Sarastro (18.12.2007, 22:00): Joseph Haydn schrieb eine stattliche Anzahl von Trios für Klavier, Violine (ausnahmsweise auch Flöte) und Violoncello. Diese Werke finden in der Konzert- und Musizierpraxis mit wenigen Ausnahmen nicht die ihnen zweifellos gebührende Beachtung, da dem Cello im Vergleich zum Klavier, aber auch zur Violine, eher eine untergeordnete, stützende bzw. begleitende Rolle zukommt. Man kann also als Cellospieler sicher wenig damit auftrumpfen; in Mozarts Klaviertrios etwa hat das Cello viel mehr Selbständigkeit, von denen Beethovens ganz zu schweigen. Und doch handelt es sich meiner festen Überzeugung nach bei vielen von Haydns Klaviertrios um ganz großartige Werke von gedanklicher Tiefe und einer - wie ja so oft bei Haydn - immer wieder anzutreffenden Experimentierfreudigkeit, in beiderlei Hinsicht also durchaus den Streichquartetten vergleichbar. Vom Gesamtmusikalischen her gesehen (übrigens auch hinsichtlich der Behandlung des Klaviersatzes her) sind diese Stücke, wie ich zu behaupten wage, anspruchsvoller als die meisten Klaviersonaten des Meisters. Ich bin der Ansicht, daß man Haydns Klaviertrios dementsprechend ganzheitlich sehen bzw. hören muß und auf keinen Fall nach der Stimmführung des Cellos gehen darf (das aber sehr wohl dazugehört; es in der Hausmusik einfach wegzulassen wäre ein Unding!!). Man muß berücksichtigen, daß zu Haydns Zeit die Bässe des Klaviers schneller verklangen und die Stützung durch die Cellostimme künstlerische Absicht und nicht etwa Phantasielosigkeit ist ... Im Gegenteil attestiert eine neue, sehr lesenwerte Haydnbiographie dem Komponisten in diesem Zusammenhang - Cellospieler aufgepaßt! - "eine sehr phantasievolle Behandlung des Cellos", und er spricht von "sehr subtile(n) Nuancen" (Ludwig Finscher, Joseph Haydn und seine Zeit, 2000, 445 und 446). Ich selbst spiele leider kein Cello, glaube aber, wenn ich die Klavierstimme optisch und akustisch mit dem Cello vergleiche, verstehen zu können, was der zitierte Autor da meint.
Ich hoffe, daß einige von euch meine Begeisterung für Haydns Klaviertrios nachvollziehen können und vielleicht sogar teilen (und nicht nur über die "langweiligen" Cellostimmen klagen) und würde gegebenenfalls gerne, wenn es sich ergibt (was ich hoffe), dieses Thema vielleicht etwas detaillierter fortsetzen.
Dies war mein erster Beitrag hier - er ist möglicherweise ein wenig allzu monologartig ausgefallen. Ich bitte darum um Nachsicht.
Herzliche Grüße, Sarastro
satie (18.12.2007, 22:47): Hallo Sarastro, herzlich willkommen im Forum! Ich schätze Haydns Kammermusik sehr und höre auch seine Klaviertrios sehr gerne, einige hatte ich vor Jahren auch mit Kollegen gespielt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich keine einzige Aufnahme besitze (ich hörte sie eher im Konzert) . Hier hätte ich gerne Tips, besonders was Aufnahmen mit Hammerklavier betrifft. Meine Haydn-Sammlung könnte ich ohnehin mal aufstocken. Ich habe einiges an Klaviersonaten, Symphonien, Streichquartetten, Konzerten und Opern. Haydns Eleganz und auch sein Witz sind in den Klaviertrios mindestens so vertreten wie in den Klaviersonaten. Haydn hat ja auch viele Bearbeitungen für Klaviertrio und Gesang geschrieben, die auch sehr schön sind (gerade wegen ihrer Einfachheit). Klaviertrios gibt es sage und schreibe über 40, gespielt werden davon tatsächlich nur wenige. Allerdings kann man das wohl generell von Haydns Kammermusik (abgesehen von den Klaviersonaten und Streichquartetten) sagen... Erst neulich musste ich wieder bestürzt feststellen, wie armselig der Bestand an Haydn-Aufnahmen in durchschnittlichen Klassik-Abteilungen ist (besonders im Vergleich zu Mozart und Beethoven). In meinen Augen ein großes Unrecht. Haydn war ein fantastischer Komponist, der sowohl Mozart als auch Beethoven stark beeinflusst hat. Ich bin also sehr gespannt auf Empfehlungen!
Herzliche Grüße, S A T I E
HenningKolf (18.12.2007, 23:10): Ich kann hier nicht wirklich etwas Fundiertes beitragen, weil die Beschäftigung mit Haydns Kammermusik noch ansteht. Aber ich nutze den Faden, um erstens
Sarastro auf das HERZLICHSTE ZU BEGRÜßEN!
und zweitens Satie eine Empfehlung weiter zu reichen. Mir jedenfalls ist gleich von zwei Bekannten diese Einspielung empfohlen worden
Meine erste Berührung mit einem Haydn-Trio war der Mitschnitt des Progetto Martha Argerich in Lugano von 2003. Dort spielte sie mit den Capucon-Brüdern das Trio G-Dur Hob.XV/25 sehr lebendig bis ungarisch-feurig; zu hören hier:
Sarastro (19.12.2007, 00:12): Hallo Satie, HenningKolf und Nikolaus, zunächst mal vielen herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung! Es ist natürlich etwas naiv von mir, ich weiß, aber ich freue mich einfach immer, wenn jemand an Haydns Musik tieferen Gefallen findet (und nicht bloß an den "Reißern" wie Paukenschlagsymphonie oder Zigeunertrio ...)! Als Gesamteinspielung der Klaviertrios kenne und besitze ich nur die überaus preisgünstige Box (10 CDs) mit dem Van Swieten Trio, m.E. durchaus empfehlenswert und ideal zum Kennenlernen des Gesamtwerks in dieser Gattung. (Jetzt wollte ich hier ein frisch gescanntes Bild beilegen, weiß aber nicht, wie ich das hier reinkriege, überhaupt habe ich noch gewisse technische Probleme ... Na ja, ich werd´s schon noch lernen).
Ich habe dann noch aus früheren Jahren ein Schallplattenalbum, auf dem verschiedene Ensembles neben einigen Streich- und Barytontrios auch drei späte Klaviertrios (Leonore Klinckerfuß auf dem Hammerklavier) spielen (C, As und E). Am liebsten - da ich leider meist keine Streicher zum Mitspielen zur Hand habe; das wäre natürlich das Optimale - spiele ich die Stücke selbst am Klavier und denke mir die anderen Stimmen dazu. Das geht tatsächlich und macht viel Freude!
Herzliche Grüße, Sarastro
cellodil (19.12.2007, 08:13): Lieber Sarastro,
auch von mir erst einmal: Warmly welcome. Und Dir hoffentlich viel Freude im Forum....
Ich höre die Klaviertrios ziemlich häufig und mit einigem Vergnügen. Allerdings nicht wirklich intensiv und/oder konzentriert (meistens beim Arbeiten :ignore ). Und ich habe auch nur eine einzige Aufnahme und auch kein großes Bedürfnis, mir noch eine anzuschaffen, weil ich die sehr mag.
Allerdings würde ich die Trios doch auch gerne mal mit einem Hammerflügel hören...
@Satie
Hast Du die Trios (oder einzelne Trios) schon mal mit dem Hammerflügel gehört? Und die Streicher dann (hoffentlich) mit Darmsaiten dazu? Denke mir, dass das eine gänzlich andere Wirkung haben muss.
