Sfantu (03.04.2021, 00:23): * 1. Juli 1927 Sandviken, † 8. März 1999 Stockholm
Sfantu (03.04.2021, 00:24): Hans Eklunds Stil hat Einiges mit dem seines Freundes Allan Pettersson gemein. Die grundsätzlich düstere, fatalistische, freitonale Tonsprache korreliert mit einer ebensolchen Weltsicht. Anders als Pettersson wahrt Eklund aber stets ein gesundes Gespür für angemessene Proportionen. Seine Sinfonien sind knapper & prägnanter gehalten als jene Petterssons.
Sfantu (03.04.2021, 00:25): Nach Absolvierung der Königlichen Stockholmer Musikhochschule (1947-52) studierte Eklund bei Lars-Erik Larsson & später bei Ernst Pepping in Berlin (1953-54), 1957 hielt er sich zum Opernstudium in Rom auf. 1964 erhielt er einen Lehrauftrag für Kontrapunkt & Harmonielehre an der Stockholmer Musikhochschule. Die Mehrzahl seiner frühen Kompositionen zeichnen sich durch solide Technik aus, hauptsächlich geschult an Hindemith & Reger; die konzertanten Musica da camera-Werke folgten dem Modell von Hindemiths "Kammermusiken". Musik för orkester, welche den Durchbruch in seiner Karriere markierte, wurde gefolgt von zwölf Sinfonien, welche zwischen aggressiver Kraft & stiller Innenschau oszillieren & gelegentlich auch durch schwarzen Humor & groteske Eruptionen gekennzeichnet sind.
Eklund sagte: "Meine Verzweiflung über die Zukunft ist unendlich", und diese Einstellung spiegelt sich auch in seiner Musik. Viele seiner Werke sind wie die seines Kollegen Allan Pettersson, von politischer Leidenschaft erfüllt; so schrieb er seine vierte Symphonie in Erinnerung an den führenden schwedischen Sozialdemokraten Hjalmar Branting (1860-1925), den er in diesem Werk mit Originalaufnahmen seiner Reden zu Worte kommen ließ.
Chorwerke Requiem für Sopran, Baß, Chor & Orchester, 1978; 4 Canti für Sopran, Tambourin & Klavier, 1981; Homofoni für Chor, 1987; Frammenti senza parole für Vocalisen-Chor, 1995
Orchester Musica da camera Nr. 1-7, 1955-77; Musik för orkester, 1959; Bocetos espagnoles für Kammerorchester, 1960; Sinfonie Nr. 2 "Sinfonie breve", 1963; Facce, 1964; Interludio, 1965; Sinfonie Nr. 3 "Sinfonie rustica", 1967-68; Pezzo elegiaco für Violoncello & Kammerorchester, 1969; Oboenkonzert, 1970; Fantasia für Violoncello & Streichorchester, 1971; Konzert für Posaune, Blasorchester & Schlagzeug, 1972; Sinfonie Nr. 4 "Hjalmar Branting in memoriam", 1973; Variazioni pastorale für Streichorchester, 1974; Kleine Serenade für Blasorchester, 1974; Lamento für zwei Flöten, Violoncello & Streichorchester, 1975; Kammerkonzert für Violine & Streichorchester, 1977; Sinfonie Nr. 5 "Quadri", 1977; Konzert für Horn & Kammerorchester, 1979; Konzert für Tuba & Blasorchester, 1982; Sinfonie Nr. 6 "Sinfonia senza speranza", 1982; Konzert für Klarinette, Violoncello, Streichorchester & Pauken, 1983; Sinfonie Nr. 7 "La serenata", 1983; revidiert 1992; Sinfonie Nr. 8 "Sinfonia grave", 1984; Concerto grosso für Streichquartett & Streichorchester, 1985; Divertimento, 1986; Fantasia breve, 1987; Due pezzi, 1988; Mesto für Streichorchester, 1989; Aperture, 1990; Sinfonie Nr. 9 "Sinfonia introvertita", 1993; Sinfonie Nr. 10 "Sine nomine", 1994; Sinfonie Nr. 11 "Sinfonie piccola" in memoriam Lars-Erik Larsson, 1995; Sinfonie Nr. 12 "Freschi", 1996; Toccata ostinata, 1996; Hotch-Potch - Eine kleine Spaßmusik für Streichorchester, 1996; Sinfonie Nr. 13 "Bianca e negra", 1998
