John Eliot Gardiner - der Exzentriker oder der Bewahrer?
Heike (08.04.2010, 19:30): Eigentlich wollte ich im entsprechenden Thread nur darauf hinweisen, dass es neuerdings eine preiswerte Box mit Gardiner-Aufnahmen gibt:
Da merkte ich aber, dass es noch gar keinen Gardiner-Thread gibt, also jetzt gibt es ihn. Schon wegen dem legendären WO und der h-moll Messe hat er den mindestens verdient.
einige wenige wichtige Lebensdaten: - geboren 1943 in Fontmell, Dorset, England - gründete 1964 den Monteverdi Choir und das Monteverdi Orchestra, aus dem später die die English Baroque Soloists hervorgingen - Haupterfolge feierte er durch seine herausragenden Aufführungen und Einspielungen alter Musik, dirigierte aber auch Opern
So viel mehr weiß ich gar nicht so auf Anhieb, wer mag, der ergänze oder füge einfach sein ganz persönliches pro und contra zu Gardiner an ! Heike
P.s. Er betreibt einen großen Ökobauernhof in seiner englischen Heimat Dorset, was ihn mir irgendwie sympathisch macht!
Armin70 (08.04.2010, 22:07): Hallo,
meiner Meinung nach hat Gardiner ohne Zweifel Großtaten im Bereich der originalen Aufführungspraxis geleistet. Zusammen mit dem von ihm gegründeten Ensembles, Monteverdi Chor, English Baroque Orchestra, Orchestre Revolutionaire et Romantique, hat er bis jetzt schon masstäbliche Aufnahmen gemacht.
Einige dieser tollen Aufnahmen sind z. B. die schon genannten Aufnahmen von Bachs Weihnachtsoratorium oder der H-Moll Messe. Auch viele seiner Händel-Aufnahmen, insbesondere die Oratorien-Aufnahmen (z. B. Jephta), zählen für mich auch zum Besten, was es auf dem Markt gibt. Genial ist für mich seine Aufnahme von Monteverdis Marienvesper aus dem Markus-Dom in Venedig.
Interessant waren dann auch Gardiners Vorstösse mit Originalinstrumenten in das 19. Jahrhundert: Berlioz (Messe Solnelle), Brahms (Requiem), Fauré (Requiem). Heutzutage ist das nicht mehr ganz so aufregend, weil es viele nachgemacht haben aber zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen war das schon neu.
Fast parallel arbeitete Gardiner aber auch mit traditionellen Sinfonieorchestern zusammen. Im Gegensatz zu Norrington (Stichwort: vibratoloser Streicherklang), vermied es aber Gardiner erfreulicherweise, dass bei ihm ein modernes Sinfonieorchester so klingt als spiele es auf originalen Instrumenten.
Dabei entstanden auch interessante Aufnahmen, zu denen u. a. folgende gehören: - Philharmonia Orchestra: Britten, Holst, Grainger - Wiener Philharmoniker: Bruckner, Chabrier, Elgar, Lehar, Suppe etc.
Übrigens freue ich mich schon darauf, im Mai diesen Jahres Gardiner mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists in Ffm mit Bachs H-Moll Messe zu erleben.
Gruß
Rideamus (10.04.2010, 10:21): Gardiners Verdienste um Bachs Kantaten und Händels Oratorien, um nur einige Höhepunkte seiner maßstäblichen Einspielungen von Barockmusik zu nennen, sind unbestreitbar. Nicht von ungefähr läuft sein Weihnachtsoratorium hier jedes Jahr.
