manrico (23.07.2007, 15:39):
Nachdem in Wien gerade Karajans Paglicci-Einspielung um nicht ganz 7€ zu haben ist (die Cavalleria vermutlich auch, aber die gab's nicht mehr) und mich Jimi letzthin gefragt hat, was ich von der Cavalleria halte, hab ich mir gedacht, ich verschaff mir einmal einen Eindruck von seiner Paglicci-Vorstellung.
Also, ich muss sagen, der Wunsch, auch Karajans Cavalleria kennenzulernen, halt sich in mäßigen Grenzen.
Im aufwändig gestalteten Beiheft wird Karajans Leistung für den Verismo hymnisch gelobt (eine Roßkur bei der Interpretation sei notwendig gewesen) und im Übereifer des Lobens spricht der Autor zugleich das vernichtende Urteil über diese Einspielung aus: "Wir betreten die Welt Leoncavallos, und es scheint diejenige Karajans zu sein." Viel deutlicher kann man eigentlich eine Fehlinterpretation nicht mehr beschreiben.
Pagliacci spielt in Kalabrien mitten im August. In dieser Aufnahme merkt man nichts davon. Nichts von den versteckten Aggressionen, von der flirrenden Hitze, von der brodelnden Leidenschaft. Aus der sengenden Sonne Italiens ist ein überheiztes Wohnzimmer geworden. Der Sauerstoffmangel in diesem Wohnzimmer macht unsäglich müde, die Aufführung schleppt sich träge und spannungslos dahin. Die dicken, hochpolierten Orchesterwogen klingen, als hätte Richard Strauss Leoncavallos Reisser verschlimmbessert. Karajan verwechselt Vulgarität und Geschmacklosigkeit (die dem Werk und desssen bisherigen Interpretationen im Einführungstext vorgeworfen wird) mit Hochdramatik. Im Bestreben das Stück für ein Festspielpublikum mit verfeinerten Sinnesnerven hörbar zu machen, erstickt er es einfach mit Richard Strauss. Überheizter Salon anstelle von sengenden Hauswänden. Schade um das Potential, das man aus den an sich sehr guten Sängern hätte herausholen können.
Liebe Grüße
Werner