Ivo Pogorelich

kreisler (17.01.2009, 10:34):
Hallo,

ich möchte hier einen Faden zu dem sehr spannenden Pianisten Ivo Pogorelich eröffnen.
Ich hoffe ihr zeigt mir durch viele Beiträge zu ihm, dass ihr ihn auch so interessant findet wie ich :wink.

http://www.signandsight.com/cdata/artikel/950/pogorelichuse1.jpg

Ivo Pogorelich wurde am 20. Oktober 1958 in Belgrad (damals noch Jugoslawien) geboren. Mit 7 Jahren begann er Klavier zu spielen. Mit 12 ging er dann in Moskau an die Musikschule und später auf das Tschaikowski-Konservatorium. Wie das so ist, spielte er bei zahlreichen Wettbewerben mit - und gewann einen Großteil davon. Einer machte ihn jedoch besonders berühmt, da im Verlauf des Wettbewerbs Martha Argerich verärgert mit den worten "Er ist ein Genie" (oder sowas halt :) ) die Jury verlassen hatte: Pogorelich hatte die 4. Runde nicht "bestanden". (Ähnliches soll übrigens auch schon bei Lipatti/Cortot vorgefallen sein. :P) Nach zahlreichen Konzerten und Aufnahmen zog er sich 1996 vom Konzertbetrieb zurück. Mittlerweile tritt er jedoch wieder auf. Ob er auch wieder angefangen hat, aufnahmen zu machen, weiß ich nicht.

Seine Interpretationen sind sehr eigenwillig, und es wir oft von ihm behauptet, er halte sich nicht genug an den Notentext. Doch ich finde, wenn man ein Werk so gut frei interpretieren kann wie Pogorelich und gleichzeitig noch Technisch und Rhythmisch absolut überlegen ist, ist dagegen nichts einzuwenden. Ich finde es bei seinen Aufnahmen sogar sehr toll!

Kennen tue ich allerdings erst folgende CD´die mir alle sehr gefallen und die ich fast immer für die beste Interpretationen der Werke halte:


http://ecx.images-amazon.com/images/I/513AH4CT0DL._SL500_AA240_.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41NY3VFA36L._SL500_AA240_.jpg
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/6270036.jpg
und zu guter letzt meine Lieblingsplatte von ihm (Ja ich habe sie noch als Schallplatte!):http://images-eu.amazon.com/images/P/B000001G4P.03.LZZZZZZZ.jpg

Welche Aufnahmen kennt ihr von ihm?
Was muss man in seiner Biographie noch ergänzen?
Wie steht ihr zu seinen oft sehr freien Interpretationen?

euer kreisler


P.S. hoffentlich wachsen ihm bald wieder Haare :), der sah davor besser aus. Oder liegt das an der druchlittenen Krankheit?
Rachmaninov (17.01.2009, 17:50):
Pogorelich schätze ich sehr, ich mag seine gewissen Eigenarten und bedaure es sehr, dass, wohl aufgrund eines persönlichen Schicksalschlages, nicht mehr ganz der "Alte" zu sein scheint.
Jedenfalls trat (tritt?) er wohl auch regelmäßig von Konzerten zurück.

Eigentlich kenne ich keine Aufnahme von ihm die ich grundlegend ablehnen würde.

Seine Scarlatti Aufnahme finde ich großartig und würde diese wohl jedem ans Herz legen.

Gehört haben kann man seine Aufnahme der h-moll SOnate von Liszt, die ich sehr gelungen find, aber nicht überragebnd.
Das ist anders bei der 2. Scriabin Sonate. Da fesselt er mich immer wieder:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028942939127.jpg

Eine etwas eigenwillige, aber sehr hörenswerte Aufnahme ist die mit der letzten Beethoven Sonate und Schumann's Symph. Etüden.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028941052025.jpg
Heike (17.01.2009, 21:44):
Ich mag seine "Bilder einer Ausstellung" - die sind schon sehr sehr anders und eigenwillig, aber mir gefällt es.
Heike
kreisler (17.01.2009, 23:04):
Oh, die "bilder" muss ich mir auch umbedingt mal anhöhren!

