Cetay (08.11.2021, 03:59): John Milton Cage, Jr. (5. September 1912 - 12. August 1992) war ein US-amerikanischer Komponist, Musiktheoretiker, Künstler und Philosoph. Als Pionier der Unbestimmtheit in der Musik, der elektroakustischen Musik und der nicht standardmäßigen Verwendung von Musikinstrumenten war Cage eine der führenden Figuren der Nachkriegs-Avantgarde und einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde er für das stumme Stück 4'33", mit dem er den Musik-Begriff hinterfragte. Auch seine Werke für Klaviere, die durch das Einbringen von Schrauben, Nägeln und anderen Gegenstanden präpariert wurden, fanden breitere Beachtung. Cage war massgeblich an der Entwicklung des modernen Tanzes beteiligt, vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem Choreographen Merce Cunningham, der auch die meiste Zeit ihres Lebens sein Lebensgefährte war. Er starb an einem Schlaganfall in New York City.
Meine erste Begegnung mit Cage fand am Radio statt als ich noch ein Teenager war. Es waren knarzige, abhackte Celloklänge und eine darüber rezitierende Frauenstimme zu vernehmen. Was ich mit meinem Schulenglisch verstehen konnte, war interessant genug um dranzubleiben. Und dann kam diese Passage:
Structure without life is dead. But life without structure is unseen. Pure life expresses itself within and through structure. A structure is like a bridge from nowhere to nowhere, and anyone may go on it. (John Cage, Lecture on Nothing)
Das hat mich 'umgehauen' und wirkt heute noch nach. Die Lecture wurde mein Portal in die Neue Musik und von dort aus ging es dann Schritt für Schritt rückwarts bis zur Klassik im engeren Sinne.
Ich vertrete gerne die Meinung, dass Grosse Klassische Musik zeitlos ist und auch ohne historischen Kontext, sowie musiktheoretische und biographische Kenntnisse verstanden werden kann, ja muss. Eine Ausnahme dieser -meiner- Regel ist die Musik von Cage. Ohne theoretischen Hintergrund hört man von ihm oft nur zusammenhanglose Klänge und Geräusche. Während des Studiums glaubt man, darin verborgene Zusammenhänge zu finden und beim Hören tiefgreifende Erkenntnisse zu erlangen. Nach dem Studium hört man wieder zusammenhanglose Klänge und Geräusche - aber man hört anders.
Nachdem Cage in den 40er Jahren mit den philosophischen Systemen des Ostens, vor allem dem Zen, in Berührung gekommen war, begann eine Entwicklung, die schliessich zur "Zufallsmusik" führte. Die Einbeziehung von Zufallsoperationen, insbesondere mit Hilfe des chinesischen Orakelbuches I-Ging, waren Ausdruck einer Haltung, die das im Zen wichtige Konzept der Absichtslosigkeit in den kompositorischen Prozess einfließen ließ. Cages Kompositionen wurden immer offener und überliessen den Interpreten viele Entscheidungen selbst. Nicht der Komponistenwille, sondern die Schönheit dessen, was sich ereignen mag, machte das Wesen vieler seiner Kompositionen aus. Mit der radikalen Ausweitung des musikalischen Materials auf Geräusch und Stille wurde die Trennung zwischen Kunst und Leben überwunden. Symbolisert werden soll damit die Einheit aller Dinge, die in der religiösen Auffassung der asiatischen Kultur eine zentrale Rolle spielt.
Ein wirklich tieferes Verständnis erwächst vor allem vor dem Hintergrund von Cages Studium des Zen-Buddhismus bei Daitez T. Suzuki (1870 - 1966). Als praktisch orientierte Variante des Buddhismus sucht Zen den Zugang zur Allgegenwart in der ungehinderten Wahrnehmung der Dinge. Begriff und Realität werden als verschiedene Dinge gesehen und es ist ein unnötiger Umweg, über das begriffliche Denken den Weg zur Realität und zum eigenen Leben zu finden. In der Musik macht Cage die Harmonielehre als Pendant des begrifflichen Denkens aus und sieht in ihr eine erzwungene abstrakte Beziehung, die das wahre Wesen der darunter gefassten Klänge verdeckt. Damit wird verständlich, warum es dem Zufall überlassen wird, ob das Resultat 'harmonisch' ist oder eben nicht. Cages Musik will wirken wie die Natur, etwa wie das, was bei einem Spaziergang im Wald oder entlang einer befahrenen Strasse zu hören ist. Es ist typisch, dass Cage keine Unterscheidung vornimmt und Strassengeräusche der Natur zurechnet, ebenso wie 'natürliche' und geräuschhafte Klänge von Instrumenten und anderen Objekten in seinem Werk gleichwertig nebeneinander stehen. Cage fordert die Wahrnehmung dessen was ist, in diesem Augenblick und er hilft uns, indem er sich der Erfüllung irgendwelcher wie auch immer gearteten Erwatungen widersetzt.
