Kleine Tonalitätswurstelei...

EinTon (26.07.2008, 01:50):
http://www.einton.info/kleinesstueck.mp3



Viel Vergnügen!

Normann
satie (26.07.2008, 02:10):
Lieber EinTon,
nicht genug damit, dass die synthetischen Streicher ohnehin schon das höchste der Gefühle wären, nein, es gibt sogar in der Mitte des Stücks diese undefinierbaren "Knaller", die ganu so klingen, wie wenn die Bauarbeiter hier vor dem Haus den Schutt in die Mulde schmeißen (dieser himmlische Klang weckt mich des öfteren morgens aus dem Schlaf). Aber nein: es ist witzig, könnte für meinen Geschmack aber noch etwas reicher in der Thematik und auch in der Harmonik sein, sprich ruhig mal mehr ausbrechen aus den heimatlichen Gefilden, an deren Horizont die Mediantik sich zwar zeigt, aber nicht einmal zu Besuch bleiben möchte für längere Zeit. Also, um es kurz zu sagen: ich verstehe nicht recht, wie es gemeint ist, ob es eher ein neoklassizistischer Scherz sein soll, dafür ist es mir aber eigentlich zu zart. Hast Du das denn selbst komponiert oder ist es gar eine Montage (und ich bin nur zu blöd, um es zu merken)? Würde mich mal interessieren, denn da steht ja nun so gar nichts näheres. Jedenfalls, solltest Du es selber komponiert haben: Respekt, ich war jedenfalls überrascht. Erzähl mal bitte etwas mehr zu dieser meiner heutigen Nachtmusik vor dem Sprung in die Daunen.

Herzlich,
S A T I E
EinTon (26.07.2008, 20:33):
Original von Satie

ich verstehe nicht recht, wie es gemeint ist, ob es eher ein neoklassizistischer Scherz sein soll

Nö, das ist nicht als Scherz sondern schon "ernst gemeint" (wenngleich es durchaus Spaß gemacht hat :) ).

Jedenfalls, solltest Du es selber komponiert haben: Respekt, ich war jedenfalls überrascht.

Ist durchaus "Eigenbau". - Vielen Dank Dir für die Blumen! http://www.sequencer.de/synthesizer/images/smiles/icon_smile.gif

Das Stückchen habe ich so 1993 angefangen, als ich das erste Mal Kompositionsunterricht hatte (bei Herrmann Schäfer, ein sehr netter Mensch und vom Musikstil wie auch von musikalischen Philosophie ein "Hindemithianer", was meinen eigenen musikalischen Neigungen damals sehr entgegenkam.)
Allerdings habe ichs dann nicht weiterbetrieben (wegen persönlicher Belastungen z.T. durchs Studium und dann ab 1997 einem Interessensschwenk in Richtung Keyboards/Synthesizer und Homerecording, also "Popmusik"). Das Stück lag daher die ganze Zeit zu 5/6 fertig auf Eis.
Im letzten Jahr hab ichs dann aber fertiggemacht (auch weil mir endlich ein (für mich) zufriedenstellender Schluß für den Mittelteil einfiel ;) ) und das Ding mal von fachkundiger Seite (einem anderen, eremitierten Heidelberger Musikprofessor) durchsehen lassen.

Ein paar andere Stücke aus der Zeit (und auch einige neuere) werden noch folgen. Ich denke weiterhin daran, diese Sachen diversen Laienensembles (Schulorchester etc.) anzubieten, mal sehen, ob's wer spielen will...

Gruß,

Normann
satie (28.07.2008, 22:08):
Lieber Normann,
ich hoffe ja sehr, dass mein erster Kommentar nicht zu mies rübergekommen ist. Es ist halt immer etwas schwer, wenn man solche Sachen mit synthetischen Instrumenten hört, und da es so völlig ohne Kommentar war, wusste ich ja nicht, woran ich da bin. Jedenfalls ist da schon was vorhanden. Allerdings, gerade weil Du Hindemith erwähnst, würde ich an Deiner Stelle versuchen, eine wirklich eigene "Harmonik" zu finden, noch mehr zum wesentlichen zurückzugehen, zum Klang an sich. Statt gleich orchestral zu denken würde ich empfehlen, Klänge zu suchen und zu überlegen, was Du wirklich brauchst, um diesen Klang entfalten zu können, ihn so klingen lassen zu können, wie er klingen soll.
Ein weiterer Punkt wäre dann, sich auch über Phrasen, Formen etc. Gedanken zu machen. Warum müssen die so geformt sein wie in der Wiener Klassik? Willst Du das wirklich so sagen, oder gäbe es da noch mehr? Grundsätzlich: wie sage ich alles nötige auf eine möglichst reduzierte Weise?
Dein Motto sagt ja:
"wellen unterschiedlicher frequenz und töne verschiedener höhe" (was ja im Grunde dasselbe zweimal gesagt ist). Warum nicht erst einmal zurück dahin, zum Ton an sich, zum sprechenden Ton, der so schon ganz viel sagen kann. Der Rest sollte meiner Ansicht nach später kommen.

