John Zorn

Joe Dvorak (07.05.2022, 09:28):
Nachdem ich letztens viel von meiner Zeit mit John Zorn verbracht habe, fuehle ich mich bemuessigt, ein paar Zeilen zu ihm loszuwerden. Zorn ist Mulitinstrumentalist mit Hauptinstrument Altsaxophon, Komponist fuer Konzertsaal, Buehne und Film, sowie Produzent mit eigenem Label (Tzadik).

1953 in New York City geboren und dort aufgewachsen, wurde er Mitte der 70er zu einer zentralen Figur in der Downtown-Szene und tat sich durch die Integration und Dekonstruktion der unterschiedlichsten Stile und kompositorischen Formate hervor. Klassik, Jazz, Rock, Hardcore-Punk, Klezmer, Film, Cartoon, Pop-, Welt- und freie Improvisations-Musik prallen in seinem Werk oft unvermittelt oder collagenhaft aufeinander, er hat aber auch in einigen 'reinen' Genres, inbesondere im Jazz und in der zeitgenoessischen Klassik Bedeutendes geschaffen. Damit ist sein Werk gleichsam einflussreich, wie es kontrovers aufgenommen wird. Bei ueber 200 unter eigenem Namen veroeffentlichten und mehr als 2000 produzierten Alben kann das nicht alles Qualitaet sein, meint der Vorurteilsteufel. Dass sich Zorn der akademischen Kategorisierung entzieht, macht es noch leichter, ihn zu abzulehnen. Wenn er ein Steichquartett um einen Scratching-DJ bereichert, dann nennt man es Crossover und schon ist es keiner Beschaeftigung mehr wuerdig. Aber so leicht kommen wir nicht davon. Zorn hat über 120 Werke für klassische Ensembles komponiert, darunter mehrere Streichquartette, Vokalmusik, Kammermusik, Konzerte, Opern, Orchesterwerke, Taenze, geleitete Improvisationen und Elektroakustische Musik. Die Ausdruckspalette reicht von betoerender Schoenheit, in der man regelrecht ersaufen kann, bis hin zu schaedelspaltendem Krach, bei dem man sich gelegentlich fragt, wie menschliche Wesen solch abscheuliche Laute erzeugen koennen.

Wer wissen will, wieviel von Zorns Werk Qualitaet ist, muss selbst hoeren. Auf Empfehlungen ist kein Verlass, zumal die Rezensenten oft nur bemaengeln, dass es nicht die erwartete Musik ist - denn eines ist sicher: wenn Zorn drauf steht, kann man nie sicher sein, was es zu hoeren gibt. Wer kennt ihn? Wer ist musikalischer Omnivore genug, um eines seiner Collagen-Hauptwerke Naked City (1990) von vorne bis hinten aussitzen zu koennen? Was halten die Komponisten, Musiker und Liebhaber im Forum von seinen Beitraegen auf dem Feld der 'ernsten' zeitgenoessischen Musik?

Ich werde hier nach und nach einige des Bemerkens werten und des Merkens wuerdigen Aufnahmen in bewaehrter Knappheit besprechen.
Joe Dvorak (13.05.2022, 04:37):


Spillane (1987)

Meine Erstbegegnung mit Zorn hatte ich Anfang der 90er. Da gab es zwar schon Internet, aber Dateiteilen (dt. Filesharing) lag noch in weiter Ferne. Um neue Musik zu hoeren, musste man Geld in den Laden tragen oder mit den Angeboten von Radio und Leih-Bibliothek auskommen. Oder sich mit den Machern eines freien Rundfunksenders anfreunden. Die bekamen auf Anfrage von den Labels fast jede begehrte CD als Promo zugeschickt - alles was man dafuer tun musste, war Titel und Datum der Sendung zu nennen und welche Titel gespielt werden. Dabei hat man es nicht immer so ganz genau mit der Wahrheit genommen, denn die Jazz-Fraktion mit gerade mal einer Stunde Sendezeit pro Woche hatte einen Bestand, der locker fuer ein Jahrzehnt gereicht haette. Vor dem Gesetz war das wohl Diebstahl, aber das duerfte mittlerweile verjaehrt sein. Zu dieser Zeit hatte ich gerade eine intensive Jazz-Phase und so hing ich bei jeder Gelegenheit dort ab. Eines Tages kam einer der Typen aufgeregt mit einer CD hoch ueber dem Kopf wedelnd angelaufen: "Leute das muesst ihr hoeren". Er wechselte ungefragt die CD und nach den ersten 4 Sekunden war aller Aufmerksamkeit geweckt - solange dauert der hysterische Damenschrei (ein Sample aus einem Film) mit dem das Werk eroeffnet wird. Dann geht es traditionell jazzig los, aber das haelt nicht lange vor. Das Ganze entwickelt sich zu einer Collage aus Filmsequenzen, Blues, Geraeusch, klassisch-avantgardistischen Versatzstuecken, traditonellem und freiem Jazz, morriconesquen Soundtracks und anderem. Diese 25-minuetige Eroeffnungsnummer Spillane ist Musik zu einem imaginaeren Film, die mit ihren staendigen Schnitten und Szenenwechseln selbst zum Hoerfilm wird, in diesem Fall zu einem Film Noir. Ob man das als 'Klassik' bezeichnen darf, kann gerne anderswo disktutiert werden - wir haben den Versuch der Abgrenzung von E- und U-Musik nach 1950 hier im Forum schon exzessiv und erfolglos vorgenommen.

Die Frage stellt sich nicht fuer die letzte Komposition auf der Platte. Hier agiert das Kronos-Quartett und spielt mit Forbidden Fruits 'reine' Klassik. Die Nummer besteht aus 4 Themen mit jeweils 12 Variationen, die nicht linear gespielt, sondern quer ueber die gerade mal 10 Minuten Spieldauer verstreut werden, angereichert mit von Ohta Hiromi gesprochenen Monologen aus einem japanischen Film und den Kuensten des Platten-Scratchers Christian Marclay (selbstredend Streichquartettaufnahmen verwendend, wobei es nicht immer einfach ist, seine Beitraege von denen des echten Quartetts zu unterscheiden). Es hat mich ueberrascht, dass diese Nummer, die in weiten Teilen Neue Musik von der 'uebelsten', sprich atonal-geraeuschhaften Sorte darstellt, von den Jazz-Nerds ebenso frenetisch abgefeiert wurde wie der Rest der Platte. Neben den genannten Stuecken, findet sich auf dem Album noch ein Blues, den Zorn fuer Albert Collins geschrieben hat. Dass der nicht wie ein Fremdkoerper wirkt, liegt daran, dass er die trockene Film Noir Atmosphaere des ersten Titels aufgreift und aehnlich collagenhaft (2 Teile mit insgesamt 12 Abschnitten in 18 Minuten) aufgebaut ist.

Die CD war fuer mich der perfekte Einstieg in das Zornsche Universum und zaehlt heute noch zu meinen Allzeitfavoriten ueber alle Epochen und Genres hinweg. Freilich war es unmoeglich, ihm ohne ruinoese Folgen zu folgen, da er mehrere Veroeffentlichungen pro Jahr herausgebracht hat. Dank der schoenen neuen Streamingwelt kann dieses Versaeuemnis auf dem Altenteil nachgeholt warden.
Joe Dvorak (17.05.2022, 13:05):
Meine Topempfehlung fuer Zornovizen ist die Komposition Rituals (1998) fuer Singstimme und 10 Instrumentalisten. Zorn komponiert hier im Stil der Nachkriegsavantgarde, hebt sich jedoch klanglich durch ungewoehnliche Mittel ab. Wir hoeren Windmaschinen, Wasser, Kuhglocken, Angelrollen, Papier, Klangschalen, Vogelstimmen und einen Totengraeber in Aktion. (Wer hier sofort Gimmick! denkt, denke an Mahler, Respighi oder Strauss.) Auch der Einsatz einer Hammond statt einer Kirchenorgel ist ungewoehnlich.

