Hagen Quartett, oder: Der Hase und der Igel

ab (24.05.2006, 17:02):
Das Hagen Quartett ist wohl das interessanteste Streichquartett unserer Tage. Absolute Modernität insbesondere durch übersteigerte Intensität und enorme Klaggestaltung. In ihrer Musik erreichten sie außerpersonal einen objektiven musikalischen Ausdruck, abseits subjektiv menschlicher Empfindungen. Jedem ihrer immens vielen Klangfarbschattierungen kommt eine ganz eigene Intensität zu. Mit äußerstem Feingespür lauschen sie den dadurch subtil entstehenden Feinheiten und Zwischentönen nach. Traditionell bedeutsame Linien und Harmonien werden so nicht selten im ständigen Wandel des Energieflusses verstörend nebensächlich. Alle vier Musiker gehen mit ihrem bezwingenden Gesamtkonzept in einer völligen Einheit auf, innerhalb der jeder dennoch wie ganz für sich getrennt jegliche Freiheiten hat. Die Gestaltung scheint sich irgendwo im Obertonbereich abzuspielen.

Eine Besonderheit dieses Ensemble ist auch das, was man das „ungedrehte Hase-und-Igel-Syndrom“ nennen könnte: Meint man nach vielfachem Hören endlich herausgefunden zu haben, was das Spezifische Ihres Spiels ist, lachen sie einem mit der nächsten Aufnahme oder beim nächsten Konzert entgegen: „Ich bin schon weg!“ und wieder muss man sich dran machen, das abermals Neue zu erspüren.

Dennoch gibt es fast so etwas wie Phasen.

1. Womöglich hat die eine oder der andere von euch noch die Jugendaufnahmen im Ohr (wie man so sagt), etwa das zahmen Forellenquintett mit A.Schiff und Posch (Decca).

2. Wirklich interessant werden ihre Aufnahmen mE mit jener von Beethovens letztem Streichquartett (gekoppelt mit Schuberts ausgezeichnetem „Tod und das Mädchen“), als sie nämlich übergingen, vom traditionellen zu einem modernen, klangbetonten eigenen Interpretationstil überzugehen. Man höre nur den Cluster-Klang des langsamen Satzes, der typisch für ihre damalige Auffassung war!

3. Der nächste Wechsel und damit die wohl nächste paradigmatische Aufnahme für das Hagen Quartett scheinen mir deren Aufnahme der Schumann-Streichquartette zu sein, in denen sie zu einem radikal neuen, expressiven Ausdruck übergingen. (Harnoncourt sagte einmal in einem Interview sinngemäß, man müsse in der Musik radikal übertreiben, um beim heutigen Publikum zumindest ein Minimum davon ankommen zu lassen, worum es einem gehe. Das Hagen Quartett hatte diese Auffassung in jener Phase grandios perfektioniert.) Man höre nur den Mittelteil des Andante von Schuberts letztem Streichquartett, das einmal wahrlich zeigt, was Ausdruck in der Musik wirklich bedeutet! Hier klopft das Schicksal an die Pforte! So viele Klangfarben sind singulär.

4. Inzwischen schließen sie wieder mehr an die Tradition an, nämlich in zweifacher Weise: Die Impulse gehen hauptsächlich vom Primgeiger aus (vorher waren alle eher gleichgestellt, auch wenn man den Eindruck hatte, die Bratsche halte alles zusammen), und aus dem Klangfarbspiel tritt nun öfters ein typisch weicher Wiener Klang wie als Kontrast hervor, fast wie eine Reminiszenz an vergangene Zeiten.

Wie sie Beethoven interpretieren halte ich für das Aufregendste, Interessanteste und Beste seit den Aufnahmen des Busch-Quartetts in den 30ern. Auch deren Schumann-Aufnahme hat mir bei weitem besser gefallen als die vom Zehetmair Quartett, das ein (?) Jahr später damit prämiert worden ist. Die „Fünf Stücke für Streichquartett“ von Schulhoff - gemeinsam mit einem genauso phantastischen Dvorak Nr. 14 und Kurtag Mikroludien - sind nie packender, fulminanter und farbreicher aufgenommen worden! Ihr Mozart ist ganz anders alles von allen anderen. Überraschenderweise haben sich die Hagens gerade bei ihren überwältigenden Bartók-Aufnahmen fast verstörend nicht dem Zeitgeist gebeugt, sich durch raue Aggressivität einen fortschrittlichen Anstrich zu geben.



