Ivan Moravec

Cosima (23.03.2006, 16:53):
Ivan Moravec

Geboren 1930 in Prag, studierte er Klavier am Prager Konservatorium und der Prager Akademie. 1957 hörte Michelangeli ihn in Prag spielen und lud ihn in seine Meisterklasse nach Italien ein. Als Michelangeli später einmal gefragt wurde, welche seiner Schüler heute vor ihm Gnade fänden, soll er geantwortet haben: "Martha und Ivan."

1964 debütierte Ivan Moravec mit dem Cleveland Orchestra unter George Szell in der Severance Hall in Amerika; kurz darauf folgte ein erster Auftritt mit dem gleichen Orchester in der Carnegie Hall. Und eben an diesen Ort gab er im Oktober 2005 im Alter von immerhin 75 Jahren ein umjubeltes Recital.

Als Perfektionist und Klangtüftler, der er ist (und hier scheint er Michelangeli ähnlich zu sein), hat Moravec ein relativ kleines Repertoire eingespielt: Mozart, Beethoven, Chopin, Schumann, Brahms, Franck, Debussy, Ravel. Sein Klavierspiel würde ich grob gesagt als ästhetisch und fein nuanciert beschreiben, aber auch ausdruckstark und sensibel.

Welche Aufnahmen gefallen Euch? Wie steht Ihr zum Beispiel zu seinen Mozart-Klavierkonzerten?

Gruß, Cosima
AcomA (24.03.2006, 10:43):
hallo Cosima,

es gibt einige wundervolle einspielungen des prager meisters. vor etwa 4 jahren hatte ich karten für seinen ersten auftritt im klavierfestival ruhr. ich konnte nicht hin, da unser chef zu seinem 60. geburtstag einlud X(

für dieses mal wollte ich auch moravec-karten besorgen. schon eine stunde nach beginn des vorverkaufes gab es keine mehr ! leider passen in die aula der folkwanghochschule essen nur knapp 33 leute X(

ich kenne folgende aufnahmen:

chopin: vier balladen, einige der schönsten mazurken u.a. c-dur op.24 nr.2, cis-moll op.50 nr.3, barcarolle, einige walzer, polonaise-fantasie

c. franck: prelude, choral et fugue, sinf. variationen (tschech. philh./v. neumann)

debussy: einige preludes aus I und II u.a. la cathedral engloutie, pour le piano (suite), estampes, images I

ravel: sonatine

schumann: klavierkonzert (tschechische philh./v. neumann), kinderszenen

w.a. mozart: klavierkonzerte nr.24 u. 25 (academy/marriner)

smetana: polkas

suk: 'über mutter' (suite)

korte: sonate

durchweg finde ich seine interpretationen sehr kultiviert. sein spiel ist transparent, mit einer abstufung im ppp-bereich. sein anschlag ist IMO sonorer als bei ABM. meine lieblingsplatte ist die mit den chopin-balladen und mazurken und den franzosen jeweils von supraphon. IMO referenzstatus.

was ganz besonderes auch vom repertoirewert ist die platte mit den tschechischen komponisten smetana, suk und korte. hier hört man die liebe, mit der moravec spielt, es ist wohl sein ganz persöhnliches anliegen ! sehr intime musik.

http://images-eu.amazon.com/images/P/B000056JTM.03.MZZZZZZZ.jpg http://images-eu.amazon.com/images/P/B00005UOW4.03.MZZZZZZZ.jpg http://images-eu.amazon.com/images/P/B00005UOW8.03.MZZZZZZZ.jpg http://images-eu.amazon.com/images/P/B000001K47.01.MZZZZZZZ.jpg http://images-eu.amazon.com/images/P/B000056JTL.03.MZZZZZZZ.jpg

auch das schumann-konzert und die franckschen variationen sind ein highlight. schumanns kinderszenen werden adäquat und unprätentiös dargeboten, vergleichbar mit horowitz oder freire, wobei der späte horowitz außen vorstehen sollte (belcanto). lediglich moravecs interpretation der chopin-nocturnes finde ich zu zurückhaltend, ja etwas langweilig.

