Joseph Lauber

Sfantu (21.01.2023, 18:46):
Die zwei Gesichter des J. L.



Joseph Lauber


*27. Dezember 1864 Ruswil/LU
† 18. Mai 1952 Genève


Leben

„So, so...auch ein Komponist?“
Immerhin sind diese Worte, mit denen Johannes Brahms den jungen Joseph Lauber anfangs Dezember 1881 begrüßte, etwas freundlicher als sein Kommentar nach der Lektüre von Max Bruchs Kompositionen („Junger Mann, wo haben Sie das schöne Notenpapier her?!“). Dabei war es alles Andere als selbstverständlich, daß er überhaupt in die Situation kam, einem Komponsten von Brahms` Rang vorgestellt zu werden. Lauber wuchs in einfachsten Verhältnissen in Ruswil bei Luzern, später in Fleurier und Neuchâtel auf, wo er anfangs in der Musikkapelle seines Vaters als Pianist mitwirkte, aber erst die Unterstützung von Carl Russ-Suchard (1838-1925), Mitglied der gleichnamigen Schokoladen-Dynastie, ermöglichte ihm ein Studium am Konservatorium Zürich, wo er Klavier, Geige, Violoncello und Orgel studierte; insbesondere sein Kompositionslehrer, der Brahms-Freund Friedrich Hegar (1841-1927), scheint hier prägend auf den jungen Musiker eingewirkt zu haben. Nach einem Studium bei Joseph Rheinberger (1839-1901) in München kehrte er nach Neuchâtel zurück, wo er sein Brot als Dirigent von Chören und Amateurorchestern und als Organist in Le Locle verdiente, verbrachte er das Jahr 1892 in Paris, wo er sein Können beim Pianisten Louis Diémer (1843-1919) und beim Komponisten Jules Massenet (1842-1912) vervollkommnete. Zurück in der Schweiz wurde er zum Leiter einer Klavierklasse am Konservatorium Zürich (1899-1901) ernannt. Schließlich übersiedelte Lauber nach Genf, wo er zwei Jahre als Theaterkapellmeister am Grand Théâtre wirkte, 1907 am Conservatoire Professor für Klavier und Instrumentation und 1917 für Komposition wurde.


Laubers Bruder Emile (1866-1935), Absolvent der Konservatorien von Frankfurt und Wien (hier in der Klasse Anton Bruckners) war in der Hauptsache Militärmusiker, Volksmusikforscher und aktiv im Schweizer Tonkünstlerverein.




Stil

Das Œuvre dieses lange Vergessenen ergänzt die Schweizer Musikgeschichte mit einer starken sinfonischen Stimme. Lauber fungiert dabei als heimatverbundener Brückenbauer zwischen der deutsch-österreichischen und der französischen Ästhetik, zwischen Spätromantik und gemässigter Moderne


: Zehnder: „Ich bin mir nicht sicher, ob Lauber sich für eine Strömung oder Partei entscheiden wollte. Sein Ehrgeiz bestand eher darin, nach seinen beruflichen Karrierestationen in Neuenburg, Zürich, München, Paris und später Genf im Interesse der Schweiz die verschiedenen regionalen Strömungen zu bündeln. 1899 war er auch folgerichtig Gründungsmitglied des Schweizerischen Tonkünstlervereins“.


Sein Stil fusst einerseits in der deutschen Spätromantik, nimmt aber andererseits Einflüsse des französischen Impressionismus auf. Er selbst schätzte insbesondere die Musik von Claude Debussy, Gabriel Fauré und Henri Duparc.



Werk

Laubers über 200 Nummern umfassendes Werkverzeichnis deckt nahezu alle musikalischen Gattungen ab. Neben einer Oper schrieb er unter anderem 6 Sinfonien, Sinfonische Dichtungen, 2 Klavierkonzerte und 2 Violinkonzerte, zahlreiche kammermusikalische Werke und Vokalkompositionen.