Kammermusik & Soloinstrumente 4 Streichquartette, 1950, 1951, 1960, 1965; Pezzo espansivo für Klavier, 1967; 4 Bagatellen für Oboe, 1973; Miniaturen für Violoncello, 1974; Stücke für Fagott, 1973; Preludien für Klar, 1974; Toccata e ciaccona für Violoncello, 1974; Canto-Presto-Ostinato für Bratsche & Klavier, 1975; Maszersk-Serenade für Klavierquintett, 1978; Invocatio für Orgel, 1979; Sonata für Solo-Violine, 1981; Serenata per dieci für Holzbläserquintett & Blechbläserquintett, 1982; Elegia für Kontrabaß. 1983; Serenata für 12 Bratschen, 1986; Duo für Gitarre & klavier, 1987; Piccola serenata für 4 Trompeten, 2 Hörner, 2 Posaunen & 2 Tuben, 1987; 5 Stücke für Violoncello, 1988; 4 Humoresken für Fagott, 1989; Serenata für Flöte & Klavier, 1990; 4 Aspeti für Violoncello, 1995
Sfantu (03.04.2021, 01:13):
Streichquartett Nr. 3 (1960)
Norrköpingskvartetten George Raymond & Dag Styrenius, Violine Alois Kempny, Bratsche Tore Kyndel, Violoncello (LP, Swedish Society discofil, 1970)
Allegro 4'27 Adagio 5'57 Allegro. Alla marcia 2'45 Allegro e feroce 5'09
Über lange Jahre war dies der einzige Tonträger in meiner Sammlung mit Musik von Hans Eklund. Frei nach Seiji Ozawa erfaßt man die Seele eines Komponisten am besten über eines seiner Streichquartette. So gesehen ist die Vertrautheit mit diesem Stück keine so schlechte Voraussetzung, sich mit anderen Werken des Komponisten zu befassen. Da sich nun zaghaft etwas auf dem Markt bewegt, bot sich der Anlaß dazu. & ich habe mit Freude zugegriffen.
Doch zunächst zum Quartett:
Allegro 1. Geige & Cello eröffnen mit einem aufsteigenden Fragemotiv, das sogleich von 2. Geige & Bratsche rigoros beantwortet wird. Der ganze geradtaktige Satz ist von lebhaften Debatten bestimmt. Das Fragemotiv kehrt leicht verschleiert wieder, die Kontroversen verebben allmählich, es kommt zu einem stockenden, quasi hinkenden Abschluß.
Adagio Zunächst gebundene Sekunden im Rahmen einer Quart, nach & nach auch in erweitertem Umfang. In Pizzicati wird kurz auf den Anfang Bezug genommen, dann greift eine fahle Weinberg-Schostakowitsch-Stimmung Raum, bevor sich Wellen jäh & wild auffahrender Emotionen auftürmen. Rückkehr zum Anfangsgedanken. Trauermarschartig schreitende, feierliche Takte, dann ein ergebnisoffener Schluß in leiser, schwächer werdenden Akkorden - das letzte Wort hat die Primgeige in einem seltsam herausgepreßten, wie abgewürgt wirkenden, fiependen Ton.
Allegro. Alla marcia Der knappe Satz stampft vehement vorüber. Die Wirkung ist bald schrullig, bald grotesk. Geschäftige Motorik allerorten. Doch selbst dieser Satz schließt doppelbödig, fragend.
Allegro e feroce Langsame Einleitung in gedrückter Atmosphäre. Unisono ein trockenes Motiv in vier aufsteigenden Sekundschritten, drei hinunter, dann entspinnt sich ein Wechselspiel der Stimmungen & Gesten. In geschäftiger Spannung scheinen die Konflikte & Fragen der vorangegangenen Sätze aufs Neue verhandelt zu werden. Ein letztes Fragen der Primgeige, dann brüske, knappe Schlußworte der restlichen Beteiligten.
Vollkommen werkgerechte, ausgefeilte Darbietung durch das Norköppingkvartetten - direkter, stofflicher Klang.
tapeesa (03.04.2021, 09:57): Danke für den Thread. Habe diese Aufnahme begonnen zu hören:
Hans Eklund -
Sinfonie Nr. 3 "Sinfonia Rustica" Sinfonie Nr. 5 "Quadri" Sinfonie Nr. 11 "Sinfonia Piccola"
Norrköping Symphony Orchestra, Hermann Bäumer
Laut jpc ist die 3. Gotland-inspiriert (Landschaft, Volksmusik), die 5. eine Auseinandersetzung mit Kriegselementen. Die 11., trotz des Beinamens "Piccola" eine seiner längsten der 13 Sinfonien, eine Erinnerung an seinen Lehrer Lars-Erik Larsson.
CD Besprechung auf klassik-heute
Diesem Satz aus dem Text auf klassik-heute: "Für die Ausführenden besteht die Herausforderung der Musik Eklunds darin, über alle Kontraste hinweg den Zusammenhang hörbar zu machen, die Formung als Wechselspiel von Extremen herauszuarbeiten." (Norbert Florian Schuck, 10.08.2020)
werde ich beim Hören versuchen nachzugehen.
