Kaisers Auswahl - 100 Meisterwerke

Peter Brixius (15.02.2015, 11:23):
Ich verstehe diesen Thread als Parallelthread zu einer eigenen Auswahl "Welche Werke muss man kennen". Die Frage ist von einer einzelnen Person immer einfacher zu beantworten - wenn auch die Auswahl subjektiv ist. Anders sieht es aus, wenn zehn Leute ihre 100 Vorschläge zu koordinieren versuchen, es könnten - je nach Größe der Schnittmenge - ja schon bis zu 1000 Werke sein, die dort genannt werden. Mit "Kaisers Klassik" haben wir eine konservativ-gediegene Auswahl vor uns liegen, die auf eine große Übereinstimmung mit Musikliebhabern stoßen konnten, die das für sie Selbstverständliche bestätigt finden konnten, dafür auch bereit waren, das eine oder andere an exotischem Gewürz nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern auch zu genießen.

Die Reihenfolge der Beiträge waren nicht zufällig in der oberen Hierarchie dessen angesiedelt, was Laien und Kenner als Meisterwerk goutierten, selbst wenn ein verrückter, aber doch eben nur literarischer Komponist das Spitzenwerk zurückzunehmen versuchte: Beethovens 9. Sinfonie.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51FhFVOrYWL.jpg



Joachim Kaiser: Kaisers Klassik - 100 Meisterwerke der Musik

Ich möchte in der Folge an den verschiedenen musikalischen Ausstellungsfenstern einer festlich illuminierten Einkaufstraße vorbeischlendern und meine unvorgreiflichen Gedanken mit dem interessierten Leser teilen. Auswahl und Darstellung der Kompositionen ist dabei der eine Aspekt, der andere die empfohlenen Aufnahmen, wobei man beachten muss, dass das Buch von 1995 stammt, neuere Einspielungen gar nicht enthalten kann. Aber wenn man Neueres von Kaiser liest, erfährt man, dass sich die Meinungen zu beispielhaften Einspielungen weder geändert haben, noch im Wesentlichen aktuelle Aufnahmen berücksichtigt werden.

Aus dem Vorwort erfährt man, an wen sich Kaiser wendet:

Der leidenschaftliche Laie, der auf die Botschaft großer Musik mit emotionaler Hingabe reagiert (S. 9)


Dem "leidenschaftlich" und "emotional" wird der Theoretiker entgegen gesetzt, mit

hochgestochenen Bewertungen, wie sie Fachleute, von Theorien erfüllt oder auch verstört, ausbrüten. (S. 9)


Vielleicht versteht man/frau nun, warum ich solchen Charakterisierungen gegenüber allergisch geworden bin, nicht nur weil sie stereotyp und begründungsfrei daher kommen, sondern vor allem weil sie gerade dem interessierten Laien das Nachdenken verwehren wollen. Da man offensichtlich nicht mehr begründen muss, was "große Musik" ist, noch weniger, welche Botschaft sie vermittelt, kann man sich der Alltagswelt entheben

Musik: was für eine reine, den abnutzenden Alltagsrealitäten dank ihrer Kunstsprache so wunderbar entzogene tönende Welt! (S. 10)


Entstanden ist das Buch als eine Kompilation einer Kolumne, die in der Bunten erschien. Ohne zuviel vorwegzunehmen, darf man vermuten, dass unter dem Leser noch der Restbestand des Bildungsbürgertums verstanden wurde, sprachlich sind die Beiträge auf diese Schicht zugeschnitten. Eine Werbung für klassische Musik über diese Schicht hinaus wird nicht gesucht, da grenzt sich Kaiser eher ab, wie man im ersten Beitrag zur IX. gleich feststellen kann

Auch wer die Neunte nie bewusst hörte, kennt zumindest den Pophit Song of Joy mit dem Miguel Rios, der pfiffige spanische Beethoven-Verwerter, bestimmt mehr verdiente als Beethoven.

Mit "pfiffig" und "Verwerter" wird ausgegrenzt, das Kriterium des in Münzen materialisierten Verdienstes (übrigens für Beethoven alles andere als nebensächlich) ist dann der Genickschuss.

Mein nächster Beitrag wird sich mit der Darstellung von Beethovens Neunter in Kaisers Klassik beschäftigen und einige Spekulationen beifügen, warum die Basis-Liste von Kaiser mit diesem Werk beginnt.

Bis dann

Liebe Grüße Peter
Andréjo (15.02.2015, 11:34):
Mit "pfiffig" und "Verwerter" wird ausgegrenzt, das Kriterium des in Münzen materialisierten Verdienstes (übrigens für Beethoven alles andere als nebensächlich) ist dann der Genickschuss.

Werter Kollege Peter!

Ich schätze mich eher als politisch links und wertkonservativ ein, aber: Hat Kaiser denn sachlich Unrecht mit seiner sicherlich banal-apodiktischen Äußerung?

:beerWolfgang
Peter Brixius (15.02.2015, 12:04):
Lieber Andréjo,

die Beziehung von Kunst und Geld ist vielfältig, sicherlich wurde Kunst auch durch das Geld korrumpiert, aber ohne entsprechendes Einkommen hätte es auch die Werke nicht gegeben, die wir lieben.

Im Fall des "Song of Joy" geht es um Kommerzialisierung, da hast Recht, da sind wir wohl beide auf der Seite von Kaiser. Aber hier wird mir mit zu dickem Pinsel gemalt.

Setzt "Song of Joy" nun auf einem Erfolg auf - oder gewinnt er neue Hörer? Die Liebhaber der IX. sind sicher nicht die Zielgruppe, wird die tatsächliche zur IX. finden?

Wie viele sind über den Shaffer-Film von Amadeus zu Amadé gekommen?

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (16.02.2015, 10:27):
In einem Interview äußerte sich Kaiser, dass ihn das Publikum der Bunten ernster genommen habe als die Leser der Süddeutschen. Das lasse ich mal ohne Kommentar so stehen. Für eben dieses Publikum schrieb er die Kolumne, eröffnet wird sie mit Beethovens Neunter- Die berühmteste Symphonie der Musikgeschichte. Wie sie entstand und was sie bedeutet lautet der Untertitel.

Ein Ausnahmeereignis. Wenn wir armen Erdenbürger festlich feiern wollen, erklingt Beethovens Neunte.

Die Tonlage ist hymnisch. Der Anspruch global. Es reicht nicht die westliche Hemisphäre, es betrifft alle Erdbewohner. Aber mit "festlich feiern" wird die Sinfonie schon in ein Ghetto gesteckt, das ihr das Utopische, das Revolutionäre nimmt. Inzwischen greift man ja zu so drastischen Mitteln, wie die Kopplung mit Schönbergs "Überlebenden aus Warschau", um der oberflächlichen Euphorie zu wehren, bei der das Bürgertum meint, sich selbst feiern zu können - denn es ist doch alles erreicht, was die Strophen aus Schillers "Ode an die Freude" fordern. Ist es das?

Das je nach Blickwinkel Problematische oder die Erfüllung der sinfonischen Form durch ihre Überwindung, der Einbezug eines gesungenen Textes, macht dies aus der Musik "Weltanschauungsmusik"? Wenn man das meint, dann muss man den Text ernster nehmen, als es gemeinhin geschieht. Die Zeilen der Einsicht in die Schwachheit des Menschen, die Demut vor dem Schöpfer der Welt ("Ihr stürzt nieder, Millionen; ahndest du den Schöpfer") sind dem Jubel vorangesetzt, sind Bedingungen. Aber die Neunte besteht eben nicht nur aus dem Finalsatz.

Die Menschheit begriff seine Botschaft.

macht aus der Sinfonie etwas quasi Religiöses, einen Bürgergottesdienst. Aber die Menschheit saß auch in der Gestalt von Hitler und seiner Schergen in der ersten Reihe und klatschte begeistert, wenn Furtwängler am Ende der Neunten den Taktstock senkte. "Menschheit" wurde dann ein wenig anders definiert als es Schiller und Beethoven taten. Deshalb führt die blinde Lobpreisung ins Inhumane.

Ist einmal dieser Verdacht geweckt, liest man mit angezogener Handbremse. Zum ersten Satz findet man

Nicht die "Themen" sind das Wichtigste, sondern ihr Werden, ihr Schicksal.

Es kommt mir vor wie eine Manifestation der LTI. Ich meine schon, dass es - wie immer bei Beethoven - einen notwendigen Bezug zwischen den Themen und ihrer Entwicklung gibt, die motivische Verarbeitung deckt ja eben die Potenziale der Themen auf. Und das verstellt eine mythische Sichtweise den Blick auf das Geschehen:

Vage, undeutlich, leer, als seien wir noch vor der Erschaffung der Welt, dämmert der Beginn des ersten Satzes. Kurze Motivfetzen in den Violinen. Allmählich verdichten sie sich. Dann erst ist in gezacktem Fortissimo die Gestalt da, die den ganzen Satz beherrscht. Wunderbare Entwicklungen, neue Gedanken, doch auch Verlangsamungen, Ritardandi. Der Satz endet in erhabener, abgründiger Trauermarsch-Finsternis. Eine Tragödie.

Hier merkt man, wie sehr die Interpretation Furtwänglers die Beschreibung Kaisers beeinflusst. Wenn man die Sinfonie bei Gardiner, Norrington oder P. Järvi hört, dann hört man anderes. Selbstverständlich einen Trauermarsch in d-Moll, aber statt "wunderbare" fällt mir eher "überraschende" Entwicklungen ein, statt "Verlangsamungen" die zwingende, nach vorne treibende Dynamik der Entwicklung, statt "Gezacktem" Zerklüftetes. Wenn es bei der Neunten um Weltanschauliches geht, ist dann "Schicksal" die Kategorie, die uns vor einer Vereinnahmung der Neunten durch die Diktatoren des 20. Jahrhunderts bewahrt? Oder spielt es ihnen nicht gerade den Ball zu?

Zum zweiten Satz lässt sich aus der schicksalhaft mythischen Tiefe nicht viel sagen. Entprechend kurz fällt die Wertung aus

Dafür fasst uns wieder die Tiefe des Gemüts beim dritten Satz an. OT Kaiser

Vom Adagio der Neunten darf man nur mit leiser Stimme reden. Für Musikliebhaber ist es ein Heiligtum.


Hier wird gerade das Menschliche durch eine Heiligsprechung dem Menschen entrückt. Die scheinbare Höher-Wertung der Musik durch die Beigabe einer sakralen Aura verwehrt, dass hier der Bruder zu dem Bruder spricht, verwehrt die Aneignung der Utopie. Die Sinfonie spricht nicht mehr zu dem konkreten Menschen, sondern zu einer abstrakten Menschheit.

Plötzlich hält der melodische Fluss inne. Feierliche Posaunenklänge. Sie verheißen: Es kommt noch etwas Besonderes!

Es mag ein Detail sein, wenn man die Fanfare im dritten Satz als "feierlichen Klang" bezeichnet, fälscht aber mE hier einen entscheidenden Moment: die Fanfare ist Schreckensruf wie Signal zum Aufbruch. Es kommt nicht etwas Besonderes, der Mensch ist aufgerufen zum Handeln, das Kontemplative ist gefährdet. Mit Beginn des vierten Satzes wird die Schreckenswelt entfesselt.

Aber zum vierten Satz findet man in dieser Einführung nichts mehr. Es bleibt bei den eher diffusen Anmerkungen des Beginns. Dabei wäre - auch ohne eine analytische Tiefe - doch einiges zum Finalsatz zu sagen.

Es folgt ein sehr nützlicher Abschnitt, wie ich meine, Wenn Sie Beethovens Neunte mögen. Im Gramophone wie im BBC Music Magazine gibt es eine solche Rubrik, in der zum Weiterhören ermutigt wird. Die Vorschläge Joachim Kaisers sind überraschend: Beethoven Chorfantasie - also nicht weiterführend, sondern rückgreifend - und Bruckners Dritte - auch in d-Moll - und Mahlers Zweite und Dritte wegen ihrer Chorfinali. Schon wird die Empfehlung wieder halb zurückgenommen

Nur tönt bei Bruckner wie bei Mahler viel wagnerische Orchesterkunst und Harmonik mit.

Ich finde die Vorschläge eher kontraproduktiv. Ich hätte an Brahms Erste und an Schostakowitschs Neunte gedacht, beide zu verstehen in Bezug auf Beethovens Neunte, sie subtil kommentierend, auch nicht denkbar ohne das Werk Beethovens. Aber da lässt sich auch noch vieles andere nennen. Nur: ein wenig mehr an Begründung hätte man bei Kaiser gerne gelesen.

Liebe Grüße Peter
Andréjo (16.02.2015, 10:41):
Ich finde Deine Kritik ausgesprochen pfiffig und pointiert, Peter! Besonders bedenklich für den armen Kaiser scheint mir, dass Du eigentlich durchwegs Recht hast! :D

:beerWolfgang
EinTon (16.02.2015, 11:21):
Original von Peter Brixius


Plötzlich hält der melodische Fluss inne. Feierliche Posaunenklänge. Sie verheißen: Es kommt noch etwas Besonderes!

Es mag ein Detail sein, wenn man die Fanfare im dritten Satz als "feierlichen Klang" bezeichnet, fälscht aber mE hier einen entscheidenden Moment: die Fanfare ist Schreckensruf wie Signal zum Aufbruch.

...und Posaunen hört man hier sowieso nicht, die kommen erst im 4. Satz (von einer kurzen Passage im Trio des 2. Satzes abgesehen).
Peter Brixius (17.02.2015, 09:47):
Dein Einspielungen, die Kaiser empfiehlt, überraschen nicht, oder?

Furtwängler/Berliner Philharmoniker 1942

http://ecx.images-amazon.com/images/I/21nwItxvadL.jpg

Bernstein/Wiener Philharmoniker

http://ecx.images-amazon.com/images/I/617Q539168L.gif

Harnoncourt/Chamber Orchestra of Europe

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51%2Bc3NWva3L._SX300_.jpg

Alles emphatisch, Traditionen wie Szell, Schuricht, Wand und nicht zuletzt Leibowitz sind ausgeblendet.

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (26.02.2015, 11:18):
Gleich die zweite Nennung bei Kaiser ist eine Mozart-Oper, eine der drei da Ponte-Opern. Alle drei hat Kaiser in seinem Buch empfohlen, da spielt die Reihenfolge keine Rolle. Untertitelt wird der Artikel mit

Geistvollste und beschwingteste, herzlichste und wirbelndste komische Oper des Musiktheaters.


