Sfantu (16.04.2021, 00:35): Jón Nordal kann man, nun, da er in sein 96. Lebensjahr getreten ist , vielleicht eine graue Eminenz der isländischen Kunstmusik nennen.
Sfantu (16.04.2021, 00:37): Geboren am 6. März 1926 in Reykjavik, war sein erster Theorie-Lehrer Victor Urbancic (1940-45), später am Reykjaviker Konservatorium ebenfalls Urbancic & Árni Kristjánsson in Komposition sowie Jón Thórarinsson im Fach Klavier. Nach seinem Abschluß, 1949, setzte er seine Studien in Klavier bei Walter Frey & Komposition bei Willy Burkhard am Zürcher Konservatorium fort. Es schlossen sich Studienaufenthalte in Paris & Rom an, schließlich die Teilnahme an den 1957er Darmstädter Ferienkursen. 1957 trat er eine Stelle als Klavier-& Theorielehrer am Konservatorium seiner Geburtsstadt an. 1959 wurde er dessen Direktor – ein Posten, den er bis 1993 bekleidete. 1959 war er Mitbegründer & erster Vorsitzender der Vereinigung Musica Nova . Sein Frühwerk war von der heimatlichen Volksmusik beeinflußt . Nach dem weiter unten beschriebenen Um-& Irrweg über den Serialismus zu seinem Reifestil war sein Werk seit den frühen 1980ern von Chor-und Kammermusikwerken dominiert – im wesentlichen gekennzeichnet von wachsender Expressivität .
Sfantu (16.04.2021, 00:37): Kammermusik Systur i Garðshorni („Die Schwestern aus Garðshorni“) für Violine & Klavier, 1945; Trio für Oboe, Klarinette & Horn, 1948; Sonate für Violine & Klavier, 1953; Duo für Violine & Bratsche, 1983; Ristur („Schnitzereien“) für Violoncello & Klavier, 1985; Nocturne für Harfe, 1987; Myndir á thili („Wandmalereien“) für Violoncello & Klavier, 1992; Piccola musica notturna für Bratsche & Klavier, 1995; Frá draumi til draums („Von Traum zu Traum“) für Streichquartett, 1997; Andað á sofinn streng („Atem auf einer schlafenden Schnur“) für Klaviertrio, 1998
Sfantu (16.04.2021, 00:37): Orgelwerke Fantasie, 1954; Choralvorspiel zu einer Hymne, die nie gesungen wurde, 1980; Toccata, 1985
The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 1st edition, Stanley Sadie (Hrsg.), 1980, Band 13, S. 275
The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2nd edition, Stanley Sadie (Hrsg.), 2001, Band 18, S. 31-32
Sfantu (16.04.2021, 00:44):
Konsert fyrir selló og hljómsveit Erling Blöndal Bengtsson, Violoncello, Sinfóníuhljómsveit Íslands, Reykjavik – Petri Sakari (CD, ITM, 1989)
In einem Satz 22‘03
In seinem Cellokonzert (1983) kontrastieren die lyrischen Qualitäten des Soloinstruments & der Streicher mit vereinzelten Ausbrüchen von Blech & Perkussion . Ein sanglicher Monolog des Solisten wird von ruhenden Klangflächen der Streicher zaghaft beantwortet, bis unvermittelt Fanfaren der Hörner & markante Akzente der Trommel vorübergehend Bewegung erzeugen. Rückkehr zur meditativen Eingangsstimmung, gezielte Einwürfe durch Klavier & Xylophon – ein gleichmäßig ruhiges Metrum bleibt aber vorherrschend. Solo & Tutti treten in einen sich nun fortspinnenden Dialog – meist jedoch separiert voneinander. Kurze Soli der verschiedensten Einzelstimmen, das Solo-Cello meistenteils abgeklärt, nur hie & da mit auffahrender Geste, teils con sordino, dabei auch Ausnutzung extremer Lagen. Mithin virtuos ohne Vordergründigkeit. Das Schlagwerk leitet einen motorisch betonten Mittelteil ein, bleibt unterdessen immer ein treibendes Element – mal mehr, mal weniger im Vordergrund. Der Solist reagiert mit nervösen Pizzicati usw. usf.
Unter der handvoll Nordalscher Kompositionen, die ich kenne, bietet das Cellokonzert sicher die meiste Aktion, Abwechslung, Gestaltungsvielfalt. Am Ende hat wieder der Solist das Wort & das Werk verklingt fast, wie es begann: immer leiser, raisonnierend, mystisch, nebelverhangen.
Jederzeit präsentes, konzentriertes Musizieren. Klangltechnisch ganz geringfügig entfernt.
