J. S. Bach - Chromatische Fantasie und Fuge (BWV 903) - trivial oder genial?
Shruti (08.09.2013, 17:29): Die chromatische Fantasie und Fuge (ChrFF) zählt unzweifelhaft zu den herausragenden Werken seiner Zeit.
Zur Erinnerung: das im Grunde vierteilige Werk beginnt mit einer Toccata, setzt sich über das Arpeggio-Mittelteil in einem Rezitativ fort und wird schließlich durch eine Fuge abgeschlossen. Das chromatisch aufsteigende Thema de Fuge ist der Ursprung der heutigen Namensgebung, bemerkenswert ist die- teilweise die zeitgenössischen Maßstäbe sprengende - Freiheit der Form und der tonartlichen Gestaltung.
Wie bei vielen Bach‘schen Werken, die heute in der Klavierliteratur zum Standardrepertoire zählen, bietet das Werk sowohl dem Amateur wie auch dem professionellen Künstler hervorragendes Material, um sich daran im wahrsten Sinne abzuarbeiten.
Aber genau hier liegt m.E. schon eines der Probleme, denn das Werk ist deutlich mehr als eine reine Fingerübung. Dem absoluten Charakter des Werks entsprechend wollen wir mit diesem Stück sicherlich keine anderen Ideen verwirklichen, als diejenigen, welche im und mit dem Werk angelegt sind. Demnach käme es darauf an, den virtuos-improvisatorischen auf der einen, und den formal-strukturierten, strengen Ausdruck auf der anderen Seite herauszustellen und zur Geltung zu bringen.
Ich habe kürzlich – nach langjähriger Abstinenz – die „Helden meiner Jugend“ herangezogen, um mich zu vergewissern, dass meine Erinnerung mich nicht täuscht. Die meisten Einspielungen, die ich nun (wieder-)gefunden haben, sind enttäuschend, entspringen sie doch der romantisierenden Haltung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Hier einige enttäuschende Beispiele (= triviale ChrFF) ohne Rang- und Sortierreihenfolge: - Alfred Brendel - Walter Gieseking - Wilhelm Kempff - Artur Schnabel - Claudio Arrau - Sergei Edelmann - Samuel Feinberg
Warum? Weil meiner Ansicht nach die Möglichkeiten des Klaviers - im Gegensatz zum Originalinstrument - dazu einladen, Mätzchen zu machen, mit pseudo-romantisierenden Klang- und Effektambitionen das Werk zumindest teilweise im Pedalschwall zu ersaufen. Ist es so, dass das Klavier mit seiner Anschlagsdynamik und der dynamischen Klangfülle den Interpreten bei einem solchen Werk überfordert? Nimmt er (der Interpret) zum Beispiel an, mangels Verständnis für Improvisation und formaler Strenge, dass das Rezitativ eine Einladung zur klanglichen Gestaltung sei? Wie würde er das Werk sehen, wenn man ihm die Anschlagsdynamik entzöge?
Das ist meines Erachtens das zweite Problem: der romantisierende Ansatz, der keine angemessene Umgangsform für die im Werk angelegte Virtuosität und Struktur darstellt, trivialisiert das Werk! Ich persönlich jedenfalls halte diesen Ansatz für einen Irrweg, ein großes Missverständnis.
Dass es mit diesem Werk auf dem Flügel auch anders zugehen kann, haben folgende Interpreten gezeigt (= geniale ChrFF): - Alexis Weissenberg - Andor Foldes
Ich möchte noch etwas ergänzen. Das Cembalo zwingt den Interpreten in der Regel (bis auf wenige spezielle Ausnahmen), das Werk durch Artikulation zur Geltung zu bringen. Auch hier werde ich in meinem persönlichen Urteil etwas härter: ist das Cembalo bautechnisch nicht dazu in der Lage, einen vollen Klang zu erzeugen, hat der Interpret schon verloren. Bei dünnem Klang genügt Artikulation einfach nicht, um die ChrFF angemessen zur Geltung zu bringen.
Dennoch möchte ich – auch wenn der Vergleich nur durch die Tatsache erlaubt sei, dass die ChrFF ein Cembalowerk ist – einen absolut überzeugenden Cembalisten nennen, der die klangliche Überlegenheit des Flügels durch seine Spielweise (und kluge technische Auswahl des Cembalos) kompensiert. Für mich ist er den beiden vorgenannten positiven Beispielen ebenbürtig und eine Referenz für dieses Werk – Ralph Kirkpatrick.
Ich möchte gerne Eure Meinung hören, z.B.: wie steht Ihr zur ChrFF? Ist die Klavierinterpretation grundsätzlich der Cembalointerpretation überlegen? Macht die romantisierende Interpretation das Werk trivial oder gewinnt es dadurch (wenn ja, was)? Gibt es Interpretationen, die Ihr empfehlen könnt?