Als ich im Jahr 2019 durch einen Beitrag auf SRF2 Kultur auf dieses Aufnahmeprojekt aufmerksam wurde, waren Erwartung und Spannung gleichsam getriggert.
In der Folge wartete ich mit scharrenden Hufen auf die Veröffentlichung jeder dieser drei Ausgaben. Der Dirigent der Ersteinspielung der Sinfonien Joseph Laubers, Kaspar Zehnder, entdeckte die Partituren in der Waadtländischen Kantons-und Universitätsbibliothek von Lausanne. In einem längeren Beitrag über Joseph Lauber von Patricia Moreno und Kaspar Zehnder auf SRF2 Kultur schildert Zehnder seine spannende Erstbegegnung mit den Autographen. Ihm sei sofort bewußt geworden, daß er hier einen Schatz gefunden habe. Und daß er ihn heben werde. Laubers Notation sei so akkurat aufs Papier gebracht, daß man praktisch aus den Handschriften vom Blatt spielen könne. Er wird überdies als Feingeist charakterisiert, dem das Naturerleben von größter Bedeutung gewesen sei – nicht nur für den schöpferischen Prozeß sondern als Kraftquelle überhaupt. Auf seinen Wanderungen habe er meist einen ausklappbaren Tisch, den er schultern konnte, dabei gehabt um in der Abgeschiedenheit der Bergwelt komponieren zu können.

Hier die CDs des Sinfonie Orchesters Biel Solothurn mit Kaspar Zehnder:



Sinfonie Nr. 1 Es-dur (1895)

Andante – Allegro 10`11
Andante espressivo 9`54
Scherzo 4`24
Introduzione maestoso – Allegro non troppo 11`55


Sinfonie Nr. 2 a-moll (1896)

Adagio – Allegro moderato 11`56
Andantino, quasi allegretto 8`29
Scherzo. Presto 8`11
Allegro vivo 8`44

Sinfonie Orchester Biel Solothurn - Kaspar Zehnder
(CD, Schweizer Fonogramm, 2020)




Sinfonie Nr. 3 h-moll (1896)

Allegro 8`06
Andante maestoso 9`00
Allegro scherzando 7`43
Andante maestoso – Allegro moderato 8`02


Sinfonie Nr. 6 D-dur (1949)

Allegro ma non troppo 6`21
Scherzo 3`48
Adagio 6`10
Allegro 5`29


„Die Alpen“ - Symphonische Suite Es-dur (1896)

Sehnsucht nach den Bergen. Andante 5`45
Älplerreigen. Tempo di valse 4`20
Ein Sommertag im Hochgebirge. Moderato 8`11

Sinfonie Orchester Biel Solothurn - Kaspar Zehnder
(CD, Schweizer Fonogramm, 2021)






Sinfonie Nr. 4 c-moll (1913)

Allegro moderato 11`20
Allegro scherzando 5`57
Andante con moto 7`57
Allegro giocoso 7`48


Sinfonie Nr. 5 B-dur (1918)

Allegro moderato 11`56
Allegro scherzando 6`02
Adagio 11`30
Allegro con brio 10`56

Sinfonieorchester Biel Solothurn - Kaspar Zehnder
(CD, Schweizer Fonogramm, 2020)

Die verdienstvolle Pionierarbeit Kaspar Zehnders und die bewundernswerte Leistung des Orchesters können nicht hoch genug gelobt werden. Nur beste Noten möchte ich für die Interpretation vergeben. Die etwas trockene Aufnahmequalität ist gut aber nicht exzellent. Mehr klanglicher Schmelz, mehr räumliche Weite wären zu wünschen gewesen.


Kurze Werkbeschreibungen

Sinfonie Nr. 1 Es-dur (1895)

Ein zweistimmiger Alphorn-Ruf der Hörner spannt das Klangpanorama auf. Die Streicher stellen das ritterliche Hauptthema vor, hernach erstrahlt es im Tutti. Im o. g. Radio-Beitrag führt Zehnder diese Klänge zur Begründung seiner Aussage an, er sehe in Lauber mit Fug und Recht den Schweizer Nationalkomponisten. Die Alphorn-Stimmen melden sich wiederholt zu Wort. Haupt-wie Seitenthema sind von elegant-geschmeidigem Charakter, sicher nicht weit von Einflüssen durch Delibes oder Massenet – stellenweise läßt sich bei bestimmten Holz-Wendungen an Borodin denken. In einer ruhigen Atempause kehren die Alphornklänge wieder, eine großartige Steigerung führt zum strahlenden Schlußakkord.

Das Andante espressivo quillt über von sehnsüchtig verzehrenden Liebesstimmungen. Ein belebter Mittelteil ist in blumig-sanftem Pastell gemalt. Klarinetten bringen frühlingshafte Tupfer, begleitet von hüpfenden Streicher-Pizzicati.

