Heinz Rögner (1929-2001) - Der Anti-Star aus dem Osten?

Maurice inaktiv (16.03.2021, 19:39):
Ich möchte hier mal eine Lanze für den Dirigenten Heinz Rögner brechen. Er kommt, wie viele Dirigenten aus dem Ostteil unseres Landes, durch die lange Zeit hinter der Mauer, doch ein wenig zu kurz hier. Doch wenn ich die Aussagen unter den Werken dann so lese, wird er hier sehr geschätzt.

Rögner wurde am 16.01.1929 in Leipzig geboren, dort verstarb er auch am 10.12.2001.

Er wurde vor allem durch seine lange Zeit als Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Berlin bekannt, das er von 1973-1993 leitete. Sein Wissen gab er an der Hochschule für Musik "Hans Eisler" als Lehrer für Dirigieren weiter. Dort wurde ihm auch der Professorentitel verliehen. Auch in Japan feierte er von 1980 bis 1995 große Erfolge. So wurde er Ehrendirigent des Yomiuri-Nippon-Sinfonie-Orchesters.

Seine Vorliebe galt vor allem der Spätromantik : Bruckner, Mahler, Reger.

Wer mehr über ihn erfahren möchte, kann sich gerne dorthin wenden:

de.wikipedia.org/wiki/Heinz_R%C3%B6gner

Ich habe inzwischen einige seiner Bruckner-Einspielungen schätzen gelernt.



Ich selbst besitze die Bruckner-Sinfonien Nr.4 ,5 und 7 , dazu die Messen. Das ist sicher nicht viel, aber in diesen Aufnahmen sind mir sein logischer Aufbau und ein sehr gut ausbalanciertes Orchester ausgefallen, was durch hohe Spielkultur glänzen kann. Man merkt, dass Dirigent und Orchester lange und intensiv miteinander durch die Jahre gegangen sind. Mir kommt er ein wenig wie der noch etwas jüngere Günter Wand vor: Sehr gewissenhaft die Partitur umsetzend, dabei aber den Emotionen nicht zu großen Raum zu geben. Doch so gut kenne ich ihn nicht, es ist nur mein persönlicher Eindruck nach den Bruckner-Sinfonien.

Nun hoffe ich, dass sich der ein oder andere User sich darüber freut, dass Heinz Rögner einen eigenen Thread erhalten hat.

Natürlich möchte ich auch auf die Dirigenten Herbert Kegel (Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig, Dresdner Philharmoniker), Günter Herbig (Berliner Sinfonie-Orchester, Dresdner Philharmoniker, dann in den USA), Heinz Bongartz (Dresdner Phlharmoniker; er ging den Weg von West nach Ost), Peter Gülke (Potsdam, Stralsund, Staatsoper Dresden, Staatskapelle Weimar und Theater Weimar, dann 10 Jahre in Wuppertal, später 5 Jahre in Brandenburg tätig), Claus-Peter Flor (Thüringer Philharmonie Suhl, Berliner Sinfonie-Orchester; später Philharmonia London, Tonhalleorchester Zürich, Malaysian Philharmonic Orchestra) erinnern. Kurt Masur ist ja allgemein bekannt, Otmar Suitner war Österreicher, und an ihm scheiden sich hier die Geister. Auch Kurt Sanderling ist hinreichend bekannt, daher hier zumindest die Erwähnung seines Namens. Er gehört sicher zu den ganz Großen seiner Zunft.
Amadé (17.03.2021, 10:18):
Hallo Maurice,