Das Stueck besteht aus 5 Saetzen und dauert etwas mehr als 25 Minuten. Die Klangfarbenpalette ist so breit wie es die Instrumentierung erwarten laesst und die Textur aendert sich staendig, da immer nur wenige Instrumente in wechselnder Zusammensetzung zusammenspielen und der textlose Gesang immer wieder fuer laengere Zeit aussetzt. Rhythmisch geht es von kantiger Hektik bis zum reinen Drone -und graduellen Abstufungen dazwischen- ebenso vielfaeltig zu und der Gesamtklang reicht von pastell-meditativ bis schrill-geraeuschhaft.
Die Frage, ob bei soviel Vielfalt ein zwingendes Werk herauskommt oder bloss ein unzusammenhaengendes Kompendium, entscheidet sich im Kopf des Hoerers. In meinem ist es ersteres mit einem bezwingenden Wiederholungszwang, weil jedes Wiederhoeren weitere Feinheiten offenbart. Gewagt, aber richtig finde ich die Entscheidung, das trotz der Kuerze ohne weiteres Beiwerk auf das Album zu bringen - Rituals ist in sich perfekt, alles andere wuerde das nur verwaessern.




Rituals (1998)

Heather Gardner (Sopran), Stephen Drury (Klavier, Cembalo, Celesta, Orgel), Jim Pugh (Posaune), Tara O'Connor (Floete, Altfloete, Piccolo), Mike Lowenstern (Klarinette, Bassklarinette, Es-Klarinette), Peter Kolkay (Fagott, Kontrafagott), Jennifer Choi (Violine), Fred Sherry (Violoncello), Kurt Muroki (Kontrabass), Jim Pugliese (Perkussion & Klangobjekte), William Winant (Perkussion)
Joe Dvorak (21.05.2022, 04:35):


Love, Madness & Mysticism
Stephen Drury (Klavier), Jennifer Choi (Violine), Erik Friedlander (Violoncello)
Le Momo fuer Violine & Klavier
Untitled fuer Cello solo
Amour Fou fuer Klaviertrio

Kompostionen aus dem Jahr 1999 fuer Freunde von eher beschaulicher Kammermusik. Da ist nichts Bahnbrechendes, es gibt keine Schnitte und Collagen, keine Stilkollisionen, keine extremen Ausdrucksformen, sondern das ist lineares Komponieren mit vorsichtig eingesetztem avantgardistischen Vokabular. Eine gewisse Vorliebe fuer Ostinati rueckt das bisweilen in die Naehe zur Filmmusik. Das ist das konventionellste reine Klassikalbum, das ich von Zorn kenne (was nichts besagt, weil ich bislang kaum mehr als 10% seiner Veroeffentlichungen gehoert habe) und es bietet allen, die die Moderne nicht grundsaetzlich ablehen, leichtes Futter. Das ist freilich ein 'Problem' dahingehend, dass dieses Album von 'irgendjemand' sein koennte. Das lose von Messiaen und Scriabin beinflusste Klaviertrio ist nicht besser oder schlechter als andere Gattungsbeitraege der gemaessigten Moderne - wer auf diesem Gebiet sein Hoerrepertoire erweitern will, hat hier eine astreine Empfehlung vorliegen.
Andréjo (21.05.2022, 12:37):
Grüß Dich, Joe,

in einer bestimmten Hinsicht würde mich Deine Meinung zur Einspielung der Streichquartette interessieren.



Vorausschicken möchte ich, dass mir die Vielseitigkeit, quasi die Unberechenbarkeit des Komponisten auch durch Deine Beiträge hier im Forum klar geworden ist. Da könnte ich mir schon weitere Anschaffungen gut vorstellen. Auch gefallen mir prinzipiell die Streichquartette sehr und ich meine, da einen Personalstil wahrzunehmen, der in Kol Nidre noch am vagsten bleibt.

Kol Nidre kannte ich schon vorher - es befindet sich auf einer CD, die insbesondere von Patricia Kopatchinskaja initiiert wurde.



Bei Memento mori fallen mir quasi versatzstückhaft die eher konventionellen, aber durchaus berührenden Lyrizismen auf.

Wenn der Komponist im Booklet darauf hinweist, dass die neunschwänzige Katze ein ausgeprägtes und so auch vielfach rezipiertes Fun Piece sei, so folge ich dem ebenfalls gern. Nur scheint mir das Idiom in The Dead Man und eben auch in Memento Mori auf eine Weise über lange Passagen zu ähnlich, um den gänzlich anderen Charakter zu rechtfertigen, den der Komponist im Booklet beansprucht.

Vielleicht habe ich noch nicht genau genug gehört, das ist leicht möglich. Ich weiß schon: Für einen arg naiven Hörer klingt auch Mozart stets gleich.

PS: :D Naja, wenn man sich so das Cover der Kopatchinskaja-Scheibe betrachtet, so könnte der gleiche Eindruck einer absurden Inkongruenz des emotionalen Potentials entstehen, den ich oben auf rein musikalischer Ebene herausgehört haben will oder vielleicht zu unterscheiden (noch) nicht in der Lage bin.

Ironie? Vielleicht sogar romantische Ironie??? Noch romantischere Gleichsetzung respektive zumindest Analogie von Lebenslust und Todessehnsucht? Der Tod als Witzfigur? ... Auf jeden Fall Dialektik ...

:) Wolfgang
Joe Dvorak (22.05.2022, 01:45):
Dass das Folterwerkzeug beim Hoeren ein Spass ist, kann ich bestaetigen. Dass ist ein typischer Ausschneiden-und-Zusammenkleben Zorn. Besonders gut gefaellt mir die Stelle nach etwas mehr als 1 Minute, wenn er ueberzuegend die "Trauer, Verzweiflung, Resignation" des spaeten Beethoven oder Shostakovich imitiert, um sich dann darueber lustig zu machen - als ob er sagen wolle, dass man nicht zuviel Gedankenwelt des Komponisten in die Werke hineininterpretieren soll? Allerdings ist mir das Stueck zu lang. Die Wendung vor der Generalpause nach fuenfeinhalb Minuten waere ein perfekter Schluss, danach komme ich schnell an den beruechtigten Punkt, an dem ich nicht mehr wissen will, wie es weiter geht.

Der Tod als Witzfigur? Jedenfalls ist bei The Dead Man ein parodistisches Element nicht zu uebersehen (Prelude) und zu ueberhoeren (Romance).

Eine Aehnlichkeit mit Memento Mori hoere ich nicht. Dort fehlen die harten Schnitte, das bisweilen Grelle und die eruptiven Ausbrueche, es ist ruhiger und linearer. Den Personalstil kann ich nicht ausmachen, das geht mir allerdings bei vielen Gegenwartskomponisten so. Ich gebe freimuetig zu, dass man mir das als ein neues Streichquartett von Lachenmann haette verkaufen koennen, ohne dass mir Zweifel gekommen waeren. Das liegt vermutlich daran, dass ich kein Zuhoerer bin - im Sinne von Lachenmann, der sinngemaess gesagt hat, dass Zuhoerer in seiner Musik verloren seien, weil sie "zu" sind, waehrend Hoerer etwas erleben koennten.