Solche Superlative lassen mich eher schulterzuckend zurück. Was meiner Meinung nach die Oper (wie auch die beiden anderen da Ponte-Opern) ausmacht, sind die vielen Facetten, nicht zuletzt die tragischen, die den exzeptionellen Rang der großen Mozart-Opern ausmachen. Zugrunde liegt ein Libretto von Beaumarchais, eine regimekritische, (vor)revolutionäre Kommödie, die erst nur in Privataufführungen gegeben werden durfte, bevor die Zensur sie freigab. Da Ponte mag sie bei seiner Bearbeitung an der Oberfläche entschärft haben, doch konnte er sich auf seinen Partner Mozart verlassen, dass er die Kritik am ancien régime im Gegenteil noch vertiefte, auf die subtile Art und Weise, wie es seine Kompositionskunst vermochte.

So kann ich Kaisers Bemerkung nur unterstreichen

Doch nicht die kecke Handlung macht den Rang dieser Opera buffa aus, sondern das, was Mozarts Musik ihr hinzufügt.


In dem, was die Musik hinzufügt, differiere ich ein wenig mit Kaiser, der aus der Sozialkomödie ein Menschheitsdrama macht. Da fragt die Musik "nach dem Schicksal der Unschuld in dieser Welt" und am Ende "darf die Menschheit aufatmen" - für eine Glücksekunde.Immerhin geht es auch um Macht und Eros, wenn man will, um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, alles andere als etwas, das in den Weiten des Humanitätsgedanken verloren gegangen wäre. Es ist auch das Aufbegehren gegen eine ungerechte Herrschaft des Menschen über den Menschen, dann - wie Napoleon festellte - "Figaro, das war die Revolution auf dem Marsch". Und das gilt mE auch heute noch.

Und so sind es Akzente, die ich anders setze, wobei man feststellen muss, dass der Figaro viele Perspektiven bietet.

Man muss genau hinhören (und sich unbedingt vorher mit dem Text vertraut machen).


Kurze Unterbrechung: Für die da Ponte-Opern ist das dreifach zu unterstreichen: Text und Musik sind anspielungsreich vielfach vernetzt, je weiter man sich in die Partitur und in das Libretto einliest, um deutlicher wird die intensive Verflechtung, die auch die Tiefe der künstlerischen Aussage herstellt. Deshalb gehöre ich auch zu den Bösewichtern, die eine deutsche Fassung des Figaros sinnvoll finden - denn wo der Text nicht verstanden wird, beraubt man ein nicht italienisch sprechendes Publikum der wichtigsten Momente. Für das sicher authentische Klangbild opfert man den aufklärerischen Witz.

Die geniale, gefährlich leise beginnende Presto-Ouvertüre fängt an mit einer unruhig unsymmetrischen siebentaktigen Gestalt, der eine enge, trillerähnliche Sekundbewegung zugrunde liegt. Diese kehrt später während bedrohlicher Momente unauffällig wieder.


Sehr gut beobachtet! Hervorragend formuliert, bester Kaiser. Was die Oper ausmacht, sind die großartigen Ensembles neben den so charakteristischen Arien, die psychologisch tief schürfen.

Mozart erfindet unwiderstehliche effektvolle Aktschlüsse: riesige (Ketten-)Finali, in denen mannigfache Charaktere, Tempi, musikalische Formen genial zusammengefügt erscheinen.


Verharmlosend scheint mir nur die zusammenfassende Bemerkung

Die Oper besingt die leidenschaftliche und vitale Liebe junger Leute mit heiterem Esprit.


... aber auch die vielfachen Gefährdungen und Zweifel.

Am Ende sind alle glücklich - auch die Zuhörer.


... und erst recht die Zuschauer - denn auf der Bühne muss man das Meisterwerk sehen, dann flammen alle Aspekte von Musik, Wort und Szene auf.

Ja, was kann man zum Weiterhören da anbieten? Kaiser nennt "Così fan tutte" und Cimarosas "Heimliche Ehe", schränkt aber zu Recht ein, dass Cimarosas Werk

dabei freilich wenig weiß von den Depressionen und Halbschatten der mozartschen Seele.


Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (26.02.2015, 11:53):
Original von Peter Brixius

Die geniale, gefährlich leise beginnende Presto-Ouvertüre fängt an mit einer unruhig unsymmetrischen siebentaktigen Gestalt, der eine enge, trillerähnliche Sekundbewegung zugrunde liegt. Diese kehrt später während bedrohlicher Momente unauffällig wieder.


Sehr gut beobachtet! Hervorragend formuliert, bester Kaiser.

Dem möchte ich mich anschließen! Es wird sehr oft gesagt "Die Musik geht tiefer" etc., aber das war´s dann auch schon. Was soll man sich darunter vorstellen?

Solche Sätze wie der von dir zitierte sind aber sehr hilfreich, weil man sich darunter auch etwas vorstellen kann - mal davon abgesehen, dass man mit solchen Hinweisen auch Lust bekommt, sich ein Werk nocheinmal anzuhören, und genauer darauf zu achten :)

Ich selber habe diesen Anfang der Ouvertüre eigentlich nie als wirklich "böse" oder gar bedrohlich empfunden, eher verspielt. Da wäre nun interessant zu sehen, wie, wann und wo Mozart sie genau einsetzt.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (26.02.2015, 12:21):
Lieber Hosenrolle1,

ich bin solchen Bemerkungen gegenüber besonders dankbar, weil sie Ohren öffnen - gegen ein bequemes und verfälschendes Mozartbild. Wie eben das vom Rokoko-Mozart. Dazu würde eine glatte und rein spielerische Ouvertüre ja passen - ein Spiel beginnt, das niemanden weh tut, halt die unausgesprochenen Sehnsüchte nach Erotik ins Harmlose wendet.

Dabei: Welche Kraftlinien verlaufen nicht unter der Oberfläche dieser Oper. Von der Gräfin und deren "Dove son" mit dem Erschrecken über die verflossene Zeit bis hin zu der erwachenden Barbarina. Und wennman da die Barbarei hört, die sich Harnoncourt in der Ouvertüre erlaubt ...

Kaiser nennt hundert Meisterwerke, da kann er sich die drei da Ponte-Opern zusammen leisten. Da auszuwählen, wie bei unserer 25er Liste, ist ja eine Wahl zwischen dem dämonisch asozialen Don Giovanni, dieser Gefühle und Beziehungen revolutionierenden Le Nozze di Figaro - und (was heute häufiger vorgezogen wird) diesem enigmatischen Verwirrspiel der Così (und die Oper heißt eben nicht Anything goes).

Man muss die Tonsprache Mozarts inzwischen wieder lernen, um sie nicht misszuverstehen, dass man diesem immer wieder experimentellen Klangsinn folgen kann. Aber es lohnt sich - und die Opern sind durch ihre Gebundenheit an Sprache und an eine Geschichte natürlich eine gute Einstiegsmöglichkeit.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (26.02.2015, 22:01):
Ich habe, lieber Peter, gerade eine interessante Kostprobe eines Werkes gelesen, in dem der Figaro genauer analysiert wird.

http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/89419.html

Ein Ausschnitt daraus:

Kapitel I: Die Ausgangssituation

a) Duettino Nr. 1 (Akt I, Szene 1)

Dieses erste Duett nimmt in zweifacher Hinsicht eine bedeutende Position ein – es eröffnet nicht nur die Opernhandlung, sondern stellt zugleich zwei der wichtigsten Personen in gegenseitiger Wechselwirkung dar. Die Tatsache, dass Mozart nicht zunächst eine einzelne Person auftreten lässt, sondern sofort eine Ensemblesituation herstellt, ist bezeichnend für den Stellenwert der Charaktere. Was aber erfährt der Zuschauer nun über Figaro und Susanna in diesem ersten Auftritt?

Alles, was man dem Textbuch entnehmen kann, ist, dass beide Diener im Haus des Grafen Almaviva sind und beabsichtigen, zu heiraten. Die Handlung, die auf der Bühne stattfindet, ist dementsprechend einfach gestaltet. Figaro misst das Zimmer aus, während Susanna vor dem Spiegel steht und ihren neuen Hut bewundert.Nach einem kurzen Vorspiel, in dem zwei Themen vorgestellt werden, beginnt Figaro das Duett, indem er, ganz vertieft in seine Arbeit, laut zählt, passend zu den rhythmisch-melodischen Vorgaben der Streicher. Sein Motiv ist von minimaler Ausstattung, es besteht vornehmlich aus Quinten und Terzen, die allerdings eher einem flüchtigen Einwurf als einer Melodie gleichen (T. 20ff.). Fast könnte man annehmen, das Orchester wäre noch immer mit dem Vorspiel beschäftigt und würde gelegentlich durch Figaros zustimmende Einwürfe begleitet! Nichts deutet hier auf jene gesangliche Eigenständigkeit hin, die an einer solchen Stelle erwartet werden dürfte. In diesem Moment ergreift Susanna das Wort, indem sie ihre Begeisterung über ihr Spiegelbild zum Ausdruck bringt. Im Gegensatz zu ihrem Verlobten ist ihr Thema nicht nur eine echte Melodie, sondern zusätzlich eine lyrische Kantilene, die sich nach vier Takten von der Orchesterbegleitung abhebt und sich auf eigenständige Art und Weise fortsetzt (T. 30-36).

Erst hier setzt das eigentliche Duett ein – allerdings auf etwas merkwürdige Art und Weise, denn von einem gemeinsamen Gesang kann an dieser Stelle noch nicht die Rede sein. Susanna versucht, die Aufmerksamkeit ihres Verlobten auf sich zu ziehen, dieser lässt sich jedoch davon nicht in seiner Messtätigkeit beeinträchtigen; so wiederholt er stur jene Melodieausschnitte, die er eben schon eingeworfen hat. Dass seine Aufmerksamkeit allerdings nicht völlig ungetrübt ist, geht daraus hervor, dass seine Zählmotive nicht mehr mit jenen aus dem Orchester übereinstimmen – vielmehr tauchen sie um zwei Viertel nach hinten versetzt auf (T. 36ff.); Figaro ist hörbar irritiert und verpasst regelrecht seinen Einsatz. Susanna ihrerseits ist ganz versunken in ihr Spiegelbild, versucht aber, Figaros volle Aufmerksamkeit auf sich zuziehen („Schau doch her, mein lieber Figaro“, T. 36). Was zunächst noch wie eine liebevolle Bitte klingt, musikalisch nachvollzogen durch aufwärts gerichtete Melodiesequenzen, wird im Folgenden immer ungeduldiger und entpuppt sich schließlich als regelrechter Befehl – Sprache und Musik stimmen hier insofern überein, als Susanna nicht nur unentwegt ihre Worte wiederholt, sondern auch die Melodie sich ohne Pausen über volle vier Takte erstreckt und schließlich auf zwei Tönen verharrt (T. 48), um den zunehmend fordernden Ton zu unterstreichen.

Analysen wie diese finde ich hervorragend! Man kann alles nachvollziehen (inkl. Taktangaben zur eigenständigen Kontrolle!), es wird nicht nur oberflächlich daher geredet. Natürlich ist das nur ein kurzer Ausschnitt, aber dennoch, Besprechungen dieser Art sollte es mehr geben.
Ich bin froh, dass es auch Beschreibungen gibt, die über "Die Musik ist facettenreich und schön" hinausgehen.

EDIT: vor allem ist der Sprachstil nicht so furchtbar wie etwa der von Richard Specht ... brrr.

Du hast ja das Motiv der Ouvertüre, gleich am Anfang, erwähnt; ich kenne den Figaro nicht so gut wie du; weißt du vielleicht, wo man dieses Motiv wieder findet?




LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (27.02.2015, 12:27):
Original von Hosenrolle1
Ich habe, lieber Peter, gerade eine interessante Kostprobe eines Werkes gelesen, in dem der Figaro genauer analysiert wird.

http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/89419.html



Lieber Hosenrolle1,

vielen Dank für den Link, das liest sich wirklich sehr interessant. Im Moment hänge ich noch im "Don Carlos", aber dann wende ich mich gerne Mozärtlichen Gefilden zu.

Du hast ja das Motiv der Ouvertüre, gleich am Anfang, erwähnt; ich kenne den Figaro nicht so gut wie du; weißt du vielleicht, wo man dieses Motiv wieder findet?


Die genannten sieben Takte stehen gleich am Beginn der Ouvertüre (T. 1-7), das Motiv wird mit dem ersten Takt gegeben.

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (27.02.2015, 12:50):
Kaisers Empfehlungen sind mE gut nachvollziehbar

Erich Kleiber (1955)

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61WKBK27Z9L.gif

Herbert von Karajan (1979)

http://ecx.images-amazon.com/images/I/618HojyqCWL.jpg

Karl Böhm (1957)

https://www.jpc.de/image/w220/front/0/4032250108331.jpg

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (27.02.2015, 12:54):
Original von Peter Brixius
vielen Dank für den Link, das liest sich wirklich sehr interessant. Im Moment hänge ich noch im "Don Carlos", aber dann wende ich mich gerne Mozärtlichen Gefilden zu.


Ich kann natürlich nicht einschätzen ob das, was da steht, auch einigermaßen zutrifft, aber wenigstens ist es ein interessanter Ansatz, und, vor allem: nachvollziehbar, da eben die Taktnummern mitgeliefert werden. Da wäre eben deine Einschätzung (bzw. natürlich die Einschätzung aller hier, die diese Oper besser kennen) sehr interessant, darauf bin ich gespannt!



Die genannten sieben Takte stehen gleich am Beginn der Ouvertüre (T. 1-7), das Motiv wird mit dem ersten Takt gegeben.

Achso, nein, ich meinte das in Bezug auf das Kaiser-Zitat von dir, wo er davon redet, dass dieses Motiv später in der Oper, an bedrohlichen Stellen, wieder auftaucht.




LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (27.02.2015, 13:09):
Original von Hosenrolle1

Achso, nein, ich meinte das in Bezug auf das Kaiser-Zitat von dir, wo er davon redet, dass dieses Motiv später in der Oper, an bedrohlichen Stellen, wieder auftaucht.


Ich habe die Partitur einfach mal so aufgeschlagen, lieber Hosenrolle1 - und da winkte mir das Motiv (dort in Sechzehntel) gleich entgegen. Finale 2. Akt T. 234-246.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (27.02.2015, 13:34):
Das müsste dann hier in den II. Violinen sein:

http://img4.fotos-hochladen.net/uploads/figaro9zsf5h1omy.jpg




LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (27.02.2015, 13:41):
Lieber Hosenrolle1,

nee, nee ... Das sind keine Sekundschritte. Also an der angegebenen Stelle (da mag es günstigere geben, lassen wir es erst mal dabei) T. 233 b-a-b-a-b-a in den 2. Violinen.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (27.02.2015, 14:16):
Hmm, das ist eigenartig. Ich habe mir das Finale des 2. Aktes von Imslp runtergeladen, und jetzt mehrfach zur Kontrolle nachgezählt.

