Janacek - Jenufa: als uneheliche Kinder noch eine Schande waren
Heike (04.03.2012, 12:14): Jenufa ist eine Oper in drei Akten von Leoš Janácek. Uraufführung: 21. Januar 1904, Nationaltheater Brünn Libretto: Leoš Janácek, nach Gabriela Preissovás Schauspiel „Ihre Ziehtochter“ (beruht auf wirklichen Vorgängen) Spieldauer: ca. 110 Minuten
Handlung: Es wird über 9 Monate die Geschichte einer jungen Frau in einem mährischen Dorf Ende des 19. Jh. verfolgt.
1. Akt (Sommer): Jenufa wartet (mit Stiefmutter und Großmutter) auf Števa, der gerade zur Musterung ist. Števa, der Besitzer der Mühle, hat Jenufa verführt und geschwängert. Er will sie heiraten, um die "Schande" eines unehelichen Kindes abzuwenden, doch nur dann, wenn er nicht zum Militär muss. Števa kommt betrunken vor Freude von der Musterung zurück, er muss nicht zur Armee. Daraufhin verbietet die Stiefmutter (die nichts von der Schwangerschaft weiß) die Heirat: Sie ordnet erstmal ein Jahr (alkoholfreie) Probezeit an. Anschließend steigert sich Laca, Števas Halbbruder in Eifersucht hinein und verletzt Jenufa mit einem Messer im Gesicht. Er ist total in Jenufa verliebt und bereut die Tat auch sogleich.
2. Akt (Winter): Um die Schwangerschaft geheim zu halten, wird Jenufa von ihrer Stiefmutter (die Küsterin ist) bis zur Entbindung versteckt. Doch Števa, dessen Interesse an der durch die Messerattacke entstellten Jenufa geschwunden ist, will sie nicht mehr heiraten, da hilft auch alles Bitten der Stiefmutter nicht. Diese versucht daraufhin, eine Verbindung zwischen Laca und Jenufa herbeizuführen, da er sie immer noch liebt. Doch Laca hadert mit dem fremden Kind – für die Dorfbewohner wiegt diese Schande schwer. Um die Ehe zwischen Laca und Jenufa zu ermöglichen, betäubt die Stiefmutter Jenufa und ertränkt das Kind. Anschließend behauptet sie, Jenufa habe zwei Tage im Fieber gelegen und das Kind sei in dieser Zeit gestorben. Jenufa geht auf Lacas Werben ein, die Hochzeit wird beschlossen. Die Stiefmutter quält ihr Gewissen.
3. Akt (Frühjahr): Es ist der Morgen der Hochzeit. Es entsteht ein Aufruhr, als Dorfbewohner die Leiche eines Kindes unter tauendem Eis finden. Anhand der Kleidung erkennt Jenufa das tote Baby als das ihrige. Alle vermuten in ihr die Mörderin und sind kurz davor, sie zu steinigen. Aber Laca stellt sich vor sie. Dann gesteht die Stiefmutter ihre Schuld ein und wird vom richter weggeführt. Jenufa erkennt, dass nicht Böswilligkeit, sondern die Liebe zu ihr Grund für den Kindsmord waren und verzeiht ihrer Stiefmutter. Laca steht trotz allem zu Jenufa; damit erwacht erstmals ihre Liebe zu ihm. Gemeinsam versuchen sie einen neuen Anfang in der Fremde.
Quellen: Wiki, Reclams Opernführer
stiffelio (04.03.2012, 13:05): Liebe Heike,
uff! Ich mag ja Opern, die schon von der Handlung her unter die Haut gehen. Aber bei dieser geballten Tragik wird mir schon etwas schwindelig. Ich kenne von Janácek noch keine Oper, wie modern ist die Musik?
VG, stiffelio
Heike (04.03.2012, 13:56): Die Musik ist modern, also durchkomponiert, keine Nummernoper. Aber eher melodisch, teilweise mit schön bearbeiteten folkloristischen Anmutungen und sehr virtuos instrumentiert. Wenn du Wagner magst, wird es dir vielleicht gefallen.
Hier ein youtube- Ausschnitt für eine kleine Idee von der Art der Musik Trailer aus Mannheim und noch eine bekannte Arie dazu: Arie der Küsterin
Ich habe den Thread erföffnet, weil ich mich nachher auf die Premiere an der DOB freue :-) Heike
P.s. Janácek hat einige grandiose Opern geschrieben, wenn du da noch gar nichts kennst, dann warten da möglicherweise schöne Entdeckungen auf dich!