Herzliche Grüße
Sabine
satie (19.12.2007, 08:30): Liebe Sabine, gerade habe ich mal in die Brilliant-Box hinein gehört, mit dem Van Svieten Trio (sarastro hatte sie angesprochen). Und tatsächlich ist da ein Hammerklavier! Die Aufnahme gefällt mir gut, und hier hat man bei einer Gesamtaufnahme für ca. 20 Euro mal wieder ein Schnäppchen. Ich konnte allerdings aufgrund der etwas mangelhaften Klangqualität nicht hören, ob die Streicher wirklich Darmsaiten benutzen, es klingt mir aber schon danach (zumindest spielen sie sehr historisch orientiert). Bis jetzt habe ich noch keine weitere gesehen, bei der ein Hammerklavier benutzt wird. Aber da tauchen sicher noch welche auf. Klanglich liegen meiner Meinung nach schon Welten dazwischen. Das Hammerklavier klingt sehr viel direkter, weniger geglättet (das stört mich trotz aller Spielfreude und sonstiger Qualitäten etwa auch beim Beaux Arts Trio, mir ist es zu "poliert"). Es klingt aber natürlich auch schlanker, weniger voluminös, nicht so "sauber". Aber ihr wisst ja: ich steh auf die alten Instrumente. Jedenfalls finde ich die Brilliant-Box als Gesamtaufnahme der Trios wirklich sehr empfehlenswert. Danke nochmals, Sarastro.
Herzlichst, S A T I E
satie (19.12.2007, 09:49): Original von Sarastro
Ich bin der Ansicht, daß man Haydns Klaviertrios dementsprechend ganzheitlich sehen bzw. hören muß und auf keinen Fall nach der Stimmführung des Cellos gehen darf (das aber sehr wohl dazugehört; es in der Hausmusik einfach wegzulassen wäre ein Unding!!). Man muß berücksichtigen, daß zu Haydns Zeit die Bässe des Klaviers schneller verklangen und die Stützung durch die Cellostimme künstlerische Absicht und nicht etwa Phantasielosigkeit ist ... Im Gegenteil attestiert eine neue, sehr lesenwerte Haydnbiographie dem Komponisten in diesem Zusammenhang - Cellospieler aufgepaßt! - "eine sehr phantasievolle Behandlung des Cellos", und er spricht von "sehr subtile(n) Nuancen" (Ludwig Finscher, Joseph Haydn und seine Zeit, 2000, 445 und 446). Ich selbst spiele leider kein Cello, glaube aber, wenn ich die Klavierstimme optisch und akustisch mit dem Cello vergleiche, verstehen zu können, was der zitierte Autor da meint.
Zunächst: volle Zustimmung. Nur weil eine Stimme einfach ist, ist sie weder langweilig noch anspruchslos. Auch ist völlig richtig, dass beim Kammerklavier die Bässe sehr viel schneller verklingen, auch sind sie generell schwächer als bei einem modernen Flügel. Am besten wird das in Haydns Fantasia C-Dur für Klavier klar: dort gibt es einige Stellen, wo ein tiefer Basston erreicht wird aus einem schnellen Abwärts-Arpeggio (es rast in die Tiefe). Dort steht dann also dieser Basston, und Haydn schreibt darüber, man solle diesen Ton so lange halten, bis er völlig verklungen ist. Das würde bei einem Steinway unendlich lange dauern und aus der Spannung nur noch ein Loch machen. Beim Hammerklavier kann man diese Zeit mindestens halbieren, würde ich mal sagen, wodruch das ein ganz spannender Moment ist, der aufhorchen lässt, gerade so lange, bis das Stück in gewohntem Tempo (Presto) weitergeht. Die Funktion des Cellos ist bei Haydns Klaviertrios durchaus zwar vergleichbar mit der Funktion eines Bassinstruments in einer Continuo-Gruppe, doch darf das Cello manchmal auch etwas mehr zeigen. Aufgrund der Wichtigkeit des Fundaments (und Haydns Klang hat hier Maßstäbe gesetzt) kann man ohnehin nicht sagen, das Cello habe hier nur eine untergeordnete Funktion.
Nicht zu vergessen ist, dassHaydn hier wie auch beim Streichquartett gattungsgeschichtliche Maßstäbe gesetzt hat: vor Haydn gab es die Gattung im Grunde nicht, sie entstand aus Klaviersonaten, die von anderen Instrumenten "begleitet" wurden. Sein Schüler Beethoven hat den Stimmen dann die volle Selbstständigkeit eröffnet. Man muss Haydn also im Grunde die Schaffung der Gattung zugestehen (in einer bereits sehr runden, schlüssigen Form), was nicht zu unterschätzen ist.
Herzlich, S A T I E
Sarastro (19.12.2007, 10:16): Liebe Sabine, das verstehe ich gut, daß man mit einer bestimmten Einspielung zufrieden ist und kein großes Bedürfnis nach einer weiteren hat (bei mir ist es im konkreten Falle ähnlich). Die Hauptsache bei der Aufführung von Haydns Trios ist sicher, daß das Klavier das Cello nicht an die Wand drückt und man nichts mehr davon hört - da ist die Gefahr bei modernen Flügeln natürlich relativ groß, der Pianist muß sich halt ein bißchen beherrschen. MIt alten Instrumenten ist man da schon im Vorteil. Falls ich zwei persönliche Empfehlungen geben darf für den Fall, daß Du - - und wer immer auch sonst! - mal Haydns Trios intensiver und konzentrierter anhören möchtest (obwohl ich sie immer wieder auch, wie vieles andere, gern beim Arbeiten anhöre): Besonders schön sind die vermutlich weniger bekannten Trios in B-Dur und d-moll (beide im vierten Band der Henle-Notenausgabe von Haydns Trios). Bei dem erstgenannten ist sehr bemerkenswert, daß der zweite, langsame Variationssatz (in G-Dur) mit einem vom Klavier solo vorgetragenen zweistimmigen, ausdrücklich mit der linken Hand zu spielenden Thema beginnt, das dann später mit einem anderen Thema kontrapunktiert wird. Für Haydns Zeit ist das schon ein sehr originelles und ungewöhnliches Verfahren. Bei dem anderen Stück folgt auf einen subtilen Variationssatz ein vielleicht noch subtileres, sehr inniges und nachdenklich-verklärtes B-Dur-Adagio (genau das Hören dieses Stückes hat mich dazu bewogen, mir den vierten Band der Henle-Trioausgabe zu besorgen, nachdem ich bis dahin nur den fünften mit den ganz späten besaß). Herzliche Grüße, Sarastro
@ Satie: Freut mich, daß es die besagte billige Gesamtaufnahme noch gibt und sie Dir gefällt!
Sarastro (19.12.2007, 10:25): Lieber Satie, Deine Worte sind mir aus der Seele gesprochen!
Einen schönen Tag noch und herzliche Grüße, Sarastro
Zelenka (19.12.2007, 17:53): Lieber Sarastro:
Auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum! Und es ist toll, daß Du gerade im doch sehr ruhigen Kammermusik-Unterforum debütierst!
Ich schätze Haydns Trios als Ensemble auch sehr, auch wenn ich dann doch eher die späteren Werke aus den 1790ern (etwa die Nos. 26-30) bevorzuge. Die Trios sind über mehrere Jahrzehnte entstanden, es ist also weiter nicht erstaunlich, daß sie stilistisch und von der Qualität der Inspiration her nicht einheitlich sind. Die frühesten sind wirklich öfter nicht mehr als gepflegte Hintergrundsmusik und, wohl noch mehr als die späteren, eher begleitete Klaviersonaten, in denen das Cello nur die Baßhand des Klaviers verdoppelt.
Ich besitze zwei Gesamteinspielungen, die beide schon in diesem Faden erwähnt worden sind: lange schon die Beaux-Arts-Gesamtaufnahme, die mir doch ab und zu nicht das letzte Wort zu den Trios zu sein scheint, und seit kürzerem die auf historischen Instrumenten eingespielte Version des Van Swieten Trio (Brilliant), die zu meiner Schande immer noch ungeöffnet ist, obwohl ich eigentlich sehr gespannt auf sie bin ...