Takt 233 ist in dieser Partitur dieser hier:

http://img4.fotos-hochladen.net/uploads/figaro2338ys6gwrct2.jpg


Aber egal, ich weiß jetzt ungefähr die Stelle, die du meinst. :)



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (27.02.2015, 14:26):
Lieber Hosenrolle,

wohl andere Zählung. Kann es sein, dass bei Dir durchgezählt wird, bei mir beziehen sich die Taktbezeichnungen auf das jeweilige Stück, hier die Nr. 29 Finale. Eintlich sollten die Taktangaben ja das Finden erleichtern ?(

Aber wenn Du mal das Motiv gefunden hast, das ist doch unverwechselbar. Es war kein Zufall, dass ich im Finale suchte, denn da musste es einfach nach der Beschreibung auftauchen. Gerade die Ensemblestücke eignen sich dafür, jetzt habe ich ein wenig geblättert, in der Nr. 19 Sestetto T. 75 findet sich die Figur als b-c-b-c, wieder in der 2. Violine hier unisono mit der Viola. Aber ich muss da einfach mal systematisch suchen. Nicht, dass ich die Figur nicht wahrgenommen hätte, aber ich habe sie nicht "leitmotivisch" Ernst genommen.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (27.02.2015, 19:27):
Original von Peter Brixius
Lieber Hosenrolle,

wohl andere Zählung. Kann es sein, dass bei Dir durchgezählt wird, bei mir beziehen sich die Taktbezeichnungen auf das jeweilige Stück, hier die Nr. 29 Finale. Eintlich sollten die Taktangaben ja das Finden erleichtern ?

In dieser Partitur finden sich (leider!) keine Taktnummerierungen, aber ich glaube, dass ich jetzt weiß, wo der Wurm drin ist.


Mein Finale beginnt so:


http://img4.fotos-hochladen.net/uploads/figarofinale3hsgp0kizo.jpg


Auf Imslp habe ich auf "Act II, Scenes 8–12 (Finale)" geklickt. Ich nehme an, dass ich irgendetwas übersehen habe.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (27.02.2015, 19:40):
Lieber hosenrolle1,

erst Mal sorry, mein Fehler. Drei Akte hat das Werk, ich bezog mich auf den dritten Akt - kein Wunder, dass Du es nicht finden konntest. Bei mir in der Partitur (NMA) hat das Finale II übrigens die Nummer 16, da scheint sowieso etwas nicht zu stimmen.

Entschuldige bitte,

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (27.02.2015, 20:05):
Lieber Peter,

kein Problem :)

Ich glaube aber, dass mit der Nummerierung der Stücke eventuell etwas nicht stimmen könnte.

Jetzt habe ich mir "Act III, Scenes 7–14" runtergeladen, und ab hier gezählt:


http://img4.fotos-hochladen.net/uploads/figarofinale2gkyh7p3dij.jpg


Nach 229 Takten war Schluss. Bei der Verlagsinfo steht das hier:

Wolfgang Amadeus Mozarts Werke, Serie V:
Opern, Bd.8, No.17 (pp.fm, 1-422)
Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1879. Plate W.A.M. 492.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (27.02.2015, 20:13):
Lieber Hosenrolle1,

nimm doch die NMA, die steht im Netz

"http://dme.mozarteum.at/DME/nma/nma_toc.php?vsep=305&l=1&op=2"

Da kannst Du gleich mal die Nummern abgleichen :hello

Liebe grüße Peter
Hosenrolle1 (27.02.2015, 20:47):
Jetzt aber!


http://img4.fotos-hochladen.net/uploads/figarokorrekthm754wz30a.jpg


Danke übrigens für den interessanten Link vom Mozarteum, die Briefe sind auch interessant!

(Kurze Frage: werden die Briefe alle abgeschrieben, oder mit irgendeinem Programm eingelesen? Da finden sich auf der linken Seite Sätze wie "morg Mittags sind wir beÿ hÂ: Stockhamer", wo ich mir unsicher bin)



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (27.02.2015, 20:53):
Lieber Hosenrolle1,

ja, das ist die Figur, die ich meinte ...

Die Texte stammen aus der Neuen Mozart-Ausgabe, es kann sein, dass sie aus der Druckausgabe gescannt wurden - da passieren solche Sachen, wenn man nicht Korrektur liest. Vielleicht handelt es sich um ein hochgestelltes "n" für "en", ich kann das ja mal in der Ausgabe nachschauen.

Vielen Dank für Deine Geduld und Ausdauer ...

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (28.02.2015, 10:47):
Kaiser untertitelt

Populärster, meistgeliebter Violinkonzert-Zyklus des italienischen Barocks


Die Einschränkung leuchtet mir nicht ein, es ist ohne Zweifel der beliebteste Violinkozert-Zyklus der Musikliteratur. Die Gründe liegen sowohl in der Programmatik wie in der virtuosen Vielfalt, die Strawinskys abfälliges Diktum eindruckvoll widerlegt. Dabei ist den meisten Hörern der Inhalt der Sonette nicht bekannt, von denen eines jeweils einem Konzert vorangestellt wird. Das ist Programmusik pur ... Kaiser vergleicht die Popularität mit Mozart Kleiner Nachtmusik und Dvoraks Sinfonie "Aus der Neuen Welt", aber ich behaupte, dass diese beiden Werke weniger bekannt sind als die vier Konzerte Vivaldis. Das hat eine Vielzahl von Aufführungen und Einspielungen hervorgerufen, aber auch eine Vielzahl von Adaptionen, Arrangements und Bearbeitungen, etwa für das Akkordeon, in welcher Bearbeitung man das Werk hin und wieder in einer Fußgängerzone vorgetragen hören kann.. Da können Mozart und Dvorak nicht mithalten.

Die Verkürzung der Wahrnehmung des Gesamtwerks auf die (Violin-)Konzerte wird bei Kaiser auch nicht aufgehoben. Dabei gab schon die schöne Edition von I Musici und zeitgleich die Ersteinspielung des "Titus Manlio". Es zeigte sich schon da, was verdienstvolle Editionen inzwischen in ausreichender Breite dokumentieren: dass Vivaldi von der Kammermusik bis zu Oper und Oratorium bedeutende Werke geschaffen hatte. Sein Ruhm war ein europäischer, aus allen Landen fuhr man nach Venedig, um bei Vivaldi Noten einzukaufen. Und so hat auch Johann Sebastian Bach Vivaldi geschätzt und seine Werke für den eigenen Gebrauch bearbeitet. Nein, Strawinskys "Vivaldi hat ein Violinkonzert geschrieben und das 600mal" war zwar hinreichend boshaft, aber auf mehreren Ebenen falsch. So hat er nicht wahrgenommen, dass es eine stilistische Entwicklung bei Vivaldi gibt, die zur Wiener Klassik führte, wohin der Lebensweg Vivaldis (leider schlecht getimed) am Ende auch führte.

Nun kann man Strawinsky, wie eingehend bemerkt, schon an den vier Konzerten op. 8, Nr. 1-4, widerlegen:

Sie sind nämlich etwas ganz Besonderes, denn sie gestalten mit minuziösen Texthinweisen ein Programm. Jedem der vier Konzerte stellt Vivaldi ein Gedicht voran. Dessen Inhalt wird dann naturalistisch genau vertont.


Über das "naturalistisch genau" möchte ich mich gerne mal mit Kaiser unterhalten. Viele der Geräusche konnte ich erst lautlich zuordnen, nachdem ich die Texte kennen gelernt habe. Dann allerdings waren sie auch treffend: Aber das ist eben der Unterschied zwischen Geräusch und Ton, das Geräusch ist notwendig seiner Verursachung zuzuordnen, gebe ich es aber als Ton innerhalb einer musikalischen Kommunikation wieder, dann gehorcht es den Gesetzen dieser Kommunikation. An einem Beispiel: Im zweiten Satz des "Frühling" bellt ein Hund

Im langsamen Satz schläft ein Hirte, das Laub raschelt zart. Die Melodie ist betörend schön. Sie wird allerdings durch Bratschentöne gestört: Das sei der "bellende Hund". Manchmal möchte man dem verfluchten Köter den Hals abdrehen: so süß ist die von ihm verbellte Melodie.


Halten wir fest: "Das sei" nicht "ist" - Kaiser formuliert hier korrekt. Sehr genau fasst er auch die musikalische Funktion: es ist nicht einfach ein "naturalistischer" Eingriff (dann würde wie bei Respighi übrigens eine Schallplatte o.ä. abgespielt werden müssen), es findet im semantischen Gefüge der Komposition statt und verhindert ein kitschiges Abgleiten. Oder anders: die Melodie ist eben deshalb so betörend schön, weil es die störenden Bratschentöne gibt. (Das bringt uns zu der Diskussion um geräuschhaftes Musizieren, wo in heutigen Interpretationen hier gern ein besonders harscher Bogenstrich gesetzt wird).

Wenn wir dazu nehmen, was Kaiser später über die Einspielung Karajan/Mutter schreibt

Die Reinheit des erlesenen Geigenspiels der Anne-Sophie Mutter ist unvergleichlich und kann süchtig machen. Da darf kein Köter laut dazwischen bellen. Luxeriöse Schönheit im Geist des 19. Jahrhunderts triumphiert.


dagegen bei Abbado/Mullova

Die Solistin verfügt über ein kühle, zupackende Virtuosität. Man scheut sich überhaupt nicht, Vivaldis realistische (das ist das Wort: realistisch, nicht naturalistisch; PB) Malerei, wie den störend bellenden Hund oder das hässlich knirschende Wintereis, unbeschönigt vorzuführen.


dann wird uns deutlich, dass Töne durch Interpretation unterschiedlich gestaltet werden können, ein Geräusch aber ist da festgelegt. Kaiser nimmt aber den Unterschied der beiden Interpretationen nicht als wertendes Kriterium. Obwohl eher konservativ, ist Kaiser kein Buchstabengläubiger.

Kaiser fasst zusammen

Die Konzerte muten der Solovioline enorme Virtuosität zu: Doppelgriffe, brillante Passagen, weite Kantilenen. Naivität mischt sich mit Magie. Schlecht interpretiert sind die Vier Jahreszeiten banal - gut gespielt aber ein Wunder.


Zum Weiterhören empfiehlt Kaiser Vivaldis Konzert für vier Soloviolinen und Bachs Bearbeitung dieses Stücks für vier Soloklaviere. Meine eigenen Empfehlungen wären "Die Tageszeiten" von Telemann und "Laudate Dominum" von Corrette. Das erste, weil es ein kongeniales Werk barocker Programmmusik ist, das zweite, weil es die Begeisterung widerspiegelt, die überwältigende Wucht, mit der Vivaldis "Vier Jahreszeiten" die europäischen Höfe eroberte.

Liebe Grüße Peter
Andréjo (28.02.2015, 12:43):
Dessen Inhalt wird dann naturalistisch genau vertont. (Joachim Kaiser über Vivaldi)

Eine überspitzte, arg vulgärjournalistisch geartete Formulierung, wie mir scheint. In der Musik wird der Begriff des Naturalistischen im Einzelfall gerne angewandt; ich halte ihn für ein Konstrukt. Janaceks Opern ahmen den Tonfall der Deklamation slawischer Sprache nach, aber sicherlich nicht so, wie dies ein Phonograph schon vor hundert Jahren zuwege gebracht hätte.

In der Literaturwissenschaft existiert der Terminus für eine wesentliche mitteleuropäische Stilrichtung. Ob er dort eher oder noch weniger angebracht ist als in der Musik, sei dahingestellt. Vergleichbar ist in der Musik vielleicht derjenige des "Verismus", welcher aber meines Wissens nicht auf absolute Musik angewandt wird. Mit rein musikalischen Mitteln kann ich einen Menschen schwerlich stöhnen und seufzen lassen; es müssen Mimik, Gestik und das Geräuschhafte hinzutreten. Aus dem gleichen Grund kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es "naturalistische Gedichte" gibt. Die frühe Lyrik des Arno Holz ist es gewiss nicht, selbst wenn man das bisweilen lesen kann. Das Sujet lässt sich so fassen, aber niemals die formale Umsetzung - sie ist im schlechten Fall nur kitschig, quasi ein "Dachstubenidyll" - so wie es nicht schwer ist, die "Winterreise" kitschig zu singen, zu illustrieren oder zu bearbeiten.

:helloWolfgang
Peter Brixius (01.03.2015, 13:19):
Kaisers Hörempfehlungen:

Mullova/Abbado

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51pqCrAXoEL.jpg

Mutter/Karajan/Berliner Philharmoniker



http://ecx.images-amazon.com/images/I/41v9dTVqVlL.jpg

und - Überraschung! - Percussion Projekt Rostock

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41gHvRVI6zL.jpg

Wer kennt die?

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (01.03.2015, 15:34):
Von Mullova habe ich den "Frühling" der vier Jahreszeiten. Den Rest aber nicht :D

Bei dem "naturalistischen" Bellen in den vier Jahreszeiten musste ich gleich an den Höllenhund Cerberus denken, der bei Gluck ja auch "mit schrecklichem Drohen" bellt.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (01.03.2015, 16:47):
Lieber Hosenrolle1,

ich muss mir mal meine Lieblingsaufnahmen der Vier Jahreszeiten überlegen, die Mullova ist auf jeden fall dabei. In der ARTE-Sendung, die ich mir gestern als Konserve ansah, begegnete ich wieder I Musici - vielleicht ist es richtige Nostalgie, aber ihre Einspielung sagt mir noch immer etwas. Und dann natürlich die Aufmüpfige mit Antonini und Il Giardino armonico. Auch die unter Brouwenstijn gehört zu denen, die ich schon mal unaufgefordert auflege.

In der ARTE-Sendung wurde(n) (eine) Rockvariation(en) angespielt - zu kurz, um entscheiden zu können, ob dies eine Einspielung oder mehrere waren. Kann mit da jemand eine Adresse nennen?