Ein Paukensolo eröffnet das quirlige Scherzo, es antworten wild zuckende Streicher und pfeifend-kecke Glissandi der Piccolo-Flöte. Die Stimmung ist mal mehr, mal weniger offenkundig sinister – ein frecher Tanz allerlei gemischter Geister, Kobolde und sonstiger Schattenwesen. In einem so tiefromantischen Werk scheinen unwillkürlich Naturbilder auf – die Szenerie spielt im herbstlich-nebelschwadigen Nadelwald, wo sonst? Hier stand vielleicht eher Raff denn Mendelssohn Pate.

Das abschließende, verschachtelte Allegro vivo enthält einige weihevolle Blech-Choräle, sich fast drehschwindelhaft mit bewegten Passagen abwechselnd. Immer wieder scheinen zudem beschauliche, holzbläserdominierte Idyllen auf, bis schmachtende Streicher weit ausschwingende Melodiebögen malen.


Sinfonie Nr. 2 a-moll (1896)

Adagio – Allegro moderato

Unisono tragen die Streicher eine klagende Melodie vor. Die Solo-Klarinette spinnt sie fort, wird kurz von einem Akkord der Holzbläser kommentiert. Dann übernehmen die Streicher erneut unisono, abwechselnd in weiterhin klagevollem Gestus gestrichen, dann gezupft. Es herrscht eine schwermütig-fragende Grundstimmung. Erst nach 2 ½ Minuten hebt das Allegro-Hauptthema an. Bärtsch hebt eine Nähe zu Dvořák hervor – mit Recht: so eingängig die Themen, so sinnfällig gegliedert und mit würzig-angeschärfter Rhythmik wird dieser Kopfsatz zum Ohrenschmaus. Leidenschaftlich bewegt prägt das markante 6/8 das Geschehen, immer abgetönt durch Prisen herber Schleier der Melancholie.

Andantino, quasi allegretto

Auch hier vorherrschend das nicht geradtaktige Metrum und die Dvořáksche Mixtur aus ansteckender Metrik und unwiderstehlich-einschmeichelnden Weisen.

Scherzo

Die Fleißiges-Lieschenhafte Emsigkeit in flirrend-oszillierender Motivik klingt sehr nach dem Mächtigen Häuflein. Lauber bringt Einiges an Würze mit ein – durch dynamische Kontraste und humorvolle chromatische Abwärtsläufe im Holz. Das Trio, im Charakter gemessener, malt beschauliche Naturstimmungen der Traumverlorenheit.

Allegro vivo

In dramatischem Vorwärtsdrang mit allerlei ritterlichen Fanfaren bringt das Finale wiederum nach anfänglich angetäuschter Geradtaktigkeit in wiegendem Metrum einen Farbenreichtum zum Klingen, der typisch Laubersch zu sein verspricht. Das Entsprießen aus zwei Geisteshaltungen, der deutschen und der französischen, hat sicher nicht unwesentlichen Einfluß auf die Ausprägung eines Personalstils, der mit einem Fuß hüben und einem Fuß drüben des Röschtigrabens steht (allerdings weniger in einem Verschmelzen als in einem Nebeneinander). Übrigens kann mit einigem Recht der Name Lauber auch „Lo´bär“ prononciert werden – verbrachte der Komponist doch den Großteil seines Lebens in der Romandie.



Sinfonie Nr. 3 h-moll (1896)

Allegro

Lauber überschrieb die Dritte ursprünglich „Dramatique“. Entsprechend rastlos setzt der Kopfsatz ein. Wie gehetzt kratzen die Streicher ihre Achtel-Staccati, es entspinnt sich ein wilder Ritt. Jeweils nach Generalpausen huschen die Flöten in an-und abschwellenden chromatischen Läufen abwärts, wie Irrlichter vorüber, eine gespenstische Stimmung zaubernd. Lyrisch-pastorale Seitengedanken bringen für kurze Zeit etwas Ruhe. Doch immer neu flammt der dramatische Grundgestus durch.

Andante maestoso

Eine Figur mit absteigender Quart plus Sekunde, dann wieder eine Sekunde hinauf, wird von den Bässen stoisch unisono gespielt – fast wie das Pendel eines Uhrwerks. Es kommt eine Art Trauerprozession in Gang, sich abwechselnd mit mystischen Naturstimmungen – die Geisterwesen des Kopfsatzes scheinen noch nicht gebannt. Schließlich setzt sich aber doch verhalten Zuversicht durch und der Satz endet mit einem (nicht restlos überzeugenden) triumphierenden Dur-Akkord.

