Kinder in der Oper

Hosenrolle1 (07.09.2016, 04:38):
Ich habe nach kurzer Suche im Opernbrett sowie in den allgemeinen Klassikthemen kein ähnliches Thema gefunden, deswegen starte ich diesen Thread; sollte es das Thema doch irgendwo geben, kann mein Beitrag aber auch gerne verschoben werden!


Angeregt wurde ich durch eine Kritik eines Stückes, das für Kinder gedacht war, nachzulesen hier: http://opernnetz.de/Seiten/Aktuelle_Auffuehrungen/Essen_Rotkaeppchen_Obiera_160004.html

Der Rezensent bemängelt dabei, dass das Stück mit seinen Anspielungen und Rollenwechseln etc. eher für die Eltern amüsant war, aber nicht für die recht kleinen Kinder, kurz, dass das alles zu kompliziert gewesen sei.

Dabei fiel mir eine Stelle in der Rezension besonders auf, in der es heißt:

Langweilig wird den Kindern trotz mancher Verständnisbarrieren nicht. Und das ist schließlich die Hauptsache. Gleichwohl ist zu überlegen, ob man nicht gerade den Jüngsten etwas mehr vom Zauber des Illusionstheaters vermittelt.

Da frage ich mich (vorausgesetzt ich interpretiere diese Aussage korrekt), wieso sollen nicht auch schon Kinder mit anspruchsvolleren Stücken und Witzen konfrontiert werden, auch auf die Gefahr hin, dass nicht alles verstanden wird?

So wie ich es verstehe, wäre es besser, Kindern "oberflächliche" Inszenierungen und Illusionen zu präsentieren, die niemanden überfordern.

Also Dinge, die in "Erwachsenenopern" verpönt sind, weil sie als verstaubt, überholt und oberflächlich gelten. Für Kinder möchte man bunte Märchenwelten, für Erwachsene aber bitte ausgefeilte Personenregie und möglichst intelligente dramaturgische, verschachtelte Einfälle.
Wehe, wenn da ein naturalistischer Wald in schöner Beleuchtung zu sehen ist und man auf die Idee kommt, die so erzeugte Stimmung zu mögen!

Da frage ich mich: wieso sollte man Kinder nicht gleich damit konfrontieren, was sie später in den Opern- und Theaterhäusern erwartet?

(Ein ähnliches Problem ist ja eigentlich auch, dass man Kindern von klein auf sagt "Sitz ruhig, beweg dich nicht", und wenn sie um die 40 sind bekommen sie mehr Bewegung verschrieben und machen alle möglichen sportlichen Dinge. Also zuerst "Beweg dich nicht", und dann "Beweg dich!").


Aber generell möchte ich gerne wissen, ob ihr meint, dass Kinder in die Oper gehören, und wenn ja, ob in alle Stücke ohne Altersfreigabe, oder nur die Klassiker (Zauberflöte, HUG, etc.).

Habt ihr selbst positive oder negative Erfahrungen mit fremden Kindern in der Oper gemacht?

Meint ihr, dass spezielle Kinderopern (etwa eigens geschriebene Werke, oder klassische Stücke gekürzt dargeboten) sinnvoller sind als die großen Werke?

Und wie seht ihr das mit den Inszenierungen? Macht es überhaupt noch Sinn, mit einem Kind in eine Vorstellung zu gehen, wenn man das Stück nicht mehr wiedererkennt, und sich somit an die Leute richtet, die es eh schon kennen?


Ich selbst habe positive und negative Erfahrungen gemacht. In meiner ersten HUG Vorstellung 2006 bekam ich schon leichte Panik, als dort überwiegend recht kleine Kinder waren, und ich auch noch neben einem sitzen musste, das schon vor der Vorstellung die ganze Zeit redete. Während der Vorstellung ging es halbwegs, aber auch da bekam ich immer wieder Sachen mit wie "Die singen ja nur" und "Ich versteh nix" und "Wann kommt die Hexe" und "Sind das echte Bäume?". (Hätte ich damals eine Partitur gehabt, hätte ich am liebsten geantwortet "Die Hexe kommt in Akt 3. Richtziffer 140, Takt 1")

Aber es gibt auch positive Beispiele. In einer späteren Vorstellung 2008 - wieder waren viele Kinder dort - sah ich 2 Reihen vor mit ein Kind auf dem Schoß eines Erwachsenen sitzen, und dachte mir wieder, dass das ein Rumgehampel wird. Aber nichts da: die gesamte Oper hindurch war Ruhe, es wurde nicht geredet und nicht gezappelt.

Aber gerade in der heutigen Zeit der Großbildschirme, der Surroundanlagen und der Blu-rays mit Untertiteln glaube ich, dass es gar nicht mehr notwendig ist, schon mit Kindern in die Oper zu gehen. Die BD bzw. DVD hat den Vorteil, dass man sich die Inszenierung selbst aussuchen kann, dass man jederzeit unterbrechen kann, und dass man auch niemanden stört.


Was sagt ihr?




LG,
Hosenrolle1
satie (07.09.2016, 10:58):
Ich verstehe es so, dass der Autor bemängelt, dass hier zu viele Anspielungen vorhanden waren, die die doch sehr kleinen Kinder nicht verstehen konnten (auch wenn es richtig ist, dass Kinder nicht unbedingt alles verstehen müssten). Man bedenke, dass diese Aufführung bereits für Dreijährige geeignet sein sollte! Das sind Kinder, die womöglich niemals zuvor ein Theater von innen gesehen haben. Daher wäre es nicht verkehrt, wenn den Kindern zunächst der Reiz des Theaters an sich gezeigt würde, erst einmal ganz unabhängig davon, WAS da genau auf der Bühne passiert. Kinder sitzen da im verdunkelten Raum mit offenem Mund und versuchen, die Aura des RAUMES, die BILDER etc. einzufangen und sind definitiv in so einem jungen Alter nicht fähig, alles andere auch noch mitzunehmen, wenn es nicht sorgfältig und im geeigneten Tempo und der angemessenen Sprache dargeboten wird.
Sicher: wenn man ein Kind vor sich hat, das fähig ist, einfach nur die Bilder und den Klang auf sich wirken zu lassen, dann kann es alles hören und sehen und wird es für sich, auf seine Weise verarbeiten.

