Kinder als Gesangssolisten

Kantate (11.06.2008, 14:14):
Liebe Foristen,

habe gestern eine Filmaufnahme des Tölzer Knabenchores gesehen, bei der gute Knabenstimmen als Solisten in der Oper "Die Zauberflöte" und in dem Weihnachtsoratorium von Bach aufgetreten sind.
Der schätzungsweise 8jährige Knabe tat sich sichtlich schwer beim Gesang der Pamina im Zusammenhang mit den 3 Knaben. An Ende der Arie war er so ziemlich fertig! Seine Körpersprache zeigte es deutlich.
Beim Weihnachtsoratorium sang derselbe Knabe, allerdings war er da ein wenig älter.
Ich frage mich und besonders Foristen vom Fach Gesang, ob man da nicht die Kinder ein wenig überfordert.

Der Junge, so schön er auch gesungen hat, war beide male so ziemlich außer Atem.

Sangesfreudige Grüße,

Kantate
Jürgen (11.06.2008, 15:58):
Original von Kantate
Ich frage mich und besonders Foristen vom Fach Gesang, ob man da nicht die Kinder ein wenig überfordert.
Der Junge, so schön er auch gesungen hat, war beide male so ziemlich außer Atem.


Hallo Kantate,

Deine Frage möchte ich aus einem anderen Blickwinkel anders stellen.
Mein Sohn, auch 8 Jahre alt, ist, wenn er bei einem Schwimmwettkampf aus dem Becken steigt, auch ziemlich außer Atem.
Nun bin ich zwar nicht vom Fach Gesang, glaube aber zu wissen, dass Singen, obwohl nicht olympisch, anstrengend sein kann und auf Dauer Kondition erfordert.
Ich glaube, dass man auf Grund der Tatsache außer Atem zu sein, noch nicht unterscheiden kann, ob der Knabe ge- oder überfordert war.
Aber gut, ich bin nicht vom Fach. Vielleicht muß ein Sänger, anders als ein Sportler, seine Darbietung mit einem Lächeln im Gesicht und mit Ruhepuls hinlegen. :wink

Grüße
Jürgen
Kantate (11.06.2008, 18:31):
Das ist eben die Frage, Jürgen, ob der Knabe ge- oder überfordert war.

Wäre ich geschickt im Verlinken, würde ich das Youtube der Tölzer einmal ins Netz stellen, damit man sich das anschauen kann.
An einer Stelle der Arie der Pamina, nämlich beim höchsten Ton, zeigt seine Körpersprache eine deutliche Angst vor der Höhe, und der Ton kommt reichlich gedrückt, ja sogar "geschrien" heraus! Schade!
Die Bach-Arie war da schon besser gelungen. Da war er etwa 12 Jahre.

Sangesfreudige Grüße,

Kantate :wink
Sarastro (12.06.2008, 00:32):
Liebe Kantate,
zunächst einmal auch von mir ein herzliches Willkommen.
Zu Deinem Problem kann ich nichts Kompetentes beitragen, mir fallen dabei nur die herrlich lebensechten Skulpturen der jugendlichen Sänger von Luca della Robbia aus dem 15. Jahrhundert in Florenz ein ... Da schauen die Buben auch schon ziemlich angespannt und angestrengt drein - aber sie scheinen mit ziemlicher Begeisterung bei der Sache zu sein, nicht wahr?
http://www.bluffton.edu/~sullivanm/italy/florence/duomomuseo/cantoriadellarobbia.html

Herzliche Grüße,
Sarastro
Solitaire (13.06.2008, 10:03):
Hallo Kantate!
Original von Kantate
An einer Stelle der Arie der Pamina, nämlich beim höchsten Ton, zeigt seine Körpersprache eine deutliche Angst vor der Höhe, und der Ton kommt reichlich gedrückt, ja sogar "geschrien" heraus! Schade!
Die Bach-Arie war da schon besser gelungen. Da war er etwa 12 Jahre.