Nur handelt es sich bei vielen ihrer Aufnahmen (insbesondere Haydn, Mozart und Beethoven) um Kammermusik, die eher – um auf eine Rubrik dieses Forums Bezug zu nehmen – „nur für den "erfahrenen" Hörer“ ist, deren Besonderheit und Reiz sich verschließen kann, wenn man mit gewohnten Hörgewohnheiten an die Klänge heran geht. Ihre Interpretationen von Schubert und der Romantik hingegen – so vermute ich – erschließen sich auch der weniger erfahrene Hörerin unmittelbar. Modernes vermutlich sowieso...

Wie schon an anderer Stelle geschrieben: Wenn es ein Ensemble gibt, dem ich gerne bei jedem Konzert nachreisen würde (schließlich ist Sviatoslav Richter bereits lange tot – und ihn im Konzert zu erleben habe ich leider, leider verabsäumt), dann wäre es das Hagen Quartett, insbesondere wenn sie Beethoven spielen. Tiefers Musizieren kenne ich derzeit nicht!
Rachmaninov (25.05.2006, 21:34):
@ab,

ich muß sagen das ich mich nach diesem hoch interessanten Beitrag noch mehr auf die Bereits bestellte Aufnahme des Hagen-Quartetts mit Haydns Sonnenquarteten freue.

Hoffe sie wird bald geliefert :hello
Jack Bristow (25.05.2006, 22:15):
Diese Haydn-Quartette stammen noch aus der "gemäßigten" Pahse des Quartetts; sie sind sehr gut und lupenrein gespielt, aber verglichen mit ihren späteren Sachen recht geradlinig. Extremer die Beethoven- und Schumann-.Aufnahmen, sowie Mozarts "Haydn-Quartette"
Ich stimme "ab" jedenfalls zu, dass es sich hier um eines der interessantesten jüngern Ensmebles handelt. Ebenfalls sehr gut ist das Petersen-Quartett.

viele Grüße

J. Bristow
ab (26.05.2006, 10:51):
Original von Jack Bristow
Diese Haydn-Quartette stammen noch aus der "gemäßigten" Pahse des Quartetts; sie sind sehr gut und lupenrein gespielt, aber verglichen mit ihren späteren Sachen recht geradlinig.
J. Bristow

Ihre Aufnahme mit dem entzückend interpretierten Lerchen-Quartett stammt noch aus der "gemäßigten" Phase. Die Sonnenquartette sind bereits wesentlich weniger koventionell-"eingängig" und bedarf wesentlich aufmerksameren Hörens, um sich diese subtilen Besonderheiten zu erschließen.

Lieber Rachmaninov, lass' Dich nicht entmutigen, sollte sie Dir auf das erste Hören hin wenig zusagen: Die tiefe Auseinandersetzung lohnt sich! Versuche, das Spezifische ihres Zugriffs herauszufinden!
Rachmaninov (26.05.2006, 21:24):
@ab,

was wäre denn für die die "Topempfehlung" in Sachen Hagen Quartett?

R
ab (27.05.2006, 11:56):
Original von Rachmaninov
@ab,

was wäre denn für die die "Topempfehlung" in Sachen Hagen Quartett?
R

Wer, bitte, soll mit " für die" gemeint sein?
Rachmaninov (27.05.2006, 11:58):
Original von ab
Wer, bitte, soll mit " für die" gemeint sein?

Schuldige! Dumm ausgedrückt von mir.