danke für den Hinweis auf diesen bemerkenswerten Künstler, der im Westen kaum bekannt war und ist. Rögner gehörte damals zur Dirigenten-Elite der DDR und musste sich mit anderen Größen wie Kegel, Masur, G. Herbig, Gülke, Hauschild beim Platten-Label Eterna das Repertoire teilen, für jeden fiel etwas ab. Sein Arbeits-Ratius war auf Ostdeutschland und befreundete sozialistische Länder beschränkt. Reisen in den Westen waren fast nur wenigen Top-Künstlern möglich, wie z. B. P. Schreier, Theo Adam, Ludwig Güttler oder Peter Damm. Für Rögner und sein Berliner Rundfunk-Sinfonie-Orchester öffnete sich für kurze der Eiserne Vorhang im Herbst 1977 mit einem Gastspiel in mehreren westdeutschen Städten. Immer mit von der Partie treusorgende Begleiter der Firma. So konnte ich Rögner und seine Musiker im Dezember in Marburg erleben. Auf dem Programm standen Beethovens 2., Ravels G-Dur-Klavierkonzert sowie die 1. von Sibelius, Solist im Klavierkonzert war Siegfried Stöckigt, einer der Pianisten, denen leider nur eine DDR-Karriere gegönnt war. Das war insgesamt eine solide Sache, wie ich es noch in Erinnerung habe. Eine weitere Begegnung mit Rögner fand leider nur im Radio statt. Bei uns konnte man den Deutschlandsender empfangen, der zwei Konzerte mit allen 5 Beethoven-Konzerten mit Wilhelm Kempff an zwei Abenden direkt übertrug, da leitete Rögner die Staatskapelle Berlin. Ein genaues Datum habe ich nicht mehr in Erinnerung, es wird zwischen 1963 und 1968 gewesen sein. Ob bei dieser Gelegenheit der Pianist auch seiner alten Heimat Potsdam einen Besuch abstatten durfte, ist nicht bekannt.

In meiner CD-Sammlung ist Rögner nur mit wenigen Stücken vertreten, die von Dir oben schon aufgelistet wurden.

Gruß Amadé
Maurice inaktiv (17.03.2021, 10:32):
Hallo Maurice,

danke für den Hinweis auf diesen bemerkenswerten Künstler, der im Westen kaum bekannt war und ist.
Gerne doch.


Rögner gehörte damals zur Dirigenten-Elite der DDR und musste sich mit anderen Größen wie Kegel, Masur, G. Herbig, Gülke, Hauschild beim Platten-Label Eterna das Repertoire teilen, für jeden fiel etwas ab.
Ja, eben ganz nach dem alten DDR-Leitfaden, das gemeinsam etwas geschaffen werden sollte. Doch Masur konnte wenigstens GA diverser Sinfonien vorlegen, und Konwitschny durfte das bei Schumann auch. Suitner gelang das mit den Brahms-und Dvorak-Sinfonien auch, aber der war Österreicher gewesen.


Sein Arbeits-Ratius war auf Ostdeutschland und befreundete sozialistische Länder beschränkt.
Und später immerhin auch Japan.

Immerhin gibt es einige Einspielungen, die sich bestimmt auch lohnen. Bei Bruckner habe ich diese Erfahrung bereits gemacht, mal schauen, was sich mit der Zeit günstig noch erwerben lässt.
Leonardo (17.03.2021, 21:03):
Rögners Aufnahme der Siebten Bruckner ist in jeder Hinsicht herausragend.
Eine sehr moderne, zügige, klare und hellsichtige Aufnahme dieses Werks.

Sehr interessant ist auch diese zwölf-CD-Box, die unter anderem Janacek, Bizet, Ravel, Reger, Wolf-Ferrari und Tchaikovsky beinhaltet:




Vor allem auch seine Dritte Mahler ist ein Geheimtip:
palestrina (18.03.2021, 09:43):
Vor allem auch seine Dritte Mahler ist ein Geheimtip:
Die dritte Mahler mit Rögner ist aber schon lange nicht mehr geheim! ;)

LG palestrina
Leonardo (18.03.2021, 13:55):
Was heisst denn schon "nicht mehr geheim"?

Ich habe geschrieben, dass sie ein Geheimtip ist. Das bedeutet, dass diese Aufnahme in der Regel nicht unter den gängigen Empfehlungen für die Dritte Mahler ist, d.h. man muss gesondert auf sie hinweisen, was ich ich hiermit getan habe.
palestrina (19.03.2021, 10:05):
Was heisst denn schon "nicht mehr geheim"?