Und die Liszt Sonate wurde mir von meinem Cousin (der ist auch so ein "Cellodil" und kennt sich unglaublich mit verschiedenen Aufnahmen aus - wenn wer Musikkritiker sein wollte, wäre er der neue "Kritikkaiser" :D) wärmstens empfohlen. Ich denke schon dass das eine überdurchschnittlich gute Aufnahme ist. Normalerweise vertraue ich da seinem Urteil., aber ich habe sie leider noch nicht selbst gehört.

Die Schumannschen Etüden übe ich gerade selber sehr intensiv, und höre mir auch sehr oft seine Platte an. Was für ein unglaubliches Werk! Deshalb beschäftige ich mich auch in letzter Zeit besonders mit Pogorelich. Leider gibt es allerdings nicht allzu viele Aufnahmen...

hat er eigentlich noch mehr von Beethoven und Schumann aufgenommen?

Ich habe den Eindruck, ihr seid für seine freien Interpretationen, mir geht es auch so.


Grüße

kreisler
Gamaheh (18.01.2009, 01:14):
Es tut mir leid: Ivo Pogorelich beeindruckt mich gar nicht. Mal davon abgesehen, daß ich es grundsätzlich nicht so mag, wenn sich jemand als "Star" geriert, kann ich seine Musik durchaus hören; daß aber beispielsweise seine Aufnahme der Chopin-Préludes als die beste Platte aller Zeiten (oder so ähnlich) bezeichnet wird (wie hier öfters), kann ich nicht nachvollziehen (da kenne ich bessere Aufnahmen auch dieses Werks, z.B. die von Jorge Bolet).

Darüber hinaus ist er vielleicht der einzige Musiker, den ich als "hermetisch" bezeichnen würde. Ich habe ihn zuletzt im Februar oder März letzten Jahres im Konzert erlebt (s. "Gestern im Konzert"), und ich kann nur wiederholen: Er gibt nichts ab, und nicht nur das: Er zeigt dem Publikum ganz offen seine Verachtung. Ich sprach damals darüber mit jemandem, der ihn länger und besser kennt, der meinte, Pogorelich sei schon immer so gewesen. Keine Ahnung, warum er jetzt nach Jahren wieder auftritt.

Grüße,
Gamaheh
kreisler (18.01.2009, 12:29):
Original von Gamaheh
Es tut mir leid: Ivo Pogorelich beeindruckt mich gar nicht.

Das ist doch wunderbar! Man braucht in so einem Thread doch auch mal Gegenstimmen (worüber sollte man den dann diskutieren?)


daß aber beispielsweise seine Aufnahme der Chopin-Préludes als die beste Platte aller Zeiten (oder so ähnlich) bezeichnet wird (wie hier öfters), kann ich nicht nachvollziehen (da kenne ich bessere Aufnahmen auch dieses Werks, z.B. die von Jorge Bolet).

Ich habe die Bezeichnung noch nie gehört, aber sie ist natürlich völlig übertrieben! Schon daher, weil man mein Meinung nach Pogorelichs Aufnahmen schlecht mit anderen vergleichen kann: Die eine ist so und seine oftmals ganz anders (wer sagt jetzt was besser ist, da kann man kaum objektiv bleiben)


Darüber hinaus ist er vielleicht der einzige Musiker, den ich als "hermetisch" bezeichnen würde. Ich habe ihn zuletzt im Februar oder März letzten Jahres im Konzert erlebt (s. "Gestern im Konzert"), und ich kann nur wiederholen: Er gibt nichts ab, und nicht nur das: Er zeigt dem Publikum ganz offen seine Verachtung. Ich sprach damals darüber mit jemandem, der ihn länger und besser kennt, der meinte, Pogorelich sei schon immer so gewesen. Keine Ahnung, warum er jetzt nach Jahren wieder auftritt.

