Händels Oratorien

martin (20.03.2006, 23:48):
Es ist mir eine Freude, diesen noch völlig unbetretenen Bereich dieses Forums mit einem Thema einzuweihen, das mir so ganz besonders am Herzen liegt, nämlich Händels Oratorien.

Ich finde, was ich von Händels Oratorien hörte, einfach großartig.

Das bekannteste ist natürlich der Messias, den habe ich in einer Aufnahme mit Sir Collin Davis ( der älteren, die soll besser sein). Der Klassiker schlechthin.

Dann aber auch die anderen Oratorien. Theodora liebe ich heiß und innig, ein wunderbares Werk, desgleichen Semele. Judas Maccabeus konnte diesen beiden Favoriten noch nicht den Rang ablaufen. Ich habe diese Oratorien mit Johannes Somary. Sie sind bei Brilliant erschienen, ich kann sie sehr empfehlen. Solomon war auch dabei, dem konnte ich noch nicht soviel abgewinnen, was vielleicht auch an der Stimmbesetzung liegt ( der Solomon wird dort von einem Baß gesungen, in Wirklichkeit ist diese Stimme wohl für einen Mezzo vorgesehen, wie es in neueren Aufführungen auch der Fall ist)

Israel in Egypt habe ich auch, mit Preston, teilweise sehr eindrucksvoll.

Mein Liebling unter den Oratorien neben Messias, Theodora, Semele ist aber auf jeden Falll die Jephta, ein großartiges Oratorium, das in der Brilliant Masterworksbox in einer sehr guten Aufnahme enthalten ist. Dieses war das letzte Oratorium Händels, dabei erblindete er. So ist denn tragischerweise wohl der letzte Teil des letzten dritten Aktes wohl nicht mehr so eindrucksvoll geraten, wie es Händel gemäß gewesen wäre. Sehr schön ist auch Acis und Galatea, auch ein Oratorium glaube ich, das ich aber auch schon in einer Opernaufführung gesehen habe, weil es, wie manche Oratorien Händels, geradezu nach einer szenischen Aufführung schreit,

Aber es gibt sicher noch so einiges, was ich unbedingt kennen lernen muß, Samson zum Beispiel.

Gruß Martin
Rolf Scheiwiller (21.03.2006, 08:14):
Lieber Martin. Auch ich bin seit vielen Jahzehnten ein ganz auf Haendel Versessener!! Es gibt kein Oratorium und keine Oper die ich nicht auf Tontraeger habe.. Im Opernhaus habe ich lediglich mit Harnoncourt den Giulio Cesare gesehen. Vor 20 Jahren.
Auf Hyperion gibt es einige der besten Interpretationen. Mit Robert King und seinem Consort. Aber alles Hochpreis.
Du kennst sicher sein beruehmtes Orat. Judas Maccabaeus? Das mit der Melodie von einem unserer Weihnachtslieder. Tochter Zion freue Dich.
Es gibt noch viel Schoenes.
Freundliche Gruesse.
Rolf.
martin (21.03.2006, 15:27):
Lieber Rolf,

also auch für mich ist Händel wohl mein Lieblingskomponist, aber soweit wie Du, daß ich nun alles und jedes von ihm kennte, habe ich es noch nicht getrieben und das Oevre von Händel ist ja auch nicht eben klein. Und übrigens ist ja auch heute, soweit ich weiß, noch nicht alles auf CD erschienen.

Selbstverständlich kenne ich den Judas Maccabeus, das hatte ich ja schon gesagt.

Ich weiß auch nicht, ob wirklich alles von Händel gut ist. Vor einiger Zeit hörte ich die Oper Imenoeo ( ist in meiner Händel Masterworksbox enthalten) und sie hat mir nicht gefallen. Faramando dagegen gefiel mir schon wesentlich besser, da sind einige sehr schöne Stücke drin.

Auf der Bühne habe ich vor gar nicht so langer Zeit den Giulio Cesare gesehen ( in der Hamburgischen Staatsoper). Dann vor etwas längerer Zeit Acis und Galatea in der Hamburger Musikhochschule, wo es auch sehr schöne Aufführungen gibt.

Kennst Du eigentlich "Händel" von Leichtentritt? Das ist ein ziemlich voluminöses Buch ( über 800 Seiten glaube ich, ziemlich großformatig), in dem wirklich alle Werke von Händel relativ detailiert besprochen werden. Das Buch ist etwa von 1924, wenn ich mich richtig erinnere, ich glaube so einen dicken Klopfer über Händel gibt es heute gar nicht mehr. Ich kannte ihn aus der Hamburger Bücherhalle, wo ein ziemlich zerfleddertes Exemplar herum liegt, und habe es mir dann via Internet kommen lassen. Kostete 30 Euro, das ging noch. Allerdings muß man sagen, daß Leichtentritt den allergrößten Teil dessen, worüber er schrieb, nie gehört haben wird, da war er wohl völlig auf seine Phantasie angewiesen. Das Buch ist ziemlich lebendig geschrieben, oft treffend ( manchmal vielleicht auch nicht so) und verbindet fortwährend dramatische Handlung mit dramatischen Ausdruck. Ich kanns empfehlen.

Wenn Du mal danach schauen willst: Bei * oder * findest Du Zugang zu allen Antiquariatsbuchhändlern, die ihre Bücher im Internet verkaufen. Aber unbedingt beide Adressen ausprobieren, weil das Angebot durchaus nicht deckungsgleich ist!

Nach Absprache mit Martin habe ich den Beitrag geändert! Die Links gibt er Dir per post! Rachmaninov

Herzliche Grüße
Martin
Rolf Scheiwiller (21.03.2006, 18:25):
Lieber Martin. Entschuldige bitte, dass ich einiges in Deinem schoenen Beitrag uebersehen habe. Bin halt schon recht alt....
Es stimmt sicher, dass bei Haendel nicht alles gleichrangig ist. Von der Wiederverwertung mal ganz abgesehen.
Aber das hat mich noch nie gestoert.

Also besten Dank.
Gruss. Rolf.
martin (22.03.2006, 15:26):
Lieber Rolf,

ich weiß nicht, ob Du etwas übersehen hast, das macht doch auch nichts. Es würde mich nur freuen, von Dir mehr über Händel zu erfahren, denn man trifft nicht jeden Tag jemanden, der soviel Händel gehört hat wie Du!

In diesem Sinne, laß uns doch noch ein wenig weiter über Händel plaudern! Welche Oratorien oder Opern kennst Du, welche guten und vielleicht auch günstigen CDs, die ich bisher ( vielleicht) übersehen habe?

Kennst Du zum Beispiel den Samson? Aus diesem Oratorium kenne ich nur "Totale Eclipse". Dieses Oratorium soll sehr schön sein und ich bin noch auf der Suche nach einer guten und möglichst preisgünstigen Aufnahme.

:rofl

Herzliche Grüße
Martin
Rolf Scheiwiller (23.03.2006, 07:38):
Guten Tag Martin.
Ich weiss gar nicht wo ich beginnen soll...
Ja, SAMSON ist wirklich ein hochdramatisches Werk. Das beruehmteste Stueck ist unmittelbar am Schluss des Orat. Die Sopranarie Let theBright seraphim!. Diese Arie wurde dazumal bei der Trauung des engl. Thronfolgers mit Diana gesungen. Von Kiri te Kanawa. Empfehlenswert ist Gardiner auf PHILIPS.
Ein weiteres schoenes Werk ist die beruehmte CAECILIENODE, die frueher auch Purcell vertonte. Die passt auf nur 1 CD. Harnonc. ist hier die erste Wahl.
Aber wie die Preise der Scheiben sind kann ich Dir nicht sagen. Bei uns jedenfalls ist seit je alles sehr teuer. Auch die guenstigsten Cds.

( Fortsetzung folgt )
Mit freundlichem Gruss.
Rolf.
Rolf Scheiwiller (24.03.2006, 14:12):
Hallo Martin.
Ein besonders liebliches Werk ist die Kantate Apollo e Dafne.
Es wurde in Italien vom blutjungen Händel komponiert. Eine sog. Pastoralkantate. Hier gibt es keine endlosen Da-Capo Arien! Das schoene Werk dauert gut 40 Minuten.
Ich habe eine TOP Aufnahme auf HMFrance. Mit englischen Interpreten.

Eines der berühmtesten und gleichzeitig kurzweiligsten Oratorien ist das sogenannte ALEXANDERFAEST. Hinreissend!
Gibt mehrere tolle Einspielungen.
Harnoncourt ist erstklassig. TELDEC. Die andern auf Philips und Hyp.
Dieses Werk beansprucht 2 CDs.


Noch ein drittes stelle ich vor.
Von Händel auch in jungen Jahren in Italien geschrieben.
Das Werk heisst La Resurrezione. (2CD)
Himmlisch schoene Arien! Aber einen Chor gibt es nicht. Den hat er erst in England eingeführt.
Aufnahmen sind diverse erhältlich. (Koopmann, Minkowski)


Gruss. Rolf.
martin (25.03.2006, 18:02):
Lieber Rolf,

danke für Deine Hinweise! Ich lese dies hier mit großem Interesse.

Gruß Martin
Rolf Scheiwiller (11.04.2006, 10:02):
Guten Tag Martin.

Wo Bist Du ? Meld Dich doch bitte mal wieder. Es geht noch weiter.