Herzlich,
S A T I E
EinTon (07.08.2008, 19:49):
So, jetzt endlich mal eine Erwiderung von mir (Tschuldigung für das lange Schweigen...)

Original von Satie
Lieber Normann,
ich hoffe ja sehr, dass mein erster Kommentar nicht zu mies rübergekommen ist.

Nö, keine Bange!



Statt gleich orchestral zu denken würde ich empfehlen, Klänge zu suchen und zu überlegen, was Du wirklich brauchst, um diesen Klang entfalten zu können, ihn so klingen lassen zu können, wie er klingen soll. Ein weiterer Punkt wäre dann, sich auch über Phrasen, Formen etc. Gedanken zu machen. Warum müssen die so geformt sein wie in der Wiener Klassik? Willst Du das wirklich so sagen, oder gäbe es da noch mehr?

Diese Wiener-Klassik-Anspielungen kommen bei mir nur in dem einen Stück vor, sowas mache ich nicht dauerndl.
Grundsätzlich bin ich bin ich aber wohl schon ein wenig eine Tonalitäts-Hure ( :) ), bzw. ich mag (auch) gern eingängige und leicht fassliche Stücke, sofern sie kultiviert gemacht sind und nicht abgedroschen wirken. Das bedeutet nicht, dass ich nicht auch komplexes, dissonantes und aton(ik)ales sehr schätzen kann (speziell Ligeti mag ich zB sehr gerne) Ich denke, beides hat seine Berechtigung - oft wird da ja ein Grabenkampf draus gemacht.
Zudem würde ich beim Versuch, im Stile von, sagen wir, Boulez, Rihm oder auch nur der späten Bartok-Streichquartette zu schreiben, wohl ziemlich auf die Schnauze fallen, da mir da (bislang?) einfach das Know-How fehlt, das ist also auch ein Grund für meine ohne Frage ziemlich traditionell orientierte Schreibe.

Dein Motto sagt ja "wellen unterschiedlicher frequenz und töne verschiedener höhe" (was ja im Grunde dasselbe zweimal gesagt ist).

Das mit dem "zweimal dasselbe" ist Absicht und eine kleine, leicht selbstironische Wortspielerei. Es stammt ursprünglich von meinem Synthesizer-Homerecordingprojekt, und bei der Synthprorammierung hantiert man ja im Grunde mit Wellen und Frequenzen (zumal bei additiver und FM-Synthese, falls Du mit weißt was das ist...). Auf mein "neoklassizistisches" Stück bezogen passt es freilich weniger, aber ich habe den Namen jetzt mal traditionshalber behalten

Warum nicht erst einmal zurück dahin, zum Ton an sich, zum sprechenden Ton, der so schon ganz viel sagen kann. Der Rest sollte meiner Ansicht nach später kommen.

Das wäre also jetzt Deine eigene Kompositionsphilosophie, wie sie sich ja auch in Den jüngst ins Netz gestellten Stücken offenbart? :wink


Freundliche Grüße,

Normann
EinTon (07.08.2008, 20:00):
BTW.: Was meinst Du denn dazu?:

http://www.einton.info/skizze.mp3


und dazu?:

http://www.einton.info/einanfang.mp3

(letzteres ist zum größeren Teil improvisiert und ein "u-musikalischer" Synthesizertrack von mir)
Leif Erikson (07.08.2008, 21:47):
Lieber Einton,

dein "Kleines Stück" klingt ein bißchen wie 1920er Jahre Klassizismus, am ehesten wie Martinu oder Honegger, die ich sehr gerne mag.
Schade, daß der Klang nicht besonders ist. Mit midi, synthesizer und libraries habe ich leider keine Erfahrung. Ich denke es müßte besseres/teureres geben.
Kennst Du Samplitude ? Dafür gibt es plugIn Instrumente, die vielleicht besser klingen.

Gruß, Leif.
EinTon (07.08.2008, 23:24):
Das Ding ist mit Sibelius, Cubase und dem Garritan Personal Orchestra gemacht.

State of the Art für Orchestersounds ist wohl die Viennna Symphonic Library, die wird gern von Filmmusikern verwendet, aber die ist halt auch deutlich teurer als Garritan, die großen Profiversionen kosten gar bis zu 7000€.