Da frage ich mich: wieso sollte man Kinder nicht gleich damit konfrontieren, was sie später in den Opern- und Theaterhäusern erwartet?

Vermutlich aus dem selben Grund, weshalb man Lars-von-Trier-Filme nicht mit FSK 0 freigibt... Nein, ernsthaft, das kannst Du doch nicht wirklich fragen. Ein Großteil der Inszenierungen wäre für Vorschulkinder nur verstörend. Meine jüngere Tochter hatte sogar bei der Kindervorstellung von "Der Hund Herr Müller" so viel Angst, dass die Lehrerin mit ihr eine Stunde spazieren gehen musste. Die sind noch nicht so abgebrüht, haben teilweise Angst im Dunkeln oder wenn jemand seltsam aussieht etc. Ein Kunstverständnis kann ohnehin noch nicht da sein (ein Empfinden selbstverständlich schon), also die Fähigkeit, das Gesehene und Gehörte in einen künstlerischen Kontext zu stellen bzw. aus diesem heraus seinen Sinn zu begreifen, das kann man erst in einem fortgeschrittenen Alter.

Aber gerade in der heutigen Zeit der Großbildschirme, der Surroundanlagen und der Blu-rays mit Untertiteln glaube ich, dass es gar nicht mehr notwendig ist, schon mit Kindern in die Oper zu gehen. Die BD bzw. DVD hat den Vorteil, dass man sich die Inszenierung selbst aussuchen kann, dass man jederzeit unterbrechen kann, und dass man auch niemanden stört

Das hingegen sehe ich genau anders herum: gerade in der heutigen Zeit sollte man den Kindern zeigen, dass es eben auch noch diese andere Atmosphäre gibt, die die bloße Aufnahme nicht vermitteln kann. Nur schon die Unmöglichkeit, auf einen beliebigen Punkt im Raum zu schauen unterscheidet doch die Betrachtung einer Aufzeichnung gewaltig von einem Live-Erlebnis. Neben vielen anderen Kindern in einem Publikum zu sitzen verändert die Rezeption ebenfalls etc. etc., da komme ich aus dem Aufzählen gar nicht mehr heraus. Deine genannten Argumente sprechen mir eher dafür, dass sich Erwachsene in erster Linie an Aufzeichnungen halten sollten.
Zefira (07.09.2016, 11:06):
Es hängt in erster Linie von dem Temperament der Kinder ab, ob "man sie schon mal in die Oper mitnehmen kann" oder nicht. Das müssen jeweils die Erwachsenen entscheiden, die dafür verantwortlich sind.

Vor ein paar Jahren war ich in Bratislava in einer Traviata-Vorstellung, und obwohl ich die Traviata von der Handlung her mal eindeutig als Oper für Erwachsene bezeichnen würde, war das Haus voller Kinder, die sich mustergültig verhielten. Es gab weder Dazwischenrufe noch sonst irgendwelche auffallende Unruhe.
Auch die paar Male, wo ich zu MET-Übertragungen im Kino war, fiel mir immer wieder auf, dass im Vergleich zu deutschen Opernhäusern viele Kinder anwesend sind; zum Beispiel in "Don Carlos" - auch das eindeutig ein Plot für Erwachsene.
Kinder, auch kleine, sind grundsätzlich imstande, sich sehr lange und intensiv zu konzentrieren. Vorausgesetzt, es wird ihnen nicht von übereifrigen Eltern ausgetrieben, die schon im Kleinkindalter alle Nase lang mit neuen "pädagogischen Beschäftigungsanregungen" antanzen. (Das ist eines meiner Reizthemen in Gesprächen über Erziehungsfragen!)

Das Thema Inszenierungen steht auf einem anderen Blatt: Ich denke, dass Kinder durchaus auch dann Freude an Oper und Theater haben können, wenn ein paar Einzelheiten unverständlich bleiben. Aber modernistische Inszenierungen, die auch noch aktuelle politische oder soziologische Bezüge aufgreifen, überfordern m.M.n. kindliche Zuschauer. Ich denke da zum Beispiel an die Cosí-Inszenierung aus Aix-en-Provence, wo die ganze Handlung mit Rassenkonfliktsthemen quasi überlagert war. Das wäre für Kinder unverständlich gewesen.

Dass Oper im Fernsehen die Oper "in natura" überflüssig macht, glaube ich nicht. Weder für Erwachsene noch für Kinder. Aber zu Hause erst mal einen "Testlauf" am Fernseher machen, ob das Kind die Musik überhaupt mag und sich davon fesseln lässt, ist sicher sinnvoll.
Grundsätzlich finde ich es toll, mit Kindern in Konzert, Oper oder Theater zu gehen - und ich bin, nebenbei, auch grundsätzlich der Meinung, dass leichte Überforderung besser ist als andauernde Unterschätzung. Zumindest war es bei mir so und, wiie ich glaube, auch bei meinen eigenen Kindern.