Ich habe geschrieben, dass sie ein Geheimtip ist. Das bedeutet, dass diese Aufnahme in der Regel nicht unter den gängigen Empfehlungen für die Dritte Mahler ist, d.h. man muss gesondert auf sie hinweisen, was ich ich hiermit getan habe.
Wnn man sich so in der Forenwelt umschaut, ist sie eben kein Geheimtip mehr!
Maurice inaktiv (19.03.2021, 10:50):
Es ist am Ende auch völlig egal, ob es ein "Geheimtipp" ist oder nicht. Die Einspielung scheint also durch Nennung in diversen Foren zumindest nicht unbekannt zu sein, dazu als "Sehr gut" dort auch positiv besprochen worden zu sein. Der Rest ist Erbsenzählerei und hilft keinem weiter.
Leonardo (19.03.2021, 11:31):
Es ist mir mittlerweile auch völlig egal. Von mir aus kann sie auch superbekannt sein (was sie aber nicht ist).

Das Entscheidende ist, dass sie gehört wird.

L.
Philidor (19.03.2021, 15:38):
Es ist schon schwierig.

Etwas im Internet zu veröffentlichen und dann danebenzuschreiben, es wäre ein Geheimtipp, finde ich offen gesagt durchaus widersprüchlich ... ;) ... die Behauptung führt sich ja gerade selbst ad absurdum.

"Dark horse" hat sich auf englischen Seiten ein wenig für "weniger prominente Aufnahmen mit überraschenden Qualitäten" eingebürgert. Bei verdeckten Weinproben spricht man von "Piraten", allerdings mit anderer Schattierung - ein Wein, der preislich ein gutes Stück unterhalb von den anderen Weinen liegt, aber qualitativ (fast) auf Augenhöhe mit den anderen ist.

"Unterschätzt" ist sicher eine der meistbenutzten Vokabeln in Klassikforen. Auch nicht glücklich imho. Ich meine, um das Wort legitim zu verwenden, müsste man schon dazuschreiben, von wem Werk oder Aufnahme unterschätzt sind und woran man das festmacht.

Ganz schön schwierig, so ein Werk bzw. so eine Aufnahme bzgl. des fraglichen Aspektes, des reziproken Zusammenhangs von Prominenz und Qualität, griffig zu beschreiben.
Das Entscheidende ist, dass sie gehört wird.
Das ist das Wichtigste! :beer

Viele Grüße
Philidor

:hello
Leonardo (19.03.2021, 19:24):
Ich habe hier keine Lust auf sprachpolizeiliche Auseinandersetzungen.

Ich werde mich hier und andernorts auch weiterhin so ausdrücken, wie ich es für richtig und angemessen halte.

Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

L.
Philidor (19.03.2021, 19:26):
Oh, Entschuldigung ... ich wollte Dir bestimmt nicht auf die Füße treten.

Stehe ja selbst vor dem Problem, wie man so einen Fund bezeichnen könnte.

Gruß
Philidor

:hello
Sfantu (19.03.2021, 23:17):
Sprachpolizeiliche Umtriebe kann ich in Philidors Beitrag jetzt nicht ausmachen.

Sich über das, was wir so an Begriffen tagtäglich im Munde führen, Gedanken zu machen - kann das falsch sein?
Im Falle des "Geheimtipps" war ich bis jetzt ebenfalls recht sorglos. Mir leuchtet nun aber die Absurdität dieses Ausdrucks ein. Das "dark horse" der Anglophonen erscheint mir mit genug Treffsicherheit & Charme ausgestattet, daß ich es mir spontan anverwenden werde, als "schwarzes Ross". Dunkel wäre treffender als schwarz, hätte im Deutschen aber weniger Pepp. Sprache ist lebendig & befindet sich in ständigem Wandel. Es ist völlig in Ordnung, auch weiterhin von Geheimtipps zu sprechen. So, wie es völlig in Ordnung ist, sich für Neues zu entscheiden. Sprachen sind voll von Absurditäten, Widersprüchen & oftmals jede Logik auf den Kopf stellend. Zur gleichen Zeit können aber genau diese Ungereimtheiten auch ihren ureigenen Reiz haben. Drum plädiere ich für die Gleichberechtigung von Geheimtipps & schwarzen Rössern.
& für ein gerüttelt Maß Gelassenheit.
Maurice inaktiv (19.03.2021, 23:37):
Sprachpolizeiliche Umtriebe kann ich in Philidors Beitrag jetzt nicht ausmachen.
Das war ja klar gewesen. Und genau DAS war es aber gewesen. Nicht mehr und nicht weniger.