Grüße,
Gamaheh

Das klingt ja so ein bisschen nach Arturo Benedetti Michelangeli II :wink :wink
Ich finde allerdings er hat in der Tat etwas von ihm: nicht allzu viele Aufnahmen und die (das kannst du nicht völlig abstreiten) ziemlich perfekt.
Ich habe meine Eltern gefragt, die ihn beide einmal in seinen jungen Jahren gehört hatten. Auf sie hat er nicht so "hermetisch" gewirkt, aber das war je nur ein Konzert...
vielleicht ist er auch nur durch seine Krankheit so geworden?
wäre sehr schade...

Gruß

Kreisler
kreisler (06.03.2009, 23:23):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41GXQR4JWAL._AA240_.jpg

Nochmal die H-moll Sonate.

Kennengelernt habe diese Sonate, die ich trotz meiner leichten Abneigung Liszts gegenüber als geniales Sonderwerk betrachte, bis jetzt nur in der Interpretation von Pollini. Ich denke dass ist eine sehr gute, aber etwas konventionelle Interpretation.
Nach ein paar mir nicht so zusagende Interpretationen höre ich jetzt Pogorelich zum ersten mal.

Er zeigt mir, was man mit dieser Sonate alles machen kann. Das finde ich sehr toll! Klappen tut dass alles freilich nur, da er technisch so atemberaubend ist, dass er nie Kompromisse eingehen muss, und da er immer eine genaue Vorstellung des Werkes hat.

Ich fühle mal wieder sein Genie bestätigt.

Viele Grüße,
Kreisler
Jeremias (09.03.2009, 17:43):
Zu Ivo Pogorelich habe ich eine ganz besondere Beziehung. Es war mein erster Klavierabend mit einem der ganz Großen der Klavierkunst. Es war sein erstes Konzert in D#dorf nach dem Tod seiner Frau. Er spielte die 4 Scherzi von Chopin und die Sinfonischen Etüden. Als Zugabe gab es Mozarts d-moll Fantasie.

Wenn ich an den Chopin denke, so komme ich noch heute ins Schwärmen... eine derartige Beherrschung des Klaviers hatte ich noch nie erlebt, ich saß ganz nah dran, etwas ganz Besonderes für einen 16-jährigen... die Interpretation war einzigartig.... ich habe in den Jahren danach noch oft seine Konzerte besucht, aber so ein Erlebnis hatte ich nie wieder. Leider wurde er von Jahr zu Jahr exzentrischer, irgendwann machte es leider keinen Spaß mehr. Aber ein eines erinnere ich mich noch später: Als Zugabe gab er nach einem Konzert Balakirev's "Islamey".... unglaublich war das!

:down :down :down :down
Jeremias (09.03.2009, 17:45):
Hier eines seiner seltenen Interviews:

http://www.welt.de/print-welt/article146839/Ich_bin_das_Produkt_einer_sehr_strengen_Erziehung.html
Rachmaninov (15.01.2012, 06:01):
Original von AcomA

Alle Pogo-Platten werden immer etwas Kostbares bleiben. Diese verehre ich ganz besonders !

LG, Siamak

interessant.

Mir geht es ebenfalls so, mit allen seinen Aufnahmen,
Sie sind irgendwie alle anders alle eigen und doch immer und immer wieder interessant.
Kaum ein Pianist vermag mich seit Jahren mit "alten" Aufnahmen immer wieder so zu begeistern.
Heike (15.01.2012, 08:55):
*unterschreib*
Ich habe bei Ivo immer das Gefühl, dass es um Leben und Tod geht, wenn er spielt, besonders bei der h moll Sonate. Als wenn er in diesem Augenblick diese Extreme (er)lebt.

Ich freu mich riesig, dass er wieder auftritt, vielleicht nimmt er ja auch irgendwann nochmal was auf, das wäre was!
Heike
Rachmaninov (15.01.2012, 09:16):
Original von Heike
*unterschreib*
Ich habe bei Ivo immer das Gefühl, dass es um Leben und Tod geht, wenn er spielt, besonders bei der h moll Sonate. Als wenn er in diesem Augenblick diese Extreme (er)lebt.

