Johann Friedrich Reichardt - Komponist, Autor und Sansculotte
Peter Brixius (24.01.2011, 00:15): http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fc/JohannFriedrichReichardtMusikerS130.jpg
Von den gemeinsam mit Schiller verfassten 925 Xenien richteten sich allein 76 gegen den Kapellmeister des preußischen Königs, Johann Friedrich Reichardt. Obwohl Goethe die Vertonungen seiner Gedichte hoch schätzte, hatte sich sein Bild des Komponisten wegen dessen politischer Haltung verdüstert.
Erst habt ihr die Großen beschmaust, nun wollt ihr sie stürzen, Hat man Schmarotzer doch nie dankbar dem Wirthe gesehn. (Xenien Nr. 216)
Die Sympathie mit der französischen Revolution brachte Reichardt den erbitterten Hass Schillers ein wie den Vertrauensentzug Goethes, von dem die zitierte Xenie stammt.
Wenn man die Biografie des Komponisten etwa bei wikipedia liest, so kommt sie einem seltsam blutleer vor, liest man dort doch wenig von seinen Gedanken, Überzeugungen und den Reaktionen seiner Zeitgenossen. Zwei Biografien habe ich zur Hand, um ein wenig Farbe in das Leben des bedeutenden Komponisten der Berliner Liederschule zu bringen, einmal die Monographie von Walter Salmen: Johann Friedrich Reichardt. Komponist, Schriftsteller, Kapellmeister und Verwaltungsbeamter der Goethezeit (1963) und die von Dietrich Fischer-Dieskau: Weil nicht alle Blütenträume reiften. Johann Friedrich Reichardt - Hofkapellmeister dreier Preußenkönige (1992).
Beginnen werde ich mit dem Vater des Komponisten, Johann Reichardt ...
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (24.01.2011, 09:39): Johann Reichardt, Sohn eines Gärtners, stammte vom Rhein, was Salmen hinreichend seine Neigung zu "lustigem Wohlleben" erklärt, die bei seinem Sohn folgendes bewirkt: Das auf ungezügelte Sinnenlust gerichtete väterliche Erbteil in ihm brach während dieser Jahre heftig hervor (S.21 - es handelte sich um die Zeit seines Studiums).
Der leichtlebige Vater (Salmen S.18) kam schon im 10. Lebensjahr im Gefolge des Grafen Tuchseß zu Waldburg nach Preußen, der ihn zum Haus- und Kellermeister ausbilden ließ. Salmen: Johann Reichardt war zwar den frugalen Inhalten eines gräflichen Kellers stets begierig zugetan, dennoch trieb ihn seine starke musikalische Begabung zur Erlernung eines ihm gemäßeren Berufes. Unser rheinischer Triebmensch ging für fünf Jahre in die harte Schule eines Königsbergers Stadtmusikus und lernte Violine, Oboe und andere Blasinstrumente, sein Hauptinstrument wurde die Laute, auf der er es zu virtuosen Fertigkeiten brachte.
Er gehörte zu den aufgeklärten Musikern, die sich als freie Künstler ihren Lebensunterhalt zu verdienen suchten. Eine derartige "bindungslose" (Salmen) Lebensweise ließ sich in der Hauptsache nur durch Musikunterricht erreichen - ein (nicht nur für diese Zeit) kärgliches Brot. Sein prominentester Schüler war Johann Georg Hamann (1730–1788), deutscher Schriftsteller und Philosoph, mit dem er (und später sein Sohn) in Freundschaft verbunden blieb.
1744 hatte Johann Reichardt die der Herrnhuter Brüdergemeinde nahestehende Katharina Dorothea Elisabeth Hintz geheiratet, die durch ihre Handarbeit zum Unterhalt der Familie beitrug. In vier Jahren, in denen ihr Mann als Hoboist am Siebenjährigen Krieg teilnahm, musste sie sich und fünf Kinder allein durchbringen, darunter den am 25.11.1752 geborenen Johann Friedrich.
Wenn man die Brille des gerne pauschal wertenden Salmen ablegt (und dabei hilft die vor allem zeitgenössische Zitate enthaltende Darstellung Fischer-Dieskaus), so zeigt sich ein hart arbeitender Musiker, der vom Denken der Aufklärung beeinflusst war. Die Mutter vermittelte den Kindern neben der strengen Religiosität (Die Bibel und die Geschichte der Märtyrer waren ihre einzige Jugendlektüre gewesen) u.a. "herzliche gefühlvolle Lieder mit angenehmen Melodien" und ostpreußische Geschichten und Märchen.