Das Wort "Geheimtipp" ist eben ein Wort, was man gerne dafür verwendet hat. Das wird heute auch noch so verwendet, aber jeder, der im Netz - und dann auch noch in Foren wie diesem unterwegs ist - wird natürlich darauf aufmerksam werden, und damit wurde aus einem "Geheimtipp" ein Hinweis auf eine ebenfalls gemachte Einspielung, die vielleicht nicht den großen Bekanntheitsgrad oder Stellenwert hat, wie Vergleichseinspielungen mit anderen Künstlern.

Warum man das dann mit Spitzfindigkeiten a la Philidor auf seine typische Art und Weise kundtun muss, muss ich nicht verstehen. Besserwisserei? Wortspielerei? Bewusstes Provozieren eines Users, der die Art von Philidor nicht kennt (eventuell)? Nur, weil jemand ein völlig umgängliches Wort verwendet hat, was wohl jeder in ähnlicher Form auch in diversen Foren oder sonstigen Gesprächen bereits getan hat? Keine Ahnung. Am Ende wird ein User damit vergrault, weil er wegen so einer Lappalie angemacht wurde, die nicht nötig war. Sorry, aber ich lasse das so nicht stehen, sonst fühlt sich Leonardo hier nicht willkommen, was aber überhaupt nicht der Fall ist.
Andréjo (20.03.2021, 01:00):
Vielleicht muss man nicht mit der Sprachpolizei hantieren, aber so ganz unproblematisch finde ich es halt auch nicht, wenn hier von zwei Seiten absolute Lappalien mit einem merkwürdigen Unterton durchdiskutiert werden, statt bei der Sache zu bleiben. Ich kann sehr gut verstehen, wenn Leonardo sich ärgert, und hätte ganz genauso reagiert wie er.

Jeder von uns hat seine Eigenarten im Sprachlichen, Internet-Kommunikation ist diffizil genug, voller Ambiguitäten und fehlender Paralinguistik, und wir sind hier auch nicht in einem quasi normierten Pressewesen. Und auch nicht in der Sprachwissenschaft - das habe ich selber betrieben und kann mich mittlerweile beherrschen.

Nichts für ungut!

Wolfgang
Leonardo (20.03.2021, 01:13):
Ja, genau, absolute Lappalien bzw. Lächerlichkeiten werden mit einem seltsamen Unterton durchdiskutiert. Was soll das? Wie kann man sich nur mit so etwas aufhalten und es hier aufblasen zu einer Hauptsache? Nicht zu fassen.

Davon abgesehen habe ich mich in meinem Beitrag ausschliesslich mit Heinz Rögner und dessen Aufnahmen beschäftigt. Ich bin hier an der Sache interessiert und sonst an gar nichts.

Leonardo
Nicolas_Aine (20.03.2021, 10:36):


Jeder von uns hat seine Eigenarten im Sprachlichen, Internet-Kommunikation ist diffizil genug, voller Ambiguitäten und fehlender Paralinguistik, und wir sind hier auch nicht in einem quasi normierten Pressewesen. Und auch nicht in der Sprachwissenschaft - das habe ich selber betrieben und kann mich mittlerweile beherrschen.

Nichts für ungut!

Wolfgang
Wolfgang trifft es auf den Punkt.
Außderdem ist hier der Thread über Heinz Rögner, nicht über die Definition von Geheimtipp. Falls ihr das diskutieren wollt, gerne, dafür gibts auch entsprechende Unterforen, aber bitte bleibt höflich!
Sfantu (20.03.2021, 17:44):

mit dem Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin
(LP, Eterna/VEB Deutsche Schallplatten, 1977)

S. 1
Paul Dukas - L'apprenti sorcier 11'40
Darius Milhaud - La création du monde 17'45

S. 2
George Enescu - Rapsodia română Nr. 1 A-dur op. 11
Camille Saint-Saëns - Danse macabre op. 40 7'25
Manuel de Falla - Danza ritual del fuego aus "El amor brujo" 3'40

Diese Platte drehte sich bei mir zuletzt am 10. Mai 2018. Sie durfte also endlich mal wieder aus ihrem Wandsarg aufsteigen. Die Rapsodia română kommt alles in allem recht behäbig daher, der musikalische Fluß tritt bisweilen beinahe auf der Stelle.
Schade: die Klezmer-artigen Einwürfe der Trompeten werden kaum hörbar. Erfreulich: ich höre hier erstmals, daß der Abschnitt, in dem die Geigen ganz leise aber unter Hochspannung ihre 15 Halbtonschritte abwärts gleiten, zur gleichen Zeit die Celli dies in Gegenbewegung aufwärts tun - raffiniert! Also: der Verlust der einen, der Zugewinn einer anderen Klangfarbe. Richtig mitreissen kann mich diese Interpretation allerdings nicht.

