Heike (04.10.2010, 08:19):
Anlässlich des Umzuges der Berliner Lindenoper in das Schillertheater wurde dir Komponist Jens Joneleith von Daniel Barenboim 2008 beauftragt, eine Oper zur Eröffnung der Ausweichspielstätte am 3.10.2010 zu schreiben:
Metanoia - Über das Denken hinaus
Oper von Jens Joneleit
Libretto: Jens Joneleit frei nach einem Text von René Pollesch (unter Verwendung von Nietzsche-Texten)
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
eingerichtet vom künstlerischen Team der Produktion und dem Ensemble
Sänger:
Annette Dasch
Anna Prohaska
Daniel Schmutzhard
Alfred Reiter
Graham Clark
Martin Wuttke (Schauspieler)
Experimentalstudio des SWR
Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor
Das Ergebnis habe ich mir gestern bei der Premiere/Uraufführung angesehen:
Inhalt:
Die einaktige Oper (70min) hat weder Dramatik noch Handlung. Es gibt keine Charaktere für die Rollen, die 5 Sänger sind sie selbst. Nietzsches "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" bildet die Grundlage des Librettos. Die Texte wurden überzeichnet und werden gesungen, gesprochen oder projeziert. Metanoia (=Umkehr, Buße) will ergründen, wie Kontradiktionen unser Leben bestimmen, wie Paradoxien wirken, was Gegensätze mit uns machen. Konkret werden dafür 5 verschiedene "Zustände" (die quasi an der Grenze zwischen Leben und Tod angesiedelt sein könnten) musikalisch und textlich ausgestaltet.
Musik
Erinnerte mich an einen abgewrackten, minimalistischen Wagner gemischt mit Neuer, experimenteller Musik ala Nono und elektronischen Raumklang-Einlagen. Oft transzendent. Viele leise Passagen, manchmal sollte es (laut Programmheft) überwältigend laut werden, ich habe das nicht so bemerkt. Grundsätzlich hat mir die Musik gefallen. Die Gesänge waren wenig melodisch, nahe am gesprochenen Wort. Die gesprochenen Passagen und Texteinblendungen wiederum überlagerten mitunter den Gesang, man war stark gefordert, das aufzunehmen zu können. Die Elektroklänge fand ich wenig spektakulär.
Die Sänger, allen voran Daniel Schmutzhard als Bassbarriton (den ich richtig klasse fand) machten ihre Sache gut. Annette Dasch hatte die dünnste Stimme, einmal stand sie etwas weiter hinten auf der Bühne und war schlecht zu hören. Die Akustik im Schillertheater scheint mir recht gut zu sein.
Libretto
Es war sehr zu merken, dass das Libretto für Schlingensief geschrieben war (einer seiner Freunde hatte die Nietzsche-Texte als Librettovorlage bearbeitet). Philosophische Sätze vermischten sich mit Alltagssprache und verschmolzen manchmal zu schrägen, auch provokativen Dialogen.
Einige Sätze als Beispiele:
"Das erste, was an uns arbeitet, sid die Lebensbedingungen, ist die Infektion und dann können wir uns vielleicht Geschichten erzählen"
"Der Verfall ist nur der Verlust von Ähnlichkeiten"
"Ein Seitensprung zerstört meine Ehe nicht"
"Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden"
"Ich heule, solange es Menschen gibt"
Teilweise fand ich das spannend, teilweise auch langweilig. Ich kann mir vorstellen, dass eine andere Inszenierung hier den Charakter deutlich verändert hätte.
Inszenierung
Als Regisseur war Christoph Schlingensief vorgesehen, der im August verstorben ist. Schlingensief hatte (laut Info der Staatsoper) vor, dass die Oper in einer Landschaft von überlebensgroßen nachgebauten menschlichen Organen spielen sollte. Die Sänger sollten Körperteile, Zellen, Parasiten, Eindringlinge sein und in diesem Körper ein Eigenleben führen. Thema sollte "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" sein.
Nach Schlingensiefs Tod kurz vor Probenbeginn entschloss sich das Team, keinen neuen Regisseur zu verpflichten und als "kopfloses" Produktionsteam die Inszenierung vorzunehmen. Niemand traute sich zu. Schlingensiefs Ideen weiter zu verfolgen; man wollte kein Requiem und man erkannte, dass nur Schlingensief selbst diese oben beschriebenen Ideen hätte umsetzen können. Also, das Ergebnis der Proben war quasi eine Nicht-Inszenierung. Das schon zu ca. 80% fertige Bühnenbild wurde hinter einer Gaze (die im letzten Zustand hochgezogen wurde) stehengelassen, dahinter liefen (ohne Zusammenhang) Filmausschnitte aus Schlingensief-Filmen. Davor agierten die Sänger und der Chor quasi konzertant, eher sparsam (was besonders für den genialen und von mir sehr geliebten Schauspieler Wuttke schade war). Die Kostüme des Chores sind enge Latex(?)überzüge, die der Sänger aus demselben Material, aber reicher verziert. Wuttke in altgriechischem weißen Gewand.
Ich weiß nicht, wie man es anders hätte machen können. So war es jedenfalls einfach nur spürbar, wer fehlt. Diese Musik und die Texte schrien quasi nach Bildern, ich verbrachte einen Großteil der Zeit damit mir vorzustellen, welche Aktionen vielleicht Ch. Schlingensief dazu auf die Bühne gebracht hätte. Eine Tragik.
Kurzum, ein anregender Abend, aber keine Sternstunde. Mich hat die Musik interessiert, die Textüberflutung fand ich verwirrend und das hinterließ bei mir (bis auf einige Passagen) eher Überforderung als Nachdenken. Die 5 Zustände habe ich somit beim ersten Sehen nicht ausreichend gut voneinander abgrenzen können.
Das Publikum spendete freundlichen Applaus, weder Bravos noch Buhs. Ich würde sagen, eine gut erzogene, anständige Reaktion auf eine solide Leistung ohne wirkliche Höhepunkte.
Die Oper steht im Oktober 2010 noch 5x und im Juli 2011 wieder 2x auf dem Spielplan im Schillertheater Berlin.
Heike