Grüße von Zefira

Edit, da ich eben erst Saties Antwort gesehen habe, noch ein paar Worte zum "richtigen Alter":
Mit Vorschulkindern würde ich in keine Opernvorstellung gehen, die sind zu klein. Ich kann mich erinnern, dass es, als meine Große noch im Kindergarten war, mal eine Aufführung der Zauberflöte speziell für Kinder bei uns am Ort gab, als Puppentheater und mit stark vereinfachter Handlung. Da wäre ich gern mit ihr hingegangen, aber aus irgendeinem Grund klappte es nicht.
Ich war mit ihr in einer Schwarzlicht-Inszenierung von "Peter und der Wolf", da dürfte sie fünf oder sechs gewesen sein und es hat ihr sehr gefallen. Diese Vorstellung war "reines Illusionstheater", die Kinder im Publikum wurden in keiner Weise direkt angesprochen oder irgendwie mit einbezogen, wie es oft im Kindertheater der Fall ist.
In "richtige" Opernvorstellungen habe ich meine Töchter erst mitgenommen, als sie Ü13 waren (was nicht heißt, dass ich es zu einem früheren Zeitpunkt für "falsch" halten würde, siehe oben - kommt immer auf das Kind an; es ergab sich bei uns halt nicht).
Hosenrolle1 (07.09.2016, 15:12):
Original von Satie
Ich verstehe es so, dass der Autor bemängelt, dass hier zu viele Anspielungen vorhanden waren, die die doch sehr kleinen Kinder nicht verstehen konnten (auch wenn es richtig ist, dass Kinder nicht unbedingt alles verstehen müssten). Man bedenke, dass diese Aufführung bereits für Dreijährige geeignet sein sollte! Das sind Kinder, die womöglich niemals zuvor ein Theater von innen gesehen haben.

Meine Frage war auf jeden Fall ein bisschen böse gemeint. Ich bin natürlich sehr dafür, dass es schöne Kindertheater- oder Kinderopernvorstellungen gibt, die aber ebenfalls gut gemacht sein sollten. Also nicht ein paar billige Pappkulissen und knallbunt wie im modernen Kinderbuch, sondern durchaus mit guter Beleuchtung und viel Stimmung.
Und auch bei "echten" Opern finde ich das nicht verkehrt: ich finde da nichts "angestaubt" dran, wenn man einen naturalistischen Wald sieht, in stimmungsvoller Beleuchtung (Abendrot z.B.), oder im Figaro etwa schöne altmodische Räume und Kostüme. Diese Dinge wirken zumindest auf mich sehr stimmungsvoll, und dennoch stehen sie einer guten Regie nicht im Wege. Es gibt immer noch sehr viele Möglichkeiten, das Stück kritisch auseinanderzunehmen, neue Einfälle zu haben.

Da habe ich eher ironisch gefragt, wieso man man kleinen Kindern solche Sachen zeigen soll, wenn sie später in der echten Oper sowieso völlig andere Dinge sehen und es heißt "Sowas ist verstaubt und oberflächlich, das braucht keiner".


Daher wäre es nicht verkehrt, wenn den Kindern zunächst der Reiz des Theaters an sich gezeigt würde, erst einmal ganz unabhängig davon, WAS da genau auf der Bühne passiert.

Hier wäre die Frage, was der Reiz des (Musik)Theaters ist. Ist es, dass man dem Alltag entfliehen kann, womöglich in eine unwirkliche Welt? Oder vielleicht, dass man Dinge hinterher neu sieht, dass es gar eine kathartische Wirkung haben kann? Besteht der Reiz in ausgeklügelten Dingen wie Personenregie und allen möglichen Einfällen, in den Dialogen?



Sicher: wenn man ein Kind vor sich hat, das fähig ist, einfach nur die Bilder und den Klang auf sich wirken zu lassen, dann kann es alles hören und sehen und wird es für sich, auf seine Weise verarbeiten.

Wie gesagt, ich finde das keineswegs verwerflich, im Gegenteil: Disneys "Fantasia" war ja auch eher für größere Zuschauer gedacht, auch da ging es darum, einfach nur schöne Bilder zu klassischer Musik zu zeigen, rein auf die Stimmung bedacht, ohne kritische Neudeutungen oder ähnliches.


Vermutlich aus dem selben Grund, weshalb man Lars-von-Trier-Filme nicht mit FSK 0 freigibt... Nein, ernsthaft, das kannst Du doch nicht wirklich fragen. Ein Großteil der Inszenierungen wäre für Vorschulkinder nur verstörend. Meine jüngere Tochter hatte sogar bei der Kindervorstellung von "Der Hund Herr Müller" so viel Angst, dass die Lehrerin mit ihr eine Stunde spazieren gehen musste. Die sind noch nicht so abgebrüht, haben teilweise Angst im Dunkeln oder wenn jemand seltsam aussieht etc. Ein Kunstverständnis kann ohnehin noch nicht da sein (ein Empfinden selbstverständlich schon), also die Fähigkeit, das Gesehene und Gehörte in einen künstlerischen Kontext zu stellen bzw. aus diesem heraus seinen Sinn zu begreifen, das kann man erst in einem fortgeschrittenen Alter.


Da habe ich mich vielleicht ungeschickt ausgedrückt; ich meinte auch diese Frage eher ironisch, aber auch da meinte ich nicht, dass man ihnen irgendwelche Bieto-Inszenierungen zeigt, die sowieso schon FSK 16 oder so sind.
Nein, die Frage war eh auf diese Inszenierung, die in der Kritik besprochen wurde, bezogen.
Das Stück war offenbar gespickt mit Dingen, die Kinder überfordert haben - was aber vielleicht kein Fehler ist, weil man sie so daran gewöhnt, dass sie später auf Bühnen mit Stahlgerüsten als Sinnbild für vertrackte psychische Probleme, und von der Decke hängenden schwarzen Stofffetzen, die für die innere Leere der Protagonisten stehen, konfrontiert werden.