Ich möchte nur ein paar Bemerkungen zu meinen vielen Oratorien - Einspielungen machen. Vielleicht, dass Du mal etwas Neues kennenlernen möchtest.

Ein ganz einzig dastehendes Werk ist " Israel in Aegypten ". Hier spielt der Chor die absolute Hauptrolle. Die Soloparts sind stark in der Minderheit.
Die Oratorien " Esther " " Deborah " und " Athalia " sind weniger bekannt. Aber auch hier findet man keine Worte, so einzigartig schöne Musik ist hier zu erleben.

"L Allegro, il Penseroso ed il Moderato"ist ein Werk mit stark pastoralen Zügen. Es wurde auch mit C. Bartoli mit gewaltigem Erfolg in Zürich im Opernhaus aufgeführt.

Zwei hierzulande völlig unbekannte Werke sind " Joseph und Seine Brüder " , sowie " Alexander Balus ". Die hab nicht mal ich gekannt,bevor die hervorragenden Hyperion - Einspielungen mit Robert King erschienen sind.


" Joshua " ist sehr berühmt geworden. Nämlich deshallb, weil Händel in diesem Werk zum erstenmal den berühmten Siegeschor " Seht den Sieger ruhmgekrönt... " erklingen lässt. Das andere mal ja, wie Du weisst im " Judas Macc. "

" Belshazzar " und " Hercules " sind grandiose, hochdramatische Schöpfungen. Vom " Hercules " gibt es mehrere hervorragende Aufnahmen. Gardiner z.B. Mit von Otter. Auf Archiv.

Von diesem dramatischen Stück hab ich eine DVD aus Glyndebourne. Mit David Daniels.

Du hast völlig recht, viele seiner Oratorien können ohne Verlust auf der Bühne gebracht werden. So können sie unter U. noch mehr beeindrucken.
Noch ein weiteres unvergängliches Oratorium ist das sogenannte " Occasional Oratorio ". Also ein Gelegenheitsoratorium. Das heisst nicht,dass die Musik minderen Wert hätte. Im Gegenteil. Händel wie ich ihn liebe !


( PS. Ueber die Opern Händels werde ich, oder auch Du, mir ist es gleich, einen gesonderten Thread eröffnen. Muss mich aber vorbereiten. )

Viele Grüsse.
Rolf.

( Pardon. Ich sehe gerade, dass Du" Israel in Aegypten "weiter oben bereits erwähnt hast. ) Danke für die Nachsicht. )
martin (11.04.2006, 12:47):
Original von Rolf Scheiwiller
Guten Tag Martin.

Wo Bist Du ? Meld Dich doch bitte mal wieder. Es geht noch weiter.

Hallo Rolf,

mein PC war seit über zwei Wochen kaput! Aber seit gestern abend läuft er wieder!


Ein ganz einzig dastehendes Werk ist " Israel in Aegypten ". Hier spielt der Chor die absolute Hauptrolle. Die Soloparts sind stark in der Minderheit.
Die Oratorien " Esther " " Deborah " und " Athalia " sind weniger bekannt. Aber auch hier findet man keine Worte, so einzigartig schöne Musik ist hier zu erleben.

Israel in Egypt habe ich und gefällt mir sehr gut. Esther habe ich auch, aber zu meiner Schande muß ich sagen, daß ich es nur flüchtig gehört habe.

" Belshazzar " und " Hercules " sind grandiose, hochdramatische Schöpfungen.

Belsazar habe ich sogar doppelt und trotzdem kenne ich es nicht gut. Einmal aus dem Rundfunk mitgeschnitten ( aus dem Hamburger Michel) und dann aus meiner Brilliantbox. Bei meiner Brilliantbox wird es allerdings auf Deutsch dargeboten und ich weiß nicht, ob mir das gefällt.

( PS. Ueber die Opern Händels werde ich, oder auch Du, mir ist es gleich, einen gesonderten Thread eröffnen. Muss mich aber vorbereiten. )

Dort sind meine Kenntnisse allerdings noch unterbelichteter als bei den Oratorien. Kenne nur Julius Cesar aus der Oper und Rinaldo, Faramondo und Imeneo ( der mir gar nicht gefallen hat) auf CD.


Viele Grüße

Martin
Rolf Scheiwiller (11.04.2006, 14:23):
Toll Martin !
Werde gelegentlich mal etwas zu seinen Opern sagen. Wenn Du den Cesare und Rinaldo hast, dann kann man ruhig sagen, dass Du die zwei genialsten von allen seinen fast 50 Opern besitzest. In diesen beiden ertrinkt man ja fast im Wohlklang. Eine Arie schöner als die andere. Ich hab vom Cesare Aufnahmen mit Jacobs, Minkowski ,und noch 2 DVD. Eine davon mit Janet Baker. Englisch gesungen ! Gewöhnungssache.

Vom Rinaldo die Aufnahme mit Hogwood und D. Daniels und Bartoli. Sodann die überragende unter Jacobs.

Gruss.
R.
martin (25.03.2006, 18:02):
Lieber Rolf,

danke für Deine Hinweise! Ich lese dies hier mit großem Interesse.

Gruß Martin
Rolf Scheiwiller (11.04.2006, 10:02):
Guten Tag Martin.

Wo Bist Du ? Meld Dich doch bitte mal wieder. Es geht noch weiter.


Ich möchte nur ein paar Bemerkungen zu meinen vielen Oratorien - Einspielungen machen. Vielleicht, dass Du mal etwas Neues kennenlernen möchtest.

Ein ganz einzig dastehendes Werk ist " Israel in Aegypten ". Hier spielt der Chor die absolute Hauptrolle. Die Soloparts sind stark in der Minderheit.
Die Oratorien " Esther " " Deborah " und " Athalia " sind weniger bekannt. Aber auch hier findet man keine Worte, so einzigartig schöne Musik ist hier zu erleben.

"L Allegro, il Penseroso ed il Moderato"ist ein Werk mit stark pastoralen Zügen. Es wurde auch mit C. Bartoli mit gewaltigem Erfolg in Zürich im Opernhaus aufgeführt.

Zwei hierzulande völlig unbekannte Werke sind " Joseph und Seine Brüder " , sowie " Alexander Balus ". Die hab nicht mal ich gekannt,bevor die hervorragenden Hyperion - Einspielungen mit Robert King erschienen sind.


" Joshua " ist sehr berühmt geworden. Nämlich deshallb, weil Händel in diesem Werk zum erstenmal den berühmten Siegeschor " Seht den Sieger ruhmgekrönt... " erklingen lässt. Das andere mal ja, wie Du weisst im " Judas Macc. "

" Belshazzar " und " Hercules " sind grandiose, hochdramatische Schöpfungen. Vom " Hercules " gibt es mehrere hervorragende Aufnahmen. Gardiner z.B. Mit von Otter. Auf Archiv.

Von diesem dramatischen Stück hab ich eine DVD aus Glyndebourne. Mit David Daniels.

Du hast völlig recht, viele seiner Oratorien können ohne Verlust auf der Bühne gebracht werden. So können sie unter U. noch mehr beeindrucken.
Noch ein weiteres unvergängliches Oratorium ist das sogenannte " Occasional Oratorio ". Also ein Gelegenheitsoratorium. Das heisst nicht,dass die Musik minderen Wert hätte. Im Gegenteil. Händel wie ich ihn liebe !


( PS. Ueber die Opern Händels werde ich, oder auch Du, mir ist es gleich, einen gesonderten Thread eröffnen. Muss mich aber vorbereiten. )

Viele Grüsse.
Rolf.

( Pardon. Ich sehe gerade, dass Du" Israel in Aegypten "weiter oben bereits erwähnt hast. ) Danke für die Nachsicht. )
martin (11.04.2006, 12:47):
Original von Rolf Scheiwiller
Guten Tag Martin.

Wo Bist Du ? Meld Dich doch bitte mal wieder. Es geht noch weiter.

Hallo Rolf,

mein PC war seit über zwei Wochen kaput! Aber seit gestern abend läuft er wieder!


Ein ganz einzig dastehendes Werk ist " Israel in Aegypten ". Hier spielt der Chor die absolute Hauptrolle. Die Soloparts sind stark in der Minderheit.
Die Oratorien " Esther " " Deborah " und " Athalia " sind weniger bekannt. Aber auch hier findet man keine Worte, so einzigartig schöne Musik ist hier zu erleben.

Israel in Egypt habe ich und gefällt mir sehr gut. Esther habe ich auch, aber zu meiner Schande muß ich sagen, daß ich es nur flüchtig gehört habe.

" Belshazzar " und " Hercules " sind grandiose, hochdramatische Schöpfungen.

Belsazar habe ich sogar doppelt und trotzdem kenne ich es nicht gut. Einmal aus dem Rundfunk mitgeschnitten ( aus dem Hamburger Michel) und dann aus meiner Brilliantbox. Bei meiner Brilliantbox wird es allerdings auf Deutsch dargeboten und ich weiß nicht, ob mir das gefällt.

( PS. Ueber die Opern Händels werde ich, oder auch Du, mir ist es gleich, einen gesonderten Thread eröffnen. Muss mich aber vorbereiten. )

Dort sind meine Kenntnisse allerdings noch unterbelichteter als bei den Oratorien. Kenne nur Julius Cesar aus der Oper und Rinaldo, Faramondo und Imeneo ( der mir gar nicht gefallen hat) auf CD.