Die Danse macabre gerät solide - am Ende aber mehr exekutiert denn ispiriert.

Aufhorchen läßt dann aber der Feuertanz. Urgewalt, Unerbittlichkeit, Stringenz - das tönt so brutal wie elektrisierend!

Der Zauberlehrling schwingt sich wenig mystisch ein: schnell werden Motive durchphrasiert - ich vermisse an dieser Stelle ein wenig das Parfum des Gruselns. Staunen macht mich Rögners Strenge im Durchhalten des langsamen Grundttempos > vgl. bspw. Levine mit den Berlinern! Das entfaltet mit der Zeit aber eine grandiose Wirkung. Noch dazu erhalten die Flöten so die Chance, ihre teils mörderisch schnellen Figuren auch zu bewältigen ohne etwas unter den Tisch fallen lassen zu müssen.

Als Bijou auf dieser Platte entpuppt sich schließlich der Milhaud: hier wird extrem viel einfach richtig gemacht. Die Wechsel von verhaltenen, seltsam bedrückten Stimmungen zu rhythmischen & das Dasein feiernden Passagen werden so souverän & selbstverständlich, dabei immer detail-& klangverliebt gestaltet, daß es große Freude macht.
Meine erste Wahl für die "Création".

Am Rande bemerkt: kurios, daß es im Osten wie im Westen Berlins eine Christuskirche ist, die aufgrund ihrer ausgezeichneten Raumakustik häufig als Aufnahmeort gewählt wurde & wird. Hier die in Oberschöneweide, dort die in Dahlem.
Sfantu (28.03.2021, 18:37):

Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 4 Es-dur (Fassung 1878/80)
Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin
(LP, Eterna/VEB Deutsche Schallplatten, 1984)

S. 1
Bewegt. Nicht zu schnell 15'15
Andante. Andante quasi Allegretto 13'35

S. 2
Scherzo. Bewegt 10'55
Finale. Bewegt, doch nicht zu schnell 18 25

Amadé charakterisiert diese Einspielung im Klassik-Prisma mit "alles ziemlich schnell, keine Geheimnisse, alles viel zu direkt – guter Klang" vergibt die Note 3 (von 5 als Bestbewertung bis 1 als schlechtest möglichen Rang).