Je nun, Kinder sind ja, so schön die Stimmen auch sein mögen, noch Laiensänger, sie haben vermutlich vor einem hohen Ton tatsächlich ebenso einen Höllenrespekt, wie ihn Juan Diego Florez vor den legendären neun hohen C's in "Pour mon ame!" auch hat. Im Gegensatz zu Herrn Florez haben sie aber wohl einfach ihre Körpersprache und Mimik noch nicht so im Griff, daß man ihnen das nicht anmerken kann.
In unserem Laienchor haben große Teile des Soprans (meine Wenigkeit eingeschlossen) bei bestimmten Stellen (Mozart-Requiem: "Salva me fons pietatis"!) auch immer Panik im Blick :Jleicht Unser Chorleiter sagt bei sowas immer: "Ich iwll keine Hörnchen auf der Stirn und keine ängstlichen Blicke sehen. Singen macht Spaß!" Der hat leicht reden, der muß ja auch nur mit dem Dirigentenstab trumfuchteln :wink
Im allgemeinen finde ich Knabenstimmen in der Zauberflöte immer sehr schön und höre sie lieber als erwachsene Sopranistinnen.
Kantate (13.06.2008, 10:26):
Hallo, Sarastro,

besten Dank für deinen Willkommensgruß und deinen Beitrag!

In der Chorprobe, letztens, habe ich etwas Interessantes dazu gelernt:

Wir hörten einen Ausschnitt aus einer Chorprobe, die Rudolf Mauersberger mit seinem Chor, dem Dresdner Kreuzchor, gehalten hatte.
Er probte die selbst komponierte Trauermotette ein. "Wie liegt die Stadt so wüst". Eine Motette, die er auf der Grundlage des Geschehens, der totalen Zerstörung Dresdens, komponiert hatte, und bei der er selbst stimmlich zu Schaden gekommen war.

Bei der gesamten Wiedergabe der Motette, die der Chor lupenrein sang, fiel auf, dass der Sopran mit Lockerheit das h" erreicht hatte.

Unser Dirigent sagte zu dieser "Lockerheit", die Ursache läge darin, dass bei den Knaben der "Registerumschaltknopf" von der Bruststimme in die Kopfstimme (ich nenne das einmal so) höher liegt, als bei den Frauen. Die Buben im Sopran fühlten sich geradezu wohl in dieser Höhe, so unser Dirigent.

Kurzum, man braucht sich wohl keine Sorgen um die zarten Kinderstimmen in höchsten Höhen zu machen, wohl aber kann ich mich des Eindrucks nicht verwehren, dass es den Kindern an Atenkapazität fehlt, im Vergleich zu den Frauen.

Es ist trotzdem beeindruckend, was Kinder als Solisten leisten können, wenn sie professionell geführt werden!

Ich danke für die Aufmerksamkeit!

Kantate :wink
Kantate (13.06.2008, 10:33):
Liebe Solitaire,

ich stimme dir voll zu! Ich finde sie auch toll, die Knabenstimmen!

Google doch einmal unter dem Namen "Alexander Lischke" oder Youtiube Zauberflöte - Drei Knaben - Tölzer Knaben! Dort findest Du einige Aufnahmen!

Kantate ;-)
Tranquillo (13.06.2008, 13:44):
Hallo zusammen,

zu Bachs Zeiten war es meines Wissens Frauen verboten, in der Kirche zu singen ("Mulier tacet in ecclesiam"). Demzufolge wurden nicht nur im Chor, sondern auch bei den Solisten die Sopran- und Altpartien mit Knaben besetzt. Teilweise hat man mehr oder weniger konsequent versucht, bei Aufnahmen diese historisch korrekte Besetzung umzusetzen, das Ergebnis ist jedoch nicht immer überzeugend gewesen. Gustav Leonhardt hat beispielsweise in seiner Aufnahme der Matthäus-Passion sowohl Alt- als auch Sopranpartien mit Knaben besetzt (ähnlich Gerhard Schmidt-Gaden in seiner Gesamtaufnahme der "Kleinen geistlichen Konzerte" von Schütz). Leusink lässt in seiner Gesamtaufnahme der Bach-Kantaten nur die Sopranpartien von einem Knaben singen, für die Altpartien nimmt er einen erwachsenen Altus. Andere Dirigenten (z. B. Herreweghe) verwenden konsequent Frauenstimmen im Sopran, weil die Knabenstimmen ihren künstlerischen Ansprüchen nicht genügen. Koopman besetzt sogar die Altstimmen teilweise mit Frauen.