gruß, siamak :engel
Cosima (25.03.2006, 11:15):
Original von AcomA
für dieses mal wollte ich auch moravec-karten besorgen. schon eine stunde nach beginn des vorverkaufes gab es keine mehr ! leider passen in die aula der folkwanghochschule essen nur knapp 33 leute X(


Hallo Siamak, hallo allerseits,

als ich von der Ankündigung las, überlegte ich mir, ob ich nicht auch nach Essen fahren sollte. Wenige Stunden danach kam von Dir schon die Meldung, dass alle Karten ausverkauft seien. Wie kann das denn angehen, dass ein so großer Pianist vor einem so kleinen Publikum spielt? Leidet er etwa unter dem „Richter-Syndrom“ und scheut große Menschenmassen?

Bei mir haben sich inzwischen Aufnahmen von Chopin, Debussy, Franck, Haydn, Janácek, Mozart (die Klavierkonzerte unter Marriner finde ich besonders gelungen) und Schumann angesammelt – im Grunde sind sie alle wunderschön, kultiviert und transparent, wie Du schreibst.

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch auf diesen Live-Mitschnitt des Prager Frühlings-Recital 2000 mit Werken von Haydn, Janácek und Chopin, als Zugabe u.a. die „Ondine“ von Debussy hinweisen.

http://www.wom.de/image/middle/front/0/4330421.jpg

M. Kornemann fasst seine Rezension auf der Rondo-Seite mit dem einfachen Satz „Ivan Moravec spielt unfasslich schön Klavier.“ zusammen, den ich gerne unterschreibe.

Gruß, Cosima
AcomA (25.03.2006, 11:58):
hallo Cosima,

das problem war sicherlich, die große ansammlung bekannter pianisten für das diesjährige festival zu platzieren. und da hat man die großen namen für die essener philharmonie vorgesehen. die aula der hochschule hat jedoch auch vorteile, sehr gute akustik und alle sind nah am podium. ich habe dort schon bloch und kovacevich gehört.

gruß, siamak :)
Cosima (25.03.2006, 12:03):
Hallo Siamak,

solche kleinen Räume würde ich in jedem Falle als großen Vorteil ansehen (sofern man Karten bekommt :D). Es muss umwerfend sein, dem Künstler so nahe zu sein. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mit ca. 30 Leuten in einem Raum vielleicht einmal S. Richter hätte erleben können… gigantisch diese Vorstellung!

Gruß, Cosima
Ganong (25.03.2006, 13:47):
Lieber Siamak ,
Moravec hat sicherlich einen der wundervollsten Anschläge aller mir bekannten Pianisten .
Die von Dir erwähnt Interpretation des Schumann - Konzertes wird dann , meiner Meinung nach , dem Werk leider nicht gerecht . es fehlt der leidenschaftliche Sturm und Drang des "Allegro afettuoso" wie dies Martha Argerich noch immer ( besser werdend live ! ) gelingt .
Un die "Kinderszenen" sind odch dann eher eine fast durchgehende "Träumerei" . Da sind die Dramen , dei Senora Argerich in jeder dieser Miniaturen herausspielt doch der Psychologie des Gesamtwerke swie der eizelnen teile hörbar überlegen .
Sehr empfehlenswert ist von Ivan Moravec die Doppel-CD in der Serie "Great Pianist of the Century" .
Und Moravec' Debussy angesprochen wurde : Neben ABM , Gieseking , dem jungen Arrau ( Images , Livres I , II ) und Rafael Orozco ( dieselben Werke ) ist er für mich d e r Debussy-Interpret .
Nebenbei : Moravec war in 2005 in Bad Lippspringe . Jaumm zu glauben aber mein langjähriger Musikkoreespondenzpartner und Disputant Dr. Matthias Kornemann und sein sehr engagierter Vater haben dieses Konzert organisieren können !
Viele Grüsse ; Ganong
Zelenka (02.04.2006, 17:47):
Ich habe Moravec einmal live erleben können - am 10.10.2005 in der Londoner Wigmore Hall. Ein BBC Radio 3 "Lunchtime Concert", das noch nicht einmal völlig ausverkauft war (o je, der Londoner Überfluß an Konzerten!). Auf dem Programm standen Schumanns "Kinderszenen", Debussys "Pour le piano" und Chopins Ballade op. 23 und die Nocturnes op. 27. Eine hochbeeindruckende Vorstellung, in der offenbar absolut nichts dem Zufall und dem Moment überlassen war. Und das mag ein Minuspunkt sein. Es fehlt eben das, was Richter gefordert hat: daß eine Vorstellung auch improvisiert wirken muß. Das ist sicher eine Temperamentssache. Wie auch bei Kempff z.B., ging es in den Kinderszenen einfach viel zu artig zu. Aber welches Klavierspiel!