Ich freu mich riesig, dass er wieder auftritt, vielleicht nimmt er ja auch irgendwann nochmal was auf, das wäre was!
Heike

Um Leben und Tod! Sehr treffend!
Heike (15.01.2012, 10:15):
http://www.youtube.com/watch?v=YT8nm21W4uU
Interview Florenz 2011

P.s. Er spielt in dem Video das Bass-Motiv aus der Liszt Sonate an und sagt, er "muss das üben" - ich bin ja so gespannt, wie er heute diese Sonate spielt (im März in Berlin, noch gibt es Tickets ab 20 Euro)
Heike
AcomA (15.01.2012, 13:23):
Hallo liebe Pogo-Verehrer,

als ich in der Oberstufe war, gelang der rasante Aufstieg Ivo Pogorelichs. Während ich seine erste DG-Platte mit Chopins 2. Sonate und 3. Scherzo im Vergleich mit anderen Interpretationen (Rubinstein, Horowitz, Harasiewicz) nicht überragend empfand, hatten die nächsten zwei Platten einen durchschlagenden Effekt auf mich, der bis heute anhält: Beethovens op. 111/Schumanns Symph. Etüden, Toccata und Ravels Gaspard/Prokofiews 6. Sonate ! Selbst ein Schulkamerad, der mit 'Klassik' nichts am Hut hatte, hörte den gaspard im radio und war begeistert.

Ich hörte ihn dann live in Essen, ich meine etwa 1985. Welch eine Hysterie im Saalbau. Man hatte auf der Bühne eine zusätzliche Stuhlreihe für Studenten der Folkwang-Hochschule installiert:

Scarlatti-Sonaten, eine Beethoven-Sonate, ich glaube op.22, Chopins 3. Sonate, als Zugabe Beethovens Pour Elise ! Unvergessen !

Ich denke, er hat eine Art neurodegenerative Erkrankung, die beiden Male, die ich ihn vor wenigen Jahren erlebte, zeigten gerade in den langsamen Sätzen Irrungen und Wirrungen (IMO). In den raschen Partien lief alles wie am Schnürchen. Wie auch immer, der 'jugendliche Pogorelich' bleibt durch seine Platten für die Ewigkeit. Und ich denke, Pogorelich weiß das und nimmt deswegen nicht mehr auf.

LG, Siamak
Heike (15.01.2012, 15:22):
Mhh, ich habe 2010/11 zweimal live gesehen und hätte das eher für psychische Besonderheiten gehalten, das scheue, fast unsichere Auftreten, das Einspielen im Saal bis zur letzten Minute, das Spielen mit Noten und auch seine große Freude am Schluss nach den gelungenen Abenden. Spieltechnisch ist mir da jedenfalls nichts aufgefallen außer seiner üblichen Exzentrität in Tempo und Ausdruck, die sich vielleicht noch gesteigert hat in Richtung Introvertiertheit.

Was meinst du mit Irrungen und Wirrungen? Man denkt ja oft bei ihm, dass die Zeit stehenbleibt, so dehnt er die Dinge gerade in den langsamen Sätzen, aber ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass es von ihm nicht so gewollt war.

Ich werde auf jeden Fall im März berichten, wenn alles so läuft wie geplant. Das Interview, das ich oben verlinkt habe, zeigt ihn jedenfalls sogar lachend und doch recht entspannt, wie schön.
Heike
Amadé (15.01.2012, 17:18):
Meiner Meinung nach verweigert sich Pogorelich dem mainstream-Musizieren der meisten jungen Pianistinnen, und Pianisten und jährlich kommen wieder neue Namen dazu. Alle legen technisch nahezu perfekte Sonaten, Etüden… hin. Auch im interpretatorischen Bereich, im musikalischen, kann man ihnen kaum am Zeug flicken. Alles klingt auf hohem bis höchstem Niveau, deshalb ähneln sich ihre „Aussagen“ auch und sie sind irgendwie austauschbar. Nicht so bei Pogorelich. Erstens ist sein Repertoire in Vergleich seiner Kollegen recht schmal, d.h., er konzentriert sich auf relativ wenige Stücke und arbeitet daran, d.h. zweitens, er sucht nach der Sinngebung des jeweiligen Stücks, dabei liest er drittens den Notentext nicht in der festgelegten Weise, sondern sucht Schwerpunkte, Nahtstellen, noch nicht entdeckte Beziehungen, die dann hervorgehoben werden. Andere Tempovorstellungen als die gewohnten können seine Ideen unterstreichen. So entwickelt er aus dem Werk heraus seine eigene Lesart, seine typische Handschrift, die nicht immer logisch, zumindest jedoch bedenkenswert erscheint, die nicht immer begeistert, zumindest jedoch Respekt einfordern kann. Darin ist er in vielem Grigory Sokolov ähnlich, der schon vor Pogo seine eigenen Vorstellungen unterbreitet. Die Musikwelt braucht dringend Interpreten mit solch einer Haltung, solch einem Ethos.