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (01.03.2015, 17:39):
Ich habe gerade eine "Vier Jahreszeiten" Aufnahme, den Frühling, auf YouTube hochgeladen. Wie gefällt dir diese Version?

https://www.youtube.com/watch?v=8ZAaip7IdmM



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (01.03.2015, 17:45):
Lieber hosenrolle1,

schöne, aber mir zu brave Aufnahme, höre mal zum Vergleich

https://www.youtube.com/watch?v=ASSbHLQ3KGY

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (01.03.2015, 17:55):
Hmm, bei deiner Version gefällt mir das Gewitter besser, die tiefen Tremoli wirken da brachialer. Dagegen gefällt mir das Vogelgezwitscher meiner Version etwas besser, das wirkt mir hier doch etwas durchhörbarer, nicht so langgezogen.

Was mir bei meiner Version auch gefällt ist, dass man auch mal die Viola ganz am Anfang gut durchhört - die geht ja sonst sehr oft verloren.

Was spielt denn da für ein Instrument mit bei deiner Version? Bei mir ist es ein Cembalo.

Jetzt muss ich mir die Mullova-Version nochmal anhören.



LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (01.03.2015, 18:08):
Hab mir grad die Mullova angehört, ich finde, soviel Unterschied ist zu meiner Version gar nicht, was die Interpretation angeht. Das Gewitter kommt auch wesentlich ruhiger daher bei ihr, das Vogelgezwitscher ist bei ihr etwas hüpfender, quirliger.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (01.03.2015, 18:18):
Liebe Hosenrolle1,

leider ist mein Booklet ein Fehldruck, es fehlen die Seiten 21/22, gerade die von CD 7, wo auch die Vier Jahreszeiten drauf sind, immerhin ist die S. 23 mit der Besetzung der CD wieder vorhanden, die ist allerdings summarisch. Soweit ich sehe, spielt bei op. 8,8 eine Theorbe und Orgel als Continuo. Bei op. 8,1 höre ich auch eine Theorbe, kann das aber im Moment nicht verifizieren. Meine Einzel-CD habe ich verschenkt, nachdem ich mir die Box zugelegt habe.

Da sitze ich nun mit meinem verstümmelten Booklet ...

Nach Nochmalhören, klar die Theorbe, eine Orgel höre ich nicht

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (01.03.2015, 18:22):
Danke erstmal für die Info!

Wegen dem Booklet: das ist natürlich blöd ... vielleicht kannst du einmal die Firma anschreiben und denen das schildern, und um ein korrektes Exemplar bitten?

Ich habe mal bei "Cantus Classics", einem Billiglabel, eine CD gekauft, wo der Einleger auf der Rückseite ein Fehldruck war. Habe dort hingeschrieben und bekam direkt einen neuen Einleger, der korrekt bedruckt war. Vielleicht funktioniert das bei dir auch?




LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (01.03.2015, 18:31):
Lieber hosenrolle1,

als ich das entdeckte, dachte ich darüber nach. Dann meinte ich aber, dass ich mir die Mühe nicht machen brauchte, das op. 8 habe ich mehrfach (sogar zweimal von I Musici, einmal auf LP und einmal auf CD), da sind Satzbezeichnungen nicht das Problem. Dass ich mal nach der Besetzung schauen würde, hatte ich mir damals nicht überlegt.

Wo ich mal richtig um ein neues Booklet gekämpft hatte, war bei der großen Box der "Carmina Burana", da hatten zwei der Einzelboxen dasselbe Booklet. Und das fehlende habe ich dann auch nach mehrfachen Nachfassen von jpc bekommen, d.h. die sagten mir gleich nach meinem ersten Anruf Ersatz zu, der kam aber nicht. Aber nun bin ich glücklich und zufrieden.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (01.03.2015, 19:01):
Original von Peter Brixius
Wo ich mal richtig um ein neues Booklet gekämpft hatte, war bei der großen Box der "Carmina Burana", da hatten zwei der Einzelboxen dasselbe Booklet. Und das fehlende habe ich dann auch nach mehrfachen Nachfassen von jpc bekommen, d.h. die sagten mir gleich nach meinem ersten Anruf Ersatz zu, der kam aber nicht. Aber nun bin ich glücklich und zufrieden.

Das heißt, jpc hat den Hersteller kontaktiert und um ein neues Booklet gebeten? Oder hatte jpc das irgendwie vorrätig? Vielleicht haben die deswegen länger gebraucht dafür.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (01.03.2015, 19:35):
Lieber hosenrolle1,

ich denke, die erste schnelle Zusage ging davon aus, dass sie die Großbox noch auf dem Lager hätten, ersatzweise die Einzelbox. Nachdem man festgestellt hat, dass sie nicht mehr auf dem Lager war - oder die vorhandenen Exemplare denselben Fehler hatten, mussten sie dann zum Hersteller.

Doch, so könnte es gelaufen sein.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41XGQ1NSXML.jpg


Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (02.03.2015, 17:45):
Eine Aufnahme möchte ich noch nennen

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51c8gldqmsL.jpg

Fabio Biondi und Europa Galante

Beim nächsten von Kaiser besprochenen Stück wird es klavieristisch, es erwartet uns Chopin ...

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (02.03.2015, 18:04):
Habe mir gerade die Hörprobe auf jpc angehört, die bis zum Vogelgezwitscher geht (Frühling). Gefällt mir sehr gut! Eine schnellere Version, trotzdem aber nicht gehetzt, sondern sehr kraftvoll, speziell das Cembalo!

Würde mich interessieren wie das Gewitter da klingt!

(Schreibt Kaiser eigentlich etwas darüber, wie gut das Cembalo zu hören sein sollte? In dieser Aufnahme höre ich es z.B. sehr deutlich, nicht nur als "Geschnarre" im Hintergrund, sondern tatsächlich einzelne Töne).


EDIT: ah, was ich noch unbedingt fragen wollte, weißt du vielleicht etwas darüber, ob die Violinen in dem Video zu deinem YouTube Link, speziell aber die Theorbe, mit Darmsaiten gespielt wurden?



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (02.03.2015, 18:37):
Liebe rHosenrolle1,

eine Live-Aufnahme mit dem Ensemble (Nantes 2003) gibt es hier


"https://www.youtube.com/watch?v=HLSzcBuQnag"

Liebe Grüße Peter

@Darmsaiten: Da bin ich mir so ziemlich sicher, es sind historische Instrumente im Einsatz, die wird man doch nicht mit Stahlsaiten verunzieren :haha
Hosenrolle1 (02.03.2015, 18:43):
Gerade angehört ... muss sagen, mir gefällt die Studio-Version dann doch besser. Da hört man die Theorbe auch besser. Der Bass kam mir am Anfang ein bisschen zur wuchtig vor, meiner Meinung nach hat er da die Harmonien der Violinen und der Viola überdeckt - später hat das Gewitter auch nicht mehr so gewirkt, weil vorher schon ordentlich Druck gemacht wurde.

Ich glaube, die haben auf normalen Saiten gespielt, zumindest bei der Geige und dem Kontrabass sahen die Saiten sie Stahlsaiten aus.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (02.03.2015, 18:54):
Lieber hosenrolle1,

interessanterweise ist die CD-Aufnahme von 2000, also älter. Aber da mag auch die Live-Aufzeichnung beim Eindruck eine Rolle spielen. Der Penguin-Guide schrieb zur Studio-Einspielung

Dazzling solo playing full of dynamic sublety very stimulating indeed.

Der Solist ist übrigens Fabio Biondi.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (02.03.2015, 19:27):
Na gut, im Studio kann sowieso viel geregelt werden - mir war einfach der Bass viel zu druckvoll und schwer zu Beginn, das Gewitter dafür dann zu "harmlos".

Ist aber auch wieder Geschmackssache :)


(Bei "Biondi" muss ich immer unfreiwillig an "Das Kabinett des Professor Bondi" von 1953 denken :D)



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (02.03.2015, 19:48):
"capelli biondi" - da komme ich hoffentlich heute noch dazu, nämlich "Das Mädchen mit dem Flachshaar", eines der Wunder von Debussy, "La fille aux cheveux de lin"

Aber den Professor Bondi mag ich auch, ich meine natürlich den Film, nicht die Titelfigur ...

Was einem so einfällt - bei google gab es auf jeden Fall schon auf der ersten Seite von "biondi" eine Gallerie von Blondinen als Bildlinks,

Ich bleibe bei "La belle aux lèvres de cerise." :hello

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (02.03.2015, 20:07):
Habe mir das Mädchen mit dem Flachshaar, das ich vorher nicht kannte (das Lied, nicht das Mädchen), angehört auf YouTube. Ich weiß nicht, ich kann da keine wirkliche Melodie erkennen, mich hat das Stück irgendwie sehr an modernere Musik der 30er und 40er Jahre denken lassen.

Ich hatte da (vielleicht bin ich da auch von Woody Allen versaut) beim Hören eher s/w Bilder einer amerikanischen Großstadt vor Augen, und war entsprechend überrascht, als ich das Gedicht danach las, das so gar nichts mit Großstädten zu tun hat :D



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (02.03.2015, 20:22):
Lieber hosenrolle1,

über das Gedicht bin ich auch gestolpert, da überlege ich im Moment eine eigene Übersetzung, schon lange kein Gedicht mehr übersetzt ... Debussy hat ja die Verse auch vertont, da krame ich mal die CD heraus. Aber eine Liedvertonung ist eine andere Sache als so ein Stimmungsbild. Und natürlich hast Du Recht, die ganzen Préludes wirken auf mich ausgesprochen als moderne Musik, hier etwa in der Emotionslosigkeit, bei dem Ostwind im letzten Prélude die Rücknahme durch "Anführungszeichen", die eben klar machen: Hier wird eine Situation nicht erlebt, sondern erzählt.

Bei dem Prélude gefällt mir eigentlich der Gedanke eines präraffaelitschen Gemäldes, eine rätselhafte Unschuld, die noch sehr viel Kindliches an sich hat, etwa wo die Melodie so etwas wie ausprobiert wird. Der regionale Bezug des Gedichtes liegt bei Schottland, da kommt dann die Pentatonik des Liedes her.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (02.03.2015, 20:44):
Gleichzeitig kam mir die Musik aber auch irgendwie zu "traurig" vor (vielleicht auch wegen der vielen tiefen Töne, die da teilweise länger ausgehalten werden) dafür, dass das Gedicht eigentlich nicht vom Tod oder ähnlichen Themen handelt.

In der Übersetzung, die ich las, ging es nur darum, dass der Betrachter ein Mädchen sieht und schwärmt. Keine Geistergeschichte, kein Tod (a la "Vom ertrunkenen Mädchen" von Brecht).



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (02.03.2015, 21:07):
Der Dichter Leconte de Lisle war ein Vertreter der poésie objective, das heißt, er schrieb keine romantischen Texte, es ging nicht um Gefühle. Auch hier ist es eine präzise Beobachtung, wenn es Gefühle gibt, so perlen sie an den flachsblonden Haaren ab. Und so muss man das Gedicht mE übersetzen, mit einer kühlen Sachlichkeit. Was da an Wünschen geäußert wird, erreicht das Mädchen nicht, die perfekte Schönheit ist eine, die sich verschließt, die sich nicht mitteilt. Es ist eben die Klarheit der Mittagssonne, nicht der Mondschein, die die Szene in ein doch eher kühles Licht setzt. Und das Rot der Lippen ist nicht das Rot des sie durchflutenden Blutes, sondern das der Kirsche. Und die Lerche hat gesungen, sie singt nicht.

So mal meine ersten sprachlichen Eindrücke, die ich auch so bei Debussy wieder finde.

Liebe Grüße Peter
(bei den 100 Meisterwerken Kaisers ist kein Debussy ... unverständlich)
Hosenrolle1 (02.03.2015, 21:13):
Ok, da steige ich dann aus - ich kapier von diesen Dingen absolut nichts :D

Viel lieber mag ich "Clair de lune", das habe ich auch nach dem ersten Hören im Kopf behalten, zumindest den Anfang :)



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (02.03.2015, 21:22):
Nur eines noch schnell, dann höre ich auch auf :hello

Im Original steht

L'amour, au clair soleil d'été,
Avec l'alouette a chanté.

Wörtlich:
Die Liebe, in der klaren Mittagssonne,
mit der Lerche hat sie gesungen.

In der englischen Übersetzung, die mir vorliegt, liest man "For the love ..." in der deutschen "Denn die Liebe ...", aber eine Verknüpfung dieser Art steht eben nicht im Original. Durch die Verknüpfung gibt man eben die Distanz auf, die der Dichter hat. Traduttore - traditore: wer übersetzt, verfälscht.

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (03.03.2015, 09:14):
Kaiser führt die Sonate so ein

Vehementeste, düsterste Klaviersonate der Romantik. Chopins künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tod.


Die große Klaviersonate, so Kaiser, wurde eigentlich als eine deutsche Angelegenheit angesehen. Und so ist die Reaktion von Schumann verständlich: die Sonate verstörte ihn. Das sei eher eine 'Caprice'. Chopin habe hier 'vier seiner tollsten Kinder' zusammengekoppelt. Dagegen sieht Kaiser die Sonate mit einer zwingenden Logik konzipiert. Im Mittelpunkt steht der Trauermarsch. Die anderen, später geschriebenen Sätze, sind um ihn gruppiert. Schon der Anfang der Sonate ist düster

Nach finster-langsamen Einleitungstakten beginnt der Kopfsatz mit einer erregten, panisch wiederholten und gesteigerten kleinen Terz, einer Mollterz. Daraus bildet sich das große erste Thema. Ihm korrespondiert eine herrliche Melodie, ein zweites Thema, das auf einer großen Terz basiert.


Was mir an den strukturellen Anmerkungen gefällt: Wie es Kaiser versteht, mit einer leicht nachvollziehbaren analytischen Beobachtung Sinn zu stiften: kleine gegen große Terz, Moll gegen Dur, Verhängnis gegen seine Überwindung

Die lyrische Gestalt erhebt sich unwiderstehlich sehnsuchtsvoll über alle Finsternis, alles Leid. In der Durchführung - nach etwa drei Minuten - kämpfen lyrische und tragische Gesten fesselnd miteinander. In majestätischem Dur endet der erste Satz.

Das scheint mir der Sinn jeder Analyse: Sinn zu stiften, die Aufmerksamkeit des Hörers auf einen sinnlich erfassbaren, vom Gehalt her bestimmbaren Ablauf zu richten. Es ist noch immer ein großer Raum in der Erlebbarkeit gegeben, aber das Erleben wird in Sprache erlöst.

Der tragische Vorwurf des ersten Satzes wird weitergeführt im zweiten Satz

ein phantastisches Scherzo, beginnt ekstatisch und trotzig wiederum in Moll. Doch der gesangvolle Mittelteil des Scherzos mündet auch in ruhiges Dur.

