Händels "Brockes-Passion": Ein zu unrecht verkanntes Juwel?

Papageno (27.08.2009, 18:02):
Hallo, meine hochgeschätzten Mitforianer!

Kennt einer von euch die "Brockes-Passion" (HWV 48) von Georg Friedrich Händel, die dieser im noch relativ jungen Alter von 34 Jahren, also 1719, komponiert hat? Die Textvorlage stammt von dem Hamburger Dichter Barthold Heinrich Brockes und trägt den Originaltitel "Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus" (1712). Abgesehen von Händel, haben zahlreiche Komponisten sich an diese unkonventionelle Dichtung herangetraut, so auch z.B. Reinhard Keiser (1712), besser bekannt mit seiner deutschen Barockoper "Croesus", und Georg Phillip Telemann (1716).
Mir gefällt an diesem Werk besonders, dass es sich in seinem Wortlaut, anders fast alle anderen Passionsoratorien, nicht im entferntesten nach der Bibel richtet. Dies stellt eine willkommende Abwechslung zu besser bekannten Werken, wie z.B. Händels "Messias" oder Bachs "Johannes-Passion", dar. Allerdings ist der Wortlaut aufgrund der freien Gestaltung in typischer Barockmanier teilweise sehr drastisch, speziell, wenn es um die Verdeutlichung des Folterungsaktes geht. Auf der anderen Seiten kann man sich die Qualen Jesu somit in ihrer ganzen Scheußlichkeit aufs Beste vorstellen. Eine weitere Folge dieser freien Textform ist die legitimierte Einführung zweier bibelfremder Charaktere: Zum einen die "Tochter Zion", die für Jerusalems Sicht der Dinge steht und zum anderen die "Gläubige Seele", die stellvertretend für jeden gläubigen Christen steht. Diese beiden Figuren kommentieren das Geschehen jeweils aus ihrer Sicht, genauso, wie ein römischer Hauptmann, der an Jesu Kreuzigung maßgeblich mitbeteiligt war. Dieser muss am Ende bekennen, dass sich sein "Felsenherz" durch das gewaltige Opfer Jesu letztendlich doch noch erweicht hat und er ergo erkennt, dass Jesu Sterben seine Seele "aus dem Verderben" reißt.
Zwar kommt dem Chor in diesem Oratorium erstaunlicherweise keine besonders tragende Rolle zu, wie dies bei anderen opi derselben Gattung meistens der Fall ist, aber die immer wieder neue und facettenreiche Gestaltung der einzelnen Rezitative und Arien machen dieses Werk zu etwas Besonderem. Am besten gefällt mir dieses Stück jedoch deswegen, da es ohne viel Zierrat und Schnörkel auskommt, wie dies bei Bach oftmals nicht der Fall ist. Es ist meistens recht schmucklos gehalten und für mich somit dem Situations-Anlass mehr als entsprechend.

Wer dieses Werk dieses Jahr live, oder im Fernsehen, mit dem Collegium Vocale Gent und der Akademie für alte Musik Berlin unter dem Dirigat von Marcus Creed erlebt hat, kann sich wirklich glücklich schätzen. Ich habe die Fernsehausstrahlung sofort mitgeschnitten und mir den Ton auf CD gebrannt. Eine bessere Ensemblebesetzung kann ich mir kaum vorstellen. Ich glaube nicht, dass es davon eine offizielle CD gibt. Viel Positives habe ich jedoch auch bereits über die DGG-Aufnahme mit dem Domchor Regensburg und der Schola Cantorum Basiliensis unter dem Dirigat von August Wenzinger gelesen.

Ich bin gespannt auf eure Gedanken zu diesem Stück!

Ganz liebe Grüße, euer Jan! :-)

http://www.bach-cantatas.com/Pic-Other-BIG/Handel-Brockes-Passion-Wenzinger-2%5BArchiv-3CD%5D.jpg

(Bildquelle: www.bach-cantatas.com)
Armin70 (16.12.2009, 05:44):
Hallo,

die "Brockes-Passion" ist zu Recht ein wichtiges Werk in Händels Oratorien.
Händel gestaltet in seiner gewohnten expressiven Musiksprache die erzählenden Rezitative und die kurzen liedhaften Arien sehr abwechslungsreich. Zudem reagiert er sehr präzise in seinem musikalischen Ausdruck in abwechslungsreichen Orchesterbesetzungen.

Im Unterschied zu anderen Passionsvertonungne kommen in der "Brockes-Passion" noch neue Charaktere hinzu, z. B. "Tochter Zion" (steht für Jeruslaem) und die "Gläubige Seele" (steht für das Indivduum).
Brockes barocke Textvorlage in ihren z. T. drastischen Schilderungen und Ausdrucksformen bietet für Händel eine ideale Vorlage, um sein dramaturgisches musikalisches Gespür auszukosten.
Papageno hat schon drauf hingewiesen, dass dem Chor in der "Brockes-Passion" einen eher kleinen Part hat. Die Chorpartien sind als eher kürzere Volkschöre gestaltet. Aber auch der protestantische Choral findet man dort wieder.
Die "Brockes-Passion" wurde in der Karwoche 1719 in Hamburg uraufgeführt. In dieser gleichen Woche wurden noch Passionsmusiken von Johann Mattheson, Reinhard Keiser und Georg Philipp Telemann, die auch alle auf Barthold Heinrich Brockes Dichtung basieren, aufgeführt.
Übrigens basiert auch ein kleiner Teil des Textes von J. S. Bachs Johannespassion auf Brockes Passions-Dichtung.
Später im Laufe des 18. Jahrhunderts vertonten noch Johann Friedrich Fasch und Gottfried Heinrich Stölzel ebenfalls Brockes-Passion.