Frei nach Seiji Ozawa erfaßt man die Seele eines Komponisten am besten über eines seiner Streichquartette. Die Aussage hat was!
Vom ersten Eindruck her denke ich Hans Eklunds Kompositionen sind mir deutlich näher als die Allan Petterssons. Aber tiefer oder umfassender ist meine Hörerfahrung bei beiden bisher nicht.
"Knappe, prägnante Motive" - das sollte ich selbst üben :| hat momentan eine hohe Anziehungskraft.
Maurice inaktiv (03.04.2021, 10:30): Er hat 13 Sinfonien geschrieben. Die Nr.13 fehlt noch in der Liste. Entstanden 1997-1998. Sie bekam den Beinamen "Sinfonia Bianca-Negra". Das habe ich jetzt aber auch geklaut. Mir selbst sagt der Name überhaupt nichts. Und wenn er in die Pettersson-Richtung geht, ist es auch nicht mein Fall.
Sfantu (03.04.2021, 10:33):
Musik för orkester (1960)
Sveriges Radios Symfoniorkester - Stig Westerberg
Toccata 6'18 Adagio 6'30 Furioso 4'16
Fantasia för violoncell och stråkorkester (1971)
Åke Olofson, Violoncello, Sveriges Radios Symfoniorkester - Harry Damgaard
10'09
Streichquartett Nr. 3 (wie oben)
Småprat (Small Talk) für Flöte & Klarinette (1965)
Diese CD teilt mit der oben besprochenen Schallplatte als Doublette dieselbe Aufnahme des 3. Quartetts, bietet ansonsten aber einen reizvollen Querschnitt durch verschiedene Gattungen. Die Aufnahmen stammen aus den 60er, 70er & 80er Jahren.
Musik för Orkester
Toccata Im forte tragen sich die Streicher mit bedeutungsschweren Gedanken, dazu schlägt die Pauke unerbittlich immer auf die eins & die drei. Die Anfangstakte aus Brahms Erster kommen mir unwillkürlich in den Sinn. Dramatische Textur für das gesamte Ensemble - Streicher, Blech & Holz steuern Gewichtiges bei, so auch die immer wieder prominent hervortretende Pauke. Allmähliche Beruhigung, Veröden, Versanden, Stille.
Adagio Die Eröffnung macht ein von Trommelwirbel unterlegte Hornfanfare. Ruhiges Antworten des Blechbläsersatzes. Ein warmer Streicherteppich bettet ein Flötensolo weich. Durchweht diese Stimmung friedvolle Ruhe oder doch nur ein maliziöses Brüten? Ein bedrohliches, repititives Trompetenthema, erregte Streicher. Die Posaunen versuchen, mahnend zu beschwichtigen. Statt der beabsichtigten Beruhigung entbrennt jetzt aber erst recht Empörung, ja, eine wahre Eruption wird entfesselt - Höhepunkt mit Beckenschlag. Daraufhin allgemeine Zurücknahme. Wiederkehr des Trompetenthemas, diesmal dezenter, Oboen-& Flötensoli, nochmals die Trompete, leiser & leiser. Die Streicher malen ein ruhiger werdendes Pulsieren. Der Gedanke eines ersterbenden Herzschlags drängt sich auf. Doch scheint mir das kein Kampf zu sein, vielmehr ein willkommenes, erlösendes Entschlafen.
Furioso Aufgebot der ganzen Palette orchestraler Effekte, streckenweise ein Ritt auf der Rasierklinge. Die perkussiven, motorischen Elemente lassen an die großen sowjetischen Meister denken. Nur scheinbar ruhigere Abschnitte lassen immer auch sinistres Brodeln unter der Oberfläche spüren. Abschließend ein wilder, aufpeitschender Ritt - großes Orchesterspektakel! Die Schlußtakte tragen all dies in sich: Schrecken, Triumph, Sarkasmus.
Daß dieses Werk unmittelbaren Publikumserfolg hatte, verwundert nicht. Formidable Orchesterleistung - packende Darbietung, kein audiophiler aber plastischer Klang.
Fantasia för violoncell och stråkorkester
Die Streicher stimmen einen markante in 2/2 schreitenden Kanon an. Der Solist ergreift das Wort, das Orchester schweigt. Rezitativhafter Monolog. Darauf kehrt der stampfende Kanon zurück, das Thema & das Gebahren sind energisch-maskulin. Erneut ein unbegleitetes Solo, in dessen ersten Sekunden die Energie des Marsch-Kanons unterbewußt fortwirkt. Zaghaft kommt nun doch so etwas wie ein Dialog zwischen Solo & Tutti in Bewegung, im Verlauf finden beide sogar zu beinahe sanglicher Konsonanz, zu einer Art Einvernehmen. Ganz sachtes, friedliches Verklingen. Fragen & Zweifel bleiben, aber auch Trost.