Viele Grüße

Martin
Rolf Scheiwiller (11.04.2006, 14:23):
Toll Martin !
Werde gelegentlich mal etwas zu seinen Opern sagen. Wenn Du den Cesare und Rinaldo hast, dann kann man ruhig sagen, dass Du die zwei genialsten von allen seinen fast 50 Opern besitzest. In diesen beiden ertrinkt man ja fast im Wohlklang. Eine Arie schöner als die andere. Ich hab vom Cesare Aufnahmen mit Jacobs, Minkowski ,und noch 2 DVD. Eine davon mit Janet Baker. Englisch gesungen ! Gewöhnungssache.

Vom Rinaldo die Aufnahme mit Hogwood und D. Daniels und Bartoli. Sodann die überragende unter Jacobs.

Gruss.
R.
Sarastro (28.12.2008, 23:32):
Hallo,
es überrascht mich ein wenig, daß hier von Händels Oratorien - vom Messias abgesehen - schon lange keine Rede mehr ist. Das bedeutet aber doch ganz sicher nicht, daß sich kaum jemand im Forum dafür interessiert, nicht wahr?!
Ich kenne bisher außer dem Messias leider nur, und das erst seit kurzem, Israel in Ägypten, und zwar in der Aufnahme mit dem Aradia Ensemble unter Kevin Mallon, bei Naxos (englisch, mit allen drei Teilen: I. The Lamentation of the Israelites for the death of Joseph; II. The Exodus; III. Moses' Song):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41SOGyoCtcL._SS400_.jpg

Besonders die urgewaltigen, dramatischen Chöre im "Exodus", in dem die ägyptischen Plagen in Musik gesetzt sind, sind überaus eindrucksvoll: Der Kontrast zwischen den feierlichen Worten "He spake the word" und dem durch die Streicher imitierten Surren der Fliegen, die grandiose Ausmalung von Hagel- und Feuerplage ("He gave them hailstones for rain"), das Schlagen der Erstgeburt ("He smote all the first-born of Egypt") - mit relativ einfachen Mitteln wird hier eine enorme Spannung erzeugt!
Ich werde mir bestimmt noch das eine oder andere Händel-Oratorium zulegen, denn ich habe Feuer gefangen ...
Habt ihr hier bestimmte Vorlieben bzw. Empfehlungen?

Herzliche Grüße,
Sarastro
Wooster (29.12.2008, 11:30):
Messiah ist insofern ziemlich untypisch, da es nicht so opernhaft ist wie viele der anderen.
Israel in Egypt ist ebenfalls außergewöhnlich, da die Chöre hier so dominieren wie sonst selten.

Die Mehrzahl der Oratorien (wobei ich auch lange nicht alle kenne) sind mehr oder weniger Dramen mit mehr oder weniger biblischem Inhalt, die sich von Opern hauptsächlich dadurch unterscheiden, daß Chöre vorkommen und sie eben nicht auf der Bühne gegeben wurden. Das gilt z.B. für Theodora, Hercules, Belshazzar, Semele, Judas Maccabaeus, Samson, Saul, Jephtha. Saul ist vielleicht das mit der größten dramatischen Wucht, Theodora ist aufgrund der ergreifenden Handlung und entsprechender Arien/Duette zurecht berühmt.
Solomon ist dagegen eher eine Reihe von Tableaux, nicht so dramatisch, aber gigantische Chöre und auch recht eingängig.

Wieder ein wenig anders sind die Stücke, die in der Tradition der englischen "Ode" stehen, nämlich die Cäcilienode, das Alexanderfest, L'allegro... und die "Masque" Acis & Galathea. Die sind alle sehr lohnend (wobei ich zugegeben L'allegro noch nicht recht kenne, obwohl es im Regal steht), etwas kürzer (Cäcilienode nur ca. 40 min, die anderen je ca. 80-90) als die abendfüllenden Oratorien. Die Cäcilienode und das Alexanderfest handeln beide von der Macht der Musik, schon deswegen recht unterhaltsam, aber wirklich wunderschön (allerdings nicht dramatisch).

Und dann gibt es noch die beiden frühen italienischen Oratorien "La resurrezione" und Trionfo del tempo... und Aci, Galatea e Polifemo. Letzteres ist eine pastorale Mini-Oper, trotz sehr ähnlicher Handlung musikalisch unabhängig von der späteren englischen Fassung des Stoffs. Diese enthalten alle keine Chöre, hochvirtuose Arien, eben der Stil, der Händel mit Anfang 20 in Italien zum "caro Sassone" gemacht hatte.

Man kann sich das kommende Händeljahr damit sicher die Zeit vertreiben, und es bleibt immer noch einiges übrig...

:beer

Wooster
Sarastro (31.12.2008, 18:55):
Lieber Wooster,
besten Dank für Deine anregenden Hinweise! Ich werde mich im Neuen Jahr bei Gelegenheit umsehen; besonders den "Saul" möchte ich gern kennernlernen (ich habe eigentlich ein gewisses Faible für alttestamentliche Stoffe).

Herzliche Grüße,
Sarastro
Agravain (19.12.2009, 21:23):
Und das im Händel-Jahr! Der letzte Eintrag vom 31.12.2008! keine Händel-Enthusiasten hier? Jetzt schon... :D

Aber jetzt im Ernst: Im Zuge meiner gerade begonnenen Händel-Mania verklingen gerade die letzten Töne seines weitgehend unbekannten Alexander Balus:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0034571172415.jpg


Selbiges nach dem "Judas Maccabaeus" entstandene Oratorium findet mein "Konzertführer Händel" aus dem Hause Schott (!) im Übrigen nicht der Erwähnung Wert - genau so wenig wie das ebenfalls von mir erstandene Oratorium "Joseph and His Brethren".

Die Einspielung unter der Leitung von Robert King lässt mich erschüttert vor dieser vollkommenen Missachtung zurück. Was für ein ausgesprochen schönes, an dankbaren Arien und großen Chören volles Oratorium ist doch der "Alexander Balus". Trotz der kriegerischen und von hinterlistigen Ränken durchzogenen Geschichte hat sich Händel sowohl in den Arien als auch in den Chören den volktümlichen Ton bewahrt, den er schon im "Judas Maccabaeus" angeschlagen hatte und der diesen zu seinem größten Erfolg nach dem "Messiah" gemacht hat.

King hat für seine Einspielung ganz exquisite Kräfte zur Verfügung, die allesamt einen Händel musizieren, der sich, obwohl King ja ein Musiker der HIP ist, eher an den Händel-Aufnahmen von Sir Charles Mackerras aus den Siebzigern orientiert als an Gardiners Ansatz. Das Schöne ist nicht nur, dass King die Struktur dieses alttestamentarischen Dramas schlüssig präsentiert und den Spannungsbgen zu halten weiß, sondern dass er ein Händchen dafür hat, Händels Musik bei aller ihrer Artifizialität ganz "natürlich" klingen zu lassen (wie beispielsweise ganz deutlich in der Arie der Cleopatra "Hark! hark! he strikes the golden lyre" vernehmlich) - der Hörer (in diesem Falle natürlich in erster Linie ich :D) kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das alles gerade eben so sein müsse, wie es musiziert wird. Gardiner beispielsweise schafft das - aus meiner Perspektive - selbst bei Händel nicht immer. Da klingt es mir doch oft (zu)viel nach Wollen, nach akademischer Arbeit und intellektueller Durchdringung. Diese Durchdringung findet zwar auch bei King statt (der im Übrigen auch den ganz exzellenten Aufsatz im Booklet verfasst hat), man hört sie jedoch nicht (Das gleiche Phänomen findet sich im Übrigen auch bei Trevor Pinnock, der z.B. in seiner "Messiah"- und seiner "Belshazzar"-Einspielung einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt.).

Ich freue mich jetzt auf die morgige Entdeckung des "Joseph" - gleich nach dem Weihnachtsbaumkauf...
Agravain (19.12.2009, 21:24):
Gerade lese ich das Folgende zu King, das mich doch einigermaßen sprachlos zurück lässt.
Agravain (07.01.2010, 18:20):
Nach meinem Schock bzgl. des Dirigenten Robert King, den ich als Interpret Händelscher Vokalmusik ausgesprochen schätze, geht es nun weiter mit meinen Eindrücken zu "Joseph and His Brethren":

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41D59NZWYRL._SS500_.jpg

„Joseph and his Brethren“ ist ein Stiefkind der Händel-Diskographie, ja auch der Händel-Forschung, die immer wieder an diesem Großwerk aus der Hochphase der Händelschen Oratorien-Kompositionen (1744 entstanden) vorbei geht. Selbst der große Händel-Forscher Winford Dean schreibt in seiner Mammutstudie Handel's Dramatic Oratorios and Masques: „Of all the oratorios Deborah and Joseph come nearest to complete failure.“ Händel selbst empfand das Werk als einen großen Wurf. Doch bis heute gibt es nur sehr selten Aufführungen und die mir vorliegende Einspielung unter Robert King ist die meines Wissens allein vorliegende.

Warum das so ist, ist mir nicht so recht klar. Also flugs einen Blick in meinen alten „Konzertführer Georg Friedrich Händel“ aus dem Schott-Verlag geworfen und was finde ich: Statt einer ausführlichen Besprechung nur 10 Zeilen im Vorwort zum Abschnitt „Vokalmusik“.