Billy Budd (04.03.2012, 14:41): Liebe stiffelio, Hier findet sich auch das Videobeispiel der Wiener Staatsoper (In deutscher Sprache). Du musst nur in der Mitte unten auf "Videobeispiel" klicken. Ich jedenfalls mochte früher keine Janacek-Musik, aber seit einiger Zeit liebe ich seine Opern. Ich glaube auch, dass noch so manche Entdeckung auf Dich warten wird.
Zum Thema: Ich habe die "Jenufa" leider erst einmal live gesehen und kann auch nicht viel dazu beitragen. Vielleicht könnte man an der Inhaltsangabe noch ergänzen, dass sich Karolka - die Braut Stevas - sich von ihrem Bräutigam abwendet, als sie seine andere Seite kennen gelernt hat. Mich interessiert sehr, wie es mit der Küsterin weitergeht, nachdem sie vom Richter weggefüht worden ist. Irgendwo habe ich gelesen, sie werde nach ihrem Geständnis freiwillig Selbstmord begehen. Angeblich wird die "Jenufa" bei uns in Zukunft in Originalsprache gesungen werden.
Billy :hello
Heike (04.03.2012, 14:57): Hier findet sich ein - wie ich finde sehr interessantes - Interview mit der Regisseurin Barbara Frey, die Jenufa 2009 in Hannover inszeniert hatte.
Sie geht auch auf die Stiefmutter (=die Küsterin) ein, die zwiefellos auch eine sehr interessante Figur ist. Was aus ihr wird, ist vermutlich nur im zugrundeliegenden Schauspiel in Erfahrung zu bringen, bzw. in der realen Geschichte.
danke für eure Links, ich habe sie mir angeschaut. Von Wagner zu Janácek ist es nach meinem Empfinden doch noch ein ganzes Stück. Ich kann mir gut vorstellen, dass das in ein paar Jahren für mich sehr interessant sein wird, jetzt fühle ich mich noch nicht "reif" dafür. Aber ich werde Janácek im Hinterkopf behalten. Heike, dir ganz viel Freude bei der Premiere.
LG, stiffelio
Heike (04.03.2012, 23:24): Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 4. März 2012 (in tschechischer Sprache)
Musikalische Leitung Donald Runnicles Inszenierung Christof Loy Bühne Dirk Becker, Kostüme Judith Weihrauch, Licht Bernd Purkrabek, Choreographische Mitarbeit Thomas Wilhelm, Dramaturgie Christian Arseni, Chöre William Spaulding
Jenufa -Michaela Kaune Die Küsterin Buryja - Jennifer Larmore Die alte Buryja - Hanna Schwarz Laca Klemen - Will Hartmann Steva Buryja -Joseph Kaiser Altgesell -Simon Pauly Dorfrichter -Stephen Bronk Frau des Dorfrichters -Nadine Secunde Karolka -Martina Welschenbach Magd -Fionnuala McCarthy Barena -Jana Kurucová Jano -Hila Fahima
"Ich weiß, dass ich in einer schwarzen Oper ins Schwarze gemalt habe, eine düstere Musik – so wie auch meine Verfassung war.« (Brief, Janácek im Oktober 1903)
Ein beeindruckendes Werk, das mich musikalisch total gefesselt hat. Extreme, kontrastreiche Musik, teilweise sehr expressiv, dann wieder absolut minimalistisch, oder auch ganz karg. Runnicles dirigierte eher kontrolliert, arbeitete die vielen Facetten manchmal nicht so gut raus. Gut haben mir die leisen, kammermusikalischen Passagen gefallen, aber auch wachsende Bedrohlichkeiten hat er gut getroffen. Packend auch das Motiv der Mühle, das vom Xylophon untermalt sich so wie ein roter Faden durch die Musik zieht. Prinzipiell hätte ich mir doch das eine oder andere Detail subtiler gewünscht, insgesamt auch mehr rhythmische Genauigkeit.