1964 lagen zwei Kommilitoninnen, die eben diese Instrumente im Hauptfach studierten, ihrem Lehrer im Fach Harmonie, Hans Eklund, lang & persistierend genug in den Ohren, ihnen ein Duo zu komponieren, bis er schließlich nachgab.
In schneidenden Trillern legen beide energiegeladen los. Nach einer kleinen Pause schreitet die Klarinette mit einem rhythmischen Begleitmotiv einher, noch bevor die Flöte als eigentliche erste Stimme sich hinzu gesellt. Mehr & mehr verweben & durchwirken sich die Stimmen. Am Ende ist das Ganze ein flüchtiger, scheinbar schwerelos dahingeworfener Windzug. & verflogen, eh man sich's versieht.
Reizvolle Kombination, reizvolle Realisierung.
Der Inhalt lehnt sich an den Booklet-Text von Calle Friedner an.
tapeesa (03.04.2021, 10:41): Und wenn er in die Pettersson-Richtung geht, ist es auch nicht mein Fall. Der auf klassik-heute erwähnte Janáček-Bezug steht für mich deutlich im Vordergrund. (Evtl. weil ich mich mit Janáček mehr beschäftigt habe. Aber diesen stilistischen Bezug finde ich unüberhörbar).
Das Erleben: weil ich kaum Zugang zu Pettersson finde, ist Eklund nicht mein Fall, ist bei mir keinesfalls gegeben. Dazu sind die Unterschiede zu dem, was ich von Pettersson gehört habe imho zu groß.
Vielleicht lohnt Reinhören ja doch - aber das bitte nicht als Überredungsversuch verstehen ;)
Maurice inaktiv (03.04.2021, 11:10): Der auf klassik-heute erwähnte Janáček-Bezug steht für mich deutlich im Vordergrund. Vielleicht lohnt Reinhören ja doch - aber das bitte nicht als Überredungsversuch verstehen Danke Dir für den Hinweis zu Janacek. Das wäre dann schon viel mehr in meiner Nähe. Janacek höre ich durchaus immer mal wieder gerne. Dann werde ich mal reinhören. Das hat mit Überredung nichts zu tun. Solche Hinweise helfen doch weiter. Danke nochmals. :thanks
Andréjo (03.04.2021, 13:02): Auch ich habe bestenfalls mal den Namen gehört. Bezüge zu Janacek und Pettersson interessieren mich auf jeden Fall. Ob ich sie höre? Dazu müsste eine CD ins Haus, eventuell vorher yt.
Danke also an sfantu im Besonderen und auch an tapeesa und Maurice André für Anregungen unterschiedlicher Art.
Vielleicht melde ich mich wieder dazu.
:) Wolfgang
Sfantu (03.04.2021, 19:21):
Sinfonie Nr. 3 "Sinfonia rustica" Sinfonie Nr. 5 "Quadri" Sinfonie Nr. 11 "Sinfonia piccola"
Norrköpings Symfoniorkester - Hermann Bäumer (CD, cpo, 2020)
Die bereits genannte cpo-Neueinspielung war einer meiner leicht überteuerten Spontankäufe in der ersten Zwischen-Lockdown-Zeit, vergangenen Frühherbst. Da ich unseren lokalen Klassik-Händler aber unterstützen wollte, ging es vollkomen in Ordnung. & umso mehr, nachdem ich Eklunds Musik dann erkunden durfte.
Das Norrköpinger Orchester liefert hier, wie ich finde, eine grandiose Leistung ab. Die teils scharfen Kontraste, ja Hakenschläge, welche dieser Musik nicht selten zu eigen sind, fordern sicher ein beachtliches Maß an Wendigkeit von den Ausführenden. Die Klangtechnik tut das Ihrige dazu, diesen Eklund-Startschuß (von dem ich hoffe, daß es einer ist - von einer etwaigen Gesamteispielung ist nämlich an keiner Stelle die Rede) zu einem Glanzpunkt machen.
Sfantu (03.04.2021, 20:01): Sinfonie Nr. 3 Sinfonia rustica (1967-68) Uraufführung am 4. Januar 1969 durch das Symphonieorchester des Schwedischen Rundfunks unter der Leitung von Stig Westerberg
Bei der Besprechung der drei Eklund-Sinfonien dieses Albums erlaube ich mir, Zitate aus Stig Jacobssons Booklet-Text (deutsch von Eckardt van den Hoogen) in schwarzen Lettern neben meine eigenen Betrachtungen zu stellen. Wie es nunmal so ist bei Komponisten mit dünner Datenlage: Booklet-Texte erlangen hier den Rang seltener & willkommener Quellen. & oftmals sind sie eh besser als ihr Ruf.
