Hartmann, Karl Amadeus - ein barocker Expressionist
Andréjo (08.10.2025, 15:06): Die folgende Einführung habe ich vor ein paar Jahren für das Capriccio-Forum geschrieben und es gab durchaus interessante Antwort-Beiträge. Ich kopiere mal - geringfügig verändert - für unseren kleinen Kreis:
Der Münchner Komponist Karl Amadeus Hartmann (1905 - 1963), seiner Heimatstadt zeitlebens treu verbunden, hat einen eigenen Gesamtfaden verdient. Ich kenne etliche seiner Werke schon länger, muss aber gestehen, dass sich mir beispielsweise die beiden letzten Sinfonien erst jüngst wirklich erschlossen haben.
Hartmann ist primär Symphoniker. Das NS-Regime hat ihn nachhaltig geprägt und in eine innere Emigration gezwungen. Nach dem Krieg konnte er sich frei entfalten; er gründete die musica-viva-Reihe des Bayrischen Rundfunks. Ein auffälliges Charakteristikum seines Schaffens besteht in der radikalen Umarbeitung und Umbenennung alter, zum Teil stolz den Nazis gegenüber mit Aufführungsverbot belegter Partituren in seiner Sinfonik der Nachkriegszeit. Eigentlich gilt dies im Wesentlichen nur für die gegen Ende seines Lebens entstandene siebte und achte Sinfonie nicht.
Hartmann ist äußerlich eine barocke Gestalt, aber er hat auch die Härten seiner Zeit quasi barock erlebt, sah sich als Bekennender, Leidender und Mitleidender, als Pathetiker im Sinne einer künstlerischen Basisauffassung. Die Musik trägt in vielerlei Hinsicht dualistische Züge - man ist auch hier und eigentlich in zweifacher Hinsicht (vielleicht im Wesentlichen nur ich ... ) - gewillt, die barocke Dichotomie der Vanitas wahrzunehmen: das Gefällige, die Prägung durch einen Zeitgeschmack, quasi die Idee des "Carpe diem" in den verspielten Konzerten der Zwanziger- und der beginnenden Dreißigerjahre (und auf einer anderen Ebene auch in den Konzerten der Spätzeit), und auf der anderen Seite eben das Aufrüttelnde, Anklagende, überzeitlich Expressive im Sinne eines "Memento mori".
Die zentralen Werke wiederum empfinde ich ebenso rein innermusikalisch als dualistisch und damit dem Barocken nicht so fern, wie man vielleicht glauben möchte. Denn immer wieder bricht der formbewusste Hartmann seine Kanon- und Fugenstrukturen auf zugunsten des rein Expressiven, des primär Emotionalen. Die vielfach hoch komplexe, meist erweitert tonale Musik bedient sich der - ein wenig boshaft formuliert - Moden ihrer Zeit, etwa der Dodekaphonie, nie selbstzweckhaft, und von daher auch nie primär aus kompositionstechnischen Gründen. Selten genug, dass Hartmann eine Zwölftonreihe verwendet, noch seltener, dass er sie nicht gleich wieder liegen lässt.
Bislang kenne ich einen Großteil des Schaffens von Hartmann, aber keineswegs alles. Was die Sinfonien anbelangt, gibt es seit Längerem vor allem zwei, mittlerweile indes drei Integralen, mit denen man gut leben kann:
Über den Daumen gepeilt, ist die Münchner Dirigenten-Melange mit dem Hartmann-Spezialisten Kubelik vorneweg vermutlich vorzuziehen. Auffällig gilt das meines Erachtens zumindest für die zweite und für die von Kubelik sehr oft aufgeführte sechste Sinfonie. Denn hier erscheinen mir die Bamberger - mein Lieblingsorchester - unter dem Dirigat von Metzmacher eine Nummer zu dröge. Dabei denke ich aber, dass bei der Sechsten erst der Vergleich hier wirklich offenbart, welches bemerkenswerte Potential an Kraft, Rücksichtslosigkeit und Eigenständigkeit sich entfalten kann. Denn schlecht ist auch Metzmacher keineswegs. Die zweite scheint Metzmacher aber nicht wirklich durchdacht zu haben.