Viele Hörer gehen mit einer bestimmten Erwartungshaltung an ein Musikstück heran. Das kann der Wunsch sein, berührt oder erschüttert zu werden oder die Suche nach intellektueller Ansprache oder gar die Hoffnung, befreit und erhoben zu werden. Wer solcherlei Erwartungen hat, schneidet aus der Kunst-Realität lediglich einen schmalen Teil heraus. Hinterfragt wird das selten, stattdessen werden die zerschnittenen Reste ignoriert, offen abgelehnt oder gar bekämpft. Künstler wie Cage, die anregen könnten, das zu hinterfragen, gehören zu den von vorne herein Weggeschnittenen - das ist der fast schon tragisch-paradoxe Witz an der Sache. Die Beschäftigung mit Cage kann einen Schlüssel liefern, die bestehenden Hörgewohnheiten und die ihnen zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu überdenken, den Prozess der Geschmacksbildung zu hinterfragen und sich bewusst mit neuen vielschichtigen Möglichkeiten akustischer Ausdrucksformen auseinanderzusetzen. Ohne diesen Schlüssel gibt es kaum einen Grund, sich mit Cage zu beschäftigen. Das ist kein Kreis, aus dem man schwer heraus kommt, sondern einer, in den man schwer hineinkommt. Da ist es einfacher, auf der bequemen Feststellung zu beharren, das sei keine Musik. Na und? John Cage sagte schon in seinem Credo (Vortrag, Seattle 1937 oder `38): Sollte das Wort Musik heilig sein und den Instrumenten des 18. und 19. Jahrhunderts vorbehalten, können wir dafür ein sinnvolleres setzen: Klangorganisation.
Weitere Informationen und ein Verzeichnis der wichtigsten Werke findet man bei Wikipedia. Eine hervorragende Informationsquelle ist die Seite des John Cage Trust.
Werkeinführungen in diesem Forum: Number Pieces (1987-1992) Ryoani (1983-1985) Concert for Piano and Orchestra (1957-1958) The Seasons (1947)
Sfantu (08.11.2021, 14:00): Ein sehr lesenswerter Themenstart - danke.
Leonardo (08.11.2021, 19:28): Was soll man denn bitte zu John Cage schreiben?
Furchtbar.
Nicolas_Aine (08.11.2021, 21:16): Was soll man denn bitte zu John Cage schreiben? Wenn man damit so gar nichts anfangen kann oder möchte, eventuell garnichts? wäre wohl das klügste, ja :)
Leonardo (08.11.2021, 21:49): Ich kann es auch ganz sein lassen in diesem bekloppten Forum überhaupt noch irgendwas zu schreiben. Mir vergeht nämlich zunehmend die Lust daran.
satie (08.11.2021, 23:15): Schon großartig, wie allein der Name noch immer die Musikwelt spaltet, danke für den Beweis, der allerdings auch etwas differenzierter hätte sein können. Aber wenn man getriggert ist, muss es vielleicht einfach rausgerotzt werden, das ist OK. Die ganze Plattform kann streng genommen übrigens nicht geistig minderbemittelt sein, sie ist selber gar nicht mit einem Geist oder Gehirn solcher Art ausgestattet, dem man einen solchen Zustand attestieren könnte. Sie könnte evtl. verbuggt sein oder schlecht programmiert oder wenigstens nicht auf der aktuellsten Version laufen. Insofern vermute ich hier eine Projektion des Attributs, welches auf John Cage oder auch seine Hörerschaft angewandt werden wollte, auf diese Plattform. Doch genug dazu.