Gleichwohl, Händel fokussiert auch in „Joseph and his Brethren“ die Psychologie seines Helden Joseph. Als Kind wird Joseph von seinen Brüdern gehasst, weil er der Favorit seines Vaters ist und weil er für sich in einer Vision eine erfolgreiche Zukunft vorhergesehen hat. Sie quälen und malträtieren ihn, bis es schließlich so weit kommt, dass sie ihn verkaufen und mit einem Sklavenhändler nach Ägypten kommt. Dort steigt er auf, ja wird – nach einigem Auf und Ab - zum Stellvertreter des Pharaos. Und obgleich er nun die Gelegenheit hätte, wird er nicht zur Nemesis seiner Geschwister.

Händel und sein (mäßiger) Librettist James Miller zeigen einen an dem Verlust seiner Familienbande leidenden Menschen, der – ein gebranntes Kind – versucht, seine eignen Kinder im Sinne brüderlicher Liebe und Eintracht zu erziehen, wobei er sie eindringlich vor den zerstörerischen Folgen des Neides warnt. So Asenath, Tochter des Hohepriesters, in Akt II: „He eyes them , - while, ‘midst his struggling sighs, words burst like these – Together, lovely innocents, grow uop/ Link’d in eternal chains of brother-love! / For you mayn’t Envy bear her pois’nous cup, / Nor Hate her unrelenting armour prove.” Hier schließt Händel an die grundsätzliche Verdammung des Neides als menschlicher Motivation an, die er in „Saul“ paradigmatisch in dem großen „Envy-Chor“ formuliert („Envy! Eldest born of Hell!“).

Und so hört sich Joseph die Bitten seiner Brüder an, die während der größten Dürre in Kanaan zu ihm kommen, um seine Hilfe zu erflehen. Sie erkennen ihn nicht (am Hofe des Pharao heißt er „Zaphnath“) und er klärt sie nicht auf. Im Gegenteil, er ist so gerührt, dass er die Fassung zu verlieren droht und seine Brüder ohne Antwort stehen lässt. Diese ziehen enttäuscht und ärgerlich von dannen.

Konfrontation mit einem Kindheitstrauma? Tatsächlich kennt Joseph sich und seine Brüder besser, als dass er eine schmachtvolle Wiedervereinigung à la Hollywood anstrebt. Durch die Abreise seiner Brüder sieht er nun die Gelegenheit, die Treue seiner Brüder untereinander zu prüfen. Wenn es schon für ihn selbst kein Happy-End geben darf, dann doch immerhin für den jüngsten der Brüder Benjamin, den er zum Ziel einer kleinen Charade macht, die befürchten lässt, dass dieser wegen eines Diebstahls hingerichtet werden wird. Die List gelingt, ein anderer der Brüder will sich für den jüngsten opfern und Joseph offenbart daraufhin seine Identität. Die anderen Brüder fürchten nun dessen Rache, doch diese bleibt aus und Joseph lässt Milde walten. Er ist ein durch und durch humaner Charakter, vielleicht etwas „larger than life“, aber dafür ist es ja auch eine biblische Geschichte mit Vorbildcharakter, eine Geschichte die Milde und Vergebung gegen Neid und Missgunst setzt.

Entsprechend handelt es sich musikalisch wohl um Händels weichstes Oratorium. Es gibt natürlich sehr schöne Musik, der Akzent liegt jedoch nicht – wie sonst – auf festlichen und gewaltigen Chören und glanzvollen Arien und Duetten, und das mag eines der Elemente sein, die zur Unpopularität des Werkes beitragen. In „Joseph and His Brethren“ finden wir eine Art mittleren Stil, weich, fließend, milde. Die Chorsätze halten sich in Grenzen, die Arien sind eher kurz, dafür liegt ein Fokus auf den Accompagnati, in denen den Charakteren der nötige Raum gegeben wird, um ihre Gefühlswelt auch musikalisch zu erforschen.

Der schon genannte Konzertführer hierzu: "Die Melodik des Werkes weist in vielen Einzelzügen schon auf die spätere Klassik." (Walter Siegmund-Schultze in Konzertführer Georg Friedrich Händel. Leipzi 1984. S. 14.) Und ja: da ist etwas dran.

Wer mehr zu Händels unbekanntem Oratorium erfahren möchte, der lese DIESEN Artikel.

Viele Grüße
Agravain
CKern (18.05.2011, 00:46):
Hallo Händel Fans,

am 12. Juni 2011 um 20 Uhr führen wir das Oratorium SAUL in der Stadtkirche Lauterbach (36341 Lauterbach) im Rahmen der Lauterbacher Pfingstmusiktage auf.

SAUL (HWV53) ist das erste Oratorium, welches Georg Friedrich Händel speziell für sein Londoner Publikum schuf und wurde 1739 uraufgeführt.

Unter den Händel-Oratorien ragt es wegen seiner Klangpracht, Farbigkeit (u.a. kommt ein Carillon zum Einsatz) und Handlungsvielfalt heraus. Händels Vertonung der Geschichte des Königs Saul ist ein Musikdrama voller Leidenschaft, Menschlichkeit – und dies nicht nur in positivem Sinne – und Nachdenklichkeit.

Details zu den Lauterbacher Pfingstmusiktagen hier

Viele Grüße
Carsten
www.Pfingstmusiktage.com
www.Lauterbacher-Kantorei.de
Agravain (24.04.2012, 11:25):
HÄNDEL: Athalia HWV 52

In London war Krieg ausgebrochen. Nicht irgendein gewöhnlicher Krieg, sondern der Krieg um die Oper. Händel spielte eine nicht ganz unbedeutende Rolle in dieser Fehde, rankte sich dieser „Krieg“ doch um seine Person, seine Musik und vor allem darum, was sie repräsentierte: den ungeliebten deutschen König. Wie glücklich erschien es da wahrscheinlich, dass man ihm im royalistischen Oxford die Ehrendoktorwürde verleihen und ihn gleichzeitig dafür gewinnen wollte, die feierliche Verleihung der akademischen Würden, dem traditionell im Sheldonian Theatre stattfindenden „Publick Act“ musikalisch zu umrahmen.

Händel machte sich wohl nach Beendigung der in der Fastenzeit stattfindenden Oratoriensaison an die Arbeit für ein neues Oratorium, das er in Oxford dem Publikum präsentieren wollte.

Das Aufsehen, das um Händels Ankunft und die bevorstehenden Konzerte gemacht wurde, schmeckte nicht alles Oxforder Honoratioren. Der Altertumsforscher Doctor Thomas Hearne beispielsweise freute sich mitnichten auf Händel „und auf seinen lausigen Haufen, eine große Zahl fremder Fiedler.“ Doch dies änderte wenig an dem Eindruck, den die Aufführungen der „Deborah“, des „Utrechter Te Deums“, der Masque „Acis and Galatea“ und schließlich die Uraufführung der „Athalia“ auf das zahlreich erschienene Publikum hatten. So berichtete das Oxforder Blatt „The Bee“ im Anschluss, das neue Werk sei „with the utmost Applause“ bedacht worden und es sei „esteemed equal to the most celebrated of that Gentleman’s Performances: there were 3700 Persons present.“ Händel hatte einen neuen Erfolg erzielt – nicht nur beim Publikum, sondern auch finanziell, brachten ihm die Oxforder Konzerte immerhin mehr als 2000 Pfund Sterling ein, eine Summe die er zu Vorbereitung der neuen Opernsaison im Herbst dringlich benötigte.

Trotz des großen Erfolges, den das Werk in Oxford hatte, führte es Händel erst zwei Jahre später in London auf. Danach gab es noch sporadische Aufführungen in Worcester, in Dublin und kurz vor Händels Tod noch einmal in London. Dann versank das Werk in einen Dornröschenschlaf, aus dem es im Grunde noch nicht erwacht ist. Es wird auch heute nur sehr selten aufgeführt. Warum das so ist, kann man, hat man das Werk erst einmal gehört, wohl nicht so recht verstehen, denn bereits in diesem frühen Oratorium begegnen wir jenem genialischen Meister dieser Form, der uns auch im „Saul“, im „Solomon“, im „Belshazzar“ und natürlich auch im „Messiah“ entgegentritt. Das nach Racines Tragödie geformte Libretto war eine echte Fundgrube für Händels Imagination. Es gibt Arien jeden Affektes, die in ihrem Einfallsreichtum (z.B. der geschickte Einsatz eines Solocellos in Mathans Arie „Gentle airs, melodious strains!“) kaum hinter jenen der späteren Werke zurücktreten. Dann der Chor: Er ist fast ständig in unterschiedlichen Rollen präsent, den Fortgang des Dramas um die grausame „Athalia“ stets unterstreichend, sei es als Gruppe von Baalspriestern, isrealitischen Priestern oder als Kommentator des Geschehens.

Einspielungen gibt es dann aber immerhin vier Stück:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41Q5CD9X2WL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51d80s63GKL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/511LrPa0uKL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/4175ohvRwZL._SL500_AA300_.jpg

Von diesen möchte ich besonders Peter Neumanns Einspielung empfehlen, da sie mir – von Goodwin abgesehen, der allerdings die Londoner Fassung von 1735 spielt – als ausgesprochen gelungen erscheint, gelungener wenigstens als Hogwoods Aufnahme mit der fehlbesetzten Dame Joan Sutherland und Martinis Frankfurter Aufnahme, die einen wenig durchschlagkräftigen Chor und mit englischer Diktion überforderte Solisten präsentiert.

