Heike (17.07.2011, 22:35): Hallo liebe Forianer, weil es schon so lange kein Ranking gab, mache ich mal wieder eins.
Was sind eure 10 liebsten Kammermusikwerke? Erlaubt ist alles, was Kammermusik ist - also ich lege mal eine Besetzung von zwei bis neun Instrumenten fest (Solostücke, egal ob Klavier, Geige, Cello oder sonstiges, bleiben also draußen).
Was hört ihr also am liebsten? Begründung kann sein, muss nicht: ebenso ist die Lieblingsaufnahme fakultativ. Meine Liste folgt später. Heike
EinTon (18.07.2011, 22:12): Nun, von mir kein echtes Ranking (ist mir so gut wie unmöglich), stattdessen eine etwas willkürliche Auswahl gewisser Lieblingswerke quer durch die Musikgeschichte. Ich hätte aber - ehrlich gesagt - oft auch andere Werke vom selben Komponisten nennen können... Wie man sieht, habe ich eine Vorliebe für reine Streicher-Kammermusik:
Beethoven: Streichquartett op 59/1
Beethoven: Erzherzogtrio
Schubert: Streichquintett
Brahms: 2. Streichsextett
Webern: 6 Bagatellen für Streichquartett (faszinierende, atonale Soundscapes, ein typischer frei-atonaler Webern!)
Ligeti: 2. Streichquartett (da empfehle ich die klanglich brilliante Aufnahme mit dem Artemis-Quartett!)
Lachenmann: Gran Torso (mit brutalen Knirsch- Knarz und Krachgeräuschen schlechthin die Antithese zum *besinnlich-gefühlvollen* Kammermusikklischee http://www.smiliemania.de/img/00000297.gif )
Feldman: The Viola in my Life
Boulez: Derive (jaja, nicht so berühmt wie der “Marteau”, klingt aber - für meine Ohren - *besser* ;) )
(als 11. käme noch das Sextett für Schlag- und Tasteninstrumente von Steve Reich hinzu. Und dann noch das 2. Streichquartett von Janacek („Intime Briefe“ - ebenfalls gut mit Artemis!)
Jürgen (18.07.2011, 22:36): Bei mir sieht das sehr übersichtlich aus.
Mein Einstiegsstück in die Kammermusik war einst (und ich höre es immer noch gerne) das Klaviertrio Nr.2 d-moll (Trio élégiaque) op.9 von Rachmaninov.
Das Klaviertrio Nr.2 von Shostakowitsch ist auch hervorragend.
Große Klasse ist das Streichquartett Nr.14 d-moll D.810 (Der Tod und das Mädchen) von Schubert.
Dann gibt es noch die Franzosen: Ravel & Debussy mit Klaviertrios und Streichquartetten. http://ecx.images-amazon.com/images/I/31nn0ckOeLL._AA115_.jpg
Grüße Jürgen
Heike (18.07.2011, 23:27): Ok, Ranking ist auch gemein, sagen wir mal die liebsten 10 in beliebiger Reihenfolge.
Bei mir auch recht streicherlastig:
Biber- Rosenkranzsonaten J.S. Bach: Musikalisches Opfer Beethoven: Quartett op. 130 mit Großer Fuge (stellvertretend für alle Quartette) Schubert: Der Tod und das Mädchen Schubert: Streichquintett Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 8 Janacek: Streichquartett Nr. 2 Intime Briefe Britten Streichquartett Nr. 1
Zwei heb ich mir noch auf, da kann ich mich nicht entscheiden. Vielleicht Schostakowitschs Cellosonate, oder zurück zu Beethoven (Kreutzersonate), oder doch was von Brahms? Oder Bartok, Dvorak? Ich muss mal wieder mehr Kammermusik hören.... Heike
Cetay (inaktiv) (19.07.2011, 16:50): Rankings sind eine wunderbare Möglichkeit eigene alte Beiträge zu recyclen (zitieren, abschreiben) und so die momentane Schreibflaute zu kaschieren.
Ich bevorzuge ganz klar die Orchestermusik. Traditionelle Kammermusik langweilt mich meist nur; wenn ich kleine Besetzungen hören möchte, gibt mir der Jazz ungleich mehr. Ich habe mal eine große Lupe hervorgeholt und meine Sammlung nach den seltenen Kammermusik-CDs durchforstest.