Aber eine ernster gemeinte Frage: du schreibst schon sehr gut und richtig, dass Kinder in dem Alter nicht die Fähigkeit haben, so eine Vorstellung in einen künstlerischen Kontext zu stellen, den Sinn zu begreifen. Aber Theater und Oper ist ja eigentlich genau das und hat auch den Anspruch, dass das Publikum das kann - wieviel bringen dann Kindervorführungen, wo dieser Anspruch völlig fehlt?

(Nebenbei, das mit dem künstlerischen Kontext können oft auch Erwachsene nicht. John Cleese meinte etwa, dass die Produzenten immer die Episode mit dem Schwarzen Ritter aus "Die Ritter der Kokosnuss" herausschneiden wollten. Cleese meinte, dass solche Szenen für manche Leute durchaus real sind, und sie nicht den künstlerischen Kontext sehen, das nicht lustig finden können. Ich meine, der verliert beide Arme und merkt es nicht einmal. "Dein Arm ist ab!" - "Ist er nicht!".)


Aber gerade in der heutigen Zeit der Großbildschirme, der Surroundanlagen und der Blu-rays mit Untertiteln glaube ich, dass es gar nicht mehr notwendig ist, schon mit Kindern in die Oper zu gehen. Die BD bzw. DVD hat den Vorteil, dass man sich die Inszenierung selbst aussuchen kann, dass man jederzeit unterbrechen kann, und dass man auch niemanden stört

Das hingegen sehe ich genau anders herum: gerade in der heutigen Zeit sollte man den Kindern zeigen, dass es eben auch noch diese andere Atmosphäre gibt, die die bloße Aufnahme nicht vermitteln kann.

Naja, aber die BD bietet die Möglichkeit, sich die Inszenierung eben selbst auszusuchen. Möchte ich eine klassische oder moderne Inszenierung? Welche Sänger möchte ich hören?

Nur schon die Unmöglichkeit, auf einen beliebigen Punkt im Raum zu schauen unterscheidet doch die Betrachtung einer Aufzeichnung gewaltig von einem Live-Erlebnis.

Ich bin ja dafür, dass die Scheiben von der Multi-Angle Funktion Gebrauch machen. Eine Perspektive zeigt die gesamte Bühne, eine zeigt diesen Teil, eine diese, eine andere das Orchester mit Dirigent, usw.

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Es hängt in erster Linie von dem Temperament der Kinder ab, ob "man sie schon mal in die Oper mitnehmen kann" oder nicht. Das müssen jeweils die Erwachsenen entscheiden, die dafür verantwortlich sind.

Das sehe ich auch so. Wie gesagt, ich habe da unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Es gibt auch Kinder, die wirklich ruhig sind und sich besser benehmen als so manche Erwachsene.


Dass Oper im Fernsehen die Oper "in natura" überflüssig macht, glaube ich nicht.

Nicht überflüssig, das habe ich nicht gesagt. Ich meinte es, wie du auch gesagt hast, als Vorbereitung, als Testlauf.


Ich war mit ihr in einer Schwarzlicht-Inszenierung von "Peter und der Wolf", da dürfte sie fünf oder sechs gewesen sein und es hat ihr sehr gefallen. Diese Vorstellung war "reines Illusionstheater", die Kinder im Publikum wurden in keiner Weise direkt angesprochen oder irgendwie mit einbezogen, wie es oft im Kindertheater der Fall ist.

Das ist etwas, was ich GANZ grausig finde: das Durchbrechen der 4. Wand. Für mich ist das dann eher ein Animationsprogramm, und kein Theaterstück mehr. Ein Anbiedern an das kindliche Publikum, nach dem Motto "Wir reden euch jetzt an, damit es nicht langweilig wird".

(Übrigens, mich stört das auch in regulären Aufführungen, wenn die Sänger Richtung Publikum stehen, obwohl sie eigentlich gerade mit einer Person neben ihnen reden. 4. Wand light, sozusagen).




LG,
Hosenrolle1
Zefira (07.09.2016, 15:50):
Das ist etwas, was ich GANZ grausig finde: das Durchbrechen der 4. Wand. Für mich ist das dann eher ein Animationsprogramm, und kein Theaterstück mehr. Ein Anbiedern an das kindliche Publikum, nach dem Motto "Wir reden euch jetzt an, damit es nicht langweilig wird".

Das gibt es aber ganz häufig im Theater für kleine Kinder (ich meine damit Kindergartenkinder). Die Leute auf der Bühne fragen das Publikum um Rat oder suchen Bundesgenossen, wenn auf der Bühne gestritten wird.
Übrigens habe ich auch im Theater für Erwachsene schon ganz oft Ähnliches erlebt, zum Beispiel in dem witzigen Bühnenstück "Shakespeares gesammelte Werke in 90 Minuten" - da wurden wir, das Publikum, mehrmals angesprochen, quasi als Schiedsrichter. Und wie ich schon irgendwo im "Cosí"-Ordner schrieb, ich finde es immer witzig, wenn Guglielmo bei der Arie "Donne mie" ins Publikum geht und die Frauen direkt anspricht, habe ich schon oft gesehen.

edit: Sorry, mir ist eben eingefallen, "Shakespeares gesammelte Werke" ist kein gutes Beispiel, das ist eher Kabarett als Theater.
Aber ein anderes Beispiel: vor ein paar Jahren sah ich mal im Fernsehen eine sehr schöne Aufführung des "eingebildeten Kranken", ich weiß nicht mehr aus welchem Theater. Da hat jede/r Schauspieler/in bei seinem bzw. ihrem ersten Auftritt mit einem herzlichen "Guten Abend!" ins Publikum gegrüßt. Hat mir sehr gefallen!
Hosenrolle1 (07.09.2016, 16:33):
Original von Zefira
Das ist etwas, was ich GANZ grausig finde: das Durchbrechen der 4. Wand. Für mich ist das dann eher ein Animationsprogramm, und kein Theaterstück mehr. Ein Anbiedern an das kindliche Publikum, nach dem Motto "Wir reden euch jetzt an, damit es nicht langweilig wird".