Im Sommer 1967 mietete Eklund auf Gotland ein kleines Landhaus, wo er seinen 40.Geburtstag feierte. Inspiriert von der Landschaft und von der schwedischen Ostsee-Insel, begann er mit der Komposition seiner dritten Symphonie.
Adagio impetuoso - Allegro molto - Adagio 5'48 Gleich zu Beginn des Werkes intoniert das Orchester impetuoso das "Rauk"-Motiv, ein tönendes Sinnbild der Kalkstein-Säulen, die das Meer über die Jahrtausende hin geformt hat und die wie Wächter an der Küste des Eilands stehen. Usprünglich hatte Eklund der Symphonie sogar den Beinamen "Raukar" (Plural von "Rauk") gegeben - ein weiteres Beispiel für die musikalische Reflexion der schwedischen See-und Küstenlandschaften, wie sie bereits Hugo Alfvén, Gösta Nystroem u. a. geschaffen hatten.
Nach dem langsamen Überleitungsgedanken kann man das furiose Thema leicht in dem Allegro molto und in dem eher pastoralen Schlußabschnitt ausmachen. Auch ein Trompetensignal spielt auf den Gedanken an, der etliche Male, wie in Stein gemeißelt, wiederkehrt. Die Musik ist sehr streng, bisweilen grollend, und bringt viele eruptive Episoden, wie es der unbändigen, immer wieder überraschenden Natur entspricht - als sei das Werk von den starken salzigen Winden geformt worden.
Andante 2'04 In dem sehr kurzen zweiten Satz hört man eine alte gotländische Volksweise namens Gamble valu, womit die Schafschur im Stall gemeint ist. Sie erscheint zuerst im Pizzikato der tiefen Streicher. Dazu spielt die Pikkoloflöte eine Gegenstimme, die später auch mit einer gewissen rustikalen Grazie im Tutti der Hörner und Trompeten ertönt. Eklund hat diese Volksmelodie im Jahre 1969 auch für gemischten Chor arrangiert. Dieses zentrale Andante kommt zwar etwas moderater daher als die Rahmensätze - von gemütlichem Zurücklehnen ist aber abzuraten: auch hier lauern an allen Ecken & Enden brutale Ausbrüche & Klangballungen. Am Ende prägen diese schroffen Kontraste das gesamte Werk.
Allegro e pesante 5'49 Der gewichtige dritte Satz wurde von den Fiedelspielern und Festlichkeiten Gotlands angeregt und ist ein charakteristischer Tanz. Auch hier ist das Rauk-Thema zu hören - allerdings in einem anderen Rhythmus. Das Trompetensignal führt zu der Coda, worin die "Raukar" von den Bläsern angestimmt werden, derweil sich die ruhige Sphäre der Streicher ganz langsam auflöst. Insgesamt kommt es in dieser Symphonie immer wieder zu heftigen, rhythmisch strengen Momenten und das Schlagzeug hat fast durchweg zu tun. Alle Episoden sind sehr kurz und eigenständig.
Die erwähnten Reminiszenzen an die Volksmusik (2. & 3. Satz) darf man nicht mißverstehen: die genannten, chiffreartigen Motiv-Versatzstücke sind nur erkennbar, wenn man mit schwedischer Volksmusik vertraut ist (was ich nicht bin). Ein fröhlicher Schunkel-Impuls stellt sich jedenfalls nicht ein.
Sfantu (11.04.2021, 19:17): Er hat 13 Sinfonien geschrieben. Die Nr.13 fehlt noch in der Liste. Entstanden 1997-1998. Danke. Hab's in der Liste nun ergänzt.
Sfantu (11.04.2021, 20:31): Sinfonie Nr. 5 "Quadri" (1977) Uraufführung am 7. April 1977 durch das Symphonieorchester des Schwedischen Rundfunks unter der Leitung von Stig Westerberg
"Flickan och döden" Adagio ma non troppo. Poco mosso 6'31 "Krigsdans" Intermezzo. Allegro commodo 3'59 "Förstörelsen" Allegro e feroce - Andante sostenuto - Allegro e feroce - Andante sostenuto 8'26
Die Fünfte wirkt auf mich insgesamt geschlossener als die Dritte.