Was ich persönlich an Knabensolisten nicht so ansprechend finde, ist neben der mangelnden Stimmkraft (kleinerer Körper, geringeres Atemvolumen) auch eine fast immer vorhandene Unsicherheit bei der Intonation sowie eine gewisse Monotonie im Ausdruck, die bei Solisten mehr zum Tragen kommt als beim Chorgesang - trotzdem ist das in diesem Alter natürlich eine gewaltige künsterische Leistung, die ich keineswegs schmälern will. Beim Hören von Werken mit anspruchsvollen Soli ziehe ich jedoch erwachsene Sänger vor - vermutlich hätten das auch Bach und Schütz bei der Besetzung getan, wenn es damals möglich gewesen wäre. Die extrem anspruchsvollen "Cantiones sacrae" von Schütz beispielsweise kann ich mir nicht mit Knabensolisten vorstellen und habe sie auch noch nie in dieser Besetzung gehört.

Viele Grüsse
Andreas
Zelenka (13.06.2008, 14:31):
Lieber Andreas:

"Mulier taceat in ecclesia" ... Im übrigen schließe ich mich Deinen Äußerungen an, obwohl ich den Knaben Roy Goodman unter David Willcocks in Allegris "Miserere" (Decca) nicht missen möchte!

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41YFYN1FK9L._SL500_AA240_.jpg

Gruß, Zelenka
ab (14.06.2008, 00:04):
Original von Tranquillo
Andere Dirigenten (z. B. Herreweghe) verwenden konsequent Frauenstimmen im Sopran, weil die Knabenstimmen ihren künstlerischen Ansprüchen nicht genügen. Koopman besetzt sogar die Altstimmen teilweise mit Frauen.


Herreweghe hatte im Konzert auch im Alt Frauen, verstärkt um einen Countertenor. Faszinierend, wie die Damen es schafften, ihren Klang dem männlichen Kolorit anzupassen, als sänge ein einziger Countertenor!
:down

Bei Harnoncourts erstem Weihnachtsoratorium singt auch ein Wiener Sängerknabe. Das ist allemal um Welten besser als wellenreitende Sopranistinnen...

(by the way: In Österreich hatten wir sogar mal in den 80ern einen Vizekanzler der dereinst Solosängerknabe war und es sogar davon Aufnahmen geben soll. Wo man singt, da lass' dich nieder?)
Tranquillo (14.06.2008, 20:29):
Original von Zelenka
Lieber Andreas:

"Mulier taceat in ecclesia" ...
Lieber Zelenka,

oha, natürlich hast Du recht. Es ist schon 30 Jahre her, dass ich Lateinunterricht hatte - da ist das Gelernte nicht mehr ganz so frisch im Gedächtnis :D

Viele Grüsse
Andreas
Kantate (18.07.2008, 11:17):
Lieber Tranquillo, um auf Deinen Beitrag vom 13.Juni einzugehen: Ja, erwachsene Solostimmen klingen kräftiger, sicherer, sind schneller und mit weniger Aufwand einstudiert. Stimmt! - Mich reizt trotz allem die Knabenstimme oder auch Mädchenstimme, wenn sie annähernd ihre Sache so professionell macht, wie die Erwachsenenstimme!
Auf "You Tube" gibt es einen Knaben zu hören und zu sehen, dessen stimmliche Entwicklung man sehr gut verfolgen kann: Während er als etwa 10-Jähriger die Pamina zusammen mit den 3 Knaben vorsang, war es kurz darauf schon eine Bach-Arie aus dem Weihnachtsoratorium (WO) und wieder später eine Bach'sche Motette "Jesu, meine Freude". Es ist Alexander Lischke, falls Interesse besteht, einmal reinzuhören. Das Kind hat sich m.E. ganz schön gemausert!
Auch bei den Wiener Sängerknaben gibt es einen, der so richtig "Karriere" gemacht hat. Sehr kultiviert sang er schon als etwa 13-Jähriger das "Ständchen", heute ist er nach wie vor solistisch tätig. Als Altus kann man ihn auf "You Tube" sehen und hören. Es ist Terry Wey.