The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2nd edition, Stanley Sadie (Hrsg.), 2001, Band 18, S. 31-32
Sinfóníuhljómsveit Íslands, Reykjavik – Johannes Gustavsson (CD, Ondine, 2016)
Alle fünf Werke dieses Albums sind einsätzig. Sie wirken – jedes für sich genommen – wie blockhafte, konsistente Monolithen. Die Interpretationen lassen dabei keine Wünsche offen. Weder, was die Treffsicherheit der einzelnen Stimmungen angeht, noch spieltechnisch, noch, was die Klangqualität betrifft.
Choralis
Eine Auftragskomposition von Mstislaw Rostropowitsch für das National Symphony Orchestra Washington D. C., entstanden 1982. Eines der seltenen Beispiele dafür, daß Nordal ein Volkslied-Thema verwendet, Liljudag. Nachdem Klarinette & tiefe Streicher düster & verhangen einsteigen, bauen die hohen Streicher eine gewisse drückende Spannung auf. Das Glockenspiel steuert eine geheimnisvolle Figur bei, dann wird durch die tiefen Streicher das schattenhafte Liljudag-Thema unisono vorgestellt. Es kehrt nicht wieder, lauert aber hinter allem, was sich ereignet. Ein Mosaik der Stimmen: Pizzicati, Blech-Choräle, Melodielinien im Holz, von düsteren Streichern begleitet (nur hier, in der Mitte des Stückes, stellt sich eine angedeutete Stimmung des Sanglichen ein, die dem Werktitel entsprechen könnte), finstere, schaurige Soli von Baßklarinette & Kontrafagott, Warnrufe des Xylophons. Allmählich auf & ab wogende Spannungskurven, alles in ruhigem Zeitmaß. Ein Aufschwung zu einer Climax in bedrohlichem Tutti mit Trommelsalven & Donnergrollen in der Pauke, dazu ein Gongschlag. Kommentare des Klaviers sind nicht mehr als vergebliche Versuche der Relativierung, plädieren für die Ratio, gegen alles Mystische. Eine spröde, heiser werdende, ersterbende Melodie der Geigen im unisono setzt den Schlußpunkt, der im Grunde keiner ist.
Adagio für Flöte, Klavier, Harfe & Streichorchester
An zweiter Stelle steht dieses intimere Werk von 1966. Auch hier wird Düsteres verhandelt, die Affekte sind tiefschwarz & rauchig. Doch ist hier alles mehr von einer meditativen Stimmung durchzogen. Man lauscht etwas abseits stehend, beobachtend, abwartend. In Choralis war man indes mitten hineingezogen. Unbegleitet Soli wechseln mit dem Zusammenspiel ab. Die Soli sind im Grunde durchweg Verneinungen von Soli: niemals virtuos oder gewollt hervortretend sondern betont zögernd, nie vom Grundpuls des gesamten Stückes abweichend. Besonders die Harfe hinterläßt starke Eindrücke: das sonst von diesem Instrument gewohnte Rankenwerk findet nicht statt. Die nackten Einzeltöne gewinnen hier ein nie gekanntes, unheimliches Timbre. Auch das Adagio verklingt fast zusammenhanglos im Nichts. Atli Ingólvsson charakterisiert das Werk als Befreiungsschlag aus einer fast ein Jahrzehnt andauernden Schaffens-Blockade, welche bei Nordal der Besuch der Darmstädter Ferienkurse ausgelöst habe. Der dort vorherrschende Strukturalismus & der scheinbare Zwang der politischen & ästhetischen Positionierung müssen Nordal das Komponieren zu einer Bürde haben werden lassen. Der Kompositionsauftrag durch Bohdan Wodiczko, dem damaligen Chefdirigenten des Isländischen Sinfonieorchesters, brach Nordals Verstummen auf. Das Sich-Besinnen auf die kammermusikalische Klarheit löste offenbar etwas Entscheidendes aus. Sein Wiederauftauchen mit dem Adagio, seiner Kombination aus freier Atonalität & nachdenklichem Lyrizismus markiert es als das erste Werke seines reifen Stils.
Langnætti
(das Wort bezeichnet die überwiegende Dunkelheit des Winterhalbjahres) (1975). Klavier & Trommel eröffnen mit brüsker, trockener Rethorik. Ich denke kurz an Thriller-Soundtracks. Das Ensemble greift diese Stimmung auf. Diese „lange Nacht“ scheint keinen gemütlichen Schlummer zu versprechen. Falls der Sinn danach steht, sollten jetzt besser Fenster & Türen gut verriegelt werden. Die Solo-Violine erzählt eine unheimliche Geschichte, tremolierende Streicher hören sich gruselnd zu, die Celesta steuert doppeldeutige Kommentare bei. Klavier & Trommel melden sich wieder zu Wort. Angeführt von der sich empörenden Solo-Trompete wallt das Orchester auf. Nordal öffnet eine beinahe schon Ravel'sche instrumentatorische Zaubertruhe, es kommt zu einem hundertgesichtigen Schattenspiel der Stimmungen. Auch Langnætti verhaucht leiser werdend in einem geheimnisvollen Oboen-Solo. Insgesamt weist es die größte Dichte innerhalb dieser Auswahl auf – es „passiert“ am meisten.