Ganz vorne (natürlich, denn das hatte ich im Ranking "das Wichtigste" sogar an die Nr. 1 aller Werke gesetzt):
Morton Feldman; Why Patterns? Irgendwer hat mal geschrieben, dass er nach intensivem Genuß von Feldmans Musik beim Blick aus dem Fenster den Eindruck hatte, alles spiele sich in Zeitlupe ab, selbst die Autos würden scheinbar im Schritttempo die Strasse entlang fahren. In der Tat kenne ich keine andere Musik, die eine vergleichbar entschleunigende Wirkung auf mein Gemüt hat. Dabei brauche ich noch nicht mal intensiv zuzuhören; es reicht, dass diese Klänge im Raum sind, dann wird das Denken im Kopf langsamer und ich beginne kleine Details um mich herum wahrzunehmen, die sonst von der Alltagsmühle weggespült werden. Feldman versetzt mich in eine eigene Welt, wobei ich den Verdacht habe, dass diese Welt eigentlich die "richtige", dem menschlichen Dasein angemessenere ist. Feldman hat sich dagegen gewehrt, dass man ihn mit Meditationsmusik in Verbindung bringt. Völlig zurecht, denn Meditationsmusik ist bewußt dazu gemacht, den Hörer zur Kontemplation zu bringen (und wird diesem Anspruch selten gerecht). Bei Feldman sind die Klänge zweckfrei einfach das, was sie sind - und erledigen die kontemplative Wirkung quasi als Nebeneffekt.
B. A. Zimmermanns Klaviertrio Presence habe ich erst unlängst entdeckt und begeistert folgendes kundgetan: ein Fest an vielschichtigen Stimmungen, unerhörten Klängen, greifbaren Formen, ständig wechselnden instrumentalen Settings, mit Steigerungen, Ausbrüchen, Ruhephasen - stets köheränt und willkürfrei, einen regelrechten Sog erzeugend und eine atemberaubende Spannung aufbauend.
Was noch? Xenakis! Und zwar Anaktoria für Streichquartett, Kontrabass, Klarinette, Horn und Fagott. Die Energie, die hier vermittelt wird, ist mit Worten nicht mehr zu beschreiben (außer, dass Mitglieder des Octour de Paris von einer länger anhaltenden Unfähigkeit, danach Mozart zu spielen, berichten - nicht nur, weil die Instrumente so mitgenommen sind, sondern auch die Physis). Unter anderem benutzt Xenakis hier die Dichteschwankungen der Luft bei der Schallausbreitung als Kompositionsgrundlage, was zu Resonanzeffekten führt, die manchen Klängen eine unglaubliche subjektive Lautheit verschaffen - die Töne scheinen direkt im Ohr des Hörers anzuschwellen. Das Ganze wird in eine bezwingende Form gegossen, die dieses 13-minütige Klanggetöse fast "klassisch" wirken läßt.
Überhaupt findet bei der Kammermusik noch viel mehr als bei der Orchestermusik das Interessantere im Bereich der Neuen Musik statt. Isang Yun und Volker David Kirchner zum Beispiel. Statt weiterem Namedropping nur noch ein besonders gelungenes Beispiel: Bernhard Gander; ö für Bassflöte, Bassklarinette, Viola, Violoncello und Akkordeon (2005). Die Widmung an Motörhead gibt einen gewissen Fingerzeig.
Unter den "echten" Klassikern fallen mir zunächst die Franzosen ein:
Ravel; Sonate für Violine und Klavier (Kang, Devoyon / Naxos) Ravel; Streichquartett (Kodaly / Naxos) Debussy; Sonate für Violine und Klavier (Kang, Devoyon / Naxos) Debussy; Streichquartett (Kodaly / Naxos)
Dann als besonders geschätze Gattung das Klarinettenquintett mit Hindemith, Brahms (besonders düster: Karl Leister & Vermeer Quartett) und Mozart. Von letzerem mag ich auch das Kegelstatt-Trio (Klarinette, Bratsche, Klavier) sehr gerne und von Brahms noch die Klarinettensonaten op. 120. Unter den Beethovenschen Streichquartetten ist Op. 95 ein echter Reisser. Und dann gibt es noch das spannend besetzte (Voiline, Cello, Klarinette, Klavier) Quartour pour le fin du temps von Messiaen.