Freundliche Grüße,

Kantate :wink
Kantate (12.08.2008, 23:02):
Möchte doch noch einmal auf das Thema zurückkommen:
Wenn man sich bei You Tube die Projekte der prominenten Kinderchöre anschaut, dann wird man fündig!
Wunderbare Szenen sind dort festgehalten worden! Brillante musikalische Leistungen haben die Kinder des Tölzer Knabenchors und der Wiener Sängerknaben vollbracht! Da staunt man nicht schlecht, was man so alles aus begabten Kindern herausholen kann!
Besonders die beiden Mozart-Werke stachen mir ins Auge, nämlich "Apollo und Hyazinthus" und "Bastien et Bastienne". Zwei Opern, geschrieben vom 11-jährigen Mozart, und für das entsprechend junge Alter zum Singen bestimmt! - Zwei wunderbare Werke, die, von Kindern zauberhaft gespielt und gesungen, Schule machen sollten! - Von den drei Knaben aus der Zauberflöte, von denen sie nicht weniger, als 2Tausend aufgeführt haben, ganz zu schweigen!

Das Interessanteste an Kindern als Gesangssolisten ist ja das Atypische!

Ruhet wohl.....

Kantate :wink
Solitaire (13.08.2008, 09:12):
Original von Kantate


Ruhet wohl.....

Kantate :wink
Na super, jetzt hab ich 'nen Ohrwurm :rofl
Vermutlich werden sich meine Kollegen gleich wundern, warum ich immer irgendwas von "heiligen Gebeinen" vor mich her trällere und glauben, sie hätten sich verhört...
Wir haben im Chor Karfreitag die Johannespassion in der Einrichtung von Robert Schumann gesungen, da gab es bei den Chorälen auch einen kleinen Kinderchor. Die haben die Choräle zwar nicht komplett allein gesungen (wie Schumann es, glaube ich, eigentlich vorgesehen hatte), dafür waren es zu wenige, aber es war trotzdem sehr schön.

Im übrigen Weihnachtet es im Chor gerade kräftig: Vaughan Williams, Fantasia on Christmas Carols. Zur Abwechslung, und damit es nicht zu gemütlich wird, gibt es aber auch ein bißchen Peter Eben :I
Tranquillo (13.08.2008, 10:59):
Original von Solitaire
Original von Kantate


Ruhet wohl.....

Kantate :wink
Na super, jetzt hab ich 'nen Ohrwurm :rofl
Vermutlich werden sich meine Kollegen gleich wundern, warum ich immer irgendwas von "heiligen Gebeinen" vor mich her trällere und glauben, sie hätten sich verhört...
Das ist, wenn ich mich richtig erinnere, der Schlusschor der Matthäus-Passion...

Im übrigen Weihnachtet es im Chor gerade kräftig: Vaughan Williams, Fantasia on Christmas Carols. Zur Abwechslung, und damit es nicht zu gemütlich wird, gibt es aber auch ein bißchen Peter Eben :I
Wenn ich an meine eigene Chorzeit zurückdenke, hat mich das immer gestört: Nach der Sommerpause beginnt die Weihnachtszeit, aber bei hochsommerlichen Temperaturen klingt das "mitten im kalten Winter" nicht sonderlich überzeugend. :D

Einerseits wettert die (evangelische) Kirche mit ihrer Kampagne "Alles hat seine Zeit - Advent ist im Dezember" gegen vorzeitigen Lebkuchenverkauf und vorzeitige Weihnachtsdekoration, und dann sowas...