Welche Aufnahme des Hagen Quartett's wäre für Dich die erste Empfehlung überhaupt um sich mit dem diesem Quartett zu beschäftigen?
ab (27.05.2006, 14:05):
Original von Rachmaninov
Welche Aufnahme des Hagen Quartett's wäre für Dich die erste Empfehlung überhaupt um sich mit dem diesem Quartett zu beschäftigen?

Etwas vom Hagen Quartett zu empfehlen ist natürlich aus mehreren Gründen nicht so einfach. Zum einen sollte man ja überhaupt versuchen, an den Hörerfahrungen derjenigen, die etwas empfohlen bekommen möchte, anzuschließen (und die Deinen kenne ich noch zu wenig, weil ich noch nicht lange genug an diesem formum teilnehme). Zum anderen sollte man wissen, ob es sich um ein erstes Kennenlernen des Stücks handelt oder nur das wiederholte Hören beim Kennenlernen einer neuartigen Interpretation.

Hört beispielsweise jemand wenige Kammermusik so würde ich zunächst die Beehtoven op. 135 & Schubert Tod und das Mädchen–CD empfehlen, weil es sich zum einen um „eingängigere“ Werke und diese zum anderen in einem mehr eingängigen Zugriff handelt, ohne das die Faszination des Besonderen des Hagen Quartetts fehlt. Außerdem eröffnete sich dadurch die Chance, die Entwicklung des Hagen Quartetts gut verdeutlichen zu können. Nicht zuletzt halte ich diese Einspielung des Tod und das Mädchen für eine der besten erhältlichen, und das Gleiche gilt für das op. 135, obwohl sie heute Beethoven bereits ganz anderes spielen!

Die Interpretation Schuberts letzten Streichquartetts D.887 halte ich persönlich sowohl kompositorisch wie interpretatorisch für viel interessanter; nur ist dieses Quartette per se schon schwieriger (es sei denn für zB Bruckner-Fans). Der darauf gekoppelte Beethoven op. 95 indes ist sowohl vom Werk weniger eingängig als auch in der Interpretaion nicht jener, den ich zum Kennenlerne des Hagen Quartetts als erstes empfehlen würde.

Wer gerne auch Moderneres hört, dem würde ich ohne Umschweife die Dvorak/Schulhoff/Kurtag-CD ans Herz legen; diese wohl auch jenen, die überhaupt mehr beim Pop zuhause sind und wenig s.g. Klassik hören. Eine großartige Visitenkarte! Auch klanglich ist sie besser als so manch andere CD mit ihren leider eigenwillig künstlichen Klangkonzepten.

Besonders gelungen expressiv halte ich ihre Schumann-CDs (trotz des Klavierqunitetts, bei dem es wegen des Piansiten Paul Gulda sicherlich empfehlenswertere Einspielungen gibt): Nur, diese Quartettkompositionen sind auch nicht jederfrau ans Herz zu legen, selbst wenn es sich mE um die unübertroffene Referenzeinspielung handelt (gleichgültig, dass das Zehetmair-Quartett diese Auszeichungen bekommen hat, die den Hagens gebührt hätte).

Leuten mit reichlicher Beethoven-Streichquartett-Erfahrung würde ich als erste die erste Aufnahme der Großen Fuge zum Hören empfehlen (bei der Quintett in C-CD mit Schiff drauf), nicht aber das sehr schnell gespielte op.59/1 oder die rasant genommenen frühen op. 18er Werke, die man sich erst durch anderes Erschließen sollte.

Wer weniger Beethoven kennt, für die eigent sich neben dem erwähnten op. 135 wohl die Opp.127 & 132 noch am meisten, um in diesen grandiosen Kosmos Einlass zu finden.

Der Hagens extremen Mozart sollte man durch die CD KV 421 & 575 kennen lernen!

Den Bartok, der gemeinsam mit Beethovens späten Werken wohl zu den großartigsten Kompositionen dieses Genres überhaupt gehören, sollte man sowieso in ihrer Interpretation hören!