Gruß, Zelenka
liegnitz (19.12.2007, 18:37): Original von Sarastro Joseph Haydn schrieb eine stattliche Anzahl von Trios für Klavier, Violine (ausnahmsweise auch Flöte) und Violoncello. Diese Werke finden in der Konzert- und Musizierpraxis mit wenigen Ausnahmen nicht die ihnen zweifellos gebührende Beachtung, da dem Cello im Vergleich zum Klavier, aber auch zur Violine, eher eine untergeordnete, stützende bzw. begleitende Rolle zukommt. Man kann also als Cellospieler sicher wenig damit auftrumpfen; in Mozarts Klaviertrios etwa hat das Cello viel mehr Selbständigkeit, von denen Beethovens ganz zu schweigen. Und doch handelt es sich meiner festen Überzeugung nach bei vielen von Haydns Klaviertrios um ganz großartige Werke von gedanklicher Tiefe und einer - wie ja so oft bei Haydn - immer wieder anzutreffenden Experimentierfreudigkeit, in beiderlei Hinsicht also durchaus den Streichquartetten vergleichbar. Vom Gesamtmusikalischen her gesehen (übrigens auch hinsichtlich der Behandlung des Klaviersatzes her) sind diese Stücke, wie ich zu behaupten wage, anspruchsvoller als die meisten Klaviersonaten des Meisters. Ich bin der Ansicht, daß man Haydns Klaviertrios dementsprechend ganzheitlich sehen bzw. hören muß und auf keinen Fall nach der Stimmführung des Cellos gehen darf (das aber sehr wohl dazugehört; es in der Hausmusik einfach wegzulassen wäre ein Unding!!). Man muß berücksichtigen, daß zu Haydns Zeit die Bässe des Klaviers schneller verklangen und die Stützung durch die Cellostimme künstlerische Absicht und nicht etwa Phantasielosigkeit ist ... Im Gegenteil attestiert eine neue, sehr lesenwerte Haydnbiographie dem Komponisten in diesem Zusammenhang - Cellospieler aufgepaßt! - "eine sehr phantasievolle Behandlung des Cellos", und er spricht von "sehr subtile(n) Nuancen" (Ludwig Finscher, Joseph Haydn und seine Zeit, 2000, 445 und 446). Ich selbst spiele leider kein Cello, glaube aber, wenn ich die Klavierstimme optisch und akustisch mit dem Cello vergleiche, verstehen zu können, was der zitierte Autor da meint.
Ich hoffe, daß einige von euch meine Begeisterung für Haydns Klaviertrios nachvollziehen können und vielleicht sogar teilen (und nicht nur über die "langweiligen" Cellostimmen klagen) und würde gegebenenfalls gerne, wenn es sich ergibt (was ich hoffe), dieses Thema vielleicht etwas detaillierter fortsetzen.
Dies war mein erster Beitrag hier - er ist möglicherweise ein wenig allzu monologartig ausgefallen. Ich bitte darum um Nachsicht.
satie (19.12.2007, 20:03): Ich hab mir jetzt die Aufnahme mit dem Van Swieten Trio auch bestellt. Man darf sich ja mal was schenken zu Weihnachten... und für den Preis...
Zelenka (19.12.2007, 20:10): Original von Satie Ich hab mir jetzt die Aufnahme mit dem Van Swieten Trio auch bestellt. Man darf sich ja mal was schenken zu Weihnachten... und für den Preis...
Du darfst! Gönne Dir was!
Gruß, Zelenka
Sarastro (19.12.2007, 23:46): Lieber Zelenka, vielen Dank für die guten Wünsche und die freundlichen Worte! Ich stimme Dir gern zu, daß die frühesten Trios weniger interessant und inspiriert sind (ich habe mir den ersten Band der fünfbändigen Notenausgabe für die Haydntrios auch nie gekauft und werde es auch kaum je tun), und das sind auch nicht die Stücke, für deren verstärkte Beachtung ich gestern eine Lanze brechen wollte. Nach meinen Erfahrungen sollte man die Reihe der anspruchsvolleren Stücke jedoch durchaus schon um die Mitte der 80er Jahre beginnen lassen. Sehr schön und elaboriert z.B. sind HV XV:7 aus dem Jahr 1785 in D-Dur oder XV:12 (1788) in e-Moll. Mit XV:18 sind wir dann schon tief in den von Dir angesprochenen 90er Jahren. Die wunderbaren Trios XV:19 (g-Moll), 20 (B-Dur) und vor allem 23 (d-Moll) mit ihren faszinierenden Eigentümlichkeiten erwähnte ich teilweise schon gestern (@Sabine). Dagegen ist zwar in Nr. 26 (fis-moll) die Wahl der Tonart des zweiten Satzes (Fis-Dur) von echt Haydnscher Originalität, aber alles in allem kommt dieses Trio nicht an seine direkten Vorgänger und Nachfolger heran, und ich ziehe in diesem Fall dann doch die 102. Symphonie vor, in der ja besagter langsamer Satz von Haydn verwendet wurde.
Herzliche Grüße, Sarastro
Tranquillo (05.02.2008, 20:35): Hallo zusammen,
auch ich höre Haydns Klaviertrios sehr gerne. Zwei weitere Aufnahmen möchte ich hier erwähnen:
Wenn man Hammerklavier bevorzugt, ist die Aufnahme des Trio 1790 bei cpo eine Alternative zum Van Swieten Trio:
Auf modernen Instrumenten kann ich die Aufnahme mit dem Haydn Trio Eisenstadt empfehlen - nach meinem Eindruck etwas frischer und lebendiger als das Beaux Arts Trio. Diese Aufnahme ist relativ neu und liegt preislich nur etwas über der Brilliant-Box.
Sarastro (18.12.2007, 22:00): Joseph Haydn schrieb eine stattliche Anzahl von Trios für Klavier, Violine (ausnahmsweise auch Flöte) und Violoncello. Diese Werke finden in der Konzert- und Musizierpraxis mit wenigen Ausnahmen nicht die ihnen zweifellos gebührende Beachtung, da dem Cello im Vergleich zum Klavier, aber auch zur Violine, eher eine untergeordnete, stützende bzw. begleitende Rolle zukommt. Man kann also als Cellospieler sicher wenig damit auftrumpfen; in Mozarts Klaviertrios etwa hat das Cello viel mehr Selbständigkeit, von denen Beethovens ganz zu schweigen. Und doch handelt es sich meiner festen Überzeugung nach bei vielen von Haydns Klaviertrios um ganz großartige Werke von gedanklicher Tiefe und einer - wie ja so oft bei Haydn - immer wieder anzutreffenden Experimentierfreudigkeit, in beiderlei Hinsicht also durchaus den Streichquartetten vergleichbar. Vom Gesamtmusikalischen her gesehen (übrigens auch hinsichtlich der Behandlung des Klaviersatzes her) sind diese Stücke, wie ich zu behaupten wage, anspruchsvoller als die meisten Klaviersonaten des Meisters. Ich bin der Ansicht, daß man Haydns Klaviertrios dementsprechend ganzheitlich sehen bzw. hören muß und auf keinen Fall nach der Stimmführung des Cellos gehen darf (das aber sehr wohl dazugehört; es in der Hausmusik einfach wegzulassen wäre ein Unding!!). Man muß berücksichtigen, daß zu Haydns Zeit die Bässe des Klaviers schneller verklangen und die Stützung durch die Cellostimme künstlerische Absicht und nicht etwa Phantasielosigkeit ist ... Im Gegenteil attestiert eine neue, sehr lesenwerte Haydnbiographie dem Komponisten in diesem Zusammenhang - Cellospieler aufgepaßt! - "eine sehr phantasievolle Behandlung des Cellos", und er spricht von "sehr subtile(n) Nuancen" (Ludwig Finscher, Joseph Haydn und seine Zeit, 2000, 445 und 446). Ich selbst spiele leider kein Cello, glaube aber, wenn ich die Klavierstimme optisch und akustisch mit dem Cello vergleiche, verstehen zu können, was der zitierte Autor da meint.