Zur Inszenierung: Loy will die Stiefmutter ins Zentrum stellen, es beginnt mit ihr im Gefängnis, sie denkt zurück (auch jeder Akt beginnt so). Entsprechend ist der Raum: Steril, komplett weiß, nur mit einem Tisch und Stuhl möbliert. Die Bühne ist dabei in der Höhe reduziert und nach hinten geschlossen, also man sieht einen Streifen, wie in einem Breitbandfilm. Dann öffnet sich nach hinten die Wand und man sieht ein abgeerntetes Feld, Jenufa kommt rein und die Handlung nimmt ihren Lauf. Anfangs fand ich das sehr gut, aber es wird mehr und mehr vorhersehbar (im zweiten Akt sieht man hinter der langsam weggezogenen hinteren Wand nur Schnee). Irgendwann wird es redundant, weil die Inszenierung nicht viel mehr zu bieten hatte. Also psychologische Deutung findet quasi nicht statt. Die Personenführung fand ich choreographisch ok, psychologisch langweilig - es passierte einfach nur das, was im Text steht. Als einziger (und nicht gerade neuer) Effekt verengte sich der weiße Raum, als Jenufa als Mörderin beschuldigt wurde. Ach, und im zweiten Akt gab es ein wunderschönes fahles Licht. Ein Perspektivwechsel aus Sicht der Küsterin, wie ich ihn nach dem Beginn erwartet hatte, fand nicht statt. Auch am Ende keine Idee von Weiterverfolgung ihres Schicksals. Auch die gegensätzlichen Brüder blieben blass, die Großmutter wurde als Figur nicht klar, also irgendwie letztlich trotz des modernen Bühnenbildes eine stockkonservative Inszenierung, nahe am Text, in modernen Kostümen. Ich habe keine Buhrufe für die Regie gehört, was sicher nicht daran lieg, dass es so genial gemacht war. Es wurde nichts riskiert und das ist aufgegangen.
Nun gut, die Inszenierung war ganz und gar nicht ärgerlich und somit auch nicht störend - nur etwas harmlos eben. Man konnte ungestört seinen eigenen Gedanken nachgehen, das hat ja auch was für sich. Ich habe darüber nachgedacht, wer von den beiden Brüdern eigentlich der bösere ist. Laca, der seinen Halbbruder hasst und Jenufa das Gesicht zersticht, oder Steva, der sich betrinkt, weil er nicht zur Armee muss und der "nur" eine ungeliebte Frau nicht mehr haben will (nicht nur wegen der Narbe, sondern weil sie, wie er sagt, sich verändert hatte, der Küsterin immer ähnlicher geworden war!). Immerhin wollte er für das Kind zahlen.
Sängerisch war es eine solide Ensembleleistung ohne Glanzlichter. Jenufa alias Michaela Kaune hat mich nicht so überzeugt, sie spielte langweilig und sang irgendwie ebenso - zudem nervte mich starkes Vibrato, wenn es lauter wurde. Zwar hat sie einen hellen Sopran und passt damit ganz gut zu der Rolle, aber sie hat mich wenig berührt und in den hohen Tönen auch so einige Mühen. Jennifer Larmore als Küsterin sang zwar sehr schön, kam aber mit ihrem Mezzosopran mitunter kaum über das Orchester. Jedoch hatte sie eine weitaus bessere Bühnenpräsenz und konnte auch beklemmende Stimmungen erzeugen. Die beiden Männer waren gut, aber nicht mehr: Will Hartmann als Laca war mir etwas zu brav, konnte mir weder Eifersucht noch Aggression vermitteln. Joseph Kaiser als Steva gefiel mir etwas besser, man nahm ihm seine Zerrissenheit ab, auch die Angst vor der Verantwortung. Hanna Schwarz bekam sehr viel Beifall, warum ist mir komplett schleierhaft.
Nebenbemerkungen Es gab 2 Pausen, was ich störend fand. Die Handlung ist so dicht, dass ich sie gern am Stück gesehen hätte. Die Übertitel waren schlecht zu lesen, weil durch die komplett weiße Bühne die Augen die weiße Schrift darüber auf dem schwarzen Grund schlecht erfassen - der Beamer der DOB ist zu lichtschwach (das ist mir übrigens auch beim Don Carlo schon aufgefallen). Das Premierenpublikum ist ein diszipliniertes - wenig Gehuste, kein unpassender Zwischenapplaus. Ich frage mich aber, was sich der Vater(?) gedacht hat, der sein max. 5jähriges Kind mit in diese Aufführung nahm.
Alles in allem ein schöner Abend, was vor allem der großartigen Musik und der unter die Haut gehenden Handlung zu verdanken war. Heike
Severina (05.03.2012, 00:06): Liebe Heike, erstaunlich, dass Loy eine derart brave Inszenierung abgeliefert hat! Dabei ergibt sich bei der "Jenufa" ja schon eine spannende Aufführung, wenn lediglich die Figuren psychologisch ausgelotet werden, aber auch das scheint er verabsäumt zu haben. Da ich zumindest einige der Sänger kenne, kann ich Deine Bewertung gut nachvollziehen. (Kaiser z.B. singt meist gut, bringt aber zu wenig Persönlichkeit ein.)