Ich möchte eine Begebenheit wiedergeben. Als ich einen Vortrag über Cage und sein Verhältnis zu Indien hielt (an der Hochschule für Musik Hanns Eisler, ein Symposium zum Thema indische Musik), war der Philosoph Byung Chul Han anwesend. Er wetterte gegen Cage los. Ich erzählte ihm darauf, dass Cage mehrfach geschrieben hat, dass alle Musiker ihn für einen guten Philosophen, aber für einen schlechten Musiker hielten. Die Philosophen hingegen, hielten ihn für einen schlechten Philosophen, dafür für einen guten Musiker. Han sagte darauf, er halte Cage für einen hervorragenden Philosophen, aber für einen miserablen Musiker. Darauf sagte ich: Was sagt das nun über Sie als Philosophen?
Gute Nacht Satie
Cetay (09.11.2021, 02:36): Was soll man denn bitte zu John Cage schreiben?
Furchtbar. Was man schreiben soll, weiss ich auch nicht. Dass man viel dazu schreiben kann, beweisen die zahlreichen Buecher und wissenschaftlichen Arbeiten oder die vielen, teils ausufernden Online-Artikel, die man zum Thema finden kann. Mir geht das oft zu weit. Da wird Cage als Vorwand herangezogen, um reichlich verquaste Welterklaerungs-Modelle, die mehr eine Selbstbespiegleung des Autors als eine Reflexion ueber den Komponisten sind, zu verbreiten. Der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf -ein extrem scharfer Cage-Kritiker- spricht hier von einem Mythos pseudoreligiöser Dimensionen. Weit entfernt davon ist das erste Buch, das ich dazu in die Finger bekommen habe - die mit Tosende Stille betitelte Biographie von David Revill. Der Autor springt mehr oder weniger zwischen dem Privatmenschen und dem Komponisten Cage hin und her und spekuliert nur wenig ueber Wechselwirkungen - das bleibt dem geschaetzten Leser ueberlassen. Dieses Buch war lange mein Wegbegleiter bei der Exploration des Cageschen Oeuvres, in dem durchaus 'Furchtbares' zu finden ist. Aber es gibt auch viel Grossartiges, vor allem innerhalb des Spaetwerks, ueber das Cage einmal sagte: I'm finally writing beautiful music.
tapeesa (09.11.2021, 07:33): @Leonardo Was macht dich denn so wütend? Weil John Cage in mir so ziemlich null Emotion auslöst. Hatte "Empty Mind" von ihm gelesen, "Tosende Stille" weggegeben und ab da nichts mehr von ihm gehört, fällt mir gerade auf.
Danke für den Hinweis zu Mahnkopf / Pseudoreligiositaet, @VAT69 , hast du eine Quelle? Oder generell etwas zu dem Thema in der Musik? Würde in die Richtung gerne weiterschauen.
Cetay (09.11.2021, 08:13): Da Zitat stammt aus dem von Mahnkopf herausgegebenen Buch Mythos Cage. Er bezieht das aber nicht auf die Musik, sondern auf die Art und Weise, wie die Person Cage und seine Musik von seinen 'Juengern' wahrgenommen und dargestellt werden.
Maurice inaktiv (09.11.2021, 22:47): Ich gebe gerne zu, dass ich mit ihm nur wenig anfangen kann, aber ich hatte 1986 oder 1987 Einsicht in die Noten der zweiten Trompetenstimme eines in Frankfurt einstudiertes Uraufführungswerk. Bitte fragt mich nicht nach dem Namen des Stückes, den habe ich vergessen.
Was dort geschrieben stand, war schlicht und ergreifend nicht spielbar gewesen. Auf meine genau darauf angesprochene Frage, was er (mein Trompetenlehrer) nun tun würde, bekam ich zur Antwort, sich so gut als möglich den Noten zu nähern.
Warum schreibe ich das jetzt? Vielleicht, weil es mir dadurch nicht leichter fällt, so eine Musik zu verstehen, wenn sie nicht einmal von den ausführenden Musikern richtig gespielt werden konnte.
Deshalb verteufele ich aber nicht seine Werke oder greife das Forum doch recht persönlich an.