Dieses Ranking schaute ich mir wohlweislich erst nach dem Hören der Aufnahme an. Es bestätigt im Großen & Ganzen aber meinen eigenen Gesamteindruck. Allein die Tempo-Relationen finde ich recht natürlich, weshalb ich das "ziemlich schnell" so nicht unterschreiben möchte. Was mir gut gefällt, sind die dynamischen Abstufungen im Scherzo sowie die knackig herausgespielte Pauken-Stimme im Scherzo & im Schlußsatz. Auf der Minus-Seite schlägt ein gewisses Manko an Dramaturgie, an Zug nach vorn zu Buche. Karajan '75 auf DG ist in dieser Hinsicht nur schwer zu toppen - allein diese pure Energie-Entladung im Jagdscherzo ist atemberaubend. Dort mag es etwas an Detailarbeit mangeln - die Habenseite wiegt indes weitaus schwerer. Dagegen hat Rögner nunmal keinen leichten Stand. & ja - Hand aufs Herz: sieben Aufnahmen der Vierten brauche ich am Ende nicht.
Die Klangqualität ist gut. Anders als bei Masur mit dem Gewandhaus, etwa auch aus jenen Jahren, werden die großen Steigerungen hier erfreulicherweise nicht gedeckelt.
Cetay (inaktiv) (06.04.2021, 08:18):
Bruckners Fünfte ist gesetzt und dann kenne ich noch die Einspielung der von Felix Weingartner nach der Partiturskizze ausgeführten E-Dur Sinfonie D729 von Franz Schubert. Ernsthaftigkeit und natürliche Gewichtigkeit sind die Attribute, die mir in beiden Fällen zuerst in den Sinn kommen.
Nun habe ich mir die Vierte von Bruckner gleich zweimal hintereinander angehört - ein untrügliches Zeichen, dass sie mir sehr gut gefallen hat. Ich stimme mit den Beobachtungen von Amade und Sfantu überein, aber nicht immer mit den Bewertungen.
Bewegt, doch nicht zu schnell lautet die Temopangabe zum ersten Satz. Wo ist die Grenze, ab der es zu schnell wird? Bezugspunkt ist als einzige klassische Tempoangabe das Andante quasi Allegretto. Das heisst, der langsame Satz ist von Haus aus relativ zügig. Daher müssen die bewegten Ecksätze im Verhältnis ziemlich schnell gespielt werden. Die Relation macht es und sich stimme Sfantu zu: es passt.
Keine Geheimnisse? Ein Antonym zu Geheimnis ist Offenbarung, aber das war wohl nicht gemeint. Vielleicht Transparenz/Sichtbarkeit, also das Fehlen des berüchtigten mystischen Nebels?
Viel zu direkt? Durch die Direktheit wird neben dem Nebel auch der typische Brucknersound, den man sonst schon nach zehn Sekunden erkennt, vermieden. Brucker ist hier kein Monolith, sondern reiht sich ein in die Beethoven-Schubert-Linie. (Venzago hat diesen Ansatz viele Jahre später sehr überzeugend vertreten - allerdings ohne Rögners Ernsthaftigkeit). Das allein ist mir mehr Wert als ein "befriedigend".
Sfantu (09.04.2021, 20:46):
Hanns Eisler wurde von Heinz Rögner ebenfalls mit Plattenaufnahmen bedacht.
& wie könnte es auch anders sein? Galten doch insbesondere Eisler & Dessau im Schulterschluß mit Bert Brecht in der DDR als Symbole für den Neubeginn nach dem Kriege, ja als Triumvirat der Künste im Sinne der sozialistischen Sache. Bei Eisler sehen wir allerdings auch ein grundsätzliches Problem des Widerspruchs, der Unvereinbarkeit: er selbst stellte sein Schaffen ab Mitte der 20er Jahre explizit in den Dienst des Klassenkampfes, der Mobilisierung des Proletariats. Seine individuelle Klasse, seine künstlerische Potenz war allerdings weit über das Schreiben massentauglicher Musik erhaben. Ihm fehlte das Talent zur vox populi. Dennoch diente er sich mit Überzeugung & all seiner Energie eben diesem Ideal an - auch, wenn es seiner Persönlichkeit nicht vollends entsprach.
Csampai / Holland schreiben über das Paradoxon, Eisler im Konzertsaal aufzuführen. Zu sehr seien seine Kompositionen Gebrauchsmusik mit ganz unverhohlener politischer Aussage, auch speisen sich die meisten seiner Instrumentalwerke aus seinen zahlreichen Filmmusiken.

Ich finde - mit dem mittlerweile gehörigen zeitgeschichtlichen Abstand könnten wir dieser Musik auch im Konzertsaal / auf der Konserve neue Chancen einräumen. Die musikalische Substanz rechtfertigte das allemal.
Sfantu (09.04.2021, 21:33):

Hanns Eisler

Suite Nr. 2 op. 24 "Niemandsland"
Suite Nr. 3 op. 26 "Kuhle Wampe"
Suite Nr. 4 op. 30 "Die Jugend hat das Wort"
Kleine Sinfonie op. 29 (nicht auf dieser CD enthalten sondern auf "Orchesterwerke II" aus derselben Serie (Abb. nicht gefunden))
Thema mit 23 Variationen 5'10
Allegro assai 1'58
Invention 1'40
Allegro 2'28

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin - Heinz Rögner
(CDs, Berlin Classics, 1996 (ursprünglich VEB Deutsche Schallplatten, 1972-73))

Ich habe sie parallel auch in der Originalausgabe auf Platte - dort mit allen erwähnten Werken zusammen:



Die Musik illustriert die Gartenlauben & Hinterhöfe, Fabrikhallen & Arbeiter-Proteste. Der Schlußsatz aus "Kuhle Wampe" enthält den bekannten "Solidaritätsmarsch" ("Vorwärts! Und nicht vergessen..."). Mehrheitlich ist der Instrumentalsatz kammermusikalisch - Klavier, Saxophon & Schlagzeug treten wiederholt prominent hervor.