Wir haben eine sehr gute Pountney-Inszenierung, die zwar schon etliche Jährchen am Buckel hat, aber immer noch funktioniert. Und Agnes Baltsa war immer eine beklemmende Küsterin, die einen frieren ließ. Das einzige Manko war die deutsche Sprache, aber angeblich soll bei der Wiederaufnahme in der nächsten Saison tschechisch gesungen werden, worauf ich mich sehr freue.
lg Sevi :hello
Heike (05.03.2012, 07:51): Nun ja, es war ja wirklich keine schlechte Inszenierung, ich hatte nur irgendwie etwas mehr von Loy erwartet. Vielleicht KANN man dieses Werk aber auch nur so machen, dass man den Text für sich stehen lässt. Wobei, nee, etwas mehr Spürsinn für die inneren Dinge (über eine schön hingestellte Choreographie hinaus) darf es dann doch gern sein. Heike
stiffelio (19.07.2014, 10:30): Jenufa - DOB Runnicles/Loy abweichende Besetzung zu oben: Steva Buryja - Ladislav Elgr Jano - Alexandra Hutton
Liebe Heike,
gestern habe ich durch Zufall diese DOB-Jenufa im Netz gefunden. Sogar mit deutschen Untertiteln, was es mir erstmals ermöglicht hat, die Oper von A bis Z durchzuhalten. Spannend und faszinierend! Aufhören ging nicht, obwohl ich eigentlich "nur mal reinschauen" wollte. Mir hat die Inszenierung gerade wegen ihrer Reduktion sehr gut gefallen, die Psychologie fand ich gut herausgearbeitet. Glanzlicht waren die schauspielerischen Leistungen der meisten Sänger. Mein Eindruck war, dass da absolut faszinierende Charakterstudien abgeliefert wurden, wobei die Nahaufnahmen, von denen reichlich Gebrauch gemacht wurde, sicher geholfen haben. Ganz besonders hervorheben möchte ich die Küsterin und das Brüderpaar Laca und Steva. Die Küsterin war eine Meisterleistung, ich konnte ihr alles abnehmen: ihre strenge Liebe zu Jenufa, die Panik vor der Schande, den Hass auf Steva und seine Neuverkörperung in Jenufas Kind, die Abscheu vor sich selbst, als sie zur Mörderin wird und die Erleichterung, als alles entdeckt wird. Laca fand ich im Gegensatz zu dir auch grandios umgesetzt, sein verhalteneres, aber sehr präzises und eindringliches Spiel kam aber vermutlich wirklich erst durch die Nahaufnahmen richtig zur Geltung. Unter seiner zurückhaltenden Fassade brodelten gerade im ersten Akt Emotionen, derer er kaum Herr wurde und die ihn dann auch in der entscheidenden Szene mit Jenufa durchdrehen ließen. Seine Liebe zu Jenufa hatte genau die richtigen Facetten: zuerst die eifersüchtige Hassliebe, seine Verzweiflung, dass Jenufa von Steva (der sie mit hoher Sicherheit unglücklich machen wird) nicht lassen will und sogar noch seine Kränkungen verteidigt, sein Entsetzen sofort nach der Tat, seine Treue während der Trennung, seine Gewissensbisse, seine wilde Verteidungung, als Jenufa als Mörderin verdächtigt wird und zum Schluss seine nachtwandlerische Überzeugung, dass Jenufa ihr Schicksal überwinden wird. In der Schlussszene lässt sie sich zu ihm herab, nicht er zu ihr, obwohl es gesellschaftlich anders herum aussieht - und ihm ist das völlig klar. Steva (abweichende Besetzung s.o.) war schon fast überzeichnet, aber insgesamt sehr gut als schwacher Charakter, der nie über pubertäre Reaktionen hinausgekommen ist, dargestellt. Ebenfalls eine schauspielerische Glanzleistung! Bei Jenufa gebe ich dir recht, dass sie als einzige Hauptfigur nicht optimal umgesetzt war. Michaela Kaune konnte die Entwicklung vom attraktiven, lebenshungrigem Mädel zur introvertierten, tragischen, aber starken Gestalt mir nicht vermitteln. In der Nahaufnahme ließ sich auch nicht mehr verbergen, dass sie für diese Rolle zu alt wirkte. Von den Nebenrollen kann ich noch den Altgesell als grandiose Spielleistung hervorheben. An der Grenze zur Überdrehtheit (aber das gekonnt) waren die Frau des Dorfrichters, ihre Tochter Karolka und Jano. Bezüglich der sängerischen Leistungen stimme ich mit dir überein: solide ohne besondere Glanzlichter. Mit der Musik werde ich leider immer noch nicht ganz warm, von Verdi und Wagner herkommend ist sie mir noch zu spröde. Das wird aber für mich durch das geniale Libretto ausgeglichen.