Mit der Rückkehr aus dem Feldzug beginnt Johann Friedrichs Ausbildung zum Virtuosen.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (25.01.2011, 23:05): Bei Fischer-Dieskau liest sich manches anders, nicht zuletzt, weil Fischer-Dieskau die Quellen sprechen lässt. Während Salmen die Leichtfertigkeit, gar Rücksichtslosigkeit des Vaters anprangert, der seine Familie für den Siebenjährigen Krieg im Stich lässt, erfährt man aus der Biografie des Sohnes, dass damals jeder Preuße Zeuge der Taten seines angebeteten Königs sein wollte. Der Charakter des Vaters, den Hamann als "lustigen Passagier" sah, äußerte sich für den Sohn so:
Die kleinen Stücke, die er sich für die Laute selbst erfunden, zeugten von zartem, innigen Gefühl und hatten etwas Schwermütiges und Melancholisches, wovon sein ganzes übriges Wesen nichts verriet. (Fischer-Dieskau, S. 16)
Als der Vater wohlbehalten aus dem Krieg zurückkam, nahm er die Begabung seines Sohnes wahr und bildete ihn zum Virtuosen auf der Violine aus, wobei auch der Klavierunterricht nicht zu kurz kam. Jeder durchreisende Virtuose wurde angegangen, dem kleinen Johann Friedrich Unterricht zu geben. Johann Friedrich war bald soweit, dass er von seinem Vater als Wunderkind vorgeführt werden konnte (seine Schwester bildete sich zu einer hervorragenden Lautistin aus) - und so gab es eine Reihe von Reisen, die ihm eine Vielzahl von musikalischen Erfahrungen und Eindrücken vermittelten.
Die Ausbildung des jungen Reichardt war bei weitem nicht so umfassend und systematisch wie bei Wolfgang Amadeus Mozart - und so setzte er als Neunjähriger seinen Vater in Erstaunen, dass er es nicht nur verstand, ein neues Stück zu komponieren, sondern es auch in Noten schreiben konnte.
Reichardt war in vieler Hinsicht ein Autodidakt, allerdings ließ er auch keine Gelegenheit verstreichen, sich musikalisch weiterzubilden und die vielen Konzerte, an denen er teilnahm, machten ihn mit der aktuellen Musik vertraut. So trug er als Neunjähriger auch Stücke von Johann Sebastian Bach vor.
Auch in anderer Hinsicht hat er sich autodidaktisch gebildet, den Schulbesuch in einer strengen Institution beendete seine weichherzige Mutter bald, als er offensichtlich darunter litt. Aber seine Offenheit, die ihn alles Neue wie einen Schwamm aufsaugen ließ, sollte es ihm ermöglichen, sich in Königsberg zu immatrikulieren und immerhin jemanden wie Kant zu seinen Förderen rechnen zu können.
Doch bevor ich zum Studium komme, noch einige Bemerkungen über die Zeit davor.
Liebe Grüße Peter
Fairy Queen (26.01.2011, 06:28): Lieber Peter, wir scheinen uns ja beide derzeit einer ausgiebigen Biographie, Hommage und WerkbeschreibungHommage von unbekannten Komponisten zu widmen! Herr Reichardt ist mir bisher nie bewusst begegnet, und doch steht er als Komponist zahlloser Lieder in meinen grossen Liederbuch... Danke für deine Ausgrabungen! F.Q.
Peter Brixius (26.01.2011, 10:12): Original von Fairy Queen Lieber Peter, wir scheinen uns ja beide derzeit einer ausgiebigen Biographie, Hommage und WerkbeschreibungHommage von unbekannten Komponisten zu widmen! Herr Reichardt ist mir bisher nie bewusst begegnet, und doch steht er als Komponist zahlloser Lieder in meinen grossen Liederbuch... Danke für deine Ausgrabungen! F.Q.
Liebe Liederfee,
bei unseren "Ausgrabungen" besteht zumindest eine offensichtliche Gemeinsamkeit - beide Komponisten waren Liederkomponisten von Rang - und beide haben die Geselligkeit, die Kunst auch stiften kann, nicht aus dem Auge verloren. Freundschaften haben ihren Weg geprägt, der sich zwischen den Epochen bewegte.