Epitafion (1974)
Das Stück entstand zum Gedenken an den vertorbenen Cellisten Einar Vigfússon. Für Kammerorchester ohne Blech gesetzt, setzt es sich durch einen großen Anteil fast sanglicher, freilich klagender, Melodien von den anderen Werken hier ab. Manche Passagen nähern sich den Umlaufbahnen Mahlerscher Trauer an, ohne aber dessen Lamoryanz auch nur zu streifen. Klavier & Klanghölzer setzen punktuelle Akzente, die das Ganze vor dem Zerfließen bewahren. Eine ehrlich & tief empfundene Trauermusik. Auch Epitafion – wie sollte es anders sein – entschwebt sacht & enigmatisch. Hier aber vielleicht am stimmigsten, da die Grundstimmung ohnehin verhalten ist.
Leiðsla (1973)
Der Werktitel bezeichnet einen Bewußtseinszustand zwischen Meditation & Trance. Ist damit schon alles gesagt? Nicht ganz. Die streicherbetonten Dämmerzustände werden zwar selten, dafür aber imposant & durchaus lärmend durchbrochen. Sind dies Alpträume? Kathartische Visionen? Bald gewinnt die von Schleiern verdeckte Versenkung wieder die Oberhand. Das für volles Orchester gesetzte Stück zieht eine Bilanz, ermittelt eine Zwischensumme am Ende dieses Albums. Neben Langnætti bietet es die meisten Facetten.
All diese Werke nehme ich als wie in Zeitlupe wandelnde & sich wandelnde Organismen wahr (als stille Giganten eben). Ihre Grundbefindlichkeit ist ein In-sich-Ruhen, ein Verharren. Sie haben die Kraft, mich beinahe in eine Form von Hypnose zu versetzen, aus welcher heraus die seltenen, an sich moderaten Ausbrüche wie potenziert wirken. Die vorherrschenden ruhigen Passagen (Dynamik & metrischer Puls sind zurückgenommen) sind aber keineswegs einlullend – sie sind einnehmend durch ihre Fülle an Variationen stimulierender Klangschichten. Das kann fahl & dürr wirken, im nächsten Moment aber schon eine breite klangliche Majestät erreichen. Hier wie dort bleibt der Grundcharakter jedoch konstant: Klarheit, Souveränität, Innenschau. Das ondine-Booklet (Atli Ingólvsson) nimmt uns in Schlaglichtern zu Charaktereigenschaften Nordals auf eine Reise mit: wir lernen etwas über diese Persönlichkeit & erhalten so Ideen für das Verständnis der eingespielten Werke. Nordal scheint ein äußerst selbstkritischer, introvertierter Mensch zu sein. Langsam im Schaffen & ein Prokrastinierer vor dem Herrn, der meist nur unter (Termin-) Druck seine Inspiration mobilisieren kann & Auftraggeber (wie auch sich selbst) immer wieder durch „Lieferung“ in letzter Sekunde an den Rand der Verzweiflung treibt.
Sfantu (16.04.2021, 01:03): Aufnahmen von Kompositionen Jón Nordals waren oftmals nur vorübergehend greifbar, weshalb Einiges leider nur noch auf dem Zweitmarkt zu finden ist. Gerade auch seine Kammermusik würde mich brennennd interessieren - unter diesen Umständen bleibt es allerdings schwierig.
Cetay (inaktiv) (29.04.2021, 10:42): Mein Stromanbieter spukte unerwartet viele Teffer aus. Allerdings handelt es sich meist um Einzeltitel, die auf irgendwelchen Samplern drauf sind - und die in der Tat momentan nicht zu greifen sind. Eine Ausnahme ist diese hier, mit Systur i Garðshorni für Violine & Piano (1944) und Myndir á thili für Violoncello & Klavier (1992). Beim Frühwerk ist der folkoristische Einfluss offenhörbar, ich meine auch Anklänge an die gleichbesetzten Werke von Debussy & Ravel wahrzunehmen. Das Cellostück ist sehr fein, unberechenbar mäandrierend, aber leztlich bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassend.
