Heike (13.01.2010, 20:10): Mal wieder 2 Artikel in der Zeit, über die man gut diskutieren könnte.
http://www.zeit.de/kultur/musik/2010-01/steffen-moeller-vita-classica?page=all "Klassikhören ist doch skandalös" Steffen Möller;"Vita Classica –Bekenntnisse eines Andershörenden"
einige Thesen von Herrn Möller: "Die Klassikfans müssen in die Offensive gehen." "... bin ich gegen das bürgerliche Sitzkonzert" "Wir brauchen ein neues Klassikmarketing" "Das wahre Kapital der Klassik ist – ihr Pathos! "
Zu dem Thema populäre Klassik dann ein weiterer, ganz anders gelagerter Artikel auch aus der Zeit über "Stargeiger" bzw. zu den beiden neuen CDs von David Garrett und Joshua Bell: http://www.zeit.de/kultur/2010-01/david-garrett-joshua-bell Hierzu verzichte ich mal auf Auszüge. Oder doch, vielleicht das Zitat von Adorno, was da gebracht wird, will ich mal rausgreifen:
Kitsch, so hat es Theodor W. Adorno zu definieren versucht, ist die Vortäuschung nicht vorhandener Gefühle, die zur Neutralisierung des ästhetischen Phänomens führt. So entsteht Kunst, die nicht ernst genommen werden kann, aber dennoch ästhetischen Ernst postuliert.
Die beiden Artikel haben insoweit was miteinander zu tun, als sowohl die Stargeiger als auch Möller versuchen, Klassik unter die Leute zubringen bzw. sich darüber Gedanken zu machen.
Mir ist eigentlich ziemlich egal, wer außer mir sich noch für Klassik interessiert ;-) aber ich fand es trotzdem lesenswert - auch wenn ich bei weitem nicht alle Ansichten des Herrn Möller teile und die CDs der Herren Bell und Garrett sowieso nicht kaufe.
Vielleicht mag es ja der eine oder andere lesen. Heike
Armin70 (13.01.2010, 20:45): Hallo Heike,
danke für die beiden Links. Das war ganz interessant zu lesen. Ehrlich gesagt habe ich mich beim Durchlesen von Steffen Möllers Interview ab und an gefragt, was sein Problem ist. Vor allem was er da von Pathos "gefaselt" hat, habe ich nicht verstanden. Soll ich bei Beethoven jetzt "Headbanging" machen oder was ??? Ich habe auch kein Interesse, andere zur Klassik zu bekehren bzw. zu missionieren. Entweder man findet von selbst Zugang zur Klassik oder nicht. Missionieren hat meiner Meinung nach auch immer was mit Zwang zu tun und so etwas mag ich nicht und ist mir unsympathisch.
Wenn Möller sagt, dass er das reine Pathos bei Bach, Bruckner oder Mahler findet, zweifel ich, ob er die Musik dieser Komponisten überhaupt versteht, wenn er sie aufs pathetische reduziert. Da kann ich Herrn Möller jedenfalls nicht folgen.
Was er über den Konzertbetrieb sagt, bin ich mit ihm dahingehend einig, dass es klassische Konzerte auch ausserhalb alt-ehrwürdiger Konzerthäuser geben soll. Entweder in Fabrikhallen oder im Sommer auch mal Open-Air wie z. B. in der Waldbühne oder wenn ich an das große Klassik-Open-Air-Konzert in Nürnberg denke, bei dem ich anwesend war. Immerhin hören sich bei den Londoner Proms die "echten Promers" die Konzerte in der Mitte der Albert-Hall stehend an.
Was das Klassikmarketing angeht, hat Möller recht, wenn heutzutage zuviel "Weichgespültes" als Klassik verkauft wird. Auch die Marketingpolitik der großen Major-Labels wird immer suspekter, wenn man sich allein die Deutsche Grammophon anschaut. Da werden Lang Lang, Anne-Sophie Mutter etc. als DIE Klassik-Stars schlechthin verkauft und jede Neuveröffentlichung als DIE Weltsensation verkauft. Des weiteren werden "Stars" zu ad-hoc Kammerensembles zusammengestellt, weil man sich allein durch deren klingenden Namen verspricht, dass sich solche Aufnahmen verkaufen wie warme Semmeln und es die Labels nicht interessiert, ob die miteinander harmonieren oder nicht.