Einzig zur Kleinen Sinfonie op. 29 habe ich eine Vergleichseinspielung. & die kontrastiert Rögner ganz gehörig: Die Magdeburger Philharmonie agiert kühler, perfekter als Rögners Berliner Radio-Sinfonie-Orchester, 20 Jahre zuvor. Beides hat seinen Reiz & seine Berechtigung. Als komplementäres Paar ergänzen sie sich ideal.
Rögner bringt mehr Atmosphäre, mehr Leben hinein, auch ist der Klang weiter, natürlicher. Das ist bemerkenswert bei dieser betont nüchternen Musik. Eisler selbst bezeichnete sie als "Parodie auf eine Sinfonie, geschrieben unter dem Leitgedanken: Die Sinfonie ist tot".
Auch dieses Werk nährt sich teils aus Filmusiken - so diente der 2. Satz zuvor als Ouvertüre zu "Kamerad Kaspar". Kopf-& Finalsatz sind Zwölftönig (ohne, daß mein Ohr das wahrnehmen könnte), der 3. Satz malt mit bösem Spott diese Szene: die Streicher wiegen sich in gefühlvollen Melodien. Trompete & Posaune, beide mit Wau Wau-Dämpfer, äffen parodierend nach - eine köstliche Demontage!



Hanns Eisler

Kleine Sinfonie op. 29
Thema mit 23 Variationen 4'39
Allegro assai 1'57
Invention 1'59
Allegro 2'18

Magdeburgische Philharmonie - Mathias Hausmann
(CD, cpo, 1993)
Maurice inaktiv (09.04.2021, 22:32):
Trompete & Posaune, beide mit Wau Wau-Dämpfer, äffen parodierend nach
Bitte nicht böse sein, aber Hunde-Dämpfer gibts nicht. Ich weiß natürlich, welche Dämpfer Du meinst, aber die Dinger heißen "Plunger" oder auch im Deutschen noch "Wah-Wah"-Dämpfer. Der Dämpfer wurde tatsächlich in den 1920-er Jahren aus dem Gummi-Pümpel her genommen, bzw. es gibt sie auch in Holz (heute nicht mehr), Fiberglas oder- in der Billig-Ausführung - auch in Plastik.

In Wikipedia wird zwar von Buddy Bolden geschrieben, der ihn angeblich als Gag zuerst benutzt haben will (was durchaus stimmen kann, aber nicht muss). Da Bolden sehr früh in geistiger Umnachtung in die Irrenanstalt kam, und es keine Aufnahmen von ihm gibt, ist diese Herleitung aber nicht wirklich zu beweisen mehr.

Wer allgemein als derjenige auserkoren wurde, an dem sich ALLE Musiker zuerst orientierten, war die Legende Joe "King" Oliver in den 1920-er Jahren gewesen. Seine Soli geben davon auch hörbare Beispiele ab. Sein wichtigster "Azubi" soll für ewig Louis Armstrong bleiben, aber was die Dämpfertechnik angeht, war es der kurze Zeit später bei Duke Ellington damit Furore machende James "Bubber" Miley, dazu der Posaunist Joe "Tricky Sam" Nanton. Allerdings haben beide Musiker zu dem Plunger auch noch einen kleinen Spitzdämpfer (Straight) in den Trichter gesteckt zusätzlich, oder zumindest oftmals.
*Erklärungsmodus aus*
Sfantu (09.04.2021, 23:05):
Danke - man lebt & lernt...also nicht Wau Wau sondern Wah Wah.
Im Booklet wurden sie als Wau Wau-Dämpfer bezeichnet. Darum (& eben, weil's gespielt auch danach klingt) hatte ich's ganz naiv so übernommen.
Maurice inaktiv (10.04.2021, 11:34):
Im Booklet wurden sie als Wau Wau-Dämpfer bezeichnet. Darum (& eben, weil's gespielt auch danach klingt) hatte ich's ganz naiv so übernommen.
Ah,Ok. Vielleiht eine ostdeutsche Bezeichnung dafür, das wäre möglich. Der Sound soll die menschliche Stimme nachmachen - angeblich zumindest. Es klingt, wenn man es gut macht, auch wie eine Art Sprechgesang, und das war der beabsichtigt gewesen.

