Italienische Barockoper - Affektenlehre

Keith M. C. (10.11.2016, 16:17):
Hallo,

dieser Beitrag stellt die Antwort auf eine Frage in einem anderen Thread dar.

Affektenlehre; das ist ein weites Feld. Ich möchte es in einem neuen Thread kurz skizzieren, damit der ursprüngliche Thread über die Arie „Voi che sapete“ von W. A. Mozart nicht zerfasert.

Die Affektenlehre basiert auf Texten der Antike. D i e einheitliche Affektenlehre gibt es nicht, auch wenn es Autoren gab, die versuchten eine Art Systematik zu schaffen und die Grundtypen weitgehend identisch sind. Bzgl. der Affektenlehre sind besonders Mattheson, Pätorius und Kircher zu nennen, so dass diese Lehre auch im deutschsprachigen Raum im Zentrum stand, jedoch nicht für den Bereich Oper. Mit dem Aufkommen der Oper in Italien orientierte man sich an den antiken Texten (siehe Renaissance; vgl. aber auch die Schriften von Giosefo Zarlino und (vs.) Vincenzo Galilei). Es entwickelte sich eine Gesangsästhetik, wobei die Darstellung der ‚Leidenschaften‘ im Fokus stand. Sprache und Gesang sollten in Rezitativ und Arie kunstvoll verbunden werden. Die Affektenlehre umfasst jedoch nicht nur die Verzierungen oder Stimmeinfärbungen (siehe anderen Thread), sondern bezieht sich auch auf die verwendeten Tonarten (z. B. B-Dur = prächtig, Es-Dur = ernst, pathetisch, a-Moll = klagend), Tempi, Klangstärken, Tonhöhen, Intervalle, Instrumentenwahl usw. Diese Parameter können den einzelnen Affekten zugeordnet sein.

Die Affekte nach Platon: Lust, Begierde, Leid, Furcht.

Die Affekte nach Aristoteles: Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Liebe, Hass, Sehnsucht, Eifersucht, Mitleid.

Die Affekte nach Descartes: Hass, Verlangen, Freude, Trauer, Liebe, Verwunderung.

Schon Aristoteles differenziert nach den beiden Hauptgruppen „Lust und Leid“. Im Barock teilte man z. B. in (vgl. Krähe, a. a. O. ) :

1. Affecti jucundi = angenehme Leidenschaften:
- Amor = Liebe
- Spes = Hoffnung
- Gloria = Ruhm
- Acquiescentia = Glück, Beruhigung
- Fidutia = Zuversicht
- Animositas = Beherztheit
- Hilaritas = Fröhlichkeit
- Odium = Hass
- Ira = Zorn, Rache
- Irrisio = Hohn, Schadenfreude
- Risus = Freude am Lächerlichen

2. Affecti molesti = unangenehme Leidenschaften:
- Tristitia = Traurigkeit
- Desperatio = Verzweiflung
- Ira = Zorn
- Metus = Furcht
- Poenitentia = Reue
- Commiseratio = Mitleid
- Desiderium = Sehnsucht
- Gelosia = Eifersucht
- Invidia = Neid
- Fastidium = Überdruss
- Pulsillanimitas = Kleinmütigkeit
- Pudor = Scham

Der Kompositionstext war die Grundlage, um einen Affekt zu identifizieren, ihn vom Sänger mittels Erweiterungen z. B. durch Verzierungen vorzutragen und vom verständigen Publikum zu erfassen. Der Sänger war somit am schöpferischen Prozess beteiligt. Es entwickelte sich eine stilisierte Kunstsprache, eine Symbolsprache, die sehr wenig mit dem natürlichen Wagnergesang oder dem Verismus zu tun hat. Die Komponisten der italienischen Barockoper wollten nicht ihre Gefühlswelt zeigen, sondern bestimmte Gefühle beim Publikum auslösen; Wirkungen erzielen. Realismus, Normalität, das Gewöhnliche, das Alltägliche sind der italienischen Barockoper fremd. Die Darstellung der Leidenschaften wurde übersteigert dargestellt, jedoch nicht in der Art gemeinter realistisch-naturalistischer Übersteigerung, wie wir es im Verismo vorfinden. Der Monodie wurde auch darum der Verzug gegeben, um die Leidenschaften/Affekte klar erscheinen zu lassen und sich nicht vermischen.
Diese barocke Expression betrifft ebenfalls die Körperhaltungen, die stereotyp und statuarisch anmuteten.