Grüße Amadé
Rachmaninov (15.01.2012, 18:49):
Original von Amadé
Meiner Meinung nach verweigert sich Pogorelich dem mainstream-Musizieren der meisten jungen Pianistinnen, und Pianisten und jährlich kommen wieder neue Namen dazu. Alle legen technisch nahezu perfekte Sonaten, Etüden… hin. Auch im interpretatorischen Bereich, im musikalischen, kann man ihnen kaum am Zeug flicken. Alles klingt auf hohem bis höchstem Niveau, deshalb ähneln sich ihre „Aussagen“ auch und sie sind irgendwie austauschbar. Nicht so bei Pogorelich. Erstens ist sein Repertoire in Vergleich seiner Kollegen recht schmal, d.h., er konzentriert sich auf relativ wenige Stücke und arbeitet daran, d.h. zweitens, er sucht nach der Sinngebung des jeweiligen Stücks, dabei liest er drittens den Notentext nicht in der festgelegten Weise, sondern sucht Schwerpunkte, Nahtstellen, noch nicht entdeckte Beziehungen, die dann hervorgehoben werden. Andere Tempovorstellungen als die gewohnten können seine Ideen unterstreichen. So entwickelt er aus dem Werk heraus seine eigene Lesart, seine typische Handschrift, die nicht immer logisch, zumindest jedoch bedenkenswert erscheint, die nicht immer begeistert, zumindest jedoch Respekt einfordern kann. Darin ist er in vielem Grigory Sokolov ähnlich, der schon vor Pogo seine eigenen Vorstellungen unterbreitet. Die Musikwelt braucht dringend Interpreten mit solch einer Haltung, solch einem Ethos.

Grüße Amadé

Ja, und wir werden uns in 10 Jahren noch an Pogorelichs Aufnahmen erfreuen während die ach so perfekten im Kasten landen!
Heike (28.03.2012, 00:40):
Konzerthaus Berlin, 27.3.12
Ivo Pogorelich Klavier

Fryderyk Chopin Sonate b-Moll op. 35
Franz Liszt "Mephisto-Walzer" Nr. 1
Fryderyk Chopin Nocturne c-Moll op. 48 Nr. 1
Franz Liszt Sonate h-Moll

Verrückt, absolut verrückt.
Wie auch schon in den letzten Jahren saß Pogorelich ne halbe Stunde vorher verkleidet am Flügel und spielte sich ein, nervös den Saal beobachtend. Nervös war er auch am Beginn, er rutschte hin und her, drehte während des Spiels noch am Klavierhocker rum und spielte auch wieder mit Noten, besser gesagt, mit einer lose- Blatt- Sammlung, auf die er nicht draufschaute, wo er aber peinlichst drauf achtete, wie und wann umgeblättert wurde.