In seiner fünften Symphonie hat sich Hans Eklund mit den subversiven Kräften des Krieges auseinandergesetzt. Die Musik klingt grau, schärfer, rhythmisch weniger geglättet, heißer. Manchmal sind die Strukturen klar, dann wieder unregelmäßig, von störrischer Lebendigkeit und mitunter sogar optimistisch. Die drei Sätze sind durchweg von Gemälden inspiriert . Das erste Flickan och döden ("Das Mädchen und der Tod") ist ein in Schweden wohlbekanntes Bild von Richard Bergh (1858-1919) aus dem Jahr 1888, das heute in dem berühmten Stockholmer Museum Waldermarsudde hängt Eklund war von Berghs Bild sehr berührt. Die gewichtige Musik ist voller Agonie Das zweite Bild, Krigsdans ("Kriegstanz"), stammt von Bengt Nordquist (1917-2012), der seine Kreation der Witwe des Komponisten zum Geschenk machte - schließlich war er mit Eklund über 60 Jahre eng befreundet gewesen Die gelbe Farbe des Gemäldes besteht aus purem Gold und die Nägel sind Handarbeiten aus dem 18. Jahrhundert. Nordquist hat auch die Titelseite der Partitur entworfen. Natürlich läßt sich kein Bild musikalisch wirklich interpretieren, doch man kann immerhin seine Emotionen einfangen. "Die Namen dieser Bilder zeigen, daß diese Musik sehr pessimistisch ist. Sie könnte einen Beitrag zur Umweltdebatte darstellen und scheint mir eine Musik 'ohne Hoffnung' zu sein", schrieb Eklund in einem Programmheft . Das wird im "Kriegstanz" deutlich. Die gekrümmten Nägel sind sowohl Menschen als auch Speere, die über rotglühenden Strömen aus goldenem Magma schwerelos durch das düstere Universum fliegen. Die Struktur der Symphonie wirkt beim ersten Hören einfach, doch der Schein trügt. Hinter allem verlockt uns die Grimasse. Die Musik ist ein atemloser Protest. Der Satz hat tatsächlich eine Art Tanzcharakter. Wir hören sich kreuzende Klingen (was mich an Leifs' Saga-Sinfonie erinnerte). Das holzbläserbetonte Quasi-Trio bewirkt einen seltsamen, schwer zu beschreibenden Eindruck von Orientierungslosigkeit. Gegen Ende haben die Schlagwerker ein spektakuläres Gruppen-Solo. Das letzte Bild, Förstörelsen ("Zerstörung") stammt von Gunnar Jansson (1917-2007), mit dem Eklund gleichfalls befreundet war, und ist ein sehr großes, beeindruckendes Gemälde. Der Finalsatz hat einen martialischen Grundton, wie ein zielstrebiger Marsch, geradewegs auf einen Abgrund zu. Ein Andante sostenuto-Abschnitt wirkt wie eine bange Frage: erkennen wir die Ausweg-& Sinnlosigkeit dieses zerstörerischen Wahns nicht? Gibt es ein Erwachen? Eine Umkehr? Wenn, dann jetzt oder nie. Auch die Fünfte verklingt leise. Wie ein Aushauchen, ein Versanden.
Der Komponist sagt also nicht "So & nicht anders ist das gemeint!" sondern: "Es könnte...es scheint...". Diese Durchlässigkeit im Denken & uneitle Selbstreflexion beeindruckt mich!
Wie schon zuvor, zitiere ich in schwarz den Booklet-Text Stig Jacobssons (deutsch von Eckardt van den Hoogen), in grau meine eigenen Gedanken.
Sfantu (13.07.2021, 23:09): Sinfonie Nr. 11 "Sinfonia piccola" (1995)
Ironischerweise ist Nummer Elf in gewissem Widerspruch zu ihrem Titel eine von Eklunds längsten Sinfonien (in der vorliegenden Einspielung 27´11). Auch dieser Umstand spricht für eine bessere Verdaulichkeit im Vergleich zu den ähnlich düster gestimmten aber formsprengend monströsen Gattungsbeiträgen seines Freundes Allan Pettersson.
Stig Jacobsson erwähnt Eklunds Lehrer Lars-Erik Larsson als Widmungsträger dieses Werks, hebt mithin den leichteren, sanglicheren Charakter heraus. Ich kann davon nur wenig und nur punktuell etwas ausmachen.
Andante espressivo 9´53 In vehementem Unisono eröffnen die hohen Streicher. Die Pauke antwortet unerbittlich. Die Hörner greifen das Motiv auf - in zunächst etwas moderaterer Form wird es dann leicht variierend durch die Instrumentengruppen geführt. Alles in Allem von malignen Spannungen getragen und durch unaufgelöste Konflikte geprägt bleibt der Kopfsatz tragisch, hinterläßt am Ende Angst und Ungewißheit.