Johann Friedrich Reichardt wuchs in der Epoche der Empfindsamkeit auf und war Gastgeber romantischer Künstler. Sein Gut Giebichenstein mit seinem Zaubergarten war Heimstätte für etwa Eichendorff und Brentano.
Eichendorff, der als Student oft sinnend und lauschend auf der Gartenmauer des Reichardtschen Besitzes saß (Salmen, 77) hat sich 1841 wehmütig erinnert
Da steht eine Burg überm Thale Und schaut in den Strom hinein, Das ist die fröhliche Saale, Das ist der Gibichenstein.
Da hab' ich so oft gestanden, Es blüthen Thäler und Höh'n, Und seitdem in allen Landen Sah ich nimmer die Welt so schön!
Durchs Grün da Gesänge schallten, Von Rossen, zu Lust und Streit, Schauten viel schlanke Gestalten, Gleichwie in der Ritterzeit.
Wir waren die fahrenden Ritter, Eine Burg war noch jedes Haus, Es schaute durchs Blumengitter Manch schönes Fräulein heraus ...
In Prosa ist bei Eichendorff zu lesen, wie völlig mystisch der am Giebichenstein gelegene Reichardtsche Garten mit seinen geistreichen und schönen Töchtern erschienen sei . Dort aus den geheimnisvollen Bosketts schallten oft in lauen Sommernächten, wie von einer unnahbaren Zauberrinsel, Gesang und Guitarrenklänge herüber, und wie mancher junge Poet blickte da vergeblich durch das Gitterthor oder saß auf der Gartenmauer zwischen den blühenden Zweigen die halbe Nacht, künftige Romane vorausträumend.
Doch zu diesem Paradies, das napoleonische Soldaten später zerstörten, führt noch ein langer verschlungener Weg das Wunderkind, das ich im letzten Beitrag verlassen habe.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (25.03.2011, 10:23): Der junge Reichardt lebte in einer Zeit des Umbruchs, die von Gegensätzen geprägt war, die sich auf engem Raum begegneten. Da war die französische Aufklärung, die das Haus des Grafen von Keyerling bestimmte. Die Erziehungsprinzipien waren die von Rousseau, sie wurden in Festigkeit und Strenge umgesetzt. Johann Friedrich verbrachte viel Zeit im gräflichen Haus. Die Erziehung im Haus Reichardt wiederum war von den Prinzipien der Herrnhuter geleitet.
Im Lebensbericht Reichardts liest sich das so
Die natürliche Folge davon war, dass die in einem kleinen Nebenhause, fast in Armut erzogenen Kinder des Lautenisten froher und glücklicher waren, als die in dem großen gräflichen Hause nach Systemen und von strengen Lehren sorgsam geleiteten jungen Grafen, für welche die Mutter nach damals in England und in Frankreich durch John Locke und J. J. Rousseau in Umlauf gebrachten pädagogischen Begriffen, selbst in der körperlichen Erziehung und Ernährung strenge Maximen befolgte,
Eine ganz andere Lebensform fand er bei den Russen, die ein gut Teil des Siebenjährigen Krieges Preußen besetzt hatten und dort ein lustiges, aber auch wüstes Leben führten. Die russischen Offiziere liebten Musik, so war Vater Reichardt mit seinem Sohn ein gern gesehener Gast bei ihren Gelagen. Den kleinen Reichardt belohnten sie fürstlich und fütterten seine kleine Violine voll Silberrubel. Viele neue Eindrücke gewann der junge Reichardt auch bei den Konzertreisen, die sein Vater mit ihm machte.
Die Herrnhuter Gemeinde, der seine Mutter angehörte, war ihm fremd, gab ihm doch Anregungen. Die Neigung zur Mystik und zu esoterischen Vorstellungen führte zu einem engen Kreis von Gleichgesinnten, in dem Vertraulichkeiten ausgetauscht werden konnten, Frauen und Männer waren strikt getrennt- Kinder durften anwesend sein:
Zarte, teilnehmende Gemüter, die um so lieber über dunklen Gefühlen und geheimen Ahnungen brüteten, je weniger sie das Sinnliche anzieht.
