Joseph Martin Kraus

Sfantu (23.06.2023, 18:36):
Eine taugliche Einführung zu Person und Werk enthält bereits dieser Faden im Bereich Instrumentalmusik.
Es wäre aber zu kurz gegriffen und aus meiner Sicht schade, die Betrachtungen zu Kraus auf größer besetzte instrumentale Ensemblemusik zu beschränken. Daher darf es hier nun um alle Gattungen gehen, denen der Komponist sich widmete.
Mit seiner Orchestermusik seit längerem vertraut, finde ich es spannend, auch Anderes von ihm zu erkunden. Zumal das, was er fürs Orchester schrieb, in mehreren Quellen als Randgebiet in Krausens kompositorischer Arbeit gesehen wird während sein kirchenmusikalisches Werk als sein eigentlich zentrales Schaffen gilt.
Aber auch neben den genannten Teilbereichen hat Kraus Bedeutendes geschaffen.

Ein Album, das nun schon fast ein Dreivierteljahr originalverpackt bei mir auf seine Jungfernfahrt wartete, macht mir dieser Tage richtig Freude:



Das gesamte Klavierwerk

Ronald Brautigam
Fortepiano, Paul MacNulty, 2001, nach Walther & Sohn, ca. 1802)
(CD, BIS, 2005)

Sonate E-dur VB 196
Vivace 6'55
Adagio 8'43
Andantino con variazioni 10'15

Sonate Es-dur VB 195
Allegro moderato 6'57
Andante con variazioni 8'48
Allegro ma non troppo presto 6'34

Rondo F-dur VB 191 7'17

Scherzo con variazioni VB 193 9'01

Schwedischer Tanz VB 192 3'25

Zwey neue kuriose Menuetten fürs Clavier VB 190 1'51

Larghetto VB 194 0'39

Man mag nun einwenden: wenn das gesamte Klavierwerk auf einer CD Platz hat - wie bedeutend ist es dann?

Krausens Hauptinstrument war die Geige, obschon er auch als versierter Pianist galt. Das Gros seiner Werke mag daher von der Violine her "gedacht" sein. Doch auch seine Klaviermusik erfüllt hohe bis höchste Ansprüche - das verdeutlicht diese erfreuliche Veröffentlichung. Vor allem die beiden Sonaten (in Es-dur, 1785 in Paris entstanden und in E-dur, 1788/89 in Stockholm verfaßt) sind Schwergewichte, die keine zeitgenössischen Vergleiche zu scheuen brauchen. 1789 erschienen sie bei Åhlström in Stockholm. Handwerkliche Meisterschaft und schöpferische Gedankentiefe gehen Hand in Hand. Stilistische Anklänge an Haydn sind hörbar aber dezent. Nicht selten betritt Kraus bereits vorromantische Ausdrucksbereiche. Eindrücklich sein Sinn für die Kunst der Variation: in der ersten Sonate bildet sie an zweiter Stelle nicht nur zahlenmäßig den Mittelpunkt. Hier zeigt Kraus einen kühnen, ja avantgardistischen Geist, indem er der für die Romantik typischen Charaktervariation um Jahrzehnte vorgreift. Das spätere E-dur-Geschwister hat indes einen Variationensatz zum krönenden Abschluß: kühne Zäsuren und Stimmungs-Kehrtwenden, dramatische Passagen im Wechsel mit spielerisch-eleganten, oft wird bereits die Wiederholung des Themas innerhalb der jeweiligen Variation ihrerseits schon variiert - eine wahre Pracht an Ideen und Farben.