Ausser der von Papageno genannten Aufnahme gibt es noch folgende der "Brockes-Passion", die ich selbst besitze und die ich recht gelungen finde. Die deutsche Aussprache der z. T. aus Ungarn stammenden Solisten ist gut und es handelt sich zwar um einen Amateur-Chor, der aber seinen Part sehr diszipliniert und ohne irgendwelche Beanstandungen bewältigt. Ausserdem ist Nicholas McGegan ist ja auch ein Barock-bzw. Händelspezialist.



Diese Aufnahme besitze ich nicht:



Nach neusten Erkenntnissen stammt die auf dieser Aufnahme enthaltene und Händel zugeschriebene Johannes-Passion aus dem Jahre 1704 wohl entweder von Gerd Böhm (1661 - 1733) oder von Christian Ritter (1645 - 1725).

Weitere Aufnahmen mit Vertonungen der "Brockes-Passion", die ich aber nicht kenne.

1. Georg Philipp Telemann:



2. Georg Heinrich Stölzel:



3. Johann Friedrich Fasch:
Jürgen (16.12.2009, 09:46):
Hallo Armin,

die beiden Händel-Brockes-Passion-Aufnahmen, die Du gelistet hast sind identisch. Brilliant hat die Lizenz von Hungaroton erworben.
Ich habe diese Aufnahme auch. Ich habe sie einmal gehört und da ich mit ihr nicht warm wurde, seither nicht mehr.
Das Fragezeichen hinter der Frage, ob diese Passion ein Juwel sei, möchte ich bis ich meine Aufnahme noch einmal gehört habe erst mal so stehen lassen.

Grüße
Jürgen
Wooster (16.12.2009, 13:03):
Händels Brockes-Passion ist zwar für den Fan gewiß hörenswert, aber für mich kein ganz unproblematisches Werk. Das beginnt mit der Ouverture, zwei Sätzen, die wir später in einem Konzert aus op.3 wiederfinden und die so gar nichts mit dem Passionsaffekt zu tun haben.
Der folgende Eingangschor ist zwar ziemlich gut und es gibt im Verlauf natürlich auch viele gelungene Stücke, aber ingesamt kann es doch eine gewisse Geduldsprobe sein. Ich finde es weder so überzeugend und packend wie die frühen Chorwerke, die er in Italien schrieb (Dixit Dominus usw.) noch wie die späten Oratorien.

:hello

Wooster
Agravain (17.12.2009, 08:14):
Original von Wooster
Händels Brockes-Passion ist zwar für den Fan gewiß hörenswert, aber für mich kein ganz unproblematisches Werk. Das beginnt mit der Ouverture, zwei Sätzen, die wir später in einem Konzert aus op.3 wiederfinden und die so gar nichts mit dem Passionsaffekt zu tun haben.
Wooster

Ich erinnere mich auch daran, die Brockes-Passion im Grunde nur einmal gehört zu haben. Ich glaube, ich war an dem Tag auch nicht so recht in Stimmung dafür und fand sie nicht so recht beeindruckend. Ich muss es im Zuge meiner gegenwärtigen "Händel-Mania" noch mal versuchen. :D

Die Tatsache, dass Händel Teile der Ouvertüre später wiederverwertet hat, finde ich nicht ganz so problematisch, da dass zu der Zeit ja gang und gäbe war (Parodieverfahren). Auch Bach hat wie wir wissen für seine 1731 aufgeführte Markus-Passion ja Teile aus der (eher) weltlichen Trauer-Ode auf das Ableben der Gemahlin August des Starken genutzt.

Viele Grüße

Agravain :hello
Wooster (17.12.2009, 10:14):
Das Wiederverwenden finde ich prinzipiell auch nicht problematisch. Eine Trauerode ist jedoch im Affekt recht nahe an einer Passion. Händel hat z.B. die Funeral Ode für Queen Caroline "The ways of Zion do mourn" als 1. Teil von Israel in Egypt (in der dreiteiligen Version) verwendet.
Aber diese Orchestersätze passen im Affekt überhaupt nicht zu einer Passion.

Ich habe mich mit der Brockes damals auch während einer kleinen Händel-Manie befaßt, will auch gar nicht bestreiten, daß sie schöne Stücke enthält. Aber es gibt m.E. auch unter den weniger bekannten Werken Händels anderes, was mir aussichtsreicher als Wiederentdeckung scheint.

Wooster