Julia Perry und die Wiederentdeckung ihres Violinkonzertes

Toni Bernet (05.04.2024, 21:01):



Julia Perry wies nach einer guten Ausbildung als Musikerin in den 50er und 60er Jahren sowohl in den USA wie auch in Europa erstaunliche Erfolge auf. Sie dirigierte ihre Werke mit den Wiener Philharmonikern und dem BBC Orchestra. Sie wurde eine der ersten afroamerikanischen Komponistinnen, deren Orchesterwerke von den New Yorker Philharmonikern und anderen großen amerikanischen Orchestern aufgeführt wurden. Obwohl sie in ihrem frühen Leben eine vielversprechende Karriere aufwies, wurde diese durch eine Reihe von Schlaganfällen, die zu einer teilweisen Lähmung und schließlich zu ihrem Tod im Alter von 55 Jahren im Jahr 1979 führten, tragisch beendet. Ihre Werke verschwanden aus der Öffentlichkeit. So gehört Juli Perry zu den ungewohnt schnell vergessenen Komponistinnen, weil sie nicht nur Frau und erkrankt, sondern zusätzlich zur benachteiligten farbigen US-Bevölkerung des 20. Jahrhunderts gehörte.

Julia Perry war Geigerin, Dirigentin und Komponistin, studierte erstmals 1951 bei Luigi Dallapiccola in Tanglewood, wo sie ihr Stabat Mater für Sopran und Streichorchester fertigstellte und mit großem Erfolg aufführte. Dallapiccola förderte sie, sie kam nach Europa und studierte später auch bei Nadia Boulanger. Vor allem das ihrer Mutter gewidmete Stabat mater begründete Perrys Karriere und wurde zum meistaufgeführten Werk ihres Lebens.




Das zwischen 1963-68 entstandene Violinkonzert, das wegen ihrer Krankheit zu ihrer Lebzeiten nie aufgeführt wurde, stellte einen kompositionsmässig eigenständigen Beitrag zur seriellen wie auch atonalen Musik ihrer Zeit dar. Schon der formale Aufbau des Konzerts entzieht sich der Tradition der Dreisätzigkeit und gestaltet eine abwechslungsreiche Abfolge von wechselnden Tempo-, Motiv und Formabschnitten. Um sich in Perrys Tonsprache zu vertiefen, hilft es, sich den Zeit-Kontext sowohl politisch wie auch musikgeschichtlich zu vergegenwärtigen. Musikalische Vorbilder sind neben Dallapiccola Komponisten wie Schönberg, Bartok, Berg und andere, die in ihren Konzerten nach einer neuen Harmonik, Form und Inszenierung von Solo und Orchester suchten. Auch politisch prägen neue Aufbrüche das Zeitgeschehen in den USA: die Präsidentschaft John F. Kennedys, der Kampf um Aufhebung der Rassentrennung, Martin Luther King’s Bürgerrechtsbewegung, die Proteste gegen den Vietnam-Krieg, die Studentenbewegung an den Universitäten und das Aufkommen der feministischen Bewegung. Julia Perry lebte diese Epoche des Aufbruchs in den USA intensiv mit. Aufbrechen in neue musikalische und klangliche Dimensionen war denn auch Programm für das Komponieren ihres eigenen Violinkonzertes. Perry beendete ihr Violinkonzert 1968, aber es dauerte mehr als vier Jahrzehnte, bis der Komponist Roger Zahab die endgültige Partitur rekonstruierte. Uraufgeführt wurde das Werk erst 2022.



Mehr über das Violinkonzert von Julia Perry siehe

https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/20-jahrhundert/perry-julia/