Haydn, Il ritorno di Tobia (Oratorium)

Sarastro (31.03.2009, 23:54):
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Tobias und der Erzengel Raphael (Filippo Lippi)

1774/1775 komponierte Joseph Haydn für die Wiener Tonkünstler-Societät sein erstes, im April 1775 mit großem Erfolg uraufgeführtes Oratorium Il ritorno di Tobia ("Die Rückkehr des Tobias"), Hob. XXI: 1. Das Libretto verfaßte Giovanni Gastone Boccherini, ein Bruder Luigi Boccherinis, auf Grundlage des Buches Tobit, eines der jüngsten, um 200 v.Chr. entstandenen Bücher des Alten Testaments. Der Oratoriumstext (italienische Fassung mit deutscher Übersetzung hier) hält sich inhaltlich alles in allem an die biblische Vorlage. Der alte, sein Leben lang barmherzige und gütige Tobit ist erblindet (nach Tob. 2,10 durch den warmen Kot, den Sperlinge in seine offenen Augen fallen ließen; das steht im Libretto natürlich nicht ...) und hat auch noch seinen Sohn Tobias, wie er meint, verloren. Seine Frau Anna (Hanna) wirft ihm vor, daß ihm seine Barmherzigkeit nie etwas genützt habe, was in der Arie Sudò il guerriero / Ma gloria ottenne (Nr. 2b) an Hand von Beispielen ausgearbeitet wird: Der Krieger hat geschwitzt, aber Ruhm erworben; der Bauer hat sich geplagt, aber reiche Ernte eingefahren, aber was hat dir deine Mildtätigkeit gebracht außer Spott? Chiaro si vede / Che fra’ tuoi vanti / Un vero merito / Giammai non c’è. Der Erzengel Raphael aber, in der Gestalt des Jünglings Azaria, offenbart Tobit, daß sein Sohn noch lebt und bald mit seiner Braut Sara zurückkehren wird. Außerdem ist Tobias dazu ausersehen, den Vater mit Hilfe der einem Fisch entnommenen Galle von seiner Blindheit zu heilen. Was dann auch geschieht.
Hier ist nun die schöpferische Phantasie des Librettisten gefragt, damit das Ganze nicht zu kurz wird. Während es im biblischen Bericht sofort mit der Heilung klappt und damit alles in Ordnung ist, ist es im Oratorium ein langwieriger Prozeß: Der Vater kann zwar wieder sehen, erträgt aber das grelle Tageslicht nicht – nach Tob. 14,2 war er immerhin acht Jahre lang blind – und zieht darum die Finsternis vor (Nr. 14b Arie Aborro i rai del giorno / Amo le mie tenebre). Die große Niedergeschlagenheit von Anna und Tobias findet aber plötzlich ein Ende, als es Sara gelingt, durch Auflegen verschiedener dunkler und dann leichterer, heller Tücher den Vater nach und nach an das Tageslicht zu gewöhnen.
(Nebenbei ist das Thema keineswegs so trivial, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, wenn man an Berichte über jahrzehntelang in dunklen Kammern eingeschlossene Personen denkt!).
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Anders als bei der ca. 20-25 Jahre später entstandenen Schöpfung und den Jahreszeiten finden wir hier noch keine Auseinandersetzung mit Händel, die kompositorischen Mittel sind bescheidener als die in den Spätwerken entfalteten, und der formale Aufbau folgt dem traditionellen neapolitanischen Schema mit dem Wechsel von Rezitativ und Arie. Chöre werden nur zu Beginn, in der Mitte und am Ende der insgesamt drei Teile eingesetzt. Wer also (anachronistischerweise) die Maßstabe der Schöpfung oder der Jahreszeiten anlegt. Ist also Il ritorno di Tobia ein eher schwaches, zeitgebunden-konventionelles Werk, wie man dies aus dem Vergessen dieses Werks im musikalischen Bewußtsein schon des 19. Jahrhunderts erschließen könnte? Selbst zwei von Haydn 1784 nachkomponierte große Chöre konnten nicht verhindern, daß bereits 1808 eine abermalige Aufführung durch die Tonkünstler-Societät im Wiener Burgtheater als "veraltetes Machwerk, das nicht gefiel" abgetan wurde - kein Wunder, denn damals stand man natürlich voll im Bann der zwei späten und damals noch ziemlich neuen Oratorien, vor allem der Schöpfung.
Sogar ein so verständiger Haydnspezialist wie Ludwig Finscher meint, daß der Komponist mit diesem Werk hauptsächlich den Wienern imponieren wollte und "die Musik zwar schön, aber erstaunlich konventionell" sei (Joseph Haydn und seine Zeit, 2. Aufl. 2002, 473), woran aber auch der Text eine Mitschuld habe, der "in seinem ungelenken Pathos wie in seiner naiven Personenzeichnung nicht selten unfreiwillig komisch wirkt" (ebenda; dort auch die vorhin erwähnte Kritik von 1808).
Mir scheint jedoch, daß hier Karl Geiringer in seinem bekannten Haydn-Buch (Joseph Haydn. Der schöpferische Werdegang eines Meisters der Klassik, 2. Aufl. 1986, 458ff. zu einer weit gerechteren und treffenderen Beurteilung gelangt ist (er schreibt auch viel ausführlicher darüber als Finscher). Er hebt "Verinnerlichung und Ausdruck", die hier vertieft wurden, hervor, die besondere Sorgfalt, mit der die Rezitative gestaltet wurden, und den "Glanzpunkt des Werkes", den die wenigen, aber sehr wirkungsvollen Chöre bilden.