Den jungen Reichardt beeindruckten dort auch die Erzählungen der reisenden Herrnhuter Brüder, die in dem Kreise aufgenommen wurden und farbenreich und packend von ihren Reiseerlebnissen erzählten. Und die eingehenden Melodien, die gesungen wurden, vermittelten dem jungen Komponisten einen Maßstab für Sangbarkeit und Melodien, die zu Herzen gehen und im Gedächtnis bleiben
Die musikalische Erfahrung wurde durch eine Vielzahl von Lehrern und Begegnungen erweitert. Da war der damals beste deutsche Klavierspieler, Karl Gottlob Richter, der ihn für Bach begeisterte, der Violinist Franz Adam Veichtner, der ihn für Franz Benda gewann, bei der Gräfin Kaiserling lernte er Haydn Cassationen kennen, der Organist Podbielski machte ihn mit Palestrina und der "Reinheit" der Kirchenmusik vertraut. Über die Schwester Goldbergs gewann er den Zutritt zu dem Bruder.
Mit 15 Jahren bemühte er sich um die Aufnahme in die Universität Königsberg.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (06.04.2011, 15:23): Die Pläne des Vaters waren sicher andere, aber es gab einflussreiche Freunde, die ihn dazu ermutigten, seine eigenen Wege zu gehen. Die Mutter unterstützte das geplante Studium, hoffte sie doch, ihr Sohn werde im Laufe der Zeit seine Studienrichtung wechseln und sich der Theologie zuwenden.
Der ihm wohlgesonnene Dekan Weber lotste ihn durch die Aufnahmeprüfung (Reichardt hatte ja keine abgeschlossene Schulausbildung) und setzte durch, dass Reichardt keine Studiengebühren zahlen musste. Über Hamann kannte der junge Student Immanuel Kant, der ihn unter seine Fittiche nahm und ihm über die Studienzeit hinaus in Freundschaft verbunden blieb. Reichardt nahm an den Vorlesungen Kants teil, die großen Eindruck auf ihn machten. Die Lektüre Rousseaus und Herders führten ihn über Kant zu der Frage der Erziehung des Menschen durch Musik. Was Kant ihm vermittelte, war die Fähigkeit, selbst über seine Kunst zu philosophieren.
Den Unterhalt und die Miete für sein eigenes Zimmer verdiente Reichardt durch gegebene Musikstunden. Mit den Schülern machte er Hausmusik, am liebsten in einem Streichquartett. Befreundet war er mit Johann Christian Bock, dessen Gedichte er vertonte und über den er Zugang zu literarischen Zeitgenossen und zu dem Theater erhielt. So verdankt sich auch dieser Freundschaft die erste musikdramatische Komposition. Bock hatte das Libretto von Favarts Operette "Rose et Colas" übersetzt. Reichardt schrieb dazu die Musik, "Hänschen und Gretchen" wurde gar als Klavierauszug gedruckt. Er nahm an dem Liebhabertheater eines Doktor Gervais teil.
Mit gewachsenem Selbstbewusstsein und dem angeeigneten Wissen ergriff Reichardt 1771 die Gelegenheit, einen polnischen Fürsten nach Danzig zu begleiten. Die Wanderjahre des jungen Komponisten begannen.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (13.04.2011, 22:37): Einen Rückblick auf die Universitätszeit gönne ich mir noch. Welche Persönlichkeiten waren bestimmend für Reichardt und was bewirkten sie?
Noch nicht genannt habe ich den Professor der Poesie, Johann Gottlieb Kreuzfeld. Reichardt vertonte eine Anzahl von seinen Gedichten; Kreuzfeldt vermittelte ihm die Liebe zum Volkslied, vermittelte ihm "Geschmack und frühe Liebe für echte Deutschheit in Wissenschaften und kräftiger Darstellung" (Salmen, 22). Diese Begeisterung für das Volkslied weist schon in die Romantik.
Johann Georg Hamann, der den jungen Studenten versuchte, an die Bibel heranzuführen, was ihm misslang, nährte ihn mit den Ideen der Geniezeit, machte ihn mit der "Regelferne" (Salmen) bekannt, mit dem, was über die Rationalität hinaus geht, mit der Intensität des Gefühls. Diese Abwendung von dem nur durch den Verstand Bestimmten, ermöglichte den Weg in die Gefühlswelt des Sturm und Drangs.. Bis zu seinem Tod 1788 war Hamann ein treuer Begleiter Reichardts.
Nachhaltigen Einfluss hatte Immanuel Kant auf den Komponisten. Er ermöglichte Reichardt "die Kunst von Anfang an aus ihrem wahren höhern Gesichtspunkt zu betrachten" (Salmen, 23). Reichardt leitete davon ab, die Musik im Zusammenhang mit einem moralischen Zweck zu sehen. Daraus leitete sich die Vorstellung ab, dass die Musik eine wichtige Aufgabe bei der Menschwerdung des Menschen zu erfüllen habe, Reichardt sprach nicht nur über seine Musik zu seinen Zeitgenossen, sondern über eine Vielzahl musikalischer Schriften.