Die jüngste Gesamteinspielung kann sich gewiss auch hören lassen. Ich kenne sie noch vergleichsweise wenig. Erhältlich ist zur Zeit indes wohl nur die nicht haptische Variante - wobei ich discogs jetzt nicht bemüht habe.
Philidor (08.10.2025, 16:51): Lieber Andréjo, zu dieser Zeit nur ein ganz kurzes "Vielen Dank!" für Deinen Eröffnungebeitrag! Ja, Hartmann habe ich als "lohnend, aber zunächst spröde" abgespeichert. Dass bei ihm tatsächlich die Orchesterwerke den Schwerpunkt des Schaffens bilden, war mir nicht klar.
Ich hoffe, ab Sonntag mehr Zeit zum Hören von Musik zu finden. Die zweite und die sechste Sinfonie sind mir in guter Erinnerung, ebenso das Violinkonzert (Concerto funèbre?) und die beiden Streichquartette, doch das alles bedarf intensiverer Zuwendung.
Also nochmals: Vielen Dank!
Sfantu (08.10.2025, 21:54): Auch von mir ein großer Dank an Andrejo!
Mir geht es (vielleicht) ähnlich wie Philidor: daß Orchesterwerke die zentrale Stellung seines Schaffens einnehmen, war mir ebenfalls nicht klar. Und ja - die Schublade "Lohnend aber spröde" war bis heute auch bei mir der fast zwangsläufige Ablageort. Dank des Impulses öffnet sie sich heute Abend. Und bringt jetzt schon Erstaunliches zu Tage.
"Lohnend aber spröde" - die unter Anderem daraus resultierende Nicht-Beschäftigung . die einleitenden Worte zum Booklet-Text zur unten gezeigten CD knüpfen, wie ich finde, hier an. Und paßt das nicht in ähnlicher Weise auch zu Paul Hindemith?:
Es ist kein Geheimnis mehr, daß Karl Amadeus Hartmann zu den wesentlichsten Trägern dessen gehört, was man Neue Musik nennt. Dennoch erfüllt er die Typologie des Avantgardisten nicht. Das hat ihn in ein besonderes Licht gerückt, aber auch in ein stets hoch geachtetes Abseits gestellt. Er war in gewisser Weise in seiner persönlichen wie musikalischen Erscheinung zu konservativ, als daß er das Klischee des spektakulären Neuerers hätte erfüllen können.
Bei mir stehen die Kubelik-und Metzmacher-Boxen der Sinfonien, daneben bisher nur wenig Anderes. Und mehr als (höchstens) ein Mal habe ich das Wenigste bisher gehört.
Den Anfang machten nun die beiden Suiten für Violine solo - geschrieben 1927.
Ingolf Turban (CD, Claves, 1995)
Suite Nr. 1
Canon. Lebhaft 4'34 Fuge. Munter! 3'31 Rondo. Nicht zu schnell 5'21 Dreiteilige Liedform. Breit 3'19 Ciacona. Lebhaft 4'01
Barocker Expressionismus - diese beiden Schlagwörter bringen es auf den Punkt. Wie mutet diese Musik des 22jährigen an? Melodiös ohne sich jedoch einer Tonalität zu verpflichten. Rigoros ohne sich ins Tumultöse zu entladen. Kalt und unerbittlich ohne eine letzte Glut abzulöschen. Besonders die abschließende Chiacona der ersten Suite fesselt durch ihre brüske, strenge Art. Aufschlußreich ist es, sie im Vergleich zu Bachs Chaconne aus der zweiten Partita BWV 1004 in d-moll zu hören. Hier Feierlichkeit und eine Mélange aus barocker Pracht und Meditation, dort ein Destillat daraus, serviert mit kecker Aufmüpfigkeit.
Am Ende wurde dies bei mir ein reiner Hartmann-Abend. Und die Einsicht reift: spröde und deshalb lohnend! Und ganz gewiß noch viel mehr als nur spröde.
Gelassen wir allesamt, die unerläßliche Tarnung.
Zuviel übersehen und überhört. Die Partitur allein kennt die Fermate.
Blumen darüber. Ein Damals in Reden gepreßt. Alles ohnehin. Obenhin.
Trauern, das wird, zwischen vielerlei Tun, ein einsames Geschäft.