Die Texte von Zorn und die von ihm gezeigten Bezuege, die sich seinem Werk finden sollen, sind ein Thema fuer sich. Da treagt er manchmal schon dick auf: Futuristen, Surrealisten, Magier, Mystiker - Schriftsteller, Dramaturgen, Filmemacher, Bildende Kuenstler. Varese, Artaud und Crowley sind -gleichzeitig(!)- Widmungstraeger fuer eine ganze Serie von Werken (was wiederum einlaedt, Gemeinsamkeiten zu finden). Immerhin brauchen wir durch Zorns Anleitungen -anders als bei den Alten- nicht zu spekulieren, wie ein Werk "gemeint" war, was der Komponinist "damit sagen wollte"...
.
Andréjo (22.05.2022, 12:23):
NB: Zugegeben - ich möchte schon gerne beides, bin insofern wohl (auch) ein typischer Lehrer. Also erleben UND einsortieren. Man lernt bei jenem Geschäft, das ich jetzt hinter mir habe, das "Approximative", man sucht nach Parallelen, Schemata, Vereinfachungen aller Art. Im Übrigen scheint es mir allerdings auch so, dass von den Spezialisten (Viertel-, Halb-, Voll-), welche die Booklet-Texte verfassen, ganz besonders gerne verglichen wird, Ähnlichkeiten gesucht werden. Das ist mir oft viel zu vage oder bezieht sich nur auf formale Äußerlichkeiten und wird dadurch uninteressant. Wie oft habe ich schon gelesen, dass hier jemand seinen Bartok gehört hat oder ähnlich formuliert. Nachvollziehen kann ich es dann doch nicht.

Wenn ich den nicht gar so umfangreichen Eigentext von John Zorn über die Streichquartette lese, gebe ich Dir gerne Recht: Da sortiert sich einer selber am besten.

In jedem Fall ist Zorn eine der interessantesten Entdeckungen der letzten Monate für mich, auch wenn ich bislang im Wesentlichen nur die Streichquartette kenne. Doch selbst im Ruhestand hat man zu wenig Zeit ... :W

:) Wolfgang
Joe Dvorak (27.05.2022, 10:26):


Angelus Novus
The Callithumpian Consort Of New England Conservatory, Stephen Drury (Leitung & Klavier)
For Your Eyes Only (1988) fuer Kammerorchester
Christabel (1972) fuer 5 Floeten und Viola
Carny (1989) fuer Klavier solo
Angelus Novus (1993) fuer Blaeseroktett
Weiter oben habe ich Einsteigern Rituals empfohlen, aber nun aendere ich meine Meinung, weil der textlose Sopran doch dem einen oder der anderen das Stueck verleiden koennte und weil Angelus Novus einen abwechslungsreichen und exquisiten Querschnitt durch das Schaffen des klassischen Zorn bietet und ueberraschend auch als geschlossenes Album funktioniert.

For Your Eyes Only und Carny sind typische Beispiele fuer Zorns Collage-Technik, bei der Schnipsel aus unzaehligen Stilen und Epochen aneinandergereiht werden. Das erste Stueck wuerde ich mutig als Pendant zu einer auf 14 Minuten komprimierten Kammerversion der ersten Sinfonie von Schnittke charakterisieren. Dass die beiden Stuecke in zeitlicher Naehe zu Spillane entstanden sind, ist insbesondere bei dem Klavierstueck nicht zu ueberhoeren. Weil ich es nicht besser sagen koennte, schreibe ich aus William Duckworths Buch Talking Music ab: Das (...) Material besteht aus Ausschnitten unterschiedlicher Musikstile, von Beethoven und Stockhausen über Boogie-Woogie, "Lounge"-Piano bis hin zu New Orleans Funk. Obwohl scheinbar zufällig, summieren sich die Teile zu einem sehr überzeugenden Ganzen.

Die Talentprobe des 19-jaehrigen, Christabel ist am gegenueberliegenden Ende des Spektrums anzusiedeln. Hier dominieren Drones, Klangbaender und -flaechen. Das Titelstueck Angelus Novus nimmt das in den Saetzen 1, 3 & 5 wieder auf, waehrend in den beiden kurzen Intermezzi -mit Verlaub- 'typisch modern' geschnattert, gequietscht und geroehrt wird, wobei freilich neben versteckten Klezmer-Einfluessen die enorme Virtuositaet der Laeufe ebensowenig zu ueberhoeren ist, wie dass sich Zorn dabei nicht immer ganz Ernst nimmt.
Joe Dvorak (31.05.2022, 03:05):
Damit ich nicht als undifferenzierender Lobhudler dastehe, kommt jetzt ein Album, mit dem ich bislang nicht zurecht komme:



From Silence to Sorcery
Jennifer Choi (Violine), Lois Martin (Viola), Fred Sherry (Violoncello), Willian Winant (Schlagzeug, Perkussion), Steven Drury (Clavichord), Brad Lubman (Leitung)
Goetia (2002) fuer Violine solo
Gris-Gris (2000) fuer 13 gestimmte Trommeln und Basstrommel
Shibboleth (1997) fuer Streichtrio, Perkussion & Clavichord
Dalis Tarot auf dem Cover. Zauberspreuche, die Daemonen heraufbeschwoeren sollen, um die alt(bekannt)e Beziehung zwischen der Geige und dem Teufel zu verhoerbildlichen. Schamanismus aus Korea, Voodoo aus Haiti und eine Filmszene als Inspiration fuer eine Schlagzeugkompostion. Eine Hommage an Paul Celan, den Schoepfer der Todesfuge. Das weckt Erwartungen und ich warte im Verlauf des kurzen Albums darauf, dass es mir gelingt, irgendwelche Bezuege zum Gehoerten festzustellen - vergeblich. Das ist keine 'schlechte' Musik, sie ist interessant zu hoeren, aber sie gibt mir nichts. Ausser den Wunsch, mal wieder ein Sologeigenstueck von Scelsi oder Xenakis -oder gleich Bachs d-Moll Partita- aufzulegen oder ein Schlagzeugstueck von Cage oder Xenakis -oder gleich Vareses Ionisation.
Joe Dvorak (31.05.2022, 03:27):


Mysterium
Tara O'Connor (Floete), Richard O'Neill (Viola), June Han (Harfe), Stephen Gosling (Cemablo, Celesta), Ikue Mori (Elektronik), David Shively (Perkussion), Brad Lubman (Leitung), Martha Sullivan, Lisa Bielawa, Martha Cluver, Kirsten Sollek & Abby Fischer (Stimme), Jennifer Choi (Violine), Lois Martin (Viola), Fred Sherry (Violoncello)
Orphée (2004) fuer Sextett
Framentti del Sappho (2004) fuer kleinen Freuenchor
Walpurgisnacht (2004) fuer Streichtrio
Das koennte mit der Konzeption (Mini-Album, 3 Werke, verschiedene Besetzungen) fast als Schwesterwerk zu From Silence to Sorcery durchgehen, aber was ist das fuer ein Unterschied. Das hinterleasst einen maechtigen Eindruck. Wer die Besetzungsliste liest und nach den ersten drei Instrumenten an Debussy denkt, liegt richtig. Dessen Sonate war Inspirationsquelle fuer Orphée, aber auch Boulez und Cocteau (ohne Nicht-Musiker geht es einfach nicht) werden genannt. Die Framentti sind Post-Minimalismus mit Renaissance- und Mittelalterbezuegen. Mir kommt Gavin Bryars in den Sinn, aber Zorn macht das um Klassen besser, weil unbequemer und kulinarisch-mystizistische Berieselung vermeidend. Das Streichtrio schoepft dann wieder aus dem Okkulten (ohne geht es einfach nicht) und rockt wie eine Achterbahnfahrt. Die Stimmung wechselt haeufig, ohne dass das Stueck deswegen fragmentarisch oder filmschnittartig wirkt. Das Album ist ziemlich kurz, laeuft aber sehr lange, denn wenn es zu Ende ist, faengt man sofort wieder von vorne an. Ja, es ist wirklich so gut!
Joe Dvorak (01.06.2022, 05:34):
Ich meine, Zorn ist am staerksten - ich korrigiere: Zorn gefaellt mir am besten, wenn er von klassiknahem Terrain ausgeht, aber die Grenzen durchlaessig haelt und als Ergebnis ein Hoerfilm herauskommt. Weil das reichlich verquast klingt, ich aber nicht weiss, wie ich es besser erklaeren soll, belasse ich es bei einem Beispiel:



Dictee Liber Novus
Dictee (2009)
Okkyung Lee (Violoncello, Sprechstimme), John Zorn (Elektronik), Sylvie Courvoisier (Klavier, Sprechstimme), Ned Rothenberg (Shakuhachi, Bassfloete, Klarinette), Kenny Wollesen (Vibraphon, Perkussion)
Liber Novus (2010)
David Slusser (Elektronik), John Medeski (Orgel), Kenny Wollesen (Perkussion), Stephen Gosling (Klavier), John Zorn (Sprechstimme)
Bei einem Stueck wie Dictee frage ich mich, wie jemand auf so was kommt und woher dieser jemand wissen kann, dass ich genau so etwas hoeren will. Ein dermassen perfekt einrastendes Musikstueck erinnert mich daran, wie wichtig mir Musik ist und warum sie mir so unverzichtbar ist. Und wie bloedsinnig ist es, daruber zu schreiben. Wenn ein anderer Rezensent diese Musik als incoherent nonsense bezeichnet, dann hat er voellig recht, denn das ist, was er hoert. Und jetzt?

(Liber Novus liegt in meinen Ohren 2 Klassen darunter und geht auch nicht mehr als Klassik durch. Gut zu hoeren ist das allemal.)
Joe Dvorak (01.06.2022, 08:05):
Ein Faden ueber Zorn waere unvollstaendig ohne die Erwaehnung von Cobra. Man liest oft, dass das eine der am haufigsten aufgefuherten Kompositonen der Neuen Musik sein soll. Cobra (1984) gehoert zu den Game Pieces, bei dem die herkommliche Partitur durch ein kompliziertes System von Anweisungen auf Karteikarten ersetzt wird. Hier ein Link zu einem -mMn sehr lesenwerten- Artikel mit einer tiefgehenden Analyse: Musical Chess: “Cobra” and John Zorn’s Game Pieces.

Es gibt mindestens 5 Aufnahmen, von denen ich bisher eine gehoert habe:



Cobra (The Game Pieces Part. 2)
Version fuer Duodezett unter der Leitung des Komponisten
Joe Dvorak (06.06.2022, 02:33):


Rimbaud
Bateau Ivre (2011) fuer Floete, Klarinette, Klavier, Streichtrio & Vibraphon
Talea Ensemble, Brad Lubman
A Season in Hell (2011) fuer Elektronik
Ikue Mori (Computer), John Zorn (Samples)
Illuminations (2012) fuer Jazz-Klaviertrio
Stephen Gosling (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Kenny Wollensen (Schlagzeug)
Conneries (2012) nach einen Text von Arthur Rimbaud fuer Sprecher und Klangcollage
Mathieu Almaric (Stimme), John Zorn (Instrumente & Geraeuscheffekte)
Das beeindruckt mich. Wir hoeren vier voellig unterschiedliche Stuecke, deren einzige Verbindung die Widmung an einen mir unbekannten Autor darstellt. (Ist das eine Bildungsluecke? Ich habe mir vorsichtshalber mal ein paar Proben aufs Lesegeraet gezogen.) Es gibt eine Komposition im Stil der Nachkriegsavantgarde, freilich nicht so abstrakt wie seinerzeit bei den strengen Serialisten und Aleatorikern, sondern uebersetzt ins Heute, wo es nicht mehr verpoent ist, auch aus der Tradition zu schoepfen. Es folgt ein rein elektronisches Werk, das meinen Ohren nach sehr gut gemacht ist. Eine Besonderheit ist das Klaviertrio. Hier werden die Grenzen zwischen Klassik und Jazz vollends ausgehebelt. Der Klavierpart ist komplett notiert und wuerde fuer sich als modern-klassische Komposition durchgehen, aber die Ausfuehrung erfordert eine improvisierende Jazz-Rhythmusgruppe dazu. Den Abschluss bildet eine Art Monodram, das wegen des bisweilen theatralischen Vortrags bis hin zum Gebreull nicht leicht zu goutieren ist, aber sich gut in das Konzept einfuegt. Das ist es, was mich besonders beeindruckt. Die vier so unterschiedlichen Stuecke bilden ein Album wie aus einem Guss, das -wie man so daher phrasiert- mehr als die Summe seiner Teile ist. (Dabei mag auch eine Rolle spielen, dass die Stuecke etwa gleich lang sind und die Gesamtdauer mit rund einer dreiviertel Stunde ueberhoerbar bleibt.)
Joe Dvorak (08.06.2022, 03:51):


Fragmentations, Prayers and Interjections
Chris Otto, Arcana Orchestra, David Fulmer
Orchestra Variations (1996)
Contes De Fées (Violinkonzert, 2000)
Kol Nidre (Version fuer Streichorchester, 1996)
Suppots et Supplications (2012) fuer 83 Instrumente
Alles bislang in diesem Faden Besprochene war fuer die Kammer. Hoechste Zeit, dass auch das von Zorn seltener bediente grosse Orchester zum Zuge kommt. Nur geht mir, obwohl ich noch gar nicht viel davon verbraucht habe, langsam das Vokabular aus. Also wiederhole ich mich eben. Die Variationen sind im Stil der Nachkriegsavantgarde komponiert, freilich nicht so abstrakt wie seinerzeit bei den strengen Serialisten und Aleatorikern, sondern uebersetzt ins Heute, wo es nicht mehr verpoent ist, auch aus der Tradition zu schoepfen. Contes De Fées ist ein Violinkonzert, das so gesichtslos klingt wie die Mehrzahl der modernen Violinkonzerte. (Toni wird da vielleicht ganz anderer Meinung sein.) Kol Nidre... Puh! Trauermusik im Stil von Mahler und Sibelius. Spannend kann das beim Ersthoehren sein, weil man instaendig darauf wartet, dass das endlich irgendwie gebrochen wird, dass irgendeine Pointe kommt, aber die Pointe ist, dass sie ausbleibt. Wie gesagt, bei Zorn kann man sich nie sicher sein. Er hat jede Menge Filmmusik gemacht, die teils auch in diese Richtung geht, aber in dem hier vorgefundenen Umfeld wirkt das ... seltsam. Hochlicht ist das halbstuendige Schlusssteuck, das fuer meine Ohren -moeglicherweise durch den Namen des Ensembles getriggert- stark auf Varèse verweist. (Ohne Namenfallenlassen geht es bei Zorn einfach nicht und ich liste mal auf, was ich zu diesem Album im Netz noch gefunden habe: Stravinsky, Milhaud, Shostakovich, Ibert, Messiaen, Schoenberg, Ligeti. Wohl bekomms!)
Joe Dvorak (12.06.2022, 04:06):


Femina (2009)
Jennifer Choi (Violine), Sylvie Courvoisier (Klavier), Carol Emanuel (Harfe), Okkyung Lee (Violoncello), Ikue Mori (Electronik), Shayna Dunkelman (Vibraphon, Perkussion)