Die Bühne ist bereitet für das Zentrum des Werkes. Vergewissern wir uns bis jetzt: Von einer Auseinandersetzung mit dem Tod kann man eigentlich nicht schreiben. Es gibt hier keinen Kampf, der ermattet. Aber mit dem Trauermarsch ist die Tatsache des Todes unmittelbar gegeben. Es ist ein reichlich pathetischer Trauermarsch, mit Trommelwirbel und Salven, wie der in Beethovens Klaviersonate. Kaiser kontert das Düstere mit Ironie

Dann folgt der 'Trauermarsch', der alles ins Düstere zwingt. Er wurde zur meistgespielten, von Blaskapellen bei Begräbnissen vorgetragenen, Trauermusik der Musikgeschichte. 'Nun trinkt er kei-heinen Rotwein mehr' skandierten die Trauernden insgeheim zur Melodie, wenn wieder einmal zu Chopins Tönen ein alter Kamerad zu Grabe getragen wurde. Man hört in diesem Trauermarsch Trommelwirbel und Salven, ein erhaben monotones Schreiten und eine paradiesisch tröstliche Melodie im Trio.

Es ist schon überraschend, dass und wie ausgerechnet Kaiser diesen Satz trivialisiert. Ja, er ist sicher pathetisch, dem Staatsbegräbnis näher als einer privaten Beerdigung, gepanzertes Trauern - aber es gibt doch auch das lyrische Trio.

Wie beendet man eine Sonate nach dem Trauermarsch? In Beethovens Eroica folgt eine Utopie. Bei Chopin ist diese Möglichkeit nicht mehr vorhanden. Grandios die Beschreibung bei Kaiser

Was darauf als Finale folgt, ist nicht mehr fasslich. Leise Prestotriolen. Über Kategorien wie 'Trost' oder auch 'Verzweiflung' scheint diese fürchterliche Musik hinaus. Fahl, gestaltlos, wahnsinnig und umtriebig reagiert das Finale auf die Todesbotschaft des Trauermarsches. Der Satz ist kaum spielbar. Ganz leise bleiben, monoton, gleichsam seelisch tot: wie sollen lebende Interpreten das schaffen?

Keine Heilsgewissheit eines Glaubens, kein Ausblick in einer neue Gesellschaft, das Idealistische ist zersprungen, ein ungeheuer moderner Satz.

Die Weiterempfehlungen: einmal die h-moll Sonate von Chopin als "Stahlend-vitales" Gegenstück, dann das f-Moll-Klavierkonzert mit seinem dramatischen Mittelsatz und Beethoven Sonate As-Dur op. 26.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (03.03.2015, 15:24):
Nach finster-langsamen Einleitungstakten beginnt der Kopfsatz mit einer erregten, panisch wiederholten und gesteigerten kleinen Terz, einer Mollterz. Daraus bildet sich das große erste Thema. Ihm korrespondiert eine herrliche Melodie, ein zweites Thema, das auf einer großen Terz basiert.

Ich muss gestehen, ich habe da weder ein großes Thema, noch eine „herrliche Melodie“ herausgehört. Ok, es gab einen Teil, der ein paar Mal wiederholt wurde, aber trotz zweimaligen Hörens der 1. Satzes ist mir gar nichts davon im Gedächtnis geblieben.

Die lyrische Gestalt erhebt sich unwiderstehlich sehnsuchtsvoll über alle Finsternis, alles Leid. In der Durchführung - nach etwa drei Minuten - kämpfen lyrische und tragische Gesten fesselnd miteinander. In majestätischem Dur endet der erste Satz.

Den Kampf zwischen lyrischen (ich würde eher sagen „fröhlichen“) und tragischen Gestern konnte ich auch nachvollziehen, das war ein wildes Durcheinander. Das majestätische Dur am Ende konnte ich wiederum nicht nachvollziehen, vielleicht auch weil sich das B-Dur am Ende im Bass befindet, und nur die einsame Durterz als einzelne Note im Violinschlüssel, und, sicher auch wichtig: drei Takte vor Schluss kommt ein tiefes B in der Kontraoktave, das mit Pedal die letzten drei Takte ausgehalten wird – ich habe das Gefühl, dass auch diese tiefe Lage das „majestätische“ irgendwie zu sehr eintrübt.

Die „tröstliche Melodie“ im 3. Satz fand ich ehrlich gesagt auch nicht wirklich tröstlich, dazu noch viel zu lang ausgebreitet, ohne wirkliche Abwechslung z. B. in der Begleitung.

Den Schluss, mit den schnellen Triolen, fand ich wiederum fast schon witzig: ein schnelles Gewusel, ein Akkord, und aus.


Ein Tipp von mir wäre hier zusätzlich auch das Lied "Allerseelen" von R. Strauss, ebenfalls nur vom Klavier begleitet, für mich harmonisch noch interessanter.



LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (03.03.2015, 15:30):
Ein Stück von Chopin, das ich gerne mag, ist das Impromptu Nr. 4, op.66, hat allerdings natürlich nichts mit Trauer(märschen) zu tun. Kommt das bei Kaiser vor?



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (03.03.2015, 16:07):
Lieber hosenrolle1,

im Moment beziehe ich mich auf Kaisers Klassik, werde aber auch noch von ihm "Da capo" dazu ziehen (im Moment ist der Band noch unterwegs), wenn das Interesse an dem Thread nicht dahin geschwunden ist. Ich denke, dass da noch mehr Chopin zu erwarten ist, im "Klassik"-Band gibt es über die 2. Klaviersonate hinaus noch viel Chopin, wenn auch nicht die Impromptus.

Zwei Dinge: Kaisers Auswahl ist subjektiv im Einzelnen, im ganzen aber doch repräsentativ. Es lassen sich Vorlieben erkennen, Versäumnisse benennen, aber die Auswahl ist diskussionswürdig.

Das kann sich bei der Wertschätzung des individuellen Hörers natürlich drastisch unterscheiden. Der eine ergreift bei Beethovens IX. die Flucht, der andere mag sowieso keine Opern, also auch nicht Mozarts Figaro, dem dritten haben die Klingeltöne und die weichgespülte Muzak-Version Vivaldi endgültig verleidet. Ich hätte Chopins Klaviersonate nicht so weit vorne exponiert, aber bisher alle genannten Werken gehören für mich zum inneren Bereich dessen, was ich zur Klassischen Musik zähle. Es ist ein Standard, zu dem ich mich verhalte.

Wenn wir uns Musik erschließen, gehen wir wohl systematischer vor. Wenn Beethoven bei einem geschnackelt hat (bei mir kam von den Sinfonien die Pastorale wohl als erste, dann die 5., dann die 3. und dann erst die 9.), wird man sich weiter in der Beethovenschen Sinfonik umschauen, wohl kaum von Beethoven zu Mozarts Figaro springen. Mozart lag bei mir zeitlich vor Beethoven, wenn ich ich auf die Opern konzentriere, fing es mit "Don Giovanni" an, dann die "Entführung", dem folgte "Die Gärtnerin aus Liebe", dann die "Zauberflöte" und erst dann "Le Nozze di Figaro", dieser wieder ein gutes Stück nach Beethovens 9. Da wird jeder seinen eigenen Weg gehen, meiner war nicht besser oder schlechter als andere. Aber als Tendenz kann ich schreiben, dass ich sehr viel stärker von der Erkundung eines Komponisten als von der Erkundung einer Epoche oder eines Genres ausging. Vivaldis Vier Jahreszeiten als ganzes und Chopins Klaviersonate fallen beide schon in meine Studienzeit. Da gab es andere Anlässe und Zielrichtungen als vorher, was sich wohl versteht.

Einem Einsteiger würde ich empfehlen, erst mal in der Nähe dessen zu bleiben, was er für sich als Offenbarung erlebt hat, dann seinen Gesichtskreis vorsichtig auszuweiten. Aber Live-Erlebnisse lassen sich in keine Ordnung einplanen. "Die Gärtnerin aus Liebe" habe ich am Trierer Stadttheater erlebt, es war in bestimmter Hinsicht bei mir der Durchbruch in Sachen Mozartoper. Das war dem Zufall zu verdanken, dass ich die Oper zu der "richtigen" Zeit erlebt habe. Und so kam bei mir als Jugendlicher der nächste Zufall, Bergs Violinkonzert. Solche Zufälle sind das Salz im Leben, sie machen die Entwicklung des Geschmacks erst einmal unvorhersagbar.

Manchmal muss man ein Stück erst einmal "zurückstellen", wenn man merkt, man hat noch nicht die notwendige Reife, das Stück zu verstehen. Dann kann man eine Kompilation wie die von Kaiser wie einen Speisezettel ansehen, den man nicht von 1-100 abarbeiten muss, sondern aus dem man immer wieder Neues auswählt und versucht, Geschmack daran zu gewinnen. Beim geharzten Wein gelang mir das erst im dritten Anlauf, was sollte daran verächtlich sein, wenn es bei einem Kunstwerk ähnlich verläuft.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (03.03.2015, 17:08):
Naja, auf jeden Fall fand ich auch hier die Beschreibung Kaisers wieder hilfreich, auch wenn ich den Adjektiven wie "majestätisch" oder "tröstlich" nicht wirklich zustimmen kann.



LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (04.03.2015, 07:24):
Die fesselndsten Interpretationen der b-Moll-Sonate sind für Kaiser

Rubinstein (1946)

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51D%2BTuWzHzL._SX300_.jpg

Horowitz (1962)

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41H1FKH0R2L.jpg

Rachmaninow (1930)

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51diUuCuJjL._SX300_.jpg

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (05.03.2015, 08:52):
An dieser Stelle lohnt sich - so meine ich - eine Überlegung, was uns Kaiser bei der Vorstellung der Stücke bietet. Man findet bei ihm keine Analyse, sondern das Ergebnis einer Analyse wird in einem Interpretationsvorschlag umgeformt. Das eben ist für mich vorbildlich, (auch) für mich geht es in einem Forum darum, Menschen für einen Komponisten, für ein Werk zu begeistern. Dafür ist es hilfreich, Anhaltspunkte für ein Verständnis mitzugeben. Und ebenso wie bei einer Gedichtanalyse, sehe ich bei einer musikalischen Analyse die Schwierigkeit, einem Laien - und eben den will ich ansprechen - eher den Weg zu einem Werk zu verbauen als ihn anzulegen. Wenn es nun jemand unternimmt, lese ich das mit Vergnügen, übernehme auch gerne zentrale Begriffe in meine Beschreibung, mein Ziel ist eben ein anderes als das einer Analyse, ich setze eher auf einer Analyse auf.

Es gibt ohnedies eine Anzahl unterschiedlicher Analysen, je nachdem was die Fragestellung ist, mit der ich an ein Werk gehe. Eine knappe Formbeschreibung würde ich zB nicht als Analyse bezeichnen, obwohl sie für einen Laien schon randwertig sein kann, immerhin ist sie weitgehend einverständlich. Doch die Schlüsse, die man daraus zieht (Besipiel "Mendelssohn ist ein Klassizist"), sind schon umstritten, erst Recht, wenn man so ungenaue Begriffe benutzt. Bei der Gedichtanalyse habe ich das Problem in Sprache über Sprache zu schreiben, beim Sprechen über Musik spreche ich etwas, das sich dem Wort entzieht.

Also: für ein Stück begeistern, über ein Stück informieren, Stichworte/-wörter liefern für ein Verständnis, sprachlich einstimmen, das ist das, was Kaiser anbietet, eloquent, oft genug geschickt und überzeugend in den Anknüpfungspunkten, die er bietet. Allerdings nicht immer, vor allem fehlen - z.T. gerade noch aus dem Zeitpunkt der Veröffentlichung nachvollziehbar - aktuelle Erfahrungen und Haltungen der Interpreten. Das spielt je nach Werk eine zu vernachlässigende Rolle, aber es gibt doch eine Reihe von Werkbesprechungen, in denen man Ausblicke (wie ich sie etwa bei Ulrich Schreibers "Auslese Klassik" finde, der einmal für mich ein sicherer Kompaß bei der Erkundung der Klassischen Musik war) vermisst.

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (06.03.2015, 16:11):
Wenn man Joachim Kaiser fragte, würde er wohl diese Oper als vollkommen bezeichnen. In seiner Darstellung folgt ein Superlativ dem anderen

Tristan und Isolde gilt als gewaltigste Darstellung sinnlich-übersinnlicher Liebe, die je in Töne gesetzt wurde. Als der Philosoph Friedrich Nietzsche schon tief mit Wagner zerstritten war, schrieb er begeistert: "Von dem Augenblick, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab ... war ich Wagnerianer. Ich suche noch heute nach einem Werk von gleich gefährlicher Faszination, von einer gleich schauerlichen und süßen Unendlichkeit ..."


Die Wertung von Nietzsche ist mE doch eher zwiespältig, "gefährlich" mag ja noch hingehen, das trifft ja auch auf die Carmen zu, aber mit dem Attribut "schauerlich" verbinde ich eher die Wolfschluchtszene, beim Tristan scheint sie mir seltsam inadäquat. Liebe und Tod sind ja ein zentrales Thema der Romantik, aber den Schauer, das Grauen, wird man anderswo suchen, auch wenn er sich mit Liebe und Tod vereinigen lässt wie bei Walpole. Aber das ist doch weit von Tristan und Isolde.

Der Verliebte schwärmt, Kaiser findet im Tristan "heikelste, fast unaufführbar anspruchsvolle Kunst". Und die beginnt mit dem Mythos des Vorspiels, das "an der Schwelle zur modernen Musik" stehen soll. Das ist über den Tristan-Akkord hinaus zu belegen

Schwebende Dissonanzen, Pausen voller Unendlichkeit, sehnsüchtiges chromatisch-enges Melos.

Natürlich führen vom Tristan her Wege in die Moderne, Ansonsten resumiert Schreiber (Opernführer für Fortgeschrittene)

Zu tun haben wir es mit einer Alterationsharmonik, der trotz aller Zweideutigkeiten Modulationspläne und Kadenzen zu Grunde liegen - wenn auch die Zielakkorde solcher Kadenzen oft übergangen werden, Spannungen unaufgelöst bleiben. Auch ist das Klischee von der total durchchromatisierten Musik nicht aufrechtzuhalten.