Viele Grüsse
Andreas
Kantate (13.08.2008, 14:26):
Nein! "Ruhet wohl" ist der vorletzte Satz aus der Johannes-Passion!
In der MaPa heißt es "Wir setzen uns mit Tränen nieder".
So, meine liebe Solitaire, nun hast du einen weiteren Ohrwurm! - Und deine Kollegen werden wohl die Vermutung äußern, dein Kanarienvogel sei vielleicht gestorben . :)

Sind nicht auch die Passionen und Oratorien von Bach für Kinderstimmen komponiert worden? Auch die Arien daraus?
Ich finde es jedenfalls eine grandiose Leistung, wenn Kinder sich an solch einen hohen Schwierigkeitsgrad heran wagen! Natürlich unter Anleitung!
Schaut mal bei You Tube rein! Die Operntitel einzugeben dürften genügen!
Ich verstehe nix vom Verlinken. Ist mein Problem!

Singfreudige Grüße,

Kantate :wink
Kantate (13.08.2008, 14:29):
Lieber Tranquillo, ich sehe, dass du den gleichen Leitsatz unten stehen hast, wie ich. - Allerdings ein wenig anders.
Welcher ist nun der originale Leitsatz?

Kantate
Solitaire (14.08.2008, 08:00):
@Kantate
Wie immer der Satz im Original lautet, er stimmt. Ich habe kürzlich zwei Versionen von Lucias Wahnsinnszene hintereinander gehört. Eine von einer recht ordentlichen Sopranistin (deren Namen ich schon wieder vergessen habe), sie hat die Noten gesungen und nixhts als die Noten. Danach Natalie Dessay, die einem Schauder des Entzückens und des Mitgefühls über den Rücken jagd.

Was den Ohrwurm angeht: heute ist es "Oh Herr laß dein lieb' Engelein". Auf jeden Fall geht es bei mir zur zeit ziemlich sakral zu...

@Tranquillo
Ja, als Chorsänger muß man wohl damit leben, seich die "Puritani"-Elvira angeblich in drei Tagen draufgeschaufelt hat. Bei unsereins bedarf es längerer Vorbereitungszeit. :J

EDIT
Was übrigens die JoPa und die Kinderlein angeht: als wir sie in der Einrichtung von Schumann gesungen haben wurde uns von Gottlieb Blarr (der die Schumann-Einrichtung rekonstruiert und im Konzert mitgewirkt hat hat) erzählt, daß ein Grund warum Schumann Kinder für die Choräle wollte vermutlich ein ganz profaner war: singende Kinder bringen ein Elternpaar, und wenns richtig gut läuft sogar zwei Großelternpaare mit zum Konzert. Das bringt Geld in die Kasse und Geld war bei Kulturschaffenden schon immer Mangelware :D
Tranquillo (14.08.2008, 08:41):
Original von Kantate
Sind nicht auch die Passionen und Oratorien von Bach für Kinderstimmen komponiert worden? Auch die Arien daraus?
Die Tenor- und Bassarien wohl eher nicht :D

Auch bei einem "Knabenchor" braucht man zwangsläufig erwachsene "Knaben" für die tieferen Stimmen. Bei deutschen Chören werden Sopran und Alt mit Kindern besetzt, bei englischen sogar nur der Sopran (der Alt wird von erwachsenen Altisten gesungen, das hat in England eine lange Tradition).

Viele Grüsse
Andreas
Tranquillo (14.08.2008, 08:53):
Original von Solitaire
Ja, als Chorsänger muß man wohl damit leben, seich die "Puritani"-Elvira angeblich in drei Tagen draufgeschaufelt hat. Bei unsereins bedarf es längerer Vorbereitungszeit. :J
In unserem Chor wurden nach den Sommerferien immer parallel die Stücke für Totensonntag (im Kirchendeutsch "Ewigkeitssonntag") und Weihnachten geprobt - das passte für mich so gar nicht zusammen...