Ich hoffe, daß einige von euch meine Begeisterung für Haydns Klaviertrios nachvollziehen können und vielleicht sogar teilen (und nicht nur über die "langweiligen" Cellostimmen klagen) und würde gegebenenfalls gerne, wenn es sich ergibt (was ich hoffe), dieses Thema vielleicht etwas detaillierter fortsetzen.
Dies war mein erster Beitrag hier - er ist möglicherweise ein wenig allzu monologartig ausgefallen. Ich bitte darum um Nachsicht.
Herzliche Grüße, Sarastro
satie (18.12.2007, 22:47): Hallo Sarastro, herzlich willkommen im Forum! Ich schätze Haydns Kammermusik sehr und höre auch seine Klaviertrios sehr gerne, einige hatte ich vor Jahren auch mit Kollegen gespielt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich keine einzige Aufnahme besitze (ich hörte sie eher im Konzert) . Hier hätte ich gerne Tips, besonders was Aufnahmen mit Hammerklavier betrifft. Meine Haydn-Sammlung könnte ich ohnehin mal aufstocken. Ich habe einiges an Klaviersonaten, Symphonien, Streichquartetten, Konzerten und Opern. Haydns Eleganz und auch sein Witz sind in den Klaviertrios mindestens so vertreten wie in den Klaviersonaten. Haydn hat ja auch viele Bearbeitungen für Klaviertrio und Gesang geschrieben, die auch sehr schön sind (gerade wegen ihrer Einfachheit). Klaviertrios gibt es sage und schreibe über 40, gespielt werden davon tatsächlich nur wenige. Allerdings kann man das wohl generell von Haydns Kammermusik (abgesehen von den Klaviersonaten und Streichquartetten) sagen... Erst neulich musste ich wieder bestürzt feststellen, wie armselig der Bestand an Haydn-Aufnahmen in durchschnittlichen Klassik-Abteilungen ist (besonders im Vergleich zu Mozart und Beethoven). In meinen Augen ein großes Unrecht. Haydn war ein fantastischer Komponist, der sowohl Mozart als auch Beethoven stark beeinflusst hat. Ich bin also sehr gespannt auf Empfehlungen!
Herzliche Grüße, S A T I E
HenningKolf (18.12.2007, 23:10): Ich kann hier nicht wirklich etwas Fundiertes beitragen, weil die Beschäftigung mit Haydns Kammermusik noch ansteht. Aber ich nutze den Faden, um erstens
Sarastro auf das HERZLICHSTE ZU BEGRÜßEN!
und zweitens Satie eine Empfehlung weiter zu reichen. Mir jedenfalls ist gleich von zwei Bekannten diese Einspielung empfohlen worden
Meine erste Berührung mit einem Haydn-Trio war der Mitschnitt des Progetto Martha Argerich in Lugano von 2003. Dort spielte sie mit den Capucon-Brüdern das Trio G-Dur Hob.XV/25 sehr lebendig bis ungarisch-feurig; zu hören hier:
Sarastro (19.12.2007, 00:12): Hallo Satie, HenningKolf und Nikolaus, zunächst mal vielen herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung! Es ist natürlich etwas naiv von mir, ich weiß, aber ich freue mich einfach immer, wenn jemand an Haydns Musik tieferen Gefallen findet (und nicht bloß an den "Reißern" wie Paukenschlagsymphonie oder Zigeunertrio ...)! Als Gesamteinspielung der Klaviertrios kenne und besitze ich nur die überaus preisgünstige Box (10 CDs) mit dem Van Swieten Trio, m.E. durchaus empfehlenswert und ideal zum Kennenlernen des Gesamtwerks in dieser Gattung. (Jetzt wollte ich hier ein frisch gescanntes Bild beilegen, weiß aber nicht, wie ich das hier reinkriege, überhaupt habe ich noch gewisse technische Probleme ... Na ja, ich werd´s schon noch lernen).
Ich habe dann noch aus früheren Jahren ein Schallplattenalbum, auf dem verschiedene Ensembles neben einigen Streich- und Barytontrios auch drei späte Klaviertrios (Leonore Klinckerfuß auf dem Hammerklavier) spielen (C, As und E). Am liebsten - da ich leider meist keine Streicher zum Mitspielen zur Hand habe; das wäre natürlich das Optimale - spiele ich die Stücke selbst am Klavier und denke mir die anderen Stimmen dazu. Das geht tatsächlich und macht viel Freude!
Herzliche Grüße, Sarastro
cellodil (19.12.2007, 08:13): Lieber Sarastro,
auch von mir erst einmal: Warmly welcome. Und Dir hoffentlich viel Freude im Forum....
Ich höre die Klaviertrios ziemlich häufig und mit einigem Vergnügen. Allerdings nicht wirklich intensiv und/oder konzentriert (meistens beim Arbeiten :ignore ). Und ich habe auch nur eine einzige Aufnahme und auch kein großes Bedürfnis, mir noch eine anzuschaffen, weil ich die sehr mag.
Allerdings würde ich die Trios doch auch gerne mal mit einem Hammerflügel hören...
@Satie
Hast Du die Trios (oder einzelne Trios) schon mal mit dem Hammerflügel gehört? Und die Streicher dann (hoffentlich) mit Darmsaiten dazu? Denke mir, dass das eine gänzlich andere Wirkung haben muss.
Herzliche Grüße
Sabine
satie (19.12.2007, 08:30): Liebe Sabine, gerade habe ich mal in die Brilliant-Box hinein gehört, mit dem Van Svieten Trio (sarastro hatte sie angesprochen). Und tatsächlich ist da ein Hammerklavier! Die Aufnahme gefällt mir gut, und hier hat man bei einer Gesamtaufnahme für ca. 20 Euro mal wieder ein Schnäppchen. Ich konnte allerdings aufgrund der etwas mangelhaften Klangqualität nicht hören, ob die Streicher wirklich Darmsaiten benutzen, es klingt mir aber schon danach (zumindest spielen sie sehr historisch orientiert). Bis jetzt habe ich noch keine weitere gesehen, bei der ein Hammerklavier benutzt wird. Aber da tauchen sicher noch welche auf. Klanglich liegen meiner Meinung nach schon Welten dazwischen. Das Hammerklavier klingt sehr viel direkter, weniger geglättet (das stört mich trotz aller Spielfreude und sonstiger Qualitäten etwa auch beim Beaux Arts Trio, mir ist es zu "poliert"). Es klingt aber natürlich auch schlanker, weniger voluminös, nicht so "sauber". Aber ihr wisst ja: ich steh auf die alten Instrumente. Jedenfalls finde ich die Brilliant-Box als Gesamtaufnahme der Trios wirklich sehr empfehlenswert. Danke nochmals, Sarastro.
Herzlichst, S A T I E
satie (19.12.2007, 09:49): Original von Sarastro
Ich bin der Ansicht, daß man Haydns Klaviertrios dementsprechend ganzheitlich sehen bzw. hören muß und auf keinen Fall nach der Stimmführung des Cellos gehen darf (das aber sehr wohl dazugehört; es in der Hausmusik einfach wegzulassen wäre ein Unding!!). Man muß berücksichtigen, daß zu Haydns Zeit die Bässe des Klaviers schneller verklangen und die Stützung durch die Cellostimme künstlerische Absicht und nicht etwa Phantasielosigkeit ist ... Im Gegenteil attestiert eine neue, sehr lesenwerte Haydnbiographie dem Komponisten in diesem Zusammenhang - Cellospieler aufgepaßt! - "eine sehr phantasievolle Behandlung des Cellos", und er spricht von "sehr subtile(n) Nuancen" (Ludwig Finscher, Joseph Haydn und seine Zeit, 2000, 445 und 446). Ich selbst spiele leider kein Cello, glaube aber, wenn ich die Klavierstimme optisch und akustisch mit dem Cello vergleiche, verstehen zu können, was der zitierte Autor da meint.