„Auf diesem Gebiet war nämlich mit der Zeit ein ganzes Arsenal an Phrasierungsvorschriften, dynamischen und rhythmischen Mustern, Nuancen der Stimmgebung und Koloraturfloskeln entstanden, die nach allgemeinem Konsens entweder zur musikalischen Darstellung der verschiedenen Gefühle , oder zur Illustration der vielen im Libretto vorkommenden Metaphern aus dem Naturbereich verwendet wurden. Diese Ausdrucksmittel bildeten zusammen etwas wie eine eigene Sprache, die man, wie jede Sprache, erst lernen musste, bevor man sie sprechen oder verstehen konnte.“ (Berne, a. a. O., S. 25).

Berne zeigt folgende Beispiele auf (Berne, a. a. O., S. 26*):

- Monteverdi: absteigende Skala als musikalische Formel für den Blitz

- Händel: die innere Erregung des Sängers wird durch die Metapher des Sturm gekennzeichnet und durch große Sprünge und heftig auf- und abwallende Achtelfiguren ausgedrückt, um die Tiefe des Meeres, das schaukelnde Boot und die verwirrte, aufgewühlte Seele des Sängers darzustellen

Celletti zeigt folgendes Beispiel auf (Celletti, a. a. O.):
- Ottones „Apri il balcone, Poppea“: Wehmut und Melancholie in bestimmten Phrasen (z. B. „Sogni portate a vola“) durch die bes. Koloraturen (S. 40)

Weitere Beispiele:
- aufsteigende Quinte = traurig, absteigende Quinte = fröhlich, hingegen aufsteigende Quarte = fröhlich (V. Galilei)

... (s. u.)

Berne fährt fort: „Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich dann in der Folgezeit eine musikalische Sprache von großer Mannigfaltigkeit, die imstande war, mit ihren künstlichen Mittel alles mitzuteilen, was die handelnden Personen einer Oper empfinden konnten. Diese Sprache war nicht statisch; neben festgelegten, allgemein gebräuchlichen Formeln bestand ein weiter Spielraum für die individuelle Erfindungsgabe. Aber man musste, neben den grammatikalischen Regeln der Sprache, auch deren Grundvokabular beherrschen, um sich als Dichter schöpferisch in ihr betätigen zu können.“ (Berne, a. a. O., S. 26).

Als das Barockzeitalter seinen Höhepunkt hinter sich hatte, blieben viele Sänger ihrer Ausbildung im Stile des Belcanto mehr oder minder verpflichtet, die Affektenlehren des Barock waren jedoch Vergangenheit, aber bestimmte „Affekte“ und ihre Gefühlsassoziationen hatten ihren Fortbestand (z. B. Tonartencharakter).

Wer besondere Passagen in der italienischen Barockoper findet, die die Leidenschaften „Liebe, Zorn, Trauer usw.“ musikalisch versinnbildlichen, sollte die hier bitte aufzeigen, so dass sich ggfs. ein kleiner Katalog für Affektbeispiele zusammenträgt. Also, es geht nicht allein darum, wo „traurig“ gesungen wird, sondern mit welchen Mitteln (z. B. Verzierungsart) dieses in der italienischen Barockoper vermittelt wird.

Bis dann.