Im Kommen ist der Wildwuchs der Schatten.
Epitaph auf Karl Amadeus Hartmann von Ingeborg Bachmann
Andréjo (08.10.2025, 23:28): Die beiden Streichquartette sprechen mich schon auch an. Da geht es mehr in Richtung Schostakowitsch oder Bartok, wobei der Tonfall schon eigen bleibt und vor allem - wenn auch nicht durchwegs - das skurrile, bisweilen fast jazzoide Element hervorhebt. Tendenziell finde ich die Klänge sogar moderner als bei den genannten Großmeistern.
Mit dem barocken Duktus würde ich mir schwerer tun bei dieser Kammermusik - andere kenne ich vermutlich nicht und es ist gewiss auch kein Schwerpunkt von Hartmann. Aber die beiden Solo-Suiten werde ich mir mal anhören.
Selber besitze ich von den Quartetten die Einspielungen mit dem Pellegrini-Quartett, zu denen ich auch die Partituren gefunden habe. Aber es gibt diverse Konkurrenz.
Das erste Quartett beginnt mit jüdischen Anklängen, doch es geht durchaus nicht so weiter.
Den Personalstil des Komponisten stets auszumachen, ist für mich ebenfalls nicht immer einfach. Beim ersten Streichquartett fällt er mir im langsamen Satz am leichtesten. Das klingt dann doch sehr wie in einigen seiner mittleren Sinfonien.
Schöner Text von der Bachmann!
:hello Wolfgang
Andréjo (08.10.2025, 23:41): Beim Blick in die Klassika-Seite und dort zu Johannes Hanstein finde ich in der Tat 4 Klavierstücke und die beiden Streichquartette. Die "sonstige Kammermusik", die ich nur zum Teil kenne, hätte ich bereits als Orchestermusik wahrgenommen. Aber das mag von mir der falsche Blickwinkel sein. wobei zwar einige der Sinfonien sehr groß besetzt sind, wenige andere wiederum keineswegs.
Noch eine Bemerkung, die ich eingangs angedeutet hatte und die gewiss genauere Betrachtung sowohl erfordert wie lohnt. Hartmann hat etliche seiner Orchesterwerke nach dem Krieg redigiert, so dass eigenwillige Dopplungen, die einander auf unterschiedliche Weise entsprechen, entstehen. So wird das Schaffen schlicht unübersichtlich. Es gibt Mehrfachtitel mit Teilübereinstimmungen. Natürlich ist der Hintergrund der Zeitgeschichte geschuldet und dem subjektiven Umgang des Komponisten mit ihr. Auch der CD-Markt schafft hier noch lange keine Ordnung.
Die oben genannte Solostücke für die Violine unterschlägt Hanstein. Aber aus meiner Hartmann-Erfahrung heraus könnte ich mir da auch irgendeine andere Erklärung vorstellen. :cool
Joe Dvorak (09.10.2025, 02:42):
Das einzige, was ich von Hartmann kenne, ist die dritte Sinfonie, die ich mal als Kopplungs-Beigabe zur Robert Browning Overture erworben hatte. Diese Sinfonie war nicht geeignet, mich zur weiteren Beschäftigung mit dem Komponisten anzuregen. Auch beim heutigen Wiederhören wollte sich mein Eindruck einer Ansammlung von Klischees nicht verflüchtigen. Der erste Satz mit der sich quälend langsam aus der Stille aufbauenden und verdichtenden Steicherfläche bis zum - wörtlich zu nehmenden - Paukenschlag, der folgende rhythmisch kantige Abschnitt mit Perkussionsgeklingel – bis dahin erscheint das wie schon mal gehört, und so geht es weiter. Das Ganze klingt etwas "amerikanisch" - es dürfte seinen Grund haben, dass diese Dritte mit Ives’ RBO, mit der sie die scharfen Kontraste zwischen lyrischer Romantik und greller Expressivität teilt, gekoppelt wurde. Und stecken da nicht auch Mahler und Shostakovitch drin?