Avarp Prologue / Icelandic Chamber Music Agnieszka Panasiuk (Klavier), Anna Wandtke (Violine), Pavel Panasiuk (Violoncello)
Sfantu (03.11.2022, 22:34): Das von Cetay zuletzt vorgestellte Album gibt es inzwischen auch als physischen Tonträger. Die CD - wenn auch recht hochpreisig - mußte ich selbstredend ordern - zu sehr hat mich Nordal mit seinen wenigen greifbaren Werken gefesselt.
Agnieszka Panasiuk, Klavier Anna Wandtke, Geige Paweł Panasiuk, Violoncello (CD, Dux, 2020)
Systur i Garðshorni („Die Schwestern aus Garðshorni“) für Violine & Klavier, 1944/45, nimmt Bezug auf Ása, Signýr und Helga, populäre isländische Sagengestalten. Die Charakterisierung der Schwestern im Booklet bleibt vage. Helga wird als Versinnbildlichung von Gewissenhaftigkeit und Fleiß dargestellt. Nordals musikalische Entsprechung der tugendhaften Helga läuft dem allerdings einigermaßen zuwider: es dominiert ein ausgelassener Springtanz - mit lyrisch-melancholischen Naturstimmungen à la Vaughan Williams abwechselnd. Musikalisch am tiefgründigsten wirkt vielmehr der Mittesatz, der sich Schwester Signýr widmet. Der Bezug zum traditionellen tvísöngur (=Zwiegesang) wird überdeutlich - nachzuhören etwa hier
Ása 3`04 Signýr 3`35 Helga 4`00
Das zweite Nordal-Werk auf diesem Album, Myndir á thili („Wandmalereien“) für Violoncello & Klavier, entstanden 1992, tönt auf Anhieb rauher, aphoristisch knapp, kaum noch melodienbasiert. Inspirationsquellen bilden Werke isländischer Literaten des 20. Jahrhunderts. Im letzten Satz, "Allt með sykri og rjóma", läßt Nordal lyrisch-sangliche Linien zu, kontrastiert die Grundstimmung mit leicht bluesartigen Wendungen.
Brostin augu vatnanna (Zersprungenes Eis) 2`02 Þegar ishjartað slær (Wenn gefrorene Herzen schlagen) 2`31 Skrifað i vindinn (In den Wind geschrieben) 1`55 Allt með sykri og rjóma (Alles mit Zucker und Rahm) 2`39
Nordals Kammermusik erfreut durch reliefartige Vehemenz. Die eher fliessenden Erscheinungsformen der Orchesterwerke erhalten so einen wohltuend kontrastierenden, scharfkantigen Widerpart. Die durch Cetay ausgemachte Nähe zu gleichbesetzten Werken Ravels und Debussys erkenne ich in Teilen ebenfalls. Das polnische Ensemble spielt mit lustvoll aufgekratzter Attacke.
Die beiden übrigen Beiträge dieses Albums bilden zum einen die 1974 entstandene
Íslensk svíta für Geige und Klavier von Jórunn Viðar (1918-2017)
- die Komponistin schrieb das Werk zur 1100-Jahr-Feier der Erstbesiedlung Islands. Ausgehend von volksmusikalischen Vorlagen entspinnt sich eine träumerisch-filmmusiknahe Liebeserklärung an das Heimatland -
und zum anderen das
hübsche aber wenig eigenprofilige Klaviertrio a-moll (ca. 1926) des als erster isländischer Kunstmusik-Komponist geltenden Sveinbjörn Sveinbjörnsson (1847-1927),
das voll und ganz in der Schumann-Mendelssohn-Reinecke-Tradition verhaftet bleibt.
Maurice inaktiv (18.02.2023, 13:13): Choralis 13’45 Adagio für Flöte, Harfe, Klavier & Streichorchester 10'52 Langnætti 12’09 Epitafion 14’38 Leiðsla 15‘10
Sinfóníuhljómsveit Íslands, Reykjavik – Johannes Gustavsson (CD, Ondine, 2016)
Alle fünf Werke dieses Albums sind einsätzig. Sie wirken – jedes für sich genommen – wie blockhafte, konsistente Monolithen. Die Interpretationen lassen dabei keine Wünsche offen. Weder, was die Treffsicherheit der einzelnen Stimmungen angeht, noch spieltechnisch, noch, was die Klangqualität betrifft. Diese CD man man gerade für 6,99 € bei JPC ordern. Mir kommt der Komponist sehr "mystisch" rüber, teilweise erinnert er mich ein wenig an Philip Glass. Ich kenne Pettersson nicht gut genug, aber mir ist P. noch weitaus dunkler in seinem Schaffen gewesen.
Sfantu (02.01.2025, 18:33): Jón Nordal
ist heute vor 4 Wochen und einem Tag, am 4. Dezember 2024, in seinem 99. Lebensjahr verstorben.