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Die neue Einspielung des fast drei Stunden dauernden Werkes durch Andreas Spering aus dem Jahr 2006 bringt die offenbar von vielen allzu leicht übersehenen oder ignorierten Qualitäten dieses Werkes voll zur Geltung; das Orchester spielt kraftvoll und energisch. Eine der stärksten und ausdrucksvollsten Nummern ist der große Chor am Ende des ersten Teils (Nr. 9, bei Spering auf der zweiten CD, Track 6) mit solistischen Einlagen: das Odi le nostre voci / Tu che dai leggi ai fati, das refrainartig vom Chor ("Ebrei") wiederholte Rendi a Tobit la luce, Oh della luce Autor, das fast flüsternd gesungene "Mira le calde lagrime / Che il popol tuo produce / Rendi a Tobit la luce, Oh della luce Auto".
Verschiedene sehr positive Kritiken zu Sperings Einspielung als Weg, einen neuen Zugang zu Haydn zu finden, kann man hier , da und dort lesen.

Andere (mir nicht bekannte und offenbar auch nicht mehr regulär lieferbare) Einspielungen sind von Szekeres (1975) und Dorati (1979).
Es geht nicht darum, Il ritorno di Tobia als Gesamtwerk auf eine Stufe – um jetzt nur von Haydn selbst zu sprechen – mit der Schöpfung (oder auch mit den Jahreszeiten) zu stellen, das ginge natürlich nicht an. Aber es ist Musik, die sehr viel besser ist, als man es nach gängigen Klischees meinen könnte, viel besser auch, als mancher angesichts der geringen Bekanntheit erwarten würde. Man braucht freilich etwas Geduld: Ähnlich wie sich Tobit nur allmählich an das Tageslicht gewöhnen kann, ist dies Musik, die sich heute erst bei wiederholtem und intensiverem Hören erschließt.

Kennt jemand dieses Werk und hat damit (positive?!) Erfahrungen?

Grüße,
Sarastro
Papageno (12.04.2009, 20:28):
Hallo, Sarastro!

Ich habe auch eine Einspielung von der "Rückkehr des Tobias". Doch die Schallplattenkassette steht sich bei mir schon ein wenig ihre Ecken rund, da mich die italienische Sprache bislang vom Anhören abgehalten hat. Irgendwie habe ich es nämlich immer etwas lieber, wenn man die gesungenen Wort direkt versteht und nicht immer im dicken Libretto nachschlagen muss. Ich hatte mir die DECCA-Aufnahme von 1979 unter dem Dirigat von Antal Dorati erstrangig wegen Barbara Hendricks auf einem Flohmarkt beschafft, die hier die Partie des Erzengels Raffael singt.

Ich denke jedoch, dass ich mir das Werk nun doch einmal zu Gemüte führen werde, nachdem ich durch deinen Beitrag neugierig darauf geworden bin!