Für die ganze Partitur gilt die Dur-Moll-Harmonik, den ersten Akt sieht Schreiber (nach Bailey) im Spannungsfeld von a-Moll und C-Dur, die Oper wird mit H-Dur* enden, einen Schritt also vor dem Erreichen von C-Dur. Was nun macht den Sprengstoff aus, wo wird der Weg in die Moderne beschritten? Noch einmal Schreiber

Die in der abendländischen Musik traditionelle Vorherrschaft der Tonhöhenstruktur vor allen anderen Komponenten des musikalischen Satzes relativiert zugunsten einer auf die Ganzheit der musikalischen Wirkung zielenden Klangimagination.


Bei der nun folgenden Beschreibung des Ablaufes werden als Stationen benannt: der erste Akt mit dem "hochdramatischen Wüten" Isoldes, den Klängen eines düster gestimmten Menuetts als Vorbereitung von Tod und Selbstmord, dann das ekstatische Ende, das den Aktschluss ins Unwirkliche rückt. Der zweite Akt mit einer "rasend wilden Musik", "als sei ein Orgasmus komponiert", die Vereinigung der Stimmen im Liebesduett - "jetzt im zweiten Akt ist alles gut", aber dann "der böse Tag", der die Liebenden einholt. Dann der dritte Akt mit dem Liebestod der beiden.

Als Weiterempfehlung findet man Wagners "Die Walküre", Verdis "Otello" und eigentlich nur mit Entschuldigung noch eingebracht, Donizettis Liebestrank, "eine entzückende, harmlose komische Oper". Da kann aber nur das Motiv des "Liebestranks" als Begründung herhalten, oder?

Liebe Grüße Peter

*Vielen Dank für den liebenswürdigen Hinweis von Satie, da hatte ich doch aus dem harmlosen H ein His gemacht, was aber dem Sinn des Satzes ziemlich wiedersprach. Es ist doch gut, wenn da jemand aufmerksam mitliest und mir einen solchen Fehler mitteilt.
Peter Brixius (06.03.2015, 19:25):
Zum Abschluss hier noch die Einspielungsempfehlungen von Kaiser

Nun, welche Einspielungen empfiehlt Kaiser als "fesselndste Interpretationen"?

Wilhelm Furtwängler

http://ecx.images-amazon.com/images/I/81xTAJ7a0ML._SL300_.jpg

Carlos Kleiber

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51sgNwuGysL.jpg

Karl Böhm

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61H2YE82KEL.gif

Etwas neidisch sehe ich, was man jetzt nur noch dafür zahlen muss, für den Preis der Furtwängler.Box, den ich damals bezahlte, könnte ich heute alle drei mitnehmen. Dazu kommt noch, dass ich die Einspielungen alle zweimal kaufte, einmal als LP-Box, dann auf CD. Aber wenn ich sie nicht hätte, kaufte ich sie mir erneut ...

Mit diesem Beitrag schließe ich meine exemplarische Ansicht der Vorstellungen klassischer Werke durch Kaiser ab.

Fehler machen mich als Perfektionisten immer trostlos

Liebe Grüße Peter
uhlmann (06.03.2015, 20:56):
Original von Peter Brixius
Etwas neidisch sehe ich, was man jetzt nur noch dafür zahlen muss, für den Preis der Furtwängler.Box, den ich damals bezahlte, könnte ich heute alle drei mitnehmen.

kann ich gut nachvollziehen: ich kaufte den furtwängler tristan 1992 oder 93 um unglaubliche 1.236 schilling. war ein vermögen damals. allerdings erscheint mir heute - ob der unzähligen stunden, in denen ich diese grandiose aufnahme genießen durfte - der preis nicht mehr ganz so hoch.
Peter Brixius (07.03.2015, 21:09):
Ich stelle mal die 100er-Liste von Kaiser hier ein, nachdem es mir wieder etwas besser geht, können wir unsere 25er-Liste wieder anpacken. Die gefällt mir übrigens besser als die 100er von Kaiser. Kurz zusammengefasst: die zeitliche Verteilung lässt fast nur klassisch-romantisches Repertoire zu. Was darüber genannt wird (Musik für Kinder ist da auch dabei), ist im Verhältnis lächerlich. 2) Das Klavierrepertoire ist deutlich überrepräsentiert, 3) von solchen "Kompilationen" wie Mozart: Haydn-Quartette oder sämtliche Klavierkonzert plus die Paganini-Rhapsodie als eine Nennung ist schlitzohrig - aber eigentlich untolerabel.

Was meint ihr?

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (07.03.2015, 21:10):
Hier die Liste:

1) Johann Sebastian Bach: Chaconne aus der Partita für Violine solo d-moll (1720)
2) Antonio Vivaldi: Le quattro stagioni (Die vier Jahreszeiten) (1725)
3) Friedrich Georg Händel: Messiah (1741)
4) Johann Sebastian Bach: Goldberg-Variationen (1742)
5) Johann Sebastian Bach: Messe in h-moll (1747)
6) Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Es-Dur KV 271 "Jeunehomme" (1777)
7) Wolfgang Amadeus Mozart: Klaviersonate a-moll KV 310 (1778)
8) Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo (1781)
9) Wolfgang Amadeus Mozart: Sonate für zwei Klavier KV 448 D-dur (1781)
10) Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail (1782)
11) Wolfgang Amadeus Mozart: Haydnquartette (1782/85)
12) Wolfgang Amadeus Mozart: Eine kleine Nachtmusik KV 525 (1784)
13) Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert KV 467 C-Dur (1785)
14) Wolfgang Amadeus Mozart: Le nozze di Figaro (Die Hochzeit des Figaro) (1786)
15) Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni (1797)
16) Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte (1790)
17) Wolfgang Amadeus Mozart: Die Zauberflöte (1791)
18) Joseph Haydn: Streichquartett C-Dur op. 76 Nr. 3 "Kaiserquartett" (1797)
19) Joseph Haydn: Die Schöpfung (1798)
20) Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 14 cis-Moll op. 27 Nr. 2 (die „Mondscheinsonate“) (1801)
21) Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 (1803)
22) Ludwig van Beethoven: Sonate für Violine und Klavier A-dur "Kreutzer-Sonate" (1803)
23) Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57 (Appassionata) (1804)
24) Ludwig van Beethoven: Violinkonzert D-Dur op. 61 (1806)
25) Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 (1807)
26) Ludwig van Beethoven: 5. Sinfonie c-moll (1808)
27) Ludwig van Beethoven: 6. Sinfonie F-Dur op. 68 (1808)
28) Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 (1809)
29) Ludwig van Beethoven: 7. Sinfonie A-Dur op. 92 (UA 8. Dezember 1813)
30) Ludwig van Beethoven: Fidelio (1814)
31) Franz Schubert: Forellenquintett A-Dur für Klavier, Violine, Viola, Cello und Kontrabass, D 667 (1819)
32) Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 32 c-moll (1822)
33) Ludwig van Beethoven: 33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli in C-Dur op. 120 (1823)
34) Franz Schubert: Die schöne Müllerin (1823)
35) Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 9 d-moll (1824)
36) Franz Schubert: Streichquartett Nr. 14 d-moll (Der Tod und das Mädchen) (1824)
37) Franz Schubert: Klaviertrio B-dur D. 898 (1827)
38) Franz Schubert: Winterreise op. 89, D 911 (1827)
39) Franz Schubert: Fantasie für Klavier zu vier Händen f-Moll (D 940) (1828)
40) Franz Schubert: Sinfonie Nr. 9 C-dur (1828)
41) Franz Schubert: Streichquintett C-Dur D.956 (1828)
42) Hector Berlioz: Symphonie fantastique op. 14 (1830)
43) Frédéric Chopin: 2. Klavierkonzert f-Moll op. 21 (1830)
44) Frédéric Chopin: Mazurken (1830–1846)
45) Frédéric Chopin: Scherzi für Klavier(1831-42)
46) Robert Schumann: Carnaval op. 9 (1834)
47) Frédéric Chopin: Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 (1836)
48) Robert Schumann: Kinderszenen op. 15 (1838)
49) Robert Schumann: Kreisleriana op. 16 (1838)
50) Frédéric Chopin: Klaviersonate Nr. 2 b-moll (1839)
51) Robert Schumann: Liederkreis op. 39 nach Joseph Freiherrn von Eichendorff (1840)
52) Robert Schumann: Dichterliebe op. 48 (1840)
53) Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert e-moll op. 64 (1844)
54) Robert Schumann: Klavierkonzert a-moll op. 54 (1845)
55) Richard Wagner: Tannhäuser (1845)
56) Richard Wagner: Lohengrin WWV 75 (UA: 28. August 1850)
57) Franz Liszt: Ungarische Rhapsodien (ab 1851)
58) Franz Liszt: Klaviersonate h-moll (1853)
59) Franz Liszt: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur (1855)
60) Johannes Brahms: Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15 (1859)
61) Giuseppe Verdi: Un ballo in maschera (Ein Maskenball) (1859)
62)Johannes Brahms: Klavierquintett f-Moll op. 34 (1865)
63) Peter Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1 b-moll (1865)
64) Richard Wagner: Tristan und Isolde (1865)
65) Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg WWV 96 (UA: 21. Juni 1868)
66) Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen - Das Rheingold (1869)
67) Richard wagner: Der Ring des Nibelungen - Walküre (1870)
68) Giuseppe Verdi: Aida (1871)
69) Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 4 Es-dur (1874)
70) Giuseppe Verdi: Messa da Requiem (1874)
71) Georges Bizet: Carmen (1875)
72) Bedrich Smetana: Vltava (Die Moldau) (1875)
73) Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 (1876)
74) Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen - Siegfried (1876)
75) Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen - Götterdämmerung (1876)
76) Peter Tschaikowsky: 4. Sinfonie f-Moll op. 36 „Fatum“ (1877)
77) Johannes Brahms: Violinkonzert (1878)
78) Bedrich Smetana: Streichquartett Nr. 1 e-Moll, Aus meinem Leben (UA 1879)
79) Johannes Brahms: Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83 (1882)
80) Richard Wagner: Parsifal WWV 111 (UA: 26. Juli 1882)
81) Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 (1883)
82) Anton Bruckner: 7. Sinfonie E-Dur (WAB 107), (1883)
83) Giuseppe Verdi: Otelle (1887)
84) Antonin Dvorak: Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88, Die Englische (UA 2. Februar 1890)
85) Johannes Brahms: Klarinettenquintett h-Moll op. 115 (1891)
86) Sergej Rachmaninow: Klavierkonzerte und Paganini-Rhapsodie (1891-1941)
87) Antonin Dvorak: Sinfonie Nr. 9 e-moll "Aus der Neuen Welt" (1893)
88) Peter Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 6 h-moll op. 74 „Pathétique“ (1893)
89) Antonin Dvorak: Konzert h-Moll für Violoncello und Orchester op. 104 (1895)
90) Giacomo Puccini: Tosca (1900)
91) Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 5 cis-moll (1904)
92) Richard Strauss: Salome (1905)
93) Gustav Mahler: Das Lied von der Erde (posth. 1911)
94) Richard Strauss: Der Rosenkavalier (1911)
95) Igor Strawinsky: Petrouchka (1911)
96) Maurice Ravel: Bolero (1927)
97) Kurt Weill/Bertold Brecht: Die Dreigroschenoper (1928)
98) Igor Strawinsky: Psalmensinfonie (1930)
99) Alban Berg: Violinkonzert (1935)
100) Sergej Prokofjew: Peter und der Wolf (1936)


Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (07.03.2015, 21:31):
Original von Peter Brixius

87) Richard Strauss: Salome (1891)

1891?



LG,
Hosenrolle1
Cetay (inaktiv) (07.03.2015, 21:38):
5 Komponisten füllen alleine über die Hälfte der Liste und alles spielt sich innerhalb von 216 Jahren ab. Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.
Peter Brixius (07.03.2015, 21:42):
Nee, liebe Hosenrolle1, falsche Zahl rberkopiert und dann falsch eingordnet. Ich hatte die Jahreszahlen aus dem Kaiser (sehr wenige), dann von wikipedia und von weiteren Adressen. Da kann auch noch an anderen Stellen was falsch sein. Wo es ging, suchte idh dummerweise nach der UA, das hätte ich mir nicht antun sollen.

Also richtig ist 1905, weitere Korrekturen bitte :beer

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (08.03.2015, 10:03):
Wie Cetay schon zu Recht feststellte: 216 Jahre Musikgeschichte werden von Kaisers Auswahl erfasst. Der Sichtwinkel auf die Musik ist der des Bildungsbürgertums, da könnte die Auswahl auch fünfzig Jahre älter sein. Das heißt also zunächst, dass das Sichtfeld nur bis zur klassischen Moderne reicht. Und selbst da wird es dünn: Ravel ja, Debussy nein, Berg ja, Schönberg und Webern nein, Prokofiew ja, Schostakowitsch nein. Nun gut, da kann sich Kaiser auf die Hörgewohnheiten seines Publikums berufen, immerhin hat überraschenderweise ein Werk wie die "Dreigroschenoper", diese kecke Barockparodie, sein Weg in seine Auswahl gefunden.

Auf der Seite zur Alten Musik sieht es genauso kümmerlich aus: Vorbarockes gibt es nicht, selbst Palestrina und Monteverdi werden übersehen, Barockes gibt es von Bach, Vivaldi und Händel, keine Passion dabei, keine Kantate. So sind von 100 Meisterwerken 89 aus dem klassisch-romantischen Repertoire, anteilmäßig die meisten von Mozart, Beethoven und Schubert. Was auffällt, ist eine Überrepräsentanz der Klavierliteratur. Auch dafür kann man gute Gründe anführen, doch hier schon weniger in den Hörgewohnheiten des Publikums. Eher schon das Spielrepertoire von entsprechend weit gekommenen Klavierschülern im häuslichen Gebrauch.

Einige pauschale Nennung fallen auf, da werden von Chopin etwa die Mazurken benannt, also nicht eine, nicht ein bestimmtes Opus, nein, alle. Da möchte ich nun auch alle 32 Klaviersonaten von Beethoven und ... und ... Das Auswahlprinzip der Liste wird hier (und später etwa auch bei Rachmaninow) durchbrochen, ein kleiner Kosmos hält Einzug.

Man wird keine ideale Auswahl finden, außer den eigenen 100 verständlicherweise.

Liebe Grüße Peter
Cetay (inaktiv) (08.03.2015, 11:34):
Ich muss eingestehen, dass ich der Kaiserei recht verhalten gegenüberstehe. Er sei einflussreich wie Marcel Reich-Ranicki, heißt es. Es ist mir unbegreiflich, wie ein einzelner Kritiker so viel Einfluss gewinnen kann, dass sein Wort über Wohl und Wehe des Erfolgs von Neukommern entscheiden kann, aber eines ist klar: das geht nur, wenn man zuvor den Mainstream lange genug bedient hat - und sei es auch der Mainstream des sogenannten Bildungsbürgertums.