*Ansonsten bezieht sich Berne jedoch hauptsächlich auf die Opern Rossinis, Donizettis, Bellinis und Verdis und zeigt zahlreiche Analysen und Beispiele der Aufführungspraxis für Verzierungen i. w. S. anhand von Beispielen.
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Quellen:
Berne, Peter, Belcanto – Historische Aufführungspraxis in der italienischen Oper von Rossini bis Verdi, Neustadt/Weinstraße 2008.
Celletti, Rodolfo, Geschichte des Belcanto, Kassel 1989.
Mattheson, Johann, Der vollkommene Capellmeister, Hamburg 1739, Wiederveröffentlichung Kassel 1991.
Reinders, Ank, Atlas der Gesangskunst, Kassel 1997.
Internet: Wikipedia: Stichwort: Affektenlehre.
Internet: Krähe, Martin, Europäische Musikgeschichte/Memo 12: Grundlagen des Musikdenkens im Barock (1600-1750).
Hosenrolle1 (11.11.2016, 19:55):
Der Kompositionstext war die Grundlage, um einen Affekt zu identifizieren, ihn vom Sänger mittels Erweiterungen z. B. durch Verzierungen vorzutragen und vom verständigen Publikum zu erfassen. Der Sänger war somit am schöpferischen Prozess beteiligt. Es entwickelte sich eine stilisierte Kunstsprache, eine Symbolsprache, die sehr wenig mit dem natürlichen Wagnergesang oder dem Verismus zu tun hat. Die Komponisten der italienischen Barockoper wollten nicht ihre Gefühlswelt zeigen, sondern bestimmte Gefühle beim Publikum auslösen; Wirkungen erzielen. Realismus, Normalität, das Gewöhnliche, das Alltägliche sind der italienischen Barockoper fremd. Die Darstellung der Leidenschaften wurde übersteigert dargestellt, jedoch nicht in der Art gemeinter realistisch-naturalistischer Übersteigerung, wie wir es im Verismo vorfinden.
Ich hoffe, dass meine Antwort nicht zu sehr OT ist.

Den diesbezüglichen Vergleich zwischen Barock- und späteren Opern finde ich sehr interessant! Was ich mich dabei frage: wollten spätere Komponisten keine Gefühle mehr im Zuhörer erzeugen?
Und: könnte man sagen, dass barocke Komponisten mehr darauf geachtet haben, was das Publikum fühlen soll, und die Figuren quasi als Mittel zum Zweck verwendet haben. Oder war das Auskomponieren der Gefühlswelt der Figuren auch damals schon so wichtig wie zu Wagners Zeiten?



LG,
Hosenrolle1
Keith M. C. (12.11.2016, 11:51):
Lieber Hosenrolle1,

die Bipolarität Expression und Wirkung gehört natürlich zusammen. Ich vermute auch, dass nicht nur der Barock, sondern auch die Wiener Klassik, die Romantik und der Verismo Wirkung erzielen wollten. Aber wenn man eventuell nicht bereit sein sollte, dem italienischen Barock (= Belcanto) eine besondere, eine starke Betonung der Wirkung auf die Gefühle zuzuordnen, so muss man doch große Unterschiede bei der Art und Weise dieser Zielerreichung ausmachen. Das Auslösen von Gefühlen/Leidenschaften beim Publikum wurde mittels stilisierten, artifiziellen Gesang, einer formalisierten Sprache innerhalb einer idealisierten (Abstraktion Geschlecht und Rolle u. a.), mythologischen Götterwelt erreicht (Celletti spricht von ‚poetica della meraviglia‘, der Poetik des Wunderbaren (Celletti, a. a. O. S. 8), während die Leidenschaften spätestens in der Romantik durch gemeinten Realismus, Naturalismus, Wahrhaftigkeit, einer anderen Art und Weise von Expression der Erdenmenschen und damit der Ausdrucksweise grundsätzlich erreicht wird.

Bis dann.
Hosenrolle1 (12.11.2016, 12:09):
Ich habe auch überlegt, könnten diese Unterschiede unter anderem auch damit zusammenhängen, dass es in barocken Opern im Vergleich zum 19. und 20. Jahrhundert wesentlich ungesitteter zuging, man während der Vorstellung plauderte, aß, kam und ging wie man wollte? (Ich las auch, dass deswegen viele "ganz alte" Ouvertüren mit einem lauten Tusch begannen, um dem Publikum zu zeigen, dass es jetzt losging, während spätere Ouvertüren oft leise begannen, die Komponisten also schon davon ausgingen, dass eine Ruhe ist.



LG,
Hosenrolle1
Keith M. C. (12.11.2016, 12:29):
Lieber Hosenrolle1,

das möchte ich verneinen:
1. Diese Sitten hatten viel länger Bestand und
2. haben mit dem Besagten nicht viel zu tun.

Bis dann.
Hosenrolle1 (12.11.2016, 17:22):
Mein Grundgedanke war der, dass Komponisten sich vielleicht gedacht haben "Warum soll ich auskomponieren, was Figuren fühlen, oder eigene Gefühle unterbringen - hört eh keiner zu, außer bei den großen Arien, und die Figuren sind denen auch egal. Da kann ich gleich versuchen, das Publikum direkt anzusprechen".

Aber sicher falsch gedacht :)



LG,
Hosenrolle1
satie (14.11.2016, 23:17):
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