Neumanns Aufnahme entstand im November 2003 in der Kölner Trinitatiskirche und gefällt mir besonders aufgrund ihrer sehr direkten, zupackenden und höchst dramatischen Herangehensweise. Das Drama um Athalia drängt bei Neumann mit hohem Druck nach vorne. Da geht es dann im Dienst der Sache auch schon einmal mit dem Dirigenten durch und er wählt sehr flotte Tempi, die den ein oder anderen Solisten an seine Grenzen führen. Dennoch macht das in sich Sinn und wirkt nicht aufgesetzt, sondern durchaus organisch. Die Partien sind ordentlich besetzt. Simone Kermes gestaltet die Titelpartie höchst eindrucksvoll und zeichnet ein facettenreiches Bild von der von finsteren Vorahnungen gequälten („What scenes of horror round me rise!“), listigen („Tis my intention, lovely youth“) und schließlich irrsinnig rasenden („To darkness eternal / And horros infernal / Undaunted I’ll hasten away.“) Königin. Olga Pasichnyks sphärisch leichter Sopran gefällt mir für Rolle der Josabeth ebenso gut wie Trine Wilsberg Lunds knabenhafte Stimme für den jungen Joacs/Eliakim. Die Partie des zu Athalia und den Anhängern Baals übergelaufenen Methan ist bei Thomas Cooley in guten Händen und Matrin Oró in der Rolle des Joad ist ein interpretatorisch sicherer und stimmlich nicht unattraktiver Altus. Lediglich Wolf Matthias Friedrich in der Rolle des Abner will mir nicht so recht behagen. Sicher, er hat am meisten mit Neumanns sehr flotten Tempi zu kämpfen; was mir aber viel weniger gefällt ist sein baritonales Timbre und sein schwaches tiefes Register. Ich bevorzuge eher macht- und kraftvolle Händel-Bässe. Aber das ist Geschmackssache. Der Kölner Kammerchor singt sehr diszipliniert, kultiviert und klangschön, wenngleich manchmal etwas weniger Klangkultur und etwas mehr Biss schön wäre. Das mag aber auch an der MDG-Aufnahme liegen. Das Collegium Cartusianum spielt glänzend.

:hello Agravain
Agravain (08.05.2012, 09:43):
„Stille Zeit auf dem Lande und tiefes Atemholen“ – so beschreibt Richard Friedenthal in seinem Buch über Händel dessen Zeit auf Schloss Cannons. Händel zog im Jahre 1717 als Hauskomponist auf den bei Edgware gelegenen riesigen und nagelneuen Landsitz des James Brydges, Earl of Carnarvon (dem späteren Duke of Chandos), den Jonathan Swift in seiner „Tour thro’ the Whole Island of Great Britain“ folgendermaßen beschreibt: „Der Palast ist so underschön, so erhaben, sein Anblick so majestätisch, dass die Feder es nur schlecht beschreiben kann, der Bleistift nicht viel besser. Man kann nur eben an dieser Stelle darüber sprechen, wenn man das Gebäude vor sich sieht und in allen Einzelheiten betrachten kann.“ (Zit. n. Hogwood, Christopher: Händel. Stuttgart 1992)

Ausgestattet war der Palast auch mit einem guten Instrumentenfundus, guten Sängern, einem guten Orchester sowie einem diesen Kräften vorstehenden Kapellmeister: Dr. Johann Heinrich Pepusch – jenem Pepusch, der später mit der „Beggar’s Opera“ in London Furuore machte.

Händel verließ Cannons erst wieder nach über einem Jahr. Doch war diese Zeit wohl so still nicht, entstanden hier doch in einer Reihe von oratorischen Werken (die elf Chandos-Anthems und die Masque „Acis and Galatea“) sowie die „Harpsichord Lessons“, die er – nachdem fehlerhafte Kopien der Werke an die Öffentlichkeit gelangt waren –1720 unter dem Titel „Suites de Pièces our le Clavcin“ im Selbstverlag publizierte.

Ein weiteres der in Cannons entstandenen oratorischen Werke ist „The Story of Esther“, die aller Wahrscheinlichkeit 1718 komponiert wurde, wobei es keine Belege für eine Aufführung des Werkes in Cannons gab, wobei laut Hans Joachim Marx (Händels Oratorien, Oden und Serendaen. Göttingen 1998) die Orchesterbesetzung der „Esther“ „ziemlich genau entsprechen“ (S. 73), sodass die Annahme, eine Aufführung habe stattgefunden nicht.

Interessant ist das Werk, das nicht nur einiges an ausgesprochen schöner Musik vorweisen kann, besonders, weil es als das erste englische Oratorium Händels gilt, wobei es auf den existierenden Kopien mal als „Oratorium“ mal als „Masque“ bezeichnet wird. Tatsächlich wird „Esther“ nicht durch die Bezeichnung, sondern wird durch eine Reihe von (neuen) Elementen zum ersten englischen Oratorium Händels: „Zum einen ist der Stoff, , dem Alten Testament entnommen und erfordert deshalb einen erhabenen oder heroischen Stil; zum anderen spielt der Chor in der Gesamtkonzeption von ‚Esther’ eine bedeutende Rolle: er kommentiert nicht nur das Geschehen , sondern greift auch als handelndes Subjekt in das Geschehen ein .“ (Marx, S. 75)

Nach der (angenommenen) Uraufführung in Cannons wanderte die „Esther“ zunächst wieder in Händels Schublade. Erst 1732 kam es zu drei weiteren halböffentlichen Aufführungen, die anlässlich Händels Geburtstags unter der Leitung von Händels Freund Bernard Gates in der Londoner „Crown and Anchor Tavern“ stattfanden. Im Anschluss wurde eine weitere Aufführung durch einen anonymen Vernanstalter in den York Buildings angekündigt – anscheinend hatte sich jemand eine Kopie der Partitur beschafft. Händel unterband diese „feindliche Übernahme“, indem er im Daily Journal eine eigene Aufführung im King’s Theatre am Haymarket ankündigte, die nicht nur neues Material präsentieren sollte, sondern von königlicher Seite angeordnet worden war. In dieser Fassung wurde die „Esther“ dem großen Publikum bekannt und durchaus erfolgreich.

Überraschend ist es für mich darum, dass zu eben jener Fassung von 1732 bis vor nicht allzu langer Zeit keine Aufnahme zu haben war.
Auch in meinen Schrank hat diese Fassung noch keinen Einzug gehalten, war ich mit der meiner Einspielung der 1718 Version doch höchst zufrieden:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51fabvVUY2L._SS400_.jpg

Georg Friedrich Händel: Esther HWV 50a (Version 1718)

Lynda Russell, Nancy Argenta, Michael Chance
Thomas Randle, Mark Padmore, Matthew Vine
Simon Berridge, Michael George, Robert Evans, Simon Birchall
The Choir and Orchestra of the Sixteen
Harry Christophers
(1995)

Da gibt es – wie mE so gut wie immer bei Aufnahmen der “Sixteen” – nichts zu meckern. Im Gegenteil. Tatsächlich wird hier nicht nur vorbildlich musiziert, es sind vielmehr alle Kräfte optimal besetzt: Man höre beispielsweise Mark Padmores wunderbare Darbietung der Arie „Tune your harps“, das von Lynda Russell und Thomas Randle herrlich gesungene Duette Esther/Ahasuerus, Michael Georges eindrucksvolle Darstellung der furiosen Arie des rasenden Haman „How art thou fallen from the height!“, den Chor der Israeliten „He comes, He comes to end our woes“ und natürlich das ausufernde, 11 Minuten währende Finale „The Lord our enemy has slain“.
Wahrscheinlich liegt es auch an der vorzüglichen Qualität, dass die Einspielung immer wieder neu aufgelegt worden ist, wobei in der neuesten Ausgabe das Orchester seinen neuen Namen „The Symphony of Harmony and Invention“ führt.

Was mich interessiert: Kennt jemand die Einspielung der 1732er Version unter der Leitung von Laurence Cummings?

http://ecx.images-amazon.com/images/I/515t-z6vdSL._SL500_AA300_.jpg

:hello Agravain
Agravain (17.11.2012, 22:20):
Wir indes, was einzig zu tun vergönnte das Schicksal,
Taten wir: daß dem Symäthus an Macht sich geselle der Enkel.
Purpurn strömte das Blut aus der Felsenmasse; doch wenig
Dau'rte die Frist, da begann die Röt' allmählich zu schwinden;
Nun ward erst die Farbe des Bachs, den der Regen getrübet;
Sie auch klärte sich bald. Dann lechzte der Fels auseinander;
Frisch nun drang aus den Spalten ein hochgeschossenes Röhricht;
Und dem gehöhleten Schlund' entrauscht' aufhüpfendes Wasser.
Plötzlich, o Wunder! erschien, bis zur Mitte des Bauchs in dem Strudel,
Schön der Jüngling mit Rohr die keimenden Hörner umgürtet:
Der, nur daß er größer und blau im ganzen Gesicht ist,
Acis war. Doch was auch; er blieb, auch zum Strome verwandelt,
Acis; und noch behauptet den vorigen Namen der Sprudel.

