Kitsch und Klassik

Jürgen (31.08.2006, 16:00):
oder "An welchen Stellen ist klassische Musik kitschig?"

Eigentlich hat schon eine kleine Diskussion über dieses Thema bei Tschaikowsky 4 stattgefunden. Aber einerseits kommt mein Beitrag mindestens ein Tag zu spät, andererseits ist es dort offtopic.

Was mir zu diesem Thema spontan eingefallen ist:

"Serenade to music" von Ralph Vaughan Williams (Bernstein 1962)

Ich höre das Stück nicht ungern, aber ich empfinde es als ganz schön kitschig. Klingt wie Filmmusik aus einem US-Spielfilm der 50er.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß es in einer anderen Interpretation nicht mehr kitschig klingen könnte.

Einen hab' ich noch:
Irish Tune from County Derry (Danny Boy) von Grainger
Das ist auch ziemlich hart am Kitsch.

Dann gibt es noch Wagner’s Kinderkatechismus, aber der war wohl auch nicht für den Konzertsaal gedacht.

Tschaikowsky empfand ich eigentlich nie kitschig sondern manchmal etwas nervig, insbesondere die Balette.

Grüße
Jürgen
Carola (31.08.2006, 17:29):
Mir fallen eigentlich nur Beispiele nachträglicher Verkitschung ein. Der Lindenbaum aus Schuberts Winterreise zum Beispiel, von einem Kinderchor gesungen und mit schwülstigen Streichern unterlegt. Dann gab es in meiner Jugend einen Popsong "Song of joy", der Beethovens Vertonung der "Ode an die Freude" aus der 9. Sinfonie in grauenvollen Weise verkitschte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir das unserem Musiklehrer vorgespielt haben und der schier ausrastete. Wir Kinder fanden es wundervoll. :J

Ach das Stück, dass ich gerade höre, der berühmte Kanon von Pachelbel, kenne ich in kitschig-ausufernden Versionen. Eigentlich höre ich es jetzt bei dieser "HIP"-Aufnahme zum ersten Mal unkitschig.

Die Frage ist natürlich, kann man eigentlich jede Musik verkitschen oder geht das nur, wenn schon etwas in der Musik angelegt ist, was das erst möglich macht? Und natürlich auch umgekehrt: Kann man genuin kitschige Musik auch so interpretieren, dass sie nicht mehr kitschig klingt? Zum Beispiel dieses unsägliche Klavierstück "Gebet einer Jungfrau" aus dem 19. Jahrhundert, dass damals wohl ein richtiger Hit war. Aber da ist wohl auch durch eine noch so herbe Interpretation nichts mehr zu retten, fürchte ich.

Mit Gruß von Carola
Rachmaninov (31.08.2006, 17:35):
Also mir fällt das z.B. Andre R I E U ein.

:ignore
Jeremias (31.08.2006, 22:04):
Wobei man Rieu zu Gute halten muss, dass er den Leuten wirklich Klassik auch näherbringt im Gegensatz z.B. zu einem Helmut Lotti... :ignore
Jürgen (01.09.2006, 07:05):
Original von Carola
Ach das Stück, dass ich gerade höre, der berühmte Kanon von Pachelbel, kenne ich in kitschig-ausufernden Versionen. Eigentlich höre ich es jetzt bei dieser "HIP"-Aufnahme zum ersten Mal unkitschig.

Pachelbel's Canon habe ich in einer wirklich skurrilen Interpretation kennengelernt: Isao Tomita
Nein, er ist kein neues chinesisches Tastengenie, sondern ein Japaner, der seit Beginn der 70er klassische Musik ausschliesslich auf elektronischen Instrumenten spielt. Anfangs wurden diese Werke als super fortschrittlich angesehen, aus heutiger Sicht klingt gerade sein Frühwerk eher befremdlich. Aber er hat eines getan, wofür ich ihm sehr dankbar bin: Durch ihn habe ich so manches Werk erstmalig kennengelernt.

Den Canon kenne ich mittlerweile in ca. 4-5 verschiedenen Interpretationen. Eine HIP-Aufnahme lernte ich auch erst relativ spät kennen, und habe bis heute Schwierigkeiten, mich damit anzufreunden. Zu anders klingt das doch. Die nicht HIPen Aufnahme als kitschig einzustufen, scheue ich mich jedoch. Konsequent zuende gedacht, müßte man dann ja auch nicht HIPe Aufnahmen anderer Werke als kitschig deklarieren.