Wenn ich es mir also recht überlege, würde ich Dir zum Einstieg die Dovrak/Schulhoff/Kurtag-CD empfehlen. Dies sei hiermit nachdrücklich getan!
ab (24.05.2006, 17:02):
Das Hagen Quartett ist wohl das interessanteste Streichquartett unserer Tage. Absolute Modernität insbesondere durch übersteigerte Intensität und enorme Klaggestaltung. In ihrer Musik erreichten sie außerpersonal einen objektiven musikalischen Ausdruck, abseits subjektiv menschlicher Empfindungen. Jedem ihrer immens vielen Klangfarbschattierungen kommt eine ganz eigene Intensität zu. Mit äußerstem Feingespür lauschen sie den dadurch subtil entstehenden Feinheiten und Zwischentönen nach. Traditionell bedeutsame Linien und Harmonien werden so nicht selten im ständigen Wandel des Energieflusses verstörend nebensächlich. Alle vier Musiker gehen mit ihrem bezwingenden Gesamtkonzept in einer völligen Einheit auf, innerhalb der jeder dennoch wie ganz für sich getrennt jegliche Freiheiten hat. Die Gestaltung scheint sich irgendwo im Obertonbereich abzuspielen.

Eine Besonderheit dieses Ensemble ist auch das, was man das „ungedrehte Hase-und-Igel-Syndrom“ nennen könnte: Meint man nach vielfachem Hören endlich herausgefunden zu haben, was das Spezifische Ihres Spiels ist, lachen sie einem mit der nächsten Aufnahme oder beim nächsten Konzert entgegen: „Ich bin schon weg!“ und wieder muss man sich dran machen, das abermals Neue zu erspüren.

Dennoch gibt es fast so etwas wie Phasen.

1. Womöglich hat die eine oder der andere von euch noch die Jugendaufnahmen im Ohr (wie man so sagt), etwa das zahmen Forellenquintett mit A.Schiff und Posch (Decca).

2. Wirklich interessant werden ihre Aufnahmen mE mit jener von Beethovens letztem Streichquartett (gekoppelt mit Schuberts ausgezeichnetem „Tod und das Mädchen“), als sie nämlich übergingen, vom traditionellen zu einem modernen, klangbetonten eigenen Interpretationstil überzugehen. Man höre nur den Cluster-Klang des langsamen Satzes, der typisch für ihre damalige Auffassung war!

3. Der nächste Wechsel und damit die wohl nächste paradigmatische Aufnahme für das Hagen Quartett scheinen mir deren Aufnahme der Schumann-Streichquartette zu sein, in denen sie zu einem radikal neuen, expressiven Ausdruck übergingen. (Harnoncourt sagte einmal in einem Interview sinngemäß, man müsse in der Musik radikal übertreiben, um beim heutigen Publikum zumindest ein Minimum davon ankommen zu lassen, worum es einem gehe. Das Hagen Quartett hatte diese Auffassung in jener Phase grandios perfektioniert.) Man höre nur den Mittelteil des Andante von Schuberts letztem Streichquartett, das einmal wahrlich zeigt, was Ausdruck in der Musik wirklich bedeutet! Hier klopft das Schicksal an die Pforte! So viele Klangfarben sind singulär.

4. Inzwischen schließen sie wieder mehr an die Tradition an, nämlich in zweifacher Weise: Die Impulse gehen hauptsächlich vom Primgeiger aus (vorher waren alle eher gleichgestellt, auch wenn man den Eindruck hatte, die Bratsche halte alles zusammen), und aus dem Klangfarbspiel tritt nun öfters ein typisch weicher Wiener Klang wie als Kontrast hervor, fast wie eine Reminiszenz an vergangene Zeiten.

Wie sie Beethoven interpretieren halte ich für das Aufregendste, Interessanteste und Beste seit den Aufnahmen des Busch-Quartetts in den 30ern. Auch deren Schumann-Aufnahme hat mir bei weitem besser gefallen als die vom Zehetmair Quartett, das ein (?) Jahr später damit prämiert worden ist. Die „Fünf Stücke für Streichquartett“ von Schulhoff - gemeinsam mit einem genauso phantastischen Dvorak Nr. 14 und Kurtag Mikroludien - sind nie packender, fulminanter und farbreicher aufgenommen worden! Ihr Mozart ist ganz anders alles von allen anderen. Überraschenderweise haben sich die Hagens gerade bei ihren überwältigenden Bartók-Aufnahmen fast verstörend nicht dem Zeitgeist gebeugt, sich durch raue Aggressivität einen fortschrittlichen Anstrich zu geben.