So erzählt uns Ovid (in Vossens Übertragung) vom Ende des jungen Schäfers Acis, der vom vor enttäuschter Liebe zur schönen Nymphe Galatea rasenden Zyklopen Polyphem zerschmettert und von ihr zum Quell verwandelt wird.

Georg Friedrich Händel ist bereits als junger aufstrebender Komponist mit diesem Stoff in Berührung gekommen. Während er sich 1708 für zwei Monate in Neapel aufhielt, nahm er einen Kompositionsauftrag der Donna Aurora Sanseverino für eine „serenata“, an die den Titel „Aci, Galatea e Polifemo“ haben sollte. Händel stellte die von ihm als „Cantata a tre“ bezeichnete Komposition am 16. Juni 1708 fertig, einen guten Monat später wurde sie – wahrscheinlich ohne seine Beteiligung – erstmals aufgeführt.

Zehn Jahre später befand sich Händel schon lange nicht mehr im Land wo die Zitronen blühen, sondern dort, wo die avalonischen Nebel wallen. Hier hatte er nach einigem Hin und Her eine Berufung zum Hauskomponisten des Earl of Carnarvon und späterem Duke of Chandos angenommen, der in seinem in Middlexes gelegenen neuen Palast Cannons fast besser lebt als der König. Händel komponierte unter des Earls Patronat allerhand: 11 Anthems (die sogenannten Chandos-Anthems), die „Suites de Pièces pour le Clavecin“, sein erstes englisches Oratorium „Esther“ und ein kleines Schäferspiel, das im Laufe der Zeit zu einem seiner populärsten Werke überhaupt avancierte: die Masque „Acis and Galatea“. Bei der Komposition griff der große Zweitverwerter Händel musikalisch überraschenderweise überhaupt nicht auf seine ältere Umsetzung des Stoffes zurück, sondern schuf während dieser „Zeit der Besinnung und des Atemholens“ (Richard Friedenthal) voll Inspiration ein gänzlich neues Werk, nun auf ein Libretto von John Gay, der wiederum auf Texte von Alexander Pope und John Hughes zurückgegriffen hatte. Im Frühsommer 1718 fand in Cannons die aller Wahrscheinlichkeit nach halbszenische Uraufführung statt. Es folgte eine weitere Aufführung in Wells (Händel war nicht involviert), dann verschwindet das Werk in der Schublade.

Plötzlich am 26. März 1731 – Händel ist schon lange in London ansässig – gibt es dort ein Benefizkonzert für den Tenor Philip Rocchetti. Auf dem Programm: „a Pastoral“ von Händel, wobei dieser nicht an der Produktion beteiligt war. Wiederum ein Jahr später brachte das Londoner „Daily Journal“ folgende Ankündigung:

„We hear that the Proprietors of the English Opera, will very shortly perform a celebrated Pastoral Opera call’d, Acis and Galatea compos’d by Mr Handell with all the Grand Chorusses and other Decorations as it was perform’d before his Grace the Duke of Chandos in Cannons. ‘Tis now in Rehearsal.” (The Daily Journal, 3. Mai 1732)

Die English Opera war eine Gruppierung von Musikern um Thomas Augustine Arne, die die englische Oper, die seit Purcells Tod einigermaßen friedlich schlummerte, zu neuem Leben erwecken wollte. Als einzige dramatische Komposition Händels in englischer Sprache bot sich „Acis und Galatea“ für eine Aufführung wunderbar an, wobei es allerdings einen Haken gab: Händel, der unentwegte Champion der italienischen Oper, wusste davon nichts. Händel musste nun reagieren und tat es auch. Er stellte ein Pasticcio zusammen, bestehend aus Sätzen der italienischen „Aci, Galatea e Polifemo“-Serenata, der Chandos-Masque und allerhand anderen Quellen. Die Besetzung ist größer, das Libretto ein Mischmasch aus englischen und italienischen Abschnitten. Auch dieses Werk hatte zunächst Erfolg, der Viscount Percival konnte nicht umhin, in seinem Diary von der „very fine masque of Acis and Galatea“ zu sprechen.

Doch setzte sich diese Fassung nicht durch. Es war die 1718er Version des Werkes die schnell sowohl in England als auch in Irland (und auch in Schweden) begeisterte Anhänger fand. Ab 1739/40 führte auch Händel die ursprüngliche Version – immer mit leichten Veränderungen – während der Oratoriensaison auf. 1743 wurde das Werk als einzige dramatische Komposition Händels vollständig im Druck veröffentlicht. Die Popularität des Werkes erstreckte sich bald auf ganz Europa. Van Suiten beauftragte Mozart 1788 mit einer Bearbeitung. 1829 instrumentierte Mendelssohn das Werk ebenfalls neu. 1858 beschäftigt sich Meyerbeer mit einer Bühnenfassung für Berlin, die aber nie aufgeführt wird.

Bis heute ist das Werk ausgesprochen beliebt und ist neben „Messiah“ das - wenn ich nicht irre - bisher am häufigsten eingespielte. Von Walter Goehr über Sir Adrian Boult und Alfred Deller zu Marriner, Gardiner, Hogwood (1718er Fassung (?) als DVD & Mozart-Fassung), Pinnock (Mozart-Fassung), van Asch, Christie, Haselböck, Butt und McGegan (Mendelssohn-Fassung) haben sich viele Interpreten an das kleine, aber in seiner Art einzigartige Werk gewagt, ein Werk, das sich nicht nur aufgrund seines Reichtums an außergewöhnlich gelungenen melodischen Einfällen von manch anderen Schöpfungen der Zeit abhebt, sondern auch aufgrund seines klaren strukturellen Aufbaus, dem Richard Friedenthal nicht ganz zu unrecht „Einfachheit und Würde“ bescheinigt hat.

Keine der mir bekannten Einspielungen des Werkes aus der obigen Aufzählung (Boult, Marriner Gardiner, Pinnock, van Asch, Christie, Haselböck) ist völlig misslungen. Die meisten haben – wie eigentlich immer – ihre Meriten und Schwächen. Doch nur eine Aufnahme ist nach meinem Dafürhalten völlig gelungen. Es ist die 1989 unter der Leitung von Robert King entstandene, die ich jedem, der sie noch nicht kennt, wärmstens empfehlen möchte:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/515h3pu1EUL._SL500_AA300_.jpg

Claron McFadden, John Mark Ainsley
Rogers Covey-Crump, Michael George, Robert Harre-Jones
The King's Consort
Robert King

An der Aufnahme scheint mir alles ideal. Kings Zugriff ist farbig, bukolisch, warm, heiter, komisch (aber nie überzogen) und in allen Rollen bestens besetzt. Claron McFaddens Galatea ist höchst liebreizend, Ainsley ist ihr als verträumter Acis ("Love in her eyes sits playing") ein ideales Pendant, Michael George macht sein Auftritt als „monster Polypheme“ sichtlich Spaß, ohne dass seine Darstellung des ohnehin schon durch die Komposition selbst karikierten Polyphemus („I rage, I melt, I burn“) in irgendeinem Moment überzeichnet wirkt. Eine der schönsten Arien des Stückes, nämlich Damsons „Consider, fond shepherd“ ist bei Rogers Covey-Crump bestens aufgehoben. Hinzu kommen die von den Solisten gesungenen Chorsätze, die tadellos gestaltet werden, wobei der schönste Satz des gesamtes Werkes („Wretched lovers!“) schlicht makellos gelingt. Kings Tempi sind fließend unaufgeregt, stets angemessen, nie langweilig. Das King’s Consort musiziert so bestechend wie eigentlich immer.

:times10

:hello Agravain
Agravain (08.01.2015, 19:16):
https://www.jpc.de/image/w300/front/0/4009350834224.jpg

Grünert (06/2008) – Markus Schäfer, Miriam Meyer, Britta Schwarz, Patrick van Goethem, Gotthold Schwarz, Birte Kulawik, Kammerchor der Frauenkirche Dresden, Dresdner Barockorchester

Eine der jüngeren Produktionen des Händel’schen “Jephtha” entstand unter der künstlerischen Leitung des Kantors der Frauenkirche Matthias Grünert in Händels sächsischer Heimat, zwar nicht in Halle, aber doch immerhin in Dresden. Grünert stand für das Projekt – vom belgischen Countertenor Patrick van Goethem einmal abgesehen – ein „All-German-Cast“ zur Verfügung, um Händels letztes neu komponiertes englisches Oratorium auf die Bühne zu bringen. Händel ohne britische Beteiligung? Kann das gehen?

Sicher kann es, Peter Neumann macht das immer wieder vor - aber leider nicht hier. Natürlich ist diese Aufnahme nicht gänzlich misslungen, sie ist insgesamt recht ordentlich, aber im Vergleich mir der Konkurrenz – und ich spreche hier besonders von den Aufnahmen Gardiners und Creeds, nicht so sehr indes von denen Harnoncourts, Buddays oder Christophers’ – ist sie meines Erachtens doch eher zweite Wahl. Denn bei aller Solidität bleibt es doch eine wenig spannende Interpretation, die insgesamt doch deutlich zu asthenisch daherkommt, weil Grünert nicht zu berücksichtigen scheint, dass Händel immer von der Oper her gedacht werden muss. Grünert wählt einen m.E. viel zu vorsichtigen Ansatz, es wird (Achtung: Klischee) gewissermaßen protestantisch-bescheiden und zurückhaltend musiziert, wo doch eigentlich ein den Protagonisten und seine Umgebung fast zerreißendes menschliches Drama in Szene gesetzt werden sollte.