VG, stiffelio
stiffelio (22.07.2014, 21:05): Es gibt ein untrügliches Zeichen, dass Janacek es doch geschafft hat, mich mit "Jenufa" anzufixen: Ich komme nicht von ihr los und und höre/sehe die DOB-Aufführung mittlerweile in jeder freien Minute vorwärts und rückwärts. Langsam geht auch die Musik besser in meine Ohren. Bei manchen Dissonanzen denke ich noch immer "muss das jetzt sein?", aber es gibt auch über weite Strecken ganz wunderbare und ausdrucksvolle Musik.
Zu Heikes Frage, wer der Schimmere der Brüder ist, würde ich zunächst sagen, dass Janacek es schafft, alle Figuren in ihrer ganzen Bandbreite zu zeigen. Keiner ist nur gut oder nur böse. Aber die Küsterin, Jenufa und Laca haben eines gemeinsam: allen drei ist an einem wichtigen Punkt einmal die Sicherung durchgebrannt, aber danach stellen sie sich den Folgen und nehmen ihre Schuld auf sich. Genau das tut Steva nicht. Er ist nicht böse, aber er ist schwach und damit in dieser kritischen Situation schlecht.
VG, stiffelio
Billy Budd (23.07.2014, 11:53): Original von stiffelio Es gibt ein untrügliches Zeichen, dass Janacek es doch geschafft hat, mich mit "Jenufa" anzufixen: Ich komme nicht von ihr los und und höre/sehe die DOB-Aufführung mittlerweile in jeder freien Minute vorwärts und rückwärts. Langsam geht auch die Musik besser in meine Ohren. s gibt auch über weite Strecken ganz wunderbare und ausdrucksvolle Musik. :beer :leb :beer
stiffelio (02.08.2014, 19:13): Hallo Billy, nachdem ich mich noch weiter in Jenufa eingehört habe, kann ich nur sagen: geniale Musik! :beer
Im Vergleich verschiedener Inszenierungen ist mir aufgefallen, dass es zumindest in einigen offen bleibt, ob Laca Jenufa mit voller Absicht in die Wange schneidet oder es mehr oder weniger unbewusst bzw. als Unfall passiert. Das ist ja auch insofern librettogemäß, als die Magd, die es beobachtet hat, es als Unfall schildert, der Altgesell dagegen Laca beschuldigt, es mit Absicht getan zu haben. Lediglich im Trailer der aktuellen BSO-Inszenierung und in einer Münchner Inszenierung mit Astrid Varnay 1970 hatte ich den Eindruck, dass es eindeutig als Absicht dargestellt wurde. In den Inszenierungen mit Roberta Alexander und Nina Stemme (DVDs) scheint es mir zweideutig und in der aktuellen DOB-Inszenierung ist es ziemlich eindeutig als Unfall dargestellt.
Ich habe auch mal versucht, mich in die Gedanken von Jenufa und Laca hineinzuversetzen, als das Kind unter dem Eis entdeckt wird. Mir erscheint es stimmig, dass beide zunächst annehmen, die Küsterin habe es NACH seinem Versterben dort versteckt, weil sie es nicht offiziell beerdigen konnte oder durfte - es sollte ja geheim bleiben. Dazu passt, dass Jenufa zwar völlig außer sich scheint, aber nicht wegen Verdacht eines Mordes, sondern "nur", weil sie der Verdacht empört, ihr Kind solle ohne Sarg beerdigt werden und keine Ruhe finden. Laca möchte verhindern, dass Jenufa sich als Kindmutter outet, nicht weil er einen Mord (von wem auch immer) vermutet, sondern damit sie (beide?) in Zukunft nicht die Schande des Bekanntwerdens der unehelichen Schwangerschaft tragen muss (müssen).
Schließlich ist mir noch ein interessantes Zeitgeist-Detail ganz am Schluss aufgefallen: während in den älteren Inszenierungen oft Laca Jenufa für den Aufbruch in ihr neues Leben an die Hand nimmt bzw. den Aufbruch initiiert, kehrt sich das in den neueren Inszenierungen um. Auch an der DOB nimmt Jenufa Laca an die Hand, nicht umgekehrt.
VG, stiffelio
Billy Budd (06.08.2014, 15:28): Das freut mich aber! :beer