Der Rest sind mehr oder weniger Petitessen. Einen kleinen ironischen Streich erlaubte Kraus sich wohl mit seinen "zwey neuen kuriosen Menuetten fürs Clavier".
Sie entstanden während seiner Göttinger Zeit und sind dem nachmaligen Bach-Biographen Johann Nikolaus Forkel (1749-1818) gewidmet. Die beiden verband eine gewisse gegenseitige Antipathie. Dazu ein Zitat aus dem Booklet-Text von Michael Kube, der eingangs wiederum Krausens Biographen Frederik Samuel Silverstolpe (1769-1851) zitiert: "Dass sich Dr. Forkel und Kraus immer im Streit miteinander befanden, ist in verschiedener Hinsicht bezeugt, und man besitzt im Manuskript zwei von Kraus komponierte und Herrn Forkel zugeeignete Menuette für Fortepiano, bei denen der altmodische Stil und die Kombination aller möglichen harmonischen Gebrechen auf etwas mehr als einen Scherz hindeuten". Grund für die von Kraus in Satzfehlern und banalen Fortschreitungen versteckte Ironie war die harrsche Ablehnung, mit der Forkel der von jugendlicher Radikalität und Selbstvertrauen strotzenden Schrift Etwas von und über Musik fürs Jahre 1777 begegnete. Noch in der von ihm verfaßten, andere Druckwerke kommentierenden Allgemeinen Literatur der Musik (1792) setzt er seine Kritik fort.


Der Booklet-Text erwähnt mehrere Hinweise auf verloren gegangene Klavierwerke von Kraus.

Brautigams Vortrag ist von Verve und sicherem Stilempfenden. Nicht ganz glücklich bin ich mit der Wahl des Instruments: den tiefen Registern fehlt es an Durchschlagskraft, der Ton hat eine leicht glöckchenhafte Weichzeichnung, es mangelt etwas an Biß und Kontur.

Am Rande noch etwas zu der Bezeichnung Odenwälder Mozart:
Solche nicht sehr originellen Charakterisierungen
- greifen zu kurz
- führen oftmals in die Irre
- werden daher weder dem einen noch dem anderen Verglichenen gerecht und
- verleiten zum bequemen Schubladisieren.
Gerade Mozart und Kraus unterscheidet wohl mehr als daß sie verbindet.
Weitere Beispiele für diese Unart sind der Bach des Südens, Mozart der Champs-Élysées, der weibliche Beethoven, Johann Strauß des Nordens usw. usf.
Maurice inaktiv (24.06.2023, 07:11):
Am Rande noch etwas zu der Bezeichnung Odenwälder Mozart:
Solche nicht sehr originellen Charakterisierungen
- greifen zu kurz
- führen oftmals in die Irre
- werden daher weder dem einen noch dem anderen Verglichenen gerecht und
- verleiten zum bequemen Schubladisieren.
Gerade Mozart und Kraus unterscheidet wohl mehr als daß sie verbindet.
Weitere Beispiele für diese Unart sind der Bach des Südens, Mozart der Champs-Élysées, der weibliche Beethoven, Johann Strauß des Nordens usw. usf.
Solche Bezeichnungen sind wohl eher dem Zeitgeist entstanden. Ich selbst habe noch nie etwas von einem "Odenwälder Mozart" gehört. Wer den Mist in Wikipedia eingestellt hat weiß man nicht, aber in Booklets wäre mir diese Beschreibung aufgefallen, da ich nicht gerade weit weg lebe von Miltenberg. Er hat dort auch wirklich nur wenig komponiert. Auch eine Bezeichnung "Bach des Südens" und den ganzen Unsinn sind mir unbekannt.

Tatsache ist, dass er vor allem in Schweden tätig war, bzw. er viele Jahre im Auftrag des schwedischen Königs gereist ist. Auch sind mehrere Werke leider verschollen gegangen, darunter 5 Sinfonien, ein Trompetenkonzert und Variationen für Trompete und Orchester. Das mag zwar mein Instrument auch sein, aber musikhistorisch wäre es äußerst spannend, wie diese beiden Werke geklungen hätten und geschrieben wurden. Immerhin könnten beide Werke als eine Art "Vorläufer" von Haydns Trompetenkontert gewesen sein (1796 geschrieben für die damals absolut moderne Klappentrompete).