Quasi una marcia. Allegro - Lento - Allegro - Poco meno - Allegro 6´28 Einzig dieser Mittelsatz läßt hie und da einen grotesken bis grimmigen Humor hervorblitzen. Pauken, große Trommel, Beckenschläge, Tuben und ein bissig-ironisches Xylophon illustrieren das bizarre, unwirkliche Geschehen. Ein Abschnitt meditativer Innenschau wird jäh und zu schnell vom erneuten unheilvollen Getöse wieder abgelöst.
Conclusione. Adagio 10´50 Flöten und Fagotte stimmen dasselbe Motiv an wie das Streicher-Unisono zu Beginn des Kopfsatzes (c-dis-fis-dis-f. Um das nachvollziehen zu können, mußte ich den Klavierdeckel erstmal von allerlei Papierstapeln befreien - Schande!). Auch hier folgen Variationen quer durch diverse Pulte. Glutvoll warm (aber nicht ohne Doppelbödigkeit) strömt der Beginn des dies irae (dieses beziehungsreiche Detail hält der Booklet-Autor nicht für erwähnenswert) in vollem Streichersatz, als sei es Vaughan-Williams, nicht Eklund . Der Satz verharrt in ruhigem Zeitmaß, wechselt zwischen fahlen, resignierenden Stimmungen hier und Aufbegehren dort. Ein spröder Dialog (oder doch eher: ein Aneinander-vorbei-Spielen) von Fagott und Kontrafagott leitet einen seltsamen Abschluß ein: heftige Schlagwerk-Salven, ein trügerisch ruhiger Klangteppich in den tiefen Streichern, bitter-ironische Einwürfe der gestopften Trompeten - Verebben - Ende.
Manche Kritik, beispielsweise auf klassik-heute.com, bemängelt Luft nach oben, was die Interpretation (hier: Stringenz und Gestaltungswillen des Dirigenten) angeht. Ich finde, nicht nur aber auch angesichts des Pioniercharakters dieser Einspielungen, ist das Gezeter auf höchstem Niveau.
Sfantu (13.07.2021, 23:40): Meinen Like-Button im vorherigen Beitrag bitte ignorieren. Tippe hier gerade von einem fremden und fremdsprachigen Laptop und schaffe es daher nicht, es wieder zu löschen.
Sfantu (15.07.2021, 01:01):
Requiem für Sopran, Bariton, Chor und Orchester (1978)
Marianne Mellnäs, Sopran Rolf Leanderson, Bariton Storkyrkans Kör, Stockholms Motettkör, Norrköpings Symfoniorkester - Gustaf Sjökvist (CD, phono suecia, 1980),
Um das Eklund-Bild abzurunden, steht bisher leider nur eine schmale Diskographie zur Verfügung. Die Einspielung des Requiems ist zunächst noch auf LP erschienen. Dies wäre glasklar die Schallquelle meiner Wahl. Da bei diesem exotischen Repertoire entweder ein langer Atem oder das (bei mir nicht vorhandene) Vertrauen in Gebrauchtware aus dem Netz gefragt wäre, entschied ich mich am Ende dann doch, die etwas hochpreisige CD als Neuware zu ordern. Was soll ich sagen? Es war jeden Rappen wert
Requiem Kyrie 9´01 Ein sprödes, absteigendes Unisono von Fagott & Flöte wird vom Blech fortgesponnen. Tremolierende Streicher leiten den Einsatz des Chors ein. Sparsame, trostlose Einzelstimmen, vornehmlich das Holz, begleiten hier . Dazu dezente Kommentare der Pauke und Pizzikati der tiefen Streicher. Ab "Te decet hymnnus" greift ein erregter, marschartiger Abschnitt Raum um dann unvermitteilt zu Liegetönen und der gedrückten Grundstimmung des Anfangs zurückzuführen. Die Streicher sind dabei teils in Extremlagen in Baß und Diskant notiert, sodaß sich der Eindruck eines dazwischen liegenden gewaltigen Abgrunds vermittelt. Acappella-Abschnitte für den Chor, dann leitet der Sopran das unbegleitete Kyrie ein. Es folgt ein Wechsel kontrastierender Stimmungen. Hohe Streicher und Pulsschläge der Pauke malen einen verzagten Ausklang.