Schon der Affekt der in g-Moll stehenden Ouvertüre – jener Tonart, die Charpentier einst als ernste und großartige beschrieb – wird nicht so recht getroffen. Zupackend muss das sein, packend. Der Hörer muss sich gewiss sein, dass er nun ein Drama und kein Anthem erleben wird. Und eben das passiert eben nicht. Grünerts Zeichnung bleibt viel zu brav. Und so geht es das ganze Oratorium hindurch - von wenigen Ausnahmen natürlich abgesehen – weiter.

Besonders deutlich zeigt sich das auch in den Chorsätzen des Werkes. Der Kammerchor der Frauenkirche ist sicher ein sehr gutes Ensemble. Sehr kultiviert, leichter Ton, heller Gesamtklang. Er ist nur deutlich zu klein besetzt. Da fehlt es einfach an vielen Stellen an Kraft, um jenen Händel’schen Trick der Überwältigung durch Masse wirklich umsetzen zu können. Seien wir doch ehrlich: Bei Chören wie „When his loud voice in thunder spoke“ (Schluss Akt I) oder dem Schlusschor („Ye house of Gilead“) muss ein Ensemble – mit Verlaub - so recht die Sau rauslassen können und das kann der Kammerchor der Frauenkirche (verglichen mit dem Monteverdi Choir oder dem RIAS Kammerchor) leider nicht. Vielleicht wäre hier eine intensivere Arbeit am und mit dem Text hilfreich gewesen, denn dieser gibt einfach viel her und kann – ordentlich artikuliert – da allerhand ausmerzen. Worte wie „thunder“, „roar“, „lash“ „pride“ – oder später im Chorsatz „In glory high, in might serene“ – „dispers’d“, „quell’d“, „blow“ oder „haughty“ werden von Händel so enorm trefflich und plastisch in Musik gesetzt, dass man im Grunde nur zugreifen und pflücken muss, um eine eindruckvolle Wiedergabe sicherzustellen. Grünert formt hier – und an vielen, vielen anderen Stellen – fast gar nicht. Nicht mit Artikulation, nicht mit Dynamik. Hinzu kommt eine sehr einheitliche Wahl der Tempi, alle nach meinem Empfinden eher einen Tuck zu flott, auch und gerade in den am Stile antico angelehnten Chorsätzen. Als geradezu fatal empfinde ich die innere Beteiligungslosigkeit im ersten Abschnitt des Chores „How dark, o Lord, are thy decrees“, in jenem Satz also, hinter welchem Händel in der Partitur die Notiz „biß hierher komen den 13 Febr. 1751 verhindert worden wegen so relaxt des gesichts meines linken auges“ hinterließ, die uns von Händels zeitweiliger Erblindung während der Arbeit berichtet und der Tragik des Dramas auch noch die Tragik des Komponisten hinzufügt.

Zu den Solisten.

Ich habe in irgendeiner englischen Rezension dieser Aufnahme einmal gelesen, dass besonders der Umstand störe, dass die Solisten die Sprachmelodie der englischen Sprache nicht so recht träfen. Das stimmt zwar in einem gewissen Grad, aber ich kenne Aufnahmen, die hier noch um einiges problematischer sind. Die nach meinem Empfinden größere Schwierigkeit liegt in dem, was ich auch schon zur Chorarbeit geschrieben habe. Es wird nicht ordentlich vom Text und auch kaum von der Bühne her interpretiert.

Das geht gleich los mit Gotthold Schwarz’ erstem Accompagnato „It must be so“ und der anschließenden Arie „Pour forth no more unheeded prayers“. Schon das Accompagnato kommt ohne nötige Gravitas und auch ohne Umsetzung der ganz unterschiedlichen Affekte daher. Die Arie klingt dann recht hölzern, ohne Linie und Arbeit am und mit dem Text, die Verzierungen gelingen nicht so recht und auch die nötige Sonorität fehlt Schwarz auch. Die Stimme klingt mittlerweile einigermaßen alt, hart und es fehlt an Kraft und Geschmeidigkeit. Eine eindruckvolle interpretative Leistung könnte derlei vielleicht noch ausgleichen, aber Schwarz liefert keine, nicht hier, nicht in „Freedom now once more possessing“ und auch nicht in „Laud her, all ye virgin train“.

Markus Schäfer schlägt sich in der Rolle des Titelhelden insgesamt recht ordentlich, auch wenn mir persönlich die Stimme zu jung klingt. „Mein“ Jephtha ist älter und bringt – neben einem lockeren Sitz der Stimme - etwas mehr Härte, etwas mehr „Stahl“ im Timbre mit. Ich mache ja kein Geheimnis daraus, dass ich mir bisweilen wieder Händel-Tenöre der prä-hippen Ära wünsche. Stimmen wie Ryland Davies, Robert Tear – das wär’s. Schäfers Stimme ist neben seinem jugendlichen Ton vielleicht etwas zu klein, aber er kann durchaus zu Form auflaufen, wie die sehr gelungene Wiedergabe der nicht eben einfachen Koloraturarie „His mighty arm with sudden blow“ zeigt. In den den Blick in Jephthas gequälte Seele eröffnenden Accompagnati („Horror, confusion!“, „Deeper and deeper still“) und Arien („Open thy marble jaws“, „Hide thou thy hated beams“) indes, die für Nigel Robson (Gardiner), James Gilchrist (Christophers), Werner Hollweg (Harnoncourt) und ganz besonders John Mark Ainsley (Creed) die eigentliche Kür bei der Gestaltung der Rolle darstellen, bleibt Schäfer ausnehmend ausdrucks- und beteiligungslos. Recht erfreulich gelingt dann seine Wiedergabe von „Waft her angels through the skies“ – die eine jener himmlischen Tenor-Arien ist, mit denen Händel bisweilen wie aus dem Nichts heraus konfrontiert („Thus when the sun from's wat'ry bed“ im „Samson“ ist noch so eine). Schade nur, dass Grünert hier ein ziemlich flottes Tempo anschlägt und die das „Schweben“ symbolisierende punktierte Streicherfigur recht mechanisch spielen lässt, was den klanglichen Zauber der Arie nicht eben fördert.

Die Gestaltung der Storgè, der Gattin Jephthas, liegt in den Händen von Britta Schwarz. In ihrem ersten Rezitativ („Twill be a painful seperation, Jephtha“) und der sich anschließenden Klagearie „In gentle murmurs will I mourn“ überzeugt sie mich mit einer schönen Zeichnung der Figur und einem schönen dunklen Timbre, das zunächst nach einem „echten“ Alt klingt. Später indes – speziell in den erregten Arien „Scenes of horror!“ und „Let other creatures die“ – wird deutlich, dass das tiefe Register doch recht dünn und gepresst daher kommt und sie sich im oberen Bereich der Tessitura wohler fühlt. Ein zweites Manko: In beiden Arien wird deutlich, das Britta Schwarz wenig Stimmvolumen, wenig Kraft mitbringt. Denke ich an Glenys Linos (Harnoncourt) oder Anne Sophie von Otter (Gardiner), dann verblasst Schwarz’ Wiedergabe schnell von meinem inneren Ohr.

Jephthas Tochter Iphis wird von Miriam Meyer gestaltet. Sie bringt eine der Rolle sehr angemessene Stimme mit: jugendlich, glockenhell, leicht und geschmeidig – ganz die die junge Liebende, das unschuldige Opfer. Insgesamt orientiert sich ihre Gestaltung auch recht eng am Text. Nur ab und an – beispielsweise in Szene VI („Say, my dear mother“ / „The smiling dawn of happy days“) oder im Duett mit ihr Geliebten Hamor („These labours past, how happy we“) – klingt sie etwas beliebig und ohne die rechte innere Freude. Schön gelingt von ihrer Seite aus die arkadisch anmutende Arie „Tune the soft melodious flute“, auch wenn Grünerts hohes Tempo das idyllische Moment einigermaßen intensiv abwürgt. Doch der Höhepunkt ihrer Darbietung kommt zum Schluss. Ihre Darstellung der Abschiedarie der Iphis „Farewell, ye limpid springs and floods“ gelingt ausgesprochen bewegend.

Patrick van Goethems Hamor will mich wiederum nicht überzeugen. Zum einen empfinde ich sein Timbre ausgesprochen leicht und feminin, mit sehr viel Kopf und wenig Körper. Das klingt für mich nicht so recht nach Held und Liebhaber. Auf der anderen Seite klingt vieles von dem, was van Goethem singt, durchaus schön – wenn man denn die Rolle und auch den von ihm zu deutenden Text einmal vergisst. Eine Arbeit am Text findet im Grunde nicht statt. Affekte werden nicht herausgearbeitet, ein Profil dieser Rolle wird nicht gezeichnet. Stattdessen ergeht sich van Goethem im Schönklang der eigenen Stimme.

Birte Kulawik präsentiert – sprachlich übrigens recht mäßig - den mit Abstand gelangweiltesten Engel ex machina, den ich je hab hören dürfen. Dass die hübsche Arie „Happy, Iphis, shalt thou live“ tatsächlich nach existenzialistischem Ennui klingen kann, hätte ich nie gedacht.