Gruß,

Zelenka
Daniel Behrendt (08.04.2006, 19:42):
Liebe Forianer,

Moravec gehört fraglos zu meinen absoluten Lieblingen. Was er an tonlicher Differnzierungsarbeit leistet, ist wirklich erstaunlich. Über die reine Ästhetik seiner makellosen Pianistik hinaus bietet Moravec sicher einen eher verhaltenen, ungemein abgezirkelt wirkenden Interpretaionsstil, da werden die Lehrjahre bei ABM spürbar. Moravecs Spiel fordert aufmerksames Zuhören ein - in den Binnenstrukturen tut sich meistens mehr, als auf der großen Linie. Und: Chopin-Mazurken von ihm gehören zum Allernbesten überhaupt, ein subtileres, Rubato kann man sich kaum wünschen.
Ein Kritiker verglich die Wirkung seines Spiels - etwas kitschig zwar, aber durchaus treffend - mit der Aura, die eine erlesene Ming-Vase ausstrahlt. Profaner formuliert: Nach drei Tönen Moravec hat man einfach das Gefühl, in einer zivilisierten Welt zu leben.

LG!
Daniel
Cosima (24.11.2007, 18:16):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41P7ZPHFYYL._AA240_.jpg

Fantastische Aufnahme des 4. Beethoven-Klavierkonzertes. :down Moravec voll sprühender Energie und Spielfreude, eines meiner derzeitigen Lieblings-Orchester (Prague Philharmonia unter Jirí Belohlávek) in Bestform.

Von mir: :times10

Gruß, Cosima
Zelenka (24.11.2007, 18:20):
Original von Cosima
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41P7ZPHFYYL._AA240_.jpg

Fantastische Aufnahme des 4. Beethoven-Klavierkonzertes. :down Moravec voll sprühender Energie und Spielfreude, eines meiner derzeitigen Lieblings-Orchester (Prague Philharmonia unter Jirí Belohlávek) in Bestform.

Von mir: :times10

Gruß, Cosima

Auch die Versionen der beiden anderen Werke sind keineswegs zu verachten! Insgesamt auch von mir :times10 Ich vermisse hier kein größeres Orchester!

