bisweilen etwas Maniriertes, einen gefühlten akademischen Zeigefinger, der den Zuhörer wissen lässt: "So und nur so geht's!" Finde ich schwierig, zumal Gardiner dann doch nicht ganz kosequent historisch informiert musiziert, denn die Ouvertüre, die hier gespielt wird, gehört zum "Funeral Anthem", nicht zur zweiaktigen Version des Werkes. Doch mag man das - wie immer - vollkommen unterschiedlich empfinden. Größtes Problem der Aufnahme sind - wie auch bei Christophers - die Solisten, und zwar ausnahmslos. Von den beiden Bässen schweige ich höflich, Ruth Holton rettet nichts, Michael Chance gelingt noch am ehesten eine schöne, ja sogar verinnerliche Wiedergabe der Arie "Thou shalt bring the in". Auch wenn ich mächtig Gegenwind erwarte, so meine ich doch: Diese Aufnahme braucht man nicht unbedingt.

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Eine Überraschung für mich war indes der Mitschnitt einer Aufführung unter der Leitung von Anthony Bramall in Karlsruhe vom 26. Februar 2006, der bei Brilliant erschienen ist. Bramall bringt die dreiaktige Fassung. Die Darstellung sprüht vor Musizierfreude, zeigt einen beachtlichen Sinn für Struktur und Dramatik des Werkes, die Bramall in Verbindung mit dem leider etwas zu kleinen, aber insgesamt doch erfreulich überzeugenden Chamber Choir of Europe und dem bestens aufgestellten Orchester der Deutschen Händel-Solisten vollkommen auf Augenhöhe mit renommierteren Händel-Exegeten präsentiert. Er entscheidet sich für eine straffe, saftige und druckvolle Darstellung des Werkes, wobei es erfreulich selten mit ihm durchgeht (lediglich im berühmten Hagel-Chor oder in "And with the blast of thy nostrils", die er deutlich zu flott nimmt). In seiner Vehemenz höchst eindrucksvoll ist der Orchestersatz des großen Chores "The people shall hear", bei dem sich das Gefühl einstellt, die Streicher stünden kurz vor dem Zerbrechen ihres Instruments. Das muss vielleicht nicht sein, zeitigt aber doch einen kaum abstreitbaren dramatischen Effekt. Und auch die Solisten gefallen mir recht gut. Sie sind weitgehend trefflich besetzt (echte Bässe!) und sehr engagiert bei der Sache. Lediglich der mittlerweile recht bekannte Counter Tim Mead will mir nicht so recht gefallen.

Daneben gib es aber noch eine Anzahl von Einspielungen (auf CD und Vinyl), die ich nicht kenne, schließlich gehört "Isreal in Egypt" zu den am häufigsten aufgenommenen Oratorien Händels. Von Goehr, Bopple, Jochum und Currie über Hausschild, Abravanel, Preston, Cleobury, Gardiner I bis hin zu Mallon, Pao, Dijkstra, Budday, Speck und Max (Mendelssohn-Fassung) gäbe es da noch einiges zu entdecken oder zu berichten.

:hello Agravain
Wooster (06.12.2012, 22:31):
Die Mendelssohn-Fassung unter Max gibt es z Zt. für einen Zehner bei jpc. Ich war in Versuchung geführt, habe es aber nach Anhören der Schnipsel dann doch gelassen. Es sind etliche Stücke gekürzt, dafür wurden (ich weiß nicht mehr, ob von Mendelssohn) zusätzliche Tenor-Rezitative eingefügt. Das Hauptproblem ist m.E., dass wohl aus finanziellen Gründen ein relativ kleiner Chor & Orchester verwendet wurde, nicht mehr als man für die Originalfassung ansetzen würde. Von der in den 1830ern erstrebten Über-Monumentalisierung ist nichts zu hören.

Angesichts des Preises und weil es die dreiteilige Fassung ist, ist Parrott sicher eine gute Empfehlung, auch wenn ich sie nicht so hoch einschätze und bei den Solisten einige Schwachpunkte finde. Die genannte Gardiner-Aufnahme habe ich auch behalten; ich müsste da mal wieder reinhören; die Solisten sind weitgehend schwach, aber die Chöre erschienen mir teils packender als bei Parrott.
Weil es meine erste Einspielung war und weil ich die Solisten insgesamt wohl noch am besten finde, habe ich auch noch Mackerras (Archiv, 1970er) im Besitz. Die zweiteilige Fassung mit einer Ouverture aus einem anderen Händelschen Werk eingeleitet. Der Chor ist groß, vermutlich semiprofessionell und sicher nicht so knackig wie bei den späteren HIPisten, aber auch nicht so verwaschen, dass es mich stören würde.