Jetzt ist doch genug für ein Ranking (ist mir immer möglich) zusammengekommen:
1. Feldman; Why patterns? 2. Yun; Concertino für Akkordeon und Streichquartett 3. Gander; ö 4. Xenakis; Anaktoria 5. Ravel; Violinsonate 6. Kirchner; Mysterion für Altflöte, Horn, Viola d'amore, Violoncello 7. Janacek; Mládi (das Bläsersextett (die traditionelle Besetzung wird um die Bassklarinette erweitert) ist umwerfend. In dieser gar nicht nach Alterswerk klingenden Suite zieht der 70 jährige Komponist alle Register. Er stellt kontrastreich Stimmungen von Melancholie bis zur heiteren Ausgelassenheit gegenüber und bleibt dabei -durch raffnierte thematische Verklammerungen- immer kohärent. Eine echte Entdeckung) 8. Cage; Five 3 für Posaune und Streichquartett 9. Hindemith; Klarinettenquintett 10. Brahms; Klarinettensonate op. 120/1
Wären 13 Instrumente erlaubt, stände die Gran Partita irgendwo weit vorne.
Heike (19.07.2011, 16:58): Rankings sind eine wunderbare Möglichkeit eigene alte Beiträge zu recyclen (zitieren, abschreiben) und so die momentane Schreibflaute zu kaschieren. :beerJa genau - und ich hab (angesichts der Sommerpause in den Opern und Konzerthäusern) unglaublich viel Zeit und werde bis Ende August wahrscheinlich noch einige Threads produzieren :-)
Danke für deine wiedermal äußerst inspirierende Liste v.a. in Bezug auf jüngere Musik! Heike
Armin70 (19.07.2011, 17:19): Die Kammermusik ist bei mir zwar nicht so zahlreich vertreten im Gegensatz zu Orchesterwerken aber einige meiner liebsten Kammermusikwerke in beliebiger Reihenfolge sind diese:
- Brahms: Klarinettenquintett - Reger: Klarinettenquintett - Mozart:Klarinettenquintett - Debussy: Trio für Flöte, Bratsche und Harfe - Janacek: 1. Streichquartett (da Heike das 2. Streichquartett nannte, nehme ich das erste :wink) - Ravel: Klaviertrio - Ravel: Introduction & Allegro für Harfe, Flöte, Klarinette und Streichquartett - Schubert: Streichquintett - Messiaen: Quatour pour la fin du temps - Bach: Goldberg-Variationen (Streichtrio-Fassung von Dimitri Sitkovetsky)
Auch sehr hübsch sind meiner Meinung nach noch die Bläser-Kammermusiken von Jean Francaix und Francis Poulenc.
Armin
EinTon (19.07.2011, 21:32): Original von Cetay
Wären 13 Instrumente erlaubt, stände die Gran Partita irgendwo weit vorne.
Dann stünde bei mir die Kammermusik Nr. 1 von Hindemith (Streichquartett, Kontrabass, Flöte, Klarinette, Fagott, Trompete, Klavier, Akkordeon, Schlagzeug (1 Spieler)) irgendwo weit vorn, und zwar in der Aufnahme mit dem Ensemble Modern unter Markus Stenz - die Aufnahmen in die ich sonst noch so reingehört habe (ja, zugegebenermaßen nur reingehört, ich weiss...) scheinen mir einfach nicht diesen Groove im Schlußsatz hinzubekommen.
Nordolf (20.07.2011, 19:50): Hallo!
Aufgrund dieses Threads habe ich gestern und heute intensiv Kammermusik gehört. Daher hier jetzt meine Lieblinge:.
Zunächst wären da die späten Streichquartette von Beethoven:
Ludwig van Beethoven: Streichquartett B-Dur Op. 130 (in der ursprünglichen Version mit der Großen Fuge B-Dur Op. 133 als letzten Satz) Streichquartett Cis-Moll Op. 131 Streichquartett A-Moll Op. 132 Streichquartett F-Dur Op. 135
Bei diesen Werken stehen unterschiedliche Stimmungen nebeneinander. Ein Überfluß an musikalischen Themen wird in den einzelnen Sätzen verarbeitet. Die Große Fuge ist etwas ganz Gewaltiges, Monolithisches – ähnlich dramatisch und streng wie der 1. Satz der 5. Symphonie. Den letzten Satz des F-Dur-Quartetts empfinde ich in seiner Zerrissenheit als sehr modern.