Das gibt es aber ganz häufig im Theater für kleine Kinder (ich meine damit Kindergartenkinder). Die Leute auf der Bühne fragen das Publikum um Rat oder suchen Bundesgenossen, wenn auf der Bühne gestritten wird.

Ich kann mich erinnern, in der Grundschule haben wir ein Stück besucht, Die kleine Meerjungfrau von H.C. Andersen (hatte gar nichts mit Arielle zu tun!). Ich fand es interessant, aber mich hat schon als ca. 7 jähriger gestört, dass die Kinder angeredet und gefragt wurden. In dem Moment war das für mich kein richtiges Theaterstück mehr, keine Geschichte, die da abläuft, sondern ein paar Schauspieler, die aus der Handlung ausbrechen.


Übrigens habe ich auch im Theater für Erwachsene schon ganz oft Ähnliches erlebt, zum Beispiel in dem witzigen Bühnenstück "Shakespeares gesammelte Werke in 90 Minuten" - da wurden wir, das Publikum, mehrmals angesprochen, quasi als Schiedsrichter. Und wie ich schon irgendwo im "Cosí"-Ordner schrieb, ich finde es immer witzig, wenn Guglielmo bei der Arie "Donne mie" ins Publikum geht und die Frauen direkt anspricht, habe ich schon oft gesehen.

Naja, passt so etwas nicht eher zu einem Helmut Lotti oder zu einer Hitparade-Sendung? Geht es da überhaupt noch um das Stück?

Grausig finde ich auch, wenn Figuren ihren Auftritt vom Parterre aus haben, dass sie den Gang entlang gehen, durch einen Seiteneinang kommen und dann auf die Bühne klettern.

Ich mag das überhaupt nicht, weil für mich gefühlsmäßig die Handlung "da vorne" stattfindet, auf dieser Bühne. Der Zuschauerraum ist dunkel, damit man nicht durch den Saal oder andere Leute abgelenkt wird. Das Licht kommt nur von vorne. Und wenn dann aber eine Figur im Publikum herumgeht, dann werde ich irgendwie aus der Handlung gerissen, weil ich nicht mehr die Figur in der Kulisse sehe, sondern einen Sänger, der im Zuschauerraum herumgeht.




LG,
Hosenrolle1
Zefira (07.09.2016, 16:38):
Ich habe eben meinen letzten Kommentar editiert, siehe oben.

Grausig finde ich auch, wenn Figuren ihren Auftritt vom Parterre aus haben, dass sie den Gang entlang gehen, durch einen Seiteneinang kommen und dann auf die Bühne klettern.

In einer Aufführung von Brittens "Midsummer Night's Dream", die ich sehr liebe (kenne sie allerdings nur von DVD), kommt zu Anfang des zweiten Akts Oberon (mit Puck im Gefolge) durch den Seiteneingang und geht durchs Publikum auf die Bühne. Ich finde es eine schöne Idee, weil es an dieser Stelle auch gut zur Musik passt; man hat den Auftritt übrigens auch sehr schön ausgeleuchtet.

Wenn es zur "Masche" wird, finde ich es doof, aber wenn es passt, warum nicht? Ich sehe das nicht so eng. Ehrlich gesagt wirft es mich viel mehr raus, wenn in einer Oper gesprochen wird, aber damit muss ich mich ja in ganz vielen Opern abfinden ...
Hosenrolle1 (07.09.2016, 16:56):
Original von Zefira
In einer Aufführung von Brittens "Midsummer Night's Dream", die ich sehr liebe (kenne sie allerdings nur von DVD), kommt zu Anfang des zweiten Akts Oberon (mit Puck im Gefolge) durch den Seiteneingang und geht durchs Publikum auf die Bühne. Ich finde es eine schöne Idee, weil es an dieser Stelle auch gut zur Musik passt; man hat den Auftritt übrigens auch sehr schön ausgeleuchtet.

Wenn es zur "Masche" wird, finde ich es doof, aber wenn es passt, warum nicht? Ich sehe das nicht so eng. Ehrlich gesagt wirft es mich viel mehr raus, wenn in einer Oper gesprochen wird, aber damit muss ich mich ja in ganz vielen Opern abfinden ...

Es ist für mich eher eine Gefühlssache; die Ouvertüre soll einen ja aus dem Saal herausreißen und in die bevorstehende Handlung hineinkatapultieren. Ich bin über Wagner jetzt nicht gut genug informiert, aber wollte er nicht, dass es dunkel ist im Zuschauerraum, dass das Geschehen auf der Bühne am Wichtigsten ist? Davor war es ja hell usw.

Und nach der Ouvertüre öffnet sich dann der Vorhang.

Aber wenn dann etwas im Publikum stattfindet, reißt mich das völlig heraus aus dem Stück. (Übrigens auch ein Grund, warum ich es nicht gut finde, wenn nach der Ouvertüre nochmal das Licht angeht, das Orchester den Applaus entgegennimmt, das Licht wieder verlischt und es weitergeht. Das finde ich ebenfalls irritierend.)