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Das Beiheft ist sehr informativ und listet alle Entlehnungen Händels. Diesem Punkt vor einigen Wochen mal etwas nachgegangen bin.
Außer eigenen Werken (etwa zwei Cembalofugen, die zu "they loathed to drink" und "he smote all the firstborn of Egypt) wurden, sind die Hauptquellen ein 8stimmiges Magnificat des sonst wohl ganz unbekannten Komponisten Dionigi Erba (vermutlich in den 1690ern komponiert) und eine pastorale Serenata von Stradella "Qual prodigio" (1670er?), die man unter dem youtube-link komplett anhören kann. Gleich die Ouverture wird einem bekannt vorkommen... Die Partitur zu dem Erba-Magnificat und auch dem Stradella findet man bei IMSLP, da sie Chrysander schon im Anhang seiner Händel-Ausgabe drin hat. Das Erba-Stück ist aber anscheinend nie eingespielt worden. Händel muss einige kürzere Chorstellen beinahe 1:1 übernommen haben, leider reichen meine Lesefähigkeiten nicht aus, um das bei komplexen und umtextierten Chorstücken nachzuvollziehen. Bei einer oder zwei Arien kann man Motive dagegen deutlich wiedererkennen. Bei allem, was so ausgegraben wurde, wundert mich, dass niemand mal dieses Magnificat eingespielt hat, denn so schlecht kann es nicht sein, wenn ein Drittel davon in "Israel in Egypt" auftaucht...

Im Falle des Stradella wurden die Entlehnungen dagegen, soweit ich es höre, recht kreativ eingesetzt: Das Motiv aus der Ouverture ist nur die Begleitung zu dem Chor (und außerdem ein ziemliches Allerweltsmotiv). Dass das wunderschöne Motiv bei "he led them forth like sheep" von Stradella stammt, mag einen etwas enttäuschen, aber in der Vorlage wird es in schnellerem Tempo ritornellmäßig wiederholt und hat keineswegs die poetische Wirkung wie in dem Händelschen Chorstück.

Erstaunlich finde ich allerdings, dass Händel zwei ca. 40-70 Jahre alte Werke bei sich rumliegen bzw. mal abgeschrieben hatte, davon eines von einem wirklich obskuren Komponisten. Die Stradella-Serenata könnte er in seiner italienischen Zeit 30 Jahre vorher, als er selbst solche Stücke schrieb, kennengelernt haben.

"http://www.youtube.com/watch?v=9jSdWkkqcbg"
Agravain (07.12.2012, 07:37):
Oh ha, da habe ich in der Aufregung tatsächlich Sir Charles Mackerras' 1970er Aufnahme des Werkes vergessen vorzustellen. Was für ein Fauxpas!
Wie schön, dass das postwendend für mich erledigt wurde. Dafür meinen Dank!

Zu der Frage der Solisten. Es gibt ja sowohl in der Kritik als auch in der musikalisch ausgerichteten Forenwelt immer mal Criticos und Forianer, die es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht haben, die Besetzung der Solopartien in Händels Oratorienaufnahmen geradezu gebetmühlenartig als mittelmäßig zu beweinen, in der Hoffnung die ewige Wiederholung möge dem sehr subjektiven Argument (= "Ich mag's nicht") ein Gran an objektivem Schein zu verleihen. Man hat oft den Eindruck, ein Rezensent jener Güte erwarte grundsätzlich die Quadratur des Kreises und sei jedes Mal aufs neue überrascht, dass sie nicht gelingt.
Auch wenn ich dergleichen in der Regel eher amüsiert verfolge, zumal man ja bei dem einen oder anderen diese Klage schon vorhersagen kann und versucht ist, das virtuelle Riechfläschchen anzubieten, so muss ich, was die Solistenfrage angeht, dieses Oratorium betreffend leider - es ist mir schon beinahe peinlich - in den Reigen der Klagenden einstimmen (s.o.).

Parrotts Besetzung macht mich (auch vor dem Hintergrund einer dreißigjährigen Erfahrung als Chorist und Solist) allerdings durchaus glücklich. Einem anderen wiederum mag das nicht so gehen. Am Ende wird eine ernstzunehmende Diskussion dieses Punktes bereits im Vorfeld an der bloßen Geschmacksfrage scheitern. Ist meine Vorstellung von Händel-Gesang auf dem Stand von bzw. 1956 oder 1970 stehen geblieben, dann werden mir neuere Händel-Sänger wahrscheinlich nicht gefallen. Punkt. Da gibt es nichts zu rütteln, zumal ein jeder hören mag und darf, was er will. Am Ende ist es immer der Hörer, der in jedem Einzelfall entscheiden muss.