Zu den Aufnahmen von Garrett und Bell sage ich nur, wems gefällt, der soll sich diesen M...... kaufen. Ich werde es jedenfalls nicht tun. Ich warte noch auf eine CD, wo Lang Lang zusammen mit David Garrett, den "Knödeltenoren" Adoro und als Special-Guest Anna Netrebko zu hören sind..... :ignore
Cetay (inaktiv) (13.01.2010, 22:44): Original von Armin70 Vor allem was er da von Pathos "gefaselt" hat, habe ich nicht verstanden
Das liegt daran, dass er nicht erklärt, was er unter Pathos versteht. Bei 104 Synonymen wäre eine Präzisierung nötig. Er wird ganz konkret gefragt: Was genau verstehen Sie darunter? und gibt auch eine lange Antwort, aber die ist "politisch", denn danach ist man so schlau wie vorher.
Gamaheh (13.01.2010, 23:18): Zu Möller: Was für ein Quatsch ! In der Tat fragte ich mich auch die ganze Zeit, was er denn mit "Pathos" meine ? Der Artikel spricht für mich eher von Bathos - wieder so ein Versuch, klassische Musik "sexy" zu machen. Die einschlägigen Versuche der Kirchen überzeugen mich schon nicht - Biker-Gottesdienste und Pray-Time statt Kindergottesdienst - ich bitte Euch ! "Pathos" soll wohl ein neues "buzz word" werden, auch wenn keiner weiß, was damit gemeint ist. Na gut !
Meiner Erfahrung nach gibt es noch genügend Leute, die auf der Suche nach dem Guten, Wahren und Schönen sind - sei es in der Musik oder anderswo - und es auch erkennen, wenn sie es sehen oder hören, auch wenn sie es vielleicht nicht so benennen würden. Das Problem ist eher, solche Leute in die richtigen Konzerte (oder was immer) zu bringen, und das immer wieder, denn wenn sie sich von jedem einzelnen ein solches Erlebnis erwarten, sind sie schnell enttäuscht. Das Stigma des bildungsbürgerlichen Elitarismus, das der klassischen Musik anhaftet, hat viel zu verantworten, und das Bildungsbürgertum stirbt aus. Das heißt aber doch nicht, daß man den Leuten nur noch Muckefuck vorsetzen darf ! (Für die, die das Wort nicht kennen: Bitte keine voreiligen Schlüsse oder Amateur-Etymologien: Das ist das, was die Engländer "ersatz" nennen, mit Akzent auf dem "ör".)
Hierzu paßt auch das.
Grüße, Gamaheh
Holger (30.09.2010, 23:17): Hallo,
auf die Gefahr hin, mich gleich mit meinem ersten Beitrag als der Banause zu erkennen zu geben, der ich in Wahrheit leider bin, muß ich gestehen, daß mir Möllers Buch ausgesprochen gut gefällt. Vielleicht, weil mir der Gruppenzwang, dem man gerade während der Adoleszenz unterliegt, noch allzu gut erinnerlich ist. Weiland zwang ich mich, Frank Zappa solange zu hören, bis ich ihn toll fand - aus dem einzigen Bestreben, zur angesagten Community zu gehören.
Ich habe das Buch weniger als Versuch, "Klassik unter die Leute zu bringen", denn als die Geschichte eines Außenseiters gelesen. Und als solche vermag sie durchaus Interesse für die Leidenschaft zu wecken, die den Protagonisten in ihrem Bann hält - gerade weil ihr das Stigma des Verbotenen, fast schon Verruchten anhaftet. Hier eröffnet sich eine erstaunliche Invertierung der schockierenden Wirkung, die die Jugendkultur seit Elvis auf das Bildungsbürgertum zeitigte. 50 Jahre später die Umwertung aller Werte: In einer globalisierten Wert, die sich hemmungslos an die Jugend anbiedert, erweist sich die Klassik als dermaßen "shocking", daß man sie klugerweise verleugnet. Finde ich höchst amüsant.