Nur handelt es sich bei vielen ihrer Aufnahmen (insbesondere Haydn, Mozart und Beethoven) um Kammermusik, die eher – um auf eine Rubrik dieses Forums Bezug zu nehmen – „nur für den "erfahrenen" Hörer“ ist, deren Besonderheit und Reiz sich verschließen kann, wenn man mit gewohnten Hörgewohnheiten an die Klänge heran geht. Ihre Interpretationen von Schubert und der Romantik hingegen – so vermute ich – erschließen sich auch der weniger erfahrene Hörerin unmittelbar. Modernes vermutlich sowieso...

Wie schon an anderer Stelle geschrieben: Wenn es ein Ensemble gibt, dem ich gerne bei jedem Konzert nachreisen würde (schließlich ist Sviatoslav Richter bereits lange tot – und ihn im Konzert zu erleben habe ich leider, leider verabsäumt), dann wäre es das Hagen Quartett, insbesondere wenn sie Beethoven spielen. Tiefers Musizieren kenne ich derzeit nicht!
Rachmaninov (25.05.2006, 21:34):
@ab,

ich muß sagen das ich mich nach diesem hoch interessanten Beitrag noch mehr auf die Bereits bestellte Aufnahme des Hagen-Quartetts mit Haydns Sonnenquarteten freue.

Hoffe sie wird bald geliefert :hello
Jack Bristow (25.05.2006, 22:15):
Diese Haydn-Quartette stammen noch aus der "gemäßigten" Pahse des Quartetts; sie sind sehr gut und lupenrein gespielt, aber verglichen mit ihren späteren Sachen recht geradlinig. Extremer die Beethoven- und Schumann-.Aufnahmen, sowie Mozarts "Haydn-Quartette"
Ich stimme "ab" jedenfalls zu, dass es sich hier um eines der interessantesten jüngern Ensmebles handelt. Ebenfalls sehr gut ist das Petersen-Quartett.

viele Grüße

J. Bristow
ab (26.05.2006, 10:51):
Original von Jack Bristow
Diese Haydn-Quartette stammen noch aus der "gemäßigten" Pahse des Quartetts; sie sind sehr gut und lupenrein gespielt, aber verglichen mit ihren späteren Sachen recht geradlinig.
J. Bristow

Ihre Aufnahme mit dem entzückend interpretierten Lerchen-Quartett stammt noch aus der "gemäßigten" Phase. Die Sonnenquartette sind bereits wesentlich weniger koventionell-"eingängig" und bedarf wesentlich aufmerksameren Hörens, um sich diese subtilen Besonderheiten zu erschließen.

Lieber Rachmaninov, lass' Dich nicht entmutigen, sollte sie Dir auf das erste Hören hin wenig zusagen: Die tiefe Auseinandersetzung lohnt sich! Versuche, das Spezifische ihres Zugriffs herauszufinden!
Rachmaninov (26.05.2006, 21:24):
@ab,

was wäre denn für die die "Topempfehlung" in Sachen Hagen Quartett?

R
ab (27.05.2006, 11:56):
Original von Rachmaninov
@ab,

was wäre denn für die die "Topempfehlung" in Sachen Hagen Quartett?
R

Wer, bitte, soll mit " für die" gemeint sein?
Rachmaninov (27.05.2006, 11:58):
Original von ab
Wer, bitte, soll mit " für die" gemeint sein?

Schuldige! Dumm ausgedrückt von mir.