Zur Mendelssohn-Aufnahme. Ich finde es ja in der Regel genau so unerfreulich, wenn eine Aufnahme nach ihren Hörschnipseln beurteilet wird, wie - sagen wir mal - die Abqualifizierung der Gesamtleistung eines Sängers, Ensembles oder eines Dirigenten aufgrund der Kenntnis einer einzigen Aufnahme oder Aufführung. Ich halte es lieber so: Entweder ich höre etwas komplett oder ich halte mich lieber zurück. Sonst bewege ich mich auf dem durchaus angreifbaren Terrain eines Kritikers, der die Opernvorstellung in der Pause verlässt. Im Falle der oben erwähnten Max-Aufnahme kann ich jedoch verstehen, wieso abgeraten wird. Hier sind die Schnipsel tatsächlich einmal so entlarvend, dass deutlich wird, dass aus historischer Perspektive an Mendelssohns Idee (z.B. 100-200 Sänger) schlicht vorbei gearbeitet wurde. Insofern scheint das Max'sche Projekt von Beginn an zum Scheintern verurteilt gewesen zu sein.

:hello Agravain
palestrina (21.12.2012, 23:07):
Hallo Agravain !

Vielen Dank für den Tipp , IiA aus Karlsruhe , war ja ein super Schnäppchen.
Und ganz wunderbar!!!!!

LG palestrina
Agravain (22.12.2012, 07:23):
Original von palestrina
Hallo Agravain !

Vielen Dank für den Tipp , IiA aus Karlsruhe , war ja ein super Schnäppchen.
Und ganz wunderbar!!!!!

LG palestrina


Lieber palestrina,

schön, dass meine kleiner Hinweis noch für eine angenehme Erweiterung Deiner Händel-Sammlung sorgen konnte!

:hello Agravain
Yorick (22.12.2012, 10:08):
Original von Agravain
Original von palestrina
Hallo Agravain !

Vielen Dank für den Tipp , IiA aus Karlsruhe , war ja ein super Schnäppchen.
Und ganz wunderbar!!!!!

LG palestrina


Lieber palestrina,

schön, dass meine kleiner Hinweis noch für eine angenehme Erweiterung Deiner Händel-Sammlung sorgen konnte!

:hello Agravain

Ja, da habe ich auch gleich zugeschlagen! Aber ich muss ehrlich sagen, ich hatte Skrupel: Für fünf Mäuse ... ne, ne, ne ... man kommt sich wie ein verbrecher vor ...
Agravain (22.02.2013, 16:47):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51ecNa3wQyL._SL500_AA300_.jpg

Dijkstra (2008) - Rosemary Joshua, Atsuko Suzuki, Gerhild Romberger, Kobie van Rensburg, Simon Pauly, Thomas Hamberger, Chor des Bayerischen Rundfunks, Concerto Köln

Zwei Jahre nach Anthony Bramalls Live-Aufnahme entstand diese Einspielung unter der musikalischen Leitung von Peter Dijkstra, die aus Mitschnitten zweier Aufführungen im Münchener Prinzregententheater zusammengestellt wurde.

Auch Dijkstra entscheidet sich für dreiteilige Fassung des Werkes, wobei er – ich verstehe den Sinn dahinter nicht wirklich – dann wieder einige Sätze streicht, darunter den großen Chorsatz „And Egypt was glad when they departed“ und den in seiner Tonmalerei höchst gelungenen Chor „The depths have cover’d them“. Nun, es ist meines Erachtens nicht die einzige Fehlentscheidung, die Dijkstra trifft. Tatsächlich hatte ich beim Hören dieser Aufnahme durchweg den Eindruck, einer irgendwie unausgegorenen Interpretation zu lauschen, einer Interpretation, der der berühmte rote Faden fehlt. Beispielsweise wählt Dijkstra fast für jeden Satz ein eher ungewöhnliches Tempo. Das muss ja an sich nicht schlecht sein, wenn es denn wenigsten einen Erkenntnisgewinn mit sich brächte. An dem ist es allerdings mE nicht. Vielleicht erreicht es mich aber auch nicht. Zu Beginn dachte ich: „Oh, großartig!“ Was für eine eindrucksvolle Darstellung des großen Eingangschores („The sons of Israel do mourn“): erhaben, breit, episch – ein echter Klagegesang. Dann aber der nächste Chorsatz: „How is he mighty fall’n“. Dijkstra bleibt fast in dem vorherigen Tempo und ist damit mE deutlich zu langsam, was dazu führt, dass der Satz musikalisch und strukturell fast auseinander bricht. Dergleichen passiert nicht nur einmal. Befremdlich finde ich auch manches andere, was Dijkstra macht. So hat er mE immer wieder die Tendenz im Orchester (speziell die Streicher) übertrieben kurz artikulieren zu lassen, sodass die Linie („When the ear heard him“) verloren geht. Dann wieder wird mE der Affekt nicht selten verfehlt, gerade so als hätte keine Auseinandersetzung mit dem Text stattgefunden. So wird beispielsweise aus „The land brought forth frogs“ eine harmlos-heitere Idylle, in der die Fröschlein gemütlich herumhüpfen. An die ägyptischen Plagen kann ich beim Hören dieser Interpretation nicht so recht denken. Das an sich verinnerlichte Duett „The Lord is my strength“ dient wiederum als Schauplatz für (nicht sonderlich schön gesungene) Verzierungskunst, einer der spannungsreichsten Chöre Händels („The people shall hear“ – Chromatik!) wird im Schnellverfahren durchgehechelt, der Hymnus des Finales („The Lord shall reign forever“) klingt müde. Nein, überzeugen kann mich das nicht.