Bei den Kirchen werden die Kinderchöre auch gerne genutzt, um die Besucherstatistik bei den Gottesdiensten aufzupolieren: Wenn die Kinder singen, kommt halt auch die Verwandschaft mit, die sonst mit Kirche nichts am Hut hat und sonntags lieber lange schlafen will. In kleineren Kirchengemeinden, wo die Kantoren nicht speziell für die Arbeit mit Kindern ausgebildet sind, ist das musikalische Ergebnis aber oft genug einfach nur zum Weglaufen und nur für die Angehörigen erträglich.

Viele Grüsse
Andreas
satie (14.08.2008, 09:16):
Original von Tranquillo
Original von Kantate
Sind nicht auch die Passionen und Oratorien von Bach für Kinderstimmen komponiert worden? Auch die Arien daraus?
Die Tenor- und Bassarien wohl eher nicht :D

Auch bei einem "Knabenchor" braucht man zwangsläufig erwachsene "Knaben" für die tieferen Stimmen. Bei deutschen Chören werden Sopran und Alt mit Kindern besetzt, bei englischen sogar nur der Sopran (der Alt wird von erwachsenen Altisten gesungen, das hat in England eine lange Tradition).

Viele Grüsse
Andreas

Meine bahnbrechende Theorie, die sich hier geradezu aufdrängt lautet: Bach hat ALLES für Kinder geschrieben und zwar für seine EIGENEN. Von denen hatte er ja genügend im Haushalt vorrätig, um Chor und Orchester zusammenzustellen. Da die älteren dann jeweils schon im Stimmbruch waren, haben die tief gesungen. Es ist schon erstaunlich, dass die Musikwissenschaft darauf nicht längst gekommen ist. Auch das Phänomen des "Baby-Sopraninos" wird nicht ausreichend behandelt: bei Bachs mussten auch die Neugeborenen gleich ran, wie das so damals war in Familienbetrieben. Diese spezielle Klangfarbe vermisst man heute total in den Konzerten. Schade.

S A T I E
Solitaire (14.08.2008, 09:24):
Naja, was die Baby-Sopraninos nageht: die hatten wir vor eingen Jahren im Mozart-Requiem. Mitten während einer leisen Stelle im "Confutatis" (erklärte Lieblingstelle des Dirigenten) plärrt irgendwo im Publikum ein Neugeborenes los. :D
Seitdem wundere ich mich jedesmal wenn ich das Requiem auf CD höre, das es an dieser Stelle kein Babygeschrei gibt. Das nennt man wohl Pawlowsche Prägung :J
satie (14.08.2008, 09:57):
Original von Solitaire
Naja, was die Baby-Sopraninos nageht: die hatten wir vor eingen Jahren im Mozart-Requiem. Mitten während einer leisen Stelle im "Confutatis" (erklärte Lieblingstelle des Dirigenten) plärrt irgendwo im Publikum ein Neugeborenes los. :D
Seitdem wundere ich mich jedesmal wenn ich das Requiem auf CD höre, das es an dieser Stelle kein Babygeschrei gibt. Das nennt man wohl Pawlowsche Prägung :J

Na ja,
es gibt eben doch zu wenig Einspielungen, die historisch informiert sind. Das war bestimmt Süsmayer, der das aus der Partitur entfernt hat, und nun muss man das wieder notdürftig rekonstruieren. Ja, ist schon ein hartes Brot, dieser Musikerberuf...
Leif Erikson (16.08.2008, 10:32):
Kinder als Gesangssolisten neben erwachsenen guten Sängern schneiden eigentlich immer schlecht ab. Ich denke sie haben keine echte Chance ohne Kinderbonus.

Das ist auch das Problem bei der J.S. Bach GA von Brilliant. Der dort mitwirkende Holländische Kinderchor stört mich.

Die Kinder, die bei Dudamel im Orchester mitspielen scheinen großen Spaß daran zu haben und wirken nicht überfordert. Einige machen später Karriere in "richtigen" Orchestern und als Solisten. Vielleicht sollte Kindern der Status als Solist bzw. Kinderstar erspart werden.