LG,
Hosenrolle1
Zefira (07.09.2016, 17:05):
Noch einmal zu dieser Frage:

Also Dinge, die in "Erwachsenenopern" verpönt sind, weil sie als verstaubt, überholt und oberflächlich gelten. Für Kinder möchte man bunte Märchenwelten, für Erwachsene aber bitte ausgefeilte Personenregie und möglichst intelligente dramaturgische, verschachtelte Einfälle.Wehe, wenn da ein naturalistischer Wald in schöner Beleuchtung zu sehen ist und man auf die Idee kommt, die so erzeugte Stimmung zu mögen!Da frage ich mich: wieso sollte man Kinder nicht gleich damit konfrontieren, was sie später in den Opern- und Theaterhäusern erwartet?

Das Thema wird ja nicht nur Kinder betreffend diskutiert, sondern ganz allgemein; oft von sog. Regietheatergegnern.
Ich denke da oft drüber nach. Es gab vor einigen Jahren diese tolle Don Giovanni-Aufführung in Aix, wo alle Personen der gleichen Familie angehörten und der Komtur am Ende ein bezahlter Schauspieler war, den Don Ottavio im Einverständnis mit allen anderen angeheurt hatte, um Giovanni zusammenzustauchen.
Diese Inszenierung hat zumindest bei mir sehr gut "funktioniert". Ich fand es unglaublich gruselig; viel mehr als eine konventionelle Inszenierung.
Trotzdem glaube ich, wenn das mein allererster "Don Giovanni" gewesen wäre, hätte ich jetzt eine vollkommen falsche Vorstellung von dieser Oper.
Vielleicht sollte man als Opern-Novize - egal welchen Alters - allzu elaborierte Inszenierungen erst mal meiden, bis man die fragliche Oper schon ein wenig kennt.
Hosenrolle1 (07.09.2016, 17:17):
Das ist eben das große Problem. Die meisten Inszenierungen gehen ja davon aus, dass man das Werk schon (gut genug) kennt, damit man die "Neudeutung" auch versteht.

Wenn ein Kind das nicht kennt, dann ist das so, als ob man eine Film-Parodie sieht ohne das Original zu kennen; unterhaltsam, aber man versteht nichts.

Nur werden die wenigsten Eltern extra in andere Städte fahren, nur weil dort die Inszenierung verständlicher ist.


Und überhaupt die Frage: behandeln die allermeisten Opern nicht eigentlich eher "Erwachsenenthemen" oder "Erwachsenenprobleme"? Was bringt es einem Kind, sich das anzusehen? Wenn es nur darum geht, dass es mal ein Theater von innen sieht, die ganze Atmosphäre, den Vorhang, die Musik, dann würde es eine eigene Kindervorstellung oder ein Kindertheater auch tun.




LG,
Hosenrolle1
Zefira (07.09.2016, 17:36):
behandeln die allermeisten Opern nicht eigentlich eher "Erwachsenenthemen" oder "Erwachsenenprobleme"?

Das bringt mich zu meiner Bemerkung weiter oben zurück, dass ich leichte Überforderung für besser halte als permanente Unterforderung.
Was Oper angeht, habe ich keine eigenen Erfahrungen, wohl aber was Literatur angeht. Ich habe als Kind mengenweise Bücher gelesen, für die ich "eigentlich" zu jung war, weil meine Eltern das in keiner Weise gesteuert haben; ich ging einfach an ihren Bücherschrank und bediente mich. Als Elfjährige las ich z.B. "Charlotte Löwensköld" von Selma Lagerlöf; darin geht es um unglückliche Liebe, Standesunterschiede und religiösen Fanatismus. Es hatte mit meiner damaligen Lebenswelt nichts zu tun, aber ich habe es verstanden und sogar geliebt.

Kinder (ich spreche jetzt von Kindern ab etwa zehn) können, Interesse und Konzentrationsfähigkeit vorausgesetzt, die meisten Stücke von Shakespeare gut verstehen, glaube ich - als Mutter oder Vater kann man das ja quasi begleiten. Um ein paar Opern zu nennen - der Liebestrank, der Barbier von Sevilla, Carmen, die Zauberflöte - warum sollten Kinder das nicht verstehen?

Parsifal, die Frau ohne Schatten oder Lucio Silla müssen es natürlich nicht gerade sein ... ;o)
Hosenrolle1 (07.09.2016, 19:26):
Wie meinst du "verstehen" konkret? Dass sie die Handlung als solche nachvollziehen können, oder verstehen in dem Sinne, dass sie mit den Themen etwas anfangen können.

Ich meine, Kinder finden z.B. Liebesarien doch eher lustig und/oder langweilig, die kichern ja auch wenn jemand "Busen" sagt. Das ist ja eine ganz andere Welt eigentlich, mit der sie noch gar nichts zu tun haben.

EDIT: mich erinnert das immer an Kinder, die in Coverbands Rockklassiker spielen, und in denen es vielleicht ums Saufen, Liebe machen und ähnliche Dinge geht, mit denen in 8 jähriger nicht wirklich etwas zu tun hat.




LG,
Hosenrolle1
Zefira (07.09.2016, 19:56):
Meine erste Begegnung mit Shakespeare hatte ich mit 10, für meine Töchter gilt das gleiche. Gerade über das Thema "Kinder gucken Theater für Erwachsene" habe ich erst kürzlich mit der Großen geredet, konkret ging es um die Verfilmung des "Cyrano" von Rostand (in der Übersetzung von Ludwig Fulda, ungekürzt!), von der meine Töchter schon als Kinder hell begeistert waren. Die Große war - nach eigenem Bekunden - völlig hingerissen von den ausgedehnten Wortgefechten in diesem Stück, obwohl sie vieles nicht verstanden hat; allein der herrliche Fluss der Worte genügte, sie dafür zu begeistern. Wir haben uns die DVD unzählige Male zusammen angesehen. Den Kern der Handlung hat sie wohl als Kind schon verstanden; die Einzelheiten haben sich ihr dann nach und nach erschlossen.