Auch die Ausführenden begeistern mich nicht wirklich. Der Chor des Bayerischen Rundfunks, den ich an sich wirklich schätze, spricht mich hier nicht an. Der Klang ist muffig (das mag dem Aufnahmeort geschuldet sein), etwas unklar, dicklich, sehr weich und ohne jenen satt-metallischen Klang, auf den verschiedene britische Spitzenchöre bei Bedarf zurückgreifen können. Und diesen Bedraf gibt es in diesem Oratorium verhältnismäßig oft. Man vergleiche ganz einfach einmal den Einsatz des vollen Chores bei „Moses and the children of Israel“ hier mit dem Einsatz des Monteverdi Choirs oder des Tavener Choirs. Wo diese beiden Ensembles in einem glasklaren, satten Forte einsetzen, das sofort mit einer solchen Prägnanz steht, als sei es per Knopfdruck eingeschaltet worden, da kommt dieser Chor mit einem in Watte eingekleideten fluffigen Forte daher, das dem Satz mE schlicht nicht gerecht wird. Und so gelingen auch die dramatischen Chorsätze in meinen Augen nur selten. Die Chorsätze, in denen sich Händel am Stile antico orientiert, finde ich indes meist recht gut gelungen.

Die Solisten machen mich auch nicht wirklich glücklich: Rosemary Joshua hat eine schöne Stimme mit leichter Höhe und einem recht deutlichen Vibrato. Im Duett mit Atsuko Suzuki („The Lord is my strength“), deren Timbre und vornehmlich mit Kraft erreichte Höhe mir nicht so recht gefällt, wird allerdings so stark vibriert, dass bei den Triolenkoloraturen nicht mehr klar ist, ob da wirklich Triolen gesungen oder einfach ausgiebig vibriert wird. Gerhild Rombergers Alt klingt mir deutlich zu matronenhaft, zu schwer, irgendwie moppelig. Kobie van Rensburgs Tenor klingt insgesamt sehr flach, sitzt weit vorne und bringt wenig Körper, wenig Substanz mit. Darüber hinaus gefällt mir sein Hang zur Überakzentuierung nicht („He turned their water into blood“). Die beiden Bässe Simon Pauly und Thomas Hamberger meistern ihr großen Duett „The Lord is a man of war“ ordentlich, sodass ich über gelegentliche phonetische Aussetzer gut hinwegsehen kann.

Das Concerto Köln spielt - wie eigentlich immer - hervorragend.

Mein Fazit: Keine Alternative zu Parrott.

:hello Agravain
palestrina (22.02.2013, 18:37):
Hallo Agravain !
Du wirst es nicht glauben, aber vor 1Stunde hatte ich die CD in den Händen .
Ich habe hinein gehört und die Chöre gefielen mir nicht, und die Sänger Leistungen
waren auch nicht das gelbe vom Ei.
Vorallem war ich von R. Joshua sehr enttäuscht.
Aber das war ja alles auch dein Kommentar, Geld gespart !
Aber ich habe es dann anderweilig ausgegeben! Habe mir div . Schostakowitsch
Symphonien zugelegt, mein Einstand (kaum zu glauben) und habe in der Bahn die
1.Symphonie gehört, fantastisch !!!!!!
Wie so ichdas nicht früher getan habe, weiss der Geier!!!
Mit Sanderling sind die Aufn.