Die Chopin-Sonate verhieß schon, dass es eine Achterbahn an Eindrücken werden würde. Massive Kontraste, himmlische Pianissimo, dann wieder irre mächtig hingehämmerte Akkorde, dass der ganze Saal bebt. Ein finsterster Trauermarsch, absolut gespenstische, komplett irre Linienführungen auch schon im Scherzo, unterbrochen von faszinierend brillianten Innenschauen. Er akzentuierte in den ersten beiden Sätzen Stimmen teilweise so schräg und variierte im Tempo so extrem, dass man nicht sicher war, ob er noch die richtgen Noten spielt. Absolut kein Vergleich zu der CD- Aufnahme. Ähnlich beim Mephisto-Walzer, Höllentrips wechselten mit kleinen Klangzaubereien, das ist fernab von jeder Poesie und Romantik, er zerpflückt es, spielt mit dem Material ganz nach Belieben, aber nicht um der Virtuosität oder um des Effektes willen, sondern als wenn er den Tönen/Akkorden nachhört. Einfach verrückt.

Nach der Pause spielte er zunächst das Nocturne als aufwühlende Schauergeschichte. Um dann eine Liszt-Sonate zu präsentieren, wie ich das noch nie gehört habe. Sage und schreibe 50 min - aber nicht etwa in gleichmäßigem Tempo, sondern mit allen Ausprägungen, die man sich vorstellen kann. Schon der Beginn war mit der unglaublich verzögerten und akzentuierten Tonleiter so abenteuerlich, dass sich allein dafür das Zuhören gelohnt hat. Schade, dass es davon keine Aufnahme gibt. Keine Spur vom majestätischen Grandioso-Thema, aber ein anrührendes Andante sostenuto und vor allem eine unglaublich schön ausgespielte, tief erschütternde Coda. Es gab einerseits wildeste Sprünge und faszinierend hingemeißelte Akkorde, dann wieder fast stillstehende, extrem langsame Dehnungen - noch mehr Wahnsinn und Sterben, als ohnehin schon in der von ihm bekannten Aufnahme der Sonate drin ist. Komplett absurd, aber so interessant, dass es schon wieder gut war.

Pogorelich fesselt mich immens mit seinem unheimlich variablen, furios differenzierten Klang. Technisch war das meist brilliant und souverän gerade in den schwierigen Teilen, da verschwimmt auch nichts; aber es gab auch ein paar unverständliche Fehler in leichten Melodiestimmen, als wenn er nicht konzentriert war. Das Publikum schwankte sichtlich zwischen totaler Verwirrung und hingerissenem Staunen.
Keine Zugabe, aber viel Applaus im vollen Saal.

Morgen Sokolov.
Heike
Jeremias (28.03.2012, 15:10):
Ich habe Pogorelich's Wandlung über Jahre im Konzert mitverfolgt. Anfangs fand ich es höchst spannend, irgendwann nur noch nervig, obgleich er mich immer wieder fasziniert hat. Trauriger Höhepunkt war ein völlig zerfetztes, zerfleischtes Tschaikowsky-Konzert, welches er mit einem eher drittklassigen polnischen Orchester darbot. Ein anderes hätte dies wahrscheinlich auch nicht mitgemacht. Seither habe ich kein Interesse mehr ihn zu sehen oder zu hören.

Ich wünsche Dir viel Spaß bei Sokolov! DAS ist ein Musiker, ein Meister!
Heike (28.03.2012, 17:16):
Hallo Jeremias,
ich habe Pogorelich schon mehrmals gesehen (u.a. auch mit einem guten Berliner Orchester vor 1 oder 2 Jahren), seine "Wandlung" ist offensichtlich, er ist bei weitem nicht mehr der brilliante und souveräne Zauberer seiner Jugendaufnahmen. Ich weiß auch nicht, wohin sein Weg ihn führen wird und welche Gründe sein derzeitiges Auftreten hat.

Fakt ist aber - und das trotz seiner oft höchst seltsamen Phrasierungen und Tempogestaltungen - er machte AUCH höchst beglückende und brilliante Dinge in diesen Konzerten, die ich in den letzten Jahren erlebt habe. Gestern spielte er leise Passagen, in denen ich vergessen habe, zu atmen, so intensiv war das. Oder er ließ das Klavier wie eine Harfe klingen, so dass ich nur denke "ich will das nochmal hören". Also, in dem Sinne würde ich nicht sagen, dass er die Dinge nur "zerfetzt" hat, das hatte durchaus einen roten Faden, was da gestern zu hören war, es war nämlich jeder Spur von Romantik beraubt. Alles was da noch an Melodie und Kantabilität übrig blieb, war für mich pures Leid. Und es war sicher keine show. So, wie er sich da auf der Bühne verhielt, tritt niemand auf, der das alles so nur macht, weil er provozieren wll. Er erlebt das so, glaube ich. Ich finde das extrem und durchaus nicht immer gelungen - aber ich finde eben auch noch so viel faszinierendes darin, dass ich gern hingehe.