Gleiches gilt zum Beispiel für Hamlet.

Natürlich kann ich hier nur über meine eigenen Kinder sprechen; und es geht, wie gesagt, hier auch gerade um Theater und nicht um Oper.
Hosenrolle1 (07.09.2016, 20:08):
In der Oper wird es natürlich schwieriger, weil da die Texte akustisch schlechter zu verstehen sind, besonders dann, wenn undeutlich gesungen wird und/oder das Orchester sie übertönt.




LG,
Hosenrolle1
Zefira (07.09.2016, 20:19):
In der Oper ist vor allem die Musik wichtiger als der Text, deshalb sind die Anforderungen anders.
Ich will mich da auch nicht weiter drüber verbreiten, dazu verstehe ich zu wenig davon und habe zu wenig Erfahrung mit dem Thema Kinder in der Oper. Ich wollte nur meine Meinung kundtun, dass allein der Umstand, dass es um Erwachsenenthemen geht, kein Grund ist anzunehmen, dass es Kinder zwangsläufig nicht interessieren kann.

Ich kenne selbst einige Kunstwerke (aus verschiedenen Gebieten der Kunst - Malerei, Dichtung, auch Musik natürlich), die ich keineswegs vollständig verstehe, für die ich mich aber sehr begeistern kann. Und das gleiche gilt, denke ich, auch für Kinder.
Hosenrolle1 (07.09.2016, 21:05):
Original von Zefira
In der Oper ist vor allem die Musik wichtiger als der Text

Ui, sag das nicht zu laut ... :ignore :D


Ich will mich da auch nicht weiter drüber verbreiten, dazu verstehe ich zu wenig davon und habe zu wenig Erfahrung mit dem Thema Kinder in der Oper. Ich wollte nur meine Meinung kundtun, dass allein der Umstand, dass es um Erwachsenenthemen geht, kein Grund ist anzunehmen, dass es Kinder zwangsläufig nicht interessieren kann.

Naja, interessieren tun sie sich sicher, das bezweifle ich gar nicht. Aber, wie du auch selbst sagst, sind es eher bestimmte Teilaspekte, die einem gefallen. Vielleicht die Kostüme, die Kulissen, vielleicht wie die Leute miteinander reden, vielleicht die Action die stattfindet.
Aber im Grunde ist das doch eine "fremde Welt", fremde Themen, die nichts behandeln, was mit einem selbst zu tun hat.

Ich weiß noch, als Kind haben mich die Woody Allen-Kaufkassetten interessiert, die wir hatten. Ich habe mir das angesehen (Manhattan) und fand die eine Szene beeindruckend vor der Brücke, die man auch auf dem Filmplakat sieht ... und ich mochte die Art von Allen, wie er da sitzt, wie er redet, und in gewisser Weise auch der ganze Look des Films. Aber die Beziehungsprobleme oder Gespräche waren mir völlig egal. Irgendein Erwachsener, der mit einer anderen Erwachsenen über Beziehungen redet - was hat das mit mir zu tun?




LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (08.09.2016, 03:30):
Zum Thema "Kinder und Musik" habe ich in einer Ausgabe des Magazins "Am Dam Des" (2/1982), das für Vorschulkinder gedacht war, einen Artikel gefunden.

Ein Ausschnitt daraus:


Für das "Mitgenießen" von Musiksendungen im Fernsehen und Radio bzw. von Musik auf Platte, Tonband und Kassette (Anm. v. mir: hier merkt man, aus welcher Zeit die Ausgabe ist :D) gilt: sparsam, aber mit bewußter Aufmerksamkeitszuwendung! Kinder können hie und da schon ein Instrument erkennen, eine bekannte Melodie herausfinden - jedenfalls sind sie imstande, über kurze Zeit vertieft zu lauschen. Es muß nicht immer "Kindermusik" sein - Kinder lieben auch Musik des Barocks und der Klassik! (Werke der Spätromantik oder der Moderne sind zwar klanglich reizvoll, aber formal oft "Überdimensioniert", Kinder verlieren dabei leicht den Zusammenhang und damit das Interesse. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen!).


Ich würde da nur teilweise zustimmen, denn so wie es da steht sieht es doch aus, als ob Musik der Klassik oder des Barock formal sehr einfach wäre, dabei sind Bachs kontrapunktische Sachen alles andere als einfache Kost. Und ich glaube, dass man da auch leicht den Zusammenhang verlieren kann, wenn sich zu einer Stimme noch ein paar andere dazugesellen und ihr "Eigenleben" führen.


Einer Aussage stimme ich aber vollinhaltlich zu:

Dauernde "Musikberieselung" hingegen stumpft eher ab, macht nicht musikalisch!

Leider ist das heutzutage noch viel schlimmer geworden. Überall hört man Musik, egal welche, und wenn man etwas im Überfluss hat, ist es nichts Besonderes mehr. Im Gegenteil: heutzutage ist es etwas Besonderes und kostbares, wenn einmal absolute Stille herrscht.


Das Thema Oper und Konzert wird leider nur im allerletzten Satz angerissen:

Wenn Kinder später vielleicht auch nicht "Paradeleistungen" auf diesem Gebiet vollbringen, so haben sie doch die Chance, sich auch als Jugendliche und als Erwachsene mit Hilfe der Musik auszudrücken, ein Ventil für Ängste und Spannungen zu finden, ein "Material" für sinnvolle gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung zu haben wie auch Freude an den großen Kunstwerken der Musik in Konzert und Oper zu gewinnen.