Viele viele Jahre war der Jazztrompeter Cootie Williams, der zwei lange Perioden bei Duke Ellington spielte und den vorher erwähnten Bubber Miley ersetzt hatte, DER Spezialist mit diesem Dämpfer. Seine Sounds sind quasi Jazz-Geschichte geworden. Sein Kollege zeitweise war Rex Stewart gewesen, der diesen Sound auf seine Art ebenfalls exzellent beherrschte. Alle Trompeter, die bis etwa 1950 neu zu Ellington in die Band kamen, mussten diese Spieltechnik beherrschen, dazu mindestens ein Posaunist ebenso (nach Nanton waren das Tyree Glenn, Quentin Jackson, Booty Wood, der Allrounder Lawrence Brown und zum Schluss Art Baron). Glenn war auch der letzte Posaunist der Armstrong All Stars gewesen.
Sfantu (28.11.2023, 21:57):


Franz Schubert

Sinfonie C-dur D 944

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin
(LP, VEB Deutsche Schallplatten, 1978)

Andante - Allegro ma non troppo 14'50
Andante con moto 16'50
Scherzo. Allegro vivace 12'50
Finale. Allegro vivace 12'00

Der auf dem Cover abgedruckte Hinweis, es handele sich um eine Coproduktion mit Nippon Columbia, ließ mich für einen Moment auf eine höhere Klangqualität hoffen als ich das von Eterna (im Durchschnitt) gewohnt bin. Was soll ich sagen - ja, man hat bisweilen solche Momente. Freilich verflog die Hoffnung im Nu, nachdem die Nadel ihren Landeanflug hinter sich hatte.
Und so ist es vor allem der Klang, der den Gesamteindruck dann eben spürbar dämpft.

Im Kopfsatz wird die Faustregel, der Hauptteil solle etwa doppelt so schnell wie die Einleitung genommen werden, befolgt. Im Großen und Ganzen wählt Rögner eine angemessene Tempodisposition. Ausnahme: Die Schlußtakte des ersten Satzes werden bedeutungsschwanger im Übermaß verlangsamt. Das wirkt unschön und seltsam aufgeblasen. Der wie erwähnt bescheidenen Aufnahmequalität ist es geschuldet, daß die Pauken kaum hörbar werden. Auch an den Stellen, an welchen Trompeten- und später Hornstimmen prominent hervortreten müßten, dringen sie leider kaum aus dem zu kompakten Gesamtklang hindurch. Selbst bei maximal hochgeregelten Höhen mangelt es an Durchhörbarkeit.

Der langsame Satz hat, wie ich finde, seine schwierigste Stelle gleich im ersten Takt: wenn die tiefen Streicher hier einsetzen, muß ihrem Spiel Gewicht und eine Prise Tragik innewohnen, damit der Eingang in dieses lyrische Drama gelingt. Hier aber wird recht indifferent gespielt - der erste Zauber verpufft augenblicklich. Wenn das Tutti vehement auf die zuerst von der Oboe gespielte melancholische Melodie im heftigen ff antwortet (das erste Mal in Takt 30), geschieht das hier mit sattem Portamento, wodurch jede Bedrohlichkeit sofort verfliegt - Schicksalsschläge mit dem Wattebausch, sozusagen. Der Satz bewegt sich ansonsten im gepflegten interpretatorischen Mittelstrom. Der großen Steigerung fehlt Wucht und Erschütterung.

Recht abgerundet bis erfreulich der dritte und dann vor allem der Finalsatz. Ideale Tempi, schön gesetzte Akzente, pulsierender Drive.

Ob ein Remastering später mehr (und Besseres) aus den Original-Bändern herausholen konnte als diese Erstausgabe auf LP?
Aber selbst wenn - da sind nunmal Dohnányi, Wand (WDR & NDR), Toscanini und Jochum, bei denen einfach mehr "passiert"