Zunächst: volle Zustimmung. Nur weil eine Stimme einfach ist, ist sie weder langweilig noch anspruchslos. Auch ist völlig richtig, dass beim Kammerklavier die Bässe sehr viel schneller verklingen, auch sind sie generell schwächer als bei einem modernen Flügel. Am besten wird das in Haydns Fantasia C-Dur für Klavier klar: dort gibt es einige Stellen, wo ein tiefer Basston erreicht wird aus einem schnellen Abwärts-Arpeggio (es rast in die Tiefe). Dort steht dann also dieser Basston, und Haydn schreibt darüber, man solle diesen Ton so lange halten, bis er völlig verklungen ist. Das würde bei einem Steinway unendlich lange dauern und aus der Spannung nur noch ein Loch machen. Beim Hammerklavier kann man diese Zeit mindestens halbieren, würde ich mal sagen, wodruch das ein ganz spannender Moment ist, der aufhorchen lässt, gerade so lange, bis das Stück in gewohntem Tempo (Presto) weitergeht. Die Funktion des Cellos ist bei Haydns Klaviertrios durchaus zwar vergleichbar mit der Funktion eines Bassinstruments in einer Continuo-Gruppe, doch darf das Cello manchmal auch etwas mehr zeigen. Aufgrund der Wichtigkeit des Fundaments (und Haydns Klang hat hier Maßstäbe gesetzt) kann man ohnehin nicht sagen, das Cello habe hier nur eine untergeordnete Funktion.
Nicht zu vergessen ist, dassHaydn hier wie auch beim Streichquartett gattungsgeschichtliche Maßstäbe gesetzt hat: vor Haydn gab es die Gattung im Grunde nicht, sie entstand aus Klaviersonaten, die von anderen Instrumenten "begleitet" wurden. Sein Schüler Beethoven hat den Stimmen dann die volle Selbstständigkeit eröffnet. Man muss Haydn also im Grunde die Schaffung der Gattung zugestehen (in einer bereits sehr runden, schlüssigen Form), was nicht zu unterschätzen ist.
Herzlich, S A T I E
Sarastro (19.12.2007, 10:16): Liebe Sabine, das verstehe ich gut, daß man mit einer bestimmten Einspielung zufrieden ist und kein großes Bedürfnis nach einer weiteren hat (bei mir ist es im konkreten Falle ähnlich). Die Hauptsache bei der Aufführung von Haydns Trios ist sicher, daß das Klavier das Cello nicht an die Wand drückt und man nichts mehr davon hört - da ist die Gefahr bei modernen Flügeln natürlich relativ groß, der Pianist muß sich halt ein bißchen beherrschen. MIt alten Instrumenten ist man da schon im Vorteil. Falls ich zwei persönliche Empfehlungen geben darf für den Fall, daß Du - - und wer immer auch sonst! - mal Haydns Trios intensiver und konzentrierter anhören möchtest (obwohl ich sie immer wieder auch, wie vieles andere, gern beim Arbeiten anhöre): Besonders schön sind die vermutlich weniger bekannten Trios in B-Dur und d-moll (beide im vierten Band der Henle-Notenausgabe von Haydns Trios). Bei dem erstgenannten ist sehr bemerkenswert, daß der zweite, langsame Variationssatz (in G-Dur) mit einem vom Klavier solo vorgetragenen zweistimmigen, ausdrücklich mit der linken Hand zu spielenden Thema beginnt, das dann später mit einem anderen Thema kontrapunktiert wird. Für Haydns Zeit ist das schon ein sehr originelles und ungewöhnliches Verfahren. Bei dem anderen Stück folgt auf einen subtilen Variationssatz ein vielleicht noch subtileres, sehr inniges und nachdenklich-verklärtes B-Dur-Adagio (genau das Hören dieses Stückes hat mich dazu bewogen, mir den vierten Band der Henle-Trioausgabe zu besorgen, nachdem ich bis dahin nur den fünften mit den ganz späten besaß). Herzliche Grüße, Sarastro
@ Satie: Freut mich, daß es die besagte billige Gesamtaufnahme noch gibt und sie Dir gefällt!
Sarastro (19.12.2007, 10:25): Lieber Satie, Deine Worte sind mir aus der Seele gesprochen!
Einen schönen Tag noch und herzliche Grüße, Sarastro
Zelenka (19.12.2007, 17:53): Lieber Sarastro:
Auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum! Und es ist toll, daß Du gerade im doch sehr ruhigen Kammermusik-Unterforum debütierst!
Ich schätze Haydns Trios als Ensemble auch sehr, auch wenn ich dann doch eher die späteren Werke aus den 1790ern (etwa die Nos. 26-30) bevorzuge. Die Trios sind über mehrere Jahrzehnte entstanden, es ist also weiter nicht erstaunlich, daß sie stilistisch und von der Qualität der Inspiration her nicht einheitlich sind. Die frühesten sind wirklich öfter nicht mehr als gepflegte Hintergrundsmusik und, wohl noch mehr als die späteren, eher begleitete Klaviersonaten, in denen das Cello nur die Baßhand des Klaviers verdoppelt.
Ich besitze zwei Gesamteinspielungen, die beide schon in diesem Faden erwähnt worden sind: lange schon die Beaux-Arts-Gesamtaufnahme, die mir doch ab und zu nicht das letzte Wort zu den Trios zu sein scheint, und seit kürzerem die auf historischen Instrumenten eingespielte Version des Van Swieten Trio (Brilliant), die zu meiner Schande immer noch ungeöffnet ist, obwohl ich eigentlich sehr gespannt auf sie bin ...
Gruß, Zelenka
liegnitz (19.12.2007, 18:37): Original von Sarastro Joseph Haydn schrieb eine stattliche Anzahl von Trios für Klavier, Violine (ausnahmsweise auch Flöte) und Violoncello. Diese Werke finden in der Konzert- und Musizierpraxis mit wenigen Ausnahmen nicht die ihnen zweifellos gebührende Beachtung, da dem Cello im Vergleich zum Klavier, aber auch zur Violine, eher eine untergeordnete, stützende bzw. begleitende Rolle zukommt. Man kann also als Cellospieler sicher wenig damit auftrumpfen; in Mozarts Klaviertrios etwa hat das Cello viel mehr Selbständigkeit, von denen Beethovens ganz zu schweigen. Und doch handelt es sich meiner festen Überzeugung nach bei vielen von Haydns Klaviertrios um ganz großartige Werke von gedanklicher Tiefe und einer - wie ja so oft bei Haydn - immer wieder anzutreffenden Experimentierfreudigkeit, in beiderlei Hinsicht also durchaus den Streichquartetten vergleichbar. Vom Gesamtmusikalischen her gesehen (übrigens auch hinsichtlich der Behandlung des Klaviersatzes her) sind diese Stücke, wie ich zu behaupten wage, anspruchsvoller als die meisten Klaviersonaten des Meisters. Ich bin der Ansicht, daß man Haydns Klaviertrios dementsprechend ganzheitlich sehen bzw. hören muß und auf keinen Fall nach der Stimmführung des Cellos gehen darf (das aber sehr wohl dazugehört; es in der Hausmusik einfach wegzulassen wäre ein Unding!!). Man muß berücksichtigen, daß zu Haydns Zeit die Bässe des Klaviers schneller verklangen und die Stützung durch die Cellostimme künstlerische Absicht und nicht etwa Phantasielosigkeit ist ... Im Gegenteil attestiert eine neue, sehr lesenwerte Haydnbiographie dem Komponisten in diesem Zusammenhang - Cellospieler aufgepaßt! - "eine sehr phantasievolle Behandlung des Cellos", und er spricht von "sehr subtile(n) Nuancen" (Ludwig Finscher, Joseph Haydn und seine Zeit, 2000, 445 und 446). Ich selbst spiele leider kein Cello, glaube aber, wenn ich die Klavierstimme optisch und akustisch mit dem Cello vergleiche, verstehen zu können, was der zitierte Autor da meint.