Welche Aufnahme des Hagen Quartett's wäre für Dich die erste Empfehlung überhaupt um sich mit dem diesem Quartett zu beschäftigen?
ab (27.05.2006, 14:05):
Original von Rachmaninov
Welche Aufnahme des Hagen Quartett's wäre für Dich die erste Empfehlung überhaupt um sich mit dem diesem Quartett zu beschäftigen?

Etwas vom Hagen Quartett zu empfehlen ist natürlich aus mehreren Gründen nicht so einfach. Zum einen sollte man ja überhaupt versuchen, an den Hörerfahrungen derjenigen, die etwas empfohlen bekommen möchte, anzuschließen (und die Deinen kenne ich noch zu wenig, weil ich noch nicht lange genug an diesem formum teilnehme). Zum anderen sollte man wissen, ob es sich um ein erstes Kennenlernen des Stücks handelt oder nur das wiederholte Hören beim Kennenlernen einer neuartigen Interpretation.

Hört beispielsweise jemand wenige Kammermusik so würde ich zunächst die Beehtoven op. 135 & Schubert Tod und das Mädchen–CD empfehlen, weil es sich zum einen um „eingängigere“ Werke und diese zum anderen in einem mehr eingängigen Zugriff handelt, ohne das die Faszination des Besonderen des Hagen Quartetts fehlt. Außerdem eröffnete sich dadurch die Chance, die Entwicklung des Hagen Quartetts gut verdeutlichen zu können. Nicht zuletzt halte ich diese Einspielung des Tod und das Mädchen für eine der besten erhältlichen, und das Gleiche gilt für das op. 135, obwohl sie heute Beethoven bereits ganz anderes spielen!

Die Interpretation Schuberts letzten Streichquartetts D.887 halte ich persönlich sowohl kompositorisch wie interpretatorisch für viel interessanter; nur ist dieses Quartette per se schon schwieriger (es sei denn für zB Bruckner-Fans). Der darauf gekoppelte Beethoven op. 95 indes ist sowohl vom Werk weniger eingängig als auch in der Interpretaion nicht jener, den ich zum Kennenlerne des Hagen Quartetts als erstes empfehlen würde.

Wer gerne auch Moderneres hört, dem würde ich ohne Umschweife die Dvorak/Schulhoff/Kurtag-CD ans Herz legen; diese wohl auch jenen, die überhaupt mehr beim Pop zuhause sind und wenig s.g. Klassik hören. Eine großartige Visitenkarte! Auch klanglich ist sie besser als so manch andere CD mit ihren leider eigenwillig künstlichen Klangkonzepten.

Besonders gelungen expressiv halte ich ihre Schumann-CDs (trotz des Klavierqunitetts, bei dem es wegen des Piansiten Paul Gulda sicherlich empfehlenswertere Einspielungen gibt): Nur, diese Quartettkompositionen sind auch nicht jederfrau ans Herz zu legen, selbst wenn es sich mE um die unübertroffene Referenzeinspielung handelt (gleichgültig, dass das Zehetmair-Quartett diese Auszeichungen bekommen hat, die den Hagens gebührt hätte).

Leuten mit reichlicher Beethoven-Streichquartett-Erfahrung würde ich als erste die erste Aufnahme der Großen Fuge zum Hören empfehlen (bei der Quintett in C-CD mit Schiff drauf), nicht aber das sehr schnell gespielte op.59/1 oder die rasant genommenen frühen op. 18er Werke, die man sich erst durch anderes Erschließen sollte.

Wer weniger Beethoven kennt, für die eigent sich neben dem erwähnten op. 135 wohl die Opp.127 & 132 noch am meisten, um in diesen grandiosen Kosmos Einlass zu finden.

Der Hagens extremen Mozart sollte man durch die CD KV 421 & 575 kennen lernen!

Den Bartok, der gemeinsam mit Beethovens späten Werken wohl zu den großartigsten Kompositionen dieses Genres überhaupt gehören, sollte man sowieso in ihrer Interpretation hören!

Wenn ich es mir also recht überlege, würde ich Dir zum Einstieg die Dovrak/Schulhoff/Kurtag-CD empfehlen. Dies sei hiermit nachdrücklich getan!