satie (10.09.2013, 23:15): Lieber Shruti,
vielen Dank für einen Thread zu einem Werk, das oft viel zu Stiefmütterlich behandelt wird. Zwar wird die Chromatische Fantasie und Fuge nicht so selten gespielt, verglichen mit anderen Kompositionen Bachs führt sie aber doch ein Schattendasein. Ich persönlich liebe das Stück und spiele es auch immer wieder sehr gerne. Ich darf die Frage in den Raum stellen, was eine romantisierende Interpretation in diesem Zusammenhang meint. Das Werk ist zumindest sehr affektbeladen - eine Fantasie eben - und kann daher durchaus mit einigen Gestaltungsmitteln interpretiert werden, die man gemeinhin eher einer romantisierenden Haltung zuordnet, etwa starke Rubati. Wie immer bei Bach ist gerade bei dieser Fantasie ein rhetorisches Spiel unerlässlich, sonst ist das nur skalengedudel. Bei Weissenberg (ich kenne nur eine steinalte Aufnahme) ist mir die Artikulation im Rezitativ viel zu undifferenziert. Dass er sich einen Dreck um alle Erkenntnisse historischer Aufführungspraxis schert, kann man sich denken. Schlimmer aber ist beispielsweise Kempffs chopineskes Getue bei den Arpeggi oder Brendels banale Skalen-Fingerübungen, die man auch hätte von einem programmierten Computer so in derselben Qualität abspielen lassen können. Kurzum: mir gefallen nur Versionen auf dem Cembalo, und dort dürfen sie feurig sein. Richard Egarr beispielsweise gefällt mir, und natürlich mein Liebling Pierre Hantai. Letzterer übrigens verzichtet sogar auf die allgegenwärtigen Echo-Kinkerlitzchen (und die böten sich ja gerade auf dem Cembalo eigentlich an...), er macht das lieber durch beseeltes Spiel und gerichtete Energetik. Es wird mehr dazu kommen, heute aber nicht mehr.
Bonne nuit, S A T I E
Shruti (11.09.2013, 10:07): Lieber Satie, vielen Dank für die Würdigung der ChrFF! Siehe auch meinen Beitrag im Thread Meilensteine und Glanzlichter der Musikliteratur.
Original von Satie Ich darf die Frage in den Raum stellen, was eine romantisierende Interpretation in diesem Zusammenhang meint. Das Werk ist zumindest sehr affektbeladen - eine Fantasie eben - und kann daher durchaus mit einigen Gestaltungsmitteln interpretiert werden, die man gemeinhin eher einer romantisierenden Haltung zuordnet, etwa starke Rubati.
Mit romantisierenden Interpretationen meine ich nicht, die emotionale Ausgestaltung der Fantasie, insbesondere des Rezitativs. Ich meine das Abgleiten in die Spielweise, die den Werken der Hochromantik gut zu Gesicht steht. Das betrifft nicht nur den übermäßigen Einsatz des Pedals als "Weichmacher", auch die Phrasierung und Dynamik (die ja m. E. ruhig sein darf, dann aber eben im Sinne der "Treppendynamik").
Original von Satie Schlimmer aber ist beispielsweise Kempffs chopineskes Getue bei den Arpeggi oder Brendels banale Skalen-Fingerübungen, die man auch hätte von einem programmierten Computer so in derselben Qualität abspielen lassen können.
Kempff, dem ich insegsamt mehr zugetraut hätte, hat mich richtig entsetzt. Das ist ein gutes Beispiel für "romantisierende Interpretetation" und mit Deinem Wort vom "chopinesken Getue" absolut richtig getroffen!
Shruti (11.09.2013, 10:29): Nun komme ich zu einem weiteren abschreckenden Beispiel: gestern habe ich mir eine Aufnahme des sagenhaften Simon Barere angehört; es scheint sich um eine Live-Aufnahme aus dem Jahr 1946 aus der Carnegie Hall zu handeln. Für alle, die Zugang zu Spotify haben, hier der Link: Simon Barere – Chromatic Fantasy and Fugue, in D minor, BWV 903
Simon Barere (geboren als Simon Barer 1896, gestorben 1951) war zusammen mit Valdimir Horowitz Schüler von Blumfeld in St. Petersburg, er emigrierte Mitte der 30er Jahre in die USA. Beide waren in gewisser Weise Konkurrenten, auch später im Wettrennen um den Titel des GröVaz (bzw. des größten Virtuosen aller Zeiten).
Barere starb so, wie ein Vollblut-Musiker möglicherweise gerne sterben möchte: an einem Hirnschlag während der Aufführung (des Grieg Klavierkonzertes in der Carnegie Hall mit dem Philadelphia Orchestra und Eugene Ormandy; an welcher Stelle der Partitur der Hirnschlag einsetzte, ist mir nicht bekannt).
Sein Ruhm gründet sich insbesondere auf seinen monströsen technischen Fähigkeiten des Klavierspiels, er wurde als Maschine mit exorbitanten motorischen Fähigkeiten, als Über-Virtuose bezeichnet.
Die Aufnahme der ChrFF hat mich dermaßen irritiert, dass ich sie fünfmal hintereinander angehört habe (ein sechstes Mal schaffe ich nicht). Mit jedem Mal fand ich die Aufführung grotesker. Unfassbar, von welchen Möglichkeiten Barer Gebrauch macht, um das Werk zu zerstören!
Barer macht aus der ChrFF eine musikalische Karrikatur, er übertreibt zugunsten der Zurschaustellung seiner Gelenkigkeit und virtuosen Fähigkeiten die Charakteristika des Werks. Die totale Sprengung des Werks, insbesondere der dreiteiligen Fantasie!
Und dann die Fuge, bei der es doch gerade auf metrisches Spiel ankommt, metrisch frei, Tempowechsel mit Rubati, als ob die Fuge keine Fuge wäre sondern der vierte Teil der Fantasie - abstoßend!