Gruß, Leif.
Kantate (17.08.2008, 22:25):
http://de.youtube.com/watch?v=avZy1c1LJlg
http://de.youtube.com/watch?v=9_ho0rO1Omw

Liebe Foristen,

möchte doch einmal 2 Kostproben von Kindern als Gesangssolisten vorstellen, die mich besonders beeindrucken.

Es ist erstaunlich, was man aus begabten Kindern machen kann!

Eindrucksvolle Gesangsgrüße,

Kantate :wink
Leif Erikson (20.08.2008, 16:47):
Liebe Kantate,

sicher sind deine Beispiele mit das beste, was ich von Kindern gehört habe.
Aber Erwachsene singen in fast jeder Beziehung besser. Kinder können sich u.a. nicht so in die Rolle hineinversetzen wie Erwachsene.:

http://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/hnum/3505515?rk=classic&rsk=hitlist

Auch ich könnte ein Beispiel geben:

http://de.youtube.com/watch?v=OhOstwxcwWs&feature=related

Sarah Brightman und der Knabe Miles-Kingston singen "Pie Jesu" mit kitschigem Katastrophen-Hintergrund. Der Knabe singt sehr schön und Sarah Brightman hat vielleicht auch ein etwas kindliches timbre, weshalb der Knabe kaum absticht. Die Mimik von Brightman kann ich kaum ertragen aber es ist die Version von CD, die ich kenne und um Längen besser als die andere, die auch auf youtube angeboten wird. Miles-Kingston scheint sich seiner Klasse bewußt zu sein und blickt arrogant, was natürlich nicht paßt.

Gruß, Leif.
Kantate (20.08.2008, 19:52):
Schönen Dank, Leif Eriikson, für diesen Vergleich! - Ich gebe dir vollkommen Recht! Ein kitschiger Hintergrund!
Die Stimmern klingen lupenrein, keine Frage. Die Sängerin singt allerdings mit gekünseltem Vibrato. Dem Jungen fehlt es an Körperspannung beim Singen. Man sieht nur die Mundbewwegungen, mehr nicht. Kein Körpereinsatz, nichts! - Das ist bei den Tölzern anders! - Ich bewundere sie!

Schau dir doch einmal den Unterschied beim Gesang der Tölzer Knaben in der Rolle der 3 Knaben und irgend welche 3 anderen Knaben! Da ist ein Unterschied wie Tag und Nacht!

Ich werde einen Link jeweils zum Vergleich versuchen. Achtung!

http://de.youtube.com/watch?v=INixpVpSerE

http://de.youtube.com/watch?v=0pgCz-Pv9Vo

http://de.youtube.com/watch?v=zJ5zjtQy8pI

Die dritte Version ist also nicht von den Tölzern gesungen. Diese Buben zeigen mir zu wenig Körpereinsatz! Die Szene ist zweifelsfrei sauber gesungen, mehr auch nicht!

Dankeschöm noch einmal! - Ich freue mich, hier vielleicht noch ein paar Vergleiche von Kindern als Gesangssolisten zu finden!

Musikalische Grüße,

Kantate :wink
Leif Erikson (20.08.2008, 22:58):
Liebe Kantate,

mir gefallen alle drei Beispiele. Die Buben vom dritten Beispiel singen sehr mühelos und spielen gut. Das mit dem Körpereinsatz kann ich mangels Gesangsausbildung nicht so gut einschätzen.

Es ist mir noch ein Kinderstar eingefallen, der mir gut gefällt und der seine Karriere bis ins Erwachsenenalter fortsetzen konnte, Shirley Temple, zwar keine Klassik aber vielleicht klassisch:

http://de.youtube.com/watch?v=uPmeDn7wx4g


Gruß, Leif.
Kantate (25.08.2008, 10:58):
Guten Morgen, Leif,

das Kind ist ja total süß! Es hat theatermäßig bestimmt viel auf dem Kasten. Gesangstechnisch glaube ich weniger, es sei denn, das Mädchen ist große Kassiksängerin geworden? - Schönen Dank für den Link!