Wenn der Titel und das Alles-Damen-Ensemble nicht genug Fingerzeige sind, dann ist es Zorns Widmung an gleich 52 Frauen. Hier wird das Weibliche gefeiert. Das 35-minuetige Werk ist formal in vier Teile gegliedert, aber da fuer jede Widmungstraegerin ein eigener Abschnitt komponiert wurde, kommt Zorns typische Filmschnitt-Technik zum Einsatz. Die Kontraste sind weit weniger scharf und die Stilvielfalt weniger ausgepraegt als etwa bei Spillane oder Carny. Zorn bleibt hier weitgehend auf klassischem Terrain: geraeuschhafte Avantgarde, gemaessigte Moderne & imaginaere Filmmusik, teils von entrueckender Schoenheit. Letzere nimmt im Verlauf immer mehr Raum ein, der vierte Teil ist schliesslich ganz frei von Modernismen und hier entdecke ich nun doch so etwas wie einen Personalstil. Die synkopierten Ostinato-Teppiche von Klavier, Harfe und gestimmter Perkussion (in Duos oder zu dritt), ueber denen sich Soloinstrumente in langen Linien aussingen, sind ein Markenzeichen. Zorn hat ganze Alben damit gefuellt und da wird mir das auf Dauer zu eintoenig und einlullend. Bei Femina passiert freilich genug, um den Neuton-Aficionado bei der Stange zu halten. Wie das zu einem stimmigen Ganzen zusammengefuegt wird, kann man nicht beschreiben, das muss gehoert werden. Meine Bewunderung fuer Zorn waechst mit jedem Album.
Joe Dvorak (14.06.2022, 03:56):


Lemma
Apophthegms (2012) fuer 2 Violinen
Chris Otto, David Fulmer
Passagen (2011) fuer Violine solo
Pauline Kim
Ceremonial Magic (2011) fuer Violine solo
David Fulmer
Wenn ich das Geschmaecklerische mal beiseite lasse und soweit wie moeglich versuche, ein objektives Urteil abzugeben, dann landen die Werke fuer reine kleine Streicherbesetzungen vorne. Ob Quartette, Trios oder das gleich zu besprechende Duo: daran duerfte auch ein gestrenger Waechter ueber das klassische Reinheitsgebot nichts auszusetzen haben und keinen Qualitaetsabfall zu anderen Zeitgenossen feststellen. Apophthegms besteht aus zwei Sets von je 6 Miniaturen mit einer Gesamtdauer von rund 20 Minuten. Hier wird ein Fuellhorn an Klaengen, Geraeuschen und Texturen ausgeschuettet, aber im Zentrum steht immer das Zusammenspiel der beiden Aktuere. Sie kommentieren, kontrastieren, sticheln, duellieren sich, schaukeln sich gegenseitig hoch, beschwichtigen, ordnen sich unter. Das ist kein Gespräch unter vernünftigen Leuten (Goethe ueber Haydns Quartette) sondern hier fuehren zwei brilliante Geister das scharfe rhetorische Schwert. Passagen gefaellt mir deutlich besser als das weiter oben genannte Solostueck Goetia, weil Zorn immer wieder lose Anklaenge an die vier grossen Bs hoeren laesst -zwischen der 7 und 8 Minute spinge ich gedanklich gar ins Largo von Nielsens VK- und so eine zusammenhaltende Spannung entsteht. Ceremonial Magic ist dagegen kaum auszuhalten. Da ist mir zuviel aggressives Gesaege dabei und als Monolog bleibt das (mir) nichtssagend.
Joe Dvorak (16.06.2022, 03:43):


Hen to Pan (2015)
Jay Campbell (Violoncello) w/ Michael Nicolas (Violoncello), Tyshawn Sorey (Schlagzeug), Stephen Gosling (Klavier), Chris Otto (Violine)
Ouroboros (Trio Version I fuer 2 Violoncelli & Schlagzeug)
Occam's Razor (fuer Violoncello & Klavier)
Ouroboros (Duo Version fuer 2 Violoncelli)
The Aristos (fuer Klaviertrio)
Ouroboros (Trio Version II)
Not for the faint of heart
sagt der Angelsachse als Idiom. Das ist atonal-geraeuschhafte Avantgarde, die man vertraegt oder nicht. Es ist wie mit Scotch Single Malt Whisky. Wer es nicht torfig/rauchig mag, dem kann ich noch solange von einem Ardbeg Ten vorschwaermen, er wird dennoch nichts als Trof und Rauch (und das Zeug, das einem der Zahnarzt nach der Behandlung zum Spuelen gibt) schmecken. Subtilitaeten im Hintergrund kann man nicht erfassen, wenn einen der Vordergrund abstoesst - beim Whisky wie bei der Musik. Warum manche Torf-und-Rauch-Geschmack moegen und andere nicht, weiss ich nicht. Wer das mag oder zumindest tolerieren kann, dem stehen mit diesem Single Malt wundersame Erfahrungen bevor. Etwa: bei der ersten Geruchsprobe an angesengte Autoreifen oder mueffelnde feuchte Spuellumpen denken, dann einen Schluck nehmen, aber nicht schlucken, dann mit vollem Mund die Geruchsprobe wiederholen und ... Vanilla Crème Brûlée! Sicher kann ich das auch haben, indem ich direkt an Vanilla Crème Brûlée aus dem Sechserpack schnueffle. Wer glaubt, das sei ein und dasselbe, hat fuer sich Recht - und wird bei diesem Album nach 2 Minuten abschalten. Denjenigen, die den Weg als Teil des Ziels begreifen, stehen mit diesem Album wundersame Erfahrungen bevor. In diesem Sinne: Prost!
Joe Dvorak (17.06.2022, 05:26):


The Alchemist
Pauline Kim (Violine), Jesse Mills (Violine), David Fulmer (Viola), Jay Campbell (Violoncello), Mellissa Hughes, Jane Sheldon & Kirsten Sollek (Stimme)
The Alchemist (2014) fuer Streichquartett
Earth Spirit (2014) fuer 3 Frauenstimmen
Ein weiteres Streichquartett! Das ist so unverzichtbar wie alles andere, das Zorn fuer kleine Streicherbesetzungen geschrieben hat (ausgenommen Solowerke, da gab mMn es doch den einen oder anderen Ausfall).
Nur wie soll man das finden? Die John Zorn Ressource gibt sich alle Muehe, etwas Ordnung in die Zilliarden von Projekten und Albenserien zu bringen, aber wenn Zorn ein Streichquartett, ohne es als solches auszuweisen, mit The Alchemist betitelt, es mit einem esoterischen A-capella-Werk koppelt und das Album dann in der Mystic Series anstatt in der Composer Series herausbringt, dann hilft nur das Zufallen - oder das systematische Durchhoeren aller Zweihundertfuenfundzwanzige...
Joe Dvorak (20.06.2022, 02:24):