Allegro scherzando

Etwas weich hebt dieser Satz an – fast wie ein Scherzo von Spohr: konturenschwach und a bisserl brav. Beizeiten schwingt sich die Musik dann aber auch hier zu dramatischer Geste empor. Der verträumt-schelmische Trio-Teil im anmutigen Frage-Antwort-Spiel von Holz und Streichern wird von romantischen Hörner-Rufen reizvoll kontrastiert.

Andante maestoso – Allegro moderato

Kämpferisch gibt sich dieses Finale. Gesundes Selbstverständnis durchwirkt das energische Denken und Streben. Im besten Sinne niedersächsisch („Sturmfest und erdverwachsen“) werden die Themen zuvorderst in dunklen Farbwerten ausgearbeitet. Bis zum Schluß durchweht ein tragisch-streitender Gedanke das Geschehen. Ein starkes Ausrufezeichen eines jungen Komponisten, der in Jahresfrist eine eindrucksvolle Dynamik an persönlicher Entwicklung durchschreitet.


Sinfonie Nr. 4 c-moll (1913)

Pastorale Atmosphäre atmet der Kopfsatz. Harfen-Akkorde haben das erste Wort, wirken wie die Untermalung eines märchenhaften „Es war einmal“. „Weiter gedachter Brahms“ war mehrmals meine spontane Assoziation. Um immer wieder kurz drauf Lügen gestraft zu werden: verspielte kleine Nebenabschnitte mit Holz und Triangel. Melancholische Streicherthemen hier, ein (wiederkehrendes) Beinahe-Zitat aus Straussens Till in Form einer Fanfare. Durch Letztere evozierte triumphale Geste versinkt dann aber unvermittelt und unerwartbar in einer düsteren, leise verklingenden Coda.

Ein wahres Kabinettstück ist das folgende Scherzando – als Chinoiserie kommt es daher, mit pentatonischem Hauptthema, koloriert durch Xylophon, Triangel, getopftes Blech und große Trommel. Nachdem die Streicher den Mittelteil mit verschiedenen gemächlichen Themen bestimmen, kehrt der stampfende Asia-Part wieder. Erneut sorgen vornehmlich die Streichinstrumente für Beruhigung, bis ein lautes Tutti neckisch und knapp abschließt.

Das etwas linkisch wirkende Andante in 5/4 beginnt mit einem harmlos-braven Thema. Der Mittelteil schwingt sich allmählich zu einem weit ausholenden Hymnus der Streicher und Hörner empor und mündet in einem fast Brucknerschen Kuppelbau mit gewaltiger Steigerung, die im mächtigen Tutti mit Beckenschlag gipfelt. Das menuetthafte Anfangsthema erscheint erneut – diemal verkürzt und verklärend in den hohen Streichern leise entschwebend.

Tambourin, Pizzicati und Holz wirbeln vornüber in den übermütig-lebenstrunkenen Beginn des Finalsatzes. Langsam rückt ein ruhiger Abschnitt in den Vordergrund, wieder dominieren die Streicher schwelgerische Melodiebögen. Jäh blitzt die einleitende Tarantella wieder hervor, sogleich durch die vorherigen Streichergedanken abgemildert. Der seltsame A-Teil aus dem Andante wird zitiert, das Fagott hat hier ein verschrobenes bis geheimnisvolles Solo. Ein letztes An-und Abschwellen bis zum leisen Verklingen.



Sinfonie Nr. 5 B-dur (1918)

Der Kopfsatz ist derart vielschichtig-komplex, daß mir taugliche Beschreibungen sehr schwerfallen. Bei Gelegenheit komme ich auf ihn zurück. Und vermeiden wollte ich, stattdessen einfach den Booklet-Text zu kopieren.

Die kleine Trommel allein leitet das launige Allegro scherzando ein. Dieser Tarantella-Teil wird wieder einmal (vielleicht ein Lauber-Markenzeichen?) von ausschwingenden Streichern abgelöst. Nach einer Generalpause heben wirkungsvoll die hohen Streicher mit einer zittrigen Ostinato-Figur an. Im Wechsel von 2/4 mit ¾ begleiten sie Melodien im Holz sowie ein Cello-Solo.