Da dies aber nicht mein bevorzugtes Repetoire ist, liegen Gardiners größte Verdienste für mich hauptsächlich in seiner liebevollen Pflege des französischen Repertoires, das er oft mit großer Sorgfalt und hörbarer Zuneigung wiederbelebt oder gar ausgräbt. Sein Berlioz wurde schon genannt, deshalb hier nur seine größte Leistung mit einem Werk dieses Komponisten:
Aber auch andere große Franzosen profitierten von Gardiners Arbeit vor allem in Lyon. Ich denke da neben dem mir derzeit besonders nahe liegenden L'ÉTOILE (s. http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1382) vor allem an
Christoph Willibald Gluck:
André Messagerund natürlich Jacques Offenbach: Für diese Aufnahmen allein, die leider schon von den Streichungen der Erato betroffen oder der EMI gefährdet sind, gebührt ihm alle Ehre, aber natürlich gibt es noch vieles mehr, das man hier empfehlen müsste, nicht zuletzt aus der deutschen Klassik (seine Beethoven-Symphonien) und Romantik (die Schumann-Symphonien).
Keineswegs vergessen werden sollte aber sein Mozart-Zyklus, der mir auf DVD sogar noch besser gefällt, und für den ich stellvertretend meine Liebling-COSÍ hier einstelle:
Um es auf einen simplen Satz zu bringen: für mich ist Gardiner vielleicht der wichtigste, sicher aber mit der verdienstvollste aktive Dirigent.
:hello Rideamus
soli deo gloria (11.04.2010, 14:07): Wie schon die vorangegangenen Beiträge seine Universalität angesprochen haben, ist J.E. Gardiner einer der größten Barock-Spezialisten für die Historische Aufführungspraxsis in der heutigen Zeit. Sein Sound von The English Baroque Soloists ist traumhaft sein Monteverdi Choir absolute Weltklasse, in deutsch zu singen und sich zu artikulieren gelingt ihnen einwandfrei ohne Akzent.
Ich bin ein Bewunderer seiner Einspielung der Brandenburgischen Konzerten 1-6 - sie werden euphorisch wahrgenommen und erhalten eine überragende Kritik. Ich hatte das Vergnügen, zum Bachfest 2008 in Köthen - im Spiegelsaal und Bachsaal jeweils die Teile 1-6 live zu erleben, es war ein Traum und das an historischer Stätte des Köthener Schlosses, Herz was willst du mehr...!!
Bei amazon sind Kritiken darüber nachzulesen und kann sie sehr empfehlen.
H i e r
Gruß sdg
Rachmaninov (17.04.2010, 10:15): Vor einigen Tagen hörte ich mal wieder die Aufnahme des Beethoven VK mit Gardiner / Mullova. Mullova schätze ich sehr, auch in diesem VK, jedoch fehlt mir bei Gardiner das Gefühl für die Stimmung. Er vermittelt mehr sehr sauber gespielte Noten als "echte" Musik mit "Leib und Seele". Wenn ich gagegen das Dirigat von Fisher mit Faust höre sind die Unterschiede signifikat.
ab (25.04.2010, 10:47): Original von Rachmaninov Vor einigen Tagen hörte ich mal wieder die Aufnahme des Beethoven VK mit Gardiner / Mullova. Mullova schätze ich sehr, auch in diesem VK, jedoch fehlt mir bei Gardiner das Gefühl für die Stimmung. Er vermittelt mehr sehr sauber gespielte Noten als "echte" Musik mit "Leib und Seele". Wenn ich gagegen das Dirigat von Fisher mit Faust höre sind die Unterschiede signifikat.
meinst Du das Dirigat von Belohlavek mit Isabelle Faust; oder auf welche sonst mir nicht bekannte Aufnahme beziehst Du Dich?
Den geschilderten Eindruck von Gardiner das Orchester betreffend habe ich selbst auch oft bei vielen seiner Aufnahmen.
Womöglich aber ist das gar kein "Fehlen von Gefühl für die Stimmung" als viel mehr eine Form britischen Gespürs für Klassik? Marriner beispielsweise interpretatiert auch so etwas an der Oberfläche liegend. Da fehlt dann das, was vielleicht Gould mit dem "Teutonische" bei Beethoven gemeint hat? Das geht dann zugunsten eine Schlichtheit, sozusagen Naivität (ggf. im besten Sinne)? :hello