Ich hoffe, daß einige von euch meine Begeisterung für Haydns Klaviertrios nachvollziehen können und vielleicht sogar teilen (und nicht nur über die "langweiligen" Cellostimmen klagen) und würde gegebenenfalls gerne, wenn es sich ergibt (was ich hoffe), dieses Thema vielleicht etwas detaillierter fortsetzen.
Dies war mein erster Beitrag hier - er ist möglicherweise ein wenig allzu monologartig ausgefallen. Ich bitte darum um Nachsicht.
satie (19.12.2007, 20:03): Ich hab mir jetzt die Aufnahme mit dem Van Swieten Trio auch bestellt. Man darf sich ja mal was schenken zu Weihnachten... und für den Preis...
Zelenka (19.12.2007, 20:10): Original von Satie Ich hab mir jetzt die Aufnahme mit dem Van Swieten Trio auch bestellt. Man darf sich ja mal was schenken zu Weihnachten... und für den Preis...
Du darfst! Gönne Dir was!
Gruß, Zelenka
Sarastro (19.12.2007, 23:46): Lieber Zelenka, vielen Dank für die guten Wünsche und die freundlichen Worte! Ich stimme Dir gern zu, daß die frühesten Trios weniger interessant und inspiriert sind (ich habe mir den ersten Band der fünfbändigen Notenausgabe für die Haydntrios auch nie gekauft und werde es auch kaum je tun), und das sind auch nicht die Stücke, für deren verstärkte Beachtung ich gestern eine Lanze brechen wollte. Nach meinen Erfahrungen sollte man die Reihe der anspruchsvolleren Stücke jedoch durchaus schon um die Mitte der 80er Jahre beginnen lassen. Sehr schön und elaboriert z.B. sind HV XV:7 aus dem Jahr 1785 in D-Dur oder XV:12 (1788) in e-Moll. Mit XV:18 sind wir dann schon tief in den von Dir angesprochenen 90er Jahren. Die wunderbaren Trios XV:19 (g-Moll), 20 (B-Dur) und vor allem 23 (d-Moll) mit ihren faszinierenden Eigentümlichkeiten erwähnte ich teilweise schon gestern (@Sabine). Dagegen ist zwar in Nr. 26 (fis-moll) die Wahl der Tonart des zweiten Satzes (Fis-Dur) von echt Haydnscher Originalität, aber alles in allem kommt dieses Trio nicht an seine direkten Vorgänger und Nachfolger heran, und ich ziehe in diesem Fall dann doch die 102. Symphonie vor, in der ja besagter langsamer Satz von Haydn verwendet wurde.
Herzliche Grüße, Sarastro
Tranquillo (05.02.2008, 20:35): Hallo zusammen,
auch ich höre Haydns Klaviertrios sehr gerne. Zwei weitere Aufnahmen möchte ich hier erwähnen:
Wenn man Hammerklavier bevorzugt, ist die Aufnahme des Trio 1790 bei cpo eine Alternative zum Van Swieten Trio:
Auf modernen Instrumenten kann ich die Aufnahme mit dem Haydn Trio Eisenstadt empfehlen - nach meinem Eindruck etwas frischer und lebendiger als das Beaux Arts Trio. Diese Aufnahme ist relativ neu und liegt preislich nur etwas über der Brilliant-Box.
Sarastro (09.12.2008, 22:31): Da in diesen Tagen hier so viel von Haydn die Rede ist, darf auch dieser Faden zwischendurch mal wiederbelebt werden. Bisher nicht genannt wurde die Aufnahme des Ensemble Trazom mit den Klaviertrios Hob. XV:27-30, mit denen Haydn sein reiches Schaffen in dieser Gattung abschloß (C-Dur, E-Dur, Es-Dur, Es-Dur).
http://www.galileo-mc.com/cover/74321928142.jpg
Die Einspielung klingt für mein Empfinden ein wenig härter und kantiger als die des obengenannten Van Swieten Trios oder die Aufnahme mit dem Haydn-Trio Wien, angeblich sind die Instrumente auch etwas tiefer gestimmt. Die Musiker spielen auf Originalinstrumenten; die Wiederholungszeichen werden erfreulicherweise ernst genommen. Die Tempi sind insgesamt recht zügig, was an sich nicht verkehrt ist; nur beim ersten Satz des Es-Dur Trios XV:29 (das mit dem wunderschönen "Andantino ed innocemente" in H-Dur und dem Finale "in the German Style") finde ich das Tempo für ein "Poco Allegretto" zu schnell und irgendwie gehetzt. Andere mögen das natürlich anders sehen. Insgesamt finde ich die Aufnahme aber - natürlich auch in Anbetracht dieser hochkarätigen Werke - sehr hörenswert.
Es gibt vom selben Ensemble auch eine (mir bisher aber nur durch Hörproben bekannte) Aufnahme mit XV:9 und 18-20.
Grüße, Sarastro
Wooster (09.12.2008, 23:10): Original von Sarastro Da in diesen Tagen hier so viel von Haydn die Rede ist, darf auch dieser Faden zwischendurch mal wiederbelebt werden. Bisher nicht genannt wurde die Aufnahme des Ensemble Trazom mit den Klaviertrios Hob. XV:27-30, mit denen Haydn sein reiches Schaffen in dieser Gattung abschloß (C-Dur, E-Dur, Es-Dur, Es-Dur).
....
Es gibt vom selben Ensemble auch eine (mir bisher aber nur durch Hörproben bekannte) Aufnahme mit XV:9 und 18-20.
Ja, die habe ich. Ich wollte die, als ich dann die Brilliant-Box gekauft hatte (+ ein paar Einzel-CDs von Trio 1790 u.a.) eigentlich schon zum Verschenken/Verkaufen aussortieren, weil ich den Klang doch sehr ruppig fand. Nachdem ich sie dann nochmal gehört hatte, war ich von der Energie aber doch so angetan, daß ich sie wieder ins Regal sortiert habe. Das A-Dur xv:18 ist ein besonderer Favorit von mir, hauptsächlich das Finale, bei dem man wirklich abhebt. :engel Aber ob man sie wirklich braucht, wenn man schon ganz gut mit den Werken ausgestattet ist, weiß ich nicht. Ich halte die Brilliant-Box für wirklich hervorragend; sie steht nicht hinter den cpo-Aufnahmen des Trio 1790 zurück und auch nicht hinter den zwar klangschönen, aber mitunter sehr gemütlichen Interpretationen von Cohen/Höbarth/Coin.
:hello
Wooster
Sarastro (10.12.2008, 22:11): Liebe Haydnfreunde, da sie in der Briiliant-Box nicht mitenthalten sind, möchte ich hier doch noch kurz die drei Trios für Klavier bzw. Cembalo, Flöte und Cello (Hob. XV:15-17, in G, D und F) erwähnen. Nach Rosen, Der klassische Stil 402 ist eines dieser um 1790 komponierten Stücke wahrscheinlich von Michael Haydn. Leider sagt er nicht, welches; mir ist darüber nichts Näheres bekannt. Ich kann den typischen Michael-Haydn-Stil hier zwar nirgends heraushören, eine Urheberschaft des jüngeren Bruders würde mich aber nicht "stören". Auch wenn die drei Stücke alles in allem nicht die Höhe der größten Klaviertrios Haydns erreichen, möchte ich sie keineswegs als bloß "gefällige, aber nicht weiter interessante Werke" bezeichnen. Die Stücke bereichern zudem in willkommener Weise das nachbarocke Repertoire an Kammermusik mit Flöte! Es ist auf jeden Fall Unterhaltung vom Feinsten!