Pure Höchstromantik atmet der langsame Satz mit einer Fülle schmachtender, streicherdominierter Themen. Nur selten öffnen sich Lichtungen für Seitengedanken der Holzbläser. Diese fallen teils umso forscher, fast sprechend aus. Traumverlorene Märchenstimmungen greifen die Energetik der Anfangstakte des Kopfsatzes auf. Ein sehnsuchtsvolles Streicher-Thema wird von der Solo-Geige kommentiert, dann vom vollen Orchester fortgesponnen. Soli in Geige, Baßklarinette, Fagott und Englischhorn beschreiben ein behutsames Leiser-Werden, ein letzter Akkord der Flöten, dann setzt das Triangel leise einen geheimnisvollen Schlußpunkt.

Vehement eröffnen die Streicher den Schlußsatz. Hörner und Fagotte tragen das fanfarenhafte Hauptthema vor. Ein buntes Konzertieren mal dieser, mal jener Instrumentengruppe bestimmt den Verlauf des Satzes. Die Streichinstrumente markieren pizzicato den Beginn eines groß angelegten Fugatos, das nun von Pult zu Pult wandert bis die Posaunen, nach und nach vom übrigen Blech begleitet, einen mächtigen Choral – ebenfalls fugiert – anstimmen. Die Streicher und das Holz knüpfen daran an, es wallt eine kraftvolle Steigerung im Tutti auf bis sie plötzlich wie fortgewischt wird. Lyrisch-zarte Cello-und Geigensoli, von der Harfe begleitet, lassen in ihrer süßlichen Klang-Idylle Richard-Strauss-Reflexe aufscheinen. Allmähliche Belebung hin zu einem hymnisch-heroischen Aufbäumen, eindrucksvolle Schläge der 3fach gestimmten Pauken, zuletzt ein affirmativer, kurzer Tutti-Schlußakkord.

Lauber hat in diesem Werk eine Reife und Souveränität erlangt, wie ich meine, die einen Eindruck von augenzwinkernder Selbstsicherheit vermittelt. Keine Anklänge übrigens an die Zeitumstände: der Krieg, der Untergang der alten Ordnung in Europa, die in der Schweizer Geschichte beispiellosen sozialen Spannungen, die eben 1918 im Landesstreik kulminierten – all das tangiert sie nicht, die inselbewohnende Kunst des Romantikers Lauber.


Sinfonie Nr. 6 D-dur (1949)

In wiegenden 6/8 kommt der erste Satz sanft beschwingt daher getänzelt. Alles ist durchwebt von Naturstimmung und einem Hin-und-Her von Unbeschwertheit zu sanfter Melancholie und zurück. Es scheint ein Druck vom Komponisten abgefallen. Ein entspannt zurückgelehntes Sich-und-Anderen-nichts-mehr-beweisen-Müssen.

Kauzig bis verspielt das Scherzo in 3/4. Gern werden kleine Volten geschlagen: Betonungen auf die schwachen Taktteile, allerlei lautmalerisches Holz, wild oszillierende Streicher-Figuren.

Manchmal höre ich fast so eine Art Tom und Jerry-Musik. Es ist, als ob Lauber hier eine Art Geschichte der Filmmusik komponiert hätte. Man hört die Entwicklung vom Stumm-zum Tonfilm bis hin zu Disney. Nichts scheint voraussehbar, hinter jeder Ecke wartet eine Überraschung.


An dritter Stelle ein Adagio, das ein paar Minuten Wehmut erlaubt. Ein Blick zurück aus der Perspektive des altenden Künstlers? Ein belebter alla breve-Abschnitt mit Thema in der Solo-Klarinette wird schon bald wieder vom leicht schwermütigen A-Teil abgelöst. Leichtfüßig-humorvolle Tupfer bringen willkommene kleine Kontrastklänge. Und doch hat die Solo-Geige das wiederum wehmütige letzte Wort.

Von milder Leichtfüßigkeit das abschließende 4/4-Allegro. Virtuoses Gebieten über die gesamte Farbpalette des (nun etwas reduzierten) Orchesterapparates, hier in einer eigenen sonnig-scherzenden Manier - ich finde, mit dem Besten zwischen Johann Strauß und Prokofiew.

Drei Jahrzehnte liegen zwischen Laubers letzten beiden Gattungsbeiträgen. Und doch bleibt er seiner Handschrift treu, bleibt er ein Neuerungen skeptisch gegenüber stehender Tonschöpfer.


„Die Alpen“ - Symphonische Suite Es-dur (1896)

Das einIeitende Andante ist mit seinem alphornimitierenden Hornsolo und den immer höher sich auftürmenden Steigerungen beinahe unerträglich schön – ohne ins Plakative umzukippen, wohlgemerkt.