Sicher ist es interessant, was er im "kleineren Rahmen", also in der Kammermusik ausprobiert hatte, bevor er sich damit an größere Stücke wagte. Daher ist der Thread hier absolut berechtigt.
Sfantu (24.06.2023, 17:03):
Sicher ist es interessant, was er im "kleineren Rahmen", also in der Kammermusik ausprobiert hatte, bevor er sich damit an größere Stücke wagte. Daher ist der Thread hier absolut berechtigt.
Klavier-und Kammermusik brachte Kraus zu Papier bevor, während und nachdem er größer besetzte Musik schrieb. Sie ist also keineswegs als Fingerübung oder Vorstufe etwa zu den Sinfonien anzusehen sondern qualitativ ebenbürtig.
Weshalb sollte eine größere Besetzung ein größeres Wagnis darstellen?
Sfantu (25.06.2023, 21:16):
Auch heute allerhand krauses Zeug bei mir:



Violinkonzert C-dur VB 151 (2. Fassung, 1783)

Edith Peinemann,
Stuttgarter Kammerorchester - Martin Sieghart
(CD, Orfeo, 1992)

Allegro moderato 13'12
Adagio 6'44
Rondo. Allegretto 6'52

Wieder mit Tonis Hörbegleiter als bewährtem Scout hörte ich das Violinkonzert mit neuen Ohren. Mir war nicht mehr präsent, welches Juwel hier vorliegt. Und ja - der Mittelsatz ist fast überirdisch schön. Die Nishizaki-Aufnahme kenne ich nicht. Allerdings ist die Einspielung durch Frau Peinemann ganz und gar untadelig und bereitet uneingeschränkt Freude.
Sfantu (25.06.2023, 21:55):


Violakonzerte Es-dur VB 153c und C-dur VB 153b, Konzert für Viola, Violoncello und Orchester C-dur VB 153a

David Aaron Carpenter, Bratsche
Ritta Pesola, Cello,
Tapiola Sinfonietta - Janne Nisonen, Konzertmeister
(CD, Ondine, 2012)

Es-dur VB 153c
Risoluto 10'45
Adagio e cantabile 4'59
Rondo. Moderato 4'41

C-dur VB VB 153b
Allegro maestoso 8'31
Larghetto cantabile 4'45
Rondo. Allegro 4'20

C-dur VB 143a
Allegro moderato e cantabile 11'33
Adagio 7'04
Rondo. Allegro moderato 4'49

Diese Konzerte konnten erst Mitte der Nuller Jahre nachweislich der Urheberschaft Krausens zugeordnet werden. Sie galten bis anhin als Schöpfungen des Haydn-Adepten Peter Romanus Hofstetter - in der vorliegenden Einspielung erschienen sie erstmals auf Tonträger. Booklettext-Autor Bertil van Boer war an den entsprechenden musikwissenschaftlichen Forschungen beteiligt. Er betont, daß Kraus die Bratsche der Geige als Instrument zum eigenen Spiel noch bevorzugte. Gerade auch die Bratschenstimmen in seinen Streichquartetten seien ausgesprochen anspruchsvoll.

Wie schon im Violinkonzert höre ich eine Nähe zum Stil Mozarts deutlich heraus: das bisweilen süßlich-Kantable aus dieser Richtung, also etwa Johann Christian Bach / Mozart / Gluck, kommt zu seinem Recht - eine Zutat, die ich ansich nur wohldosiert vertrage. Es spricht für Kraus, daß dies jedoch nie zum Überdruß führt. Am meisten sagt mir das C-dur-Bratschenkonzert zu. Das prachtvoll ausladende Doppelkonzert bietet abschnittweise klanglich reizvolle Kapriolen wie etwa einen kleinen Rollentausch im Schlußsatz, bei dem die Bratsche artig arpeggiert während das Cello in weit höherer Lage sangliche Linien malt.

