Tranquillo (06.09.2008, 13:06):
1. Entstehung
Um das Jahr 1671 bereitete sich der greise Heinrich Schütz offenbar auf seinen baldigen Tod vor; er war bereits 86 Jahre alt und hatte sogar einige seiner Schüler überlebt. Schütz bestellte bei seinem Meisterschüler Christoph Bernhard (1627-1692) eine Begräbnismotette im Stil von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594) und vertonte selbst in elf doppelchörigen Motetten den Psalm 119. Diese Motetten stellte er zusammen mit zwei weiteren Motetten über Psalm 100 und das Deutsche Magnificat zu einer Sammlung zusammen, die in seinem Umkreis als „Schwanengesang“ bekannt wurde. (Das Wort „Schwanengesang“ geht auf einen griechischen Mythos zurück, nach dem Schwäne vor ihrem Tod ein trauriges letztes Lied singen.) Schütz liess für diese Sammlung neun Stimmbücher schreiben (jeweils vier Stimmbücher für die beiden Chöre und ein Stimmbuch für den Basso continuo), die er zusammen mit gedrucktem Titelblatt und Inhaltsverzeichnis sowie einer kurzen Widmung seinem Landesfürsten Johann Georg II. übergab.
2. Rezeption
Johann Georg II. wusste mit dem Werk offensichtlich nichts anzufangen, eine Aufführung ist nicht belegt. Nachdem Schütz im Jahr 1672 gestorben war, geriet der „Schwanengesang“ zusammen mit seinen anderen Kompositionen für über 200 Jahre in Vergessenheit. Als Schütz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Komponist wiederentdeckt wurde, war zwar aus zeitgenössischen Dokumenten bekannt, dass er den „Schwanengesang“ komponiert hatte, die Noten galten aber als unwiederbringlich verloren. Im Jahr 1900 wurden jedoch sechs der neun Stimmbücher im Notenarchiv einer Kirche in Guben (heute Gubin am westlichen Ufer der Lausitzer Neiße) entdeckt. 30 Jahre später tauchte das Stimmbuch des Basso continuo auf, mittlerweile waren jedoch die bereits aufgefundenen sechs Stimmbücher wieder verschollen. Erst Mitte der 1970er Jahre wurden diese Stimmbücher in der sächsischen Landesbibliothek wiederentdeckt. Aufgrund der vorhandenen Stimmen wurden die fehlenden beiden Stimmen (Sopran und Tenor des zweiten Chores) rekonstruiert. Mehr als drei Jahrhunderte nach seiner Entstehung wurde der „Schwanengesang“ nun aufgeführt – sehr wahrscheinlich zum ersten Mal überhaupt.
3. Musik
Als Schütz den „Schwanengesang“ komponierte, galt sein Kompositionsstil bereits als völlig veraltet. Er war seiner musikalischen Umwelt weitgehend entfremdet und hatte sicher nicht die Absicht, den Geschmack der zeitgenössischen Hörer zu treffen – er wählte im Gegenteil ganz bewusst die altmodische Forum der doppelchörigen Motette, womit er an seine „Psalmen Davids“ aus dem Jahr 1619 und die Kompositionsweise seines Lehrers Giovanni Gabrieli (1557-1612) anknüpfte. Der Eindruck des Altmodischen wird noch verstärkt durch den gregorianischen Psalmton, der jeder Motette vorangestellt ist. Auch der Doxologie (Lobpreis, "Ehre sei dem Vater...") am Ende jeder Motette ist ein gregorianischer Psalmton vorangestellt. Die Satztechnik ist ganz auf die Deutung und Verdeutlichung des biblischen Textes, auf Klangfülle und kunstvolle Polyphonie ausgerichtet. Trotz dieser Klangfülle und der Pracht der Doppelchörigkeit wirken die Motetten auf den heutigen Hörer mitunter herb, abgeklärt, überzeitlich und weltfern – gerade darin besteht aber ihr besonderer Reiz, der zum wiederholten Hören einlädt. Diese Musik übt eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann.
4. Text und geistlicher Hintergrund
Dass Schütz am Ende seines langen Lebens als Text für seine letzte Komposition Psalm 119 auswählte, war sicher alles andere als ein Zufall. Mit seinen 176 Versen ist dieser Psalm nicht nur der längste der 150 Psalmen, sondern auch das längste Kapitel in der Bibel überhaupt. Der Psalm besteht aus 22 Gruppen zu je acht Versen, wobei im hebräischen Urtext innerhalb einer Gruppe der erste Buchstabe aller acht Verse gleich ist und die Anfangsbuchstaben der Gruppen nacheinander die 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets durchlaufen. Schütz fasste jeweils zwei dieser Gruppen zu einer Motette zusammen (daher die Überschriften „Aleph und Beth“, „Gimel und Daleth“ und so weiter – sie nennen die jeweiligen Buchstaben des hebräischen Alphabets). Vom Inhalt her wurde Psalm 119 als „Güldenes ABC“, als Zusammenfassung der ganzen Bibel angesehen. Schütz, dem die besondere Bedeutung dieses Psalms sicher bekannt war, vertonte hier also im übertragenen Sinn die ganze Bibel und damit die Grundlage seines ganzen Lebens und Komponierens.
Psalm 100 („Jauchzet dem Herren, alle Welt“) ist ein kurzer, sehr bekannter Psalm, der auch von vielen anderen Komponisten vertont wurde.
Der Text des Deutschen Magnificat („Meine Seele erhebet den Herrn“) stammt aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums (ab Vers 46) und ist ein Lobgesang Marias nach der Ankündigung der Geburt Jesu. Auch dieser Text ist oft vertont wurden, meist in Latein („Magnificat anima mea“).
Nicht nur die Auswahl von Psalm 119, sondern auch die Abfolge von Psalm 119 und 100 mit abschliessendem Magnificat im „Schwanengesang“ ist kein Zufall. Psalm 119 ist die Preisung der göttlichen Gesetze, dem Psalm 100 als Lobgesang auf Gott und seine Schöpfung folgt. Die Sammlung schliesst mit Marias Lobgesang auf die Offenbarung Jesu Christi.
5. Aktuell verfügbare Aufnahmen
Collegium Vocale Gent, Concerto Palatino, Philippe Herreweghe (HMF, 2007)
Dresdner Kammerchor, Ensemble „Alte Musik Dresden“, Hans-Christoph Rademann (Raumklang, 2001)
The Song Company, Roland Peelman (Celestial, 1997)
Berliner Solisten, Cappella Sagittariana, Dietrich Knothe (Berlin Classics, 1991)
Tapiola Chamber Choir, Paul Hillier (Finlandia, 1991, nur Auszüge)
Knabenchor Hannover, Hilliard-Ensemble, London Baroque, Heinz Hennig (Virgin, 1984)