Ich habe die folgende Aufnahme, die mir sehr gut gefällt und aus diesen Werken ein Maximum herausholt:
Tuija Hakkila, Klavier; Mikael Helasvuo, Flöte; Anssi Kartunnen, Violoncello.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, möchte ich übrigens ausdrücklich darauf hinweisen, daß sich Rosens Einschätzung dieser drei Trios nicht auf Haydns Klaviertrios als Ganzes bezieht, im Gegenteil! Er ist vielmehr der Meinung, daß Haydns Trios "zum besten (zählen), was je komponiert wurde" (als ich vor ungefähr einem Jahr diesen Faden eröffnete, waren mir diese Worte noch nicht bekannt; ich war und bin aber immer noch derselben Meinung).
Herzliche Grüße, Sarastro
Wooster (16.12.2008, 14:08): Original von Sarastro Liebe Haydnfreunde, da sie in der Briiliant-Box nicht mitenthalten sind, möchte ich hier doch noch kurz die drei Trios für Klavier bzw. Cembalo, Flöte und Cello (Hob. XV:15-17, in G, D und F) erwähnen.
Sie sind in der separaten Klaviertrio-Box jedenfalls enthalten! (CD 6, Marion Moonen, Flöte)
Im Werkverzeichnis steht übrigens nichts über eine zweifelhafte Autorschaft bei diesen Trios (würde mich bei so späten Werken auch wundern).
Wooster
Sarastro (16.12.2008, 18:10): Original von Wooster Original von Sarastro Liebe Haydnfreunde, da sie in der Briiliant-Box nicht mitenthalten sind, möchte ich hier doch noch kurz die drei Trios für Klavier bzw. Cembalo, Flöte und Cello (Hob. XV:15-17, in G, D und F) erwähnen.
Sie sind in der separaten Klaviertrio-Box jedenfalls enthalten! (CD 6, Marion Moonen, Flöte)
Im Werkverzeichnis steht übrigens nichts über eine zweifelhafte Autorschaft bei diesen Trios (würde mich bei so späten Werken auch wundern).
Wooster
O, tut mir leid, ich hatte völlig vergessen bzw. verdrängt, daß diese drei Trios auch in der Briliant-Box enthalten sind! Liegt vermutlich daran, daß ich die Trios für Klavier, Violine und Violoncello eben doch öfter höre als die Flötentrios.
Grüße, Sarastro
Cetay (inaktiv) (13.08.2017, 19:18): Sehr lange war er verschwunden dieser Faden. Ich kann allen Vorrednern nur heftig nickend beipflichten. Das sind soweit ich sie kenne ganz hervorragende Werke, deren systematische Erkundung bei mir noch aussteht. Klar ist das eine gewaltige Aufgabe, aber meine Erfahrung mit Hadyn zeigt, dass es sich immer lohnt. Auch wenn einige der frühen Trios im Verdacht stehen, weniger Gedankentiefe zu zeigen, glaube ich es erst, wenn ich mich selbst überzeugt habe. Bei den Sinfonien gibt es jedenfalls unter den ersten 20 keine einzige, die uninspiriert oder nicht originell wäre.
Mittlerweile ist die Zahl der Gesamteinspielungen um ein weiteres Exemplar gewachsen. Zu den genannten Beaux Arts Trio (in der Netzwelt einhellig als Gold-Standard geschätzt) und Haydn Trio Eisenstadt kommt als weitere Einspielung auf konventionellen Instrumenten das Mendelssohn Piano Trio dazu. Mit den beiden HIPstern Trio 1790 und Van Swieten Trio hat man also die Wahl zwischen 5 Gesamtaufnahmen - gar nicht schlecht für eine doch sehr umfangreiche Werkgruppe, die wie im Eingangsbetrag dargelegt eher ein Schattendasein führt.
Bei Naxos hat man eine Serie angefangen, allerdings nach dem dritten Band das Ensemble gewechselt - bis dahin: Kungsbacka Trio; dann: Bartolozzi Trio. Beide Ensembles spielen auf modernen Instrumenten, aber sehr stark HIP-beeinflusst. Allerdings wurde das Projekt nach der 4. Ausgabe vorerst auf Eis gelegt. Dann gibt es unzählige Einzeleinspielungen von ausgewählten Werken, wobei die des Florestan Trio offenbar den Platin-Standard für Originalinstrumente setzen. Ein Haufen Futter für die Ohren steht bereit.
Abendroth (13.08.2017, 20:43): ...und nicht vergessen, dass es die Gesamtaufnahme mit Beaux Arts seit relativ kurzer Zeit recht preisgünstig gibt.
Cetay (inaktiv) (16.08.2017, 14:45): So sieht sie aus die schmucklos neu aufgelegte Box.
Ich hörte daraus die Nummern H. XV:24-27 in D-Dur, G-Dur, fis-Moll & C-Dur, darunter das berühmt-berüchtigte "Zigeuner"-Trio.
Das ist eine dieser Aufnahmen, die mich die Sinnhaftigkeit das ganzen Gedöns von wegen richtiger Interpretation (für meine Hörpräferenzen, nicht unbedingt im Sinne der historischen Korrektheit) oder Verstehenwollen der eigenen Qualitätskriterien hinterfragen lässt. Warum? Weil mir diese Art zu musizieren schon gehörig gegen den Strich geht. Deplatzierter fetter Konzertflügel, schnörkeliges Geigenspiel mit viel zu viel Affekt. Irgendwie will das bemüht spritzig-virtuos sein und kann doch die von Frack und Fliege erzwungene Kontrolliertheit nie ablegen. Wie der steife Typ hinter dem Bankschalter, der meint, mit seiner Papageienkrawatte den Rebell geben zu müssen. Aber es ist egal, wie antiquiert diese Art des Musizierens ist, weil es nach kurzer Zeit (glücklicherweise kurz genug, damit der Finger nicht in Richtung Stop- bzw. Maustaste zuckt) nicht mehr stört - und dann ist man drin und hört nichts als Musik und Musik, es passt einfach alles. Der innere Kritiker schweigt und folgt dem Trio auf seinem nuancenreichen Schreiten durch Klanglandschaften, deren geniale Architektur (Haydn eben) nahezu plastisch greif-, ähm hörbar wird. Sagenhaft! Ich weiß nicht, warum das eine große Aufnahme ist, aber ich weiß, dass es eine ist. Passt schon.
Cetay (inaktiv) (21.08.2017, 16:40): Eine ganz bemerkenswerte Scheibe, die ich den Freunden der Trios nicht vorenthalten will, hat das Trio Goya (keine Spanier, sondern eine multinationale Truppe) vorgelegt. Die Klangbalance der historischen Instrumente ist sensationell. Das Violoncello verschmilzt in tieferen Lagen vollständig mit dem Bass des Fortepianos (aber wird nicht zugedeckt) und das gibt ein sattes Fundament, wie ich es auf anderen Aufnahmen nicht gehört habe. Zusammen bilden die beiden obertonreichen Streicher das perfekte Gegengewicht zum Tasteninstrument. Auch interpretatorisch gefällt mir das außerordentlich - es gibt hier einfach den Schuss mehr an Vorwärtsdrang, Dynamik und Detailfreude. Aber keine Angst; es sind keine spätberufenen HIP-Rabauken der ersten Stunde am Werk. Hier wird nichts gegen den Strich gebürstet, die immer wieder auftretenden Ausbrüche und Einbrüche wirken nicht erzwungen sondern organisch und sind damit umso wirkungsvoller. Man vergisst allzu leicht, dass die späten Trios in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den außerordentlichen Quartetten von op. 76 entstanden sind - das Trio Goya erinnert uns daran. Das ist das Beste was mir bislang in Sachen ausgewählte Trios untergekommen ist und ich wüsste nicht, wie man das noch toppen könnte. Eine ganz fette Empfehlung von mir!