Ansprechende Darbietung der souverän und klangschön gestaltenden Solisten und eine elegant federnde Begleitung durch das Tutti - mit modernem Instrumentarium und zugleich dem Besten aus der historisierenden Aufführungspraxis.
Einwandfreie Aufnahmequalität: transparent und mit idealer Stimmenbalance.
Maurice inaktiv (26.06.2023, 08:00):

Bei Takako Nishizaki, die ja die Ehefrau von Naxos-Gründer Klaus Heymann ist, finde ich den Ton manchmal vielleicht eine Spur zu süßlich, doch sonst kann man nur wenig an ihrer Spielweise kritisieren. Sie wurde hier im Westen auch nicht wirklich bekannt, obwohl sie bei Naxos ja nicht gerade wenig aufgenommen hatte. In China war sie dagegen sehr bekannt, lebte sie doch in Hongkong. So ist es ja gerade in den ersten Jahren vielen Künstlern ergangen, die für Naxos oder Marco Polo aufnahmen.
Waldi (26.06.2023, 17:45):
Angeregt durch diese Diskussion habe ich das NAXOS-Violinkonzert aus meinem Bestand ausgegraben und nach langer Zeit wieder einmal aufgelegt. Was mich unter anderem bei dieser Komposition anspricht: Die Vielfalt und auch das Virtuose sind nicht aufdringlich. Man kann sich dieser Musik richtig hingeben. Takako Nishizaki macht das sehr gut. Mag sein, daß man das vielleicht mehr zupackend, mehr feurig spielen könnte, aber da fehlen mir jetzt die Vergleichsbeispiele, und ich bin auch nicht sicher, ob es das wirklich braucht.
Kleinmeisterlich ist dieses Werk jedenfalls nicht. Sein Schöpfer in meiner Sicht ebensowenig.
Maurice inaktiv (26.06.2023, 18:47):
Takako Nishizaki macht das sehr gut. Mag sein, daß man das vielleicht mehr zupackend, mehr feurig spielen könnte, aber da fehlen mir jetzt die Vergleichsbeispiele, und ich bin auch nicht sicher, ob es das wirklich braucht.
Es gibt ja Alternativen, was auch gut ist. Ich mag solche Musik mehr aus der HIP-Bewegung heraus gespielt, dann hat die Musik einfach eine ganz andere Ausstrahlung - wenn es denn entsprechend umgesetzt wird. Bei Brahms fange ich aber an, mit der HIP-Bewegung langsam wiederum Probleme zu bekommen. Kraus ist kein Romantiker, da geht mir die 1944 geborene Nishizaki einfach zu traditionell ran. Sie macht das gut, aber ich denke, es geht noch besser zu machen.

für die Musik bis zu Schumann kann man auf das groß besetzte Orchester verzichten. Bei Brahms fängt es langsam an schwierig zu werden. Es geht schon noch, wenn etwa Mackerras das macht, aber bei Kraus, Mozart, Haydn, etc. finde ich die kleinen Besetzungen viel flexibler und spannender, wenn die richtigen Dirigenten das anpacken. Sicher, es gibt natürlich noch genug Beispiele, dass es auch mit den "dicken Orchestern" funktionieren kann, bei Kraus finde ich gerade Concerto Köln oder auch bei Naxos die Kammerorchester für absolut passend.
Sfantu (26.06.2023, 20:53):
Kraus ist kein Romantiker, da geht mir die 1944 geborene Nishizaki einfach zu traditionell ran.
Etliche Protagonisten der historisierenden Aufführungspraxis sind älter als Frau Nishizaki - Harnoncourt etwa um 1/2 Generation.
Die Zeiten, in denen Besetzungsstärke und die Art des Instrumentariums noch entscheidende Aussagekraft über die Musizierhaltung erlaubten, sind langsam vorüber - gottlob.
Christian Thielemann etwa, Jahrgang 59, ist alles nur kein Entschlacker und Historisierer.
Sfantu (26.06.2023, 21:00):
Zudem gibt es auch Historisierer, die blutleere und schnarchnasige Aufnahmen abliefern.
Joe Dvorak (27.06.2023, 04:38):
Ich kenne Kraus als "schwedischen Mozart". Das ist noch so ein Komponist, von dem ich immer sage, dass er mehr gehoert gehoert, aber dem Sagen kein Hoeren folgen lasse. Ich stimme zu, dass auch die Vokalmusik eingehende Beschaeftigung verdient. Dieses einst von mir als "hartes Brot" bezeichnete Album hier ist auf der Wiederhoren-Liste:




Joseph Martin Kraus - Begräbniskantate
Hanna Husáhar, Loriana Castellano, Krystian Adam, Johannes Schendel
RIAS Kammerchor, L'arte del mondo, Werner Ehrhardt
Begräbniskantate für Gustav III
Trauersinfonie
Dann schrieb ich zu einem Album folgendes:

Joseph Martin Kraus - Sinfonie c-Moll VB142
Kammerorchester Basel, Giovanni Antonini

Dieses unter Haydns Sinfonien Hob. I: 19 & 80-81 geschmuggelte Meisterwerk von Kraus ist der Superstar auf dieser CD. Das ist einfach unfassbar gut und wieder mal schüttelt man den Kopf über die Musikwissenschaft, die den Komponisten eines solchen Geniestreichs an den Rand der Geschichte schreibt. Unbedingt hören!

Und zu einem anderen:



Joseph Martin Kraus - Streichquartette op. 1/2-4
Joseph Martin Kraus-Quartett

Ganz exquisit. Kraus' Lebensdaten sind ähnlich mit denen von Mozart. Wenn in seiner Musik Anklänge an Mozart und Haydn zu finden sind, dann weist ihn das nicht als Nachahmer aus, sondern alle drei haben gemäß den Konventionen der Zeit komponiert. Im Rahmen derselben ist Kraus höchst originell und spannend. Die Interpreten dieser Gesamteinspielung (es gibt noch Vol. 2, womit alle Zehne im Kasten sind) setzen sich zu drei Vierteln aus Mitgliedern des Concerto Köln zusammen. Es gibt sicher schlechtere Anwälte für diesen etwas vernachlässigten Klassiker.

Kommentarlos blieb dieses. Aber die Werkliste mit der Obligato-Sinfonie und die Tatsache, dass McGegan hier den Stab fuehrt, macht auch das zur Wiederhoerpflicht, der ich genuegen werde, wenn Klassik i.e.S. gehoert werden will:



Jospeh Martin Kraus - Sinfonien & Violinkonzert
Capella Savaria, Nicholas McCegan
Sinfonie C-Dur, VB 138 "Violin obligato"
Violinkonzert C-Dur, VB 151
+ Zsolt Kallo
Sinfonie cis-Moll, VB 140
Maurice inaktiv (27.06.2023, 08:48):
Etliche Protagonisten der historisierenden Aufführungspraxis sind älter als Frau Nishizaki - Harnoncourt etwa um 1/2 Generation.
Das mag ja alles sein, aber sie waren der Anfang, ohne die es die ganze HIP-Bewegung nicht gäbe. Es wird immer so sein, dass welche mit etwas Neuem beginnen, das Alte aber noch viele Jahre in der Übermacht sich befindet.


Die Zeiten, in denen Besetzungsstärke und die Art des Instrumentariums noch entscheidende Aussagekraft über die Musizierhaltung erlaubten, sind langsam vorüber - gottlob.
Du kannst es aber nicht wegdiskutieren, denn es war so gewesen. Natürlich wird der Einfluss geringer werden, aber es dauert halt ewig, bis es aus den Köpfen verschwunden ist.


Christian Thielemann etwa, Jahrgang 59, ist alles nur kein Entschlacker und Historisierer.
Nein, er überhaupt nicht. Er gehört vom Ansatz her zur alten Generation, ohne sich auch nur einen Teufel um das Neue zu scheren. Natürlich hat er seine Fans, denn auch diese Leute möchten bedient werden. Ich kann mit ihm nur wenig anfangen. Sein Bruckner kann mit jenem von Wand nicht mithalten, Wagner selbst liegt mir nicht (bekanntermaßen mag ich keine Opern) sonderlich (die wenigen Orchesterwerke sind okay, aber die kann man ja an einer Hand abzählen).

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie langweilig Kraus unter Karajan, Böhm oder Jochum hätte klingen mögen.
Andréjo (27.06.2023, 11:28):
Absolute Zustimmung bezüglich Karajan, Böhm und Thielemann. Gegen Jochums Bruckner habe ich nichts, kenne ansonsten nicht so viel, wo er dirigiert.