Einen guten Wochenstart wünsche ich allseits,

Kantate :wink
Leif Erikson (27.08.2008, 22:25):
Liebe Kantate,

ich habe in Sachen Shirley Temple nachgelesen, daß sie ihren letzten Film 1961 gemacht hat. Die weibliche Hauptrolle in "der Zauberer von Oz " hat sie nicht bekommen, weil sie als Erwachsene nicht gut genug singen konnte. Stattdessen ging die Rolle an Judy Garland.
Später war sie im diplomatischen Dienst der USA. Sie hat Karriere gemacht und wurde Botschafter in Ghana und später in der Tschechei.

Ich glaube ich bräuchte 20 Leben um soviel zu erreichen wie sie.


Gruß, Leif.
peter337 (06.01.2010, 15:19):
Meine Lieben!

Es hängt davon ab wie ein Knabensopran geführt wird. Ich selbst habe an die 180 mal, also lange Jahre an der WStO, dem Theater a.d.Wien und in der Volksoper den Ersten Knaben gesungen, und Karl Böhm und Herbert v. Karajan sowie Joseph Krips verlangten immer mich, aber auch Hilde Güden und Wilma Lipp mit denne mich eine herzliche Freundschaft, bei Hilde Güden auch durch ihren Sohn, verband. Erna Berger hat mir 1954 geraten mit wecher Partie ich mich einsingen sollte, und ich tat dies auch .

Natürlich ist der Erste Knabe keine allzuleichte Partie, das merkte ich später, als ich mit 20 Jahren in Stimmbruch kam, weil ich zum Bundesheer musste, aber ich hatte die bekannte Wiener Kammersängerin Emmy Loose, einer Freundin meiner Mutter zur Gesangslehrerin, wo ich neben Vanillekipferln, die sie herrlich bereitete, auch immer gute Tipps zur Stimmführung bekam.

Auch der Hirte in der "Tosca" war eine der Partien, den ich sowohl in Deutsch als auch später in Italienisch sang, den hat mir wieder Franco Corelli gezeigt, wie man ihn singen sollte, was ich auch an die 80 Mal bis 100 Mal machte, selbt di Stefano war besonders begeistert von meiner Vortragsweise.

So, jetzt genug, es wissen so manche meinen Gesang - Nichtwerdegang, später, denn ich bekam einen Bariton und da gab es genug Gute, damals, und ein Mittelmäßigenr zu werden, nein dazu hatte ich keine Lust.

Liebe Grüße Euer Peter aus Wien.
Ingrid (07.01.2010, 19:28):
Lieber Peter,

eigentlich müßtest Du doch noch auf alten Aufnahmen zu hören sein, wenn Du mit solchen Berühmtheiten gesungen hast. Kannst Du uns da vielleicht welche nennen? Ob die noch irgendwo zu bekommen sind, steht dann wahrscheinlich auf einem anderen Blatt.

Diese Zeit mußt Du aber unbedingt als außergewöhnliche Kostbarkeit ansehen, auch wenn Du offensichtlich unglaublich traurig warst, dass Deine Stimme baritonal wurde. Mit Deiner Bühnenerfahrung und Ausbildung wärst Du höchstwahrscheinlich sogar ein guter und kein mittelmäßiger Bariton geworden. Konntest Du Dich vielleicht einfach nicht mit dieser "neuen" Stimme und seinen Rollen anfreunden? Wärst Du gerne ein Counter- oder Tenor geworden?

Da Du das Bundesheer als Grund für Deinen Stimmbruch oder eigentlich sogar Ruinierung Deiner Stimme angibst, müßte man als Sänger, und das warst Du ja, davon frei gestellt werden. Damals ging das sicher noch nicht, aber jetzt vielleicht doch.

Herzliche Grüße (auch an alle anderen hier im Forum)
Ingrid