Herzliche Grüße, Jan! :)
Sarastro (12.04.2009, 21:59):
Lieber Papageno,
von der italienischen Sprache würde ich mich an Deiner Stelle nicht abschrecken lassen - ich nehme an, Du hörst ja z.B. auch den Don Giovanni eher mit dem Originaltext, oder nicht? (Ist jedenfalls schöner ...). Das Nachschlagen im Libretto bleibt einem ja selbst bei Texten in der Muttersprache nicht immer erspart, weil man manchmal einfach falsch oder gar nichts versteht.
Andererseits: Wenn man nicht immer jedes Wort versteht, muß das auch nicht so schlimm sein - die Hauptsache, man kann in den wesentlichen Zügen folgen; und die Musik spricht sowieso für sich!

Herzliche Grüße,
und viel Vergnügen hier wünscht Dir
Sarastro
Papageno (12.04.2009, 22:25):
Hallo, Sarastro!

Natürlich hast du recht! Es ist unsinnig, ein Stück allein wegen einer einem unbekannten Sprache nicht anzuhören. Und, man muss auch bei auf Deutsch gesungenen Stücken gelegentlich das Libretto konsultieren, das ist völlig korrekt. Aber, ich bevorzuge eben häufig Stücke, die auf Deutsch eingespielt wurden. Das geht sogar soweit, dass ich mir von fremdsprachigen Stücken, wie z.B. Offenbachs "Orpheus", eine deutsche Aufnahme anschaffe. Aber eigentlich geht Gewisses vom Stück verloren, wenn man es nicht in seiner Originalsprache aufführt.

Aber jetzt zur "Rückkehr des Tobias": Ich habe schon ein wenig in meine Aufnahme hineingehört: Besonders gefällt mir die flotte, fast marschartige Arie der Anna, die mit "Sudó il guerriero, ma gloria ottenne" betitelt ist. Sie ist die erste Arie dieses Opus', zuvor findet man lediglich die Ouvertüre, den Eingangschor und das Rezitativ zwischen Anna und Tobit. Della Jones meistert die als recht schwer bekannte Partie der Anna für meinen Geschmack sehr gut! Wer singt bei dir denn die Anna und was sind deine favorisierten Stücke aus dem Tobias?

Schön, dass ich hier so nett willkommen geheißen werde!

Herzliche Grüße, Jan! :)
Papageno (13.04.2009, 21:29):
Hallo, Sarastro!

Ich habe nun schon eine Menge von diesem Werk gehört und ich muss sagen: Die Musik gefällt mir sehr gut! Schwer zu glauben, dass dieses Werk nur einem äußerst schmalen Publikum bekannt zu sein scheint.
Nach der fantastischen, rhythmischen Ouvertüre folgt nach einem schönen Duett mit Chor leider eines der vielen Rezitativ, die das an sich schöne Opus sehr langatmig erscheinen lassen. Schließlich dauert es in seiner Gesamtlänge knappe drei Stunde. Würde man die Rezitative hier und dort gegebenenfalls etwas kürzen und straffen, hätte das Stück für mich dadurch nur gewonnen, nicht zuletzt an angenehmerer Länge (kleiner Scherz am Rande). :rofl
Doch die durch das Orchester pompös begleitete Arie von Tobits Ehefrau Anna hellt die Stimmung nach dem ersten, etwas zähen Rezitativ wieder deutlich auf. Haydn hat also sehr an der Austarierung der einzelnen Elemente gearbeitet, wie mir scheint. :D

Wie denkst du über die Rezitative und ihre Wirkung auf das gesamte Stück?

Liebe Grüße, Jan! :)
Sarastro (13.04.2009, 23:10):
Lieber Papageno,
es freut mich, daß Dir Il Ritorno di Tobia gefällt! Klar sind die Arien und Chöre für den Hörer insgesamt attraktiver, darum hat sich ja auch Haydn in seinen beiden späten Oratorien von dem inzwischen als überholt geltenden neapolitanischen Modell gelöst.

Ich komme mit den langen Rezitativen insofern ganz gut zurecht, als ich erstens die italienische Sprache, auch hinsichtlich des für heutige Begriffe etwas altertümlichen Stils dieser Libretti, sowieso gern mag (es ist aber auch hilfreich, sich den Bibeltext durchzulesen) und ich zweitens auf Details in der sorgfältigen kompositorischen Ausgestaltung der Rezitative sowie auch des gesanglichen und interpretatorischen Ausdrucks achte.