Cetay (10.11.2021, 03:32): Uns alten Haudegen spielt das Vergangenheits-Zeitgefuehl machmal einen Streich - naja, zumindest mir. :D Kann das 1992 gewesen sein? Da gab es ein grosses Festival in Frankfurt, bei dem viele Werke, auch welche mit mehreren Trompetenstimmen uraufgefuhrt wurden,
Das Problem der Unspielbarkeit findet man bei Cage oefters, vor allem in seiner Sturm und Drang Periode. Die Music of Changes benoetigt an manchen Stellen einen Pianisten mit drei Armen. In dem Fall bleibt es dem Interpreten ueberlassen, auszuwaehlen. Dadurch wird die Interpretation auch zur 'Realisierung' und klingt jedesmal anders - etwas worauf Cage gezielt hingearbeitet hat. Verteufeln braucht man ihn deswegen in der Tat nicht. Cages Schaffensperiode umfasst 60 Jahre, da ist es gewagt nach einer handvoll Hoerproben zu sagen, dass das alles Mist ist. Ebensogut kann ich einem Beethoven-Thread auftauchen und fragen, was man ueber diesen Salon- und Bombastkomponisten schreiben soll, nachdem ich Fuer Elise und Wellingtons Sieg gehoert habe und sonst nichts.
Maurice inaktiv (10.11.2021, 22:53): Uns alten Haudegen spielt das Vergangenheits-Zeitgefuehl machmal einen Streich - naja, zumindest mir. Kann das 1992 gewesen sein? Da gab es ein grosses Festival in Frankfurt, bei dem viele Werke, auch welche mit mehreren Trompetenstimmen uraufgefuhrt wurden, Lach.....Nein, ich war bis Dezember 1987 am Konservatorium Schüler gewesen. Daher kann es nur in dieser Zeit gewesen sein.
Es gab im Dezember 1987 eine Uraufführung in Frankfurt unter Gary Bertini. Es MUSS also DAS gewesen sein:
https://de.wikipedia.org/wiki/Europeras
Cetay (18.11.2021, 10:35): Danke @Maurice Die fünf Europeras hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Die Oper bleibt halt die Oper, und VAT bleibt VAT und der mag sie nicht - da rettet auch das durchaus pfiffige Konzept von Cage nicht viel, wobei ich mir das live gerne angesehen hätte. Die ersten beiden sind soweit ich weiss auch nie auf CD erschienen. Etwas besonderes ist die fünfte und letzte, die von Cage als 'portable Opera' angelegt wurde und mit Klavier, Tenor, Sopran, Grammophon und Tonband auskommt. Die Europera 5 ist näher dran an seinem restlichen Spätwerk, das sich vielfach durch Weiträumigkeit und Kontemplation auszeichnet.
Ich bin aus dem Alter raus, in dem ich irgendwelche wie auch immer geartete Musik und damit meinen Geschmack 'verteidigen' muss. Aber gerade weil ich es nicht muss, kann ich es ganz ungeniert tun, vor allem wenn ich dazu kluge Worte finde, wie diesen Ausschnitt aus einer Rezension zu Atlas Eclipticalis im Fono Forum 09/2007:
Wer immer noch staunt, dass John Cages Stücke in ihrer asketischen Offenheit eine fast magische Suggestion ausstrahlen können, hat nicht begriffen, dass große Werke der Musikgeschichte inwendige Geheimnisse besitzen, die kein Notenbild offenbart. Das gilt insbesondere für Cage: Nur in der emphatischen, strengen Widergabe der Musiker teilen sich die ahnbaren Geheimnisse seiner Stücke mit.