Songs from the Hermetic Theatre
American Magus (fuer Elektronik)
In the very Eye of the Night (fuer Elektrische Bassgitarre, Wasser, Holzfloete, Basstrommel, Klavier, Glasschuessel & Sprachsample)
+ Maya Deren (Stimme)
The Nerve Key (fuer Computer)
Beuysblock (fuer Metallrohre, Honig, Wachspapier, Schlamm, Blumentöpfe, Bartschere, getrocknete Blätter, Kelle, 78 U/min Schallplatten, Einmachglas, Elektrosäge, Gummiball, Seidenpapier, Talg, Ziegelsteine, Dreck, Rasierer, Schreibblock, Bleistift, Glühbirne, Maschinenteile, Tafel, Wäscheklammer, elektrischer Ventilator, Metalleimer, Grammophon, Äste, Filz, Fett, Polaroid-Kamera, L-Hosenträger, Reißverschlüsse, Rohrstock, Hardcover-Buch, Wasser, Nagelknipser, alte Schutzhüllen, Schlüssel, Gummistempel, Blut, Tür, Hasenkadaver, Klemmleuchte, Tacker, Haare, Zeitung, Hammer, Vakuumröhren, schwere Müllsäcke, Handtuch, 82 Dollar Bargeld, Pinsel, Kaffeekanne, Kanüle, verrostetes Metall, Schuhe mit Gummisohle, Spielzeug-Megaphon, Maracas, Klavier & Streicher)
+ Jennifer Choi (Violine, Multi-Track)
Ich habe mir gerade ueberlegt, wie ich die Existenz dieses Albums 'rechtfertigen' kann, da erhalte ich unerwartete Hilfe in einem Nachbarthread (ueber Rihm):War bei beiden bisherigen Begegnungen beizeiten am Rande des Wahnsinns. Doch liegt nicht ein besonderer Reiz im Versuch, die Überforderung in Richtung des (Heraus-) Gefordert-Seins mit (wenn möglich) emotionalem Gewinn hinter sich zu lassen?
Darum geht es meines Erachtens nach bei den beiden rein abstrakten Kompositionen (American Magus & The Nerve Key) dieses Programms. Zorn verbeugt sich hier vor dem japanischen Geraeuschkuenstler Merzbow, der mit immer ausgefeilteren Attacken versucht, auch die hartgesottensten seiner Anhaenger zur Kapitulation zu zwingen - so hat es zumindest den Anschein. Dabei geht es nicht darum, das Publikum zu vergraulen, sondern herauszufordern und es gibt wohl genuegend Juenger, die den Fehdehandschuh aufnehmen. Es handelt sich nicht einfach um blossen Krach, sondern um ein gezieltes Klangdesign, das koerperlich weh tut und mental ruettelt. Wo liegt dabei der emotionale Gewinn? Nicht nur darin, es 'geschafft' zu haben. Nein, hinter dem Schmerzwall warten Erfahrungen, die anders nicht gemacht werden koennen. Wenn man erst mal im Frequenzgewitter drin ist, dann endeckt man dort ein Eigenleben, geordnete Stukturen, die wie von Geisterhand entstehen und sich wieder aufloesen und allerlei Halluzinatinoen, die das Hirn erfindet, damit es sich irgendwo festklammern kann (dass da nichts ist, kann man spaeter nachhoeren). Weiter auf der Habenseite: der katharsische Effekt und die meditative (sic!) Wirkung. Das staendig im Inneren plappernde Ego wird zum Schweigen gebracht. Gewaltsam zwar, aber ich meine das ist effizienter als wochenlanges Anstarren einer Wand im Lotussitz. Meine Topempfehlung zu Merzbow: Noise Mass.
Wie schlaegt sich Zorn im Vergleich? Ich sage es so: Wenn ich mir einmal pro Schaltjahreszyklus Extrem-Geraeuschkunst gebe, dann im Original.
Der unmittelbare Gewinner des Albums ist In the very Eye of the Night. Auch das ist eine Geraeuschcollage, aber eine tieffrequente und damit warm-organische. Wieder kommt mir Merzbow in den Sinn, diesmal seine selten gezeigte, subtile und sensible Seite, die auf Broken Landscapes zu hoeren - zu erfahren ist.
Ueber den Finaltrack Beuysblock braucht man nicht viel zu schreiben. Es reicht, die verwendeten Klangerzeuger aufzulisten und jeder weiss sofort, ob er das hoeren will oder nicht.
Joe Dvorak (21.06.2022, 04:13):


Aporias (Requia for Piano and Orchestra, 1998)
Stephen Drury, Hungarian Radio Children's Choir, American Composers Orchestra, Dennis Russell Davies

Zorns Klavierkonzert/Requiem-Verschnitt ist eine recht uneinheitliche Mischung. In den ersten Minuten des Preludes sieht das noch nach seiner typischen Filmschnitttechnik aus, aber dann wechselt die Richtung. Jeder der sieben folgenden Saetze (plus Postlude & Coda) ist in sich konsistent. Oft dominieren statische Klaenge, die bisweilen spukhaft fragil wirken, aber wir werden auch mit Handklatschen, Blaeserfanfaren und vorlautem Schlagwerk konfrontiert. Das hat durchaus seine Meriten, passt aber vorne und hinten nicht zusammen. Es fasziniert mich immer wieder, wie Zorn alle moeglichen und unmoeglichen Stile innerhalb von einer Minute zu einem verblueffend stimmigen Ganzen zusammenfuegen kann. Bei Aprioas, wo er einzelnen Elementen mehr als nur ein paar Sekunden Zeit gibt, geht mir der Zusammenhang voellig verloren. Trotz grosser Momente laesst mich das am Ende jedesmal unbefriedigt und ratlos zurueck.
Joe Dvorak (27.06.2022, 03:10):


On The Torment Of Saints, The Casting Of Spells And The Evocation Of Spirits
The Tempest: a masque (2012) fuer Floete, Klarinette/Bassklarinette & Schlagzeug/Perkussion
ICE International Contemporary Ensemble
All Hallows Eve (2013) fuer Streichtrio
Chris Otto (Violine), David Fulmer (Viola) Jay Campbell (Violoncello)
The Temptations of St. Anthony (2013) fuer Klavier und 9 Instrumente
Jani Parsons, Fifth House Ensemble
Das ist nach Mysterium das bislang beste (von mir gehoerte) Album, mit dem sich Zorn als 'reiner' Avantgardist zeigt. Eine Verwandschaft besteht durch das Streichtrio, das als Gegenstueck zu Walpurgisnacht von genanntem Album komponiert wurde. Ich empfinde es als Schwesterwerk, ebenso vielschichtig und ebenso zwingend. Das Mini-Klavierkonzert ist interessant besetzt, zu dem Klavier gesellen sich Streichtrio, Kontrabass und ein klassisches Blaeserquintett mit Englischhorn anstelle der Oboe. Ungewoehnlich ist The Tempest, weil der Schlagzeugpart meist von einem Drum-Kit, wie es im Jazz und in der Rockmusik zum Einsatz kommt, ausgefuehrt wird. Das weckt Assoziationen an diese Musik, ohne dass sie wirklich gespielt wird.

Nach diesem Album habe ich den Personalstil des 'klassischen' Zorn erkannt. Ich hoere den weniger in den einzelnen Werken, sondern in der Art und Weise wie Zorn sie auf seinen Veroeffentlichungen koppelt. Ein blind gehoertes Einzelwerk aus diesem Album haette ich sicher nicht oder nicht sicher als einen Zorn erkannt - das Album als Ganzes ganz sicher.
Joe Dvorak (29.06.2022, 03:36):