Thielemann, der Anti-Entschlacker, ist vielleicht ein Schlack - ostfränkisch (auch mittelbairisch oder alemannisch?) für: gewitzte Person -, aber er scheint extrem zu spalten und ich gehöre ziemlich klar zu der anderen Gruppe. Das Pfitzner-Klavierkonzert unter seiner Leitung konnte ich mal hören, wenn auch nicht live; das habe ich wirklich nicht kaufen müssen. Seine Karriere hat Thielemann nicht ganz so weit weg von uns in Nürnberg gestartet; man hat da oft von ihm in der Zeitung gelesen, aber das war noch zu einer Zeit, wo ich ohne Internet kein großes Interesse, keine wirklichen Voraussetzungen für Wertungen hatte.

Die Kraus-Sinfonie, die sich unter den Antonini-Haydn geschmuggelt hat, ist vermutlich sein bestes Werk und mir gefällt auch die Einspielung sehr. Ansonsten zieht es mich zum Concerto Köln.

Aber ich sehe gerade, dass wir bezüglich des Threads schon wieder fremdgehen. Schwer zu vermeiden und wird nicht so tragisch sein, hoffe ich. Die Streichquartette von Kraus könnte ich mir natürlich schon zulegen ... :/ :thumbsup:

Seine Begräbnis-Kantate ist jetzt nicht so dringlich. Die Leute sind halt damals nicht so alt geworden. Blöder Witz.

:) Wolfgang
Maurice inaktiv (27.06.2023, 20:07):
Absolute Zustimmung bezüglich Karajan, Böhm und Thielemann. Gegen Jochums Bruckner habe ich nichts, kenne ansonsten nicht so viel, wo er dirigiert.
Es ist mir hier nicht um die Bruckner-Dirigate dieser Dirigenten gegangen, sondern, dass ich mir nicht vorstellen könnte, dass diese Dirigenten mit JM Kraus was hätten anfangen können. Bruckner konnten Karajan, Böhm und Eugen Jochum. Ich wurde von Jochum ins Bruckner-Leben quasi "eingeweiht", im wahresten Sinne des Wortes.

Bei Thielemann finde ich zunächst einmal egal, ob er sich mehr dem Tradition anlehnt, aber er geht mir zu viel aufs "Machen" und auf "Effekt" aus. Accelerando, wo keines steht, seltsame Einschnitte, zu frühes "Öffnen" am Ende der Sätze. Er schadet damit Buckner, auch wenn seine "Gurus" das vielleicht "toll" finden - ICH nicht. Bei Wand wirkt das immer wie aus eine Guss, und später, mit den BPO etwa, lässt er auch mal die Leine ganz leicht locker, aber niemals los. Der Mann wusste einfach, was Sache war.

Bei Thielemann gefällt mir seine, zugegeben auch mehr aus der Tradition heraus interpretierte "Pelleas et Melisande"-Suite von Schönberg (plus Wagners "Siegfried-Idyll" sehr gut.
Andréjo (27.06.2023, 21:27):
Schon klar, dass Du Dich explizit auf ältere Musik wie die von Joseph Martin Kraus bezogen hast.

Was Thielemann anbelangt, bin ich letztlich voreingenommen und werde darin bestärkt, was manche Meinungen im Netz und die sehr wenigen Hörerfahrungen anbelangt. Hinzu kommt dieses seltsame Image einer rechtskonservativen politischen Haltung. Wirklich ernst genommen habe ich das nie und es dürfte mittlerweile auch niemanden mehr interessieren, aber an meiner Schule hat der Kollege von der Musik in einer Tour in dieser Hinsicht über Thielemann gespottet. Das färbt dann ab, wenn man ihn ohnehin nicht wirklich verteidigen will. :D

Das "Machen" und der "Effekt" bei Thielemann - soweit ich es beurteilen kann: Einverstanden!