Wenn ich das richtig verstehe wird hier gesagt, dass das Konzert und die Oper für Jugendliche und Erwachsene interessant wird, wenn sie als kleine Kinder schon einen guten Zugang zur Musik hatten, durch das selbst-musizieren und ähnliche Dinge, die in dem Artikel auch beschrieben werden.

Wäre das Heft nicht 34 Jahre alt, würde ich da eine Mail schreiben und fragen, ob der Autor dazu rät, schon mit kleinen Kindern, oder Kindern generell in die Oper zu gehen.




LG,
Hosenrolle1
Zefira (08.09.2016, 09:28):
Ich würde da nur teilweise zustimmen, denn so wie es da steht sieht es doch aus, als ob Musik der Klassik oder des Barock formal sehr einfach wäre, dabei sind Bachs kontrapunktische Sachen alles andere als einfache Kost. Und ich glaube, dass man da auch leicht den Zusammenhang verlieren kann, wenn sich zu einer Stimme noch ein paar andere dazugesellen und ihr "Eigenleben" führen.

Man muss nichts von Kontrapunkt verstehen, um etwa Bachs Violinkonzerte zu mögen. Die Musik hat einen gleichmäßigen Rhythmus und überschaubare, gleichzeitig sehr spannende Bögen - genau das, was Kinder auch etwa von einer Geschichte erwarten. Natürlich "hat man mehr" von einem mehr intellektuellen Zugang bei entsprechender Kenntnis, aber um die Musik zu genießen, ist das nicht nötig.
Keith M. C. (08.09.2016, 16:20):
Hallo,

das macht "große" Musik u. a. aus: Sie spricht Verstand sowie Gefühl an und man kann sogar die eine Seite (vorübergehend) außen vor lassen.

Bis dann.
Hosenrolle1 (08.09.2016, 16:31):
Original von Zefira
Man muss nichts von Kontrapunkt verstehen, um etwa Bachs Violinkonzerte zu mögen. Die Musik hat einen gleichmäßigen Rhythmus und überschaubare, gleichzeitig sehr spannende Bögen - genau das, was Kinder auch etwa von einer Geschichte erwarten. Natürlich "hat man mehr" von einem mehr intellektuellen Zugang bei entsprechender Kenntnis, aber um die Musik zu genießen, ist das nicht nötig.

Aber den "Faden verlieren" kann man auch in Mozarts Sinfonien, weil man nichts von der Form weiß.

Leider schreibt der Autor auch nichts darüber, was mit "überdimensioniert" gemeint ist, und wieso das bei barocker und klassischer Musik nicht der Fall sein soll.




LG,
Hosenrolle1
Keith M. C. (08.09.2016, 16:58):
Lieber Hosenrolle,

ich vermute, dass der Autor "überdimensioniert" vorrangig mit der Stücklänge in Verbindung bringt. Ggfs. ist eine Mozart-Symphonie oder Leoncavallos "Pagliacci" aufgrund der Länge für Kinder besser geeignet, als Mahlers 9te oder Wagners "Parsifal".

Ausnahmen bestätigen die Regel.

Bis dann.
Hosenrolle1 (08.09.2016, 17:12):
Hmm, ich weiß nicht ... er schreibt ja, dass sie "formal" überdimensioniert wären. Ich schließe da eher darauf, dass (neben der Länge, die auch eine Rolle spielen wird) vielleicht auch die komplizierteren Melodien, das riesige Orchester mit zig Klangfarben, die vielen Nebenstimmen, vielleicht auch der ganze Aufbau viel schwieriger ist als etwa Mozarts kleine Nachtmusik.





LG,
Hosenrolle1
Zefira (08.09.2016, 18:00):
Sowas kann man einfach nicht ex cathedra verkünden, das ist bei allen Kindern verschieden. Ich vermute, wenn Eltern zu Hause gern Musik hören und der Nachwuchs automatisch daran teilhat, wird sich die Frage, wieviel und wie schwierige Musik einem Kind zuzumuten ist, einfach durch die Praxis selbst beantworten.
Keith M. C. (08.09.2016, 18:19):
Lieber Hosenrolle1,

meist formuliere ich vorsichtig: 'vermute', 'u. a.', 'vorrangig', 'auch' usw. Du kennst mich. :wink

Allerdings glaube ich, dass die Größe des Orchesters und damit einhergehend die vielen Klangfarben Kinder eher positiv überraschen.

Bis dann.
Hosenrolle1 (08.09.2016, 19:52):
Ich habe mir den Artikel noch einmal durchgelesen; in erster Linie geht es darum, dass man Kinder vor allem selbst musizieren lassen sollte, mit Orff-Instrumenten, nicht mit solchen, deren Spieltechnik erst geübt werden muss (Geige, Flöte, Klavier, etc.).

Auch wurde gesagt, dass man nicht den Fehler machen sollte, Kinder mehr oder weniger zu einem Instrument zu zwingen.


Aber um bei der Oper zu bleiben: ich frage mich oft, ob sich Eltern überhaupt über die Inszenierung informieren, die da zu sehen ist. Bei Filmen ist man da meist übervorsichtig, man hat fette FSK-Logos auf dem Cover, man rät den Eltern, sich Filme vorher anzusehen, usw.

Bei den Opern aber habe ich den subjektiven Eindruck, dass man als Eltern automatisch davon ausgeht, dass das, was in der Vorstellung gezeigt wird, eh schon passen wird. Es steht ja "Zauberflöte" drauf, es steht ja "HUG" drauf, und eine Oper ist ja was, was mit Bildung zu tun hat und so, da kann man schon drauf vertrauen dass nichts Unpassendes gezeigt wird.




LG,
Hosenrolle1