Zu meinen großen Favoriten gehören die beiden spätromantischen Russen:
Peter I. Tschaikowsky: Klaviertrio op. 50 Sergey Rachmaninoff: Klaviertrio Nr. 2 “Trio Elegiaque” op. 9
Sie sind so voller typisch russischer Wehmut, Nostalgie und Melancholie, deren Pathos genau meinen Geschmack trifft. Der erste Satz des Rachmaninov-Trios gehört zu den düstersten Klängen, die ich aus der russischen Spätromantik kenne: - besonders in der Aufnahme mit Leonid Kogan (Violine), Fiodor Luzanov (Cello) und Evgeny Svetlanov (Klavier) von 1973. Das Tschaikowsky-Werk höre ich am liebsten mit dem Borodin-Trio.
Kurt Atterberg: Sonate für Cello und Klavier op. 27
Auch dieses Werk des schwedischen Komponisten Atterberg aus dem Jahre 1925 steckt voller schöner, wehmütiger Melodien und verführt zum schwelgen. Man höre nur den verträumten 2. Satz…
Othmar Schoeck: Notturno für Bassbariton und Streichquartett op. 47
Othmar Schoecks Musik steht zwischen Spätromantik und modernen expressionistischen Klängen: - sie weist eine gewisse Nähe zu Hans Pfitzner und zu Alban Berg auf. Schoeck vertont hier Gedichte von Nikolaus Lenau und schließt mit einem Text von Gottfried Keller. Es geht um die Vergänglichkeit in der Natur, die die Sterblichkeit des Menschen widerspiegelt. Trotz einiger auffahrender Gesten scheint mir die introvertierte Musik nicht nur melancholisch, sondern geradezu depressiv zu sein. Einige Male geht Schoeck an die Grenzen der Tonalität: - etwa wenn er die Streicher dissonante pfeifende Töne spielen lässt.
Giacinto Scelsi: Quartetto N. 2 (1961)
Ein hochspannendes Werk stellt dieses moderne Streichquartett dar. Die Streicher spielen langgezogene Töne und Klangflächen, die dann in fließende Auf-und-Abbewegungen geraten. Es klingt fast als würden die Streicher miteinander in einer lauten Meditation brummen, summen und chanten. Manchmal meint man für einige Momente gar eine Sitar herauszuhören. Aufgrund der rythmischen Bewegtheit trägt die Musik einen stark rituellen Charakter. Dadurch entsteht ein entrückt-mystischer Klangraum, der mir recht deutlich zu den spirituell-okkulten Ansichten des Komponisten zu passen scheint.
Toru Takemitsu: And then I knew’t was Wind für Flöte, Bratsche und Harfe
Was der postmoderne Impressionismus vermag, kann man in diesem Werk aus dem Jahre 1992 hören. Die Musik soll nach dem Willen des Komponisten die Bewegungen von Wasser und Wind darstellen. Es gibt schon eine gewisse Nähe zu Debussy, aber Takemitsu ist experimenteller. So verlassen die Klänge der Instrumente immer wieder die harmonischen Strukturen, um sich in reine Naturtöne zu verwandeln. Die Komposition könnte geradezu die Musik zu einem Naturgemälde sein.
So - das sind jetzt schon 10 Werke, aber eigentlich müssten hier auch noch die Cellosonaten von Rachmaninov und Schostakowitsch stehen, vielleicht auch dessen Klaviertrio Nr. 2 und auf jeden Fall Schuberts Sonate für Arpeggione und Klavier…
:hello Jörg
Heike (21.07.2011, 19:16): Lieber Jörg, Giacinto Scelsi: Quartetto N. 2 (1961) Ich habe vor nicht allzu langer Zeit mal ein Streichquartett von Scelsi gehört, in dem ein Satz nur eine Variation über einen einzigen Ton war - ist das dieses, das du beschrieben hast? Das fand ich jedenfalls ahrlich spannend. Heike
Nordolf (22.07.2011, 22:53): Hallo Heike!
Im Streichquartett Nr. 2 steht die Note G im Mittelpunkt - vielleicht ist es wirklich dieses. Allerdings hat Scelsi das ja in mehreren Werken so gemacht, z.B. in den "Quattro Pezzi su una nota sola" für Kammerorchester. Die anderen Streichquartette von ihm kenne ich leider nicht.