Und ich gebe zu, dass ich auch generell erst einmal skeptisch bin bei Karajan und Böhm. Das bedeutet keineswegs, dass ich sie pauschal ablehne, aber auch da bin ich voreingenommen. Was weiß ich, woran das wirklich liegt - doch, natürlich liegt es vor allem an typischen Foren-Meinungen, meist ein wenig links angehaucht, ein wenig modernistisch, ein wenig HIP - mit einem dicken Korn Wahrheit, aber halt nicht oder nicht immer die ganze Wahrheit umfassend.

:) Wolfgang
Maurice inaktiv (28.06.2023, 02:23):
Schon klar, dass Du Dich explizit auf ältere Musik wie die von Joseph Martin Kraus bezogen hast.
Okay. Ich habe Dich dann falsch verstanden.


Was Thielemann anbelangt, bin ich letztlich voreingenommen und werde darian bestärkt, was manche Meinungen im Netz und die sehr wenigen Hörerfahrungen anbelangt. Hinzu kommt dieses seltsame Image einer rechtskonservativen politischen Haltung.
Ich sehe das bei Thielemann immer ein wenig durch zwei Brillen. Die eine Seite sagt mir, dass der Mann wirklich was kann, aber dabei habe ich so oft das Gefühl, als ob er immer wieder versucht, sein Vorbild Furtwängler zu "imitieren", dabei aber grandios scheitert. Dafür fehlt ihm das gewisse Etwas, dass Furtwänglers Aufnahmen ausmachen, das Thielemann nicht hat. So, wie der Herr Löw bei der N11 immer wieder verzweifelt versucht hat, den Pep Guardiola zu kopieren, aber nicht annähernd dessen Format besitzt (und auch nicht die Spieler dazu hatte, die man Pep zur Verfügung gestellt hat).

Versucht Thielemann nicht, Furtwängler zu kopieren, wie etwa bei Schönbergs Werk, gelingt ihm durchaus Bemerkenswertes, wenn auch eher aus der Tradition heraus interpretierend. Es ist ein wirklich sehr gelungener Gegensatz etwa zu Pierre Boulez' Einspielung des gleichen Werkes. Hier kann er bei mir punkten. Bei Bruckner gibt (oder gab) es halt andere Könner, denen er nicht das Wasser reichen konnte.

Mit Richard Wagner scheint er aber wiederum scheint er echt großartig zu sein, aber hier kann ich es nicht beurteilen, weil ich mit Opern nichts anzufangen weiß. Nun scheint ihm offenbar mit Mahler einige gelungene Konzerte abgeliefert zu haben.

Seine politische Meinung kann ich nicht beurteilen, wobei er mir schon sehr konservativ rüberkommt. Doch leider wird man heute mit so einer Auffassung gleich in die rechte Ecke abgeschoben. Natürlich spielt da auch seine Optik mit dem straffen Scheitel und seiner Vorliebe zur Musik Richard Wagners eine große Rolle. Auch hier versucht man eine Verbindung über Furtwängler zu ziehen, der bestimmt kein Nazi war, auch wenn er in dieser Zeit bei genau diesen sehr beliebt war. Doch da waren auch noch Böhm, Jochum und Karajan dabei, das hatte den allen am Ende nicht geschadet. Absurd, aber so war es gewesen.

Ich verteufele Thielemann nicht, und ich bin gespannt, ob man ihm die Staatskapelle Berlin samt der Oper geben wird. Vor allem, was er dann daraus machen wird. Im Grunde wäre er der folgerichtige Dirigent für dieses Ensemble, aber ob das Orchester das auch so sehen wird? Die Konkurrenz in Berlin ist sehr groß, die anderen Klangkörper haben sich da seht gut und langfristig aufgestellt, die Staatsoper muss einen erstklassigen Dirigenten mit entsprechender Aura verpflichten, sonst wird sie Probleme bekommen. Und eine Frau werden sie bestimmt nicht nehmen, dafür ist das Orchester nicht modern genug.

Sorry, das war jetzt wirklich weit weg vom armen Herr Kraus.
Sfantu (03.02.2024, 17:33):
Der Inhalt des Fadens wird auch an dieser Stelle diskutiert.