Grüße
Jürgen
Carola (01.09.2006, 09:00):
Original von Jürgen

...Die nicht HIPen Aufnahme als kitschig einzustufen, scheue ich mich jedoch. Konsequent zuende gedacht, müßte man dann ja auch nicht HIPe Aufnahmen anderer Werke als kitschig deklarieren.

Grüße
Jürgen

Das möchte ich ganz bestimmt nicht, da sei Böhm vor. :D

Die Version des Pachelbel-Kanons, die ich im Kopf habe, war vor allem durch ihre ausufernde Instrumentation kitschig; ich weiß aber nicht mehr, von wem die Aufnahme war, das war noch zu LP-Zeiten.

Jedenfalls scheint mir eine veränderte Instrumentierung ein häufig benutztes "Verkischtungsinstrument" zu sein.

Mit Gruß von Carola
ab (01.09.2006, 13:12):
Original von Carola

Die Frage ist natürlich, kann man eigentlich jede Musik verkitschen oder geht das nur, wenn schon etwas in der Musik angelegt ist, was das erst möglich macht? Und natürlich auch umgekehrt: Kann man genuin kitschige Musik auch so interpretieren, dass sie nicht mehr kitschig klingt? Zum Beispiel dieses unsägliche Klavierstück "Gebet einer Jungfrau" aus dem 19. Jahrhundert, dass damals wohl ein richtiger Hit war. Aber da ist wohl auch durch eine noch so herbe Interpretation nichts mehr zu retten, fürchte ich.

Mit Gruß von Carola

Ich bin davon überzeugt, dass man jede Musik verkitschen kann und jede Musik, auch die, die üblicherweise die Tradition hat, verkitscht aufgeführt zu werden, kann man auch ernst und ergreifend (eher als herb) spielen. Sicherlich auch das Gebet einer Jungrfrau.

Was denkt ihr?
sound67 (02.09.2006, 18:48):
Original von Jürgen
"Serenade to music" von Ralph Vaughan Williams (Bernstein 1962)

Ich höre das Stück nicht ungern, aber ich empfinde es als ganz schön kitschig. Klingt wie Filmmusik aus einem US-Spielfilm der 50er.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß es in einer anderen Interpretation nicht mehr kitschig klingen könnte.


Bernstein schafft es aber auch, jedes Stück zu verkitschen. Die Anfangspassage z.B. klingt bei ihm dermaßen zugepappt, danach ist es wohltuend, das Stück von Handley, Norrington, Best oder Boult zu hören. Es gibt übrigens 3 verschiedene Versionen davon.

Wir Filmmusik der 50er klingt es jedenfalls nicht, so was kann nur jemand sagen, der Filmmusik der 50er gar nicht kennt. Die Shakespeare-Vertonung ist in der Originalversion für 16 Solo-Stimmen (die auch Bernstein verwendet) sehr gelungen.

Einen hab' ich noch:
Irish Tune from County Derry (Danny Boy) von Grainger
Das ist auch ziemlich hart am Kitsch.

Das ist ein sentimentales irisches Volkslied, lediglich, wenn auch sehr geschickt, für Orchester gesetzt.

Gruß, Thomas
Pollux (17.11.2007, 11:41):
Es ist ein schmaler Grat zwischen Gefühl und falschem Gefühl vulgo: Kitsch.
Die Gefahr der Verkitschung droht insbesondere dann, wenn Musik aus ihrem Kontext gelöst und für andere Zwecke instrumentalisiert wird. Film- und Werbe-Industrie bedienen sich ja mit Vorliebe aus dem großen Pool "unsterblicher Melodien", um Gefühlszustände zu imaginieren oder zu illustrieren. Das kann so weit gehen, dass bestimmte Werke wegen Over-Exposure in den Medien regelrecht beschädigt werden. Wer bei "La donna è mobile" nicht an Rigoletto denkt sondern spontan Appetit auf Schoko Crossies bekommt, weiß was ich meine.

Wie viele andere auch mag ich z.B. sehr gerne Barbers Adagio for Strings, das schon in unzähligen Filmen zu Tode gegeigt worden ist. Zur Zeit kann ich dieses Stück nur noch in der Einspielung des Kronos Quartetts hören, weil diese eben die Musik nicht verkleben und verzuckern.
Jürgen (31.08.2006, 16:00):
oder "An welchen Stellen ist klassische Musik kitschig?"