Neben der erbärmlichen Werkauswahl finde ich Kaisers Ansatz, das Kunstwerk zur symbolischen oder hinweisenden Ikone (danke für dieses Zitat, miclibs) zu stilisieren, überzogen. Es ist bezeichnend, dass der Wiener Klassiker Haydn, bei dem das kaum möglich ist, weil das Kunstwerk das Ergebnis von Arbeit -die praktische und angemessene Behandlung von Material-, ein Objekt (nochmals danke) ist, nur zweimal vertreten ist. Sätze wie "Chopins künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tod" sind für mich nicht erläuternd, sondern trivialisierend. Wenn ich das hören will (und das will ich durchaus), dann lege ich eine Scheibe der schwedischen Suizidal-Schwarzmetall-Gruppe Shining auf. Da brauche ich Botschaften nicht in h-Moll Akkorden zu suchen und über Quellen diffuse Erkenntnisse zur Gemütsverfassung des Komponisten herbei zu spekulieren, sondern höre sie im Klangarrangement und in den Texten, die ihre Glaubwürdigkeit daraus beziehen, dass ich weiß dass der Verfasser immer wieder mal in der Geschlossenen landet. Wenn ich klassische Musik auflege, dann will ich hören, wie Stimmen geführt, Themen verarbeitet, Konflikte erzeugt, Energien freigesetzt und Lösungen gefunden werden und wie das mit den formalen Zusammenhängen korreliert oder wie dadurch die Form erst geschaffen wird - und nicht, ob der Komponist am Vorabend etwas Schlechtes gegessen und deswegen das fis in den gestopften Hörnern hingeschrieben hat.

Den -mit Verlaub- fürchterlichen Schwulst zur Neunten will ich erst gar nicht kommentieren. Dahinter steht der Wunsch das kulturelle Erbe zu etwas hochzustilisieren, das es nicht ist. Sicher, seit der Eroica lauert hinter jeder Komposition eine Botschaft; da half auch Toscaninis Einspruch nicht mehr. Aber die Botschaft ist nicht das Kunstwerk und das absolute Kunstwerk als solches hat keine Botschaft - außer der, die nicht anders als durch Töne zu vermitteln ist. Aber wie soll man die noch wahrnehmen, wenn man voreingenommen den Fokus auf etwas richtet, das mit kaiserlicher Wortgewalt hineininterpretiert wurde? Nachdem, was ich bisher gelesen habe, ist dieses Buch eine katastrophale Fehlleitung für die Rezeption von großer Musik. Da sind mir esoterische Deutungen, die darin eine Offenbarung der kosmischen Ordnung durch die göttliche Matrix sehen, noch lieber, weil sie -wenn auch grotesk-verzerrt- näher an dem transzendenten Gehalt sind.

Uff, das musste mal raus. :engel
Hosenrolle1 (09.03.2015, 22:24):
Ergänzend zu diesen Besprechungen vielleicht zwei Links:


http://www.br.de/radio/br-klassik/sendungen/meine-musik/joachim-kaiser-musikkritiker-100.html

http://www.br.de/nachrichten/meldungen/klassikforum-mit-joachim-kaiser-sondersendung-zum-85-geburtstag-100.html


Der Radiosender "Bayern 4 Klassik" hat auf seiner Seite mehrere Artikel sowie Mitschnitte von Interviews mit Kaiser, die man sich anhören kann. Die beiden Links führen beide zu Interviews, die man nachhören kann.

In der Sucheingabemaske oben rechts, auf der Bayern 4-Hauptseite, kann man "Joachim Kaiser" suchen und findet dann viele Ergebnisse.



LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (03.05.2015, 13:51):
Original von Peter Brixius
Aus dem Vorwort erfährt man, an wen sich Kaiser wendet:

Der leidenschaftliche Laie, der auf die Botschaft großer Musik mit emotionaler Hingabe reagiert (S. 9)


Dem "leidenschaftlich" und "emotional" wird der Theoretiker entgegen gesetzt, mit

hochgestochenen Bewertungen, wie sie Fachleute, von Theorien erfüllt oder auch verstört, ausbrüten. (S. 9)


Ich könnte mir vorstellen, dass der Autor hier versucht, den Laien das Gefühl zu geben, dass da ein Kritiker "zu ihnen hält", sozusagen auf ihrer Seite ist, damit die Leute nicht sagen "Oje, wieder sowas hochgestochenes, was keiner kapiert.

Was natürlich den Vorteil hat, dass sich die Leser auch mehr auf sein Buch einlassen werden, wenn sie wissen, dass der Autor - obwohl selbst professioneller Kritiker - auf ihrer Seite steht, und sagt "Die da oben ...".

Ich mag diese hochgestochenen Kritiken ebenfalls nicht; Kaiser sagte in einer der letzten Folgen von "Kaisers Klassik-Kunde" auch, dass diese Fachrkitiken mit ihrem Fachjargon meistens mehr vernebeln als aufklären.

Aber diese zwei Zitate, die du da aus seinem Buch bringst, klingen für mich schon ein bisschen danach, als ob er versucht, die Laien direkt anzusprechen statt abzuschrecken, indem er Dinge erwähnt, die die Laien nachvollziehen können.

Vielleicht hat er selbst oft gehört, was die Leute von solchen Kritikern halten, und verwendet nun eben diese Bewertungen, damit sich der Leser damit identifizieren kann.



LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (18.05.2015, 13:39):
Original von Peter Brixius
36) Franz Schubert: Streichquartett Nr. 14 d-moll (Der Tod und das Mädchen) (1824)

Mir fiel die Liste ein, ich habe also nachgesehen - und tatsächlich, Kaiser empfiehlt auch dieses Werk.

Was sagt er denn so darüber?




LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (18.05.2015, 13:51):
Original von Hosenrolle1
Original von Peter Brixius
36) Franz Schubert: Streichquartett Nr. 14 d-moll (Der Tod und das Mädchen) (1824)

Mir fiel die Liste ein, ich habe also nachgesehen - und tatsächlich, Kaiser empfiehlt auch dieses Werk.

Was sagt er denn so darüber?

Das Buch ist im Moment aushäusig (sollte eigentlich wieder zurück sein, gut, dass Du mich erinnerst), aber ich bin morgen voraussichtlich in der Musikbibliothek. Da leihe ich das dortige Exemplar aus.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (18.05.2015, 14:22):
Bin schon gespannt darauf :)




LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (19.05.2015, 18:07):
Eines der berühmtesten Werke der Gattung Streichquartett. Gehört zum Düstersten und Erfülltestem, was Schubert je komponierte. Ein faszinierendes Mollwerk: geprägt von der Spannung zwischen sanfter Todesmagie, panischer Sterbeangst und inniger Sehnsucht nach dem Leben.

Wie immer charakterisiert Kaiser das Werk in einem kursiv gehaltenen Abschnitt, der seinem Artikel voran geht. Hier gibt er seine Sichtweise auf das Streichquartett an: Er bezieht sich auf den Text des Liedes (von Matthias Claudius), den Schubert vertont hat und dessen Vertonung er als Thema seines Variationensatzes zitiert. Der Titel des Kunstliedes hat auch den Titel des Streichquartetts gegeben. Und bei aller Bezüglichkeit - so ist der Titel natürlich irreführend. Denn das Quartett ist absolute Musik, es schildert nicht die Begegnung eines Mädchens mit dem Tod.

Kaiser setzt in der den Anfangszeilen folgenden Beschreibung nun eindeutig auf die Inhalte des Liedes

Das Lied beginnt angstvoll: "Vorüber! ach vorüber! geh' wilder Knochen-Mann. Ich bin noch jung, geh' Lieber! und rühre mich nicht an." Diesem Angstausbruch antwortet bei Claudius der Tod besänftigend: "Gib deine Hand, du schön un zart Gebild! bin Freund, und komme nicht zu strafen. Sei gutes Muts! ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen."

Doch damit verfälscht Kaiser den Ablauf des Quartetts, das im ersten Satz keineswegs angstvoll beginnt. Ein unruhiges Triolenmotiv setzt die Bewegung des Satzes in Gang und bestimmt seinen Fortgang. Die dröhnende Einleitung hat einen Dialog von Frage und Antwort vorangesetzt, aber sprach da ein Mädchen mit dem Tod? Zumindest den Tod weiß Kaiser im Kopfsatz zu Hause:

Am Ende des Kopfsatzes, dessen Beginn von jagender Vehemenz erfüllt ist und dessen Gesangsthema wie ein sehnsüchtiger Traum vom Lebensglück tönt, liefert Schubert gleichsam doch einen Beweis dafür, dass die Musik vom Tod handele. Er zitiert nämlich den berühmten "Todesrhythmus" aus Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni. Bei Mozart kommt dieser Rhythmus im ersten Teil der Ouvertüre vor. Und wenn in der Finalszene des Schlussakts der tapfere Sünder in die Hölle geholt wird, legt sich der Rhythmus dem Don Giovanni wie eine entsetzliche Klammer ums Herz.

Ich bin da in der Zuweisung wesentlich skeptischer als Kaiser - hier spielt sich keine Opernhandlung ab, hier mögen Assoziationen aufgerufen worden sein, aber die semantische Bestimmung, die Kaiser vornimmt, ist mir doch nicht zwingend. Düsternis und Trauer mag man erkennen, doch nicht den Tod (wäre nicht sonst das Werk zu Ende?)

Die Symbolik des Todes, ziehen wir nun das Lied, das im zweiten Satzeine bestimmende Rolle spielt, zu Rate, ist ja eine andere bei Schubert: Das Singen auf einem Ton, die bestimmte, ruhige Gesangshaltung - das sind doch andere Vorgänge als die harmonisch reichhaltige Auseinandersetzung des ersten Satzes: Konflikt, Leid, eine schroffe Auseinandersetzung, ein Ermatten am Ende - es sind innere Vorgänge, die der Komponist zur Disposition stellt.

Auch der zweite Satz widerspricht meiner Meinung nach einer Vertonung des Liedes. Im Gegenteil: Das Lied ist nun Ausgangspunkt einer Reihe von Variationen, die die Melodie vertiefen und ihr vielfältige Farben abgewinnen - doch eben das Gegenteil dessen, was der Gleichmacher Tod bedeutet. Wo eine Abbildung auf die Frage Leben oder Tod polarisiert, entwickelt sich hier ein reichhaltiges, wenn auch mollgefärbtes Leben.

Der dritte Satz erscheint eigentümlich verkürzt bei Kaiser:

Das Scherzo des Streichquaretts donnert wild punktiert. Sein Mittelteil aber verzaubert den beibehaltenen Todesrhythmus zum sehnsüchtig schönen Schubert-Lied.

Eine Figur, die seit der Renaissance bekannt ist, der passus duriusculus, bestimmt die harsche Sprache des Scherzos. Es handelt sich dabei um den taktweise chromatischen Abstieg einer Stimme. Die rhetorische Figur bedeutet Leid und Qual. Das Scherzo kontrastiert dem harmonisch lieblich klingenden Trio. Doch hier zu personalisieren, wäre falsch, die widerstreitenden Gefühle beziehen sich auf ein und diesselbe Person. Noch einmal: Leid und Qual können sich nur auf das Leben beziehen wie auch die Entrückung des Trios, beides sind Seiten derselben Medaille.

Der vierte Satz bringt wiederum eine intensive Auseinandersetzung. Aber sie endet nicht in Ermattung, die Coda nimmt das Jagende des Satzes auf - und schließt in einem Moment höchster Energie. Ein Ende ja, aber in das Ende. Hier noch einmal Kaiser:

Aus dem atemlos dahinjagenden Prestofinale tönt verzweifelte Eile. "Spute dich, Chronos". Oder: so, im Sauseschritt, rast das Leben vorbei.

Ich kann dem nicht folgen, als individuelle Deutung ist es sicher zu respektieren. Aber mein Gesamtbild des Streichquartetts weicht am Ende doch erheblich von der Ausgangshypothese Kaisers ab: nicht der Tod, das ewige Schweigen, wird thematisiert, sondern der schmerzhafte Lebenskampf mit seinen paradiesischen Oasen. Am Ende steht kein dahingestreckter Mensch, es steht ein Mensch im Vollbesitz seiner Kräfte, der um seinen Platz im Leben gekämpft hat und weiter kämpft.

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (20.05.2015, 12:35):
Danke für diese Info!


Wie immer charakterisiert Kaiser das Werk in einem kursiv gehaltenen Abschnitt, der seinem Artikel voran geht. Hier gibt er seine Sichtweise auf das Streichquartett an: Er bezieht sich auf den Text des Liedes (von Matthias Claudius), den Schubert vertont hat und dessen Vertonung er als Thema seines Variationensatzes zitiert.

Ich habe mich ja bis jetzt gehütet, mir das Lied dazu anzuhören, weil ich beim Hören des Quartetts nicht daran denken möchte, welches Thema nun aus dem Lied stammt. So wie ich es jetzt kenne ist das Stück einfach nur ein Streichquartett für mich.


Der Titel des Kunstliedes hat auch den Titel des Streichquartetts gegeben. Und bei aller Bezüglichkeit - so ist der Titel natürlich irreführend. Denn das Quartett ist absolute Musik, es schildert nicht die Begegnung eines Mädchens mit dem Tod.

Das ist doch ein wichtiger Punkt. Durch den Titel denkt man vielleicht, dass es sich hier um eine Art „sinfonische Dichtung“ oder so handelt, um eine Handlung, die erzählt wird. Eine meiner nächsten Fragen hier wäre tatsächlich gewesen, ob das Stück absolute Musik ist, weil es ja offenbar ein Thema dazu gibt.

Doch damit verfälscht Kaiser den Ablauf des Quartetts, das im ersten Satz keineswegs angstvoll beginnt.

Das sehe ich auch so. Da wechseln sich traurige mit tröstlicheren Harmonien ab. Wobei ich manche Stellen schon ein bisschen „bangend“ finde, etwa diese Stelle hier, wo sich dieses Motiv immer wiederholt, während der Bass immer tiefer absteigt.

http://www.fotos-hochladen.net/uploads/bangend29rdwvynhp.jpg

Auch der zweite Satz widerspricht meiner Meinung nach einer Vertonung des Liedes. Im Gegenteil: Das Lied ist nun Ausgangspunkt einer Reihe von Variationen, die die Melodie vertiefen und ihr vielfältige Farben abgewinnen

Und als genau DAS höre ich dieses Quartett auch. Motive, Melodien, die verarbeitet werden, die durch das Wechseln der Instrumente, durch Variationen in der Begleitung etc. immer neue Gestalt annehmen.