Aber, welches Problem er auch immer hat, ich wünsche ihm, dass er von diesen derzeitigen Extremen vielleicht wieder ein Stück zur Mitte zurückfindet. Oder, ich wünsche mir mal wieder eine CD-Aufnahme, da gab es ja schon ewig nichts und es wäre spannend, wie das aussehen würde
Heike
P.s. ich freui mich auf Sokolov, ich habe auch ihn schon mehrmals gesehen, aber dieses Jahr mag ich das Programm ganz besonders!
Heike (30.03.2012, 23:02):
ich habe Pogorelich schon mehrmals gesehen (u.a. auch mit einem guten Berliner Orchester vor 1 oder 2 Jahren),
Ich muss mich korrigieren, das war das London Philharmonia und kein Berliner Orchester im Nov. 2010 - ich habe nämlich von diesem Abend gerade das Larghetto aus dem Chopin-Konzert auf youtube entdeckt und gehört (die anderen Teile findet man auch). Da hört man z.B. diese beiden Seiten - ich finde es verrückt und zugleich faszinierend: Chopin 2. Klavierkonzert
Heike
Heike (03.11.2012, 19:36):
Ivo Pogorelich playing Liszt's Sonata in B minor, live in Groningen, 3 October 2012
hier oder hier (mit einem vorangestellten Chopin- nocturne)

?(
Amadé (03.11.2012, 19:47):
So habe ich ihn im Juli in Dortmund "erlebt".

Gruß Amadé
:hello
Heike (03.11.2012, 20:11):
@Amadé: ich im Frühjahr in Berlin, siehe oben.
Er ist auch für 2013 wieder unterwegs, in Berlin gastiert er am 10.3. nächstes Jahr mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France (Dirigent Myung Whun-Chung) und spielt (mal wieder) das 2. Chopin-Konzert in der Philharmonie.

Kleine Nebenbemerkung: Am selben Tag zur gleichen Zeit gibt es auch ein Recital mt Kit Armstrong in Berlin im Konzerthaus. Ist mir unbegreiflich, wieso der Veranstalter (für beide derselbe!) das so terminieren musste, die nehmen sich doch gegenseitig das Publikum weg. Die kriegen die Klaviersachen ohnehin schon schwer voll wegen des Überangebotes in Berlin, wieso man da auch noch 2 bekannte Pianisten parallel legt, das ist mir ein Rätsel.
Heike
Amadé (04.11.2012, 10:18):
Original von Heike
.....wieso man da auch noch 2 bekannte Pianisten parallel legt, das ist mir ein Rätsel.

Diese Frage muss man sich in der Tat stellen, aber Du gehst doch sowieso zu Armstrong, hoffentlich spielt er nicht eigene Kompositionen, mit ihnen konnte ich im letzten Jahr wenig anfangen.

Gruß Amadé
Heike (04.11.2012, 10:38):
aber Du gehst doch sowieso zu Armstrong
:times10
Er spielt Haydn, Mozart und Schubert; dazu einige von ihm gesetzte Bach-Choralvorspiele.
Heike

p.s. aber zurück zu Pogorelich:
Chopin Sonata 2 - live: klick
Groningen, 3 October 2012
Amadé (05.11.2012, 09:10):
Original von Heike
Chopin Sonata 2 -Groningen, 3 October 2012