Eigentlich hat schon eine kleine Diskussion über dieses Thema bei Tschaikowsky 4 stattgefunden. Aber einerseits kommt mein Beitrag mindestens ein Tag zu spät, andererseits ist es dort offtopic.

Was mir zu diesem Thema spontan eingefallen ist:

"Serenade to music" von Ralph Vaughan Williams (Bernstein 1962)

Ich höre das Stück nicht ungern, aber ich empfinde es als ganz schön kitschig. Klingt wie Filmmusik aus einem US-Spielfilm der 50er.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß es in einer anderen Interpretation nicht mehr kitschig klingen könnte.

Einen hab' ich noch:
Irish Tune from County Derry (Danny Boy) von Grainger
Das ist auch ziemlich hart am Kitsch.

Dann gibt es noch Wagner’s Kinderkatechismus, aber der war wohl auch nicht für den Konzertsaal gedacht.

Tschaikowsky empfand ich eigentlich nie kitschig sondern manchmal etwas nervig, insbesondere die Balette.

Grüße
Jürgen
Carola (31.08.2006, 17:29):
Mir fallen eigentlich nur Beispiele nachträglicher Verkitschung ein. Der Lindenbaum aus Schuberts Winterreise zum Beispiel, von einem Kinderchor gesungen und mit schwülstigen Streichern unterlegt. Dann gab es in meiner Jugend einen Popsong "Song of joy", der Beethovens Vertonung der "Ode an die Freude" aus der 9. Sinfonie in grauenvollen Weise verkitschte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir das unserem Musiklehrer vorgespielt haben und der schier ausrastete. Wir Kinder fanden es wundervoll. :J

Ach das Stück, dass ich gerade höre, der berühmte Kanon von Pachelbel, kenne ich in kitschig-ausufernden Versionen. Eigentlich höre ich es jetzt bei dieser "HIP"-Aufnahme zum ersten Mal unkitschig.

Die Frage ist natürlich, kann man eigentlich jede Musik verkitschen oder geht das nur, wenn schon etwas in der Musik angelegt ist, was das erst möglich macht? Und natürlich auch umgekehrt: Kann man genuin kitschige Musik auch so interpretieren, dass sie nicht mehr kitschig klingt? Zum Beispiel dieses unsägliche Klavierstück "Gebet einer Jungfrau" aus dem 19. Jahrhundert, dass damals wohl ein richtiger Hit war. Aber da ist wohl auch durch eine noch so herbe Interpretation nichts mehr zu retten, fürchte ich.

Mit Gruß von Carola
Rachmaninov (31.08.2006, 17:35):
Also mir fällt das z.B. Andre R I E U ein.

:ignore
Jeremias (31.08.2006, 22:04):
Wobei man Rieu zu Gute halten muss, dass er den Leuten wirklich Klassik auch näherbringt im Gegensatz z.B. zu einem Helmut Lotti... :ignore
Jürgen (01.09.2006, 07:05):
Original von Carola
Ach das Stück, dass ich gerade höre, der berühmte Kanon von Pachelbel, kenne ich in kitschig-ausufernden Versionen. Eigentlich höre ich es jetzt bei dieser "HIP"-Aufnahme zum ersten Mal unkitschig.

Pachelbel's Canon habe ich in einer wirklich skurrilen Interpretation kennengelernt: Isao Tomita
Nein, er ist kein neues chinesisches Tastengenie, sondern ein Japaner, der seit Beginn der 70er klassische Musik ausschliesslich auf elektronischen Instrumenten spielt. Anfangs wurden diese Werke als super fortschrittlich angesehen, aus heutiger Sicht klingt gerade sein Frühwerk eher befremdlich. Aber er hat eines getan, wofür ich ihm sehr dankbar bin: Durch ihn habe ich so manches Werk erstmalig kennengelernt.

Den Canon kenne ich mittlerweile in ca. 4-5 verschiedenen Interpretationen. Eine HIP-Aufnahme lernte ich auch erst relativ spät kennen, und habe bis heute Schwierigkeiten, mich damit anzufreunden. Zu anders klingt das doch. Die nicht HIPen Aufnahme als kitschig einzustufen, scheue ich mich jedoch. Konsequent zuende gedacht, müßte man dann ja auch nicht HIPe Aufnahmen anderer Werke als kitschig deklarieren.