Das Dresdener Barockorchester begleitet sicher und unaufgeregt. Schade eigentlich, denn etwas mehr Aufregung hätte vielleicht etwas mehr Eindruck hinterlassen. So verbleibt das Orchester eben in der Rolle der stützenden Begleitung, wo doch etwas mehr an Gestaltung dem Gesamten durchaus gut getan hätte.

Insgesamt eine Aufnahme des „Jephtha“, die man nach meinem Dafürhalten nicht zwingend im Regal haben muss.

:hello Agravain
Agravain (09.01.2015, 16:30):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/817WvpOSi7L._SL300_.jpg

Christophers (01/2014) – James Gilchrist, Susan Bickley, Sophie Bevan, Robin Blaze, Matthew Brook, Grace Davidson, The Sixteen

Die britische Musikpresse hat sich beim Erscheinen dieser Aufnahme wahrhaftig überschlagen. „Makellos“ hieß es in „The Times“, „sensationell“ im „Guardian“, „exzellent“ im „Gramophone“ etc. etc. Nun ist es kein sonderlich gut gehütetes Geheimnis, dass die britische Musikpresse quasi jede neue britische Produktion britischer Musik in vollem Chor lobt und preist und die alten bei dieser Gelegenheit vergisst. Mir geht es bei dem vorliegenden „Jephtha“ aus der Händel-Schmiede „Christophers & The Sixteen“ allerdings eher wie jenem britischen Amazon-Rezensenten, der seinen Text „Not as good as I had expected“ nennt und mir damit aus der Seele spricht.

Es wäre natürlich albern zu leugnen, dass es sich hier um eine im Prinzip hochklassige Aufnahme handelt, „makellos“ ist sie aber meines Erachtens nicht. Ich hatte mir nach dem wirklich exquisiten „Saul“, den Christophers und The Sixteen 2012 vorgelegt haben, ganz besonders im Bereich der Chöre deutlich mehr erhofft. Dem Dirigenten und seinem Chor wird ja bisweilen eine gewisse Kühle oder Vorsicht im Ausdruck vorgeworfen und ich kann hier und da verstehen, wie es dazu kommt. Im „Saul“ nun wurde dieses vermeintliche Markenzeichen ohne wenn und aber über Bord geworfen und herauskamen wirklich hochexpressive Darstellungen der Chöre. Hier im „Jephtha“ fallen Christophers und The Sixteen nun wieder hinter diese Marke zurück. Das ist natürlich alles vollkommen tadellos gesungen, das Ensemble hat einen herrlichen Klang, seine technische Präzision ist vollkommen unanfechtbar und es wird stets in breitestem Nuancenreichtum vom Text her gestaltet. Da brauche ich gar keinen einzelnen Satz beispielhaft herausgreifen, denn eine Lehrstunde in Chorgesang kann man tatsächlich in jedem Chorsatz erleben. Mustergültig das, zumindest im Prinzip. Denn die schier unglaubliche Kultiviertheit des Ensembles ist gleichzeitig seine entscheidende Schwäche. Das Interpretationsprinzip der Sixteen ist kontrollierte Ekstase in Reinkultur. Das Ensemble ist nie wirklich involviert, kein wirklicher Teil der Szene und des Spiels, immer „calm, cool, and collected“, immer ein wenig in der Distanz. Das ist nach meinem Dafürhalten der entscheidende Unterschied zu Gardiners Monteverdi Choir, der im Gestalterischen ebenso perfekt agiert, aber auch hinein ins volle Leben greift. Dort, wo es dieser Chor packt, ist’s interessant. Dort, wo The Sixteen singen, bleibt’s bisweilen und hier im Speziellen beim etwas glatten Perfektionismus.

Auch die Solistenriege lässt mich nicht so ehrfurchtsvoll zurück, wie ich es laut der Fachrezensionen wohl sein sollte.

James Gilchrist in der Titelpartie ist schon ausgesprochen gut, wenngleich auch er nicht jene Stimme mitbringt, die ich mir für diese Partie wünsche. Mir ist er eine Spur zu leichtgewichtig, in der Höhe mit einem (besonders im Forte) recht harten Ton und mit dem Hang, sich – beispielsweise in den Sechzehntelläufen in „His mighty arm with sudden blow“ – durch fluffiges Antupfen der Töne zu schonen. Überhaupt empfinde ich auch seine Zeichnung des Jephtha recht schonend, und zwar sowohl für sich selbst als auch für den Hörer. Nicht, dass er den Text nicht zur Gestaltung nutzt und förmlich mustergültig jedes Wort des Librettos dreht und wendet, um anschließend jeden Affekt ebenso mustergültig in Töne zu gießen. Aber: das wirkt sehr intellektuell, sehr vom Kopf her gestaltet. Dieser Jephtha verliert nie wirklich die Contenance, bleibt stets elegant und geschniegelt, der Burberry Trenchcoat sitzt, das Penhaglion’s duftet, lediglich die Frisur kommt ab und zu durcheinander. Der echte Seelenschmerz bleibt draußen. Da ist mir die technisch vielleicht nicht ganz so kunstvolle Darstellung eines Nigel Robson deutlich näher, der bei Gardiner – wie übrigens auch der stimmlich furchtbar knödelige Werner Hollweg bei Harnoncourt – einen Blick auf die tragische Fallhöhe und die Abgründe der Seele dieser Figur abliefert, der sich gewaschen hat. Was für eine Charakterstudie!

Auch Susan Bickleys Storgè ist enorm delikat, aber nur dort, wo wenig Kraft gefordert ist, denn auch sie ist (wie viele andere in dieser Rolle) kein „echter“ Alt, sondern eine echte Mezzosopranistin, die speziell mit den tieferen Regionen der Tessitur durchaus ihre stimmlichen Probleme hat. So gelingt ihr beispielsweise eine wunderbare Darstellung der Arie „In gentle murmurs“ und auch der B-Teil der Arie „Scenes of horror!“ („While in never ceasing pain“) klingt herrlich schwebend. Der packende erste Teil hingegen bleibt bei ihr dünn, schwächlich und schafft es nicht, die Verzweiflung der Storgè lebendig werden zu lassen. Gleiches gilt für „Let other creatures die“. Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Auch Susan Bickley kann im Vergleich zu Anne Sophie von Otter kaum bestehen.

Ganz besonders heben die oben genanten Besprechungen die Leistung der jungen britischen Sopranistin Sophie Bevan in der Rolle der Iphis hervor. Auch hier kann ich mich nicht samt und sonders anschließen. Meine erste Schwierigkeit besteht darin, dass ihr etwas abschattierter, ziemlich voller und nicht eben leichter Sopran älter klingt als die Stimme ihrer Mutter (gesungen von Susan Bickley). Meine Vorstellung der Iphis ist deutlich leichter, deutlich mädchenhafter. Hinzu kommt eine bisweilen durchbrechende Affektiertheit in der Gestaltung, die mich gerade bei dieser Rolle so gar nicht begeistert. Nicht selten ergeht sie sich in einer Überfülle von Verzierungen, sodass diese fast wie der eigentliche Zweck der jeweiligen Arie wirken. Es ist ja schön, dass Miss Bevan das kann, aber in der Mitte liegt holdes Bescheiden. Schaltet sie – wie in „Tune the soft melodious flute“ oder „Happy they“ – einen Gang zurück, dann gelingen ihr wirklich berückende Momente.

Rundum zufrieden bin ich mit Robin Blaze in der Rolle des Hamor. Sicher, Blazes Stimme hört sich zwar nicht mehr ganz so frisch, geschmeidig und rund an wie einst, als er Thomas Campions Songs für Hyperion aufgezeichnet hat, aber die dazugekommene Schärfe macht seinen Gesang deutlich maskuliner, sodass man ihm das Entschlossene, Kriegerische, Heldenhafte in „Up the dreadful scene ascending“ vollkommen problemlos abnehmen kann. Das ist kein asthenischer Knabe, sondern einer der sowohl als Held als auch als Liebhaber durchgeht.

Auch Matthew Brooks Zebul empfinde ich als tadellos. Schon das erste Accompagnato „It must be so“ zeigt eine sehr von der Szene her gedachte Darstellung, was mich sehr für ihn einnimmt. Der gute Eindruck verfestigt sich aufgrund der tadellosen Wiedergabe von "Pour forth no more unheeded prayers". Dazu kommt eine kraftvolle, dunkle timbrierte und dennoch sehr flexible Stimme, die die für die Rolle notwenige Würde bestens ausstrahlt.

Grace Davidson singt einen himmlischen Engel.

Das Orchester der Sixteen spielt hinreißend. Schon die Ouvertüre kommt enorm packend daher, im langsamen Beginn tobt sich das Orgelpositiv mit wahrlich wilden Verzierungen aus. Das sich anschließende Allegro kommt ausgesprochen nervös daher, immer mit Höchstspannung, die Triolenketten habe ich selten dräuender gehört. Da ist kein Takt, der routiniert wirkt, alles scheint bis ins letzte durchleuchtet und gestaltet, und zwar nicht nur hier. Da wird nicht einfach die Rolle eines begleitenden Orchesterapparats eingenommen, das Orchesterensemble der Sixteen gestaltet unablässig, in gleichberechtigter Gemeinschaft mit den Sängerinnen und Sängern, das gesungene Wort aufnehmend, unterstreichend, kommentierend, ausleuchtend. So soll es sein.

:hello Agravain