Das ist nicht meine Chpin-Welt. ?(
Heike (05.11.2012, 14:17):
Immerhin sind die Chopin-Tempi für Pogos Verhältnsse fast noch orthodox. Allerdings geht er dynamisch auch hier so in die Extreme, dass ich immer denke, dass er gleich den Flügel zertrümmert. Wenn man das berühmte Schumann-Zitat über Chopin "Seine Werke sind unter Blumen eingesenkte Kanonen" auf sein Spiel abwandelt, dann würde ich sagen, er hat die Kanonen schon ausgegraben und bedrohlich auf uns in Stellung gebracht. Die Blumen haben nichts lebendiges mehr, sondern er schaut sie sich allenfalls mal zwischen den Einschlägen mit scheuen Blicken von weitem, gepresst unter Glas, an; wie eine Erinnerung aus uralter Zeit. Aber was faszinierendes hat das, wie ich oben auch schon schrieb; obwohl es natürlich komplett schräg ist, was er meist völlig willkürlich hervorzerrt und akzentuiert. Insgesamt ist so finster und fragmentiert, das geht mir in diesem Ausmaß an Leid durchaus ans Herz. Leider hört man in den Filmen auch nicht dieses brilliante Farbenspiel, das er immer noch hat, wenn er live spielt; das kann man hier nur ahnen.

Komplett nicht mehr nachvollziehen kann ich eher sowas:
Brahms op. 118/2 (2010): klick
Heike
Amadé (05.11.2012, 20:11):
Original von Heike
dann würde ich sagen, er hat die Kanonen schon ausgegraben und bedrohlich auf uns in Stellung gebracht. Die Blumen haben nichts lebendiges mehr, sondern er schaut sie sich allenfalls mal zwischen den Einschlägen mit scheuen Blicken von weitem, gepresst unter Glas, an; wie eine Erinnerung aus uralter Zeit.

das hast Du schön gesagt.


Original von Heike
Brahms op. 118/2 (2010)

Unglaublich!
Jeremias (03.03.2013, 12:54):
Heike, geh zu Pogorelich!!! Ich habe ihn gestern in Dortmund gehört... nein, erlebt... nein, er hat mir Chopin offenbart... ich habe einen Bericht geschrieben.... geh hin :)
Heike (03.03.2013, 15:11):
Lieber Jeremias,
ich habe es gelesen, danke für den Bericht! ich habe ihn ja mit beiden Chopin-Konzerten in den letzten Jahren live gehört (er spielt ja leider kaum noch was anderes), zudem hatte er ein umwerfendes Recital (siehe unten). Ich weiß, wie er einen umhauen kann, mit diesen Klängen und skandalös eigensinnigen Stimmführungen: So kann Chopin die Nerven überreizen, ich weiß. Man denkt, das ist doch nicht nur ein einziges Klavier, da klingen diverse andere Instrumente mit. Dazu seine agogischen und dynamischen Radikalitäten, mich reißt das hin und her zwischen "komplett irre" und "unerreicht genial". Der macht da was intuitiv richtig mit seiner Weltverlorenheit, der Ivo. Ach wenn er doch mal wieder was aufnehmen würde!
Ich werde trotzdem diesmal nicht hingehen, man kann sich ja nicht zerteilen.
Heike (01.10.2013, 19:12):
Pogorelich ist für den 12.2.14 in der Philharmonie Berlin mit einem sensationellen Beethoven-Programm angekündigt. Ivo und die Appassionata - ich falle jetzt schon in Ohnmacht, wenn ich mir das nur vorstelle, wie er sich da bestimmt von Extrem zu Extrem spielt! Hoffentlich kommt er auch wirklich, die Tickets gibts schon.

Klaviersonate c-moll „Pathétique”
Rondo „Die Wut über den verlorenen Groschen”
Klaviersonate F-Dur op. 54
Klaviersonate f-moll „Appassionata”
Klaviersonate Fis-Dur op. 78
Amadé (01.10.2013, 20:01):
Original von Heike
wie er sich da bestimmt von Extrem zu Extrem spielt!

ich würde meinen, wie er sich da durch die Musik hangelt!

Ein reines Beethoven-Programm ist auch eine Neuheit für ihn, vielleicht bringt er noch eine CD heraus.

GRuß Amadé