Besser lief der zweite Hördurchgang mit Kopfhörern – wegen der fast unhörbaren Passagen zu Beginn und am Ende geht es kaum anders. Das ist schon gut gemacht mit vielen Feinheiten, der große Formverlauf und die zyklische Natur werden klarer, einige solistische Bläserpassagen erfreuen das Ohr und manchmal scheinen es gerade kleine Details zu sein, die zusätzliches Gewicht verschaffen. Einen Personalstil kann ich allerdings bei bestem Willen nicht ausmachen, der zweite Satz spielt in der spekulativen Welt der nicht komponierten Teile von Mahlers "Zehnter". Na ja, die gibt es nicht, und somit ist es doch etwas Eigenes. Wie auch immer, Dirigat und Orchesterspiel sind jedenfalls Extraklasse, mehr ist da kaum zu holen.
Am Ende bleibt Zwiespalt. Ein weiteres Mal hören, weil hier durchaus Begeisterungspotential, welches mit etwas Arbeit freigelegt werden könnte - oder auch nicht, drinsteckt? Oder noch eine andere Sinfonie oder ein Streichquartett probieren? Oder beim angestammten sowie bereits zur Exploration vorgesehenem Terrain bleiben, weil man nun mal nicht alles hören, genauer gesagt in die Tiefe gehend erforschen kann? Das übliche Dilemma.
Edit: Die Falschaussage, dass ich sonst nichts kenne, war wohl dem zunehmenden, vermutlich C₂H₅OH-katalysierten Erinnerungsversagen geschuldet. Ich hatte noch etwas vom exquisiten Zehetmair-Quartett, gekoppelt mit Bartók, im Regal. Die setze ich für später aufs Programm.
Andréjo (09.10.2025, 11:34): Die dritte Sinfonie schätze ich sehr, aber ich weiß schon, dass Joe da seine Schwerpunkte etwas anders setzt. Er ist, meine ich, im Zweifelsfall mehr oder noch mehr Avantgardist als ich.
Sie ist vielleicht vordergründig stärker auf vor allem dynamischen Effekt bedacht als andere Sinfonien Hartmanns und ein bisschen plakativ, aber mir gefällt das.
Die Robert-Browning-Ouverture spricht mich ebenfalls weitgehend an. Das ist, meine ich wiederum, ein typischer, vielleicht etwas herberer, dafür weniger kontrastreicher, weniger an Wirkung orientierter Ives - bei dem ich Sachen wie die vierte Sinfonie lieber höre.
Andréjo (02.11.2025, 13:09):
Seit einiger Zeit kenne ich diese CD. Sie enthält Konzertmitschnitte des Bayrischen Rundfunks von 1972, 1973 und 1975. Hartmanns bekanntestes Werk, das Violinkonzert, wird hier vom Solisten der Uraufführung (1940) Wolfgang Schneiderhan gespielt und es ist eine ungemein expressive, kraftvolle, gewiss im Vergleich vibratoreichere Interpretation. Modernere Einspielungen wirken zumeist zurückhaltender, können gewiss wieder andere Qualitäten haben. Das Klavierkonzert, spürbar modernistischer im Tonfall, wird ebenfalls von der Uraufführungssolistin (1953) Maria Bergmann interpretiert. Rafael Kubeliks Vorliebe für Hartmann ist ohnehin bekannt.
Gekauft habe ich mir die CD vor allem wegen der Symphonischen Hymnen. Sie entstanden 1942, als Hartmann mit Anton Webern zusammenarbeitete, bei ihm quasi eine Lehrzeit verbrachte und sich anfreundete. Diese vitale Komposition für großes Orchester wurde, wie es im Booklet heißt, "nicht in den Kanon seiner Werke eingegliedert". Sie gehört also insbesondere nicht zu den diversen sinfonischen Schöpfungen, die später bearbeitet und neu zusammengefügt wurden. Das Kennenlernen der farbigen, vielfach motorischen, nirgends spröden Partitur lohnt. Erst 1970 wurden die Hymnen im Nachlass des Komponisten entdeckt, die Uraufführung vom 9. Oktober 1975 ist hier festgehalten.
Die Klangqualität der rund fünfzig Jahre alten Konzertmitschnitte ist in Ordnung. Eine gewisse fehlende Raumtiefe wird durch den hohen Pegel quasi ausgeglichen. Als Datum der digital aufbereiteteten Pressung wird 2007 genannt.