Guenther (21.08.2017, 20:09): Cooler Tip, habe mal eben reingehört....
... und gleich MP3 downgeloadet...
:)
Danke!
Guenther (24.08.2017, 20:22): So, habe nun alles ein paar Mal gehört.
Zunächst hatte ich den Eindruck, die Violine ist zu dominant. Beim mehrmaligen Hören hat sich dieser Eindruck nun aber wieder relativiert. Der Hammerflügel hat allerdings zuweilen schon mal "zu kämpfen", aber Du hast völlig recht, Cetay, das Cello und der Piano-Baß bilden ein "schlagkräftiges" Fundament.
Dennoch gefällt mir im Andantino von No. 26 der Violin-Klang an einigen Stellen nicht, was sich aber bei weiteren Wiederholungen ja noch ändern kann. :)
Erstaunlich ist die Transparenz der Instrumente, jederzeit sind alle Stimmen klar und gut zu verfolgen (was mir sehr gut gefällt).
Tolle Aufnahme!
(Und als MP3 für 8,90 zu haben!)
Cetay (inaktiv) (27.08.2017, 07:57): Danke für diese Höreindrücke. :thanks Es ist leider sehr selten geworden, dass hier zwei das Gleiche hören, wenn nicht gesungen wird. :I Ich habe versucht herauszuhören, wo und wie die Violine speziell im Andantino von Nr. 26 anders spielt, aber bin nicht recht dahinter gekommen. Vielleicht etwas mehr Vibrato (mit dem sie sonst zum Glück sehr sparsam sind) in den höheren Lagen - das könnte ein Stilmittel sein, um der Bezeichnung "Andantino et innocentemente" Ausdruck zu verleihen?
Meine nächste Empfehlung ist das Trio Franz Joseph - das ist im Zeitalter der Suchmaschinen nicht gerade die schlaueste Namenswahl, außer man legt es darauf an, nicht gefunden zu werden. Hier verschmelzen die Originalinstrumente nicht so sehr wie beim Trio Goya; schon rein Aufnahmetechnisch ist das viel weiter auseinandergezogen. Es wird zurückhaltender -fast schon sachlich- und vor allem langsamer musiziert. Auf der Habenseite verbuchen die Haydns eine äußerst fein schattierte dynamische Gestaltung - man vergleiche z.B. im Andante der Hoboken-Nummer 27. Die sicherlich nicht auf emotionale Überwältigung zielende Leseart gefällt mir sehr gut und zeigt, dass die Stücke dazu auch ohne viel interpretatorisches Aufhebens taugen.
Joseph Haydn; Klaviertrios C-Dur, G-Dur, c-Moll & G-Dur, Hob. XV:27, 32, 13 & 25 Trio Franz Joseph
Guenther (27.08.2017, 17:29): Im Andantino gefällt mir z.B. der Klang bei Sekunde 50-52 nicht, das hört sich irgendwie seltsam an... ;)
Die neue Empfehlung ist auch super. Habe mir gleich die CD für 3,- Euro bestellt. :) Der Hammerflügel kommt hier m.E. besser zur Geltung. Mal sehen, wenn die CD da ist.
Thanks again!
Guenther (02.09.2017, 13:53): So, die CD ist da, gleich gerippt und gehört.
Was soll ich sagen: Ich bin begeistert, der Zusammenklang der drei Instrumente gefällt mir noch besser als die andere Aufnahme (die schon kaum zu toppen ist).
Im einzelnen:
Der Hammerflügel ist angenehm unaufdringlich, das Klangbild sehr homogen, sowohl in Diskant als auch in der Tiefe. Er wummert in der Tiefe nicht so los wie manch andere Nachbauten. Die Mittellage ist ebenso angenehm und zurückhaltend, der Diskant nicht "spitz". Dennoch kommt die ganze Klang-Charakteristik des Hammerflügels des Ende des 18. Jhdts. zur Geltung.
Das Cello spielt ebenso wie die Violine ebenfalls unaufdringlich. Hier fiel mir stellenweise die andere Aufnahme des Goia-Trios tw. unangenehm auf. Es kann aber auch an der Mischung durch den Tonmeister liegen. In der Goia-Aufnahme fand ich die Violine oft zu sehr im Vordergrund, den Klang zu "quäkend", tw. habe ich mit dem Equalizer versucht, den Effekt wegzubekommen, was mir nur tw. gelang.
In dieser Franz-Joseph-Aufnahme ist die Ausgewogenheit höher, was mir besser gefällt. Ich würde dieses Klangbild immer vorziehen. Denn auch die Transparenz der Stimmen geht ja nicht verloren!
Klare Empfehlung: Nicht zu toppen. :)
(Für die Jugend: Trio Franz Joseph rulez!) ;)
Cetay (inaktiv) (02.09.2017, 18:40): Eine habe ich noch. Ein Fall von historisch uninformierter Aufführungspraxis mal verkehrt herum. Während die 1785 in Wien begonnene Serie noch mit Sonata per il Cembalo col Violino e Violoncello bezeichnet wurde, später dann je nach Ausgabe auch mal Cembalo oder Fortepiano erwähnt werden, ist für die 1795 in England entstandenen Trios die Sachlage klar: "Sonate pour le Piano Forte avec Violon & Violoncelle" heisst es da. Und es gibt genug Evidenz, dass sie ganz klar mit den klanglichen Möglichkeiten des neuen Hammerklaviers in Hinterkopf komponiert wurden. So schreibt Ludwig Finscher: Die starke Betonung der klanglichen Möglichkeiten des Klaviers (Akkordspiel, Arpeggien, extreme Lagen) gibt ihnen ein unverwechselbares Kolorit, wie man es weder bei Mozart noch beim frühen Beethoven findet. "Na und?", dürfte sich das Queen's Chamber Trio gedacht haben. Wenn Haydn heute auf Konzertflügeln, die erst Jahrzehnte später verfügbar waren, gespielt wird, dann dürfte es niemanden stören, wenn wir ein Instrument nehmen, für das Haydn noch ein Jahr zuvor in der gleichen Werkgruppe komponiert hatte.
Das Ergebnis ist jedenfalls weit mehr als eine Kuriosität und unbedingt hörenswert, zumal die Interpreten sich und damit der Klangentfaltung reichlich Zeit lassen und einen schon fast röntgenographischen Blick auf die Textur und Struktur ermöglichen - da geht kein Detail verloren. Erbsenzähler werden monieren, es fehle an Esprit, aber man kann halt nicht immer alles haben. Sehr empfehlenswert.
Joseph Haydn; Klaviertrios C-Dur, es-Moll & E-Dur, Hob. XV:27, 31 & 28 The Queen's Chamber Trio
Guenther (02.09.2017, 18:50): Ja, super!
Ich finde den Gebrauch eines Cembalos auch gar nicht abwegig, sogar dann wenn "für Pianoforte" da steht. Ich spiele viele Klavierstücke auf beiden Instrumenten und finde sehr oft den Cembaloklang schon fast angemessener. Bin gerade (wieder mal) dabei, das Haydn D-Dur-Konzert zu spielen und habe es spaßeshalber mal mit Cembalo-Klang probiert. Insbesondere das Rondo all'ungarese hört sich gar nicht mal so übel an...
Aber auch die G-Dur-Sonate (XVI:40), und da besonders das Allegretto e innocente, hört sich sehr sehr schön mit Cembalo an. Einfach mal ausprobieren!