Im Mittelsatz malen die Geigen quasi jauchzende Jodler-Figuren vor fröhlicher Volkstanz-Kulisse.

Im Moderato schließlich erweckt Lauber die Majestät und Schönheit der Bergwelt zum Leben.
Richard Strauss (wohl der erste Name, der in den Sinn kommt, wenn es um „Alpen-Musik“ geht) besuchte übrigens Lauber und begleitete den passionierten Bergwanderer auf einer Tour, bei der er, Strauss, sich als nicht sehr trittsicher, fast unbeholfen und keineswegs schwindelfrei erwies. Die in seiner Alpensinfonie geschilderte dramatische Bergtour ist ja auch mehr Dichtung als Reflexion von tatsächlich Erlebtem. Zu hymnischer Verklärung erhebt der Komponist in diesem Satz die uns als „God save the Queen/King“ resp. „Heil Dir im Siegerkranz“ bekannte Melodie – sie diente bis 1961 ebenfalls als Schweizer Nationalhymne.

Zehnder und Angleraux sehen das Werk nicht als die avancierteste Schöpfung Laubers, es sei gewissermaßen Postkartenmusik und Lauber hier mehr Arrangeur denn Komponist.


Die Quellenlage zu Joseph Lauber ist dürftig.
Die einschlägen Quellen kennen den Namen nicht. Fällt er ausnahmsweise doch einmal, dann ausschließlich als einziger Lehrer Frank Martins oder als Lehrer Henri Gagnebins. Für eine Werkliste spielte ich mit dem Gedanken, mich kostenpflichtig bei der waadtländischen Kantonal-und Uni-Bibliothek zu registrieren. Nahm aber wieder Abstand davon, da ich nicht weiß, wie häufig ich das Angebot nutzen werde. Drum griff ich hierfür, wie immer ungern, auf Wiki zurück. Der Überblick dort ist etwas oberflächlich. Andererseits besteht ein Großteil seiner über 200 Werke offenbar aus kleineren Gelegenheitswerken:

Beim Durchblättern seines Werkkatalogs fällt auf, dass eine Mehhrheit der Kompositionen Laienchorwerke zur Einweihung einer Orgel im Dorf XY waren, Gelegenheitskompositionen für die Fêtes des Vignerons, Märsche für Harmoniemusik oder die Schweizer Garde...

...und die jeweiligen Texte sind heutzutage wirklich veraltet. Er hat keinen einzigen grossen Dichter vertont, keinen Eichendorff oder Rilke. Man darf auch nicht vergessen, er stammte aus einer einfachen Schneidersmeisterfamilie, ein Zubrot verdiente man sich durch Auftritte als Familienkapelle an Hochzeiten, als Organist oder als Dirgent für die Dorfmusik im Val de Travers...



Schließlich erneut die Kurzbeschreibung von Laubers Stil:
Sein Stil fusst einerseits in der deutschen Spätromantik, nimmt aber andererseits Einflüsse des französischen Impressionismus auf. Er selbst schätzte insbesondere die Musik von Claude Debussy, Gabriel Fauré und Henri Duparc.


Diese Einordnung macht mich etwas stutzig, nachdem ich diese drei CDs in den zurückliegenden zwei Jahren wieder und wieder hörte. Denn von Einflüssen des Impressionismus nehme ich hier nichts wahr. Die Musik bewegt sich klar im Fahrwasser der deutsch-österreichischen Romantik - (Erfolgreiche, wie ich meine) Versuche der Etablierung einer Art Swissness mit inbegriffen.
Hört man aber Laubers Kompositionen in den kleineren Gattungen, liegt die oben gebrauchte Devise „Die zwei Gesichter des J. L.“ nahe.
Dazu mehr in den folgenden Beiträgen.



Booklet-Texte von Manuel Bärtsch
Kaspar Zehnder und
Frédéric Angleraux, der Aufnahmeleiter, in einem Gespräch mit Graziella Contratto
hebu-Musikverlag
Deutschsprachige Wikipedia
Maurice inaktiv (23.01.2023, 17:59):
Es ist jetzt reiner Zufall, dass ich seit Tagen auf die Sinfonien warte, die ich letzte Woche bei JPC bestellt habe. Doch Dank des Streikes bei DHL liegen sie noch irgendwo in Deutschland herum und warten auf die Versendung. Ich bin mal gespannt, wie sie mir gefallen werden.

Danke für die ausführliche Einführung in die Werke des wenig bekannten Komponisten.