Grüße
Jürgen
Carola (01.09.2006, 09:00):
Original von Jürgen

...Die nicht HIPen Aufnahme als kitschig einzustufen, scheue ich mich jedoch. Konsequent zuende gedacht, müßte man dann ja auch nicht HIPe Aufnahmen anderer Werke als kitschig deklarieren.

Grüße
Jürgen

Das möchte ich ganz bestimmt nicht, da sei Böhm vor. :D

Die Version des Pachelbel-Kanons, die ich im Kopf habe, war vor allem durch ihre ausufernde Instrumentation kitschig; ich weiß aber nicht mehr, von wem die Aufnahme war, das war noch zu LP-Zeiten.

Jedenfalls scheint mir eine veränderte Instrumentierung ein häufig benutztes "Verkischtungsinstrument" zu sein.

Mit Gruß von Carola
ab (01.09.2006, 13:12):
Original von Carola

Die Frage ist natürlich, kann man eigentlich jede Musik verkitschen oder geht das nur, wenn schon etwas in der Musik angelegt ist, was das erst möglich macht? Und natürlich auch umgekehrt: Kann man genuin kitschige Musik auch so interpretieren, dass sie nicht mehr kitschig klingt? Zum Beispiel dieses unsägliche Klavierstück "Gebet einer Jungfrau" aus dem 19. Jahrhundert, dass damals wohl ein richtiger Hit war. Aber da ist wohl auch durch eine noch so herbe Interpretation nichts mehr zu retten, fürchte ich.

Mit Gruß von Carola

Ich bin davon überzeugt, dass man jede Musik verkitschen kann und jede Musik, auch die, die üblicherweise die Tradition hat, verkitscht aufgeführt zu werden, kann man auch ernst und ergreifend (eher als herb) spielen. Sicherlich auch das Gebet einer Jungrfrau.

Was denkt ihr?
sound67 (02.09.2006, 18:48):
Original von Jürgen
"Serenade to music" von Ralph Vaughan Williams (Bernstein 1962)

Ich höre das Stück nicht ungern, aber ich empfinde es als ganz schön kitschig. Klingt wie Filmmusik aus einem US-Spielfilm der 50er.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß es in einer anderen Interpretation nicht mehr kitschig klingen könnte.


Bernstein schafft es aber auch, jedes Stück zu verkitschen. Die Anfangspassage z.B. klingt bei ihm dermaßen zugepappt, danach ist es wohltuend, das Stück von Handley, Norrington, Best oder Boult zu hören. Es gibt übrigens 3 verschiedene Versionen davon.

Wir Filmmusik der 50er klingt es jedenfalls nicht, so was kann nur jemand sagen, der Filmmusik der 50er gar nicht kennt. Die Shakespeare-Vertonung ist in der Originalversion für 16 Solo-Stimmen (die auch Bernstein verwendet) sehr gelungen.

Einen hab' ich noch:
Irish Tune from County Derry (Danny Boy) von Grainger
Das ist auch ziemlich hart am Kitsch.

Das ist ein sentimentales irisches Volkslied, lediglich, wenn auch sehr geschickt, für Orchester gesetzt.

Gruß, Thomas
Pollux (17.11.2007, 11:41):
Es ist ein schmaler Grat zwischen Gefühl und falschem Gefühl vulgo: Kitsch.
Die Gefahr der Verkitschung droht insbesondere dann, wenn Musik aus ihrem Kontext gelöst und für andere Zwecke instrumentalisiert wird. Film- und Werbe-Industrie bedienen sich ja mit Vorliebe aus dem großen Pool "unsterblicher Melodien", um Gefühlszustände zu imaginieren oder zu illustrieren. Das kann so weit gehen, dass bestimmte Werke wegen Over-Exposure in den Medien regelrecht beschädigt werden. Wer bei "La donna è mobile" nicht an Rigoletto denkt sondern spontan Appetit auf Schoko Crossies bekommt, weiß was ich meine.

Wie viele andere auch mag ich z.B. sehr gerne Barbers Adagio for Strings, das schon in unzähligen Filmen zu Tode gegeigt worden ist. Zur Zeit kann ich dieses Stück nur noch in der Einspielung des Kronos Quartetts hören, weil diese eben die Musik nicht verkleben und verzuckern.