Joseph Szigeti

Falstaff (03.10.2017, 00:55):
Was für Lebenswege!

Joseph Szigeti wurde am 5. September 1892 in Budapest geboren und starb am 19. Februar 1973 in Luzern.

Zunächst Unterricht in Budapest, dann Debüt als 13jähriger in Berlin, daraufhin Konzertreise durch Europa, u.a. mit Ferruccio Busoni in England. Als 25jähriger dann schon Violinprofessor in Genf.

1925 dann bereits das USA-Debüt unter Stokowski und ausgedehnte Konzertreisen dort. Ab 1940 Tourneen mit Andor Foldes als Partner in den USA, wohin er aufgrund seiner jüdischen Abstammung geflüchtet war. 1944 Mitwirkung in dem Unterhaltungsfilm 'Hollywood Canteen' zusammen mit einer illustren Auswahl von Filmgrößen. (Welchen Stellenwert auch für die Unterhaltungsindustrie klassische Musik damals hatte!) Ab 1960 lebte Szigeti wieder in Europa, diesmal in der Schweiz.

'Was für Lebenswege!' - Wie so viele der Musiker europäisch-jüdischer Herkunft musste Szigeti die Verwerfungen und Abgründe des XX. Jahrhunderts erleben, durchleben, durchleiden. Ausbildung im Heimatland, oftmals erste Erfolge in Berlin und dann irgendwann zwischen 1933 und '45 der 'Absturz', die Verfolgung, Vertreibung, das Exil. Wenn sie Glück hatten.

Aber vielleicht prägte dies im besonderen ihr Spielen, ihr Dirigat, ihren Gesang. So leicht gesagt aus unserer sicheren und einfachen Existenz heute heraus.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass aus dieser Generation so viele Musiker (bleiben wir einmal bei diesen) in der Wahrnehmung heute unterrepräsentiert sind, so dass hier wenigstens an sie erinnert werden sollte.

Szigeti lernte ich zunächst über diese Aufnahme kennen:



Dann kam das Violinkonzert von Brahms:



Während ich den Bartok weniger verstand, empfand ich den Brahms eher als etwas Zerrissenes zwischen Tradition und Leben, als einen Versuch, europäische Tradition und eigene Erfahrung zusammen zu bringen.

Vielleicht ist es Projektion, aber so höre ich Szigeti eigentlich immer. Als jemand Ringendes, als jemand, der auch zum seine Wurzeln kämpft.



:hello Falstaff
Falstaff (03.10.2017, 01:07):
Vielleicht verdeutlich diese Aufnahme mein Vorhergehendes diese Aufnahme:

https://www.youtube.com/watch?v=3PMZXXhIzPQ

Szigeti und Bela Bartok spielen die Kreuzersonate. Das ist so eigen, das ist irgendwie auch so verquer, das ist natürlich auch jenseitig von irgendwelchen HIPen Neudeutungen. Aber für mich ist da eben ganz viel, auf beiden Seiten, von persönlichem Ringen, von Kampf und von Leiderfahrung.

:hello Falstaff
Cetay (inaktiv) (03.10.2017, 09:02):
Szigeti ist mir ganz an Anfang meiner Hörerkarriere über den Weg gelaufen, aber ich wollte mich damals für das emotionsgeladene Spiel nicht so recht erwärmen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wenn ich den Unterschied zwischen dem eingestellten Video und einer gegenwärtigen Einspielung, sagen wir von Tatsuo Nishie & Giuseppe Andaloro ohne Worthülsen erklären müsste, dann etwa so: Szigeti/Bartók spielen die Kreutzersonate; die Kreutzersonate wird gespielt von Nishie/Andaloro.

Gelungen ist die Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 e-Moll, op. 36a von Ferrucio Busoni, die er mit 1938 Clara Haskil eingespielt hat. Szigeti tourte als 15-jähriger mit Busoni durch England und hat das Werk möglicherweise mit dem Komponisten zusammen gespielt. Hier braucht man sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob die Interpreten wissen, wie es "richtig" geht:
Falstaff (03.10.2017, 22:01):
Szigeti/Bartók spielen die Kreutzersonate; die Kreutzersonate wird gespielt von Nishie/Andaloro.
Lieber Cetay, da gehen wir wohl anders an Interpretationen heran. So sehr ich das 'Werk X wird gespielt...' schätze, so sehr liebe ich aber auch die sehr persönliche, eigene, manchmal auch eigenartige Interpretation. Klar muss es sich in einem bestimmten Rahmen bewegen, aber da bin ich sehr tolerant. ;)

LG Falstaff