Meine besonderen Lieblingsnummern in diesem Oratorium?
Nun, die Chöre Sudò il guerriero und - besonders grandios und eindrucksvoll - Odi le nostre voci im ersten Teil nannte ich schon.

Damit ich´s aber nicht vergesse: Das dem Sudò il guerriero unmittelbar vorangehende Rezitativ der Anna fasziniert mich durch die Art, wie Ann Hallenberg die letzten tadelnden, bitteren Worte Le tue bell'opre / Quando mai ti fruttaro, / Se non un frutto acerbo, aspro ed amaro vorträgt und artikuliert.

Sehr gut gefällt mir auch die Arie des Raphael Quel filio a te sì caro (Nr. 4b; bei mir singt Roberta Invernizzi): Nach einer längeren Einleitung des Orchesters ruft Raphael Anna an mit den Worten Anna, m' ascolta! Wie dieses "Anna" melodisch gestaltet ist und von der Sängerin vorgetragen wird, geht mir jedesmal unter die Haut, ohne daß ich sagen könnte, warum eigentlich!

Sind in der Dorati-Einspielung eigentlich auch die von Haydn 1784 nachkomponierten Chöre Ah gran dio (Nr. 5c, Mitte des ersten Teils) und Svanisce in un momento (Nr. 13c, Mitte des zweiten Teils) mit enthalten? Zu der - mit Recht von den Kritikern sehr gelobten - Einspielung von Spering wird nämlich im Booklet der Naxos-Ausgabe besonders hervorgehoben, daß Spering sich zwar grundsätzlich an die Urfassung von 1775 gehalten hat, "diese beiden Juwelen der Chorliteratur" aber an der ihnen von Haydn nachträglich zugedachten Stelle integriert hat.

Etwas Interessantes ist mir übrigens aufgefallen: Die ersten Takte der instrumentalen Einleitung des zweiten Teils weisen eine auffallend starke motivische Ähnlichkeit mit dem dominanten, mehrfach wiederholten Thema der Kantate Auf, schicke dich recht feierlich (Wq 249) von C.P.E. Bach auf ("Groß ist der Herr"), einer Weihnachtsmusik für das Jahr 1775 (Entstehungsjahr von Ritorno di Tobia!). Bach bediente sich dabei einer eigenen, 1772 komponierten Kantate. Entweder Haydn hatte hiervon Kenntnis (bekanntlich hat er C.P.E. Bach gründlich studiert), oder die Ähnlichkeit ist einfach Zufall.

Herzliche Grüße,
Sarastro
Papageno (14.04.2009, 10:56):
Hallo, Sarastro!

Ja, auch Antal Dorati hat die beiden von dir erwähnten Chöre, die Haydn nachträglich einfügte, "Ah, gran Dio!" und "Svanisce in un momento", miteingespielt. Also hat er sich, wie Speringauch, ein wenig von der ursprünglichen Form distanziert, um das Werk in seiner totalen Vollständigkeit und Bandbreite darbieten zu können, was ich sehr schätze.

Mir gefällt Della Jones als Anna aber auch sehr gut. Ich habe im Internet mal in deine Sperling-Aufnahme hineingehört und muss sagen, dass die voluminöse Stärke und Energie, mit der Frau Jones die Anna während ihrer ersten Arie ("Sudò il guerriero") dem Esprit von Ann Hallenberg meiner Meinung nach ein wenig überlegen ist. Insgesamt scheint die Aufnahme von dir nicht so sehr von Wuchtigkeit geprägt zu sein, wie die meine. Dies zeigt sich auch bereits in der "Sinfonia" bzw. "Ouvertüre". Auch die zweite Nummer des Stückes, das Anna-Tobit-Duett mit Chor ("Pietà, pietà d'un'infelice"), ist bei deiner Einspielung im Vergleich zu der meinigen ein wenig dezenter, wie mir scheint. Als der Chor nach Annas und Tobits Worten "O Padre d'Israel!" mit "Pietà d'un'infelice genitrice" einsetzt, kommt auch dieser nicht so energetisch daher, wie in meiner Aufnahme. Da ich es gern sonor und stimmstark, sagt mir meine Aufnahme sehr zu. Aber, das ist natürlich, wie so vieles, eine Frage des persönlichen Gustos.

Liebe Grüße, Jan! :)