Myth and Mythopoeia
Pandora's Box (2013) fuer Stimme und Streichquartett
Sarah Maria Sun, Arditti Quartet
Missa Sine Voces (2012) fuer Klavier, Harfe, Vibraphon, Glockenspiel & Basstrommel/Perkussion
Talea Ensemble, James Baker
Zeitgehoeft (2013) fuer Violine & Violoncello
Chris Otto, Jay Campbell
Babel (2013) fuer Violoncello solo
Jeff Zeigler
Hexentarot (2013) fuer Klaviertrio
Stephen Gosling, Chris Otto, Jay Campbell
Das ist der absolute 30-Kg-Abbruch-Hammer! Wer in den ersten 2-3 Minuten nicht von den Eskapaden des mal spukhaft fluesternden, mal im dreifachen Forte spitz vokalisierenden Soprans abgetoernt wird, kann in der Eroeffnungsnummer eine Kraftreise von Seltenheitswert erleben. Die Ardittis saegen sich die Gedaerme ans Tageslicht und die Saengerin ... ich will nicht spoilern, hoert euch das an. Auch das ist wieder ein echtes Album geworden. Die pastorale Missa teilt es in zwei Haelften. Nach dem sprichwoertlich haarstraeubenden Auftakt bildet sie einen wunderbaren Ruhepol, bevor es dann mit den drei kuerzeren Steucken meist treibend-motorisch bis aggressiv weitergeht (wobei Zeitgehoeft seinen gerechten Anteil an Ruhepolen hat, Babel dafuer gar keinen). Das ist selbst im nicht immer leicht konsumierbaren Zornschen Katalog ein auesserst anstrengendes Album. Aber im Gegensatz zum frueher besprochenen Songs from the Hermetic Theatre, das in weiten Teilen nur unangenehm zu hoeren ist, wird die Anstrengung hier ueberreichlich belohnt. Und wie bei vielen Zorn-Alben folgt -allem Erschlagenheitsgefuehl zum Trotz- sofort der wiederholte Durchlauf.
Joe Dvorak (30.06.2022, 04:29):


Music and Its Double
A Rebours (2010) fuer Violoncello solo und drei Trios (Streichtrio, 3 Perkussion, Harfe/Floete/Klarinette)
Fred Sherry & Ensemble
Ceremonial Magic (2011) - Version fuer Violine und Schlagzeug
David Fulmer, Kenny Wollesen
La Machine de l'Etre (1999) - (Mini-)Oper in einem Akt
Anu Komsi (Sopran), Lathi SO, Sakari Oramo
Die Musik von Zorn wird fast auschliesslich von Musikern und Gruppen aus seinem Dunstkreis oder von Neue Musik-Spezialistensembles gespielt, da faellt es auf, wenn sich mal einer der bekannten Namen des konventionellen Konzertbetriebs die Ehre gibt. Ansonsten ist dieses Album wieder ein typisches. Nicht ganz so -im positiven Sinne- erregend wie Mtyh and Mythopoeia, nicht ganz so ueberirdisch befriedigend wie Mysterium, aber ohne die bei anderen seiner 'Avantgarde-Mix'-Alben hier und da gehoerten weniger inspirierenden Momente. Die grosse Ueberraschung ist Ceremonial Magic, das ich der Version fuer Violine solo schwer vertragen konnte. Mit dem auf einem konventionellen Drum-Kit gespielten Schlagzeugpart, der -da bin ich mir nicht ganz sicher- improvisiert wirkt, wird das Stueck ungemein bereichert. Das ist mehr als nur eine Addition, denn durch die Kommentare gewinnt auch der an sich unveraenderte Geigenpart hinzu, so dass beinahe ein anderes Stueck entsteht.
Joe Dvorak (01.07.2022, 03:30):


Magick
Necronomicon (2003) fuer Streichquartett
Crowley Quartett
Sortilège (2001) fuer zwei Bassklarinetten
Tim Smith, Mike Lowenstern
Necronomicon ist kaum ueberraschend ein Musshoeren. Fuenf Saetze im Wechsel schnell-langsam, wobei die kontemplativen langsamen Saetze mehr als doppelt so lang sind wie die chaotischen kurzen und -sorry- pure Magie verstroemen. (Zum Klarinettenduo kann ich nichts sagen, da mein Stromdienst das unterschlaegt.) Damit ist es vollbracht und das letzte aller Achte fuer Viere aufgespuert. Oder? Zumindest wenn ich QuartetWeb konsultiere. Dort sind Forbidden Fruits und Pandora's Box aufgefuehrt, obwohl es durch die Addition einer Stimme keine reinen Streichquartette sind. So kommt man auf die Zahl 8, die allenthalben als die Zahl Zornscher Quartette durchs Netz geistert. Das kann aber nicht stimmen, denn es gibt noch The Remedy of Fortune (2016), eingespielt vom JACK Quartet. Die nicht ganz aktuelle Quelle verraet immerhin, dass es von vier Quartetten alternative Einspielungen gibt und zwar genau von jenen, die auch auf dem weiter oben diskutierten reinen Quartett-Album drauf sind.




Cat O'Nine Tails / Dead Man / Memento Mori / Kol Nidre
Quatuor Molinari

Und jetzt wuensche ich mir eine Gesamteinspielung aller Wieviele-es-auch-immer-sind. Mit dem JACK-Quartett. Bitte :!:
Joe Dvorak (06.09.2022, 04:21):


The Interpretation of Dreams
Sae Hashimoto (Vibraphon), Shanir Ezra Blumenkranz (Kontrabass), Tyshawn Sorey (Schlagzeug), Steve Gosling (Klavier)
JACK-Quartett
Naked Lunch (2016) fuer Vibraphon-Jazztrio
Obscure Objects of Desire (2016) fuer Klavier und Streichquartett
The Exterminating Angel (2016) Vibraphon-Jazztrio
Ein tyischer Potpourrie-Zorn, den man nur mit akademischem Theoretisieren als Klassik verkaufen kann - zumindest was die beiden Aussenwerke angeht. Bei Naked Lunch und The Exterminating Angel kommt wieder die frueher besprochene, Grenzen zwischen Jazz und 'Moderner Klassik' aufloesende Methode zum Einsatz. Zorn schreibt fuer ein Instrument (hier das Vibraphon) einen minuzioes ausgearbeiteten Part, der fuer sich allein ein Stueck Neue Musik waere, aber fordert fuer die Ausfuehrung eine improvisierende Rhythmusgruppe dazu. Wenn ich die beiden Stuecke ohne dieses Wissen beurteilen muesste, dann wuerde ich die allerdings zu 100% unter Modern Jazz verorten (und zwar sehr gutem). Das absolute Hochlicht des Albums ist Klassik pur; das dazwischen eingebettete erregende Klavierquintett Obscure Objects of Desire, das kurz vor dem Ende mit einer Traumsequenz aufwartet, die wohl deshalb so verstoerend irreal wirkt, weil die restlichen rund 10 Minuten drumherum meist recht forsch gesaegt und auf die Tasten gehauen wird. Mit dabei ist das JACK-Quartett.
Joe Dvorak (08.09.2022, 12:51):


The Book of Heads (1978), 35 Etüden für Gitarre solo
Marc Ribot (Gitarre, Klangobjekte, Stimme)