LG palestrina
Wooster (23.02.2013, 14:22):
Gibt es irgendeine Begründung für das Streichen der Nummern?
Agravain (03.03.2013, 21:17):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51IpPCjstiL._SL500_AA300_.jpg

Cao (2010), Julia Doyle, Martene Grimson, Robin Blaze, James Oxley, Peter Harvey, Stephan MacLeod, Arsys Bourgogne, Concerto Köln

Eine der jüngsten Einspielungen von „Israel in Egypt“ entstand 2009/10. Sie ist zusammengestellt aus Mitschnitten dreier Konzertmitschnitte. Der auf der Packung befindliche Verweis darauf, es handele sich um die Fassung 1739 ist irreführend, denn es ist mitnichten Händels ursprüngliche dreiteilige Konzeption, die hier erklingt, sondern eine zweiteilige, wobei es sich auch nicht um die Aufführungsversion der „Academy of Ancient Musick“ aus eben demselben Jahre handeln kann, da zum einen die Ouvertüre erklingt (die zur dreiteiligen Fassung gehört) und die Stücke des Druckes 1739, die eigentlich fehlen müssten nicht fehlen. Also ein editorischer Mischmasch.

Die Aufnahme selbst spricht mich nur sehr bedingt an. Zum einen liegt as an den eher extremen Tempi Pierre Caos. So wählt Cao oft – mE zu oft – sehr breite Tempi. Warum? Ich weiß es nicht. In meinen Ohren hört es sich an, an solle der Musik – ein alter Trick – durch die langsame Gangart ein besonderes Maß an Bedeutung verliehen werden. Der Trick ist hier nicht nötig und geht auch nicht auf. Statt der erwünschten Aufladung kommt es zu Verfestigung, statt Bewegung höre ich Statik. Schon der Eingangschor ist sehr langsam. Hinzu kommt Caos Marotte, Einzelnoten sehr stark von einander absetzen, ja schon fast stakkatieren zu lassen („They oppressed them with burdens“). Das ist bisweilen nicht schön, bisweilen finde ich es geradezu grotesk („He spake the word“). Langsam, ohne Linie, ohne Bewegung, nicht selten zerfallend („He sent a thick darkness“) und durchweg vertikal. Das ist die eine Seite. Die andere ist ein bisweilen dermaßen flottes Tempo, dass der Chor durchaus seine Probleme hat, die notierten Koloraturen präzise zu singen (besonders deutlich in der großen Fuge „I will sing unto the Lord“). Eine runde Tempodramaturgie ist das mE nicht.

Dazu kommt, dass Cao – von wenigen Ausnahmen abgesehen („But the waters overwhelmed their enemies“ – hier feiert der Paukist des Concerto Köln ein Fest) – mE vollkommen der Sinn für die Dramatik dieser Musik fehlt. „He spake the word“, „He smote all the firstborn of Egypt“ und selbst „He gave them hailstones“ plätschern eher dahin, der Chor beschwört nicht plastisch die ägyptischen Plagen, sondern scheint darauf gedrillt, die apokalyptischen Geschehnisse leicht, locker und tänzerisch durchzusingen. Das mag im Sinne irgendeines Chorklangdogmas sein, an Händel singt dieser Chor auf Caos Geheiß hin allerdings vorbei. Insofern ist dieser Aufnahme für mich gescheitert.

Die Solisten überzeugen mich nicht alle. Julia Doyle überzeugt mich sowohl im Duett „The Lord is my strength“ als auch in der Arie „Thou didst blow with the wind“ mit hellem Sopran, der auch in der Höhe gut klingt und immer gut geführt ist. Martene Grimson - ihre Partnerin im Duett - hingegen schafft die Höhe nur mit Kraft, ist dann laut und fängt unangenehm stark an zu virbrieren. Robin Blaze gefällt mir an sich gut, wobei es ihm aber in „Their land brought forth frogs“ etwas an Klangkraft und Ausdrucksvermögen (Ekel höre ich hier nicht) mangelt. Tenor James Oxley spricht mich durchweg an, seine Wiedergabe der Arie "The enemy said" ist mE hervorragend. Peter Harvey singt seinen Teil des Bass-Duettes „The Lord is a man of war“ sehr ordentlich, Stephan MacLeod hingegen gefällt mir hier – wieder einmal – überhaupt nicht. Flackerndes Vibrato, etwas kernlose Stimme mit sehr kartoffeligem, wenig prägnantem Klang. Ich frage mich auch hier wieder, was man an dieser Stimme finden kann.

Das Spiel des Concerto Köln spielt gut, aber - vielleicht aufgrund des unrunden Dirigats - nicht ganz so mitreißend wie bei Dijkstra.

:hello Agravain