Die nun folgenden "Sturm- und Drangjahre" formten Reichardt zu dem Komponisten und Musikschriftsteller, der den Weg vom Sturm und Drang bis in die Romantik entscheidend mitbestmmte, ohne im Wesentlichen Klassizist zu sein - vom Sturm und Drang als "Vorklassik" zu sprechen, ist mE (nicht nur) deswegen verfehlt. Es gibt viele Wege von der Musik der Aufklärung zur Romantik an der "Klassik" vorbei.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (17.04.2011, 18:40): Die Wanderjahre, bei Salmen als "Sturm- und Drangjahre" bezeichnet, brachten vielen für die Zukunft wichtige Kontakte und auch die Reifung des jungen Komponisten, der fast bargeldlos seine Reise antrat und immer mal wieder auf die materielle Hilfe seiner Freunde angewiesen war.
Zunächst führte die Reise nach Danzig, wo er Konzerte geben musste, um Rechnungen (wenigstens ansatzweise) bezahlen zu können, Interessant ist das Programm, das er bei einem solchen Konzert vorstellte
eine eigene Symphonie ein Violinkonzert von Franz Benda (ihn und seine Familie sollte er auf seiner nächsten Station in Berlin persönlich kennen lernen) ein Violonsolo von Veichtner, seinem ehemaligen Lehrer, ein Klavierkonzert von Carl Philipp Emanuel Bach.
Erheiternd die doch deutlich unterschiedliche Darstellung des Konzertierens bei Fischer-Dieskau und bei Salmen
Salmen: Seine Darbietungen auf dem Cembalo und der Violine, begleitet von einer Ratsmusikerbande, fanden nur schwachen Widerhall. Gespielt wurden Werke von Franz Benda, seinem Violinlehrer Veichtner und C.Ph.E. Bach. Zwischen den Vorführungen pflegte er in lebhafter Unterhaltung mit den Hörern um deren Gunst zu buhlen. Der Mißerfolg war so groß, daß Reichardt seine hohe Zeche nur mit geschenktem Gelde begleichen konnte. (Salmen, 25)
Fischer-Dieskau: Das ganze Programm bestand aus einer Symphonie, welche die damals gut zusammen stimmende Ratsmusikbande, das einzige dortige Orchester, vollkommen genügend ausführte, einem Violinkonzert von Fr.Benda, einem Violinsolo von Veichtner und einem Klavierkonzert von Ph.E. Bach, welches alles der junge Virtuose zur Freude der kleinen Versammlung unbefangen und lebhaft hinter einander weg spielte, sich zwischenein mit seinem Auditorium frei unterhaltend ... Der angesehenste Teil der Versammlung empfahl sich am Ende dem bezahlten Musiker ganz so, als ob er der Wirt einer frei gegebenen angenehmen Gesellschaft gewesen wäre, mit vielen verbindlichen, dankenden Ausdrücken. Der Ertrag genügte nicht ganz zur Bezahlung des Wirtes; indes sah dieser doch Ernst und blieb den nächsten Monat wieder so ruhig als den ersten. (Fischer-Dieskau, 37)
Salmen sieht dem Treiben des jungen Komponisten offensichtlich etwas grämlich und mit gerunzelter Stirn zu ....
Die nächste Station war Berlin. Er traf dort den Dichter Ramler, aber auch Johann Philipp Kirnberger, mit dem er sich zunächst gut verstand, auch wenn er seinen Unterricht, der auf Kirnbergers Lehre vom Grundakkorde beruhte, ziemlich verwirrend fand. Als er ihm aber als Probe eine Klaviersonate vorlegte und -spielte, verwandelte sich die Haltung Kirnbergers in Misstrauen und Verachtung. Er kanzelte die Komposition, deren Sturm- und Drangcharakter ihm missfiel, mit deutlichen Worten ab und ergänzte im hämischen Ton
Als ein junger, listiger Kerl, der damals mehr Lust hatte als ich jetzt habe, sich mit Narren herum zu necken, hörte ich auf einem Dorfe einen alten Organisten ganz kuriose, verworrene Sachen spielen. Mich gelüstete danach zu wissen, wie der Mann darauf käme und wie er das anfinge, so etwas hervor- und herauszubringen. Ich ging darauf ganz demütig zu ihm, stellte mich unwissend und unerfahren und bat ihn um seinen vortrefflichen Unterricht. Der alte Geck war dumm genug in die Falle zu gehen und ich hatte den Spaß, eine Zeitlang den tollsten Unterricht zu erhalten, den wohl je ein Mensch erhalten hat ... und für die Zukunft manche gute Lehrer zu ziehen. Unter anderm auch diese, daß mich jetzt ein lustiger feiner Kauz ebenso anführen will, ich's eher merke, als es vielleicht sonst geschehen wäre.