Ich schrieb bereits mehrfach, dass man sich bei Zorn nie sicher sein kann, was man bekommt. Aber selbst wenn man nach rund 60 gehoerten Alben das Unerwartete erwarten und eigentlich auf alles gefasst sein sollte; auf The Book of Heads kann einen nichts vorbereiten. Ich habe dieses Album ein paar mal nach kurzer Zeit weggeklickt und fragte mich, ob das nicht Verhinterteilung ist und Ribot mit Zorn dabei gemeinsame Sache gemacht hat. Aber warum gibt es dann noch zwei weitere Aufnahmen mit anderen Interpreten? Und ist diese Denkweise nicht diesselbe, wie man sie sattsam von Neue Musik-'Gegnern' kennt? Sind die Rezensenten, die das loben, alles Wichtigtuer, die der Welt zeigen wollen, dass ihnen keine Musik verrueckt genug sein kann, solange sie nur mit dem Label "Avantgarde' geschmueckt ist? Und reden wir nicht gerne davon, dass man fuer die Weiterentwicklung des Geschmacks die Komfortzone ausdehnen muss - aber wollen sie dann doch nur dorthin dehnen, wo es 'passend' ist? So geht das nicht. Ordnungsruf: Geist leeren, auf Play klicken, Steuergeraet weglegen, sitzenbleiben, zuhoeren! Na also, geht doch. Und es bleibt auf der Spielliste. Womit die Behauptung widerlegt ist, dass dieses zu den Alben gehoert, die man vielleicht einmal hoert und dann nie wieder. Schwer zu widerlegen duerfte die Behauptung sein, dass das im Falle einer Erstbegegnung mit Zorn sehr wahrscheinlich die letzte gewesen sein wird. Novizen machen einen grossen Bogen darum.
Joe Dvorak (07.02.2023, 03:03):
Ein Faden ueber Zorn waere unvollstaendig ohne die Erwaehnung von Cobra. Man liest oft, dass das eine der am haufigsten aufgefuherten Kompositonen der Neuen Musik sein soll. Cobra (1984) gehoert zu den Game Pieces, bei dem die herkommliche Partitur durch ein kompliziertes System von Anweisungen auf Karteikarten ersetzt wird. Hier ein Link zu einem -mMn sehr lesenwerten- Artikel mit einer tiefgehenden Analyse: Musical Chess: “Cobra” and John Zorn’s Game Pieces.

Es gibt mindestens 5 Aufnahmen, von denen ich bisher eine gehoert habe (...)
Mittlerweile sind einige dazugekommen, aber in allen Faellen kann man darueber diskutieren, ob das noch als "Klassische Avantgarde" bezeichnet werden kann. Da die Besetzung und die Zahl der Spieler frei waehlbar sind und im Rahmen der Spielregeln frei improvisiert wird, ist jede Realiserung voellig anders und es haengt vor allem von dem Hintergrund der Ausfuehrenden ab, ob man das klingende Ergebnis als Elektronik, Free Jazz, Rock, Noise, Klassik, Folk, World, Country, Kombinationen davon oder alles zusammen wahrnimmt. Gaebe es eine Aufnahme von einem Streichquartett, waere der Fall klar...

Eine interessante Realisierung sind die Tokyo Operations '94 mit einem 9-koepfigen traditionellen japanischen Ensemble an nativen Instrumenten, deren Namen ich teils noch nicht gehoert habe und einem Rock-Trio mit E-Gitarre, E-Bass & Schlagzeug. Das ist nicht immer leicht zu verdauen - vor allem die urzeitliche Vokalakrobatik verlangt dem Hoerer (lies: mir) einiges ab. Aber zumindest ein Mal ist es die Anstrengung wert, wenn man glaubt, schon alles gehoert zu haben.



Cobra - Tokyo Operations '94
Solisten, Makikami Koichi (Leitung)
Joe Dvorak (20.11.2023, 04:26):

Commedia Dell'Arte (2016)
Harlequin
- Kyle Armbrust (Viola), Claire Chase (Flöte), Rebekah Heller (Fagott), Josh Rubin (Klarinette, Bassklarinette)
Columbina
- Eliza Bagg, Sarah Braile, Rachel Calloway & Kirsten Sollek (Stimme)
Scaramouche
- Steve Gosling (Klavier), Christian McBride (Kontrabass), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)
Pulcinella
- American Brass Quintet
Pierrot
- Jay Campbell, Mike Nicolas, Mihai Marica & Jeff Ziegler (Violoncello)
Das ist einfach allerbeste Musik. Der PR-Text meint, the music contains some of Zorn’s finest writing and is a delight from the first note to last. Ich würde das sofort unterschreiben, mich aber schwertun, es zu begründen.
Was haben wir hier? Eine fünfteilige Suite, zusammengesetzt aus völlig unterschiedlichen Miniaturen, die trotz der harten Kontraste nicht nur miteinander harmonieren, sondern zu einem übergeordneten Ganzen werden, das dann wieder auf die einzelnen Teile zurückwirkt und sie neu beleuchtet.
Im Zentrum steht eine Komposition für Jazz-Klaviertrio, eingerahmt von zwei postminimalistischen Werken (eines für Vokalquartett, eines für Blechbläserquintett). Die beiden Aussensätze sind atonal-geräuschhafte Neutonstücke pur (einmal Holzbläsertrio & Bratsche, einmal Celloquartett) und ebenso herausfordernd (aber nicht überfordernd) wie dankbar (aber nicht anbiedernd). Dieser so beiläufig dahingeschriebene letzte Satz erklärt, was diese Musik für mich über andere, auch viel von Zorns eigener, hinaushebt. Hier schmeisst mir keiner unverdauliche Ausflüsse aus seiner esoterischen Gedankenwelt entgegen und sagt: Friss, und wenn du's nicht verträgst, liegt's halt an deinem sensiblen Magen. Und es kommt auch keiner mit schönem Klangzucker und meint: Hier hast du was, woran du garantiert nicht erstickst (und mir bringt es mehr Schotter). Zorn hat als Komponist beide Kategorien bis zum extemsten Äußersten ausgelotet, und in beiden finde ich Herausragendes. Aber hier steigert er sich noch einmal, indem er haarscharf die Mitte (lies: meine Mitte) trifft - und der Mittelweg erweist sich wie so oft als golden.
Joe Dvorak (23.03.2024, 03:16):


There is no more Firmament (2013-2016)
Diverse Solisten & Ensembles

Das ist einfach allerbeste Musik. Ich weiß, ich habe das eins weiter oben schon geschrieben, aber wenn es halt so ist. Mir scheint, dass der späte Zorn zugänglicher geworden ist, ohne etwas von seiner Radikalität verloren zu haben. Sein Frühwerk ist manchmal schwer bis gar nicht anzuhören und wenn man trotzdem die Anstrengung unternimmt, nicht immer ersprießlich. Auch in seinen Sechzigern schenkt er dem Hörer nicht allzu viel, aber hier wird die "Mühe" des Zuhörens reichlich entlohnt. Ich klinge wie eine Schallplatte mit Sprung, wenn ich wiederhole, dass dies die höchste Kunst ist: herausfordernde Musik abseits der ausgetretenen Pfade zu schreiben, ohne auf das Publikum zu de­fä­kie­ren. Wenn ich späten klassisch-avantgardistischen Zorn höre, fühle ich mich mitgenommen und ernst genommen. Natürlich wird auch hier gekratzt, gesägt, gequietscht und getrötet, was das Zeug hält, und wer an der Großen Fuge oder an Schönbergs Bläserfünfer scheitert, kommt auch hier nicht durch. Aber es gibt ebenso viele Inseln der Schönheit, die in diesem Umfeld umso reizvoller sind, und wie diese Welten mal vereint, mal hart kontrastiert werden, erscheint mir nie willkürlich, und selbst ein Dödel wie ich bekommt einigermaßen mit, was da kompositorisch vor sich geht.
Ich bin zu faul, die Besetzungen zu listen, es sind einfach zu viele Musiker beteiligt. (Wer es nicht genau wissen will, braucht hier nicht nachzuschauen: John Zorn Resource - There Is No More Firmament.) Zu hören sind zwei Werke für Blechbläserensemble, ein Bläserquintett, ein Jazz-Klaviertrio ( wobei es ein Markenzeichen wird, das unter Moderne Klassik zu schmuggeln), ein Streichtrio und zwei Solowerke für Klarinette bzw. Trompete. Letzteres ist eine graphische Komposition, die zweimal zu hören ist, einmal von einem Jazz- und einmal von einem Klassikinterpreten. Sehr spannend. Es ist schwer zu glauben, dass so ein Potpourri als Album wirkt, aber es ist tatsächlich mehr als die Summe seiner Teile.