Gruß, Zelenka
Ganong (25.03.2006, 13:47):
Lieber Siamak ,
Moravec hat sicherlich einen der wundervollsten Anschläge aller mir bekannten Pianisten .
Die von Dir erwähnt Interpretation des Schumann - Konzertes wird dann , meiner Meinung nach , dem Werk leider nicht gerecht . es fehlt der leidenschaftliche Sturm und Drang des "Allegro afettuoso" wie dies Martha Argerich noch immer ( besser werdend live ! ) gelingt .
Un die "Kinderszenen" sind odch dann eher eine fast durchgehende "Träumerei" . Da sind die Dramen , dei Senora Argerich in jeder dieser Miniaturen herausspielt doch der Psychologie des Gesamtwerke swie der eizelnen teile hörbar überlegen .
Sehr empfehlenswert ist von Ivan Moravec die Doppel-CD in der Serie "Great Pianist of the Century" .
Und Moravec' Debussy angesprochen wurde : Neben ABM , Gieseking , dem jungen Arrau ( Images , Livres I , II ) und Rafael Orozco ( dieselben Werke ) ist er für mich d e r Debussy-Interpret .
Nebenbei : Moravec war in 2005 in Bad Lippspringe . Jaumm zu glauben aber mein langjähriger Musikkoreespondenzpartner und Disputant Dr. Matthias Kornemann und sein sehr engagierter Vater haben dieses Konzert organisieren können !
Viele Grüsse ; Ganong
Zelenka (02.04.2006, 17:47):
Ich habe Moravec einmal live erleben können - am 10.10.2005 in der Londoner Wigmore Hall. Ein BBC Radio 3 "Lunchtime Concert", das noch nicht einmal völlig ausverkauft war (o je, der Londoner Überfluß an Konzerten!). Auf dem Programm standen Schumanns "Kinderszenen", Debussys "Pour le piano" und Chopins Ballade op. 23 und die Nocturnes op. 27. Eine hochbeeindruckende Vorstellung, in der offenbar absolut nichts dem Zufall und dem Moment überlassen war. Und das mag ein Minuspunkt sein. Es fehlt eben das, was Richter gefordert hat: daß eine Vorstellung auch improvisiert wirken muß. Das ist sicher eine Temperamentssache. Wie auch bei Kempff z.B., ging es in den Kinderszenen einfach viel zu artig zu. Aber welches Klavierspiel!

Gruß,

Zelenka
Daniel Behrendt (08.04.2006, 19:42):
Liebe Forianer,

Moravec gehört fraglos zu meinen absoluten Lieblingen. Was er an tonlicher Differnzierungsarbeit leistet, ist wirklich erstaunlich. Über die reine Ästhetik seiner makellosen Pianistik hinaus bietet Moravec sicher einen eher verhaltenen, ungemein abgezirkelt wirkenden Interpretaionsstil, da werden die Lehrjahre bei ABM spürbar. Moravecs Spiel fordert aufmerksames Zuhören ein - in den Binnenstrukturen tut sich meistens mehr, als auf der großen Linie. Und: Chopin-Mazurken von ihm gehören zum Allernbesten überhaupt, ein subtileres, Rubato kann man sich kaum wünschen.
Ein Kritiker verglich die Wirkung seines Spiels - etwas kitschig zwar, aber durchaus treffend - mit der Aura, die eine erlesene Ming-Vase ausstrahlt. Profaner formuliert: Nach drei Tönen Moravec hat man einfach das Gefühl, in einer zivilisierten Welt zu leben.

LG!
Daniel
Cosima (24.11.2007, 18:16):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41P7ZPHFYYL._AA240_.jpg

Fantastische Aufnahme des 4. Beethoven-Klavierkonzertes. :down Moravec voll sprühender Energie und Spielfreude, eines meiner derzeitigen Lieblings-Orchester (Prague Philharmonia unter Jirí Belohlávek) in Bestform.

Von mir: :times10

Gruß, Cosima
Zelenka (24.11.2007, 18:20):
Original von Cosima
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41P7ZPHFYYL._AA240_.jpg

Fantastische Aufnahme des 4. Beethoven-Klavierkonzertes. :down Moravec voll sprühender Energie und Spielfreude, eines meiner derzeitigen Lieblings-Orchester (Prague Philharmonia unter Jirí Belohlávek) in Bestform.

Von mir: :times10

Gruß, Cosima

Auch die Versionen der beiden anderen Werke sind keineswegs zu verachten! Insgesamt auch von mir :times10 Ich vermisse hier kein größeres Orchester!

Gruß, Zelenka