Dies irae 17´50 Nach dem cpo-Sinfonien-Album war ich beim Dies irae auf allerlei akustische Eruptionen gefaßt. Zwar fehlen sie am Ende auch hier nicht. Die Verzahnung der Instrumental-mit den Vokalstimmen (hier vor allem das Bestreben, auf Textverständlichkeit und Parität der Einzelstimmen abzuzielen), bewirkt eine fein austarierte Balance. Mal werde ich an die Kontraste und Effekte klug nutzende Dramaturgie Carl Orffs erinnert: Soli und Chor - hier unbegleitet, dort von sparsam aber gezielt gesetzter Instrumentaltextur begleitet - es herrscht in jedem Moment eine Grundspannung vor, die kein Verharren, keinen Stillstand duldet. Hier gebietet jemand über die gesamte Bandbreite der Affekte: Resignation, Protest, Trauer. Besonders packend ein Abschnitt, in welchem der unbegleitet Frauenchor mit gespenstischen Glissandi der stimmbaren Pauke abwechselt.
Offertorium 7´22 em Glockenschläge umklammern ein gruseliges Unisono-Motiv in den Kontrabässen. Der Text wird hier zunächst vom Bariton-Solist allein bestritten. Phasenweise wechselt er in rezitativartige Deklamation. Etwa auf halber Strecke gesellt sich der Chor hinzu. Nach lebhafterem Mittelteil kehrt allmählich das Wechselspiel aus tiefen Streichern und Glocken zurück, der Satz verklingt verhangen, mysteriös.
Sanctus 5´37 Der Satz hebt in martialisch-rhythmischem Stampfen an. Auch hier entflechtet sich bald ein abwechslungsreiches Spiel an Vokal-und Instrumentalparts - zurück bleibt ein Eindruck der Beklemmung. Furioser, affirmativver Abschluß.
Agnus dei 6´03 Die unbegleitete Solo-Flöte steigt mit fahlem Thema ein, das alles zwischen Resignation und Zuversicht in sich trägt. Erstmals gesellen sich nun beide Solisten dem Chor hinzu.
Lux eterna 6´23 Flirrende hohe Streicher, vereinzelnde Einwürfe der Flöten, ein engelsgleich dazu einsetzender Sopran - könnte man das ewige Licht treffender, einfühlsamer in Töne setzen? Schließlich agieren Soli, Chor und Orchester gemeinsam. Das Requiem verklingt in sanfter Harmonie aus Trost, Hoffnung und Licht.
Eklund nutzt in seiner Totenmesse eine breit aufgefächerte Palette an Stimmungen und empfiehlt sich als begnadeten Dramaturgen.
Vollends dem Werk dienende, ausgewogene Aufnahme.
Andréjo (24.03.2022, 20:48): Nach Erhalt der Produktion von cpo mit den Sinfonien 3, 5 und 11 habe ich die ersten beiden mittlerweile gehört und bin überzeugt. :beer Zustimmung - auf die Schnelle natürlich - für praktisch alles, was der Thread so zu bieten hat, und natürlich ein besonderer Dank an Sfantu! :thumbup: Der perkussiv abrupte, spätexpressionistische Stil ist - mal leichthin gesagt - wahrscheinlich auch nicht denkbar ohne Gustav Mahler, Alban Berg oder Mit-Skandinavier Carl Nielsen. Gewiss keine Verwechslungsgefahr, auch nicht mit Pettersson oder Janacek. Janacek? - Vielleicht finde ich noch Ähnlichkeiten - aber dazu bedarf es zumindest eines weiteren Hör-Durchgangs und der noch fehlenden Erfahrung der Nummer elf.
Mir ist noch ein anderer Name eingefallen, von dem ich mir nicht per CD - was scheint's auch nicht geht -, sondern auf andere Weise drei Sinfonien gesichert und schon mehrmals gehört habe.
Hier ist der Pettersson-Ton für mich auffälliger, denn die Sinfonien sind eben auch breiter angelegt - so breit wie oft bei Pettersson allerdings nicht. Die Wikpedia benennt Pettersson sogar - aber mein Eindruck ist in der Tat schon vorher entstanden.
https://de.wikipedia.org/wiki/Matthijs_Vermeulen
Kennt jemand Musik dieses Niederländers?
Bezüglich Eklund wiederum behauptet die deutsche Wikipedia eine Nähe zu Hindemith. Dem kann ich allerdings weniger folgen. Wie seht Ihr das?
:) Wolfgang
Sfantu (25.03.2022, 23:07): @ Andréjo
mich freut es sehr, daß Du die Musik Eklunds ebenfalls zu schätzen weißt. Es bleibt zu hoffen, daß cpo am Ende eine Totale der Sinfonien im Köcher haben wird. Und mindestens so verdienstvoll fände ich eine Gesamtschau der Streichquartette. Nach Vermeulen hatte ich auch schonmal Ausschau gehalten. Leider nur ist das Angabot an Einspielungen, insbesondere an Neuware, beschämend schmal. Ähnlich wie bei Willem Pijper (um einen weiteren bedeutenden Niederländer zu nennen). Also bleiben wir weiter hoffnungsvoll...