Was mich wundert ist, dass Kaiser offenbar gar nicht auf dieses schöne zweite Thema eingeht. Das sticht aus der ganzen Dramatik doch ziemlich heraus, besonders auch wegen der Begleitung (die schwungvolle Viola!).

Ich hatte das Gefühl, dass Kaiser hier mehr auf den Titel eingeht, und weniger das Werk, seine Motive etc. selbst beschreibt, aber vielleicht täusche ich mich ja auch.




LG,
Hosenrolle1
Peter Brixius (20.05.2015, 14:38):
Dass man absoluter Musik Namen gibt, hat sich als verkaufsfördernd erwiesen. Deshalb haben Verleger gerne einem Streichquartett Namen wie "Lerche", Sonaten den "Mondschein", Sinfonien einen "Bär" zugelegt. In der Regel bezieht sich der Name auf ein Motiv, selten auf einen Satz ("mit dem Trauermarsch"). Namen machen ein Werk sichtbarer, ein "Paukenschlag" (englisch besser "Surprise") lässt sich leichter merken als die Ordnungsnummer 94.

Man weiß, dass sich inder Regel da allenfalls ein Satz wiederfindet. Geschadet haben solche Bezeichnung nicht, ins Irre konnte sie schon führen (wie bei der Sturm-Sonate). Auch der Beiname von Schuberts Streichquartett ist schon so in Ordnung, es gibt da bis Hindemith und weiter genügend Beispiele. Widerstand regt sich bei mir nur, wenn ich das Gefühl habe, dass auf einem Unterscheidungsmerkmal plötzlich alles abgebildet wird. Und das ist zumindest bei Kaiser in dem Meisterwerke-Artikel der Ausgangspunkt.

Nun kann man durchaus ein Streichquartett schreiben, das als "Thema" den Tod hat. Aber Schubert hat es nicht gemacht, er hat es vor allem hier nicht gemacht. Auch Gefühle wie "Bangigkeit" sind da nicht zureichend. Es gibt vieles (wie etwa die bedrückende politische Lage), was ein solches Gefühl hervorrufen kann. Als Befindlichkeit einer Zeit kann ich es mir noch immer eher vorstellen als individuelle Todesangst - zumindest bei diesem Streichquartett.

Sicher hat Kaiser es gut gemeint. Ein Klassikfreund wird eingestimmt auf ein Kunstwerk, ein Zugang wird gelegt. Bleibt der Hörer "dran", ist zumindest der musikpädagogische Zweck erfüllt. Beim wiederholten Hören kommt der sensible Hörer dem Eingangstrick sicher bald auf die Schliche ...

Liebe Grüße Peter
Jürgen (20.05.2015, 15:25):
Bei Wagner listet er 9 Opern. Hätte er den Holländer noch genommen, wären es sämtliche (Bayreuth-tauglichen) gewesen und er hätte: Wagner: Opern schreiben können.

Nein nein, das ist schon seeehhr subjektiv.
Und dann fehlen RVW, Elgar oder Sacre, um nur einige zu nennen.
Sogar Telemann habe ich nicht gefunden.
Peter Brixius (20.05.2015, 16:02):
Lieber Jürgen,

natürlich ist die Auswahl sehr subjektiv, mit allen Nachteilen, die eine so subjektive Auswahl hat. Joachim Kaiser ist eben kein Musikhistoriker, niemand mit einem systematischen Ansatz, er bringt seine Erfahrung ein, fast möchte ich schreiben wie ein blutiger Laie, vertraut dem, was er bevorzugt, hat in bestimmten Epochen (wie im Barock) Lücken, die ich gar nicht charakterisieren möchte.

Für einen Musikliebhaber mit etwas Erfahrung ist die Auswahl zweifelhaft. Aber ich möchte nun auch seine Vorzüge nicht vergessen: Er lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf einzelne Werke (schlechte sind nicht dabei), er wirbt für diese Werke, er wirbt für Einspielungen, die ihre Qualität haben. Für jede Vorstellung, mit der er einen Leser dafür überzeugt, sie im Konzert oder in der heimischen Anlage kennenzulernen, bin ich ihm dankbar. Als ich (damals noch Jugendlicher) anfing, mich in der Welt der Klassik zu orientieren, hätte ich so ein Werk gerne gehabt. Ich hatte den Reclam-Konzertführer (die Auflage steht bei mir noch immer im Regal, da schreib ich mal was dazu), der auch sehr lückenhaft war - und entsetzlich Uninformiertes über Mahler und Schostakowitsch schrieb. Und dann benutzte ich den alten Kretzschmar, der mich u.a. auf Gade aufmerksam machte, den ich erst Jahre nach meiner Lektüre im Konzertführer kennen lernte. Haydnsinfonien im Kretzschmar - eine schüttere Auswahl!

Für anderes hatte ich nur die LP-Informationen zur Verfügung. Ich entdeckte damals die Musik der Renaissance, bald auch die Alte Musik, dazu fand ich überhaupt nichts auf dem Markt.

Ich finde die Vorstellung der Werke bei Kaiser immer inspirierend. Mal bin ich begeistert, mal schwillt mir die Zornesader - aber unberührt lassen mich seine Vorstellungen nicht. Und diese Begeisterung für Musik, diese unverhohlene Subjektivität, die häufig wenn auch nicht immer präzisen Formulierungen halte ich für hilfreich.

Hilfreich für wen, das ist die Frage. Ich kenne in meinem Umkreis eine ganze Anzahl von Leuten, denen mit einer solchen Darstellung geholfen ist, die etwa von einem Werk wie dem Schreiber (der war mal für eine Zeit meine Bibel) eher desorientiert oder überfordert sind.

Nimm mal den letzten Beitrag, der zu dem Schubert-Streichquartett. Auch wenn ich anderer Meinung war, was ich bei Kaiser gefunden habe, hat mich sehr schnell zum Kern der Sache kommen lassen, ein hervorragend aufgearbeitetes Thema.

Das alles gesagt: Du hast natürlich Recht :beer

Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (20.05.2015, 16:11):
Ich habe bei Kaiser auch das Gefühle, dass sein Repertoire vergleichsweise ein wenig begrenzter ist, er sich aber in dem, was er kennt, hervorragend auskennt. Er weiß welche Nummern die Werke haben, wie die Sätze heißen, wer sie eingespielt hat, usw.

Da habe ich auch eher das Gefühl, dass er ein klein wenig so wie ich ist: sich auf ein paar "wenige"(*) Werke spezialisieren, dafür aber bei denen mit umso mehr Begeisterung und viel Wissen darüber.


(*) bei Kaiser sind es natürlich VIEL mehr!




LG,
Hosenrolle1
Jürgen (21.05.2015, 09:45):
Original von Peter Brixius
Lieber Jürgen,
...
Für einen Musikliebhaber mit etwas Erfahrung ist die Auswahl zweifelhaft.
...
Liebe Grüße Peter

Aber da stellt sich die Frage, an wen dieses Buch gerichtet ist.
Du hattest es eingangs erwähnt:
Original von Peter Brixius
Aus dem Vorwort erfährt man, an wen sich Kaiser wendet:
Der leidenschaftliche Laie, der auf die Botschaft großer Musik mit emotionaler Hingabe reagiert (S. 9)


Die leidenschaftlichen Laien und die Musikliebhaber mit etwas Erfahrung besitzen durchaus eine große Schnittmenge. Blutige Anfänger in Sachen Klassik würde ich nicht gänzlich ausschließen, aber aufgrund der Auswahl von Bachs Chaconne zumindest in Frage stellen.

Was will ich damit sagen? Ein Großteil seiner Zielgruppe findet seine Auswahl zweifelhaft.

Oder anders formuliert: Wäre das Buch anfang der 60er erschienen, hätte die Auswahl den damaligen Zeitgeist wesentlich besser getroffen. (Und Peter hätte sich gefreut)

Das Buch erschien 1997, als man Mahlersinfonien nicht mehr nur durch die Fünfte wahrnahm und britische Musik (klassische) auch im deutschsprachigen Raum bekannt war und geliebt wurde.

Ich will das Buch nicht schlecht machen. Man muß sich lediglich vor Augen halten, dass die Auswahl Kaiserlich subjektiv oder bestenfalls den Musikgeschmack der 50er & 60er Jahre in Deutschland widerspiegelt.
Es sind halt nicht die Top 100 Meisterwerke aus heutiger Sicht (na ja, und von 1997 auch nicht).


Grüße
Jürgen
Peter Brixius (21.05.2015, 10:30):
Lieber Jürgen,

was eigentlich erstaunlich ist: Diese verspätete Form ein Werkeinführung (da bin ich Deiner Meinung, verspätet meint sowohl das Chronologische wie das Inhaltliche) war offenbar am Markt erfolgreich, der Hardcover-Ausgabe von 1997, zu der es noch eine eigene Auflage im Buchclub gab folgte 2001 eine Taschenbuchausgabe und 1999 eine Fortsetzung "Da capo", wiederum 100 Meisterwerke.

Es scheint also nicht nur einen Bedarf des Autors gegeben zu haben, sich mitzuteilen, sondern auch einen Bedarf bei Musikfreunden, sich von Kaiser informieren und belehren zu lassen.

Ohne statistische Daten kann man nur spekulieren, wer die Bücher gekauft hat, aber gekauft wurden sie, 1997, 1999 und 2001. Nimmt man den Gestus von Kaiser, so vermutet man eher die ältere Generation, das aussterbende Bildungsbürgertum. Aber das muss nichts heißen, wird man die Klasskfans ohnedies in Mehrzahl unter der älteren Generation vermuten.

Stil und vorausgesetztes Bildungswissen weisen in die Richtung. Die Stichwörter sind da symptomatisch: "Weltanschauungsmusik" (Beethoven IX, S. 15), "völkische Selbständigkeit" (Smetana, Moldau, S. 40), "Wiener Todessehnsucht" (Schubert: Schöne Müllerin, S. 46), "Kriminalroman der Seele (Mahler 5, S. 55), "Problem-Ich" (Brahms: Violinkonzert, S. 61).

Ist es ein Zufall, dass mich eben diese Stichwörter zornig machen, dass ich ihnen auf vehementeste widersprechen möchte?

Wie ich schon schrieb, es sind die doch nicht wenigen scharfsinnigen Bemerkungen, guten Beobachtungen, geglückten Formulierungen, die mich für das Buch sprechen lassen. Aber ansonsten: Die eigentliche Zielgruppe ist inzwischen noch weiter geschwunden, der Standard dessen, was man im Konzertprogramm und in Booklets liest, ist im allgemeinen gut, es gibt deutlich bessere Auswahllisten, auf denen man auch Guillaume de Machaut, Palestrina, Telemann usw. findet.

Und doch träume ich von einem Konzertführer, der die Stärken Kaisers fortführt und seine Schwächen vermeidet. Die aktuellsten Unternehmungen dieser Art sind der Gramophone und der Penguin-Führer, die bei mir im Regal stehen (mit ihrer Bevorzugung angelsächsischer Komponisten und Interpreten). Sie sind eben nicht übersichtlich, laden nicht zu Entdeckungsreisen ein, bestehen nicht auf eine Reihe von Standardwerken, die man kennen sollte, um sich im Geschehen orientieren zu können.

Weiß jemand Besseres?

Liebe Grüße Peter
satie (21.05.2015, 10:57):
Meine Lieben,

wie wäre es denn, wenn wir mal einen Thread zu Konzertführern starten? Natürlich sollen hier alle angesprochen sein, die einen solchen besitzen. Ich fände eine Bestandsaufnahme nicht schlecht.

Konzertführer sind in den meisten Fällen Gemeinschaftswerke und nicht wie bei Kaiser ein Panorama der eigenen Top-100 bzw. dessen, was man für die Top-100 "des Klassikfreundes" hält. Meiner Ansicht nach verderben hier nicht viele Köche den Brei, sondern steuern hochwertigere Zutaten bei.

Ich habe bei Amazon einmal das Stichwort Konzertführer eingegeben, da kommen um die 300 Resultate, aber wenn man genauer schaut, sind vor allen Harenberg und Reclam ganz vorne dabei (auch was die Kundenbewertungen betrifft). Interessant könnten die epochen- oder gattungsspezifischen Konzertführer sein.

Ich selber besitze keinen einzigen, deshalb würde es mich besonders interessieren, was da auf dem Markt, bzw. in den Regalen ist. Für meinen Theorieunterricht hatte ich mir einmal das DK-Buch klassische Musik gekauft, wegen der Anschaulichkeit für Schüler, aber das ist natürlich extrem oberflächlich. Auch diesbezüglich würde mich ein Überblick interessieren.

Herzlich

Satie
Peter Brixius (21.05.2015, 11:35):
Lieber Satie,

da bin ich gerne dabei (nicht zuletzt mit "historischen" Exemplaren) Um den Blick zu schärfen: Es ginge in erster Linie um Werkführer, in denen Einführungen/Informationen über einzelne Werke enthalten sind, sind wir das einig? Es gibt ja Werkführer, die sind auf einen Komponisten beschränkt (etwa zu Beethoven und Mozart) andere sogar auf eine Gattung (Haydns Sinfonien, Mahlers Sinfonien). Sollten wir solche Führer erst einmal außen vor lassen?

Dann gibt es Führer, die sich auf bestimmte Genres beschränken (wie ein Opernführer) - einbeziehen oder auslassen? Ich habe mehrere Opernführer als Schallplatten- (Blyth z.B.), bzw. CD-Führer. Schallplattenführer wären doch als Konzertführer allgemein genehm, denke ich.

Liebe Grüße Peter
satie (21.05.2015, 13:36):
Lieber Peter,
denke, Deine Vorschläge sind absolut sinnvoll.
Es wäre wohl am besten, Konzertführer allgemeiner Natur zuerst zu behandeln, bei denen Werke betrachtet werden. Reine Orchester- oder Kammermusikführer wären meiner Ansicht nach ok, solange sie nicht noch spezifischer sind.

Würdest Du den Thread eröffnen wollen (ohne Stress natürlich!)? So, jetzt aber genug off topic...

Herzliche Grüße

Satie
Hosenrolle1 (21.05.2015, 14:25):
Wollte nur anmerken, dass mich so ein Thread ebenfalls sehr interessieren würde!




LG,
Hosenrolle1