Meine Audiodatei ist ja auch eher als Demo gedacht, damit man sich in etwa vorstellen kann, wie's "in echt" klingen soll. Das ist mir derzeit eine hohe Ausgabe nicht wert, zumal ich auch nicht unbegrenzt viel Geld habe und Sibelius schon teuer genug war.

Gruß,

Normann
Leif Erikson (08.08.2008, 16:10):
Hallo Einton,

ich höre gerade Demos (Zauberflöte Ouverture) von Garritan PO auf ihrer website, die klingen ziemlich perfekt bei tutti-Stellen aber schlechter wenn der Satz luftiger wird. Der Hall scheint ziemlich Probleme zu machen.
Ist es sehr schwierig mit dem Programm zu arbeiten, ggf. endlose Fummelei bis es natürlich klingt?

Interessiert, Leif.
satie (08.08.2008, 19:37):
Original von EinTon
BTW.: Was meinst Du denn dazu?:

http://www.einton.info/skizze.mp3


und dazu?:

http://www.einton.info/einanfang.mp3

(letzteres ist zum größeren Teil improvisiert und ein "u-musikalischer" Synthesizertrack von mir)

Zuerst einmal muss ich zwei Missverständnisse aus der Welt schaffen. Ich meinte keineswegs, dass Du so schreiben sollst wie ich. Mir fällt einfach nur auf, dass ich bei allen Beispielen außer dem Fugato (oder ist es sogar ein Kanon? ich meine skizze.mp3) die Konsistenz nicht einheitlich finde. Ich wollte Dich dahin lenken, dass Du zunächst an weniger Klängen arbeitest und am Klang selbst, BEVOR die Selektion des eigentlichen Materials und ein Formdenken etc. eine Rolle spielen. In den Beispielen ist mir zu vieles drin, was nicht zwingend nach solchen Formen verlangt (das wäre auch bei dem Fugato die Frage: warum diese Anlehnung an einen im Grunde Bach'schen Kontrapunkt?). Dann muss ich auch korrigieren, dass Du scheinbar das ganze so aufgefasst hast, als sei ich der Meinung, Du müsstest atonal schreiben. Das habe ich überhaupt nicht gemeint. Befasse Dich mal mit der Klaviermusik von Frederico Mompou (die ich sehr schätze, obwohl sie tatsächlich tonal/ modal ist), dann wird vielleicht klar, was ich meine. Formal ist er zwar auch oft diesen klassischen Vorbildern verpflichtet, aber schau mal, wie er die Klänge aussucht und dann ganz kleine Motive daraus bildet, die letztlich für ein Stück genügen. Arbeitest Du eigentlich empirisch oder indem Du alles am Schreibtisch entwirfst? Das würde mich grundsätzlich interessieren.
Dann noch etwas: das Synthesizer-Stück, welches Du interessanterweise als "U-Musik"bezeichnest gefällt mir da schon viel besser. Und warum "U"? Ich würde eher sagen, dass Du hier mehr ausprobiert hast und bei gewissen Klangkonstellationen geblieben bist. Mir machst Du dann im Verlauf des Stücks wieder zu viel, aber das ist eine andere Geschichte.

Herzlich,
S A T I E
EinTon (08.08.2008, 21:45):
Original von Satie
Ich wollte Dich dahin lenken, dass Du zunächst an weniger Klängen arbeitest und am Klang selbst, BEVOR die Selektion des eigentlichen Materials und ein Formdenken etc. eine Rolle spielen.

Was meinst Du mit "am Klang selbst arbeiten"? Etwas in Richung Harmonik bzw. Instrumentierung oder etwas anderes? (BTW.: Klänge bzw. "Sounds" am Synthesizer habe ich schon viele programmiert, auch im "Anfang" oder dem Fugenfragment sind alle Sounds von mir)





In den Beispielen ist mir zu vieles drin, was nicht zwingend nach solchen Formen verlangt (das wäre auch bei dem Fugato die Frage: warum diese Anlehnung an einen im Grunde Bach'schen Kontrapunkt?).

Ich habe ein gewisses Faible für Kontrapunktik und wollte mich mal daran austesten, allerdings in einer "moderneren" Harmonik als Bach (ich hatte den schon zitierten Hindemith und seine zahlreichen Fugen im Kopf - das Beispiel soll eine Fugenexposition sein und ist definitiv kein Kanon). Das ist der Grund für die von mir gewählte Fugenform.

