Heike (09.03.2010, 20:24): Ich beginne mal mit dem Streichquartett Nr. 1 "Kreutzersonate " - vielleicht mag ja jemand anderer das zweite vorstellen.
Janacek ließ sich 1923 bei seinem ersten Streichquartett von Tolstois Novelle Kreutzersonate inspirieren.
Sätze: 1. Adagio - Con moto Das erste Thema, das mehrmals sehr markant und expressiv wiederkehrt, und das zweite, eher liebliche Thema, stehen sich verzweifelt gegenüber. Ruhelos, fast ziellos geht es hin und her, da nähert sich nichts an (auch später nicht). Es drängt sich auf, darin die komplett gegensätzlichen Eheleute in Tolstois Novelle zu sehen, die auch bis in den Tod unversöhnlich bleiben.
2. Con moto Wieder was neues kommt dazu, ein leidenschaftliches, scherzoartiges Thema (der Geiger aus der Sonate? Die Leidenschaft zur Musik?) - wie auch immer, es steigert sich, wird konflikthaft und intensiver.
3. Con moto - Vivace - Andante Dramatik pur! In die kontrapunktischen Harmoniewelten brechen immer wieder dissonante Töne ein, extreme Störungen. Nichts passt.
4. Con moto - Adagio - Piu mosso Das erste Motiv dominiert fast solistisch, Bitten und Klagegesang spitzen sich hochemotional zu. Ganz am Schluss aber helle Töne, für mich eher ein Fünkchen Hoffnung als matte Resignation.
Welche Bezüge zu Tolstois Novelle seht ihr? Welche Aufnahmen mögt ihr? Heike
P.s. basierend auf diesem 1. Quartett "Kreutzersonate" entstand 2001 (deutsch 2002) die gleichnamige Liebesgeschichte von Margriet de Moor, diese wurde mehrfach, zuletzt 2007, verfilmt.
Armin70 (09.03.2010, 21:46): Hallo,
im Text des Begleitheftes der Aufnahme mit dem New Helsinki String Quartet (Finlandia) steht u. a. über Janaceks 1. Streichquartett, dass Tolstoi in der "Kreutzersonate" den Schwerpunkt auf den Mann legt. Das ist ja irgendwie auch logisch, da er ja seine Erlebnisse und den Mord an seiner Ehefrau den anderen Reisenden im Zuge schildert.
Janacek dagegen konzentriert sich in seinem 1. Streichquartett auf die Rolle der Ehefrau, auf ihre Gefühle und wie unglücklich sie ist. Das ist für Janacek auch typisch, da ihn tragische Frauen immer zu faszinieren schienen, wenn man seine Opern Jenufa, Kata Kabanova oder Die Sache Makropolus betrachtet.
Eine Parallele gibt es zu Janaceks eigenem Leben, denn seine Frau Zdenka musste mitansehen und miterleben, wie sich Janacek in eine andere Frau verliebt: Kamilla Stösslova. Janacek lernte im Jahr 1917 die 38 Jahre jüngere und verheiratete Kamilla Stösslova kennen und bis zu seinem Tod war Janacek von ihr fasziniert. Der tschechische Dirigent Jaroslav Vogel, der Janacek persönlich kannte, berichtete über die Beziehung: "...es habe sich um eine Beziehung gehandelt, ohne dass sie (Stösslova) sich dabei, wie wir annehmen dürfen, der formalen ehelichen Untreue nach dem Gesetz schuldig machte, ja wahrscheinlich ohne dass sie ihn überhaupt liebte..."
Janacek komponiert sein 2. Streichquartett "Intime Briefe" Anfang 1928 und im September 1928, 1 Monat nach seinem Tod, wurde das Werk in Brünn durch das Mährische Streichquartett uraufgeführt. Janacek offenbart in diesem Werk seine große Liebe zu Kamilla Stösslova: "...Da wird unser Leben darin sein. Es wird heißen Liebesbriefe… Hinter jedem Ton stehst Du, lebendig, heftig, liebevoll", schreibt er ihr.
Von Janacek weiss man, dass er ca. 800 Briefe an Kamilla schrieb und von ihr sind etwa 200 Briefe erhalten. Letztenendes blieb es eine platonische Liebe, was letztlich daran lag, dass Kamilla doch mehr an ihren Mann dachte, als Janacek an seine Frau. In einem von Kamillas erhaltenen Briefen schrieb sie u. a. "gut, dass Sie so alt sind."