Atlas Eclipticalis (1961/62) gehört zu den kompromisslosesten Werken von Cage. Die Komposition ist streng zufallsgeneriert (wobei unter anderem Sternkarten zu Rate gezogen wurden - deshalb der Titel), ein verbindliches Metrum und eine festgelegte Tonskala gibt es nicht. Skandalöse Aufführungen und Rebellionen von ganzen Orchestern blieben nicht aus. Und hier zeigt sich, dass der Rezensent nicht ganz falsch liegt. Die Einspielung aus NY mit Bernstein ist wirklich Mist, auch die von Levine aus Chicago ist kaum brauchbar. Beide konnten ihre Orchester nicht zum Mitspielen -zum Teil im Wortsinne- bewegen. Diverse Aufnahmen mit eigens dafür zusammengestellten Gruppen sind besser, aber erst mit dem Orchestra of the SEM Ensemble unter Petr Kotik -in Sachen Avantgarde die Integrität in Person- wird die magische Suggestion erlebbar.
satie (26.11.2021, 19:53): Ich möchte gerne einige Bücher zu John Cage empfehlen. Unter den biografischen Publikationen lohnt es sich, die folgende anzuschauen:
Kenneth Silverman: Begin again. John Cage A biography Gerade als Ergänzung zu Revill möchte ich das Buch wärmstens empfehlen. Silverman hat erstaunliches recherchiert. Wer zum Beispiel endlich mehr über Xenia, Cages Ehefrau und der mit der Ehe verbundenen schlimmsten persönlichen Krise Cages erfahren will oder wer wissen will, wie das damals war, als Cage im italienischen Fernsehen genug Geld mit Fragen über Pilze erspielt hatte, um der Merce Cunningham Dance Company einen Bus für die Tourneen zu kaufen (inklusive Fragen und Antworten des Quiz), oder wer mehr über Cages Sexualleben wissen will, ist hier richtig. Letzteres wurde dem Buch öfter vorgeworfen: es würden hier zu viele private Details preisgegeben. Ich gebe zu, manches hätte ich dann auch lieber nicht gewusst, aber insgesamt ist das Buch eine Wahnsinnsleistung. Ein Beispiel: Revill hat das Gerücht in die Welt gesetzt, Cage habe evtl. gar keine Kurse bei Schönberg besucht oder wenn dann nur ganz kurz. Silverman hat recherchiert, dass Schönberg ausgewählten Studenten aber Unterricht bei sich zu Hause gegeben hat, und zu solch einer Gruppe gehörte wohl auch Cage. Solche Dinge haben mich sehr interessiert, Cage ist ja auch ein Spezialgebiet von mir, und ich wollte bei einigen Dingen wissen, ob Cage sie eher erfunden oder doch tatsächlich erlebt hat. Das Buch scheint es nicht auf deutsch zu geben.
Where the Heart Beats JOHN CAGE, ZEN BUDDHISM, AND THE INNER LIFE OF ARTISTS By KAY LARSON Ebenfalls nur auf englisch. Es geht nicht ausschließlich um Cage, sondern auch um den Einfluss des Zen und Buddhismus allgemein im New Yorker Künstler-Umkreis.
Offenbar gerade nicht günstig zu bekommen: John Cage - Writer. Kostelanetz hat unzählige Interviews mit Cage geführt und einiges an Texten zu Cage herausgegeben. Wer im Original lesen will, dem sei dieses Buch sehr empfohlen. Eine hervorragende Sammlung v.a. der nicht experimentellen Texte.
Die Gespräche mit Cage: Richard Kostelanetz: Conversing with Cage. Die deutsche Version aus dem Du Mont Verlag möchte ich ausdrücklich nicht empfehlen! Es waren zwei Übersetzer am Werk, und einer davon hat keine Ahnung von Musik und teilweise Fachausdrücke ganz falsch übersetzt. Also unbedingt die englische Fassung lesen. Ein wunderbares Buch.
Die gesammelten Briefe: The selected letters of John Cage. Herausgegeben von Laura Kuhn vom John Cage Trust
Dear John - Cher Pierre. Pierre Boulez - John Cage: Der Briefwechsel Serialismus kontra Zufallsästhetik.
Silence. Darin der berühmte "Lecture on Nothing". Es gibt auch eine schöne deutsche Übersetzung von Ernst Jandl, diese enthält allerdings nur "Lecture on Nothing", "Lecture on Something" und "45' for a Speaker". Im englischen Original sind weit mehr Texte enthalten.
Thomas M. Maier Ausdruck der Zeit: Ein Weg zu John Cages stillem Stück 4'33" Ein Buch über Cages Weg hin zu seinem wohl berüchtigsten Wurf. Bietet viele interessante Untersuchungen zu den Werken vor dem Zufall, als Cage mit rhythmischen Strukturen und der "Gamut-Technique" arbeitete. Manchmal etwas sehr ins Detail gehend, aber durchaus lesenswert.