Ein anderer, befreundeter Komponist meinte übrigens zu dem Fugenfragment , es sei aus seiner Sich harmonisch "zu wenig klar strukturiert" (er hatte das aber nicht weiter konkretisiert sondern auf diverse Literatur, u. a. Hindemiths Lehre vom Stufen- und Sekundgang verwiesen) - würdest Du das auch so sehen?




Befasse Dich mal mit der Klaviermusik von Frederico Mompou (die ich sehr schätze, obwohl sie tatsächlich tonal/ modal ist), dann wird vielleicht klar, was ich meine. Formal ist er zwar auch oft diesen klassischen Vorbildern verpflichtet, aber schau mal, wie er die Klänge aussucht und dann ganz kleine Motive daraus bildet, die letztlich für ein Stück genügen.

Ich habe mal bei emusic gesucht und das hier gefunden:

http://www.emusic.com/album/Michel-Wagemans-piano-Federico-Mompou-Music-For-Piano-MP3-Download/10748796.html

Ich werde mir da nächsten Monat mal was ziehen (hab ja ein Abo), von den Hörschnipseln geurteilt ists mir aber zu romantisch orientiert (ich sehe gerade, dass er ja auch noch im 19. Jh geboren ist - dachte zunächst das sei ein postmoderner "Neoromantiker" :wink ), diese Art von Charakterstücke waren eigentlich noch nie so mein Ding...

Arbeitest Du eigentlich empirisch oder indem Du alles am Schreibtisch entwirfst? Das würde mich grundsätzlich interessieren.

Ich denke es mir zunächst mal in den Grundzügen aus, spiele es mir dann auf dem Keyboard vor und schreibe es dann auf, manchmal schreibe ichs auch erst auf und probiere danach erst aus, ob es passt. Seit letztem Jahr geht das natürlich auch mit dem Soundplayer von Sibelius. Die "große Form" und ein paar Grundthemen habe ich meist schon vorher im Kopf.

Dann noch etwas: das Synthesizer-Stück, welches Du interessanterweise als "U-Musik"bezeichnest gefällt mir da schon viel besser. Und warum "U"?

Die Herangehens- und Produktionsweise war halt "U-Musikalisch" oder "poporientert". Zunächst ist das ganze mehr"improvisiert" und "programmiert" als "notiert" Dann die Soundästhetik: Reichlich Synthesizereinsatz, MIDI, einiges an Effekten (künstlicher Hall, Chorus, verschiedene Delays (Delays = Echoeffekte), insgesamt definitiv kein "natürlich" klingender sondern ein studiotechnisch manipulierter Sound. Auch ist das ganze recht spontan und intuitiv enstanden, was auch eher "Poptypisch" ist (bei klassischer Musik kommt sofort die Last und der Anspruch der Tradition ins Spiel, so zumindest mein Eindruck)

Dass sog. "Popmusik" natürlich nicht immer "seicht" oder "massenkompatibel" sein muss, ist eine andere Geschichte, auch muss sie nicht immer einen Schlagzeugbeat aufweisen - hör Dir mal folgenden Track der isländischen Popsängerin Björk an, er stammt von ihrem Album "Medulla":

http://www.youtube.com/watch?v=C6mWp1AOKss&fmt=18

(die Bilder kannst Du ignorieren)


Gruß,

Normann
satie (08.08.2008, 22:05):
Lieber Normann,
mit "am Klang arbeiten" meine ich, tiefer in den Klang hineinzugehen, sich mit dem Phänomen nicht nur (wie Du interessanterweise oft anklingen lässt) "physikalisch" zu befassen, sondern auf eine persönliche Art. Ich glaube, dass die meisten Komponisten (es sei denn, ihnen ist ganz egal wie es klingt; auch das gibt es ja) eine ganz bestimmte Vorliebe für gewisse Klänge haben, die in der Regel typischer ist als alles andere. Das kann man bei Debussy, bei Strawinsky und vielen anderen beobachten. In ähnlicher Weise ist mein Verweis auf Mompou zu verstehen, also jenseits aller Stilistik oder Art der Formen. Auch Leute wie Sciarrino sind da interessant, oder Feldman.
Mit Kontrapunktik kann man natürlich arbeiten, allerdings könntest Du auch da weiter gehen, entweder freiere Formen oder aber viel komplexere nehmen (s. etwa Bartoks Spiralkanon aus der Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta). Auch gäbe es den Augmentationskanon, die Spiegelfuge und weiss nicht was alles.

Was Deine Definition von U-Musik betrifft, so hast Du völlig Recht. In diesem Sinne verstehe ich Dich und würde Dich ermuntern, öfter so zu arbeiten.

Herzlich,
S A T I E