Dieses 2. Streichquartett ist wie das 1. viersätzig:
1. Andante 2. Adagio 3. Moderato 4. Allegro
Man spürt in jeder Note dieses Werks die Leidenschaft bzw. die Erregung von Janacek, die er gegenüber Kamilla empfunden hat. Mehr noch als das 1. Streichquartett, so enfernt sich Janacek in diesem Werk noch mehr von der Streichquartett-Tradition. Herkömmliche motivische Verarbeitungen finden hier nicht mehr statt. Janacek liess sich ganz den Stimmungswechseln leiten und die Musik passt sich dem total an. Ständig baut Janacek neue Themen und Motive ein. Man befindet sich auf einer emotionalen Achterbahn. Janacek sagte, dass der 1. Satz den Moment beschreibt, als er Kamilla zum ersten Mal sah.
Bis jetzt besitze ich nur eine Aufnahme von Janaceks Streichquartetten mit dem New Helsinki Quartet:
Ich bin zugegebener Massen nicht der größte Kammermusik-, insbesondere Streichquartett-Experte aber ich denke, dass dies sicher eine gute Aufnahme ist. Allerdings bin ich durchaus auch interessiert an anderen empfehlenswerten Aufnahmen dieser Werke, da diese so vielschichtig sind, dass es verschiedene ebenbürtige Interpretationsansätze geben kann.
Man spürt in jeder Note dieses Werks die Leidenschaft bzw. die Erregung von Janacek, die er gegenüber Kamilla empfunden hat.
Janacek hat zu diesem Werk an seine (wahrscheinlich platonische) Geliebte geschrieben: "Jubel, heißes Bekenntnis der Liebe, wehklagend; unbezähmbare Sehnsucht. Unerbittlicher Entschluß, mich mit der Welt um Dich zu schlagen .... Ach, das ist ein Werk, als ob man es aus lebendigem Fleisch herausschnitte." (das Zitat steht so in meinem Kammermusikführer).
Mich fasziniert dieses Wechselspiel zwischen Euphorie und Angst ungemein. Heike
abendroth (02.12.2012, 22:33): Der Briefwechsel zwischen Janacek und Kamila Stösslova wurde 1990 in Brünn veröffentlicht. Eine Englische übersetzung erschien 1994, die paperback Ausgabe 2005. Intimate Letters - Leos Janacek to Kamila Stösslova (Ed. and translated by John Tyrell), Faber and Faber, London. (Vielleicht gibt's auch eine deutsche Ausgabe)
Hörbert (30.12.2012, 13:36): Hallo!
Neben der bekannten Aufnahme mit dem Alban Berg Quartett die ich trotz des ein wenig unterkühlten Duktus sehr schätze mag ich insbesondere die schon etwas ältere Aufnahme beider Streichquartette mit dem Medici-String-Quartett das recht temeramentvoll zur Sache geht.
Vom ersten Quartett habe ich noch eine alte Lockenhaus-Aufnahme (1985) mit dem Hagen-Quartett die ich allerdings nicht so gelungen finde.
Eine für mich endgültig schlüssige Interpretation steht aber noch aus.
MFG Günther
abendroth (05.01.2013, 01:03): Hallo Günther, was die Medici Aufnahme betrifft, kann ich Dir nur zustimmen. Ich habe die Janacek Quartette oft in verschiedenen Aufnahmen gehört (u.a. die was Klangeffekte betrifft sehr extreme Hagen Aufnahme bei der DG), aber keine hat mir bisher mehr zugesagt als die erwähnte Medici Aufnahme. Schade, dass man von diesem Quartett nichts mehr hört. freundliche grüsse abendroth
Hörbert (05.01.2013, 10:28): Hallo!
Ja, das ist schade, die alte Aufnahme hat ja schon einige Jahre auf dem Buckel und ich würde mir eine gleichwertige Neuinterpretation durchaus wünschen.
Eine tolle Interpretation hat das Medici-String-Quartett auch von den beiden Smeterna-Streichquartetten abgeliefert, -ich weiß nicht ob du die schon kennst-.
Das Medici-String-Quartett hat in der Vergangenheit einige recht hochkarätige Aufnahmen gemacht, allerdings sind die beiden Janacek Quartette m.E. ihr Meisterstück. Ihre Beethoven- und Schubert-Interpretationen sind zwar gut treffen bei mir aber nicht so den Nerv.
MFG Günther
Cetay (inaktiv) (05.01.2013, 11:03): Original von Hörbert
Eine für mich endgültig schlüssige Interpretation steht aber noch aus.
MFG Günther
Worin besteht die Unschlüssigkeit beim Quatour Diotima (beide) und beim casalQuartet (erstes)?
Hörbert (05.01.2013, 12:54): Hallo!
Diotima gefällt mir mehr mit den Werken der neuen Musik, (z.B. James Dillon) interpretatorisch sehe ich sie eher in der Nähe des Arditti-Quartetts als in der Nähe des Medici-String-Quartetts, - Janacek ist schließlich alles andere als neue Musik-. :)
Das Casal-Quartet kenne ich bislange noch nicht, eventuell wede ich einmal reinhören.