Herzliche Grüße Satie
Cetay (29.11.2021, 04:33): Ich möchte gerne einige Bücher zu John Cage empfehlen. Danke dafuer und ich nehme das als dezenten Anstoss, endlich meiner (Selbstver)Pflicht(ung) zur Abgabe dreier CD-Empfehlungen nachzukommen, um die Einfuehrung rund zu machen.
Die Top-Empfehlung fuer voellige Neueinsteiger ist ein klarer Fall. Seventy-Four (benannt nach der Groesse des Orchesters) duerfte manchen ueberraschen. Cage klingt selten vergleichbar mit anderen Komponisten, aber hier haette man mir beim ersten Blindhoeren weismachen koennen, das waere Scelsi. Ich habe im Scelsi-Thread schon feststellen muessen, dass dessen grossbesetzte Orchesterwerke klangaestehtisch gelegentlich gefaehrlich nahe -ich bring es kaum auf die Tastatur- zu mancher Wagner-Ouvertuere sind. Auch das lyrische, klangfarbenstarke, rhythmisch vertrackte, impressionistisch angehauchte Balett The Seasons sollte etwas fuer Kulinariker sein. Hier waeren die exotisch getoenten Sachen von Toch und das Orchesterwerk von Webern ganz grobe Orientierungspunkte. So aufgewaermt ist der Sprung in die aufregende Klangwelt des Concerto for Prepared Piano eine sichere Sache...
John Cage - The Seasons Margaret Leng Tang, American Composers Orchestra, Dennis Russel Davies Seventy-Four (Version I) The Seasons Concerto for Prepared Piano and Chamber Orchestra Seventy-Four (Version II) Suite for Toy Piano Suite for Toy Piano (Orchesterfassung von Lou Harrison)
Cetay (29.11.2021, 06:35): Plattentipp Nr. 2:
John Cage - Melodies & Harmonies Annelie Gahl (Violine), Klaus Lang (Fender Rhodes Piano)
Hier werden zwei Kompositonen, die Six Melodies (1950) und 13 der 44 Harmonies from Apartment House 1776 (1985) miteinander verwoben. Das Arrangement stammt von den Ausfuehrenden. Der Titel des Albums deutet schon an, dass das weit von "arg experimentellem Kram, der nichts mehr mit Musik zu tun hat" entfernt ist. Der karge Zusammenklang der vibratolos gespielten Violine und dem E-Piano fasziniert. Auf Dauer ist das vielleicht etwas monochrom und nicht alle Stuecke sind gleich einnehmend, aber es gibt genuegend magisch-jenseitige Momente, die ueber diese kleinen Unzulänglichkeiten hinweghoeren lassen.
Cetay (29.11.2021, 07:00): Hörtipp Nr. 3:
John Cage - Two & Variations II Ensemble Spaziomusica Variations II for Flute, Percussions and Piano Variations II for Piano Solo Variations II for Flute Solo Variations II for Percussions Solo Two for Flute and Piano Variations II for Flute, Percussions and Piano (alternative Realisierung)
Die Variations gehören zu den abstraktesten graphischen Kompositionen von Cage. Die Nummer II ist "for any number of players and any sound producing means" geschrieben und damit maximal unvorsehbar . Dennoch klingt die erste der hier zu hörenden Realisierungen für Trio am Anfang unüberhörbar nach Cage (dem Spätwerk). Das ändert sich im Verlauf, waehrend dessen sich das Ensemble in Sciarrinos Klangwelten begibt und diese mit asiatischen Einflüssen anreichert. Das gefällt mir außerordentlich gut.
satie (29.11.2021, 09:35): Ich habe im Scelsi-Thread schon feststellen muessen, dass dessen grossbesetzte Orchesterwerke klangaestehtisch gelegentlich gefaehrlich nahe -ich bring es kaum auf die Tastatur- zu mancher Wagner-Ouvertuere sind. Das ist gar nicht verkehrt. Scelsi hat seine Nähe zu Wagner sogar explizit in einem theoretischen Text erwähnt, dessen Titel ich nicht mehr weiß. Der Text war französisch.