Und fühle mich an den Film "Amadeus" erinnert, eines meiner Erweckungserlebnisse, ebenso wie an "Canzonetta sull'aria - Che soave zeffiretto", ein Duett aus "Le nozze di Figaro", das mich zu Tränen rührt und das ich ohne den Film "Die Verurteilten" wohl niemals kennengelernt hätte. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, Möller nachzuspüren und mir die Werke, die er erwähnt, anzuhören. Womöglich entdecke ich dabei ja sogar "Pathos". Mir soll's recht sein!
Liebe Grüße von Holger
Wooster (03.10.2010, 22:00): Ich habe Möllers Buch im Frühjahr auch gelesen, war aber letztlich eher enttäuscht (und habe es auch gleich wieder weggegeben). Das Buch ist etwas differenzierter als das Interview, aber einige grundsätzliche Inkonsistenzen, die mich eher ratlos zurücklassen, was er denn nun meint und will, scheinen in beiden auf.
Einerseits ist Klassik das große Gegenmodell zur zeitgenössischen "Coolness" und es ist skandalös, sich als Fan zu "outen". (Dass der Vergleich mit einer bis vor ca. 40 Jahren kriminalisierten und auch danach noch geächteten Minderheit wie den Homosexuellen ziemlich daneben ist, hat auch einer Zeit-Kommentatoren angemerkt, wobei ich die meisten Kommentare dort eher eigentümlich finde...)
Andererseits soll sich Klassik an Pop anpassen und traditionelle Gepflogenheiten wie das "Sitzkonzert" aufgeben. Nun ist aber die Pointe, das "Ernste", das "Pathos" der Klassik nun gerade, dass die Musik im Mittelpunkt stehen soll und man ruhig dasitzt, um sie voll auf sich wirken zu lassen. Wie das "skandalös andere" bei einer popmusikalischen Rezeptionshaltung, die durch "lockere" Formen wohl befördert werden soll, angemessen erlebt werden kann, ist mir schleierhaft.
Fragwürdig scheinen mir auch einige andere Aspekte: Anstatt die ungeheure Vielfalt der Klassik in unterschiedlichen Formen, Besetzungen und Stilen von Mittelalter bis Moderne herauszustellen, werden Bruckner und Mahler, Sinfonik mit einer Art Pathos, die nicht wenige Hörer auch abstoßen kann, als typisch präsentiert. In seinem Buch zeigt sich meiner Erinnerung auch, dass, obwohl er angeblich den ganzen Tag per Radio Musik hört, ihn weite Bereiche (Kammermusik, Barock u.ä.) kaum interessieren zu scheinen, die werden nämlich kaum erwähnt.
Etwas aus meiner Sicht besonders für den Einsteiger Zweitrangiges wie nerdige Interpretationsvergleiche, das Präferieren möglichst obskurer histor. Aufnahmen und entsprechende Besserwisserei ist ebenfalls etwas, das vermutlich Klassikferne mehr abschreckt als der schon lange nicht mehr gegebene Krawattenzwang im Konzert.
Einerseits soll Klassik sich öffnen und auf den Pophörer zugehen, andererseits sind Klassikhörer Freaks, die über die Meriten längst verstorbener Dirigenten schwadronieren. Finde ich letztlich kein wirklich überzeugendes Plaidoyer. Und selbst wenn er mit seiner Rede vom Pathos vielleicht auf einer richtigen Spur ist, bleibt einerseits recht unklar, was damit gemeint ist, andererseits sind seine favorisierten Beispiele gerade die, die von der Pose bedroht sind. Das "Ernste" in der Klassik findet sich eben in einem Bach-Konzert ebenso wie in der Matthäuspassion, im Haydn-Quartett ebenso wie in Beethovens 9. und in Klavierstücken von Chopin ebenso wie in Mahler-Sinfonien.
Wooster
Bert (03.10.2010, 22:47): Klassik "unter die Leute bringen" ?