Wichtig und fruchtbar war dagegen der Kontakt zu Franz Benda und seiner Familie, die den jungen Komponisten herzlich aufnahm. Und da gab es noch die schöne Tochter Juliane Benda, die mit schöner, reiner Stimme und ächt altitalienischer, ausdrucksvoller Manier sang, die großen Eindruck bei Reichardt hinterließ. Ein anderer wichtiger Kontakt waren die Besuche bei Chr. Fr. Nicolai, in dessen Haus man alte Musik machte, Musik des Mittelalters und der Renaissance, für die Reichardt ein nachhaltiges Interesse entwickelte - in diesem seiner Zeit weit voraus.
Das unliebsame Erlebnis mit Kirnberger ließ Reichardt weiter reisen. Das nächste Ziel war Leipzig.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (25.04.2011, 17:52): In Leipzig wurde er von Johann Adam Hiller gastreundlich aufgenommen. Der "alte,brave" Hiller unterstützte den jungen Komponisten nachhaltig.Auch wenn Reichardt vor allem auf der Violine brillierte (Burney, 1773: "Herr Reichardt, zu Königsberg, ist ein großer Geiger und besonders stark im Phantasieren aus dem Kopfe, und in Doppelgriffen, die er sehr rein und leicht hervorbringt"), lenkte Hiller seinen Blick wieder auf vokale Kompositionen.So vollendete Reichardt nun in Leipzig sein Singspiel "Hänschen und Gretchen", dem es nach Charles Burney "nicht an Genie mangelt".Das Singspiel wurde zusammen mit "Amors Guckkasten" verlegt, ein weiteres Singspiel, das von Hiller angeregt war.
Aber etwas anderes beschäftigte den jungen Reichardt: er war über Hals und Kopf in eine Sängerin, Corona Schröter, verliebt, die eine Zeitlang die Zuneigung teilte, bis sie sich einem Rivalen zuwandte."Sie ward mir die Sonne, die Tag und Nacht, Freud und Leid mir bestimmte". Sie nahm einen entschiedenen Einfluss auf seine Gesangskompositionen und förderte ihn durch ihre Anforderung nachhaltig. Wenn sie seine ersten Kompositionen für sie nur mit Klavier aufführte, so tat sie es deshalb, weil sie mit seiner Komposition für ein Orchester noch nicht zufrieden war. Er arbeitete hartnäckig, studierte fleißig.
Besonders eine große Szene aus Hasses "Artemisia" ... konnte man gar nicht genug von ihr hören, und es verging selten ein Tag, wo ich sie nicht von ihr erbat; aber auch nie habe ich ihr ohne die tiefste Herzensbewegung gelauscht. Dieser hohe Genuß hat mich vielleicht allein zu dem Künstler gemacht, der ich geworden bin. Die schöne Corona fand auch großes Vergnügen an dem Violinspiel ihres jungen, begeisterten Anbeters, und in den wonnevollen Stunden, wo dieser ihren himmlischen Gesang begleiten durfte, übte er zuerst die Flügelbegleitung zum Gesange aus großen Partituren.
Auch mit Weimar kam er in Kontakt. Er widmete eine Cembalosonate der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar, besuchte ihren Hof, konzertierte dort und erhielt immerhin 100 Taler als Geschenk.
Noch einen Bekannten machte Reichardt in Leipzig - Christian Gottlob Neefe, der bei Hiller studierte, bevor er nach Bonn geht. Man erkennt aus den vielen Namen ein zunehmend wachsendes Beziehungsnetz, aber auch die unterschiedlichen Einflüsse, die Reichardt aufnahm. In Leipzig waren es über Hiller Hasse, Händel und Vanhall, die Reichardt srudierte und aufführte.
Die Gelegenheit, Hartknoch, den Verleger seiner Singspiele, nach Dresden zu begleiten, nahm Reichardt wahr.